Mütter um 1800. Oder: Von der ambivalenten zur biologischen Mutter. Versuch einer Annäherung


Essay, 1996
17 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Gliederung

I. Sophie von La Roche: die sich selbst erfindende Mutter
Das Fräulein von Sternheim: die nacheifernde Tochter-Mutter

II. Die Übertragung mütterlich-weiblicher Eigenschaften auf den Sohn
Reduzierung des weiblichen Mutter-Seins auf eine biologische Bestimmung

III. Veränderungen der Mutterrolle
a) Die schöpferische Mutter
b) Die sehnende Mutter
c) Die biologische Mutter als Tochter eines weiblichen Gatten

IV Versuch der Kompensation
Die anarchistische Mutter

I Sophie von La Roche: die sich selbst erfindende Mutter

Alle mütterlich deutsche Literatur des behandelten Zeitraums muss zunächst von einem Namen ausgehen: Sophie von La Roche. Sophie, von der Germanisten bis in das 20. Jahrhundert hinein schwärmten, die sie lobend in einem Atemzug mit den Freunden „einer genügende, umfassenderen Bildung unserer weiblichen Jugend“ erwähnen.[1]

La Roche hat drei Töchtern, zwei Söhnen und einem Teil der Schriftstellergeneration ihrer Zeit Leben und Lebendigkeit gewidmet und geschenkt. Mutter den Kindern, Mutterersatz den Schreibern, Gefährtin dem Ehemann, Geliebte dem fernen Wieland, Gesellschaftsdame – und was sonst mag sie gewesen sein außer der einen, die uns überliefert ist, der Schriftstellerin, Sophie von La Roche. Wie soll ich, ein „moderner Single“, eine solche überlieferte Sophie, Nabel einer Welt, die sie selbst geschaffen, genährt, unterhalten und beschrieben hat, bloß lesen. Wie soll ich es verstehen, wenn sie selbst ihre schriftstellerische Tätigkeit nur als „Frucht der Schmerzen“ betrachtet, aus dem Umstand geboren, die eigenen Töchter nicht selbst erziehen zu dürfen?[2]

Ich will also versuchen, mich einer Dame anzunähern, der „alle Türen offen stehen“ und die doch gern bereit wäre, sie zuzuschlagen, dürfte sie darum nur Mutter sein. Und sollte es mich Kopf und Kragen kosten: ich will einmal versuchen, meine feministisch trainierte Urteilskraft zurückzuhalten, um zu lesen, zu hören, zu verstehen, was La Roche wohl in Aussicht stand, wenn sie auf dem Wunsch, zumindest ersatzweise eine „papierne Tochter“ erziehen zu dürfen, beharrte. Ich setze also voraus, dass es sich weder um eine „Identifikation mit dem männlichen Unterdrücker“ handelt, noch um den Tribut, den sie der Konvention zu zahlen bereit ist , wenn Sophie so klar zu verstehen gibt, dass sie die Tugend des Mutter-Seins im Grunde über alle Freuden und Pflichten ihres Lebens stellte.

Einen Roman wollte sie schreiben, in dem die Grundsätze ihrer eigenen Erziehung gezeigt würden, beweisen wollte sie, dass „wenn das Schicksal uns auch alles nähme, was mit dem Gepräge des Glücks, der Vorzüge und des Vergnügens bezeichnet ist: wir in einem mit nützlicher Kenntniss angebauten Geiste, in tugendhaften Grundsätzen des Herzens und in wohlwollender Nächstenliebe die größten Hilfsquellen finden würden.“[3]

Und ließ diesen Roman ausgerechnet von ihrem ersten Geliebten und späteren Gefährten erotischer Tagträumereien, Wieland, publizieren. Schämte sich auch nicht, selbigem zu gestehen, dass sie an den romanesken Bösewichtern eigentlich am meisten Freude habe:

Ich war sicher, dass die rothmachenden Züge in Ihrem Diogenes, eben so viel Mühe und Überwindung gekostet hätten, als mich der Charakter meines Bösewichts: Woher kommt aber, dass eben diese Stellen in Ihrem Buch, und dieses Briefe in meinem die Lebhaftesten sind, und stärkere Eindrücke, als die übrigen machen.“[4]

La Roche schämt sich nicht, sondern nimmt mit Verwunderung zur Kenntnis. In ihr Erstaunen mischt sich keine Skepsis über das Gewahrwerden etwa eigenster Schattenseiten der tugendhaften Seele; was hier durchklingt ist Freude, die Freude der Schriftstellerin, der es zum ersten Mal gelungen ist, eine Figur, die ihrem Wesen nicht entspricht, für deren Scharfzeichnung es ihr an Erfahrung mangelt, in lebendigen Zügen darzustellen. Daher wird ihr Erstaunen über die Freude, die solche Bösewichte machen können, nicht zum Anlasse, die ansonsten von Tugend tropfende Geschichte des Fräuleins von Sternheim, mit der sie einen Beitrag zur Erziehung der literarisch bildsamen Töchterschaft leisten möchte, einer Umarbeitung zu unterziehen. Zwischen der Freude über „rothmachende Züge“ und ihrer erzieherischen Absicht besteht für sie kein Widerspruch, der sofort aufzulösen wäre. Der Bösewicht darf rot sein und die Töchter dürfen bleich sein und La Roche darf eben – je nachdem ob sie gerade Mutter, Erzieherin, Schriftstellerin oder Geliebte ist - , alles sein: in treuer, verehrender und untertäniger Manier dem was wahr, gut und gerecht ist dienend; in liebender, küssender, verehrender Umarmung es stärkend; als segnende Mutter empfangend, was sie zuvor geboren, dem sie letzter Beweggrund ist.

Ist die vielgestaltige, Bösewichter wie Wieland liebende Mamá La Roche, deren papierene Tochter Sternheim noch nicht einmal im Ehestand die Tugend des Angezogen-Seins zu überwinden vermag also nur eine Heuchlerin? Ist sie eine jener bürgerlichen Damen mit den gespaltenen Zungen, die einer scheinheiligen Doppel-Moral verfallen sind? Die alte, arme, ergebene Freundin – außen hui und innen pfui?

Das Fräulein von Sternheim: die nacheifernde Tochter-Mutter

Was La Roche, als Mutter am lebendigen Leibe ist, und was nicht, soll schärfere Konturen aus einem Vergleich mit ihrer literarisch abgebildeten Tochter, der Sternheim, gewinnen. Neun glückliche Jahre zählt die Sternheim, als die Mutter aus dem Leben scheidet. Vom kleinen Mädchen nun zum Trost des Vaters gekürt, „ihm die einzige Freude auf Erden“, hat sie das zwölfte Jahr kaum erreicht und der im Schmerz ausdauernde Vater nimmt sie „bey der Hand zum Bildniß ihrer Mutter und sprach von ihrer Tugend und Güte des Herzens mit solcher Rührung, daß das junge Fräulein knieend bey ihm schluchzte, und oft zu sterben wünschte, um bey ihrer Frau Mutter zu seyn.“[5]

Vier weitere Jahre dauert es bis das Fräulein die Führung des ganzen Hauses übernimmt, „wobey ihr die Tag= und Rechnungsbücher ihrer Frau Mutter zum Muster gegeben wurden. Angebohrne Liebe zur Ordnung und zum thätigen Leben, erhöht durch eine enthusiastische Anhänglichkeit für das Andenken ihrer Mutter, deren Bild sie in sich erneuern wollte, brachten sie auch in diesem Stücke zu der äußersten Vollkommenheit.“[6]

Mit diesem harten Schicksal und der angeborenen Liebe zum Nacheifern, wird die Sternheim in der deutschen Literatur vor, um und nach 1800 nicht lang allein bleiben. Lotte (1774) wäre da natürlich zu nennen, die im Kreise der Lieben Werther in ein kataleptisches Entzücken fallen lässt, sodass beide schließlich nur noch „Klopstock“ stammeln können; Ottilie (1809), ihre späte Nachfolgerin tritt hinzu, die aus der Bahn getreten auf die Spur der toten Mutter gerät; und auch die Laurenburger Els aus Brentanos „Chronika“ (1818) gehört in diese Reihe, scheint der Sternheim nahezu von der Seite weg abgedruckt. Hier wie dort gilt es für die Protagonistinnen, den frühen Tod der Mutter zu beklagen, geht die Tochter als einziger Trost des Vaters im gänzlichen Bemühen auf, der Mutter gleich zu werden, ganzer noch als diese, tugendhafter, liebevoller, eindeutiger.

Schwester-Mütter, Töchter-Mütter, vor allem aber junge Mütter teilen sich in dieser Zeit den liebreizenden Schein, in den sie gehüllt, den Hauch von Jungfräulichkeit, der sie inmitten der Empfängnisse einer Vorgängerin umgibt, Spülfluten und Geburtswehen gleichermaßen hinwegwehend. Ihre Züge gestalten sich aus dem einzigen Wunsch, der Mutter in nichts nachzustehen. Das Bild einer aufopfernden Tugend der Selbstlosigkeit, das sie von sich entwerfen bzw. das von ihnen entworfen wird, ist Abdruck jenes steinernen Grabdenkmals, da sich ihrer Erinnerung als MUTTER eingeprägt hat. Ein Eindruck, der fest in einen Rahmen gefügt doch immer Kopie eines Originals bleibt, dem die traurigen Töchter keine anderen Erlebnisweisen entgegensetzen können als überreizte, gespielte, steinerweichende Empfindsamkeit.

Die Tugend dieser Töchter früh verstorbener und grabmalbedachter Mütter wird geschildert als empfindsame Imitation steinerner Bilder. Lauter Nach-Empfindung sind die Töchter-Mütter, wo die Vor-Bilder äußerste, Kreise ziehende Bewegung zeigten. Ganz sind sie die eine Mutter, deren liebliche Züge vom Denkmal zu ihnen prangen – in einer Ergebenheit, die sie letztlich in den schärfsten Kontrast zur Vorgängerin stellt.

Denn wo die Sternheim erbleichend ins Knie wanken muss, hat doch ihre Autorin-Mutter – im selben zarten Alter noch - klar ihren Willen bekundet: den oder keinen. Zur Not auch im Bruch mit der Konvention und gegen den Rat der Familie. Die monströs tugendhaften Anstrengungen, die die papiernen Töchter La Roches, Schlegels, Brentanos, Goethes also unternehmen den dargestellten Müttern gleich zu werden, korrespondieren ganz und gar nicht mit dem, was für reale Mütter – auch um 1800 – tugendhaftes Verhalten ausmachte. Mütter der Generation La Roche waren Vagabundinnen im Geiste, die wie Goethes Mutter eine „Aja“ sein konnten, wann immer es ihnen beliebte. Ihren Töchtern hingegen weisen sie einen romanesken Weg, der sie vom eigenen, vorausgedachten Grabmal direkt in die Arme eines sie in Liebe und Reglementierung umfangenden Gatten führen sollte.

Nicht nur Töchter toter Mütter sind in dieser Zeit von solch erbleichender Leblosigkeit wie die Sternheim.

Nun ja, meine Mutter! Ich habe keinen Willen gegen den Ihrigen. [...] Was für ein albernes furchtsames Ding ich bin! Nicht, meine Mutter? – Ich hätte mich noch wohl anders dabei nehmen können und würde mir ebensowenig vergeben haben.“[7]

„Emilia Galotti“ wäre nicht nur beinahe zur selben Zeit auf den literarischen Markt gekommen wie die Sternheim, sie teilt mit dieser bei aller sonstigen Verschiedenheit auch dieses schreckliche Ausgeliefertsein an Mutters Dominanz sowie den provozierenden Zug einer Tugendhaftigkeit, die andauernd bedroht ist. Von den Herrschaftsansprüchen, die deren Mütter zumindest den Töchtern gegenüber äußerten, von deren Vormachtstellung, mit der sie die ganze Literatenfamilie zuweilen unter Kontrolle hielten, ist diesen Töchtern nichts mehr anzumerken.

Claudia, die kluge Ratgeberin mit dem Löwenherzen, gewinnt aus Sicht der Emilia etwas Leichtfertiges, nahezu Frevelhaftes; eine Sichtweise, die die Tochter zur Verbündeten des Vaters eher geeignet werden lässt als zur mütterlichen Nachfolgerin. Den Bruch mit der Konvention, den eine La Roche wagte, um den eigenen Willen durchzusetzen, würde eine Sternheim-Tochter, Sinnbild des geschwächten, ein Schicksal erduldenden Töchterchens nie übers Herz bringen.

Selbstredend, dass auch Emilia und die Sternheim Löwinnenherzen haben, nur können sie sich im Gegensatz zur Claudia Galotti nicht gebaren wie Löwinnen. Es fehlt ihnen in jeder Hinsicht an jener Klugheit, Strategie und Festigkeit ihrer Mütter, mit der diese Tugend wie Willen auch ohne viel Aufhebens verteidigen und durchsetzen können – wenn sie nur wollen. Ihrer mächtig genug ist eine Claudia, einem frechen Galan in einem Blicke all die Verachtung zu zeigen, die er verdient. Dazu bedarf es wieder einer besonderen Starre der Prüderie noch des Festklammerns an den Gesetzen der Konvention. Flirt und Spiel weiß die Mutter ebenso zu schätzen wie kleine Notlügen, die sie vor der erdrückenden Gravität der Wahrhaftigkeit schützen. Denn die Gewissheit ihrer selbst findet die Mutter Claudia nur in der Erprobung des Möglichen, das nicht bis zum Ende ausgereizt werden muss. Ihr „Nein!“ stammt aus der Erfahrung eigener Festigkeit, die erhebend ist. Und ist daher viel weniger präventiv als das „Nein, bitte nicht“, Emilias, das schon vor jeder Möglichkeit des Herabgezogen-Werdens zu Boden stürzen muss.

[...]


[1] Vgl. die Einleitung zur Neuauflage von: La Roche: Geschichte des Fräuleins von Sternheim.

[2] Vgl.: Maurer, M.: Ich bin mehr Herz als Kopf.

[3] La Roche: Geschichte des Fräuleins von Sternheim.

[4] Mauer, M. (Hg.): Ich bin mehr Herz als Kopf.

[5] La Roche: Geschichte des Fräuleins von Sternheim

[6] ebd.

[7] Lessing: Emilia Galotti.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Mütter um 1800. Oder: Von der ambivalenten zur biologischen Mutter. Versuch einer Annäherung
Hochschule
Universität Bremen
Veranstaltung
Mündliche Abschlussprüfung
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1996
Seiten
17
Katalognummer
V45196
ISBN (eBook)
9783638426374
ISBN (Buch)
9783640863402
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich um die schriftliche Ausarbeitung eines Themas der Mündlichen Abschlussprüfung - im essayistischen Stil. Die gesamte Prüfung wurde mit "sehr gut" benotet.
Schlagworte
Mütter, Mutter, Versuch, Annäherung, Mündliche, Abschlussprüfung
Arbeit zitieren
Sabine Walther-Vuskans (Autor), 1996, Mütter um 1800. Oder: Von der ambivalenten zur biologischen Mutter. Versuch einer Annäherung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45196

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