Die kindliche Malentwicklung anhand der Sonnenform


Hausarbeit, 2018
17 Seiten, Note: 1,4
Anonym

Leseprobe

Gliederung

1 Einführung

2 Die aktuelle und allgemeine Situation

3 Der Soll-Stand
3.1 Die Kritzelphase
3.2 Die Vorschemaphase
3.3 Die Schemaphase

4 Der Ist-Stand

5 Merkmalsvergleich und Phasenzuordnung

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einführung

Max ist mittlerweile sechs Jahre alt und wird in einigen Tagen ein Schulkind sein. Wie schnell die Zeit vergeht und welche großen Entwicklungssprünge ein Kind bereits gemacht hat, wird meist dann bemerkbar, wenn besondere Ereignisse, wie Geburtstag oder Schulanfang vor der Tür stehen. In den vergangenen Jahren ist Max von einem unbeholfenen Säugling zu einem selbstbewussten Jungen herangewachsen. Um sich der Veränderung bewusst zu werden, hilft es Erinnerungsstücke aufzuheben. Getragene Babykleidung, Fotos aber auch Kinderzeichnungen lassen erkennen, welche Entwicklungsschritte bereits gemacht wurden. So wie ein Kind im Laufe der Zeit an Fähigkeiten, Fertigkeiten und an individueller Persönlichkeit gewinnt, so gewinnt es auch an bildnerischen Kompetenzen sich ausdrücken zu können.

Hans-Günther Richter hat 1987 die Kinderzeichnung als „eine vertraute Fremdsprache […], deren Vokabular und Grammatik erlernt werden müssen“ beschrieben (Richter 1987, 13f.). Die Entwicklung bildnerischer Tätigkeit unterliegt ebenso einem Prozess wie andere Entwicklungsbereiche des Kindes auch. Die Forschung arbeitet diesbezüglich an der Frage, wie dieser Prozess abläuft und wie Kinderzeichnungen zu deuten und einzuordnen sind. So haben im Laufe der Zeit zahlreiche Forscher aus den Bereichen der Pädagogik, Psychologie und anderen Wissenschaften Kinderzeichnungen aus verschiedenen Lebensaltern in sogenannte Stufenmodelle in unterschiedliche Phasen gegliedert. Dabei trägt jede bildnerische Phase ihre eigenen Merkmale. Exakte Entwicklungsabfolgen lassen sich aufgrund von Heterogenität und Individualität kaum festmachen. Jeder Entwicklungsabschnitt wird von jedem Kind auf individuelle Weise durchlebt, wobei sowohl ein längeres Verweilen in einer Phase als auch das Überspringen von Phasen auftreten kann. Deshalb sind die Altersangaben in den jeweiligen Stufenmodellen nicht als verpflichtend zu betrachten, sondern eher als Mittelwerte zu deuten.

Im Rahmen dieser Arbeit soll am konkreten Beispiel von Max gezeigt werden, wie sich die Fähigkeit in der bildnerischen Darstellung einer Sonnenform, vom zweiten bis zum siebten Lebensjahr entwickelt hat. Einige seiner ausgewählten Kinderzeichnungen sollen das Ausgangsmaterial der vorliegenden Forschung sein.

Zu Beginn wird die aktuelle und allgemeine Situation von Max beschrieben, da bildnerische Prozesse stets eng mit den äußeren und inneren Bedingungen der produzierenden Person verbunden sind. Dazu gehören die seelische, geistige und körperliche Entwicklung, der soziale Kontext und allgemein die gesamte Biographie (vgl. Schulz/Seumel 2013, 12).

Anschließend werden einige ausgewählte Zeichnungen mithilfe des theoretischen Wissens aus der Vorlesung ‚Bildsprache in der Ontogenese‘ und des Stufenmodells von Hans-Günther Richter (1987) wissenschaftlich untersucht. Hierbei werden der Ist- und der Soll-Stand beschrieben. Außerdem werden weitere allgemeine Merkmale und Eigenarten von Kinderzeichnungen anhand von Max Zeichnungen belegt.

Abgeschlossen wird diese Arbeit mit einem zusammenfassenden Fazit.

2 Die aktuelle und allgemeine Situation

Max lebt gemeinsam mit seiner Mutter in einer Kleinstadt in Sachsen. Er besuchte bis vor Kurzem einen kleinen, familiären Kindergarten nahe des Wohnorts. Er hat bereits viele Freundschaften schließen können und wird von seiner Erzieherin als freundliches, hilfsbereites und aufgewecktes Kind beschrieben. Zum Vater aber auch zu den Großeltern hat er regelmäßigen Kontakt und allgemein ein sehr gutes Verhältnis zu seiner Familie. Er trainiert zweimal wöchentlich im Turnverein und besucht aktuell einen Schwimmlernkurs an den Wochenenden. Mit großer Begeisterung zeichnet, bastelt, gestaltet und betätigt sich Max kreativ in seiner Freizeit. Er verabredet sich aber auch sehr gerne mit seinen Freunden oder macht Ausflüge mit seiner Familie. Körperlich, geistig und emotional ist er altersgemäß entwickelt und wird ab August die Grundschule besuchen.

3 Der Soll-Stand

Zuerst soll darauf hingewiesen werden, dass die Phasen der bildnerischen Entwicklung eines Kindes je nach Autor unterschiedlichen Altersstufen zugeordnet werden. Hinzu kommt, dass jedes Kind seine eigene Geschwindigkeit hat und die jeweiligen Entwicklungsabschnitte ganz unterschiedlich schnell durchlebt.

Hans-Günther Richter fasst in seinem Werk ‚Die Kinderzeichnung – Entwicklung, Interpretation, Ästhetik‘ von 1987 die Studienergebnisse vorangegangener Forschungen zusammen, die in den verschiedensten Gebieten der Bildsprachenforschung, wie zum Beispiel der Pädagogik oder der Psychologie, tätig waren. Dabei betrachtet er die Ästhetik der Kinderzeichnungen, unterschiedliche Interpretationszugänge und die in den folgenden Kapiteln dargestellten Entwicklungsphasen der Bildsprache.

3.1 Kritzelphase

Diese Phase beginnt bereits im Säuglingsalter und endet mit drei bis vier Jahren. Erste Schmieraktivitäten mit Brei, Sand oder anderen gerade greifbaren Materialien, aber auch unbewusste Spur- sowie Gestenkritzel werden dieser Phase zugeordnet. Die Darstellungsabsichten treten nun verstärkt auf und so schließt dieser Entwicklungsabschnitt mit dem Konzeptkritzeln ab (vgl. Richter 1987, 26 ff.).

Abbildung 1 zeigt eine mögliche Kritzelentwicklung. Aus kurzen abgehackten Hiebkritzeln entwickeln sich Schwing-, Kreis-, aber auch sinnunterlegte Kritzel, denen jeweils eine bestimmte Bedeutung zugeschrieben werden kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: "Die Entwicklung der Kritzel", Koeppe-Lokai 1996, S. 21

3.2 Vorschemaphase

Ende des vierten Lebensjahres wird das Zeichnen elementarer Grundformen, wie Kreise, Dreiecke oder Vierecke, erlernt. Das Kind versucht diese erlernten Formen zu kombinieren und die aus den Kombinationen entstandenen Figurationen auf der Zeichenfläche zu organisieren (vgl. Richter 1987, 43). Um diese Organisationsfähigkeit zu erlangen, muss das Kind ein „Oben, Unten, Links und Rechts“ des Malgrundes voneinander unterscheiden können, anstatt seine Figuren freischwebend auf dem Malgrund zu positionieren (vgl. ebd. S.43).

Unregelmäßige Formen werden von graphischen Elementen und Grundformen, wie Zick-Zack-, Kreis-, Kreuz-, Leiter- oder Kastenformen, abgelöst (vgl. Schuster 2010, 51). Formkombinationen, Mandaloide-, Sonnen- und Radialformen aber auch die ersten Darstellungen des Kopffüßlers treten nun auf. Die Phase des Vorschemas ist die Phase, in der die größte Darstellungsvielfalt ein und desselben Objektes zu verzeichnen ist (vgl. Richter 1987, 45).

Aus der Vielzahl von Formexperimenten wächst der Fundus an Bildmotiven in den Zeichnungen. Den Kreisen, Dreiecken und anderen Formen entspringen am Ende der Vorschemaphase Menschen, Tiere, Häuser, Bäume, Wolken und verschiedene Fortbewegungsmittel (vgl. Richter 1987, 43f.).

Die Kreisform wählt das Kind aufgrund ihre zentralisierenden Form, um eine Abgrenzung, Umschlossenheit und Kompaktheit der Dinge aufzuzeigen und darzustellen (vgl. Kläger 1990, 66). Des Weiteren wird aus der Kreisform durch das Hinzufügen von Linien aus dem Kreisinneren nach außen eine Sonnenform, die aber nicht für die solare Sonne an sich steht, sondern der Kreisform als kompakte Gestalt eine gewisse Öffnung und Gerichtetheit nach außen verleiht (vgl. ebd. S. 66 f.).

Die Mitteilungsabsicht in der Vorschemaphase ist in der Formauswahl und Komposition der Darstellungen verstärkt erkennbar und die Motive sind zunehmend der individuellen Erfahrungswelt der Kinder zuzuordnen (vgl. Richter 1987, 44f.).

3.3 Schemaphase

Der erste Teil dieser Phase ist dem sechsten bis achten Lebensjahr zuzuordnen. Mit Beginn der Schemaphase kommt es laut Schuster zu der „Geburt des Bildes“ (vgl. Schuster 2010, 52). Ein frühes Merkmal in schematischen Darstellungen sind die Richtungsdifferenzierungen, auch „R-Prinzip“, oder „Prinzip der Rechtwinkligkeit“ genannt, das das „Prinzip der größtmöglichen Richtungsunterscheidung“ bedeutet (vgl. Richter 1987, 52). Bildelemente werden weitestgehend rechtwinklig angeordnet und so stehen beispielsweise bei Menschendarstellungen die Arme rechtwinklig vom Körper ab.

Ebenso charakteristisch für diese Phase sind die Röntgenbilddarstellungen, indem das Kind Objekte transparent werden lässt, um verdeckte Bildausschnitte sichtbar zu machen. Beispielsweise werden so Autos, Häuser oder sogar Körper von außen und gleichzeitig von innen dargestellt (vgl. ebd.).

Typisch ist außerdem die Bedeutungsgröße eines Bildes, indem eine subjektive Wertung des Dargestellten, in Abhängigkeit der Größe und Anordnung, zum Ausdruck kommt. Realistische Größenverhältnisse der Objekte untereinander werden vernachlässigt. So stellen die Kinder Bildelemente von geringer persönlicher Bedeutung kleiner und wenig auffällig dar (vgl. Richter, 53f).

Eine Prägnanztendenz erklärt dazu den Versuch des Kindes, Bildobjekte in möglichst klarer und prägnanter Ansicht darzustellen. Beispielsweise werden Tiere von der Seite dargestellt, um sie so besonders gut erkennbar zu machen. Jedoch werden zum Beispiel Autos oft aus zwei verschiedenen Perspektiven gezeichnet, indem die Karosserie von oben, die Räder aber als Kreise von der Seite zu sehen sind. Diese Darstellungsform wird als Simultanperspektive bezeichnet (vgl. ebd. 54).

Phasentypisch ist ebenfalls das exemplarische Detail in Kinderzeichnungen. Dabei wird meist ein charakteristisches Merkmal eines Objektes hervorgehoben und betont dargestellt (vgl. ebd. 54).

Zuletzt soll erwähnt werden, dass die Vermeidung von Überschneidungen ebenso bezeichnend für diese Phase ist.

Im zweiten Teil der Schemaphase, vom neunten bis zum dreizehnten Lebensjahr, verändert sich das zeichnerische Verhalten erneut. Da jedoch diese und die nachfolgenden Altersspannen für die vorliegende Arbeit irrelevant sind, werden die jeweiligen Phasenmerkmale nicht weiter beschrieben und stattdessen an die weiterführende Literatur verwiesen (siehe Richter 1987).

4 Der Ist-Stand

Die folgenden Abbildungen sind abfotografierte Kinderzeichnungen von Max. Er malte sie aus freien Stücken, ohne Anleitung oder thematische Vorgabe. Außerdem verwendete er keinerlei Hilfsmittel und nutzte lediglich Buntstifte oder Kugelschreiber und Zeichenpapier.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die kindliche Malentwicklung anhand der Sonnenform
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,4
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V462076
ISBN (eBook)
9783668932043
ISBN (Buch)
9783668932050
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinderzeichnungen, Malentwicklung, bildnerische Ontogenese
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Die kindliche Malentwicklung anhand der Sonnenform, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462076

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