Predigt im Mittelalter. Konrad Megenbergs "Buch der Natur" als eine Anleitung?


Hausarbeit, 2016

11 Seiten, Note: 1.7

Ann Chef (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung:

II. Buch der Natur – ein Exempla für die Predigt?

2.1 Der Löwe und der Pelikan im Buch der Natur
2.2 Christliche Hermeneutik und die Umsetzung in der mittelalterlichen Predigt

III. Predigt im Mittelalter und heute – so verschieden?

IV. Literatur:

I. Einleitung:

Das „Buch der Natur“ (1350) von Konrad von Megenberg ist die deutsche (und erweiterte) Übersetzung der lateinischen Enzyklopädie „Liber de natura rerum“ des Dominikaners Thomas von Cantimpré (Steer, Das Buch von den natürlichen Dingen, S.181).

Doch es ist vielmehr als eine Beschreibung der Natur nach dem mittelalterlichen Wissensstand. Einerseits erläutert Konrad von Megenberg das naturwissenschaftliche Wissen über bestimmte Sachverhalte, Tiere, Pflanzen usw., anderseits setzt er sie in Bezug zu der christlichen Bedeutungslehre.

„Dem mittelalterlichen Christen ist die Erkenntnis Gottes sowohl im ´Buch der Bücher` als auch im „Buch der Welt“ möglich. Die Kirche zieht dabei jedoch einen deutlichen Trennungsstrich zwischen Klerikern und Laien.“ (Weddige, Einführung S. 65).

Während den Klerikern also die Bibel vorbehalten ist, soll der Laie in der Natur Gottes Schöpfung und sein Wirken erkennen. Das „Buch der Natur“ als „Buch der Welt“, also als eine Anleitung für den Laien, in der Natur Gottes Schöpfung zu erkennen.

Dieses „Lesen“ im Buch der Welt wird dem ungebildeten Laien durch den Priester vermittelt, können die Texte aus Konrad von Megensbergs Werk daher zugleich als Exempla für die Predigt gesehen werden?

Im Folgenden soll am Beispiel des Löwen sowie des Pelikans untersucht werden, inwiefern das „Buch der Natur“ von Konrad von Megenberg im Sinne der mittelalterlich-christlichen Bedeutungskunde zu lesen ist und wie sich die Predigt im Mittelalter an derartigen Texten orientiert. Des Weiteren wird der Frage nachgegangen, wie sich die christliche Hermeneutik im Mittelalter zu unserem heutigen Verständnis gewandelt hat und ob sich deren Elemente in der modernen Predigt wiederfinden lassen.

II. Buch der Natur – ein Exempla für die Predigt?

2.1 Der Löwe und der Pelikan im Buch der Natur

Der Text III.A.37: Von dem lewen im „Buch der Natur“ stellt beispielsweise die Mehrdeutigkeit des Werkes dar. (Kritischer Text nach den Handschriften, Robert Luff, Georg Steer S.168)

Konrad von Megenberg nennt einige eher naturwissenschaftliche Informationen (seines Wissenstands) über den Löwen, so Alexander ſpricht, daz der leo grozz craft hab in der pr F ſt vnd in den vodern f F zzen […].(Ebd. S.170 Z.1) . Weiter ist der Löwe von ſo haizzer natur, daz man will, er ſei ſtates ſuhtig oder fiebrig und Etleich ſprechent, daz der leo von ſeinem aigenen zorn ſterb, ſo gar hitzig wirt er in im ſelber […] (Ebd. S.169, Z.6)

Des Weiteren wird das Verhalten der Löwen beschrieben: Die lewen ſint vnder enander fridſam vnd chriegend niht […] Solinus und Plinius ſprechent, wenne der leo ſeinen ſtertz ſtill hab, vnd ſo ſei er ſanftig vnd fridſam, aber daz iſt ſelten. Wenne er anhebt ze z F rnen, ſo ſleht er den ſtertz auf die erden, vnd ſo der zorn wehſet, ſo gaiſelt er ſich ſelber auf dem ruck mit dem ſtertz. (Ebd. S.169, Z.12)

Auch soll das Löwenfleisch eine positive Wirkung auf den Menschen haben: Plinius ſpricht, az lewenſlaiſch vnd allermaiſt ſein hertz den la F ten g G t ſei, die M brig chelten haben, wanne ſo ſi daz ſlaiſch ezzen, ſo werdent ſi haiſſ. (Ebd. S.169,Z.20)

Diese Textauszüge verdeutlichen den enzyklopädischen Charakter des „Buches der Natur“, die Aussagen über das Tier werden als „Fakten“ genannt, also einfach als die Sache an sich. Andere Textpassagen verweisen auf eine tiefgreifendere Sinnbedeutung des Löwen und seines Verhaltens, wie an folgendem Beispiel deutlich wird:

Auguſtinus ſpricht:So die lewin gepirt, ſo ſlaffend die lewel drei tag, vntz der vater ch F mt, der ſchreit gar laut ob in. Von dem geſchray erſchreckend ſi vnd erwachent.[…] (Ebd. S.168,Z.14)

An diesen Beispielen wird die mehrdeutige Auslegung des Textes deutlich. Auch für den damaligen Wissensstand werden die Löwenjungen natürlich nicht tot geboren, sondern die Auferweckung ist ein Verweis auf Gott und die Auferstandung Jesu am 3. Tag nach seiner Kreuzigung.

So wird es auch im Physiologus, einer frühchristlichen Naturlehre, dargestellt und unumwunden interpretiert: „Wenn die Löwin ihr Junges wirft, so ist dieses zuerst tot. Die Löwin aber behütet das Geborene, bis daß sein Vater kommt am dritten Tage, und ihm in´s Anlitz bläst und es erweckt. Dergestalt hat auch der All-Gott und Vater den Erstgeborenen vor allen Kreaturen, unseren Herrn Jesus Christus, seinen Sohn, von den Toten aufgeweckt, damit er das irrende Geschlecht der Menschen erettete. […] Wohlgesprochen hat also der Physiologus vom Löwen und seinem Junge.“ (Weddige, Einführung S.69)

Weiter heißt es im Physiologus: „Wenn der Löwe schlummert in seiner Höhle, so ist´s doch eher ein Wachen; denn geöffnet bleiben seine Augen. Dies bezeugt auch Salomos Hohenlied, sagend: Ich schlafe, aber mein Herz wacht. Denn die Leiblichkeit des Herrn schläft am Kreuz, seine Göttlichkeit aber wacht, sitzend zur Rechten des Vaters […]“(Ebd. S.69)

Sehr ähnlich ist die Formulierung im „Buch der Natur“, dort schreibt von Megenberg: Adelinus ſpricht: Wenn der leo ſlaft, ſo wachend ſeinewe augen. (Kritischer Text nach den Handschriften, Robert Luff, Georg Steer S.168,Z.25)

Der Löwe steht abermals für Gott, der immer über die Menschen wacht.

Eine dritte Passage, Wenne er get, ſo vertilgt er ſein ſ G zzſtapfen mit dem ſtertz, daz in die iager iht vinden, alſo ſprich Plinius (Ebd. S 168,Z.26) deren christliche Bedeutung im „Buch der Natur“ nicht sofort augenscheinlich wird, interpretiert Hilkert Weddige anhand des Vergleiches im Physiologus wie folgt: „Christus war Mensch unter den Menschen, um dem Teufel zu verbergen, daß er Gottes Sohn sei.“ (Weddige, Einführung S.69) Der Löwe (Christus) verwischt also seine Spuren mit seinem Schwanz, damit ihn der Jäger (Teufel) nicht finden kann.

Expliztit genannt wird die Parallele im „Buch der Natur“ an folgender Stelle:
Alſo iſt div ſunne in dem himel zaichen, daz leo haizzt. (Kritischer Text nach den Handschriften, Robert Luff, Georg Steer, S.170,Z.6)

Dieser Satz verbirgt seinen Sinn darin, dass der Leser erst den Vergleich des Löwen mit Christus erkennen muss und im vorangegangenen Text dazu hingeführt wurde.

Dennoch lässt sich ein qualitativer Unterschied in der christlichen Auslegung und ihrer expliziten Bennenung zwischen dem „Buch der Natur“ und z. B. dem „Physiologus“ erkennen. Denn „Im späten Mittelalter vollzieht sich allmählich eine Wende von der konsequent christlichen Welt- und Naturdeutung zu einer Welt- und Natur kunde, die nicht mehr ausschließlich vom christlichen Erkenntnisinteresse beherrscht wird. Konrad von Megenberg etwa stützt sich in seinem Buch der Natur (1349/50) beim Bericht über den Löwen nicht mehr allein auf die Physiologus -Tradition, sondern er beruft sich auf Augustinus, Solinus, Plinius, Aristoteles usw. Diese Tendenz ist nicht neu […] über der bloßen Anhäufung von Wissen [gerät] der alte Bezugsrahmen aus dem Blick oder wird zumindest verwischt.“ (Weddige, Einführung S.77-78)

Doch auch wenn Konrad von Megenberg in seinem Werk den christlichen Bezugsrahmen teilweise nicht direkt nennt, bleibt dieser, wenn auch im geringeren Umfang, erhalten und ist immer noch die vorherrschende Legetimationsbasis, es handelt sich eher um eine „Verlagerung des Interesses“ (vgl. Weddige, Einführung S.78).

Georg Steer formuliert auf die Frage nach der Motivation Konrad von Megenberg, die „Liber de natura rerum“ zu übersetzen folgende Antwort: „Konrad hat ein in seinem Sinne streng naturwissenschaftliches und stark persönlich engagiertes Buch geschrieben, das auch im streng mittelalterlichen Sinne als ´Buch der Natur`gelesen werden konnte.“ (Steer,S.188)

Dies unterstreicht ebenfalls, dass das „Buch der Natur“ neben dem enzyklopädischen Charakter, der mehr als in vergleichbaren „Natur-Büchern“ hervortritt, trotzdem weiterhin nach der mitteralterlich-christlichen Bedeutungskunde gelesen und verstanden werden kann.

In dem Kapitel III.B.55 Von dem pellican wird der christliche Verweischarakter der Tierbeschreibung deutlicher. In diesem Kapitel nennt Konrad kaum wissenschaftliche Informationen über den Pelikan, wie z.B. beim Löwen sein Verhalten, sein Aussehen usw., sondern der Pelikan wird symbolisch für Christus verwendet:

Pey dem pellicam verſte ich vnsſern herren Iheſum Criſtum. ( Kritischer Text nach den Handschriften, Robert Luff, Georg Steer S.237, Z.16)

Des Weiteren heißt es in dem Kapitel, dass der Pelikan zornig auf seine Kinder werde und sie deshalb töte, allerdings tue es ihm dann Leid und er besprengt die Kinder dann mit seinem Blut, so dass sie wieder lebendig werden (Ebd. S.236, Z.24-29)

Konrad von Megenberg geht hier sehr deutlich auf die Parallele zwischen Pelikan und Gott ein, mehrfach nennt er die explizite Verknüpfung:

In der ſelben zeit waren div chint dez edlen pellicans, daz iſt gotes, ze tod geſlagen von im, alſo daz ſi M mmer m F ſten leiden in dem vegfevr […] vntz daz der pellican chrisſtus, gotes aingeporner ſun […]den dritten tag, daz er von dem menſleichen tod erſt G nd. Alſo macht er ſeinev chint wider lebendig von dem ewigen tod. (Ebd. S.237, Z.24-32)

Der Pelikan und seine Küken stehen hier also für Gott und Jesus, bzw. für Gott und die Menschen. Gott hat die Menschen verstoßen, so dass sie in das Fegefeuer kommen, dies verweist auf die Bibel, Gen 3, 23: „Und er schickte die Menschen aus dem Garten Eden weg, damit er den Ackerboden bearbeitet, aus dem er gemacht war.“

Allerdings wird der pellican chriſtus von Gott am 3. Tage auferweckt vom menschlichen Tod, dies skizziert die christliche Auferstehungshoffnung wie in I Korinther 15: „Nun aber ist Christus vom Tod auferweckt worden, und als der erste Auferweckte gibt er uns die Gewähr, dass auch die übrigen Toten auferweckt werden […] Alle Menschen gehören zu Adam, darum müssen sie sterben; aber durch die Verbindung mit Christus wird ihnen das neue Leben geschenkt werden.“

Wie der Pelikan seine Küken wieder lebendig gemacht hat, hat auch Gott seinen Sohn auferweckt und wird auch die menschlichen Toten auferwecken.

Der Text über den Pelikan zeigt deutlich wie in der Natur, als Schöpfung Gottes, das göttliche Wirken gesehen und gedeutet werden kann.

Da das Bibelstudium des alten und neuen Testaments den Klerikern vorbehalten war bzw. da die meisten Menschen leseunkundig waren, wurden Himmel und Erde daher als die Erkenntnisbasis für die Laien angesehen (Vgl. Weddige, Einführung, S.65). Um den Laien die Erkenntnis im „Buch der Welt“ möglich zu machen, musste diese Sichtweise ihnen z.B. durch die Predigt aufgezeigt werden.

Thomas Cantimpratensis (1201-1263/72) hatte sein Werk ausdrücklich als Predigthilfe verfasst1 und auch Konrad von Megenberg nennt am Ende des dritten Buches von den tieren die Bedeutung für die Laien und die Predigt:

Dâ mit hab daz dritt tail dez p G chs ain end von allerlay tieren, an der art vnd natur man ſchawet die wunderleichen werch dez obriſten ſ F rſten, vnd der die hailig ſchrift auch an manger ſtat gedenchet, vnd wizzent ainvaltig pfaffen niht vil da von, die doch vil g G ter predig da von machten, ob ſi der tier natur alſo erchanten ( Kritischer Text nach den Handschriften, Robert Luff, Georg Steer S.340, Z.10-14).

Konrad von Megenberg schreibt also selbst, dass Werke Gottes in der Natur gesehen werden können und die „Pfaffen“ diese für eine gute Predigt verwenden, wenn sie denn diese Natur erkennen.

Somit kann das „Buch der Natur“ neben seinem enzyklopädischen Wert durchaus auch als Beispiel oder Anleitung für die Predigt verwendet werden, da es unterschwellig wie im Kapitel über den Löwen oder auch direkt thematisiert wie im Kapitel über den Pelikan, die christliche Bedeutung der Natur darstellt.

2.2 Christliche Hermeneutik und die Umsetzung in der mittelalterlichen Predigt

Die Predigt (lat. predicare: ausrufen, öffentlich bekannt machen, predigen) wurde im Mittelalter maßgeblich beeinflusst durch die „De doctrina christiana“ von Augustinus. Der Gegenstand der Predigt steht demnach im Vordergrund, denn die Stilebene kann nicht von ähnlichem Wert sein, da die Predigt für das einfache Volk verständlich bleiben soll. (Vgl. Eybl, F.: Predigt, katholische. In: Literatur-Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Hrsg. v. Walther Killy, Gütersloh u.a. 1993, Bd. 14, S.230)

Die mittelalterliche Christianisierung hatte die komplette Durchdringung des Alltags zur Folge, zur selbstverständlichen Sonntagspredigt kamen die kirchlichen Festtage samt Predigt, zu deren Besuch sich alle Gläubigen verpflichtet fühlten bzw. durch die Obrigkeit verpflichtet wurden. (Ebd. S.230) Die Predigt hatte somit eine „herausgehobene Funktion innerhalb des repräsentativen Öffentlichkeit des Absolutismus.“ (Ebd. S.230)

Im Mittelalter gab es zwei Arten der Predigt, zum einen die volkstümliche „Homelie“, die eng an die Bibelauslegung gebunden war und die Themenpredigt („sermo“), bei der ein bestimmter Text/Vers oder auch ein Anlass das Thema darstellt. (Ebd. S.230) Die hier genannten Beispiele sind der Homelie zuzuordnen.

„Die Anschauung von der Zeichenhaftigkeit der zu transzendierenden raum-zeitlichen Wirklichkeit, die auch dem Illiteraten eine Deutungsmöglichkeit vom Sensiblen zum Intelligiblen eröffnet, findet ihren Niederschlag in vereinfachter, popularisierter Form in der volkssprachlichen Predigt.“(Weddige, Einführung S.65)

...


1 Thomas Cantimpratensis, Liber de natura rerum, hrsg. Von Herbert Boese, Berlin – New York 1973, Prolog, S.5, 91-96: Hiis ergo scriptis si quis studium adhibueret, ad argumenta fidei et correctiones morum integumentis mediis sufficientiam reperiet, ut interdum predicatore quasi e vestigio apte digresso…creaturum adducat testes… In: Georg Steer: Das „Buch von den natürlichen Dingen“ Konrads von Megenberg – ein „Buch der Natur“?. In: Die Enzyklopädie im Wandel vom Hochmittelalter bis zur frühen Neuzeit. Hg. v. Christel Meier. München 2002

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Predigt im Mittelalter. Konrad Megenbergs "Buch der Natur" als eine Anleitung?
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1.7
Autor
Jahr
2016
Seiten
11
Katalognummer
V461364
ISBN (eBook)
9783668890480
ISBN (Buch)
9783668890497
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Predigt, Mittelalter, Literatur, Bibel
Arbeit zitieren
Ann Chef (Autor), 2016, Predigt im Mittelalter. Konrad Megenbergs "Buch der Natur" als eine Anleitung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461364

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