Die postmodernen Fesseln der Subjektivierung


Seminararbeit, 2017
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Wählen und gewählt werden

2. Von der Reglementierung zur Kommodifizierung der Arbeit
2.1 Die reibungslosen Arbeitnehmer/innen

3. Die Kunst der Selbstvermarktung
3.1 Die Ausbildung
3.1.1. Die Weiterbildung
3.2. Die Werkzeuge
3.2.1. Die Inszenierungsregeln
3.3. Die Taktik
3.4. Die Kunst Loszulassen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Anhand des Ausmaßes an Begrifflichkeiten die unsere Gegenwart zu beschreiben versuchen, wird schnell deutlich in welch unbeständigen Zeiten wir uns befinden: Die moderne Ordnung wich unlängst einer postmodernen, deren verschobene Machteinflüsse, demokratische Strukturen langsam aufzulösen scheinen. Das unter dem marktorientierten System stehende Individuum muss heute zunehmend die Verantwortung Entscheidungen zu treffen bei sich selbst suchen. Die daraus entstehende nach innen gerichtete Denk- und Handelsweise des Subjekts, lässt es schnell in Fallen tappen die ihm das System aber auch es selbst sich stellt.

Einer der ausschlaggebendsten Merkmale der Postmoderne und dessen freier Marktwirtschaft, ist hierbei der quer durch die Lebenslagen zu beobachtende Drang des Subjekts sich selbst zu optimieren. Insbesondere innerhalb der Berufswelt, die kaum noch Privates von Öffentlichem zu trennen vermag, muss es einen Weg finden sich auf optimale Weise zu vermarkten um den Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden. Unter den Bedingungen des allgemeinen Wettbewerbsdruck, unterwirft sich das Subjekt einem ambivalenten Verhältnis zwischen freiheitlicher Anziehung und folgenreicher Maßregelung. Die Vorstellung am unerreichbaren Ziel dieses Wettlaufs eine persönliche Erlösung zu finden, scheint zum Mantra und »blindem Fleck«1 des Subjekts und einer ganzen Gesellschaft geworden zu sein. Geht das Individuum den Bestrebungen jedoch nicht nach, so droht ihm womöglich soziale Ausgrenzung und existenzielle Vereinsamung. M. E. nimmt es daher ein unbewusstes Risikomanagement vor, dass solch negative Faktoren auszuschließen versucht und ihm ein vermeintliches Gefühl der Sicherheit und der Bedürfnisbefriedigung beschert.

Nach Zygmunt Baumans »Leben als Konsum« begreift sich das Subjekt stets als über den Dingen stehend und so bleibt es für es nur schwer realisierbar, dass es sich in ein bloßes Objekt zur Konsumierung verwandelt haben soll. Worin liegt dies begründet? Ist die Selbstoptimierung in der Postmoderne des Individuums größter blinder Fleck? Besonders tragisch ist hierbei, dass jede Anstrengung des Subjekts sich in eine begehrenswerte Ware zu verwandeln, einer anhaltenden Angst vor dem persönlichen Scheitern und eines Gefühls der Unzulänglichkeit nicht entgegenwirken kann. Ulrich Bröckling untersucht in seiner Soziologie über »Das unternehmerische Selbst« eben dieses »Diktat« des gegenwärtigen neoliberalen Systems auf die Gesellschaft sowie die Beweggründe des Subjekts sich diesem zu fügen. Was sind die Reize der Selbstvermarktung und welche Optionen bleiben dem »unternehmerischen Selbst« sich diesen zu entziehen?

Um die Stellung des Subjekts und die Ursachen für die Subjektivierung in der Postmoderne einordnen zu können, erläutere ich die nach Baumans Theorien, nicht mehr bestehende Trennung zwischen Konsument/in und Ware. Unter der Berücksichtigung zeitlicher Entwicklungen der Arbeitswelt, werde ich beginnend mit den reglementierenden Einflüssen der industriellen Revolution ,auf die heutigen Anforderungen an die Arbeitnehmerschaft übergehen. Um die Gründe zu einer mittlerweile in strapaziöser Eigenregie geführten »Kommodifizierung«1 aufzudecken, werde ich Untersuchungen anstellen, die die Verantwortungsverschiebung von einer autoritären äußeren Kraft , hin zu einer Art inneren Kraft seitens der Arbeitnehmer/innen verdeutlichen.

Als mich selbst als Kunstschaffende begreifen, konkretisiere ich die daraus entstandenen Ergebnisse in Bezugnahme auf das »unternehmerische Selbst« nach Bröckling, in einer beispielhaften Anwendung bzgl. Selbstdarstellung, Inszenierung und Multimedialisierung Kunstschaffender. Abschließend nehme ich Augenmerk auf die anziehende Wirkung und die Risiken der Selbstvermarktung in der Kreativbranche, sowie auf mögliche Optionen diese zu umgehen.

1. Wählen und gewählt werden

Abgesehen davon, dass längst nicht mehr nur dass gekauft wird, was wirklich gebraucht wird und somit ein genügsames »von der Hand in den Mund« Leben passé ist, geht unlängst ein Wandel zwischen Konsument und Ware von statten. Zwar trennt uns auf den ersten Blick einiges von den Produkten in unserem Einkaufswagen, doch in Wirklichkeit sind wir uns in vielerlei Hinsicht gar nicht so unähnlich. Wir in der Rolle als Konsumenten können Preise vergleichen, zwischen Marke, Sorte und Größe bzw. Gewicht wählen. Die Vorstellung, dass jemand anderes genauso über uns entscheiden und urteilen könnte klingt paradox, doch dieser Fall ist längst eingetreten. Diese schleichende und weitestgehend unbemerkte Entwicklung zeigt, dass die gedachte Trennung zwischen Dingen »[…] die zur Wahl stehen, und jene, die auswählen; […]« ,1 ergo zwischen den Waren und den Konsumenten, nicht mehr existiert . Der zu Beginn des Jahres verstorbene Soziologe Zygmunt Bauman, erläutert in seinem »Leben als Konsum«, dass heute beide Elemente verwischen oder gar vollständig beseitigt werden: Wir müssen uns zunächst selbst in eine begehrenswerte Ware verwandeln um überhaupt als Subjekt innerhalb des Systems und seiner Gesellschaft erkannt und akzeptiert zu werden. Dies bezeichnet Bauman als »Subjektivitätsfetischismus«2, der eingetreten ist, indem wir Dinge »fetischisiert« haben und ihnen die Macht gaben, selbst zu Akteuren zu werden. Die These wird mehr als verständlich, bedenkt man, dass der Mensch des 21. Jh. durchaus dazu bereit ist vor einem Apple Store mit etlichen anderen auf der Straße zu übernachten, nur um sich am nächsten Morgen nach den sich öffnenden Ladentüren (den Pforten zum Himmelstor gleich) auf das neueste iPhone zu stürzen. Dadurch dass wir Dingen einen besonderen oder gar »magischen« Wert beimessen, wie in diesem Fall dem IPhone in der Rolle als Akteur, findet gleichzeitig eine Abwertung der eigenen Person statt. Ein allgemeines Gefühl der Unzulänglichkeit schleicht sich ein, sowie der quer durch die Gesellschaftsschichten zu beobachtende Wunsch des Individuums sich selbst zu optimieren.

Das zur Ware werden des Subjekts, mag es im ersten Moment noch befremdlich klingen, ist in jeder Lebenslage anzutreffen. Sportmarken zum Beispiel, die mit trendigen Farben und Lifestyle Produkten werben, geben mit allerlei Marketingstrategien, den Verbraucherinnen und Verbrauchern einen Lebenswandel des vermeintlichen Körperglücks und Wohlbefindens vor, der nur erreichbar wird durch käufliche Erwerbung und »Verinnerlichung« der Produktpalette. Getreu dem Motto »All in or nothing«,3 fangen Teenager an Gewichte zu stemmen, oder gehen mit auswertbaren Fitnessarmbändern und anderen Gadgets zur Leistungssteigerung, joggen. Dies wird mit großem Ansporn getan, um den für die jeweilige Marke werbenden Idolen und insbesondere dem was damit vorgegeben oder verkörpert wir, optisch näher zu kommen. Die Transformation des Subjekts bezieht sich jedoch nicht ausschließlich auf dessen Körper, sondern auch auf den Intellekt. Nirgends scheint dies so offensichtlich zu tragen zu kommen wie in der Berufswelt, deren Bedingungen zur Erwerbstätigkeitsaufnahme sich über die Jahre hinweg verändert und mittlerweile zu einer Wechselwirkung von Privatleben und Berufsleben geführt haben. Neben freizeitlicher Bestrebung zu einem besseren Sein, steht das zur »Arbeitsware« werden in der Berufswelt für viele an erster Stelle: Konkurrenzdenken, Leistungssteigerungen, neue Techniken und Normen setzen Arbeitnehmer/innen unter enormen Druck und stellen diese vor kaum leistbare Anforderungen und Aufgaben.

2. Von der Reglementierung zur Kommodifizierung der Arbeit

Zu Zeiten der Industrialisierung hatten Arbeitnehmer/innen noch den Schutz und die Ordnung durch ein Reglement, in welchem der Lebensunterhalt des Individuums an eine Lebensbegleitende Anstellung gekoppelt war. So baten vor allem Militärdienst und Fabrikarbeit sichere Arbeitsplätze und gaben keinen Anlass zur allgemeinen Ungewissheit, wie sie heute zu vernehmen ist. Innerhalb dieser Machtverhältnisse hatte sich der Arbeitende jedoch einer Obrigkeit zu unterwerfen: einem Chef der mit Überwachung und Kontrolle seine Angestellten verwaltete. Die Überwachungsfunktion, nahm der damals in den Fabriken arbeitende, ausschließlich männliche Angestellte, auch innerhalb der eigenen Familie gegenüber seiner Frau ein. So wurde »[...] das Gespenst der Ungewißheit durch Reglementierung ausgetrieben; [...]« und die Gewißheit »[...] durch Kräfte wiederhergestellt, die dem Individuum äußerlich sind – von außen. « 1 Die autoritäre Kraft des panoptischen Ordnungssystems, gab zwar Gewissheit, doch die Individualität der/des Einzelnen ging in den monotonen und von Kraft bestimmten Arbeitsabläufen unter. Wie auf dem zu dieser Zeit erfunden Fließband, wurde der Mensch in eine Richtung gelenkt, in der er in blindem Gehorsam, stupide Ausführungen vornahm: Der industrielle Fortschritt hatte oberste Priorität und bot kaum Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung oder Hinterfragung des Systems.

Jahrzehnte später wendete sich das Blatt: Die früher von außen einwirkende Kraft auf die Arbeitnehmerschaft, ist m.E. nun zu einer Art » inneren Kraft « geworden » […] jetzt ist jeder frei, aber innerhalb seines eigenen Gefängnisses, des Gefängnisses, das er aus freien Stücken selbst erbaut.2 Mit dem zunächst esoterisch anmutenden Begriff der inneren Kraft, ist jedoch keine spirituelle Auseinandersetzung mit dem eigenen Kräftehaushalt gemeint, er suggeriert vielmehr einen aus eigener Kraft angetriebenen Optimierungsvorgang hin zu einer eigenständigen Freiheit und Unabhängigkeit von jeglichen Autoritäten. Jedoch lastet durch die Machtverschiebung auch ein enormer Druck auf den Arbeitnehmer/innen, die so zu ihren eigenen » Lehrenden « werden. Eine fortschreitende »Kommodifizierung«3 der Arbeit, also eine private Ressourcen Vermarktung der Arbeit des Individuums erhält Einzug, in der es sich ständig zu aktualisieren und seinen Horizont zu erweitern hat. »[…] Aus Angst, als Altware aus dem Gebrauch zurückgezogen zu werden, färben sich Damen und Herren die Haare«4 Die Kommodifizierung, ist wie in diesem Zitat aus Siegfiried Kracauer´s, »Die Angestellten« auch immer mit Ängsten verschiedener Natur verknüpft. Dies wird zum Teil durch die zunehmende Technisierung begünstigt, da immer mehr Maschinen einen beträchtlichen Teil der Arbeit übernehmen, die vor einigen Generationen noch Menschen verrichtet hatten. Mitunter wurden Innovationen an den Stellen eingesetzt, wo Arbeitswege dadurch kostengünstiger, schneller oder auch mit geringerem Fehleranteil ausgeführt werden konnten. Sinnvoll aufgeteilt, bringt diese Herangehensweise auf der einen Seite viele Vorteile für den Arbeitsmarkt, auf der anderen, führt sie zu Existenzängsten der betroffenen Arbeitnehmerschaft die zu Recht um ihre Arbeitsplätze bangen.

[...]


1 Seminarprotokoll, Systemtheorie nach Niklas Luhmann, S. 3

1 Bauman, Leben als Konsum, S.15

2 Bauman, Leben als Konsum, S.21

1 Ebd., S.27

2 Adidas Kampagne bei der Fußballweltmeisterschaft 2014, adidas Int. Trading B.V.

1 Bauman, Flaneure, Spieler und Touristen, S.175-176

2 Bauman, Flaneure, Spieler und Touristen, S.184

3 Bauman, Leben als Konsum , S.15

4 Ebd., S.14, Bauman zitiert nach Kracauer, Die Angestellten,S.224

1 Bauman, Leben als Konsum, S.17

2 Ebd., S.18

3 Bröckling, Das unternehmerische Selbst, S.12

4 Ebd., S.27

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die postmodernen Fesseln der Subjektivierung
Hochschule
Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V460793
ISBN (eBook)
9783668909786
ISBN (Buch)
9783668909793
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Subjektivierung, Postmoderne, Selbstvermarktung, Kunst, Arbeitsmarkt
Arbeit zitieren
Laura Krestan (Autor), 2017, Die postmodernen Fesseln der Subjektivierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/460793

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