Ibn Fadlan und die Rus. Wikinger aus der Sicht eines Arabers


Bachelorarbeit, 2019
34 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort

2 Einleitung

3 Über die Berichte

4 Wer sind die Rūs?
4.1 Am Fluss ˀItil (Wolga)
4.2 Beerdigung bei den Rūs
4.3 Waffen der Rūs
4.4 „Bilder“ von der Zehe bis zum Hals
4.5 Frauenschmuck
4.6 Hygiene bei den Rūs
4.7 Umgang mit Kranken
4.8 Konkubinat

5 Resümee

6 Anhang
6.1 Arabischer Text
6.2 Übersetzung der Textauszüge
6.3 Wörterlisten
6.4 Liste der Beschreibungen

7 Literaturverzeichnis

1 Vorwort

Nachdem ich in den Sommerferien 2017 das Buch Mohamed und Karl der Große vom belgischen Historiker Henri Pirenne gelesen hatte, wurde mein Interesse an der Völkerwanderung geweckt. Pirenne hatte in seinem Werk die umstrittene These aufgestellt, dass die germanische Völkerwanderung nicht den Untergang des Römischen Reiches verursacht haben konnte, wie viele meinen. Vielmehr wäre es das Eindringen des Islams in römisches Territorium, das die politischen und wirtschaftlichen Umbrüche herbeigeführt hätte. Die wirtschaftliche Dominanz des Kalifats in der Mittelmeerregion hätte unmittelbar zum Einbruch des Mittelalters in Europa geführt. Nicht die germanischen Völker, die in römisches Gebiet eingedrungen sind, verursachten den Untergang des Reiches, denn sie gliederten sich in die neue Heimat ein, und nahmen am zivilisatorischen Fortschritt der Römer teil, so Pirenne.

Die letzte und verspätete Völkerwanderung war die der Wikinger. Skandinavische Waräger aus dem heutigen Schweden zogen Richtung Osten ins Land der Slawen, wo sie mit den türkischstämmigen Chazaren, die dort als dominierende Macht agierten, in Kontakt kamen. Die dort befindlichen Wikinger, nannte man Rūs „Rus“. Es waren jene Wikinger, die Europa wirtschaftlich am Leben hielten. Durch ihre seefahrerischen Fähigkeiten und große Abenteuerlust, gelang es ihnen neue Handelswege zu erschließen. Durch ihren Handel kamen sie mit der muslimischen Welt mehr in Berührung als die meisten Europäer ihrer Zeit. Chronisten und Historiker aus der Islamischen Welt, berichteten über die Rūs.

Durch Pirennes Buch angeregtes Interesse, begann ich mehr über die Rūs zu recherchieren. Dabei ist mir aufgefallen, dass es lange keine einheitliche Meinung bezüglich der Herkunft der Rūs gab.

Hierbei könnten die teilweise ignorierten arabischen Berichte über die Rūs der Forschung weiterhelfen, so ist meine Überlegung gewesen. Die Debatte, um die es hier geht, fällt unter den Begriff „ Normanist Controversy“: Die Anhänger dieser Theorie meinen, die Rūs seien skandinavische Waräger, die nach Osteuropa zogen und dort staatliche Strukturen aufbauten. Sie wurden zu Herrschern über ein Volk der Slawen, bis sie später selbst slawisiert wurden. Genau hier wurzle der politische Ursprung einiger osteuropäischer Länder.

Das veranlasste mich, einen genaueren Blick auf die arabischen Berichte zu werfen. Der wahrscheinlich berühmteste und hinsichtlich dieser Thematik oft zitierte Ibn Faḍlān bereiste Anfang des 10. Jahrhunderts das Land der Slawen. Somit war er zeitnah am historischen Geschehen dabei.

Zur Arbeit: Im Anhang befindlich sind die ausgewählten Textstellen aus dem Bericht in einem zusammenhängenden Text zusammengestellt, und gemäß den Regeln der arabischen Grammatik vollständig vokalisiert. Die Textstellen sind nach Abbildungen von I-IX durchnummeriert. Dies erleichtert bei der Arbeit die Zuordnung zu den jeweiligen behandelten Textstellen. Anschließend folgt eine deutsche Übersetzung der Texte. Ich stützte mich vorwiegend auf die Übersetzung von James E. Montgomery (Sīrāfī & Ibn Faḍlān, 2014, S. 240-253). Zwar existieren zahlreiche, vorwiegend englische Übersetzungen, dennoch wird hier eine eigenständige deutsche Übersetzung vorgelegt. Für jedes nachgeschlagene Wort, das ich entweder nicht kannte, oder nicht wusste, wie es im jeweiligen Kontext zu übersetzen war, erstellte ich am Ende, Wortlisten. Die Vokabeln sind gemäß der Nummerierung der Abbildungen in neun Listen vorzufinden. Die Vokabeln in den Listen sind wiederum nach dem arabischen Alphabet entsprechend aufgelistet. Für alle Eigennamen bzw. Begriffe aus dem übersetzten Text, bei denen es eine genauere Beschreibung bedurfte, wurde ebenfalls im Anhang eine alphabetisch angeordnete Liste erstellt-Die jeweiligen Wörter im Text sind unterstrichen.

Ich beziehe mich bei der Übersetzung nicht auf das Manuskript von Yāqūt selbst, sondern auf die Ausgabe von Wüstenfeld.

Was die Transkription aus dem Arabischen betrifft, so folgt diese den Richtlinien der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (DMG).

Das Format des Literaturverzeichnisses richtet sich nach dem Standard der American Psychological Association (APA 6. Auflage).

Aufgrund eines Auslandsstudiums und die damit verbundenen bürokratischen Hürden war ich gezwungen, meine Arbeit in deutlich kürzerer Zeit fertigzustellen, als eigentlich vorgesehen war. Dennoch freue ich mich, die Arbeit, hiermit vorlegen zu können.

Mein Dank gebührt Ass.-Prof. Mag. Dr. Veronika Ritt-Benmimoun, die meine Arbeit betreut hat. Außerdem möchte ich Professor James E. Montgomery der Cambridge University für die Beantwortung meiner Emails bezüglich der Übersetzung der Berichte des Ibn Faḍlān danken.

WS. 2018 / 19 Wien

2 Einleitung

Die vorliegende Arbeit thematisiert einige ausgewählte Auszüge aus den Reiseberichten des Aḥmad Ibn Faḍlān, Diplomat des Kalifen al-Muqtadir, der 920/21 n. Chr. zum König der Ṣaqāliba „Slawen“ entsandt wurde.

In dem von mir übersetzten Text berichtet der Geograph Yāqūt 1 in seinem berühmten Werk Muˁǧam al-buldān darüber, wie Ibn Faḍlān zum König der Ṣaqāliba entsandt wurde (ˀilā maliki ṣ-ṣaqālibati), nachdem letzterer den Kalifen al-Muqtadir um muslimische Missionare geben hatte, die den Islam innerhalb seines Reiches verbreiten sollten. Nebenbei bemerkt, ist diese Mission nie vollendet worden.

Das heißt, wir erfahren aus dem Bericht, wie Ibn Faḍlān zum Volk der Ṣaqāliba „Slawen“ geschickt wird, allerdings beantwortet diese Erkenntnis nicht die Frage, ob die hier thematisierte Gruppe, also sprich die Rūs, auch wirklich Slawen waren.

Bei der Frage um die eigentliche ethnische Zugehörigkeit bzw. Herkunft der Rūs sind sich die Forscher lange uneinig geblieben, wie bereits im Vorwort vorgestellt wurde. Die Debatte ist im akademischen Bereich bekannt als „ Normanist Controversy “. Prinzipiell gibt es zwei Haupttheorien: Die Rūs seien ursprünglich skandinavische Wikinger2 / Waräger, meinen die Normanist - Anhänger. Die andere Theorie besagt, sie seien Slawen. Letztere ist ideologisch und politisch aufgeladen.

In dieser Arbeit werden wir uns genau dieser Frage widmen: Waren die Rūs Wikinger oder Slawen? Um diese Frage bestmöglich beantworten zu können , werden wir verschiedene Quellen über die Rūs bzw. Quellen über die Wikinger unter die Lupe nehmen und vergleichen. Dabei interessierten uns besonders die detailreichen Beschreibungen des Ibn Faḍlān. Wir werden, wie bereits erwähnt wurde, durch die Berichte des Ibn Faḍlān herausfinden, ob die Rūs, zumindest die, die er getroffen hatte, skandinavische Wikinger oder Slawen waren.

Zwar sucht man vergeblich nach einer Erwähnung über die eigentliche Herkunft der Rūs bei Ibn Faḍlān, dennoch findet man zahlreiche Hinweise, die der Beantwortung der Forschungsfrage dienen könnten.

3 Über die Berichte

Anfangs ist es wichtig zu erwähnen, in welchem politischen Klima diese Berichte aus dem 9. Jhd. n. Chr. über das Volk der Rūs entstanden sind. Es handelt sich um jene Zeit, in der das Arabische Reich expandierte. Für die Kalifen von Bagdad war es deswegen von großer Bedeutung, Diplomaten und Entdeckungsreisende zu fördern, um so die zur Eroberung in Frage kommenden Gebiete zu erforschen. Ibn Faḍlān, der als Diplomat in das Land der Slawen entsandt wurde, spricht in seinen Berichten eine zivilisierte muslimische Elite an. Eine Elite, die ein großes Interesse an „guten“ Sklaven hatte. Die Vermutung liegt nahe, dass die Rūs von Ibn Faḍlān als potentielle Sklaven angesehen wurden. Beweise für einen lebhaften Sklavenhandel mit Osteuropäern in der islamischen Welt aus jener Zeit, sind in Fülle vorhanden. Dies lässt sich am besten anhand einer Aussage von Ibn Faḍlān verdeutlichen, wenn er beispielsweise erzählte:

Fa-lam ˀara ˀatamma ˀabdānan minhum ka-ˀannahumu-n-naḫlu šuqrun ḥumrun

„Ich habe noch nie so vollkommene Gestalten gesehen wie ihre- groß, wie Palmen, blond und rötlich.“

(Abbildung I)

Man könnte natürlich behaupten, dass dieses Zitat mit der zuvor behaupteten Meinung nicht zu tun hat. Jedoch gibt es hier einen Zusammenhang, denn dieser Kommentar des Ibn Faḍlān über die physische Erscheinung der Rūs lässt sich auch anders interpretieren, nämlich dass sie, also das Volk der Rūs, als Sklaven „guter Qualität“ dienen könnten. Diese Aussage mag zynisch klingen, und sie ist es wahrscheinlich auch, aber wenn man sich den Sklavenhandel der damaligen Zeit vor Augen führt, wie bereits oben vorgestellt wurde, dann kann die eben aufgestellte Behauptung einem sehr plausibel erscheinen. Im Laufe dieser Arbeit werden wir wieder darauf zu sprechen kommen.

4 Wer sind die Rūs?

Bevor wir mithilfe der Berichte des Ibn Faḍlāns in den Unterkapiteln diese Frage beantworten, soll hier zuerst der Begriff Ṣaqāliba diskutiert werden:

Wie bereits in der Einleitung erwähnt wurde, wird berichtet, dass Ibn Faḍlān zum König der Ṣaqāliba entsandt wird . Lange wurde die Verwendung des Begriffes Ṣaqāliba (Sg. Ṣaqlabī) unter den Experten diskutiert. Das arabische Wort steht für die Bezeichnung der ethnischen Gruppe der Slawen. Die Begriffsbedeutung des Wortes Ṣaqāliba erfuhr im Laufe der Geschichte eine interessante Veränderung. Ähnlich verhält es sich mit der türkischen Bezeichnung für Mais (mısır 1), was gleichzeitig auch Ägypten bedeutet: Ägypten bildete die Kornkammer des Osmanischen Reiches, aus der die Osmanen eine beträchtliche Menge an landwirtschaftlichen Produkten bezog. Da Mais in großen Mengen aus Ägypten importiert wurde, bekam Mais auf Türkisch dieselbe Bezeichnung wie das Land, aus dem es kam. Auf ähnliche Weise verlief es mit dem Begriff der Ṣaqāliba. Hierbei handelte es sich nicht um landwirtschatliche Produkte wie Mais, sondern um Sklaven, die für den Handel gedacht waren. Diese Bedeutungsveränderung fand im arabischen Andalusien statt, wo das Wort Ṣaqāliba als Benennung für alle „weißen“ Sklaven verwendet wurde. Der Umstand, dass die meisten Sklaven tatsächlich ethnisch Slawen waren, sorgte dafür, dass die arabische Volksbezeichnung für die Slawen, Ṣaqāliba, gleichzeitig auch Sklave bedeutete. Interessanterweise fand diese Bezeichnung Eingang in europäischen Sprachen.2

Die frühen arabischen Gelehrten schienen über die eigentliche Herkunft der Rūs3 unwissend gewesen zu sein. In dem geographischen Werk von al-Qazwīnī wird beispielsweise berichtet, dass die Rūs ein Volk der Türken seien.4 Nach heutiger Kenntnis ist dies jedoch nicht richtig. Nebenbei bemerkt, al-Qazwīnī lebte fast drei Jahrhunderte nach Ibn Faḍlān. Die großen Sprachunterschiede zwischen Türken und Rūs, sind scheinbar lange unbemerkt geblieben, was einem zum Staunen bringt. Ich vermute dieses Missverständnis könnte darin liegen, dass die meisten arabischen bzw. persischen Quellen die Rūs und das türkischstämmige Volk der Chazaren oft in einem Atemzug erwähnten. Tatsächlich existierte ein Verhältnis zwischen den beiden Gruppen. Das sollte aber nicht zu der Annahme verleiten, dass ihre Beziehung als positiv zu bezeichnen ist. Zwischen den beiden Gruppen herrschte eine starke, vor allem wirtschaftliche Konkurrenz. Die Rūs mit ihrem seetauglichen Schiffen, ihrem Handel mit Sklaven5 und begehrten Pelzen, sowie ihren Einsatz als Berufssöldner, verhalf ihnen zur wirtschaftlichen Dominanz. Schlussendlich konnten sie mit der Zeit mehr und mehr wirtschaftliche Macht über die wichtige Baltikum-Wolga-Kaspisches Meer-Route übernehmen.6 Dieser auf Eigeninteressen basierende Wirtschaftskampf zwischen den Rūs und den Chazaren einerseits, und ihre geographische Nähe andererseits, sorgten scheinbar für ein Missverständnis bei so manchem Araber bzw. Perser, hinsichtlich der ethnischen Zugehörigkeit der Rūs.

Den Rūs gelang es, einen neuen wichtigen Handelsweg zwischen Ost und West zu öffnen, der das Kaspische Meer durch die Wolga mit der Ostsee verband. Archäologische Funde, vorwiegend Münzen, auf Gotland, belegen dies.1

Bei anderen arabischen bzw. persischen Berichten lesen wir ebenfalls von ähnlichen Zeugnissen, die die turbulente Beziehung zwischen Rūs und Chazaren belegen, wie beispielsweise beim Perser Ibn Khordadbeh, der um 840 die Rūs als ein Volk beschrieb, das das Land der Chazaren passiert, um an das Kaspische Meer zu gelangen, von wo es zur persischen Stadt Gorgan weitergeht, um dort seine Waren zu verkaufen. Weiters erwähnt er, dass sie sogar manchmal auf den Rücken der Kamele bis nach Bagdad, das Herz des Abbasidischen Reiches, weiterzogen. Dies würde die zahlreichen arabischen Münzfunde im Baltikum erklären, wie bereits angeführt wurde.

Kurzgefasst, aus der Erzählung erfährt man, wie Ibn Faḍlān zum Volk der Slawen entsandt wurde. Das beantwortet aber nicht die Frage, ob die hier thematisierte Gruppe, d.h. die Rūs, auch wirklich Slawen waren, bzw. ob Ibn Faḍlān sie auch als solche wahrgenommen hatte. Nach Aussagen über die ethnische Zugehörigkeit der Rūs sucht man bei Ibn Faḍlāns Berichten vergeblich. Jedoch gibt es reichlich Hinweise, die in gewisser Weise der Beantwortung der Fragestellung dienen könnten. Um dies bestmöglich beantworten zu können, werde ich eine Liste erstellen, die alle Punkte beinhaltet bezüglich der Bräuche, Sitten, und aller wichtiger kultureller Aspekte, die Ibn Faḍlān über die Rūs registriert hatte. Jeder Punkt wird genau behandelt und mit den Informationen über die Wikinger verglichen, um schlussendlich herauszufinden, ob die Rūs Wikinger waren, oder nicht. Die sieben Punkte werden in den gleichnamigen Unterkapiteln behandelt:

Wichtige Aspekte aus Ibn Faḍlāns Bericht über die Rūs

- Am Fluss ˀItil (Wolga)
- Beerdigung bei den Rūs
- Waffen der Rūs
- „Bilder“ von der Spitze der Zehe bis zum Hals
- Frauen tragen an ihren Brüsten „Boxen“
- Umgang mit Kranken
- Konkubinat

4.1 Am Fluss ˀItil­ (Wolga)

Wie im Anhang in der Liste der Beschreibungen erwähnt wird, ist ˀItil die Bezeichnung für den Fluss Wolga. Es ist historisch belegt, dass im Jahre 793 skandinavische Räuber mit ihren Drachenschiffen an der Ostküste Englands das Kloster Lindisfarne plünderten. Danach zogen Wikinger in alle Herren Länder aus. In der Forschung gilt diese Bewegung als die letzte und verspätete germanische Völkerwanderung. Zwischen diesem Ereignis und der Mission von Ibn Faḍlān liegen ca. 130 Jahre.

Die Wikinger des heutigen Schweden, die sog. Waräger1, zogen mit ihren Schiffen nach Russland. Jacob van Klaveren verfasste einen sehr interessanten Artikel über die Bedeutung der Wikinger für die Belebung der Geldwirtschaft im frühen Mittelalter: Im mittelalterlichen Russland waren die Verhältnisse andere, als die in anderen Gebieten, die von den Wikingern heimgesucht wurden. Die Wirtschaft war dort so unentwickelt, dass die Phase der Plünderung, für die die Wikinger bekannt waren, übersprungen wurde. Es kam schon nach kurzer Zeit zur Reichsgründung. Das Resultat war die rasche Entstehung der sog. Warägerreiche. Die Eingeborenen wurden zur Abgabe von Naturaltributen verpflichtet.

Die Tribute wurden entweder nach Skandinavien in die Heimat gebracht, oder gewinnbringend in andere Länder verkauft, welche an Gewässern lagen und durch Schiffe erreichbar waren. Von der Ostsee aus drangen die Waräger in das ausgedehnte Flusssystem der Wolga bzw. Dnjepr ein, und kamen sogar auf der anderen Seite am Kaspischen Meer wieder heraus, wo sie in dem damaligen Konstantinopel ihre Ware an den Markt bringen konnten. Zahlreiche Münzfunde belegen dies. Ab 850 kehrten die meisten Wikinger nicht mehr heim. Grund für diese historische Wende war die Tatsache, dass sie wegen des Beutesystems nicht mehr in der Lage waren, sich so zu bereichern, um in ihrer alten Heimat ein besseres Leben führen zu können. Denn die Beute musste an die Führungsschicht der Wikinger abgegeben werden. Wer dies nicht tat, wurde mit Ermordung bestraft. Das Resultat war, dass viel Geld nach Skandinavien zurückfloss. Während die Führungsschicht sich mehr und mehr bereicherte, verjubelte die Mannschaft in kurzer Zeit ihren Beuteanteil. Zudem kamen viele Wikinger, um als Söldner der Slawenherrscher zu arbeiten, und schon nach kurzer Zeit, übernahmen sie selbst dort die Macht. 2

So gliederten sich die Wikinger in die neuen Gebiete ein, übernahmen deren Bräuche und wurden Teil der Gesellschaft. Ibn Faḍlān kam ca. 70 Jahre später, d.h. er erlebte diesen Prozess hautnah, als er beispielsweise sagte:

Wa-raˀaytu-r-rusīyata wa-qad wāfū bi-tiǧārātihim fa-nazalū ˁalā nahri ˀitil

„Ich erlebte wie das Volk der Rūs mit ihrer Ware am Fluss ˀItil (Wolga) [an Land gingen].“

(Abbildung I)

An einer anderen Stelle berichtet Ibn Faḍlān:

Yaǧīˀūna min baladihim fa-yarsūna sufunahum bi-ˀitil, wa-huwa nahrun kabīrun, wa-yabnūna ˁalā šāṭiˀihi buyūtan kibāran.

„Von ihrem Land kommen sie, um an dem Fluss ˀItil zu ankern. Dieser ist ein großer Fluss, an dessen Ufer bauen sie große Häuser aus Holz.“

(Abbildung III)

Diese Aussagen des Ibn Faḍlān, stimmen erstaunlich mit den historischen und archäologischen Gegebenheiten über die Wikinger an der Wolga zurzeit des 9. Jahrhunderts überein, wie wir es in diesem Unterkapitel bereits verdeutlicht haben.

Bei anderen arabischen bzw. persischen Berichten lesen wir ebenfalls von ähnlichen Zeugnissen, wie beispielsweise beim schon vorher erwähnten Perser Ibn Khordadbeh, der um 840 die Rūs als ein Volk beschrieb, das das Land der Chazaren passierte, um an das Kaspische Meer zu gelangen, von wo es zur persischen Stadt Gorgan weiterzog, um dort seine Ware zu verkaufen. Weiters erwähnt er, dass sie Handelsbeziehungen mit dem Kalifat hatten. Die Quellen über den Handel der Rūs mit dem Kalifat, würden die zahlreichen arabischen Münzfunde im Baltikum erklären.

4.2 Beerdigung bei den Rūs

Was den genauen Verlauf der Beerdigung bei den Wikingern betrifft, so gibt es relativ wenig Quellen darüber aus der Zeit vor der Christianisierung. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass die Wikinger vorwiegend eine orale Tradition hatten. Einige Hinweise findet man im 8. Kapitel der sog. Ynglingasaga aus dem 13. Jahrhundert. Dort heißt es:

In his country Óðinn1 introduced such laws as had been in force among the Æsir2 before. Thus he ordered that all the dead were to be burned on a pyre together with their possessions, saying that everyone would arrive in Valhalla3 with such wealth as he had with him on his pyre and that he would also enjoy the use of what he him- self had hidden in the ground. For notable men burial mounds were to be thrown up as memorials. But for all men who had shown great manly qualities memorial stones were to be erected, and this custom continued for a long time thereafter. 1

Aus dieser Quelle lässt sich die Erkenntnis gewinnen, dass die Verbrennung der Toten mit ihrem Hab und Gut bei den Skandinaviern, also sprich den Wikingern, religiöser Natur war. Zum Vergleich dazu finden wir diesbezüglich Erwähnungen bei Ibn Faḍlān, als ein Mann der Rūs, mittels Übersetzer, mit ihm ins Gespräch kam. Ibn Faḍlān erzählt:

Wa-kāna ˀilā ǧānibi raǧulun mina-r-rūsiyyati fa-samiˁtuhu yukallimu-t-turǧmāna-l-laḏī maˁahu, fa-saˀaltahu ˁammā qāla lahu, fa-qāla: ‚ˀinnahu yaqūlu ˀantum maˁāširu-l-ˁarabi ḥamqā li-ˀannakum taˁmadūna ˀilā ˀaḥabbi-n-nāsi ˀilaykum wa-ˀakramahum ˁalaykum fa-taṭraḥūnahu fī-t-turābi fa-taˀkuluhu-l-hawāmmu wa-d-dūdu wa-naḥnu naḥriquhu bi-n-nāri fī-laḥẓatin fa-yadḫulu-l-ǧannata min waqtihi wa-sāˁatihi

„Neben mir hörte ich einen Mann der Rūs, welcher sich mit dem bei ihm befindlichen Übersetzer unterhielt. Danach fragte ich ihn (den Übersetzer), worüber er denn gesprochen hatte. Da antwortete er mir und sagte: „Er erzählte, dass ihr, das Volk der Araber, Narren seiet, weil ihr euren geliebten und hochgeschätzten Mitmenschen hernehmet und in den Boden begrabet, sodass ihn die Ungeziefer und Würmer fressen. Sie hingegen verbrennen ihren Toten, auf diese Weise gelangt er unverzüglich ins Paradies.“

(Abbildung VII)

An einer anderen Stelle wo, Ibn Faḍlān Zeuge eines Schiffsgrabes wurde, beschreibt er sehr genau den Verlauf der Beerdigung. Hierzu ein kurzer Auszug:

Fa-taˀḫuḏu-n-nāru fī-l-ḥaṭabi ṯumma fī-s-safīnati ṯumma fī-l-qubbati wa-r-raǧilu wa-l-ǧāriyatu wa-ǧamīˁu mā fīhā.

„Und das Brennholz fing Feuer, dann das Schiff, dann Jurte, der Mann, die Konkubine und alles, was darin war.“

(Ist nicht in den Abbildungen enthalten!)

Auch hier stellt man eine große Ähnlichkeit zwischen der Kultur und Bräuchen der Wikinger, und den Berichten des Ibn Faḍlān fest. Denn diese Art der Beerdigung ist dem Anschein nach ein Kult, der dem nordischen Gott Odin gewidmet war, wie bereits verdeutlicht wurde.

Was das Menschenopfer angeht, so gibt es dafür archäologische Beweise aus Norwegen- In Oseberg-Hof wurde ein Schiff ausgegraben, welches unter anderem Skelette von zwei Frauen enthielt. Die Archäologen gehen davon aus, zwei Konkubinen, die absichtlich ermordet wurden, um als Grabbeigabe zu dienen, gefunden zu haben. Das von Ibn Faḍlān beschriebene Schiffsgrab ist eindeutig ein Brauch aus Skandinavien. Dort wurde oft eine Kammer für ein für die Bestattung vorgesehenes Schiff errichtet, in der der Tote mitsamt seiner Habe gebettet wurde. Bei der Beschreibung erwähnt Ibn Faḍlān ebenfalls ein Zelt (qubba) aus Filz, das auf das Schiff aufgeschlagen wurde. Dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um ein chazarisches Zelt. Das aufgeschlagene Zelt ist ein Indiz für die Verschmelzung türkischer bzw. östlicher Elemente mit der Wikingerkultur. Durch die Berichte Ibn Faḍlāns bekommen wir somit einen sehr interessanten Einblick in dem Prozess, wie ein Volk des Nordens zu einem Volk des Ostens wird.1

[...]


1 Der Reisebericht ist nicht nur durch Yāqūt erhalten. 1923 entdeckte Zeki Validi Togan ein Manuskript im Astane Quds Museum in Maschhad, der unteranderem die Berichte des Ibn Faḍlān enthielt. Vgl. Hermes, 2012, S. 80-84.

2 Wikinger bezeichnet keine Ethnie. Das Wort vikingr kommt aus dem altnordischen und bedeutet Pirat. Es ist ein Sammelbegriff für alle skandinavischen Piraten, die plündernd in Europa und anderswo zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert umherzogen. Vgl. Britannica, 1998, s.v. Viking.

1 Heuser, 1962, S. 412.

2 Vgl. Gordon & A., 2017, S. 127-134.

3 Begriffsdefinierung der Rūs s. Kap. d. Beschreibungen im Anhang.

4wa- hum ˀummatun ˁaḏīmatun mina-l-turki“ - und sie sind ein großes Volk der Türken“ Vgl. Cazwini, 1967, S. 393-394.

5 Vgl. Kaplan, 1954, S. 3.

6 Vgl. Hraundal, 2014, S. 71-72.

1 Vgl. Pirenne, 1936, S. 159.

1 Das Wort „Waräger“ stammt aus dem russischen Wort „ varjag “, was wiederum eine Korrumpierung des altnordischen „ vaeringer “ ist, welches Bundesgenosse bedeutete. Vgl. Klaveren, 1956, S. 404.

2 Vgl. Klaveren, 1956, S. 397-398.

1 Odin (altnord.) Nach der Edda der Oberste der Asen, nach volkstümlichen Vorstellungen auch Toten- oder Sturmgott. In nord. Quellen erscheint Odin als Gott der Ekstase, des Krieges und der Toten. Vgl. Britannica, 2018, s.v. Odin.

2 Æsir (Aesir): Begriff aus der nord. Mythologie. Bezeichnet die Mitglieder des Götterpantheon. Mitglieder dieses Pantheon sind: Odin, Thor [et. al.]. Vgl. Britannica, 1998, s.v. Aesir.

3 Walhalla (engl. Valhalla): Begriff aus der nordischen Mythologie: Es bezeichnet eine Halle, die für im Kampf gefallene tapfere Krieger als Ruheort dient. Vgl. Sawyer, 1997, S. 216.

1 Hraundal, 2014, S. 81.

1 Vgl. Peter, 2015, S. 183-184.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Ibn Fadlan und die Rus. Wikinger aus der Sicht eines Arabers
Hochschule
Universität Wien  (Orientalistik)
Veranstaltung
Philologisches Seminar
Note
1
Autor
Jahr
2019
Seiten
34
Katalognummer
V457512
ISBN (eBook)
9783668889200
ISBN (Buch)
9783668889217
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ibn Fadlan, Rūs, Wikinger, Arabisch, Arabistik, Waräger, Slawen, Sklaven, Ibn Rustah, Itil, Wolga, Abbasiden, al-Muqtadir, Normanist Controversy, Yaqut
Arbeit zitieren
Ali Samaha (Autor), 2019, Ibn Fadlan und die Rus. Wikinger aus der Sicht eines Arabers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457512

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