Eine psychoanalytische Deutung von 'Das öde Haus' von E.T.A. Hoffmann


Hausarbeit, 2017
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. E.T.A. Hoffmann und Sigmund Freud

III. E.T.A. Hoffmann als Psychopathologe

IV. DiePsychoanalytische Literaturwissenschaft

V. Eine Psychoanalytische Deutung des Werkes Das ode Haus
V.l DerOdipuskomplex
V.2 DieUrszene
V.3 DieTraumatheorie
V. 4 DerNarzissmus

VI. Schlussbetrachtung

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„»Es ist«, nahm Franz das Wort, »die tiefe Wahrheit der unerforschlichen Geheimnisse, von denen wir umgeben, welche uns mit einer Gewalt ergreift, an der wir den uber uns herrschenden, uns selbst bedingenden Geist erkennen«‘a (S.3). Dieses Zitat stammt aus Ernst Theodor Amadeus Hoffmanns Novelle Das ode Haus und weiBt sogleich auf den verdeckten Gehalt des Textes hin. „Verdeckt“ und unbewusst, nach freudscher Begrifflichkeit, ist einiges in Hoffmanns Werk. So scheint es folglich legitim den Anspruch zu auBern, jenes Dechiffrierte transparent zu machen und auf eine sichtbare Ebene zu bringen. Das ode Haus kann als eine Erzahlung gesehen werden, die mit fortschreitender Handlung immer tiefer in innerseelische Prozesse eindringt, was eine Interpretation auf psychoanalytischer Basis anbietet. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Psychologie ein starkes Interesse beigemessen. Der Grund hierfur war unter anderem in der Entdeckung der „dunklen“ Seiten der Seele, dem Unterbewusstsein, zu sehen. Diese „dunklen“ Seiten, das Unterbewusstsein zeigte sich demnach in „Traum, Somnambulismus, Visionen [... und] Hypnosezustande[n].“1 2 Die Auseinandersetzung damit zeigt schon der Titel „Nachtstucke“ an, in dessen Band die hier untersuchte Erzahlung Bestandteil ist. Denn auch in Das ode Haus wird auf psychoanalytische Werke Bezug genommen. So auf „Reils Buch uber Geisteszeruttungen“ (S. 21). Auch sieht man das an den Aussagen: „Alles, was Kluge, Schubert, Bartels u. m. daruber gesagt haben“ (S. 23). Zudem wird Theodor als „Spalanzanische Fledermaus“ (S. 37) betitelt. AuBerdem ist die Rede vom „Somnambulen“ (S. 3) und vom „Delirieren“ (S. 8). Das Anliegen der folgenden Hausarbeit ist es, ausgewahlte Begriffe der Psychoanalyse Freuds zu erklaren und vor diesem Hintergrund, den Text des zweiten Nachtstucks Das ode Haus zu durchleuchten und zu untersuchen. E.T.A Hoffmann und Sigmund Freud konnten sich zwar nicht gekannt haben, dennoch benutzte einer der wohl einflussreichsten und bekanntesten Wegbereiter der Psychologie das Werk des Autors, um anhand von ihm, unbewusste Vorgange des Bewusstseins und damit seine Wissenschaft zu legitimieren. Den Tagtraum verstand er hierbei analog zum dichterischen Schaffen. Hoffmanns kunstlerische Tatigkeit zeigt, dass er auf dem Gebiet der Psychologie und Medizin ebenso geschult sein musste. Dies ist interessant und macht die Hypothese legitim, dass dies mit ein Grund war, warum sich gerade ein Psychologe seiner Untersuchung annahm und speziell auf dieses Werk zuruckgriff.

Freuds Uberlegungen zu Der Sandmann konnten einer breiten literaturwissenschaftlich interessierten Masse deutlich machen, dass die Freilegung unbewusster Vorgange mithilfe psychoanalytischer Mittel fruchtbar gemacht werden konnte. Freud untersuchte auch die Dichterintention, welche bei dieser Arbeit, abgesehen von einer kurzen Erlauterung im Hinblick auf die psychoanalytische Literaturwissenschaft, allerdings unbeachtet bleiben soil. Instrument der Analyse werden daher psychoanalytische Begrifflichkeiten sein, die dabei Hilfe leisten sollen, die Motivik des Werkes Das ode Haus offen zu legen.

II. E.T.A. Hoffmann und Sigmund Freud

E.T.A. Hoffmann und Sigmund Freud waren zwar keine Zeitgenossen, trotzdem lebten sie beide in historisch zeitlicher Nahe. Dies machte es nur einem der beiden moglich, Bezug auf die Schriften des anderen zu nehmen. Da Hoffmann bereits vierunddreiBig Jahre lang tot war, als Freud geboren wurde, war das lediglich bei Letzterem denkbar. So widmete sich der Psychologe in seiner Schrift Das Unheimliche dem bekannten Werk des Autors Der Sandmann. In therapeutischer Manier und auf der auf der Grundlage seiner Psychoanalyse beruhenden Theorie der psychoanalytischen Literaturwissenschaft schrieb er so beispielsweise:

E.T.A. Hoffmann war das Kind einer unglucklichen Ehe. Als er drei Jahre war, trennte sich der Vater von seiner kleinen Familie und lebte nie wieder mit ihr vereint. Nach den Belegen, die E. Grisebach in der biographischen Einleitung zu Hoffmanns Werken beibringt, war die Beziehung zum Vater immer eine der wundesten Stellen in des Dichters Gefuhlsleben.3

Freud versuchte mithilfe der Schrift Hoffmanns seine wissenschaftlichen Thesen uber den Traum zu stutzen, zu legitimieren und zu plausibilisieren. Er legte sie daher hinsichtlich seiner Uberlegungen und Untersuchungen aus.4 Warum Sigmund Freud gerade das Werk E.T.A. Hoffmanns wahlte, wird deutlich, wenn man die ausgewahlte Lekture betrachtet. Nathanael, ein junger Student, der das Opfer dunkler Machte wird, nimmt sich letztlich das Leben. Auch deshalb, weil dieses Werk im Erzahlzyklus Nachtstucke zu finden ist, scheint es etwas Unheimliches, Unbewusstes und Fantastisches zu implizieren. Die Nachtstucke lassen sich der sogenannten Schwarzen Romantik zuordnen. Sie zeichnete sich unter anderem dadurch aus, dass die menschlichen Kehrseiten dargestellt wurden, man sich vom „Bosen“ inspirieren lieB. Dies konnte bis ins Damonische reichen. Dazu erklarte Simone Stolzel passend:

Die Faszination, die das Dustere und Abgrundige auf die Romantiker offenbar ausubte, fuhrte dazu, dafl man die romantische Epoche an sich mit ihren phantastischen und zugleich als »krankhaft« empfundenen (Unter)Stromungen gleichsetzte.5

Dieses „Krankhafte“ scheint es wohl auch gewesen sein, was Sigmund Freud dazu inspirierte, Hoffmanns Werk als Grundlage seiner Untersuchung zu nutzen. Zudem benannte der Psychologen den Autor als „unerreichte[n] Meister des Unheimlichen in der Dichtung.“6

III. E.T.A. Hoffmann als Psychopathologe

Zur Zeit Hoffmanns war die psychiatrische Forschung noch nicht weit entwickelt. Dennoch kann der Autor ruckblickend schon als „bedeutender Psychopathologe“ beschrieben werden. Rainer Tolle spricht davon, dass Hoffmann psychische Storungen und Psychosen in einer exakten und folgerichtigen Art beschrieb, sodass seine Texte aus psychopathologischer Sicht nicht an Bedeutung eingebuBt haben.67 So beschreibt er auch weiter:

Verschiedene psychopathologische Themen durchziehen das ganze Werk Hoffmanns, vor allem Wahn und Wahnsinn, Doppelganger und Doppelleben sowie das Idealibild. Die werkubergreifende Aufarbeitung dieser Motive zeigt, wie weit Hoffmann seiner Zeit voraus war. Er muss als Erstbeschreiber der Konversionsreaktion, der dissoziativen Personlichkeitsstorung (Doppelleben) und der Nebenrealitat gewurdigt werden.8

Dieses Talent zur Beschreibung von Psychosen zeigt wohl auch, warum Freud Hoffmanns Werk zur Grundlage seiner Interpretation machte. Auch Beispiele fur die Unterbringung und Versorgung psychisch kranker Menschen stellte Hoffmann gekonnt in seinen Schriften dar. So auch in Das ode Haus: Der in der Novelle beschriebene alte Hausverwalter kummert sich um die verruckte alte Dame, die im titelgebenden Haus lebt, beziehungsweise eingesperrt ist. Bekommt sie eine „Tobsucht“ (S. 31), wird sie gefesselt: ,,Die wahnsinnige Exzellenz ist abgestraft und liegt gebunden im Bette“ (S. 28). Dabei zeigt der Autor, dass er dies kritisch beaugt:9 „Ganz verstort eilt’ ich nach Hause, und ihr konnt wohl denken, daB ich, zu tief von dem grauenvollen Geheimnis ergriffen, auch nicht den mindesten nur wahrscheinlichen Zusammenhang der Sach mit in den ersten Tagen denken konnte“ (S. 29). Auch benutzt Hoffmann Wahnsinn als Metapher fur den Zustand des Verliebtseins und so auch in Das ode Haus10: ,,[...] ging mit wutendem Schmerz eine solche wahnsinnige Sehnsucht nach dem unbekannten Bilde auf [...]“ (S. 27). Noch deutlicher wird das hier: ,,[...] daB sich auch nicht der leiseste Anklangjener verderblichen wahnsinnigen Liebeswut in mir regte [...]“ (S. 29f.). Hoffmann sei als Kunstler in seiner Epoche der beste Fachmann auf dem Gebiet der Medizin und Psychologic gewesen. Er hatte eine spezielle Fahigkeit der Beobachtung, die uber das hinausging, was ihm die damalige Lekture hatte vermitteln konnen, so Florian Fix.11

IV. Die Psychoanalytische Literaturwissenschaft

Es ist eine wesentliche methodische Forderung, die einer wissenschaftlichen Arbeit zugrunde liegenden Begrifflichkeiten zu definieren. Gegenstand dieses Kapitels soil daher eine kurze Einfuhrung in die psychoanalytische Literaturwissenschaft sowie ein bundiger Abriss der Moglichkeiten der Anwendung der freudschen Psychoanalyse auf die Literatur sein.

Sigmund Freud kann als einer der wirkungsvollsten Denker des 20. Jahrhunderts gelten. Ungeachtet seiner eigentlichen Tatigkeit als Psychologe, nicht als Literaturwissenschaftler, bildet sein Werk das Fundament der so genannten psychoanalytischen Literaturwissenschaft.12 Diese ist „eine Sammelbezeichnung fur verschiedene tiefenpsychologische Ansatze zur Erklarung der Literatur-Produktion und -Rezeption, der Beschaffenheit literarischer Texte sowie ihrer Deutung.“13

„Literatur ist, wie jedes kulturelle Phanomen, ein Produkt der »Subliminierung«, der Umwandlung von Triebenergien in kulturell schopferische Tatigkeiten“14 so Tilman Koppe und Simone Winko. Nach Sigmund Freud, wie er es in einer „produktionsasthetischen Theorie des literarischen Werkes“ erklarte, sei Dichten eine von Erwachsenen Fortfuhrung des kindlichen Spiels. Freud gehe dabei auf seine Vorstellung des „Tagtraumes“ ein, bei dem fur Erwachsende das Fantasieren und somit jener Lustgewinn moglich wird, welcher Kinder wiederum beim Spielen erlangen.15 Freud erklarte das in seinem Aufsatz Der Dichter und das Phantasieren wie folgt: „Unbefriedigte Wunsche sind die Triebkrafte der Phantasien, und jede einzelne Phantasie ist eine Wunscherfullung, eine Korrektur der unbefriedigenden Wirklichkeit.“16 Die psychoanalytische Literaturinterpretation kennzeichnet sich also durch die Untersuchung einer Dichterintention, bei der anhand der Psychoanalyse als Instrument zur Untersuchung, die Motivation des Autors freigelegt werden soil. Da das Werk nach dieser Form der Interpretation trans-intensionalistisch sei, da es sowohl auf bewusste als auch auf unbewusste Intentionen des Autors eingeht und „[d]ie GroBe des Autors eine wichtige Rolle [spielt], da dessen unbewusste Antriebe herangezogen werden, um die Textgestalt zu erklaren“17, darf nicht auBer Acht gelassen werden, dass auch die textinternen Motive und Gegenstande, Teil der psychoanalytischen literaturtheoretischen Untersuchungen sein mussen, denn es lassen sich auch Stucke eines Tagtraumes separat beobachten und untersuchen.

[...]


1 In der folgenden Arbeit werden die Zitate aus E.T.A. Hoffmanns „Das ode Haus“ lediglich mit Seitenzahlen in Klammem im Fliefltext oder eingeruckt markiert. Dabei wird aus Hoffmann, Ernst Theodor Amadeus: Das ode Haus. Ein Nachtstuck. Hg. von Michael Holzinger. Berlin 2015 zitiert.

2 Kremer, Detlef: Prosa der Romantik. Stuttgart, Weimar 1997 (Sammlung Metzler), S. 139

3 Freud, Sigmund: Das Unheimliche. 1. Auflage Bremen 2012, S. 32

4 Vgl. Schweizer, Stefan: Zwischen Poesie und Wissen E.T.A. Hoffmanns. Der Magnetiseur. In: E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch 15, H 53 (2007), S. 39

5 Stolzel, Simone: Nachtmeerfahrten: Die dunkle Seite der Romantik. Berlin 2013 (Die Andere Bibliothek, Band 338), S. 94

6 Meyer, Thomas: Das Grauen im konstruierten Erzahltext. Zu E.T.A. Hoffmanns „Nachtstucken.“ Hamburg 2012, S. 9

7 Vgl. Tolle, Rainer: Der in die tiefste Tiefe schaute: E.T.A. Hoffmann als Psychopathologe. Wurzburg 2012, S. 179

8 Ebd.

9 Vgl. ebd., S. 105

10 Vgl. ebd., S. 40

11 Vgl. Fix, Florian: Wahnsinn als Thema in der Erzahlprosa Ludwig Tiecks und E.T.A. Hoffmanns. Hamburg 2014, S. 66

12 Vgl. Koppe, Tilmann; Winko, Simone: Neuere Literaturtheorien. Eine Einfuhrung. 2. Auflage. Stuttgart, Weimar 2008, S. 64

13 Ebd., S. 74

14 Ebd., S. 67

15 Vgl. ebd., S. 67

16 Freud, Sigmund: Der Dichter und das Phantasieren. In: ders.: Gesammelte Werke, Band 2. Hg. von ders. Altenmunster 2015 (= Gesammelte Werke in 5 Banden), S. 243

17 Koppe, T. 2008: 70

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Eine psychoanalytische Deutung von 'Das öde Haus' von E.T.A. Hoffmann
Hochschule
Univerzita Karlova v Praze  (Faculty of Arts – Institut für germanische Studien)
Veranstaltung
E.T.A. Hoffmanns „Nachtstücke“ im Kontext der schwarzen Romantik
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V456648
ISBN (eBook)
9783668886032
ISBN (Buch)
9783668886049
Sprache
Deutsch
Schlagworte
E.T.A. Hoffmann, Das öde Haus, Psychoanalys, Psychoanalytische Deutung, Sigmund Freud, Ödipuskomplex, Urszene, Traumatheorie, Narzissmus, Psychoanalytische Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Carla Bihl (Autor), 2017, Eine psychoanalytische Deutung von 'Das öde Haus' von E.T.A. Hoffmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456648

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