Berlintourismus im Nationalsozialismus. Die Entwicklung der Stadt Berlin als Marke


Essay, 2017

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einführung

2. Berlin-Tourismus vor dem Nationalsozialismus

3. Berlin-Tourismus im Nationalsozialismus
3.1 Berlin als Hauptstadt der NS-Propaganda
3.2 NS-Berlin als Gastgeber der Olympischen Spiele

4. Zusammenfassung und Fazit

5. Literatur- und Quellenübersicht

1.Einführung

„Berlin ist so aufregend, weil hier wie nirgendwo sonst die Zeitgeschichte in ihren Tiefen und Höhen das Wesen der Stadt prägt.“ Nirgendwo sonst könne man diese so emotional erleben wie hier. Die Zeitgeschichte spielt im Image Berlins somit eine maßgebliche Rolle und ist zu einem „entscheidender Markenkern dieser Stadt“ geworden. Mit diesen Worten beschreibt Moritz van Dülmen, Leiter der Kulturprojekte GmbH, die herausragende Bedeutung der Zeitgeschichte in jener Stadt, die heute gerne als „Rom der Zeitgeschichte“ apostrophiert wird.[1] Somit hat sich die Geschichte Berlins für das Stadtmarketing zu einem unique selling point entwickelt. Eine stetig wachsende Zahl von Touristen kommt nach Berlin, um die jüngere Vergangenheit der Stadt zu „erleben“. Public History ist somit zu einem wichtigen Teilbereich des Tourismus in Berlin geworden und der Tourismus ist wiederrum zu einem zentralen Wirtschaftsfaktor der Stadt geworden.[2]

Ganz anders sah dies zu der Zeit des nationalsozialistischen Regimes aus. In den 1930er Jahren kamen Touristen nicht nach Berlin, um das „Rom der Zeitgeschichte“ zu sehen, denn die Geschichte der Stadt spielte damals eine untergeordnete Rolle. Aus welchen Gründen Touristen in den 1930er Jahren nach Berlin reisten, wird im Folgenden untersucht werden. Dabei wird zunächst ein Überblick über den Berlin-Tourismus vor der Machtergreifung gegeben. Im Anschluss daran wird untersucht, wie die von Berlin ausgehende NS-Propaganda und der Berlin-Tourismus sich gegenseitig bedingten. So wird analysiert, wie der öffentliche Raum Berlins für NS-Propagandazwecke instrumentalisiert wurde und wie dadurch ein vollkommen neuer Touristen-Typus nach Berlin kam. Außerdem wird untersucht, welche Rolle die Olympischen Spiele von 1936 sowohl auf Berlin als auch auf die NS-Propaganda hatten. Begonnen wird nun mit einem kurzen Überblick über die Geschichte des Berlin-Tourismus von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu den frühen 1930er Jahren, wobei besonders die „wilden Zwanziger“ im Fokus stehen. Das Berlin der 1920er Jahre steht in einem besonders großen Kontrast zum Berlin der 1930er und wird deswegen eingehender betrachtet, da durch den Vergleich dieser beiden Jahrzehnte deutlich wird, wie sich Berlin bzw. der Berlin-Tourismus unter der NS-Diktatur verändert haben.

2. Berlin-Tourismus vor dem Nationalsozialismus

Vor 1933 war Berlin nicht nur die Hauptstadt des Deutschen Reiches, sondern auch die Hauptstadt Preußens und bis 1918 Sitz der preußischen Könige, die das Stadtbild maßgeblich prägten. So entstanden besonders im frühen und mittleren 19. Jahrhundert zahlreiche klassizistische Bauten, die Berlin den Ruf als „Spree-Athen“ einbrachten.[3] Auch wenn der klassizistische Baustil im 19. Jahrhundert sehr modern war, so assoziiert man mit der Bezeichnung „Spree-Athen“ nicht unbedingt eine moderne zukunftsweisende Metropole, sondern eine Stadt mit einem historischen oder auf Historizität ausgelegten Stadtbild, das der Glorifizierung der Vergangenheit dient und das auf den Besucher wohl eher beschaulich als modern wirkt. Tatsächlich galt Berlin bis 1871 auch nicht als Metropole, sondern als „beschauliche Residenzstadt“. Nach der Gründung des Deutschen Reiches im Jahr 1871 änderte sich dies jedoch: „Wenn eine Stadt ein lebender Organismus ist, dann waren die Jahre zwischen 1870 und 1914 für Berlin die Pubertät. Aus der beschaulichen Residenzstadt wurde eine Weltmetropole, widersprüchlich und ungeordnet, changierend zwischen Extremen: mal glitzernd, mal elend, mal militärisch diszipliniert, mal bohemehaft ausschweifend, immer experimentierfreudig und ungeduldig in die Zukunft drängend,“ stellt Eva-Maria Schnurr in einem Spiegel-Artikel fest.[4] Auch der Schriftsteller Mark Twain, der 1891 ein halbes Jahr in der Stadt verbrachte, bezeichnete Berlin als „Chicago Europas“. Chicago galt damals als modernste Metropole überhaupt.[5]

Was hatte nun, neben Berlins Stellung innerhalb des neugegründeten Deutschen Reiches, den Wandel der Stadt vom „Spree-Athen“ zum „Spree-Chicago“ verursacht? Die Antwort darauf findet man im wirtschaftlichen Bereich, so trug die Industrialisierung maßgeblich zum Wachstum der Stadt bei. Hierdurch wuchs einerseits der Wohlstand der Stadt, was den Bau neuer prestigeträchtiger Gebäude und Fabrikhallen begünstigte, andererseits wuchs auch die Bevölkerungszahl der Stadt rasant, da nun Menschen aus dem gesamten Reich nach Berlin zogen, um hier Arbeit zu finden. Diese profitierten allerdings in den wenigsten Fällen vom neuen Wohlstand der Stadt. Im Gegenteil, in den meisten Fällen mussten sie in den ebenfalls neugebauten und wenig komfortablen Mietskasernen wohnen, die vollkommen überbelegt waren und in denen die hygienischen Zustände katastrophal waren.[6] Dennoch zogen immer mehr Menschen nach Berlin, die Einwohnerzahl der Stadt stieg zwischen 1871 und 1919 von 826.341 auf 1.928.432 Millionen Menschen. Nach der Gemeindereform von 1920 und der daraus resultierenden Eingemeindung zahlreicher umliegender Gemeinden zählte Groß-Berlin sogar 3.879.409 Millionen Einwohner und erreichte im Jahr 1942 mit 4.478.102 Millionen die Höchsteinwohnerzahl.[7]

1920 war Berlin nicht länger Regierungssitz der preußischen Könige bzw. des deutschen Kaisers. Dieser hatte 1918, nach dem für Deutschland verlustreichen Ende des Ersten Weltkriegs, abgedankt. Das Deutsche Reich war nun eine demokratisch regierte Republik, die sogenannte „Weimarer Republik“, deren Hauptstadt nach wie vor Berlin war. In den 1920er Jahren wurde Berlin zu einem Zentrum für Kunst und Kultur, das auch internationale Künstler anlockte. In diesem Jahrzehnt erlebte die Stadt eine kulturelle Blütezeit und einen grundlegenden gesellschaftlichen Wertewandel: „Provozieren, schockieren, experimentieren – das war die Devise innovativer Künstler in den zwanziger Jahren. Scharfer Realismus traf sich mit neuer Sachlichkeit und jüdischem Intellekt.“[8] Viele der wohlhabenderen Stadtbewohner, ob zugezogen oder einheimisch, wandten sich von den „preußischen Tugenden“ ab, die Gesellschaft wurde offener und toleranter. In Abkehr von den strengen, preußischen Gesellschaftskonventionen fand auch eine sexuelle Befreiung in Berlin statt: Amüsierbetriebe, Cabarets und Casinos wurden eröffnet, wodurch Berlin für Touristen an zusätzlicher Attraktivität gewann. Die neue gesellschaftliche Offenheit war nämlich keinesfalls Standard im Deutschland oder sogar im Europa der zwanziger Jahre; vielmehr stellte die offene Gesellschaft Berlins einen Sonderfall dar. Aus diesem Grund florierte der „Amüsier-Tourismus“, so kamen vor allem wohlhabende Reisende aus dem Ausland in die Stadt, um zumindest für ein Wochenende ein „lasterhaftes Leben“ zu führen. Berlin war somit nicht nur eine Hochburg für Kunst und Kultur, sondern auch eine Hochburg für einen freizügigen Lebensstil – dieser kostete jedoch Geld, welches in den 1920er Jahren in vielen Haushalten knapp war. Somit ist es fraglich, inwiefern der „Durchschnittsberliner“ dazu in der Lage war, an den in der Stadt gebotenen Amüsements teilzuhaben, denn die kulturelle Blüte machte sich nur minimal wirtschaftlich bemerkbar.[9] Die wirtschaftliche Situation in Berlin und in Deutschland war nach dem verlorenen Krieg und den damit verbundenen Reparationszahlungen alles andere als gut. Nach der Inflation von 1923 hatten die Deutschen ihre Ersparnisse verloren und aufgrund der schlechten Konjunktur waren viele arbeitslos. Das „lasterhafte Leben“ im Berlin der 1920er Jahre war somit ein Luxusleben, an dem nur ein geringer Teil der (Berliner) Bevölkerung teilhaben konnte. Zwar erholte sich die Wirtschaft in den späten zwanziger Jahren, nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 erlebte sie allerdings einen herben Rückschlag, der eine erneute Massenarbeitslosigkeit und große Armut, sowohl in Berlin als auch in Gesamtdeutschland, mit sich brachte.[10]

Bedingt durch die hohe Zahl an Arbeitslosen, aber auch bedingt durch die Regierung, die sich auf keinen klaren politischen Kurs einigen konnte und die der Not in der Bevölkerung nur wenig entgegensetzen konnte, herrschte im gesamten Land große Unzufriedenheit. Die Armut und Unzufriedenheit in der deutschen Bevölkerung versuchten sich die im Reichstag vertretenen Parteien zu Nutze zu machen und instrumentalisierten sie für ihr jeweiliges Parteiprogramm bzw. für ihre jeweilige Ideologie. Vor allem eine Partei profitierte in hohem Maße von der schwachen Wirtschaftslage und der Armut in der Bevölkerung – die NSDAP, der es im Januar 1933 gelang, die Macht zu ergreifen.[11] Die Nationalsozialisten unter der Führung Adolf Hitlers wollten das Deutsche Reich gesellschaftlich und politisch vollkommen umgestalten und alle Bereiche des öffentlichen und des privaten Lebens mit ihrer Ideologie durchsetzen. Dazu gehörte auch die Umgestaltung deutscher Städte, von der Berlin als Hauptstadt und Regierungssitz der Nationalsozialisten in besonders hohem Maße betroffen war.

3. Berlin-Tourismus im Nationalsozialismus

3.1 Berlin als Hauptstadt der NS-Propaganda

Adolf Hitler hielt Berlin nicht nur „für eine politische, sondern vor allem auch für eine architektonische Zumutung. Wie schon 1871 genügte die Stadt nicht mehr den politischen Ansprüchen.“ Die Kommunalpolitik Berlins hatte in den zwanziger Jahren vor allem auf Wohnungsbau gesetzt und weniger auf Repräsentation. Hitlers Versprechen, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen, das ihm auch zur Macht verholfen hatte, bescherte Berlin, wo im Februar 1933 rund 700.000 Menschen arbeitslos waren, vor allem öffentliche Baumaßnahmen, wodurch die Arbeitslosigkeit markant zurückgegangen war.[12] Die Nationalsozialisten setzten hierbei vor allem auf prestigeträchtige Monumentalbauten, so sollte aus Berlin nach der Machtergreifung die „Welthauptstadt Germania“ werden: „Es ist mein unbändiger Wille und Entschluss, Berlin mit jenen Straßen, Bauten und öffentlichen Plätzen zu versehen, die es für alle Zeiten als geeignet und würdig erscheinen lassen werden, die Hauptstadt des Deutschen Reiches zu sein“, verkündete Hitler 1937. Die „Welthauptstadt Germania“ sollte tausend Jahre bestehen. Die überdimensionierten Prachtstraßen und Monumentalbauten nach antikem Vorbild, die der Architekt Albert Speer 1939 vorstellte und deren Fertigstellung bis 1950 geplant war, hätten die chaotisch gewachsene Stadt durch eine symbolisch aufs Höchste aufgeladene ersetzt. Das alte Berlin und seine Geschichte wären nur noch Kulisse für nationalsozialistische Propaganda und Machtdemonstrationen gewesen.[13]

Eine Kulisse für nationalsozialistische Propaganda und Machtdemonstration war Berlin von Beginn der NS-Herrschaft an. Bereits am Tag der Machtergreifung, dem 30. Januar 1933, zogen die Nationalsozialisten in einem Fackelzug durch das Brandenburger Tor. Rund 15.000 NS-Anhänger marschierten sechs Stunden durch die Stadt.[14] In den folgenden Monaten wurden die neuen Machthaber im öffentlichen Raum immer präsenter, beispielsweise in dem sie überall in der Stadt Hakenkreuzflaggen hissten. Am 1. Mai, der von den Nationalsozialisten als „Tag der nationalen Arbeit“ eingeführt worden war, wurde eine große Propagandaveranstaltung inszeniert, aufgrund derer die Anhänger des Regimes aus dem gesamten Reichsgebiet nach Berlin kamen.

[...]


[1] Vgl./Zitat: Interview mit Moritz van Dülmen, in: Berliner Zeitung vom 25.08.2013, aufgerufen am 25.06.2017 unter: http://www.berliner-zeitung.de/berlin/kultur-in-berlin--die-gute-laune-ist-importiert--3012280

[2] Vgl./Zitat: Hochmuth, Hanno: Historische Authentizität im Digitalen Zeitalter. Die Videobustouren in Berlin, in: Bösch, Frank/Sabrow, Martin (Hg.): ZeitRäume. Potdamer Almanach des Zentrums für Zeithistorische Forschung 2015, Göttingen 2015, S. 76-83

[3] Vgl. Stöver, Bernd: Geschichte Berlins, München 2010, S. 22

[4] Vgl./Zitat: Schnurr, Eva-Maria: „Weltstadt in der Pubertät“, in: Der Spiegel Geschichte Nr. 5/2012: Berlin. Die Hauptstadt der Deutschen, S. 38-45; Zitate: S. 40

[5] Vgl./Zitat: ebd.

[6] Vgl. Stöver, S. 35

[7] Vgl. Ring, Peter: Bevölkerung, in: Presse- und Informationsamt des Landes Berlin (Hg.): Berlin Handbuch. Das Lexikon der Bundeshauptstadt, Berlin 1992, S. 237

[8] Vgl./Zitat: Schreiber, Matthias: „Eine Blüte auf Pump“, in: Der Spiegel Geschichte Nr. 5/2012: Berlin. Die Hauptstadt der Deutschen, S. 58

[9] Vgl. Moreck, Curt: Führer durch das lasterhafte Berlin, Leipzig 1931, S. 11-34

[10] Vgl. Schreiber, S. 58-65

[11] Vgl. Jäger, Wolfgang/Keitz, Christiane (Hg.): Geschichte – Von der Antike bis zur Gegenwart, Berlin 2011, S. 404-406, S. 410-415

[12] Vgl./Zitat: Stöver, S. 64

[13] Vgl./Zitate: Klussmann, Uwe: „Kulisse der Propaganda“, in: Der Spiegel Geschichte Nr. 5/2012: Berlin. Die Hauptstadt der Deutschen, S. 82

[14] Vgl. Stöver, S. 60

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Berlintourismus im Nationalsozialismus. Die Entwicklung der Stadt Berlin als Marke
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
Metropole und Moderne. Quellen und Theorien zur Stadtgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V452547
ISBN (eBook)
9783668865600
ISBN (Buch)
9783668865617
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Berlin, Tourismus, Nationalsozialismus, 1930er Jahre, Olympia 1936, Stadtgeschichte
Arbeit zitieren
Melanie Neumeister (Autor:in), 2017, Berlintourismus im Nationalsozialismus. Die Entwicklung der Stadt Berlin als Marke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452547

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