Erlebnispädagogik. Erleben anstatt Reden?


Hausarbeit, 2018

18 Seiten, Note: 1,0

Anna Linde (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1 EINLEITUNG

2 HISTORIE DER ERLEBNISPADAGOGIK
2.1 Platon und Aristoteles - Von den Philosophen zu den Reformpadagogen
2.2 Jean Jacques Rousseau und Henry David Thoreau
2.3 Kurt Hahn
2.3.1 Die vier Verfallserscheinungen und vier Methoden der Erlebnistherapie nach Hahn
2.3.2 Die Sieben Salemer Gesetze

3. ANWENDUNG DER ERLEBNISPADAGOGIK HEUTE
3.1 Lernzonenmodell
3.2 Wirkungsmodelle / Transfermodelle
3.2.1 „The Mountain speaks for Themselves"
3.2.2 „Outward Bound Plus"
3.2.3 Das metaphorische Modell
3.3 Bezug zur Sozialen Arbeit und der Erziehung

3 FAZIT

4 LITERATURVERZEICHNIS

Verzeichnis der Abbildungen

Abb. 1: Waage der Erlebnispadagogik

Abb. 2: Lernen zwischen Komfort- und Panikzone

Verzeichnis der Tabellen

Tab. 1: Erlebnistherapie nach Hahn

Verzeichnis der Abkurzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Erdachtes mag zu denken geben, doch nur Erlebtes wird beleben." - Was verbindet dieses Zitat von Paul Heyse (1830 - 1914) mit der Erlebnispadago- gik?

Aufbauend auf die Erkenntnisse von Platon, Rousseau, Thoreau und Hahn, soil in dieser Hausarbeit ein Einblick in die heute angewandte Methode der Erlebnispadagogik in der sozialen Arbeit gegeben werden.

Erlebnispadagogik ist ein methodischer Ansatz, der sich an einzelne Jugend- liche, aber auch an Gruppen und zunehmend an Erwachsene richtet. (vgl. Erhardt, 2013, S. 120) Sie „ist eine handlungsorientierte Methode und will durch exemplarische Lernprozesse, in denen junge Menschen vor physi- sche, psychische und soziale Herausforderungen gestellt werden, diese in ihrer Personlichkeitsentwicklung fordern und sie dazu befahigen, ihre Le- benswelt verantwortlich zu gestalten." (Heckmair; Michl 2012, S. 115) Dieses Handeln beinhaltet alle „lmplikationen und Konsequenzen bei moglichst ho- her Echtheit von Aufgabe und Situation in einem Umfeld, das experimentie- rendes Handeln erlaubt, sicher ist und den notwendigen Ernstcharakter be- sitzt." (Hufens 1993, zitiert in Galuske 2013, S. 256)

Schad und Michl fugen der Definition hinzu: dass die Erlebnispadagogik in der Regel unter freiem Himmel stattfindet, haufig die Natur als Lernfeld ver- wendet, mit Herausforderungen und subjektiven Grenzerfahrungen arbeitet und sie als Medien eine Mixtur von klassischen Natursportarten, speziellen kunstlichen Anlagen sowie eine Palette von Vertrauensubungen und Pro- blemlosungsaufgaben benutzt. (vgl. Schad; Michl 2004, zitiert in Michl 2015, Seite 11f)

Als entscheidend stellt Michl die Reflexion des Erlebten heraus: „Was wurde gelernt und wie wirkt es sich auf den personlichen und beruflichen Alltag aus?“ (ebd., zitiert in Michl 2015, S. 12) Die Notwendigkeit des Transfers des personlich und subjektiv Erlebten soil anhand des Transfermodells unter- sucht werden.

„Das erlebnispadagogische Handlungsarrangement stellt sozusagen eine scheinbar apersonale erzieherische Struktur dar (...).“ (Brenner 1993, zitiert in Galuske 2013, S. 257) Brenner meint damit ein Pendant zum klassischen Erziehen, das folgendermaGen definiert werden kann: In der Erziehung wird soziales Handeln durch beabsichtigte Lernprozesse angeregt und unter- stutzt, was sich in der Regel vom Erwachsenen an den Heranwachsenden richtet und auf eine dauerhafte Veranderung seines Verhaltens abzielt. (vgl. Hocke; et al. 2012, S. 20) In der Erlebnispadagogik bedeutet das: „die ge- zielte und absichtsvolle Planung und Realisierung von Angeboten, (..) aber auch die Beteiligung von erlebnispadagogisch geschulten Personal." (Galus­ke 2013, S. 257) Allem zugrunde liegt das Lernen, das aus lernpsychologi- scher Sichtweise ein Erfahrungsprozess ist. (vgl. Klein 1996, zitiert nach Bo- demann; et al. 2011, S. 14) Dieser Prozess „bezieht sich auf motorische, physiologische, kognitive Oder emotionale Reaktionen." (vgl. Koglin; Peter- mann 2012, S. 337)

Wie ist es also der Erlebnispadagogik moglich neue Verhaltensweisen zu er- kennen und zu etablieren, welche Grenzen sind ihr gesetzt und welche Be- deutung wird dieser Methode in der Sozialen Arbeit heute beigemessen?

2 Historie der Erlebnispadagogik

2.1 Platon und Aristoteles - Von den Philosophen zu den Reformpadagogen

Bereits Platon (427-347 v. Chr.) ging von einem ganzheitlichen Menschenbild aus und maG der Erfahrung einen besonderen Stellenwert bei. Seine Denke befasste sich damit, durch erfolgreiche Bildung und Erziehung den Men- schen und somit die Gesellschaft „von innen heraus" zu verandern. Eine na- turliche Umgebung, abseits von spannungsvollen und konfliktgeladenen Be- reichen des Lebens, spielte dabei eine groGe Rolle. (vgl. Fischer; Ziegen- speck 2000, zitiert in Fengler 2007, S. 7) Der ganze Mensch wird also betrachtet, mit Kopf, Herz und Hand. Das bedeutet die Einbeziehung der Psy­che, des Intellektes und des Korpers, damit erfolgreiches Lernen moglich ist. (vgl. Reiners 1995, S. 12)

Aristoteles (384-322 v. Chr.) war uberzeugt, dass „Menschen mit Erfahrung mehr Aussicht auf Erfolg hatten, als jene, die uber theoretisches Wissen, je- doch keine Erfahrung verfugen." (Reiners 1995, S. 15)

Trotzdem herrschte in der Zeit des Rationalismus im 16. Jahrhundert das Weltbild in Form von Verstand und Denken vor, welchem die Anhanger des Empirismus widersprachen und die Erfahrung als Rechtfertigung von Er- kenntnis annahmen.

Erst in der Zeit der Reformpadagogik (1890-1930) versuchte der amerikani- sche Padagoge, John Dewey (1859-1952), die philosophisch empirischen und rationalistischen Sichtweisen zu verbinden: „Die Erfahrung wird zuerst mit Hilfe der Sinne wahrgenommen, jedoch dann durch Verstand verarbeitet und so fur das Wachsen der Personlichkeit genutzt." (Reiners, 1995, S. 12) Deweys Ansatzpunkt ist das Lernen durch die selbstgesteuerte Erfahrung: daher der Wortgebrauch 'Learning-by-doing', (vgl. Fengler 2007, S. 9) Er grundete 1896 die erste Versuchsschule und erganzte das institutionelle Ler­nen in Schulen mit ihren Bibliotheken, Werkstatten und Schulgarten mit 'field trips', Exkursionen in Museen und in die Natur. (vgl. ebd., S. 9)

2.2 Jean Jacques Rousseau und Henry David Thoreau

Als Vordenker der Erlebnispadagogik bezeichnen Heckmair und Michl die franzosischen und amerikanischen Philosophen, Jean Jacques Rousseau (1712-1778) und Henry David Thoreau (1817-1862). (vgl. Michl 2015, S. 20) Rousseau wendet sich dem Individuum und seinen inneren Empfindungen zu. Seine Hauptwerke nach der Zeit der Aufklarung sind im Jahr 1762 „Der Gesellschaftsvertrag Oder die Grundsatze des Staatsrechts" und „Emile Oder uber die Erziehung" im Jahr 1975. (vgl. Michl 2015, S. 20) In Rousseaus ,,Staats- und Gesellschaftsphilosophie sind Padagogik und Politik eng verzahnt, daher braucht sie den neuen Menschen, wie ihn Rousseau in „Emile“ beschreibt." (Michl 2015, S. 21) „ Die Natur Oder die Menschen Oder die Din- ge erziehen uns. Die Natur entwickelt unsere Fahigkeiten und unsere Krafte; die Menschen lehren uns den Gebrauch dieser Fahigkeiten und Krafte. Die Dinge aber erziehen uns durch Erfahrung, die wir mit ihnen machen, und durch die Anschauung." (Rousseau 1971, zitiert in Fengler 2007, S. 8) Ziel ist die Erziehung ohne Erziehung. Der Mensch macht seine Erfahrungen sel- ber und lernt die Konsequenzen seines Handelns kennen, wobei der Erzie- her lediglich ein Anwalt der Bedurfnisse des Kindes ist. In der Aufklarung steht der Appell an die Vernunft im Vordergrund. Rousseau erganzt dem Ra­tio: Emotionen, Sinnlichkeit, Erlebnisse und die eigene Erfahrung. (vgl. Michl 2015, S. 22) „Rousseau entdeckte die Lebensphase Kind. Erlebnisse und Abenteuer in der Natur und die Auseinandersetzung mit ihr sind die treiben- de erzieherische Kraft. (...) Damit hat Rousseau die Grundmauern zum er- lebnis- und handlungsorientierten Lernen geschaffen." (Michl 2015, S. 22) Rousseau ermahnt die Lehrerzu einem Unterrichtsprinzip aus Handlung und Erfahrung. (vgl. Reiners 1995, S. 16)

Daniel Defoes (1660-1731) „Robinson Crusie" (1971) erfullt dieses Erzie- hungskonzept (vgl. Michl 2015, S. 21) und durfte gleichermaGen eine Inspi­ration fur Thoreaus Experiment (1845-1848), in einer selbst erbauten Hutte am Waldensee in Neuengland allein und zuruckgezogen zu leben, gewesen sein. (vgl. Fischer und Ziegenspeck 2000, zitiert in Fengler 2007, S. 8) Tho­reaus „Selbsterziehung an den unmittelbaren Tatsachen der naturlichen Le- bensgrundlagen wurde fur ihn (...) zu einer lebendigen Erfahrung" (Fischer und Ziegenspeck 2000, zitiert in Fengler 2007, S. 8) und zugleich zielte das Experiment darauf ab, ohne der kommunistischen Utopie, der kapitalisti- schen Ideologie und der politischen Weltanschauung hin zu den eigentlichen Bedurfnissen des Menschen zu gelangen: also weg von gesellschaftlichen Zwangen hin zu Mensch und Natur. Thoreau verband wie Rousseau die pad- agogische Praxis mit der politischen Weltanschauung, (vgl. Michl 2015, S. 22, 23) Ein pragendes Wort Thoreaus ist: „Jedes Kind fangt im gewissen Sinn die Welt von vorne an und ist am liebsten im Freien, selbst bei Nasse und Kalte." (Thoreau 1971, zitiert in Michl 2015, S. 24) Michl beschreibt Tho­reau als Aussteiger, Padagoge, Poet und als Tiefenpsychologe, der ,,allen unnotigen zivilisatorischen Ballast auf dem Weg zum Unbewussten, zur Erkenntnis und zum gegluckten Leben abwerfen will." (Michl 2015, S. 24) Thoreaus Werk soil Inspiration fur das Solo-Experience, mehrere Tage allein in der Natur zu verbringen, der amerikanischen Adventure Education gewesen sein. (vgl. ebd., S. 24)

2.3 Kurt Hahn

Der Reformpadagoge, Kurt Hahn (1886-1974), gilt als Begrunder der Erleb- nispadagogik. Er integrierte erlebnispadagogische Elemente im Tagesablauf der Internatserziehung im baden-wurttembergischen Schloss Salem, (vgl. Michl 2015, S. 25 und Erhardt 2013, S. 120) Auf Hahn sind die Landerzie- hungsheime zuruckzufuhren. Er greift zuruck auf seine Kindheitserfahrun- gen, die Padagogik, Philosophie, Psychologie und somit auch auf die Erfah- rungen von Platon, Goethe, Lietz und den public schools. Seine sogenannte „Erlebnistherapie“ soil dem Verfall der Gesellschaft durch padagogische Pra­xis entgegnen. Es stellt sich die Aktualitat und die Bedeutung fur die heutige Soziale Arbeit aus seinen vier Therapien heraus: korperliches Training, Ex- peditionen, Projekte und Dienste am Nachsten konnen Losungsansatze fur Probleme, wie Adipositas, Passivitat durch neue Medien, Defizite bei sozia- len Kompetenzen Oder Umgang mit delinquenten Jugendlichen usw. sein.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Erlebnispädagogik. Erleben anstatt Reden?
Hochschule
Fachhochschule Dresden
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V455827
ISBN (eBook)
9783668885097
ISBN (Buch)
9783668885103
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erlebnispädagogik, Hahn, Sozialpädagogik, Wissenschaft, Profession, Rousseau, Thoreau, Die Sieben Salemer Gesetze, Lernzonenmodel, Transfermodell, The Mountain speaks for Themselves, Outward Bound, Das metaphorische Modell, Historie
Arbeit zitieren
Anna Linde (Autor), 2018, Erlebnispädagogik. Erleben anstatt Reden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455827

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