Weibliche Mode als Spiegelbild der deutschen Gesellschaft der 1950er und frühen 1960er Jahre


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung und Forschungsstand
1.1 ÜberblickS.
1.2 ForschungsstandS.

2. Die BRD in den 1950er Jahren
2.1 Das „Wirtschaftswunder“S.
2.2 Gesellschaft, Jugend, ModeS.
2.3 „Teeniemädchen“ vs. „feine Damen“S.
2.4 Die Rolle der Frau in den 1950er und frühen 1960er Jahren S.

3. Die BRD in den frühen 1960er Jahren
3.1 Veränderte SchönheitsidealeS.
3.2 Triumpf der Jugendmode S.

4. Zusammenfassung und Fazit S. 24

5. Bibliografie S. 28

1. Einführung

1.1 Überblick

„Es war ein kleiner Rock, der für große Wirkung sorgte. Als London Anfang der sechziger Jahre zu swingen begann, war es Mary Quant, deren Stil das Lebensgefühl der neuen Zeit perfekt inszenierte. Ihr Look: unbeschwert, androgyn – und ziemlich herausfordernd“1. Der Minirock symbolisiert wie kein anderes Kleidungsstück den gesellschaftlichen Wandel, der sich in den 1960er Jahren in den westlichen Ländern vollzogen hatte. Von nun an kleideten sich vor allem jüngere Frauen anders als jemals zuvor, um sich dadurch von der Generation ihrer Eltern abzugrenzen. Damit ist der Minirock zugleich auch ein Symbol für den Generationenkonflikt, der ebenfalls signifikant für die 1960er Jahre ist, der seinen Ursprung aber bereits in den 1950er Jahren hat.

Die weibliche Kleidung der 1950er und frühen 1960er Jahre ist das Thema dieser Arbeit. Dabei wird der Fokus auf der Bundesrepublik Deutschland liegen, jedoch wird auch auf Großbritannien, Frankreich und die USA verwiesen werden, da die modischen und kulturellen Einflüsse aus diesen Ländern die Mode und Jugendkultur in der BRD maßgeblich beeinflussten. Ziel der Arbeit ist es zu zeigen, wie sich die gesellschaftlichen Gegebenheiten und Veränderungen der Jahre von 1950 bis 1966 am äußeren Erscheinungsbild der Frauen erkennen ließen. Dabei wird insbesondere auf den Generationenkonflikt eingegangen werden, der zwischen der Generation derer, die vor 1930 geboren wurden und denjenigen, die ab 1940 geboren worden waren, herrschte. Dieser Konflikt war entscheidend für die gesellschaftlichen Veränderungen der 1960er Jahre und kulminierte 1968 in der Studentenrevolte, die hier allerdings nicht thematisiert werden wird. Vielmehr ist diese Arbeit als eine Art Vorgeschichte der „68er-Bewegung“ zu verstehen. Denn bereits vor 1968 kritisierten junge Menschen in der BRD das Verhalten ihrer Eltern, was sie zunächst allerdings weniger durch Demonstrationen und andere politische Aktionen taten, sondern vorwiegend durch Abgrenzung von ihnen. Diese Abgrenzung erfolgte ganz besonders über den Kleidungsstil der Jugendlichen.

Dass junge Menschen sich kleidungstechnisch von ihren Eltern abgrenzen konnten war neu und hatte mehrere Ursachen: Zum einen wurde Mode seit Mitte der 1950er Jahre verstärkt von jungen Designern entworfen, die den Geschmack ihrer Altersgenossen besonders gut trafen und die entsprechend gerne gekauft wurden. So war beispielsweise Mary Quant, als sie 1962 den Minirock erstmals präsentierte, 28 Jahre alt und somit deutlich jünger als die großen französischen Couturiers, die die Mode der vorhergehenden Jahrzehnte geprägt hatten. Beispielsweise war Christian Dior, als er seinen „New Look“ 1947 präsentierte, bereits 42 Jahre alt. Coco Chanel, die ihre ersten Erfolge in den 1920er Jahren feiern konnte, war damals ebenfalls über 40. Dementsprechend richtete sich die Mode dieser Jahrzehnte auch an reifere Damen, die sich Kostüme nach Vorbild von Dior und Chanel bei den Schneidern in ihren jeweiligen Heimatstädten nachschneidern ließen2. Mode speziell für junge Frauen gab es damals noch nicht, weshalb diese ähnlich wie ihre Mütter gekleidet waren und laut Mary Quant wie „eine verkleinerte, faltenfreie Variante ihrer Mütter“ aussahen3.

Zum anderen konnten sich die Jugendlichen, bedingt durch das „Wirtschaftswunder“, modische Kleidung auch finanziell leisten, denn der ökonomische Aufschwung der BRD brachte finanziellen Wohlstand für alle Generationen mit sich. Charlotte Seeling, die ehemalige Chefredakteurin der deutschen Ausgabe des Modemagazins Vogue, beschreibt den wirtschaftlichen Aufschwung, sowie die gesellschaftlichen Veränderungen in der BRD, die vorwiegend von der jungen Generation ausgingen, wie folgt: „Die einen halten die 60er für das Goldene Zeitalter neuer Freiheiten, die anderen sehen darin eine düstere Dekade, die hauptsächlich den Zusammenbruch von Moral, Autorität und Disziplin brachte. Sicher ist, dass alles was damals in Bewegung geriet, bis zum heutigen Tag gesellschaftliche, politische und kulturelle Auswirkungen hat. Die Anstöße dazu gingen von den üblichen Hoffnungsträgern der Gesellschaft aus – den Jugendlichen. Dank des Babybooms direkt nach Kriegsende war ihr Anteil an der Bevölkerung enorm gewachsen, vor allem aber war ihr Einfluss so groß wie nie zuvor. Die Teenager, die man in den 1950er Jahren erstmals als Konsumenten entdeckt und hofiert hatte, waren zu rebellischen Twens herangewachsen und stellten alles in Frage, was den Eltern heilig war. Auslöser war unter anderem das Wirtschaftswunder, das in den Fifties erblüht war. […] Generationenkonflikte dieser Art hat es immer gegeben. Neu war, dass die Jugend sich nicht nur auflehnte, sondern eine eigene Gegenkultur entwarf und diese auch so machtvoll vermarktete, dass sie keineswegs nur im Geheimen brodelte, sondern allgegenwärtig war“4.

Hier wird zugleich deutlich, dass Mode weit über das hinausgeht, was sie auf den ersten Blick zu sein scheint – nämlich eine materielle oberflächliche Hülle, die den menschlichen Körper umgibt. So ist Mode das ausdruckstärkste und augenfälligste Kommunikationsmittel, über das wir Menschen verfügen. „Noch bevor wir uns verbal mitteilen, kommunizieren wir über unsere Kleidung, wer wir sind oder sein wollen“, beschreibt es Roland Müller-Neumeister, der künstlerischere Leiter der Meisterschule für Mode in München5. Charlotte Seeling beantwortet die Frage, warum Mode uns anzieht, folgendermaßen: „Mode entspringt nicht der Willkür weltfremder Designer, sie ist immer Ausdruck ihrer Zeit. Nur wenn sie unsere Bedürfnisse, unsere Sehnsüchte und Visionen trifft, verfallen wir ihr“6.

Was waren nun die Bedürfnisse der jungen Frauen in der BRD, die die Zeit des NS-Regimes nicht mehr oder noch nicht bewusst erlebt hatten und deshalb zumeist nicht von dessen Ideologie und den Schrecken des Kriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit geprägt worden waren und die in einer vollkommen anderen Staatsform als ihre Eltern aufwuchsen? Wie kontrastierten ihre Sehnsüchte mit denen ihrer Eltern? Dies wird im Folgenden ebenfalls untersucht werden. Dabei wird zunächst ein Überblick über die gesellschaftliche Situation in der BRD der 1950er Jahre gegeben werden, wobei auch auf das „Wirtschaftswunder“ eingegangen wird. Anschließend wird die Lebenssituation von Frauen und Mädchen untersucht werden und wie sich diese in deren Kleidungsstil wiederspiegelte. Hierbei wird zugleich auch der Einfluss der NS-Vergangenheit auf die bundesdeutsche Gesellschaft analysiert, da die diese ein wichtiger Grund für den Generationenkonflikt war. Im Anschluss daran werden die frühen 1960er Jahre und die sich in ihnen vollzogenen modischen Wandlungsprozesse vorgestellt. Im abschließenden Fazit werden die wichtigsten Punkte noch einmal zusammengefasst. Zunächst wird jedoch ein kurzer Überblick über den Forschungsstand zum Thema Mode in der Geschichtswissenschaft gegeben.

1.2 Forschungsstand

Die Themenkomplexe bundesdeutsche Gesellschaft der 1950er und 1960er Jahre, sowie das „Wirtschaftswunder“ und das daraus resultierende gesteigerte Konsumverhalten der Bundesbürger wurde von der Geschichtswissenschaft bereits ausführlich erforscht. Auch die Rolle der Frau in der Gesellschaft der BRD war bereits Gegenstand vieler geschichtswissenschaftlicher Publikationen.

Die Themengebiete Mode und (weibliche) Schönheitsideale in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind wissenschaftlich bisher allerdings wenig erforscht worden. Es gibt einige Publikationen zum Thema Mode, beispielsweise von der Potsdamer Literaturwissenschaftlerin Gertrud Lehnert7, sowie das Werk Die Sprache der Mode des französischen Philosophen Roland Barthes, der in den 1960er Jahren Mode als alternatives Sprach- und Zeichensystem definiert hat8. Jedoch wird in diesen Werken Mode als theoretisches System beschrieben und weniger praktisch auf das alltägliche Erscheinungsbild der Frauen in einem bestimmten Jahrzehnt bezogen.

Um Mode im Wechselverhältnis mit dem Zeitgeist der 1950er und 1960er Jahre beschreiben zu können, ist es deshalb am sinnvollsten, auf modegeschichtliche Sachbücher zurückzugreifen, die vorwiegend von Moderedakteurinnen bekannter Modemagazine wie beispielsweise der Vogue herausgegeben wurden und somit von Expertinnen des Faches geschrieben wurden. Allerdings gehen diese dabei eher deskriptiv als analytisch vor, was der Tatsache geschuldet sein mag, dass sich diese Sachbücher und Bildbände zumeist an ein nicht-wissenschaftliches, jedoch modegeschichtlich interessiertes Publikum richten. Hier wird deutlich, dass es zum Thema Mode im 20. Jahrhundert einen großen Forschungsbedarf gibt. Besonders für Historiker*innen, die sich mit Alltags-, Mentalitäts- und Gesellschaftsgeschichte beschäftigen, kann Mode ein interessantes Forschungsgebiet sein, da sich an der Kleidung der Menschen sehr gut die gesellschaftlichen Verhältnisse eines Landes in einem bestimmten Jahrzehnt ablesen lassen. Auf die Gesellschaft in der BRD der 1950er Jahre wird nun eingegangen werden.

Die BRD in den 1950er Jahren

2.1 Das „Wirtschaftwunder“

Der Rückzug ins Private, die Konzentration auf einen engen persönlichen Bereich und auf das eigene Fortkommen war ein grundlegendes Merkmal der bundesdeutschen Gesellschaft der 1950er Jahre. In den Anfangsjahren der BRD richteten die Bundesbürger ihre Energie darauf, den Folgen des Krieges und der Nachkriegszeit zu entkommen. So war, anders als in der DDR, weniger der Aufbau einer neuen vermeintlich „besseren“ Gesellschaft ihr Ziel, sondern die Wiedererrichtung dessen, was man vor dem Krieg bereits erreicht zu haben glaubte. „Zugespitzt könnte man sagen, die Westdeutschen wollten nach der Währungsreform und der Gründung der Bundesrepublik die Zeit zurückdrehen und die dreißiger Jahre noch einmal durchleben – nur besser. Besser machen bedeutete für die meisten in diesem Zusammenhang, sich von der Politik fernzuhalten – nicht nur von nationalsozialistischer, sondern von Politik überhaupt“9. Das Wort „wieder“ war zum Leitmotiv in Westdeutschland geworden, denn die „Wiederkunft des Zerstörten“ war das oberste Ziel: „ein Ziel, geboren aus dem Heimweh nach der verlorenen guten alten Zeit und aus der Sehnsucht nach der verschwundenen Sicherheit“10.

Mit dem gleichen sprachlichen Instinkt, mit dem man in der BRD den Neuaufbau des Landes „Wiederaufbau“ nannte, bezeichnete man auch die Staatsordnung zunächst lieber als Rechtsstaat und weniger als Demokratie. Denn eine Vielzahl an Bundesbürgern hatte ein ablehnendes Verhältnis zur Politik, das zum einen in den Jahren der Weimarer Republik geprägt worden war, in dem die Demokratie der schlechten ökonomischen Situation des Landes und der damit einhergehenden Massenarbeitslosigkeit wenig entgegenbringen konnte. Zum anderen war dieses ablehnende Verhältnis von den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur, die sich aufgrund der schwachen Weimarer Demokratie etablieren konnte, geprägt worden. Die Anfangsjahre der NS-Diktatur brachten für viele Deutsche, die weder aus rassistischen noch aus politischen Gründen verfolgt worden waren, eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage mit sich, so wurde das Leben im NS-Staat von vielen Deutschen zunächst nicht als schlimm empfunden. Dies änderte sich erst, als zu Beginn der 1940er Jahre der Krieg nach Deutschland kam, der Millionen Todesopfer forderte und mit der Zerstörung des Landes und weiter Teile Europas einherging11. Die Jahre des Nationalsozialismus und des Krieges wurden in den Fünfzigern verdrängt, ein öffentlicher Diskurs über die NS-Zeit und die darin von Deutschen begangenen Verbrechen fand nicht statt. So betrachtete sich nun ein Großteil der Menschen in der BRD als „unpolitisch“, was bedeutete, dass man zwar Wählen ging, man dadurch aber lediglich Konrad Adenauer als Bundeskanzler im Amt bestätigte und sich ansonsten aus der Politik heraus hielt. Der Schriftsteller Uwe Timm, der in seinem Buch Am Beispiel meines Bruders seine Familiengeschichte analysiert, beschreibt die politische Haltung seiner Mutter in den 1950er und 1960er Jahren folgendermaßen: „Politik interessierte sie nur insoweit, als sie und ihre Familie in Ruhe gelassen werden sollten. Nie wieder dürfe es Krieg geben. Sie ging wählen, aber immer mit der Bemerkung, die machen doch, was sie wollen. Sie wählte linke Parteien, wohl auch meinetwegen. Von den Rechten, der Mistbande, hatte sie die Nase voll […] Sie schickte sich in das, was war“12. Uwe Timms Mutter repräsentiert mit ihrer Haltung ziemlich genau die einer „Durchschnittsdeutschen“, die weitestgehend unpolitisch war und die sich an das Leben in der jeweils herrschenden Staatsform stillschweigend anpasste, ohne diese kritisch zu hinterfragen.

Auch der Schweizer Publizist Fritz René Allemann analysierte in einem Essay von 1954 die Westdeutschen und begründete ihr Verhalten wie folgt: „Ein Volk, das hungert, strebt zu allererst einmal danach satt zu werden, nicht die Welt umzugestalten; eines das friert, entwickelt mehr Interesse an Kohlen als an neuen Gemeinschaftsformen; eines das kein Dach über dem Kopf hat, wendet seine Energie auf den Bau von Häusern und nicht dem sozialer Systeme zu“. Ebenso charakteristisch empfand Allemann „das deutsche Ruhebedürfnis, die Sehnsucht, sich nach Jahrzehnten der erzwungenen Überspannung endlich entspannen zu können, der Drang zur Reprivatisierung des Daseins“. Den nachhaltigsten Effekt des Nationalsozialismus sah er ebenfalls in der Abkehr großer Teile der Bevölkerung vom öffentlichen Leben, so herrschte seiner Beobachtung nach „eine fast aggressive Abneigung gegen das Politische, das zwölf Jahre überstrapaziert worden war“13.

Aus diesen Gründen zogen sich die Menschen in der BRD in den ersten beiden Dritteln der 1950er Jahre so stark in den häuslichen und familiären Bereich zurück, wie in keinem anderen Zeitraum im 20. Jahrhundert. Die Freizeit wurde zumeist zu Hause verbracht, die Arbeit stand im Zentrum des Lebens. So antworteten 80 % der der Befragten in einer Umfrage von 1953 mit „Nein“ auf die Frage, ob das Leben schöner wäre, wenn man nicht Arbeiten müsste14. Ein wichtiger Grund hierfür mag gewesen sein, dass die Menschen beim Arbeiten nicht über sich selbst und ihre Vergangenheit nachdenken mussten, sondern abgelenkt waren und dadurch das im Krieg Erlebte und Getane vergessen oder zumindest verdrängen konnten. Gleichzeitig gelangten die Bundesbürger durch ihre Arbeit zu einem zuvor unerreichten Wohlstand.

So sorgten der Wille, etwas vermeintlich Verlorenes durch harte Arbeit zurückzuerlangen oder sogar noch mehr zu erreichen und die Tatsache, dass durch den Krieg die Städte und der Großteil an privaten Besitztümern zerstört worden waren und deshalb sowohl die Häuser als auch die Haushalte wiederaufgebaut werden mussten, für das „Wirtschaftswunder“ das maßgeblich prägend für die 1950er und frühen 1960er Jahre in der BRD war. Der wirtschaftliche Aufschwung Westdeutschlands war außerdem eine wichtige Voraussetzung für die Akzeptanz und der damit einhergehenden Konsolidierung der parlamentarischen Demokratie. Die Menschen in der BRD machten erstmals die Erfahrung, dass parlamentarische Demokratie mit politischer Stabilität und wachsender Prosperität weiter Teile der Bevölkerung miteinander einhergehen können, denn in keinem anderen Land waren die Wachstumsraten in den 1950er Jahren so hoch wie in der BRD und in keinem anderen Land hielt der wirtschaftliche Aufschwung so lange an. Deshalb wurde der „Wiederaufbau“ zum identitätsstiftenden Konsens der Nachkriegsgeneration. Das Wirtschaftswachstum sorgte für Vollbeschäftigung im Land, bei einem gleichzeitigen Anstieg der Reallöhne um das Zweieinhalbfache. Diese einmalige Phase der Hochkonjunktur endete erst mit der Rezession von 1966/67, so dass Wirtschaftshistoriker von den „langen Fünfzigern“ sprechen15.

2.2 Gesellschaft, Jugend, Mode

Die Sehnsucht nach einer intakten und heilen Welt, die für die Menschen im Nachkriegswestdeutschland zur Triebfeder geworden war, brachte auch den Wiederaufbau traditioneller familiärer Strukturen mit sich. Dies bedeutete, dass der Mann das Oberhaupt der Familie war, der das Geld verdiente und alle wichtigen, die Familie betreffenden Entscheidungen, traf. Frauen, die bereits während des Krieges selbstbestimmter und unabhängiger geworden waren, da die Männer im Krieg kämpfen mussten und sie somit zwangsläufig auf sich alleine gestellt waren und Entscheidungen selbstständig treffen mussten, wurden nun in den meisten Fällen wieder zu Hausfrauen, die keiner beruflichen Tätigkeit nachgingen und sich um die Kinder und den Haushalt kümmerten. Gegen diese patriarchalen Strukturen gab es wenig Gegenwehr, die meisten Frauen waren mit ihrer Rolle als Hausfrau zufrieden. Auch Jugendliche rebellierten zu Beginn der 1950er Jahre zumeist nicht gegen die strengen Regeln und Moralvorstellungen, die in ihren Elternhäusern und in der bundesdeutschen Gesellschaft im Allgemeinen herrschten. Vielmehr genossen zunächst ganze Familien die Konsummöglichkeiten, die durch das„Wirtschaftswunder“ ermöglicht wurden16.

Zu den beliebtesten Konsumgütern der 1950er Jahre gehörte die Bekleidung. So stellt die Historikerin Ingrid Loschek fest, dass die fünfziger Jahre ein Jahrzehnt der Mode waren: „Kaum je zuvor war Mode für alle sozialen Schichten und Altersgruppen ein so wichtiger Teil des Lebens und des Interesses wie in diesen Jahren. Seit dieser Zeit interessiert sich nicht nur eine exklusive, vorwiegend wohlhabende Käuferschicht für Mode, sondern weite Teile der Bevölkerung, so war Mode in den Fünfzigern bis ins letzte Dorf gedrungen“17. In den 1950er Jahren wurde somit nicht nur das politische System der BRD, sondern auch die Mode „demokratisiert“. Eine wichtige Rolle spielten hierbei die Kaufhäuser, die in allen größeren Städten eröffnet wurden. Sie wurden zum „Modeverteiler Nummer eins“, denn durch sie konnte „was der Masse gefiel, in Massen auf den Markt gebracht werden“. Außerdem wurden in den Schaufenstern der Kaufhäuser die neuesten Modetrends verführerisch präsentiert und durch gezielte Werbung, sowohl in Printmedien, als auch im Radio und dem immer populärer werdenden Fernsehen, verbreitet. Dadurch steigerte sich bei bundesdeutschen Konsumenten aller Generationen zusätzlich die Lust am Konsum. Hinzu kam, dass durch die vereinfachten Herstellungsmethoden und durch die Entwicklung neuer Kunstfasern modische Kleidung und Accessoires wesentlich leichter und preiswerter produziert werden konnten. Durch die neuentstandene „Massenproduktion“ wurde modische Kleidung für fast jedes Einkommen erschwinglich, zudem wurden durch die vereinfachten Produktionsbedingungen Modetrends schnelllebiger. Neben den vom Schneider angefertigten Modellen, die sich an den Entwürfen französischer Couturiers orientierten, gab es von nun an Konfektionsmode „von der Stange“. Es existierte nun „eine Mode neben der Mode“18.

Jugendliche waren mitverantwortlich für den großen Aufschwung der Modeindustrie. Auch wenn ihre Erziehung nach wie vor sehr streng war, begannen sie, ihre eigenen Vorstellungen von modischer Kleidung, mit der sie sich zunehmend von der Welt der Erwachsenen abgrenzen wollten, zu realisieren. Dies wurde dadurch begünstigt, dass die Jugendlichen der 1950er Jahre über mehr Geld als die Generationen vor ihnen verfügten. D enn mit dem „Wirtschaftswunder“ ging nicht nur finanzieller Wohlstand für die erwachsene Bevölkerung einher, auch die Jugendlichen profitierten vom ökonomischen Aufschwung, zum Beispiel gab es 1957 mehr freie Ausbildungsstellen als Lehrlinge19. Dass junge Menschen zur damaligen Zeit Abitur machten und ein Studium aufnahmen war allerdings selten und zumeist nur denjenigen aus wohlhabenden Familien oder den besonders Begabten vorbehalten. Beispielsweise machten 1957 nur 7,4 % der Jungen und 3,8 % der Mädchen Abitur, von den sogenannten „Arbeiterkindern“ legten insgesamt nur 4 % die Abiturprüfung ab20. Dies mag auch daran gelegen haben, dass man – anders als heute – auch ohne Abitur einen guten Beruf erlernen und ein entsprechendes Einkommen verdienen konnte. Außerdem war der Zugang zu Gymnasium und Universität damals wesentlich schwieriger als heute. So gab es in dem Gymnasien kein Leistungskurssystem, durch welches man sich in der Oberstufe gezielt auf die Fächer konzentrieren konnte, für die man ein besonderes Interesse und Talent hatte. Auch moderne Fremdsprachen wie Englisch oder Französisch standen nicht verpflichtend auf den Lehrplänen. Stattdessen war es Pflicht, beim Abitur das Latinum und teilweise sogar das Graecum vorweisen zu können, was für viele Abiturienten eine große Hürde darstellte und gerade für Kinder aus dem Arbeitermilieu wenig praktischen Nutzen zu haben schien. Aus diesen Gründen verzichteten viele Jugendliche in den 1950er und frühen 1960er Jahren auf den Besuch des Gymnasiums und machten lieber eine Ausbildung, wodurch sie bereits früh ein eigenes Einkommen erwirtschafteten. Der „Volksschulabschluss“, den man nach acht Schuljahren machte, war damals der Standardschulabschluss, womit für die meisten Jugendlichen bereits mit 14 oder 15 Jahren das Berufsleben begann21. Dies trug ebenfalls dazu bei, dass die Jugendlichen von ihren Eltern unabhängiger wurden und sich den neuen Möglichkeiten des Konsums hingeben konnten. So standen Jugendlichen in der BRD im Jahr 1955 insgesamt mehr als 500 Millionen D-Mark nur für ihre Freizeitgestaltung zur Verfügung22.

[...]


1 Vgl./Zitat: Werle, Simone: Fashionista. Die Stilikonen eines Jahrhunderts, München u.a. 2009, S. 62

2 Vgl. Mulvey, Kate/Richards, Melissa: Beauty & Mode. Frauenschönheit im 20. Jahrhundert, London/Berlin 1998, S. 71, S. 107, S. 143

3 Vgl./Zitat: Weißler, Sabine: Die Frau. Die Mode. Der Körper, in: Ruppert, Wolfgang (Hg.):

Um 1968. Die Repräsentation der Dinge, Marbach 1998, S. 125

4 Vgl./Zitat: Seeling, Charlotte: 150 Jahre Mode. Couturiers, Designer, Marken; Potsdam 2010, S. 137

5 Vgl./Zitat: Infoseite zur sechsteiligen BR-Dokumentation „Unsere zweite Haut“, aufgerufen am 7.02.2018 unter: https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/unsere-zweite-haut/zweite-haut-folge1-100.html. Roland Müller-Neumeister ist nicht mit der Verfasserin dieser Arbeit verwandt.

6 Vgl./Zitat: Seeling, S. 9

7 Vgl. z.B. Lehnert, Gertrud: Mode. Theorie, Geschichte und Ästhetik einer kulturellen Praxis, Bielefeld 2013

8 Vgl. Barthes, Roland: Die Sprache der Mode, Paris 1967/Berlin 1985

9 Vgl./Zitate: Geppert, Dominik: Die Ära Adenauer, Darmstadt 2002, S. 84

10 Vgl./Zitate: ebd., S. 85

11 Vgl. Jäger, Wolfgang/Keitz, Christiane (Hg.): Geschichte – Von der Antike bis zur Gegenwart, Berlin 2011, S. 446-449

12 Vgl./Zitat: Timm, Uwe: Am Beispiel meines Bruders, München 2010/2015, S. 46-47

13 Vgl./Zitate: Geppert, S. 85

14 Vgl. Geppert, S. 85

15 Vgl. Jäger/Keitz, S. 446-449

16 Vgl. Jäger/Keitz, S. 536-539, Zitat S. 536

17 Vgl./Zitat: Loschek, Ingrid: Mode im 20. Jahrhundert. Eine Kulturgeschichte unserer Zeit, München 1988, S. 183

18 Vgl./Zitate: Loschek, S. 183

19 Vgl. Farin, Klaus: „Die Entdeckung des Teenagers“, Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung, aufgerufen am 8.02.18 unter: http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/jugendkulturen-in-deutschland/36161/die-entdeckung-des-teenagers

20 Vgl. Grunert, Cathleen/Krüger, Heinz-Hermann: Jugendliche Biographieverläufe im Generationenvergleich, in: Eckert, Thomas/von Hippel, Aiga/Pietraß, Manuela/Schmidt-Hertha, Bernhard (Hg.): Bildung der Generationen, Wiesbaden 2011, S. 223

21 Vgl. Fuchs, Hans-Werner: Die gymnasiale Oberstufe: Grundlinien ihrer historischen Entwicklung, in: Keuffer, Josef/Kublitz-Kramer, Maria: Was braucht die Oberstufe? Diagnose, Förderung und selbstständiges Lernen, Nordhausen 2008, S. 43–44

22 Vgl. Farin, Klaus unter: http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/jugendkulturen-in-deutschland/36161/die-entdeckung-des-teenagers

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Weibliche Mode als Spiegelbild der deutschen Gesellschaft der 1950er und frühen 1960er Jahre
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
Freizeit, Arbeit, Konsum. Alltagskultur in der Zeitgeschichte
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
32
Katalognummer
V452056
ISBN (eBook)
9783668861596
ISBN (Buch)
9783668861602
Sprache
Deutsch
Schlagworte
1950er Jahre, 1960er Jahre, Mode, Gesellschaft in der BRD, Generationenkonflikt, Wirtschtaftswunder, Frauen und Jugendliche in der BRD
Arbeit zitieren
Melanie Neumeister (Autor), 2018, Weibliche Mode als Spiegelbild der deutschen Gesellschaft der 1950er und frühen 1960er Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452056

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