Die deutschen Sinti und Roma


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
32 Seiten, Note: noch sehr gut
Tim Olster (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mögliche ethnische und soziale Ursprünge der Sinti und Roma

3. Die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland

4. Die Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma

5. Einwanderung der Sinti und Roma nach Deutschland

6. Kultur und Sprache der Sinti und Roma in Deutschland

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

„Von Ziegänern und fremden Bettlern, auch Handwerksburschen.

Nachdem durch Uns als des Landes-Fürsten beschlossen, daß in allen unseren

Landen kei(n)e Zigäner noch fremde Bettler sollen gelitten werden; So soll

Unsern Städten frey stehen, wann die Zigäner unsere Landesgrentzen berühren, dieselben zu überfallen, zu plündern, und hernieder zu werffen.“

(Aus: Landesordnung von 1540 für Brandenburg in:

Arend, S., Zigeuner und Zigeunergesetzgebung in

Deutschland im 16. Jahrhundert,

in: Tsiganologische Studien, Nr. 2, 1990)

1. Einleitung

Die Sinti und Roma gehören zur so genannten Rom-Gruppe, die sich über eine gemeinsame Kultur, Sprache und Herkunft definiert. Roma, was auf deutsch so viel wie Mensch bedeutet, nennen sich etwa zehn Millionen Angehörige des Volkes weltweit, die uns unter den Namen „Zigeuner“ besser bekannt sind.[1] Sie selbst lehnen diese Bezeichnung ab, da sie bis heute mit der Assoziation „ziehende Gauner“ gleichgesetzt wird. Ihre Herkunft liegt im Punjab, dem Nordwesten des indischen Subkontinents. Nach Sindh (Ableitung Sinti), einer Punjab-Provinz, bezeichnen sich die Roma, deren Vorfahren bereits im Mittelalter nach Deutschland eingewanderten. Die heute in Deutschland lebenden Roma sind zu großen Teilen erst im vergangenen Jahrhundert emigriert.

Die Sinti sind in Deutschland eine autochthone, also eine alteingesessene Minderheit. Sie werden nach dem Gesetz erst seit 1995 als nationale Minderheit in Deutschland anerkannt. Darüber hinaus bilden sie eine überstaatliche Gemeinschaft, die sich über ganz Europa erstreckt. Nur die wenigsten der in Deutschland lebenden Sinti und Roma sind deutsche Staatsbürger, die Mehrzahl gilt als „staatenlos“.[2]

1969 forderte der Europarat die Länder auf, jegliche Diskriminierung von Sinti und Roma zu unterbinden und sie in die soziale Gemeinschaft einzugliedern. Daraus erwuchs ihnen in Deutschland das Recht auf Sozialhilfe, die mit dem Beginn der Emanzipationsbewegung für die Sinti und Roma einherging.[3] Seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts kämpfen die Sinti und Roma mit der Unterstützung der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ für die Vertretung ihrer Rechte in Deutschland. Der größte Erfolg ihrer Arbeit besteht unzweifelhaft darin, dass die Mehrheitsbevölkerung in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern auf das Schicksal dieser Volksgruppe aufmerksam wurde.[4]

Das Thema der Hausarbeit ist in vielerlei Hinsicht sehr komplex und kann daher nur oberflächlich angerissen werden. Eine Ursache dafür sind die unterschiedlichen Wissenschaftsgebiete die bei der Beschäftigung mit diesem Thema nicht voneinander losgelöst betrachtet werden können. So lassen sich die geographischen Wanderbewegungen der Sinti und Roma nur erläutern, wenn man die dazugehörige Historie mit berücksichtigt. Ebenso erklären sich die unterschiedlichen Dialekte der Roma nur durch die räumliche Ausbreitung des Volkes in den vergangenen Jahrhunderten. Insofern fließen historische, kulturhistorische, ethnologische, geographische und sprachwissenschaftliche Aspekte bei der Bearbeitung des Themas in meine Hausarbeit mit ein.

Eine weitere Ursache für die grobe Skizzierung der Thematik besteht in dem Fehlen von Quellen, die direkt von den Roma stammen. Noch heute wird das kulturelle Erbe der Sinti in Deutschland nur mündlich an die Nachfahren weitergegeben. In der Zeit des Nationalsozialismus wäre deshalb die Kultur der Sinti beinahe völlig ausgerottet worden, da die damals lebenden Angehörigen der Volksgruppe systematisch verfolgt und ermordet wurden. Dadurch sind viele wichtige historische Quellen und kulturelle Zeugnisse für immer verloren gegangen.

Die Jahrhunderte langen Anfeindungen der deutschen Mehrheitsbevölkerung gegenüber den Sinti und Roma sind eine weitere Ursache für den spärlichen Informationsfluss seitens der so genannten Rom-Gruppen. Durch die vorherrschenden Klischees und Verfolgungen über die Jahrhunderte stigmatisiert, lehnen sie zum Teil aus Verbitterung und Enttäuschung eine Annährung an ihre Kultur ab. Zum anderen fürchten sie auch den Identitätsverlust bei der Öffnung ihrer Kultur gegenüber der Mehrheitsbevölkerung.

Das Interesse an den Sinti und Roma und ihrer Kultur ist schon sehr lange vorhanden, jedoch liegt der Beginn der ernsthaften Erforschung erst 30 Jahre zurück. Besonders auffällig ist eine Publikationsflut ab der Mitte der achtziger bis Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Aus dieser Zeit stammt auch das Werk, das den roten Faden durch meine Arbeit bildet. Es ist das Buch „Sinti und Roma. Kultur, Geschichte und Gegenwart“ von Katrin Reemtsma. Sie gehört der bereits eingangs erwähnten „Gesellschaft für bedrohte Völker“ an, deren Wirken ich im Hauptteil näher beleuchte. Daneben existieren die „Studien zur Tsiganologie und Folkloristik“ der Universität Gießen, die mit der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ in einem wissenschaftlichen Disput liegt, auf den ich ebenfalls nur kurz im Hauptteil eingehen werde.

Meine wissenschaftliche Hausarbeit geht zu Beginn auf den möglichen Ursprung der Roma ein, um sich dann detailliert mit der Geschichte der Volksgruppe in Deutschland zu beschäftigen. Im Anschluss erläutere ich die Lage der Sinti und Roma in Deutschland im ausgehenden 20. Jahrhundert näher. Bedauerlicherweise gibt es nur sehr wenig aktuelle Literatur zum Thema, so dass der Schwerpunkt meiner Betrachtung auf den Jahren kurz nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik liegt. Das Ziel meiner Arbeit soll eine in diesem Rahmen aussagekräftige Darstellung des Lebens dieser nationalen Minderheit in Deutschland sein.

2. Mögliche ethnische und soziale Ursprünge der Sinti und Roma

Der Ursprung der Roma lässt sich auf den Nordwesten Indiens eingrenzen. Diese Erkenntnis beruht auf sprachwissenschaftlichen Untersuchungen, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gemacht wurden. Die genaue Zuordnung der Roma und die Suche nach den nächsten Verwandten unter zu Hilfenahme von arabischen und indischen Quellen gestaltet sich weiterhin als schwierig, da keine schriftlichen Aufzeichnungen der Roma selbst existieren. Aufgrund der Wissenslücken bezüglich der ethnischen und sozialen Zugehörigkeit der Roma gibt es unterschiedliche Hypothesen über ihre kulturelle Verwandtschaft. Der einstmals im Nordwesten Indiens lebende Volksstamm der Jat (arab. Zott), so eine der verbreitetsten Auffassungen unter den Wissenschaftlern, könnte ein Vorfahre der Roma sein.[5] Diese haben die Region nachweislich in mehreren Etappen und aus unterschiedlichen Gründen verlassen.

Nach Jahrhunderte langen Auseinandersetzungen mit den Arabern und der Gefangennahme durch die Byzantiner verliert sich die Spur dieses Volksstammes. Die Anhänger dieser These gehen davon aus, dass die Jat mit der Ausbreitung der Seldschuken[6] im 12. Jahrhundert nach Südosteuropa gelangt seien. Die Beweislage anhand der Quellen für diese Theorie ist jedoch sehr vage.

Eine andere Hypothese geht davon aus, die Luri seien die Vorfahren der Roma. Die Luri wurden um 500 n. Chr. von einem persischen Herrscherhaus aus Indien geholt. Sowohl die arabischen als auch die persischen Quellen bestätigen die Schickung von 10.000 Luri- Musikern durch den indischen König an den König der Sassaniden. Aufgrund ihres unbescheidenen Auftretens gegenüber dem König, so die Quellen, gerieten sie in dessen Ungnade und später in die Verbannung. Dennoch gilt auch die Verwandtschaft der Luri mit den Roma als nicht gesichert. Die Sprachwissenschaftler sehen im englischen Wort „Gypsies“ eine Verknüpfung der Luri mit den „Zigeunern“, die beide inhaltlich gleichsetzt.[7]

Eine weitere Hypothese entfernt sich von der kulturellen Ähnlichkeit und bezieht sich auf die Kastenzugehörigkeit der Vorfahren der Roma. Diese Annahme geht davon aus, dass die Roma mit den Dom verwandt seien. Die Dom, ein nomadisch lebendes Volk, gehören einer niederen Kaste an und sind im Nordwesten Indiens beheimatet. Reemtsma sieht in der Selbstbezeichnung des Volkes die Verwandtschaft mit den Roma: „Die Selbstbezeichnung Dom (Mensch, Mann; pl.: Domba) fände ihre Entsprechung in Lom des armenischen Romanes und in Rom (Mann, Mensch; pl. Roma) des europäischen Romanes.“[8]

Das Siedlungsgebiet der Dom befindet sich heute noch in Syrien, Ägypten und Israel. Ein direkter Bezug zu den Roma konnte aber auch hier bisher noch nicht nachgewiesen werden.[9]

Das Gegenstück zu dieser These ist die Theorie, dass die Roma von den Rajputs, den Kriegern der zweithöchsten Kaste, abstammen. Die Anhänger der These erklären die Abwanderung, die zwischen 1000 und 1200 stattgefunden haben muss, mit dem Eindringen osmanischer[10] und afghanischer Stämme nach Indien. Dabei wurden die Rajputs vernichtend geschlagen. Neben linguistischen Gemeinsamkeiten spricht für diese Theorie die Vielfalt im Erscheinungsbild, denn insbesondere die Existenz von Roma mit heller und dunkler Hautfarbe und die Blutgruppenzugehörigkeit zu anderen Völkern lassen sich durch die Mitgliedschaft ostafrikanische Stämme bei den Rajputs erklären. Darüber hinaus verwenden einzelne Rom-Gruppen Symbole, die denen der Rajputs stark ähneln. Gegen diese These richtet sich vor allem die sprachwissenschaftliche Sichtweise, die es als unwahrscheinlich ansieht, dass die europäischen Roma in weniger als 200 Jahren vom Nordwesten Indiens bis nach Südosteuropa wandern und einen kollektiven Stammwortschatz entwickeln konnten, der je zu einem Drittel persische, armenische und griechische Worte enthält. Darüber hinaus ist unter anthropologischen Gesichtspunkten eine Zuordnung der Roma zum Nordwesten Indiens zwar möglich, nicht aber zu einem spezifischem Volk oder einer Kaste. Bis auf die erwähnte Ausnahme deutet kulturell also nicht viel auf eine frühere Zugehörigkeit der Roma zu einer Kriegerkaste hin.[11]

Anhand dieser Beispiele offenbart sich das Dilemma der Historie der Roma; sie ist nirgendwo vollständig verzeichnet, noch ist sie mündlich überliefert. Die Roma selbst haben ihre Geschichte bis dato noch nicht niedergeschrieben und die wenigen indischen und arabischen Quellen ermöglichen nur eine lückenhafte Rekonstruktion des Gewesenen. Insofern sind Herkunft, Zeitpunkt und Ursache der Abwanderung der Vorfahren der Roma noch immer unklar.[12]

Einigkeit herrscht darüber, dass die Vorfahren der Roma den Nordwesten Indiens in kleinen, voneinander unabhängigen Gruppen aus unterschiedlichen Gründen verlassen haben und sich auf ihrer Wanderung längere Zeit in Persien, Armenien und im Byzantinischen Reich aufgehalten haben müssen. Über den Sammelbegriff „Zigeuner“ herrscht bei den Forschern heute ebenfalls Einigkeit; so leitet sich das Wort zum einen von „athinganoi“ (bulgarisch: Acigan; Rumänisch: tigan; Polnisch: Cigan; Russisch: Cygan; Türkisch: Tschingiane) und zum anderen von „Ägypter“ (engl. Gypsies, Gitans) her.[13]

Einer der frühesten schriftlichen Berichte über die Roma stammt von Symon Simeones, einem Pilger, der von Dublin ins Heilige Land reiste und in Kreta mit Roma zusammentraf: “Sie blieben selten oder nie länger als dreißig Tage an einem Platz, sondern ziehen dahin, ständig umherirrend und flüchtig, als seien sie von Gott verflucht. Nach dreißig Tagen wandern sie mit ihren kleinen rechteckigen Zelten, schwarz und ärmlich wie die Araber, von Feld zu Feld und von Höhle zu Höhle“.[14]

Die meisten frühen Quellen, die über die Roma berichten, stammen aus Griechenland. In ihnen wird berichtet, dass die so genannten „Suyginer“ als Schmiede, Handwerker, Schuhmacher und Schuhflicker arbeiteten. Die Aufzeichnungen weisen schon damals auf zwei unterschiedliche Gruppen von Roma, die Reisenden und die Sesshaften, hin.[15]

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts ziehen die ersten Zigeuner nach Deutschland, dazu heißt es in der Chronik von Eger aus dem Jahr 1418: „Die Zigeuner kommen das erste Mal nach Deutschland und Eger.“[16]

3. Die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland

In den ersten Quellen aus Deutschland werden die Roma als Vagabunden und „böse Buben“ bezeichnet, die die Städte für die Türken ausspionierten, dazu heißt es: „30 böse Häuslein, darin lauter Zigeuner wohnen, die sich aus Ägypten fälschlich nennen.“[17]

Wie bereits angedeutet, geht die Zuwanderung der Roma nach Westeuropa mit der Ausbreitung des Osmanischen Reiches einher. Die Schlussfolgerung, dass die Osmanen die Roma vertrieben hätten bzw. vor sich her trieben, ist nicht richtig. Die Mehrzahl der Roma blieb weiterhin in den nun türkisch besetzten Balkanländern. Während der Besetzung des Balkans durch die Türken konvertierten viele Roma zum Islam, blieben aber dennoch hinter den Osmanen Menschen zweiter Klasse. Teile der Roma wurden in das Heer der Türken und in die osmanische Gesellschaft eingegliedert.[18]

Das Eintreffen der ersten Roma in Deutschland lässt sich auf das Ende des Mittelalters datieren. Zu dieser Zeit prägten innen- und außenpolitische Wirren die Geschichte Deutschlands. Insbesondere das wiederholte Aufflammen der Pest und die Gefahr durch die westwärts rückenden Osmanen wurden als bedrohlich empfunden. Viele vagabundierende Menschen, die zumeist Flüchtlinge vor den Osmanen waren, durchzogen die durch neue Souveränität gegenüber dem Kaiser gekennzeichneten Einzelstaaten. Sie wurden von der ortsansässigen Bevölkerung oftmals mit Misstrauen betrachtet. Diese Stimmung übertrug sich auch auf die Roma, die zusätzlich noch aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes für Spione der Osmanen gehalten wurden. Andreas Presbyter von Regenburg berichtet darüber in seinem Tagebuch „Zum Jahr 1424“: „Ebenso wanderten in dieser Zeiten ein gewisser Stamm der Cingari, gewöhnlich Cigäwnär genannt, in unseren Ländern. (...) Dieses Volk schlug seine Zelte auf, denn es war ihnen nicht erlaubt, in den Städten zu wohnen. Es eignete sich nämlich den Besitz der anderen geschickt durch Diebstahl an. Dieses Volk stammte aus Teilen Ungarns, und man sagt, dass es ausgewandert sei; zum Zeichen und zur Erinnerung an die Flucht des Herren nach Ägypten, als es vor dem Angesicht des Herodes floh, der ihn suchte, um ihn zu töten. Im Volk wurde jedoch gesagt, dass sie heimlich Kundschafter im Lande seien.“[19]

Trotz eines gewissen Misstrauens in großen Teilen der Bevölkerung profitierten die Roma von den spätmittelalterlichen Gegebenheiten, denn das Volk war verpflichtet, Pilger und Büßer mit Nahrung, Geld und Obdach zu unterstützen. Im Nachhinein wurde den Roma die erhaltene Unterstützung über Jahrhunderte hinweg als Bereicherung vorgeworfen. Demgegenüber stehen Berichte aus der Schweiz, wonach die Roma wohlhabend gewesen seien, für sich selbst aufkamen und „christliche“ Ordnung hielten.

Die eigenen internen sozialen und politischen Strukturen der Roma fielen schon damals auf. Die Anführer der Roma hatten ihre Titel ins deutsche übersetzt und nannten sich nun „Graf Johann aus Klein-Ägypten“ oder „Herzog Andreas aus Klein-Ägypten“. Die Bevölkerung schloss fälschlicher Weise daraus, dass die Roma ursprünglich aus Nordafrika stammten.[20]

In ihrer Organisationsform ähnelten die Roma dem mittelalterlichen Hof eines Kaisers, der mit seinem Gefolge auf Reisen war.

Die Religionszugehörigkeit der Roma ist nicht eindeutig. Als Büßer standen sie einerseits mit dem christlichen Leben in Zusammenhang. Dem gegenüber steht die Wahrsagerei der weiblichen Roma und die unterstellte Kundschaftertätigkeit für die Türken. Darüber hinaus waren Störfaktoren für das gesellschaftliche Zusammenleben die bereits erwähnte „schwarze“ Hautfarbe und der ihnen vorgeworfene Diebstahl. Sie wurden kollektiv mit negativen Attributen assoziiert, die die Ängste der damaligen Bevölkerung vor dem Fremden widerspiegeln. Reemtsma bemerkt dazu: „Die Roma, die zur Zeit ihrer Zuwanderung ein unbeschriebenes Blatt waren, wurden also zu Projektionsfläche für spätmittelalterliche Ängste und Mißstände.“[21]

Auf der anderen Seite wurden die Roma als „der Vorsorge würdig“ angesehen, so ein Geleitbrief des Kaiser Siegesmund und sie erhielten Schutzbriefe von Fürsten, Königen oder dem Papst. Der Reisefreiheit stand aber weiterhin das Zutrittsverbot zu den Städten gegenüber. Die gegen die Roma geführte Argumentation wurde im 15. Jahrhundert aufgegriffen und auf den Reichstagen in einer reichseinheitlichen Zigeunerpolitik umgesetzt. Zur Durchsetzung des so genannten „Kriegspfennig“ gegen die Türkengefahr nutzte man das negative Bild der Roma in der Bevölkerung aus und erklärte sie auf höchster staatlicher Ebene zur politischen Gefahr. Dadurch hatten sie indirekt den Status der Vogelfreien, den sie auch in der Frühen Neuzeit nicht verlieren sollten.[22] Die Roma waren zum Spielball für die Durchsetzung politischer Machtinteressen auf den unterschiedlichsten politischen Ebenen (Kaiser, Kirche, Fürsten, Zünfte) geworden. Die gemeinsame Diskriminierung der Roma über alle politischen Institutionen hinweg führte vorübergehend zu einer Stabilisierung der innenpolitischen Machtverhältnisse, da es nun einen gemeinsamen Gegner im Land gab.[23]

In der Frühen Neuzeit setzt sich die negative Betrachtungsweise der Roma fort und verstärkte sich in bestimmten Regionen noch. Das Begehen von Straftaten wurde nun als Aspekt ihrer Kultur angesehen. Die Stimmungsmache gegen die „Zigeuner“ kam nicht mehr ausschließlich aus der einfachen Bevölkerung. Viele Gelehrte schlossen sich der Argumentation an und entwarfen ein Bild von einer sozial minderwertigen und kulturell fremden Bevölkerungsgruppe.[24]

Im 16. Jahrhundert wurden die Reisedokumente beschlagnahmt und Einreiseverbote erteilt. Jeder durfte Roma davonjagen; wer ihnen Schutz gewährte, musste mit schweren Repressionen rechnen. Unter dem großen Kurfürsten erhielten die Roma keine Pässe mehr. Sie wurden außer Landes getrieben; Männer, die blieben wurden inhaftiert, Frauen gebrandmarkt und Kinder „konfisziert“.[25]

Die Politik des Kurfürsten setzte sein Thronfolger fort. Im Jahr 1725 gab Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, die hier wörtlich dargestellte Anweisung zur Vertreibung: „damit das land davon [Roma] gesäubert und befreyet werden möge.“[26]

Dieses Ziel wurde jedoch nicht durchgesetzt, da man von der Todesstrafe für das Betreten des Territoriums abstand nahm. Darüber hinaus erhielten sie von Teilen der Bevölkerung Unterstützung oder profitierten vom nachlässigen Umgang der Beamten mit ihnen oder gewannen mit Geld ihr Wohlwollen. Einzelpersonen konnten in der Mitte des 18. Jahrhunderts unter Auflagen eine Aufenthaltserlaubnis erhalten. Es kam zu einigen wenigen Ansiedlungen von Sinti-Familien in Teilen von Deutschland – ein Beispiel dafür ist der Ort Saßmannshausen/ Lause, wo in den Taufbüchern mehrere Sinti-Namen verzeichnet sind. Dies stellt jedoch eine Ausnahme dar. Der Alltag war das Abschieben der Sinti innerhalb der deutschen Fürstentümer.

Während der Phase der Aufklärung sollte mit der Assimilationspolitik einer größeren Anzahl von Sinti und Roma die Zugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft ermöglicht werden. Dabei tat sich besonders Österreich unter Joseph II. und Maria Theresia hervor, die eine Zwangssesshaftmachung von reisenden Roma anordneten. Des Weiteren setzten sie ein Eheverbot für die Roma untereinander durch; die Sprache wurde verboten und die Kinder auf Pflegefamilien verteilt. Die Familiennamen wurden eingedeutscht, so erhielten die Roma Hinternamen wie Neubürger, Neuungar, Neubauer oder Neusiedler. In Preußen gab es unter Friedrich II. ähnliche Bestrebungen, die aber eher Versuchscharakter besaßen. Viele dieser Maßnahmen scheiterten, da sie auf die Zerstörung der kulturellen Identität der Sinti und Roma ausgerichtet waren. Durch die Mitte des 19. Jahrhunderts in Preußen erlassene Gesetzestrias von Freizügigkeits-, Armen- und Untertanengesetz erfuhren diejenigen Sinti und Roma, die ihre Bindung an den deutschen Staat nachweisen konnten, neue Behinderungen, aber auch vereinzelte Erleichterungen.[27]

Mit der Gründung des deutschen Reiches 1870/71 wurde formal eine deutsche Staatsbürgerschaft geschaffen. Diejenigen Sinti und Roma, die ihre Bindung an den deutschen Staat nachweisen konnten, wurden nun zu Inländern. Roma, die diesen Nachweis nicht erbringen konnten, wurden im Zuge des Ermessensspielraums der so genannten „Lästigkeit“ aus dem Reich ausgewiesen. Von der Möglichkeit dieser Befugnisse machten die Beamten damals regen gebrauch. Die Gründung des Deutschen Reiches machte die „Zigeunerpolitik“ wieder zu einer nationalen Angelegenheit. Nun wurde zwischen ausländischen und inländischen Zigeunern unterschieden.[28]

Die populärwissenschaftlichen Abhandlungen der damaligen Zeit beruhten auf dem alten stereotypen Bild über die Sinti und Roma, wonach ihre angebliche Kriminalität (besonders Diebstahl) ein Indiz für die Minderwertigkeit ihrer Kultur sei. Zur Bestätigung dieser Aussage führte man die zigeunerfeindliche Meinung von zahlreichen Kriminalisten, Juristen und Beamten ins Feld, die es nach eigenen Angaben tagtäglich mit solchen Sinti und Roma zu tun hatten. Dazu heißt es in einem Zeitungsartikel des Regensburger Blattes aus dem Jahr 1899: „Eine ziemlich große Zigeunerbande beehrte jüngst die Ortschaft Winzer, Pfaffenstein, Steinweg, wo sie ihr Unwesen in hohem Maße trieb durch Verübung einer Reihe von Betrügereien und sonstiger Gaukeleien, wie sie eben diesem Volk eigen sind (...).“[29]

Die negative Stimmung im Volk wurde durch die Herrschenden mit getragen, so wollte Bismarck „das Bundesgebiet von der Plage gründlich und dauernd befreien.“[30]

Das Ziel der Politik war die Auflösung der deutschen „Zigeuner-Verbände“, wobei sich deren Mitglieder einer sesshaften Lebensweise zuwenden sollten. Ausländische Sinti- und Roma-Gruppen sollte der Aufenthalt im Reich durch eine Vielzahl von Restriktionen (z. B. Führung von „Zigeunerakten“ und „Zigeunerbüchern“, Verweigerung des Wandergewerbescheins = Abdrängung in die Illegalität bei der Gewerbeausübung)[31] erschwert bzw. verleidet werden. Dazu gehörte unter anderem die Abschiebung in die Nachbarländer des Reiches.[32]

Bismarcks Darstellung der Sinti und Roma als permanente Gefahr führte zu einer sozialen Stabilisierung, da alle Teile der Mehrheitsbevölkerung diese eindeutig als Feinde und Unruhestifter innerhalb der Gesellschaft empfanden. Des Weiteren bedrohten sie den vom Niedergang geprägten Mittelstand als unliebsame Konkurrenz.[33] Die Größe der umherziehenden Sinti-Gruppen zu dieser Zeit betrug etwa acht bis zehn Personen pro Familie – gereist wurde in kleineren Familienverbänden (genaue Zahlen liegen nicht vor).[34]

[...]


[1] Vgl. Schmalz-Jakobsen, C./ Hansen,G. (Hrsg.), Kleines Lexikon der ethnischen Minderheiten in Deutschland,

Bonn 1997, S. 131.

[2] Ludwig, C., Ethnische Minderheiten in Europa. Ein Lexikon, München 1995, S. 97 ff.

[3] Vgl. Reemtsma, K., Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 143 f.

[4] Vgl. Gesellschaft für bedrohte Völker, Menschenrechtsarbeit für Sinti und Roma in der Bundesrepublik Deutschland, in: Hohmann, J. S. (Hrsg.), Studien zur Tsiganologie und Folkloristik. Sinti und Roma in Deutschland, Frankfurt/Main 1995, S. 278 f.

[5] Vgl. Reemtsma, K., Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 13.

[6] Seldschuken: Stamm der so genannten Türk-Völker.

[7] Vgl. Ebenda, S. 14.

[8] Vgl. Ebenda, S. 15.

[9] Vgl. Ebenda, S. 15.

[10] Osmanen: Stamm der so genannten Türk-Völker.

[11] Wippermann, W., Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland. Darstellungen und Dokumente, Berlin 1993, S. 10.

[12] Vgl. Ebenda, S. 11 ff.

[13] Vgl. Reemtsma, K., Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 18.

[14] Gilsenbach, R., Weltchronik der Zigeuner, Teil 1. Von den Anfängen bis 1599, Frankfurt 1994, S. 33.

[15] Vgl. Reemtsma, K., Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 22 f.

[16] Gilsenbach, R., Weltchronik der Zigeuner, Teil 1. Von den Anfängen bis 1599, Frankfurt 1994, S. 48.

[17] Ebenda, S. 130.

[18] Vgl. Reemtsma, K., Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 23.

[19] Gronemeyer, R., Zigeuner im Spiegel früherer Abhandlungen und Chroniken, Gießen 1987, S. 20.

[20] Vgl. Reemtsma, K., Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 29.

[21] Reemtsma, K., Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 31.

[22] Wippermann, W., Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland. Darstellungen und Dokumente, Berlin 1993, S. 14.

[23] Vgl. Reemtsma, K., Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 36 f.

[24] Vgl. Ebenda, S. 38.

[25] Vgl. Ebenda, S. 39 f.

[26] Zit. nach Andrea Flaspöhler, „ ... Genügsam Bekannt, Dass Die Bisherigen zigeunerjagden von keinem Effect Sind“ – Visitationen in Lippe, in: Bott-Bodenhausen, K. (Hrsg.), Sinti in der Grafschaft Lippe. Studien zur Geschichte der „Zigeuner“, München 1988, S. 68.

[27] Vgl. Reemtsma, K., Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 44 ff.

[28] Vgl. Reemtsma, K., Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 44 ff.

[29] Regensburger Blatt, Regensburg 13. November 1899, S. o. A.

[30] Reichsamt des Inneren am 1.7.1886, o. A.

[31] Vgl. Reemtsma, K., Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 89.

[32] Vgl. Ebenda, S. 88.

[33] Vgl. Ebenda, S. 86 f.

[34] Vgl. Ebenda, S. 93.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Die deutschen Sinti und Roma
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Geographie)
Veranstaltung
Nationale Minderheiten in Deutschland und Deutsche Minderheiten im außereuropäischen Ausland
Note
noch sehr gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
32
Katalognummer
V45250
ISBN (eBook)
9783638426831
ISBN (Buch)
9783656248668
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
-
Schlagworte
Sinti, Roma, Nationale, Minderheiten, Deutschland, Deutsche, Ausland
Arbeit zitieren
Tim Olster (Autor), 2005, Die deutschen Sinti und Roma, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45250

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die deutschen Sinti und Roma


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden