Die mediale Aufarbeitung des Nationalsozialismus am Beispiel des Tagebuchs der Anne Frank


Bachelorarbeit, 2015
39 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 Überblick
1.2 Forschungsstand

2. Anne Franks Leben
2.1 Annes Kindheit
2.2 Die Entstehung des Tagebuchs
2.3 Deportation und Tod

3. Die Veröffentlichung des Tagebuchs
3.1 Anfangsschwierigkeiten
3.2 Der kommerzielle Erfolg und seine Folgen

4. Die mediale Darstellung Anne Franks im Kontext der Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland
4.1 Die Anfänge der BRD
4.2 Anne Frank in den 1950er Jahren
4.3 Anne Frank in den 1960er und 1970er Jahren
4.4 Anne Frank im Schulunterricht seit den 1960er Jahren
4.5 Perspektivenwechsel Ende der 1970er Jahre
4.6 Anne Frank im digitalen Zeitalter
4.7 Anne Frank und der Nationalsozialismus im Film seit 2010

5. Zusammenfassung und Fazit

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einführung

1.1 Überblick

„Ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod“, schrieb Anne Frank am 5. April 1944 in ihr Tagebuch.[1] Das jüdische Mädchen versteckte sich während des Zweiten Weltkriegs gemeinsam mit ihrer Familie mehr als zwei Jahre in einem Amsterdamer Hinterhaus vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. In dieser Zeit führte sie ein Tagebuch, in dem sie zunächst nur ihre persönlichen Gedanken und Gefühle festhielt, das später jedoch die Grundlage für ein Buch über das Leben in den von den Nazis besetzten Niederlanden werden sollte. Tatsächlich wurden Annes Tagebuchaufzeichnungen nach dem Krieg unter dem Titel Das Tagebuch der Anne Frank veröffentlicht. Die Autorin erlebte die Publikation allerdings nicht mehr, da das Versteck von den Nationalsozialisten entdeckt worden war. Daraufhin wurde Anne Frank nach Auschwitz und anschließend nach Bergen-Belsen deportiert, wo sie im Februar 1945 starb.[2] Bis heute wurde Das Tagebuch der Anne Frank etwa 30 Millionen Mal verkauft und in über 70 Sprachen übersetzt.[3] Man findet es auch 68 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung noch immer auf den Bestsellerlisten, aktuell befindet es sich auf Platz 13 der Spiegel -Bestsellerliste für Taschenbücher.[4] Auf der Liste der 100 besten Bücher des 20. Jahrhunderts, die die renommierte französische Tageszeitung Le Monde 1999 herausgegeben hat, findet man Annes Tagebuch auf Platz 19.[5]

Nun stellt sich die Frage, warum Anne Frank und ihr Tagebuch eine so große Berühmtheit erlangt haben. Wie kam es dazu, dass sie zum Synonym für das Leiden und den Tod von Millionen Juden geworden ist?[6] Denn schließlich haben auch andere Holocaustopfer wie beispielsweise Primo Levi (Ist das ein Mensch?) oder Władysław Szpilman (Der Pianist: Mein wunderbares Überleben) Bücher über ihren Leidensweg veröffentlicht. Im Vergleich zu Levis Beschreibungen des KZ-Alltags in Auschwitz oder Szpilmans Schilderungen seines Lebens im Warschauer Ghetto wirken Annes Tagebuchaufzeichnungen aus dem Versteck im Amsterdamer Hinterhaus fast schon harmlos. Dennoch befindet sich Levis Buch weit hinter Franks Tagebuch auf Platz 57 der Bücherliste von Le Monde, Szpilmans Buch befindet sich gar nicht darauf, allerdings wurde es erfolgreich verfilmt.[7] Auch von Anne Franks Leben gibt es mehrere Verfilmungen, die letzte TV-Neuverfilmung wurde im Februar 2015 in der ARD gesendet[8], eine Kino-Neuverfilmung wird momentan produziert und hat voraussichtlich 2016 Premiere.[9] Im Internet ist Anne Frank ebenfalls sehr präsent, beispielsweise wurde ihre offizielle Facebook-Seite von über 2,3 Millionen Benutzern „gelikt“.[10] Bedenkt man, dass soziale Netzwerke wie Facebook vorwiegend von jüngeren Menschen genutzt werden, die niederländische Originalausgabe des Tagebuchs aber bereits 1947 erschienen ist, dann ist es umso erstaunlicher, dass sich im Jahr 2015 die jüngeren Generationen noch immer für Anne Frank interessieren.

Deshalb möchte ich im Folgenden untersuchen, aus welchen Gründen Anne Frank zu einer „Ikone des Holocausts“[11] geworden ist und warum sie seit über 60 Jahren immer wieder in den Medien und in der Öffentlichkeit präsent ist. Dabei werde ich mich auf Annes Rezeptionsgeschichte in der Bundesrepublik Deutschland konzentrieren und analysieren, wie sich der mediale Umgang mit ihr im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat und ob diese „Wandelbarkeit“ Anne Franks der Grund für ihre anhaltende Popularität und mediale Präsenz ist. Außerdem werde ich einen kurzen Überblick über die Mediengeschichte der BRD geben, um aufzuzeigen wie sich der mediale Umgang mit der Holocaust-Thematik über die Jahre hinweg verändert hat.

Zunächst werde ich einen Überblick über Anne Franks Biografie und die Entstehung ihres Tagebuchs geben. Anschließend gehe ich auf die Erstveröffentlichung ihres Tagebuchs ein, wobei ich mich neben der BRD auch auf die USA konzentrieren werde, da der kommerzielle Erfolg des Tagebuchs dort seinen Ursprung hat. Anschließend, im Hauptteil dieser Arbeit, werde ich auf die Rezeptionsgeschichte von Anne und ihrem Tagebuch sowie auf ihre mediale Darstellung eingehen, wobei ich die Mediengeschichte der BRD miteinbeziehen werde. Abschließend werde ich die wichtigsten Punkte, die erklären aus welchen Gründen Anne zu einer Ikone des Holocausts geworden ist, noch einmal zusammenfassen.

1.2 Aktueller Forschungsstand

In den letzten Jahren wurde vorwiegend Anne Franks mediale Darstellung im Internet untersucht, so beschäftigen sich mehrere Aufsätze mit Anne in den sozialen Netzwerken. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie Anne in sozialen Netzwerken wie Facebook dargestellt wird und wie sich der Umgang mit historischen Persönlichkeiten im Allgemeinen durch das Internet verändert hat.[12] Über Anne Franks Rezeptionsgeschichte ist im August 2014 außerdem der Sammelband „Anne Frank – Mediengeschichten“ erschienen, der die Hauptquelle für diese Arbeit sein wird. Darin beschäftigen sich insgesamt siebzehn Autorinnen und Autoren mit „wichtigen Mediatisierungen einer Erzählung, die zum festen Bestandteil der übernationalen Erinnerung an den nationalsozialistischen Völkermord an den europäischen Juden gehört.“[13] Dieser Sammelband ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Anne Frank eine Sonderstellung unter den Opfern des Holocausts einnimmt.

Außerdem wurden erneut Nachforschungen über Annes genaues Todesdatum angestellt. Diese kamen zu dem Ergebnis, dass Anne mit großer Wahrscheinlichkeit bereits im Februar und nicht wie bisher angenommen im März 1945 verstorben ist.[14] Auf ihre Biografie werde ich nun genauer eingehen.

2. Anne Franks Leben

2.1 Annes Kindheit

Annelies Marie Frank, genannt Anne, wurde am 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main geboren. Die Familie ihres Vaters Otto Frank lebte seit mehreren Jahrhunderten in Frankfurt und war eine alteingesessene jüdische Bankiersfamilie.[15] Annes Mutter Edith war eine wohlhabende jüdische Fabrikantentochter aus Aachen. Das Paar heiratete 1925, ein Jahr später kam ihre erste Tochter Margot zur Welt. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, beschlossen die Franks nach Amsterdam auszuwandern. Man wählte die Niederlande, weil das Land im Ersten Weltkrieg neutral geblieben war und deswegen als sicher galt. Außerdem erhielt Otto Frank das Angebot, die niederländische Dependance des Geliermittelherstellers Opekta aufzubauen, womit auch die finanzielle Sicherheit der Familie gewährleistet war.[16] Anne kam erst im Frühjahr 1934 zu ihrer Familie nach Amsterdam, wo sie sich schnell einlebte. Gemeinsam mit ihrer Schwester besuchte sie den Montessori-Kindergarten und anschließend die Montessori-Schule, lernte rasch Niederländisch und hatte einen großen Freundes- und Bekanntenkreis.[17] Zeitzeugen beschreiben sie als „ein eher extrovertiertes Mädchen […] das sich mehr für Spielen und Ausgehen interessierte als für die Schule.“[18] Anne scheint eine glückliche Kindheit gehabt zu haben, sie selbst beschreibt ihr Leben vor dem Untertauchen ebenfalls sehr positiv: „Ein Götterleben, das war es. An jedem Finger fünf Verehrer, ungefähr zwanzig Freundinnen und Bekannte, der Liebling der meisten Lehrer, verwöhnt von Vater und Mutter, viele Süßigkeiten, genug Geld – was will man mehr?“[19]

Von den politischen Entwicklungen im Europa der 1930er Jahre hat Anne wohl nicht allzu viel mitbekommen, bis die Wehrmacht am 10. Mai 1940 in die Niederlande einmarschierte und nach kurzem Krieg das Land besetzte. Die Nationalsozialisten hatten die in die Niederlande emigrierten Juden somit eingeholt und erließen nun, wie in allen von ihnen besetzten Ländern, ihre judenfeindlichen Gesetze. Eines der Gesetze besagte beispielsweise, dass jüdische Kinder nur getrennt von nichtjüdischen unterrichtet werden dürfen, weshalb Anne und ihre Schwester auf das neugegründete Jüdische Lyzeum wechseln mussten. Zudem mussten ab Mai 1942 alle niederländischen Juden den gelben Stern tragen.[20]

2.2 Die Entstehung des Tagebuchs

Am 12. Juni 1942 wurde Anne Frank 13 Jahre alt. Zu ihrem Geburtstag bekam sie ein Tagebuch geschenkt, das sie als eines ihrer schönsten Geschenke bezeichnete,[21] weshalb sie noch am selben Tag mit dem Tagebuchschreiben begann. Ihre ersten Einträge lesen sich wie die typischen Tagebucheinträge eines 13-jährigen Mädchens. Sie schrieb über Ereignisse aus der Schule oder berichtete von Treffen mit ihren Freundinnen und Freunden;[22] noch hatte sie trotz der Einschränkungen durch die deutschen Besatzer ein relativ unbeschwertes Leben.

Dies änderte sich jedoch bald, denn im Sommer 1942 begannen die Nationalsozialisten „Aufforderungen zum Arbeitseinsatz“ an die niederländischen Juden zu verschicken. Die Juden, die eine solche Aufforderung erhielten, mussten sich an einem bestimmten Tag im Durchgangslager Westerbork einfinden, von dort wurden sie unter dem Vorwand Arbeitseinsatz in Deutschland leisten zu müssen, nach Auschwitz deportiert.[23] Nachdem auch Margot Frank eine solche Aufforderung erhalten hatte, beschloss Otto Frank mit seiner Familie schon früher als geplant in dem Versteck unterzutauchen, das er im Hinterhaus seiner Firma eingerichtet hatte, um sich und seine Familie vor den Deportationen zu schützen. Am 6. Juli zog die Familie Frank in das Versteck an der Amsterdamer Prinsengracht, das nicht größer als sechzig Quadratmeter war. Eine Woche später zog das mit den Franks befreundete Ehepaar van Pels mit ihrem Sohn Peter ebenfalls dort ein, im Oktober kam als letzter der Zahnarzt Dr. Fritz Pfeffer hinzu. Die acht Personen versteckten sich über zwei Jahre im Hinterhaus und wurden dabei von den Büroangestellten der Firma versorgt, die als einzige von dem Versteck wussten.

Das Zusammenleben von acht Personen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Charaktereigenschaften war nicht immer einfach. Zudem bestand die ständige Gefahr entdeckt zu werden, da im selben Gebäude immer noch gearbeitet wurde und außer den vier Büroangestellten niemand erfahren durfte, dass sich die Familien im Hinterhaus versteckt hielten. Dies bedeutete, dass sich die Bewohner des Hinterhauses stundenlang leise beschäftigen mussten, was besonders der lebhaften Anne am Anfang schwergefallen ist. Außer Lernen, Lesen und Schreiben blieben ihr nicht viele Beschäftigungen übrig, deshalb widmete sie sich immer stärker ihrem Tagebuch.[24] „Es war ihre einzige Abwechslung und wurde für sie Ersatz für Freunde und gesellschaftliche Kontakte, und zwar so sehr, dass sie ihr Tagebuch personifizierte und dieser fiktiven Freundin sogar einen Namen gab: Kitty.“[25] Anne führte ihr Tagebuch von Anfang an in Briefform, ab dem 20. Juni 1942 schrieb sie an Kitty, einer Figur aus einem niederländischen Jugendroman. Für Anne wurde das Schreiben lebensnotwendig: „Schreiben gab ihr die Möglichkeit, sich darzustellen, aus Wörtern ein Bild von sich und der eigenen Position der Welt zu malen. Ihre wachsende Leidenschaft fürs Schreiben, die sich später fast zur Besessenheit steigerte, lässt sich vor allem durch ihre Einsamkeit und ihr Zurückgeworfen sein auf sich selbst erklären.“[26] Aufgrund ihrer besonderen Lebenssituation entwickelte sich Anne außerdem sehr schnell vom Kind zur jungen Frau. Dies lässt sich auch an ihren Tagebucheinträgen erkennen, so schrieb sie in der Anfangszeit des Untertauchens hauptsächlich über die Konflikte mit ihrer Mutter und den anderen Bewohnern des Hinterhauses, bei denen sie selbst nur wenig Einsicht zeigte. Ab 1944 lässt sich jedoch erkennen, dass Anne ein selbstkritisches und reflektiertes Bild von sich selbst bekommen hatte und die ehemalige Anne Frank als „ein nettes, witziges, aber oberflächliches Mädchen, das nichts mehr mit mir zu tun hat“[27] beschreibt. Zu dieser Zeit begann auch ihre Liebesbeziehung mit Peter van Pels, an deren Schilderung man ebenfalls Annes Entwicklung vom Mädchen zur Frau erkennen kann.

Allerdings schrieb Anne nicht nur über ihre persönliche Entwicklung, sondern auch über das alltägliche Zusammenleben im Hinterhaus, den Kriegsverlauf oder von ihrer Angst davor entdeckt und deportiert zu werden. Als sie Anfang 1944 in der BBC die Rede eines Ministers der niederländischen Exilregierung hörte, welcher sagte, dass man nach dem Krieg sämtliche Dokumente sammeln und veröffentlichen würde, die die Leiden des niederländischen Volkes während der deutschen Besatzung dokumentieren, beschloss Anne ihr Tagebuch zu überarbeiten. Zu dieser Zeit hatte sie bereits den Entschluss gefasst, später Journalistin und Schriftstellerin zu werden. Sie begann ihr Tagebuch ab- und umzuschreiben, lies Passagen weg die sie im Nachhinein als unwichtig erachtete oder fügte Ergänzungen zu Passagen, die ihr wichtig erschienen, hinzu. Parallel dazu führte sie ihr eigentliches Tagebuch weiter, ihren letzten Eintrag schrieb sie am 1. August 1944, danach endet Annes Tagebuch.[28]

2.3 Deportation und Tod

Am Morgen des 4. August 1944 wurden die acht Untergetauchten verhaftet. Fest steht, dass sie verraten wurden, es konnte aber bis heute nicht geklärt werden, wer sie verraten hat.[29] Zunächst wurden die Untergetauchten in das Sammellager nach Westerbork gebracht, von wo aus jede Woche Juden in die polnischen Vernichtungslager deportiert wurden. Mit dem letzten Zug der von den Niederlanden aus nach Polen ging, wurden alle Acht am 3. September nach Auschwitz deportiert. Otto Frank wurde von seiner Frau und seinen Töchtern getrennt. Anne, Margot und Edith Frank konnten zunächst zusammenbleiben und kamen in das Frauenlager Birkenau, wo sie etwa zwei Monate blieben, bis Anne und Margot nach Bergen-Belsen deportiert wurden. Edith Frank starb am 6. Januar 1945 an Hunger und Erschöpfung.

Bergen-Belsen galt eigentlich als „besseres“ Lager, weil es kein Vernichtungslager mit Gaskammern war. Jedoch waren die Lebensbedingungen im letzten Kriegswinter so schlecht, dass die Lagerinsassen noch mehr als zuvor hungern mussten und sich Krankheiten noch schneller ausbreiten konnten. Hinzu kam, dass die Lager im Osten geräumt wurden, weil die Alliierten vorrückten und sie möglichst keine Spuren der Juden und ihrer Vernichtung vorfinden sollten, weshalb deutsche Lager wie Bergen-Belsen vollkommen überfüllt waren. Die SS-Wachen beschränkten sich nur noch auf die Bewachung des Lagers, damit niemand fliehen konnte, ansonsten waren die Häftlinge in der Schlussphase sich selbst überlassen. In Bergen-Belsen traf Anne Hannah Pick-Goslar, eine ehemalige Schulfreundin, wieder. „Das war nicht dieselbe Anne, die ich gekannt habe. Sie war ein gebrochenes Mädchen“, stellte diese beim ersten Wiedersehen mit ihr fest. Bei dem Treffen am Lagerzaun erzählte ihr Anne: „Wir haben überhaupt nichts zu essen hier, fast nichts, und wir frieren, wir haben überhaupt keine Kleider, und ich bin sehr mager, und man hat mich kahlgeschoren.“ Die beiden trafen sich noch etwa drei- oder viermal am Zaun, danach sah Hannah Anne nie wieder. Aufgrund der Überbelegung des Lagers breitete sich eine Typhusepidemie aus,[30] an der Margot und kurze Zeit später Anne Frank im Februar 1945 starben.[31] Von den acht Untergetauchten hat nur Otto Frank den Holocaust überlebt…

3. Die Veröffentlichung des Tagebuchs

3.1 Anfangsschwierigkeiten

Otto Frank, der bis zur Befreiung des Lagers am 27. Januar 1945 in Auschwitz inhaftiert war, kehrte im Sommer 1945 nach Amsterdam zurück. Das ehemalige Versteck im Hinterhaus war nach der Verhaftung der Untergetauchten von den Nationalsozialisten geplündert worden, sie hatten jedoch Gegenstände, die sie für unwichtig hielten, zurückgelassen. Zu diesen Gegenständen zählten auch Annes Tagebuchaufzeichnungen, die aus dem Tagebuch, das sie zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, zwei Heften und mehr als 200 losen Blättern bestehen. Miep Gies, eine der Helferinnen, nahm diese Aufzeichnungen an sich, um sie nach dem Krieg Anne zurückgeben zu können. Als jedoch feststand, dass Anne den Holocaust nicht überlebt hat, übergab sie Otto Frank die Tagebuchaufzeichnungen. Er begann daraufhin Annes Tagebuch zu lesen; „das Werk einer Tochter, die er nie richtig gekannt hatte.“[32] Beim Lesen des Tagebuchs stellte er fest, dass Anne wollte, dass ihr Tagebuch veröffentlicht wird.

Daraufhin begann Otto Frank ein Manuskript aus den Tagebuchaufzeichnungen zu erstellen. Dabei verwendete er sowohl Textpassagen aus Annes Originaltagebuchaufzeichnungen, der sogenannten Version a und den von Anne selbst überarbeiteten Aufzeichnungen, der Version b des Tagebuchs. Otto Frank entnahm aus beiden Versionen Textpassagen, weil er der Auffassung war, dass bestimmte Einträge die Anne ausgelassen hatte, das Tagebuch lesenswerter machen würden. Darunter fiel beispielsweise die Schilderung der Liebesbeziehung zu Peter van Pels, die Anne ausgelassen hatte, nachdem ihre Gefühle für Peter nachgelassen hatten. Otto Frank war jedoch der Auffassung, „dass die Liebesgeschichte zweier unschuldiger Jugendlicher den Charme des Buches erhöhte.“[33] Allerdings ließ er Textpassagen aus, in denen sich Anne zu negativ über die anderen Bewohner des Hinterhauses geäußert hatte. Des Weiteren ließ er auch jene Passagen weg, in denen Anne ihre körperliche Entwicklung sehr detailliert beschrieben hatte, weil es in den 1940er Jahren noch nicht üblich war, offen über die Themen Pubertät und Sexualität zu schreiben.[34]

Das von Otto Frank entworfene Manuskript, die Version c des Tagebuchs, ist die Version, die schließlich veröffentlicht wurde. Nachdem die vorläufige Fassung fertig war, zeigte er diese bei mehreren Amsterdamer Verlagen vor. Zunächst gelang es ihm allerdings nicht, einen Verleger dafür zu finden, denn man befürchtete, dass das Buch in der niederländischen Bevölkerung zu schmerzvolle Erinnerungen an den Krieg wachrufen würde. Erst als die Zeitung Het Parool das Manuskript lobend erwähnte, bot der Amsterdamer Contact Verlag an, Annes Tagebuch zu veröffentlichen. Daraufhin erschien 1947 die Erstausgabe des Tagebuchs unter dem Titel Het Achterhuis (dt. Das Hinterhaus).[35] Von dem Buch wurden bis 1950 etwa 9.000 Exemplare verkauft,[36] was für die damalige Zeit und für ein Land von der Größe der Niederlande relativ erfolgreich war.

[...]


[1] Zitat: Frank, Anne/Anne Frank Fonds (Hg.): Anne Frank Gesamtausgabe. Bonn/Basel /Frankfurt 2013,

[2] Vgl. Annes Biografie auf der Internetpräsenz des Anne Frank Hauses: http://www.annefrank.org/de/Anne-Frank/Anne-Franks-Geschichte-im-Uberblick/

[3] Vgl. Internetpräsenz des Instituts für Niederlandistik der Uni Münster: http://www.uni-muenster.de/NiederlandeNet/nl-wissen/geschichte/personen/frank.html

[4] Vgl. Spiegel -Bestsellerliste für Taschenbücher (Woche 25/2015): http://www.spiegel.de/kultur/spiegel-bestseller-taschenbuecher-a-458992.html

[5] Vgl. Bücherliste von Le Monde: http://www.lemonde.fr/archives/article/1999/10/15/ecrivains-et-choix-sentimentaux_3570170_1819218.html?xtmc=&xtcr=6

[6] Vgl. Frieden, Kristin: „Meine Freundin, Anne Frank.“ Die Medialisierung Anne Franks zur Facebook-Ikone, in: Seibert, Peter/Piper, Jana/Meoli, Alfonso (Hg.): Anne Frank – Mediengeschichten. Berlin 2014,

[7] Vgl. Informationen über die Verfilmung von Der Pianist: http://www.spiegel.de/kultur/kino/reich-ranicki-ueber-polanskis-pianist-er-hat-es-meisterhaft-gemacht-a-219327.html

[8] Vgl. Informationen über die Anne Frank TV-Verfilmung: http://www.daserste.de/unterhaltung/film/filmmittwoch-im-ersten/sendung/meine-tochter-anne-frank-100.html

[9] Vgl. Informationen über den Anne Frank Kinofilm: http://www.dw.de/tagebuch-der-anne-frank-wird-verfilmt/a-18225175

[10] Vgl. Facebookprofil von Anne Frank: https://www.facebook.com/annefrankauthor?fref=ts

[11] Vgl. Frübis, Hildegard: (Kinder-)Ikonen des Holocausts, in: Seibert, Peter/Piper, Jana/Meoli, Alfonso (Hg.): Anne Frank – Mediengeschichten. Berlin 2014, S.13

[12] Vgl. Burkhardt, Hannes: Anne Frank auf Facebook. Erinnerungskulturen im Social Web zwischen Trivialisierung und innovativer Erinnerungsarbeit, in: Seibert, Peter/Piper, Jana/Meoli, Alfonso (Hg.): Anne Frank – Mediengeschichten. Berlin 2014

[13] Vgl./Zitat: Seibert, Peter/Piper, Jana/Meoli, Alfonso (Hg.): Anne Frank – Mediengeschichten. Berlin 2014, Klappentext

[14] Vgl. Artikel über die Nachforschungen zu Anne Franks genauem Todesdatum: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/21951

[15] Vgl. Pressler, Mirjam: Ich sehne mich so: Die Lebensgeschichte der Anne Frank. Berlin 1992,-52

[16] Vgl. Pressler, Mirjam/Elias, Gertrude: „Grüße und Küsse an alle“ – Die Geschichte der Familie von Anne Frank. Frankfurt 2009,-133

[17] Vgl. Pressler, Die Lebensgeschichte der Anne Frank,-71

[18] Zitat: Pressler, Mirjam: Anne Franks Leben, in: Frank, Anne/Anne Frank Fonds (Hg.): Anne Frank Gesamtausgabe. Bonn/Basel/Frankfurt 2013,

[19] Vgl. Tagebucheintrag vom 7. März 1944,

[20] Vgl. Pressler, Die Lebensgeschichte der Anne Frank,-66

[21] Vgl. Tagebucheintrag vom 14.06.1942,

[22] Vgl. Pressler, Anne Franks Leben,

[23] Vgl. Internetpräsenz des Instituts für Niederlandistik der Uni Münster: http://www.uni-muenster.de/NiederlandeNet/nl-wissen/geschichte/vertiefung/judenverfolgung/deportationen.html

[24] Vgl. Pressler, Anne Franks Leben,-511

[25] Zitat: ebd.,

[26] Zitat: ebd.

[27] Zitat/Vgl. Tagebucheintrag vom 7.03.1944,

[28] Vgl. Pressler: Anne Franks Leben,

[29] Vgl. Pressler: Anne Franks Leben,

[30] Vgl./Zitate: Lindwer, Willy: Anne Frank: die letzten sieben Monate; Augenzeuginnen berichten. Frankfurt 1990/2013,-21,-48

[31] Vgl. http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/21951

[32] Vgl./Zitat: Prose, Francine: Die Rezeptionsgeschichte, in: Frank, Anne/Anne Frank Fonds (Hg.): Anne Frank Gesamtausgabe. Bonn/Basel/Frankfurt 2013,

[33] Zitat: ebd.,

[34] Vgl. Kirschnick, Sybille: Anne Frank und die DDR – Politische Deutungen und persönliche Lesearten des berühmten Tagebuches. Berlin 2009,

[35] Vgl. Prose,-542

[36] Vgl. Pressler, Die Lebensgeschichte der Anne Frank,

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Die mediale Aufarbeitung des Nationalsozialismus am Beispiel des Tagebuchs der Anne Frank
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
39
Katalognummer
V452702
ISBN (eBook)
9783668850927
ISBN (Buch)
9783668850934
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anne Frank, Holocaust, Nationalsozialismus, Tagebuch, Mediengeschichte der BRD, NS-Opfergedenken, NS-Opfer
Arbeit zitieren
M.A. Melanie Neumeister (Autor), 2015, Die mediale Aufarbeitung des Nationalsozialismus am Beispiel des Tagebuchs der Anne Frank, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452702

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