Leid als Quelle der Lust

Eine Untersuchung des Masochismusmotivs anhand Leopold von Sacher-Masochs "Venus im Pelz" und Elfriede Jelineks "Die Klavierspielerin"


Bachelorarbeit, 2018

45 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Begriffsbestimmungen
2.1 Sadismus
2.2 Masochismus

3.Masochismusmotiv in der Literatur

4.Leopold von Sacher-Masochs „Venus im Pelz“
4.1 Der Sklave und seine Despotin
4.2 Die Leidenschaft für Pelz
4.3 Masochismus – Fantasie oder Realität?

5 Elfriede Jelineks „Die Klavierspielerin“
5.1 Das Tier und seine Dompteurin
5.2 Sexuelle Obsessionen und selbstverletzendes Verhalten
5.3 Masochismus – Fantasie oder Realität?

6.Resümee

7.Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Wohin entwickelt sich das Liebesleben im 21. Jahrhundert? Sexualität und Fortpflanzung rücken immer weiter auseinander. Die sexuelle Revolution hat nicht die große Befreiung, aber etliche Freiheiten gebracht: Der Mensch der Zukunft wählt zwischen vielen Rollen- und Sexspielvarianten [Hervorhebung im Original].

Mit großer Gelassenheit bewegt sich der Zeitgenosse durch die mit Reizen hoch gesättigte Sphäre des öffentlichen Sex. Auf der Straße begegnet er Gestalten, die sich sexy inszenieren, die Werbung konfrontiert ihn mit raffiniert präsentierten Körpern, in den visuellen Medien konsumiert er schamlose Bekenntnisse und Schaustücke.

Beim Anblick eines Softpornos im Fernsehen wären seine Vorfahren nicht so gelassen gewesen: Der wilhelminische Mann hätte vermutlich die Kontrolle verloren, die Gattin sich von dem Schock kaum erholt. Der moderne Typus des Flaneurs ist eher gelang- weilt, vielleicht auch dazu animiert, nach anderer Erregung zu suchen.1

Wir befinden uns in einem Zeitalter, in dem der Mensch kontinuierlich mit Medien im Alltag konfrontiert wird. Sei es das Fernsehen, Internet, Filme oder Zeitschriften, sie haben allesamt eines gemeinsam: das Ziel einen bestimmten Eindruck beim Empfänger zu hinterlassen. Aus diesem Grunde wird sich in großen Teilen der Werbebranche, mit deutlicher Tendenz zur Steigerung in den vergangenen Jahrzehnten, unaufhörlich, ebenso wie vollkommen unge- niert dem Motto „Sex sells“ bedient. Zu Beginn mochte man mit diesem Einfall lediglich provozieren und herausragen. Allerdings führte die Omnipräsenz der sexualisierten Dar- stellungen von Frauen und Männern zu einer unvermeidlichen Enttabuisierung und einer zeitgleich damit einhergehenden Entsensibilisierung in Hinsicht auf das Thema Sex. Allem Anschein nach besaßen wahrlich die verbotenen und tabuisierten sexuellen Bedürfnisse eine immense Triebkraft.

Aus diesem Anlass widmet sich die vorliegende wissenschaftliche Arbeit einer Thematik, welche weiterhin in der heutigen Zeit als Tabuthema gilt. Es handelt sich hierbei um eine pikante sexuelle Vorliebe, die keinesfalls gleichermaßen bei allen Personen auftreten muss, jedoch nach dem Psychologen Sigmund Freund in jedem Menschen hervorgerufen werden kann: der Masochismus.

Anhand von zwei auserwählten Printmedien aus dem europäischen Raum soll das Motiv des Masochismus in der Literatur verglichen werden. Die Novelle „Venus im Pelz“ aus dem Jahre 1886 gilt hierbei als Urquelle der Thematik und dient dementsprechend der Veranschau- lichung des erstmaligen Verständnisses der Begrifflichkeit. Daraufhin folgt der Roman „Die Klavierspielerin“ 1983 nach einer Zeitspanne von knapp einem Jahrhundert und verdeutlicht den unerschöpflichen Facettenreichtum des Masochismusbegriffes. Der Terminus umfasst nicht ausnahmslos Demütigung, Unterwerfung und Fetisch-Objekte nach der Auffassung des Werkes „Venus im Pelz“, sondern äußert sich vielmehr in den verschiedensten Formen.

Im weiteren Verlauf der Arbeit soll diese Auffassung dargestellt, wie auch belegt werden. Zu diesem Zwecke werden hieraufhin Analogien, ebenso wie Homologien zwischen den litera- rischen Werken unter besonderer Berücksichtigung der unterschiedlichen Epochen und ge- sellschaftlichen Strukturen aufgeführt, welche wohlgemerkt fortwährend einen erheblichen Einfluss auf die Literaturgeschichte ausüben.

Zu Beginn wird in dem Kapitel „Begriffsbestimmungen“ ein umfassender Einblick in die Thematik gewährt. Das Hauptaugenmerk richtet sich hierbei auf die sexuellen Anomalien Sadismus und Masochismus, sowie ihrem geschichtlichen Hintergrund. Der Psychiater Richard von Krafft-Ebing führte beide Begriffe erstmals in seinem 1886 publizierten Werk „Psychopathia sexualis“ ein, welches seither als Standardlehrbuch in der Pathologie hono- riert wurde. Doch mit der Publikation des Werkes wurden zugleich Autoren wie Leopold von Sacher-Masoch oder Marquis de Sade zu den Leidtragenden, da sie unwillentlich als Na- mensgeber für die darin aufgeführten Paraphilien fungierten. An dieser Stelle wird gleicher- maßen eine explizite Auseinandersetzung mit dem Sadismus bewilligt, da der Masochist eines Gegenübers bedarf, welcher gewillt ist diesem Leid zur Befriedigung seiner lüsternen Fantasien zuzufügen. Infolgedessen befindet sich dieser in einem gewissen Abhängigkeits- verhältnis zum Sadisten, welches die aufgeführten Werke im weiteren Verlauf der Arbeit zweifellos belegen werden.

Der Gliederungspunkt „Masochismus in der Literatur“ dient darüber hinaus einer Aufdeckung seiner einstweilen mangelnden literarischen Thematisierung, wie der bevorstehenden Ge- genüberstellung der Vermittlung des Masochismus als zentrales Motiv in der Lyrik.

Das vierte Kapitel „Leopold von Sacher-Masochs ‚Venus im Pelz‘“ befasst sich daraufhin explizit mit den jeweiligen biografischen Hintergrundinformationen und berücksichtigt die gesellschaftlichen Strukturen des 19.Jahrhunderts, desgleichen wie das allgegenwärtige tra- ditionelle Machtverhältnis zwischen Mann und Frau. Severin unterwirft sich als Protagonist der Novelle bereitwillig der Frau, wobei sich nach der Vorstellung der Gesellschaft die Frau naturgemäß zu unterwerfen habe. Dennoch bricht dieser die konventionellen Schranken und empfindet währenddessen den höchstmöglichen Genuss darin, von seiner grausamen Despotin gepeinigt zu werden. Die Beweggründe des Protagonisten werden explizit veran- schaulicht, zudem wie die sprachstilistische Darstellung des Masochismusmotivs. Unter dem Punkt „Masochismus – Fantasie oder Realität?“ wird schlussendlich analysiert, inwiefern die Verwirklichung Severins intimer Fantasien seinen Anforderungen gerecht werden konnten.

Mit der Einleitung des nachfolgenden Kapitels „Elfriede Jelineks ‚Die Klavierspielerin‘“ wird zeitgleich eine neue Epoche eingeführt, welche sich durch die Errungenschaften der Eman- zipation und Aufklärung auszeichnet. Dies lässt sich anhand einer Gegenüberstellung der Darstellungsweise des Masochismusmotivs in beiden Werken ausgezeichnet veranschau- lichen. Erstmals bekennt sich eine Protagonistin gegenüber dem Manne freimütig zu ihren masochistischen Fantasien. Jelinek bedient sich hierfür inhaltlicher, wie auch sprachstilis- tischer Mittel, die von Grund auf von jenen Sacher-Masochs abweichen. Nach dem Vorbild des Aufbaus des vorangegangen Kapitels sollen an dieser Stelle ebenso die Beweggründe, wie auch die Äußerungsformen dieser speziellen Vorliebe verdeutlicht werden.

Abschließend wird das Resümee die Entwicklung und Entfaltung des Masochismusmotivs in der Literatur zusammenfassend darstellen, unter der Berücksichtigung des immensen Ein- flussfaktors der jeweiligen Epoche.

2.Begriffsbestimmungen

Die Sexualität des Menschen kann sich in den verschiedensten Spielarten äußern und entfalten. Im Normalfall lassen sich die sexuellen Bedürfnisse eines Individuums befriedigen, ohne dabei jegliche Form von Schmerz zu verursachen. Doch in besonderen Fällen ist das intentionale Auslösen von Leid durchaus erwünscht, es wird geradezu zur Stimulation der Bedürfnisse vorausgesetzt, die sich von nun an als Fluch und Segen zugleich erweisen. Der Segen besteht darin Partner zu finden, die gewillt sind, sich zum gegenseitigen Vergnügen auf spezielle sadomasochistische Praktiken einzulassen. Dahingegen besteht der Fluch aus der hauptsächlich nur noch mithilfe von Leid und Schmerz erreichbaren Lustbefriedigung, die entweder aktiv aus der Stellung des Doms bzw. der Domina oder passiv aus der Stellung des Subs erfahren wird. Allerdings stellt sich an dieser Stelle die Frage, wie zwischen dem Normalen und Anormalen unterschieden wird und ob sich diese Grenzsetzung beeinflussen lässt. Ausschlaggebend zum Differenzieren, sowie Überschreiten der Grenze vom Normalen zum Anomalen sind verschiedene Faktoren: die Gesellschaft, der Kulturkreis und die Epoche. Somit unterliegt die Sexualität unausweichlich einem stetigen Wandel, denn was damals oder etwa heute noch als abwegig und anstößig erscheinen mag, kann sich durch- aus im Laufe der Zeit zur Norm entwickeln.

Zur zeitlichen Eingrenzung der Thematik wird sich an der erstmaligen wissenschaftlichen Einführung der Begriffe Masochismus und Sadismus, von dem deutsch-österreichischen Psychiater, Neurologen und Rechtsmediziner Richard Freiherr Krafft von Festenberg auf Frohnberg, genannt von Ebing, orientiert. Dieser befasste sich in seinem 1886 publiziertem Werk „Psychopathia sexualis“ mit sexuellen Anomalien und Perversionen, die er anhand von Fallbeispielen veranschaulichte und diesbezüglich zugleich jeweilige Kategorisierungen ein- führte. Darunter fielen unter anderem der bereits aufgeführte Masochismus und Sadismus. Beide Begriffe entstanden in Anlehnung an zwei große Persönlichkeiten ihrer Zeit, zum einen Marquis de Sade (1740-1814) und zum anderen Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895). Das Werk beinhaltete jedoch bereits für die damaligen Verhältnisse mancherlei überaus anstößige Textpassagen, die Krafft-Ebing sprachgewandt umging, indem er sich der latei- nischen Sprache bediente. Hieraufhin folgten etliche Überarbeitungen und Neuauflagen, die nicht nur neue Fallstudien miteinbezogen, sondern ebenfalls in unzählige Sprachen übersetzt wurden. Seitdem gilt das Werk als Standardlehrbuch der Sexualpathologie des 19. Jahr- hunderts, welches im Vorwort der zwölften Auflage folgendermaßen begründet wird:

Der unerwartet große buchhändlerische Erfolg ist wohl der beste Beweis dafür, daß es auch unzählige Unglückliche gibt, die in dem sonst nur Männern der Wissenschaft gewidmeten Buche Aufklärung und Trost hinsichtlich rätselhafter Erscheinungen ihrer eigenen Vita sexualis suchen und finden.2

Bei der weiteren Recherche zu dem Thema Masochismus ist mit Erstaunen festzustellen, dass es sich ebenfalls in der heutigen Zeit, die sich im Vergleich zu vorausgegangenen Epochen insbesondere durch ihre ausgeprägte Emanzipation und Aufklärung hervorhebt, als überaus schwierig erweist konkrete Aussagen bezüglich des Bevölkerungsanteils zu treffen, welcher sich öffentlich zu gewaltinszenierten Vorlieben bekennt. Es gilt nach wie vor als Ta- buthema. Die Anzahl an verwertbaren Statistiken, wie auch Studien über jene Subkultur ist recht überschaubar, mit einer deutlichen Tendenz zur Steigerung in den letzten Jahren.

Hauptsächlich das Internet birgt unzählige Informationen in sich, da es als die herkömmliche, zentrale Kommunikationsplattform des 21. Jahrhunderts fungiert. In verschiedenen Foren wird sich gegenseitig über Erfahrungen ausgetauscht, Treffen werden vereinbart und sich regelmäßig über bevorstehende Veranstaltungen in der Szene informiert. Besonders im heutigen medialen Zeitalter ist es womöglich so einfach und gefährlich wie nie persönliche Erfahrungen in jenem Bereich zu sammeln. Das Internet spielt hierbei eine zentrale Rolle, indem es eine unverzügliche Kontaktaufnahme und einen immer freieren, falls gewünscht (anfangs) diskreten Umgang mit Sexualität, von Frauen sowohl wie von Männern, begünstigt. Doch auch mit dieser sexuell toleranten Einstellung in intimen Beziehungen halten sich die Anhänger dieser Subkulturen vorzugsweise vor den (ver-)urteilenden Augen der Öffentlich- keit bedeckt. Im Bereich der Wissenschaft wird angenommen, dass hauptsächlich die obere Mittelschicht, welche sich durch ihre augenscheinliche Kultiviertheit und den beruflichen Erfolg auszeichnet, einen Großteil der Mitglieder sadomasochistischer Clubs und Szenen ausmacht. Hierbei liegt die Präferenz nicht allzu selten stärker bei dem devoten Part als dem dominanten.3 Ein annehmbarer Interpretationsversuch wäre hierfür, dass Personen, die bereits im Berufsleben reichlich Verantwortung zu tragen haben, sich vorzugsweise im Pri- vatleben ein Ventil suchen. Hierbei könnte das Ausüben masochistischer Sexualpraktiken eine denkbare Alternativmöglichkeit darstellen, die mit der gehobenen Stellung einher- gehende Verantwortung zu kompensieren, sei dies nun mit einer geliebten Person oder einer Affäre.4

Ungeachtet dessen besteht die Voraussetzung zur Erfüllung sexuell masochistischer Vor- lieben darin, auf einen Gegenüber zu treffen, welcher darin einwilligt die Stellung des Sadisten einzunehmen. Aus diesem Grunde wird im Nachfolgenden zunächst auf das Phä- nomen des Sadismus eingegangen.

2.1 Sadismus

Leiden-sehn thut wohl, Leiden-machen noch wohler – das ist ein harter Satz, aber ein alter mächtiger menschlich-allzumenschlicher Hauptsatz[.] […] Ohne Grausamkeit kein Fest: so lehrt es die älteste, längste Geschichte des Menschen – und auch an der Strafe ist so viel Festliches!5

Der Philosoph Friedrich Nietzsche bereits äußerte sich zu den sadistischen Wesenszügen des Menschen. Dieser Sadismus impliziert hierbei schlichtweg jede erdenkliche Weise der verbal-emotionalen, wie aber auch der physischen Kunst des Schmerzzufügens, welches ein simples Ziel anvisiert: die eigene Lustbefriedigung. Aus historischer Sicht ist die erstmalige wissenschaftliche Einführung des Begriffes in demselben Zeitraum, Ende des 19.Jahrhun- derts, zu vermerken. Richard von Krafft-Ebing, ein praktizierender Psychiater und Gerichts- mediziner, interessierte sich unter anderem für die menschliche Sexualität und legte in seiner „Pschopathia sexualis“ sein Hauptaugenmerk auf die Diagnose von Paraphilien. Diese um- fasst die verschiedensten Formen sexueller Befriedigung, die sich vornehmlich durch die von der Norm abweichenden Bedingungen auszeichnen.6 Das Werk zeugt ebenfalls zum gegen- wärtigen Zeitpunkt noch von einer bemerkenswerten Aktualität und Relevanz in der Sexual- pathologie. Infolgedessen kann davon ausgegangen werden, dass der Sadismus als eine Form von Perversion heute wie zur Epoche des 19. Jahrhunderts als von der Norm abwei- chend angesehen wird und auf Grund dessen eine Angriffsfläche für hinreichend Kritik und Ächtung bietet.

Sadismus: Quälsucht. Sexuelle Paraphilie, bei welcher die sexuelle Befriedigung an die Mißhandlung und Demütigung eines Partners gebunden ist, der entweder die erwartete Mißhandlung fürchtet oder darin einwilligt (Masochismus). Die Handlungen reichen von Beißen und Kratzen über Schlagen und Auspeitschen zu schweren Verletzungen […] und Tötung mit anschließender Zerstückelung der Leiche. […] Der Sadist versucht durch diese Handlung auch, den Partner zu nötigen, ihn zu lieben und ihm zu ver- geben, was die Schuldgefüle aufhebt, von denen der Geschlechtsverkehr begleitet wird. In einem erweiterten, von Freud begonnenen, weit verbreiteten Sprachgebrauch bedeutet Sadismus die alleinige Ausübung von Gewalt ohne sexuelle Befriedigung, wenn auch evtl. mit Lustgewinn.7

Richard von Krafft-Ebing entschied sich gewiss nicht unberechtigt für den Enfant Terrible Donatien Alphonse Francois, Marquis de Sade als unwillentlichen Namensgeber. Dieser junge, französische Adelige fiel bereits zu Lebzeiten durch seinen exzentrischen Drang der Lustbefriedigung auf. Marquis de Sade verherrlichte in seinem Privatleben, wie dergleichen in seinen diffamierten Romanen „Die 120 Tage von Sodom“, „Justine oder vom Missgeschick der Tugend“ und „Die Philosophie im Boudoir“ nicht nur bescheiden sadistische Fantasien, sondern mit einer höchst bemerkenswerten Selbstverständlichkeit und Ausführlichkeit die freie Auslebung von Gewaltorgien, wie ebenfalls weiterer sexuell exzessiver Handlungen. Es dauerte nicht lange, bis de Sade für seine sexuellen Übergriffe an unter anderem mehreren Prostituierten festgenommen wurde.8

Zwar ließ sich mit dieser Maßnahme sein Körper in einer Zelle, zunächst im Gefängnis, später sogar in einer Irrenanstalt, gefangen halten, allerdings nicht sein sonderbarer Geist. Eine seiner wohl kontrovers diskutiertesten Veröffentlichungen „Die 120 Tage von Sodom“ entstand zu jener Zeit, welches dichterisch auf eine höchst einzigartige Weise Szenarien bestehend aus Inzest, Pädophilie, Homosexualität und zur Krönung Nekrophilie mithilfe eines latenten Schleiers aus Erotik und Leidenschaft einhüllt. Der Leser gerät unweigerlich nur allzu schnell in eine Welt voller Grausamkeit, Furcht und Ekel, und wird von ihr als Geisel ge- halten. Demnach bestand de Sades größte Passion unumstritten in dem Vergnügen am allzu facettenreichen Leid anderer, da seines Erachtens der Genuss nicht im Glück bestehe, „[...] sondern im Zerbrechen der Schranken, die man gegen das Verlangen errichtet hat“.9

Die Auseinandersetzung mit dem Sadismus oder auch dem Masochismus führt binnen kurzem unumgänglich zu dem österreichischen Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud. Dieser empfindet den Sadismus, zum Entsetzen wohl vieler, als „zur ursprünglichen Triebausstattung des Menschen“10 gehörend. Dieser Ansicht nach sind gewisse Perversionen bereits in der Natur des menschlichen Wesens vorhanden und werden durch traumatische Ereignisse in der Kindheit hervorgerufen, die sich im zunehmenden Alter in Form von sexuell, zerstörerischer Handlungen äußern.

Die Einnahme der dominanten Stellung geht hierbei mit reichlich Macht und Verantwortung einher. Der komplette weitere Verlauf liegt in den Händen des dominanten Parts. In diesem Falle kann und soll vor allem mithilfe eines sogenannten Sklavenvertrages schriftlich fest- gehalten werden, welche Repressalien gegen den submissiven Part ergriffen werden dürfen, welche Szenarien durchgespielt werden und zum Wohle und Schutze des Masochisten wohl am Relevantesten, welches Code-Wort - verbal, aber auch non-verbal - vereinbart wird zum Abbruch des Geschehens.

2.2 Masochismus

Das Phänomen des Masochismus zeigt, dass Menschen sich zum Leiden und zur Unterwerfung hingezogen fühlen können. Zweifellos sind Leiden, Unterwerfung oder Selbstmord die Antithese positiver Lebensziele. Dennoch können diese Ziele manchem befriedigend und verlockend erscheinen. Dieses Sich-Angezogen-Fühlen von dem, was dem Leben abträglich ist, verdient mehr als jedes andere Phänomen die Bezeich- nung „pathologische Perversion“.11

Bereits Sigmund Freud assoziierte den Masochismus mit dem Todestrieb, wobei vorder- gründig jedoch nicht die Intention bestehen muss zu sterben. Vielmehr bezieht es sich auf die Sehnsucht nach dem Gefühl der Hilflosigkeit seitens des Masochisten. Die Begierde und das Erstreben sexueller Erregung durch körperliche, wie aber auch seelische Misshandlung ist hierbei wahrlich kein neu modernes Phänomen, sondern wird bereits in älteren medizi- nischen Untersuchungen unter Fachbegriffen wie „Flagellomanie“ oder „Algomanie“ aufge- führt. Dahingegen ist der Terminus aus zeitgeschichtlicher Sicht vergleichsweise neu und findet seinen Ursprung in der Verbindung der Perversion mit dem Namen des einst freien Schriftstellers Leopold von Sacher-Masoch. Diese wissenschaftliche Wortbildung nach dem Vorbild des Daltonismus12 ist dem Rechtsmediziner Krafft-Ebing zu verdanken. Dieser ver- zeichnet den Begriff erstmals in einer kurzweiligen Auflistung aller ihm bekannten sexuellen Perversionen in seinem Hauptwerk "Psychopathia sexualis".

[…] eine eigentümliche Perversion der psychischen Vita sexualis, welche darin besteht, dass das von derselben ergriffene Individuum in seinem geschlechtlichen Fühlen und Denken von der Vorstellung beherrscht wird, dem Willen einer Person des anderen Geschlechtes vollkommen und unbedingt unterworfen zu sein, von dieser Person herrisch behandelt, gedemütigt und selbst misshandelt zu werden.13

Die Ausprägungen des Masochismus können hierbei wie beim Sadismus von unterschied- licher Natur sein. Während beim hauptsächlich sexuell motivierten Masochismus mithilfe ver- schiedenster Utensilien, wie Fesseln oder Peitschen, versucht wird, zu einer Steigerung der Lust und einer Befriedigung der Bedürfnisse beizutragen, kann der Masochist ebenso im alltäglichen Leben Vergnügen darin empfinden sich selbst zu bestrafen oder sich von einer Autorität bestrafen zu lassen.

Bei einer näheren Auseinandersetzung mit der Thematik ist besonders auffällig, dass der Masochismus seither oftmals als Gegenstück zum Sadismus dargestellt wird, denn während einer gewillt ist Gewalt anzuwenden um Schmerzen zuzufügen, erfreut sich ein anderer darüber jenes Leid über sich ergehen zu lassen. Der Masochist benötigt zur Befriedigung seiner Fantasien Partner, mit denen er einen sogenannten Sklavenvertrag eingeht. Somit entsteht ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis. Der Sadist dahingegen könnte, so nach dem Vorbild de Sades, genauso seine Lustbefriedigung erlangen, indem er seinem Gegenüber ohne dessen Einwilligung Schmerz und Leid zufügt, sich gewissermaßen keine Partner, sondern Opfer sucht. Das Begriffspaar „SM“ hat sich dennoch gehalten, da es vielmehr der masochistischen Inszenierungsfantasie entspringt als der von de Sade beschriebenen Gewaltorgie. Eine solche Vereinbarung impliziert die vertragliche Festlegung vom aktiven und passiven Part.

Beim Weibe ist die willige Unterordnung unter das andere Geschlecht eine physiologische Erscheinung. Infolge seiner passiven Rolle bei der Fortpflanzung und der von jeher bestehenden sozialen Zustände sind für das Weib mit der Vorstellung geschlechtlicher Beziehungen überhaupt die Vorstellungen der Unterwerfung regel- mässig verbunden.14

Darüber hinaus beschreibt Krafft-Ebing die sexuellen Perversionen ausschließlich an männ- lichen Beispielen, die es gutheißen sich einem despotischen Weibe zu unterwerfen.Demnach äußere sich der wahre Masochismus nur beim Mann, da die Passivität und Unterordnung des weiblichen Wesens als naturgemäß erachtet wird. Diese vermeintliche Aussage wird im weiteren Verlauf der Arbeit nochmals aufgegriffen, sobald die Epoche des 20. Jahrhunderts eingeleitet wird.

Wie zu Beginn des Kapitels bereits erwähnt wurde, entstand der Begriff Masochismus in Anlehnung an Leopold von Sacher-Masoch. Dieser schlug eine akademische Laufbahn ein und dozierte bereits in jungen Jahren als Privatdozent für Geschichte an der Universität Graz. Nebenbei widmete er sich seiner Leidenschaft zur Schriftstellerei. Im Band „Liebe“ seines unvollständig hinterbliebenen Hauptwerks „Das Vermächtnis Kains“ beschäftigte er sich äußerst ausführlich mit der Lustbefriedigung vermittels Schmerz und Leid. Dies veranlasste Krafft-Ebing zu einem späteren Zeitpunkt dazu Sacher-Masoch als Namens- geber jener Perversion auszuerwählen. Berichten zufolge ließen sich eine Reihe von Parallelen zwischen seinen Werken wie „Venus im Pelz“ und persönlichen Vorlieben, wie Begebenheiten aufweisen. Er war berühmt berüchtigt dafür, sich seiner Ehefrau Wanda mit Vergnügen zu unterwerfen und sich von derselben auspeitschen zu lassen. Dies erfolgte zum einen zur sexuellen Befriedigung und zum anderen zur Motivation für sein literarisches Schaffen.15 Zudem war es der erste Roman, welcher sich explizit mit der Thematik befasste und dessen Protagonist sich freiwillig einer despotischen Frau unterwarf, welches vertraglich festgelegt wurde.

An dieser Stelle soll zunächst ein Einschnitt gestattet werden, welcher die mangelnde Thematisierung des Masochismus bis zum Ende des 19. Jahrhunderts impliziert, wie der Aufführung zweier Textpassagen als erste Impression der bevorstehenden Definition, wie auch Verschiebung dessen Motivs in der Literatur.

3. Masochismusmotiv in der Literatur

Der Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit ist das Masochismusmotiv in der Literatur. „Venus im Pelz“ gilt hierbei als Urquelle der Thematik und dient dementsprechend der Veranschaulichung des erstmaligen Verständnisses der Begrifflichkeit. In der direkten Gegenüberstellung hierzu wird der Roman „Die Klavierspielerin“ der Autorin Elfriede Jelinek herangezogen, welcher knapp ein Jahrhundert darauf veröffentlicht wurde. Die verschieden- artige Auslebung jener Perversion wird verdeutlichen, dass es unzureichend wäre den Begriff „Masochismus“ auf eine einzige Definition festzusetzen, da er sich im Laufe der Zeit, geprägt von emanzipatorischen Bewegungen und dem stetigen gesellschaftlichen Wandel, immerzu weiterentwickelt und sich von neuen Seiten präsentiert. Die Darstellung des Facettenreich- tums des Masochismusmotivs wird im weiteren Verlauf anhand von inhaltlichen, wie ebenso sprachstilistischen Elementen erfolgen.

Leopold von Sacher-Masoch kommunizierte und verschriftlichte als erster Autor das Phä- nomen des Masochismus. Vor seiner Zeit (1836-1895) bestand weder eine S/M Szene, noch gab angesehene Persönlichkeiten, die sich zu jener Präferenz bekannten. Mit der Publikation des Werkes „Venus im Pelz“ änderte sich dies auf einen Schlag. Im Vordergrund stand hierbei die Darstellung des Phänomens auf eine sinnlich-ästhetische Weise. Dies gelang Sacher-Masoch unter anderem besonders erfolgreich durch die anschauliche Kombination von Chiffren der Leidenschaft.16 Obgleich Sacher-Masoch als Begründer des Realismus gilt und in seinen Werken mit einer solchen Liebe zum Detail auf realistische Darstellungen zwischen Mensch und Natur achtet, zielt sie nicht zugleich auf die Abbildung realer Per- versionen oder Pornographien ab, sondern vielmehr auf einen „Zauber […], eine traumhafte Atmosphäre, die es erlaubt, alltagsuntaugliche Gefühle zu erleben“17

Im Vergleich zu Jelinek schafft Sacher-Masoch dies gekonnt unter Vermeidung von jeglicher Verwendung obszöner Ausdrucksweisen, welches dem Leser durchaus entgegenkommen kann und die Leseerfahrung von „Venus im Pelz“ gegebenenfalls angenehmer gestaltet als Werke wie „Lust“ oder „Die Klavierspielerin“. Dieser Schleier der Ästhetik und des Schönen, den Sacher-Masoch einst versuchte zu wahren, verlor im Laufe der Jahre an Bedeutung. Es brach ein neues Zeitalter in der S/M Literatur an, welches sich durch eine obszöne, un- zensierte, pornographische Darstellungsweise sadomasochistischer Praktiken auszeichnet. Michael Gratzke bemerkt diesbezüglich, dass die Literatur von heute anderen Verwen- dungsmechanismen unterworfen sei, als es zu den damaligen Verhältnissen der Fall war, und die Verschiebung von der Ästhetik zur Obszönität damit rechtzufertigen sei, dass die gegenwärtige S/M Literatur konkrete Informationen über die Ausrüstung liefern soll ohne dabei den Versuch zu wagen ihre Ausführung durch die gezielte Verschleierung der Aus- drucksweise abzuschwächen oder auszuschmücken.18

Die Verschiebung des Masochismusmotivs ist einer vorausgegangenen Verlagerung der ästhetisch-schönen zum obszön-anstößigen zu verdanken. Dies soll im weiteren Verlauf meiner Arbeit unter Berücksichtigung inhaltlicher, sowie sprachstilistischer Elemente aufgegriffen, untersucht und zu guter Letzt anhand von Textbeispielen belegt werden soll. Zu diesem Zwecke soll nach chronologischer Reihenfolge zunächst die Novelle „Venus im Pelz“ einer expliziten Untersuchung unterzogen werden. Zur Veranschaulichung dieser Verschiebung des Masochismusmotivs werden an dieser Stelle zunächst zwei Textpassagen herangezogen.

[...]


1 Barth, Ariane (2000): HipHop der Hormone. In: Spiegel Online, 48.,S.180-184. http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/17925541

2 Krafft-Ebing, Richard von (1903): Psychopathia sexualis. Mit besonderer Berücksichtigung der conträren Sexualempfindung. hg. v. Fuchs, Alfred, 12. Aufl., Stuttgart: Enke.

3 Vgl. Harten, Hans-Christian (1995): Sexualität, Mißbrauch, Gewalt. Das Geschlechterverhältnis und die Sexualisierung von Aggressionen. Wiesbaden: Springer Fachmedien, S.208.

4 Vgl. Harten, 1995, S. 208

5 Nietzsche, Friedrich (1999): Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift. In: Nietzsche, Friedrich: Kritische Studienausgabe (KSA). Band 5, München: dtv, S.302.

6 Vgl. Peters, Uwe Henrik (2000): Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, medizinische Psychologie: mit einem englischdeutschen Wörterbuch als Anhang. 5. Aufl., München: Urban & Fischer, S. 483.

7 Peters, 2000, S. 483

8 Vgl. Gegen de Sade wurde Anklage erhoben aufgrund der Vergiftung von Prostituierten mittels Kantharidin- bonbons und der erzwungenen „Sodomie“ (Analverkehr). Zudem bestand eine seiner sexuellen Vorlieben darin die Prostituierten auszupeitschen, wie aber auch sich selbst auspeitschen zu lassen. Vgl. Lever, Maurice (1998): Marquis de Sade. Die Biographie. o.O.:dtv, S. 157-179, S. 198-222.

9 Sade, Marquis de (2006): Die 120 Tage von Sodom oder die Schule der Ausschweifung. Köln: Anaconda, S. 187.

10 Stumm, Gerhard/Pritz, Alfred (Hg.) (2009): Wörterbuch der Psychotherapie. Wien: Springer, S.603.

11 Fromm, Erich (1941): Die Furcht vor der Freiheit. In: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band I, S.373 f.

12 Vgl. Krafft-Ebing, Richard von (1907): Psychopathia sexualis. Mit besonderer Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung, hg. v.Fuchs, Alfred, 13., vermehrte Aufl., Stuttgart: Enke, S. 100.

13 Krafft-Ebing, Richard von (1886): Psychopathia sexualis. Mit besonderer Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung, hg. v. Alfred Fuchs, Wien 1886; neu aufgelegt: München: Matthes & Seitz, 1984, S.104.

14 Krafft-Ebing, 1907, S. 146

15 Vgl. Sacher-Masoch, Wanda von (1906): Meine Lebensbeichte. Memoiren. Berlin und Leipzig: Schuster und Löffler, S.100 f.

16 Vgl. Gratzke, Michael (2000): Liebesschmerz und Textlust. Figuren der Liebe und des Masochismus in der Literatur. Würzburg: Könighausen und Neumann, S.25.

17 Gratzke, 2000, S.25

18 Vgl. ebd., 2000, S.24

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Details

Titel
Leid als Quelle der Lust
Untertitel
Eine Untersuchung des Masochismusmotivs anhand Leopold von Sacher-Masochs "Venus im Pelz" und Elfriede Jelineks "Die Klavierspielerin"
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
2,0
Jahr
2018
Seiten
45
Katalognummer
V456587
ISBN (eBook)
9783668887275
ISBN (Buch)
9783668887282
Sprache
Deutsch
Schlagworte
leid, quelle, lust, eine, untersuchung, masochismusmotivs, leopold, sacher-masochs, venus, pelz, elfriede, jelineks, klavierspielerin
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Leid als Quelle der Lust, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456587

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