Die Handlungsmacht der Dinge


Hausarbeit, 2018
10 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Begriff der Handlungsmacht

2. Positionen zur eine Handlungsmacht der Dinge und Menschen
2.1 Gell
2.2 Latour
2.3 Hodder
2.4 Ingold

3. Die Handlungsmacht der Dinge

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In folgender Hausarbeit setze ich mich mit der Fragestellung auseinander, inwiefern sich die Handlungsmacht der Menschen von der der Dinge unterscheidet.

Hierzu lege ich unterschiedliche Positionen zu jenem Thema dar.

Einleitend erläutere ich, auf das Wesentliche gekürzt, den Begriff der Handlungsmacht („agency“).

Als Erstes führe ich die Position Gells auf, welcher von dem Begriff der sekundären Handlungsmacht ausgeht. Dabei legt er ein Augenmerk auf die Kunstwerke, welche durch den Kunstschaffenden und seine Intensionen geprägt und somit in das Handlungssystem, dass zwischen dem Künstler und dem Betrachter entstehe, eingebunden werde.1

Des Weiteren gehe ich auf die Position Latours ein, der von einer nicht asymmetrischen Beziehung zwischen Mensch und Ding ausgeht. Wobei vor allem die Aktor-Netzwerk-Theorie dargelegt wird, welche davon ausgeht, dass ein Netzwerk von Menschen und Dingen existiere, in welchen diese in wechselseitigen Beziehungen verstrickt seien und wodurch Handlungsmächte entstünden.2

Darauf folgend gehe ich auf die Theorie Ian Hodders ein, welcher von einer Verflechtung der Dinge und der Gesellschaft ausgeht, welche von räumlicher und zeitlicher Natur sei.3

Letztendlich betrachte ich die Auffassung Ingolds. Jener bezieht sich in seiner Theorie auf einen Fluss der Materialien, dabei würden jene Materialien, durch die die Welt umfassenden Strömungen belebt. Schlussfolgernd daraus schreibe er den Dingen keine festen Attribute zu, sondern betrachte diese als rein prozessual und rational.4

Schlussendlich befasse ich mich mit der Fragestellung, wo die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale zwischen menschlicher und dinglicher Handlungsmacht bestehen.

1.1 Begriff der Handlungsmacht

Unter dem Begriff der Handlungsmacht („agency“) versteht man die existierenden physischen und psychischen Handlungsmöglichkeiten von Elementen. Dabei ist der Begriff der Handlungsmacht als Oberbegriff aller möglichen Machtausübungen aufzufassen. Somit ist die individuelle Handlungsmacht in ihrem Machtumfang nicht fest bestimmt.

2. Positionen zur eine Handlungsmacht der Dinge und Menschen

Im Folgenden gehe ich auf die Positionen von Alfred Gell, Bruno Latour, Ian Hodder und Tim Ingold und deren Konzept von Handlungsmacht („agency“) der Dinge ein.

Gell und Latour entwickelten, zu den Ersten in Fachbereich der Sozialanthropologie gehörend, ein Konzept, welches den materiellen Bereich des Existierenden in das Blickfeld der Soziologie rückte. Somit wurde der Begriff der Handlungsmacht, als eine dem Menschen zugeschriebene Fähigkeit der Selbstreflexion und des Bewusstseins, auf das Feld der materiellen Welt erweitert. Objekte wurden nicht mehr als vom Menschen nutzbare Dinge verstanden, durch welche dieser Kultur oder soziale Handlungen schafft.

2.1 Gell

Alfred Gell geht von einer sekundären Handlungsmacht der Dinge aus. Dabei bezieht er sich allem voran auf Kunstwerke, welche seiner Theorie nach dem Sozialen innewohnen:

„The work of art is inherently social in a way in which the merely beautiful or mysterious object is not: it is a physical entity which mediates between two beings, and therefore creates a social relation between them, which in turn provides a channel for further social relations and influences.“5

Das Kunstwerk bilde somit Handlungssysteme aus, die zwischen zwei Wesen vermittelten, diese seien zum einen derjenige der die Kunst erschaffe und zum anderen der Konsument eben dieser. Aus diesem Konstrukt ergebe sich die Möglichkeit, dass sich weitere Systeme für soziale Beziehungen und Einflüsse bildeten.6

Das Kunstwerk diene daher als Mittler, indem es die Fertigkeiten und Ausdrucksabsichten des Künstlers als Objekt in sich vereinige und demnach ein Ausdruck der Handlungsmacht des Künstlers werde. Sie könne den Betrachtenden emotional rühren, ihn im Blick an sich fesseln oder in seiner Motivation und Handlungskette anspornen und inspirieren. Somit entstehe eine indirekte Handlungsmacht des Objektes, welches soziale Beziehungen befördere und das Individuum in seine Einbettung in Netzwerke von Intensionen, in welche sie verstrickt sind, verstärke.7

Schlussendlich bleibt der Mensch als primäre, die Kunst erschaffende und betrachtende Instanz vorhanden und das Kunstwerk nehme, als erschaffenes und in die Handlungsmacht eingebettetes Objekt, den Platz der sekundären Handlungsmacht ein, welches allerdings direkte Auswirkungen für den Menschen als Akteur darstelle.8

2.2 Latour

Bruno Latour versteht den Begriff der Handlungsmacht, anders als Gell, als einen sich entwickelnden Prozess, welcher sich aus der Beziehung zwischen Menschen und Dingen herausbildet. Somit sei die Handlungsmacht keine Eigenschaft, die dem Subjekt oder Objekt inne liege.

Latour ist Vertreter der Akteur-Netzwerk-Theorie, welche von einer netzartigen, heterogenen Verstrickung der Welt ausgeht. In welcher wechselseitige, stetig variierende Beziehungen miteinander verflochten seien. In jenen entständen neben Handlungsmächten auch soziale Bindungen.

Um sich von dem Begriff der Figuration in der Soziologie („figurative sociology“) abzuwenden, führt Latour für den Begriff des Akteurs den englischen Begriff „actant“ ein.9 Unter „actant“ versteht Latour nicht nur menschliche, sondern auch nicht-menschliche Akteure. Jene beiden Instanzen agieren in Handlungszusammenhängen, welche netzartig aufgebaut seien:

„[…] citizen is transformed by carrying the gun. A good citizen who, without a gun, might simply be angry may become a criminal if he gets his hands on a gun – as if the gun had the power to change. […] our qualities as subjects, our competences, our personalities, depend on what we hold in our hands.“10

Wie in dem Beispiel dargestellt, seien beide Instanzen (Pistole und Bürger) unmittelbar miteinander verbunden, sie wirken zusammen und lassen sich nicht auf nur einen Akteur reduzieren. Dabei werde davon ausgegangen, dass alle in dem Netzwerk Beteiligten, unter den gleichen Bedingungen beschrieben werden könnten, wodurch die Akteur-Netzwerk-Theorie auch als eine symmetrischere Beziehungen zwischen Nicht-Menschlichem und Menschlichem verstanden werden könne.

Der Begriff der Symmetrie werde dabei so verstanden, dass der menschlichen zielgerichteten Handlung und der materiellen Welt kausaler Beziehungen keine grundlegende Asymmetrie aufgezwungen werde.11

Ein weiterer Aspekt der Akteur-Netzwerk-Theorie stelle der der Übersetzung („translation“) dar. Dabei geht Latour von zwei Instanzen aus, die eine Beziehung eingingen, in welcher keine Kausalität transportiert werde, wodurch jene beiden Instanzen zur Koexistenz gezwungen wären.12 Werde nun eine Kausalität auf vorhersehbare und routinemäßige Weise transportiert, sei davon auszugehen, dass ein anderer Vermittler eine solche Verschiebung verursacht habe. Es habe somit eine Übersetzungsoperation stattgefunden, welche zwei von Natur aus inkompatiblen Instanzen miteinander verknüpft habe:

„[...] there is no society, no social realm, and no social ties, but there exist translations between mediators that may generate traceable associations.“13

Somit entstehe eine Vernetzung zwischen zwei Instanzen, wodurch ein durch den Intellekt, aber nicht durch die Wahrnehmung erkennbares Netzwerk geschaffen werde.

2.3 Hodder

Ian Hodder vertritt die Theorie der Verflechtung von Gesellschaft und Dinge mit einander.14

Um diese Theorie genauer betrachten zu können und als Grundlage für diese, lege ich im Folgenden zunächst Hodders Definition des Begriffs „Ding“ dar, welchem er fünf Eigenschaften zuschreibt.

Zum Einen definiert er den Begriff des Dinges als nicht für sich isoliert stehend. So werde ein Ding mit anderen Dingen für den menschlichen Nutzen in Verbindung miteinander gebracht und sei dadurch in ein Konstrukt von Dingen verflochten. Auch um den Nutzen eines Dinges zu erkennen, benötige man das nötige „knowledge involved in recognizing an object for what it is and how it can be used“15.

Des Weiteren bezeichnet Hodder Dinge als sich verändernde Elemente. Da sie sich in ihren Zuständen wandeln könnten und sie somit als vorübergehende Phasen im Prozess der sich verändernden Materie verstanden würden.16

Schlussfolgernd aus dem eben genannten, schreibt Hodder den Dingen eine, den Menschen überstehende, Zeitlichkeit zu. Ferner merkt er an, dass der Mensch auf eben genau diese Langlebigkeit angewiesen sei:

„[...] we depend on an apparent durability of things. Objects do objectively stand up against our transient and uncertain lives, and our daily traffic counts on this stability, and yet at other scales things are always changing and moving.“17

Das Dinge oft nicht als solche wahrgenommen werden, sei eine weitere Eigenschaft die Dingen zugeschrieben werde. Vor allem die uns allgegenwärtigen Dinge würden dabei von unserer Wahrnehmung nicht mehr aktiv erfasst werden. Allerdings gebe es auch Kategorien von Dingen, welche so entwickelt würden, dass sie für den Menschen nicht sichtbar seien, oder schnell aus dem Wahrnehmungsfeld verschwänden, wie es bei Fensterglas der Fall sei.18

Letztendlich kommt Hodder in seiner Definition zu dem Schluss, dass Dinge räumlich, durch Herstellungsprozesse, dem Existieren im Raum und ähnlichen, und zeitlich, durch die Entwicklung von Produkten und Ideen, verbunden sind:

„[...] we take things for granted, often not focusing on them, that we fail to notice the characteristics of things that I have outlined above. We fail to see that things are connected to and dependent on other things. We do not recognize that they are not inert. And we forget they have temporalities different from ours, until those temporalities intrude in on us, causing us to take action.“19

Hodder geht davon aus, dass die Gesellschaft sich im Alltag all jenen Verflechtungen nicht bewusst werde. Bewusst würden sie uns erst dann, wenn Probleme in der Produktionskette der Dinge aufträten.20

Unter den Begriff der Dinge fasst Hodder nun nicht nur Materie, Energie und Information zusammen, denn auch „humans are just bundles of biochemical processes, flows of blood and nerves and cells temporarily coalesced into an entity that is thoroughly dependent on and connected to air, water, food and so on“21.

Den Menschen sieht er allerdings als eine besondere Art der Dinge an, welche in einer Abhängigkeit zu anderen Dingen stünde. Wodurch eine Verflechtung von Mensch und Ding entstehe, welche eine entscheidende Rolle in der Entwicklung des Menschen und unserer heutigen Gesellschaft spiele.22

Dabei würde der Mensch nicht nur in einer Abhängigkeit zu den Dingen stehen, jene Dinge würden ebenfalls in einer Abhängigkeit zum Menschen stehen:

„Put another way, things as we want them have limited ability to reproduce themselves, so in our dependence on them we become entrapped in their dependence on us.“23

[...]


1 Gell, Alfred (1992): „The Technology of Enchantment and the Enchantment of Technology“. In: Coote, Jeremy und Anthony Shelton (Hg.): Anthropology, Art and Aesthetic s. Oxford: Oxford University Press, 40–66.

2 Latour, Bruno (2005): Reassembling the Social. An Introduction to Actor-Network-Theory. New York: Oxford University Press.

3 Hodder, Ian (2012): Entangled. An Archaeology of the Relationships between Humans

and Things. o. O.: John Wiley and Sons.

4 Ingold, Tim (2007): „Materials against Materiality“. Archaeological Dialogues 14 (1):

1-16.

5 Gell, Alfred (1992): „The Technology of Enchantment and the Enchantment of Technology“. In: Coote, Jeremy und Anthony Shelton (Hg.): Anthropology, Art and Aesthetic s. Oxford: Oxford University Press, 40–66. Insbes. S. 52.

6 Vgl. ebd. Insbes. S. 52.

7 Vgl. ebd. Insbes. S. 43.

8 Vgl. ebd.

9 Latour, Bruno (2005): Reassembling the Social. An Introduction to Actor-Network-Theory. New York: Oxford University Press. Insbes. S. 54.

10 Latour, Bruno (1999): Pandora’s Hope. An Essay on the Reality of Science Studies. Harvard: Harvard University Press. Insbes. S. 177.

11 Latour, Bruno (2005): Reassembling the Social. An Introduction to Actor-Network-Theory. New York: Oxford University Press. Insbes. S. 76.

12 Latour, Bruno (2005): Reassembling the Social. An Introduction to Actor-Network-Theory. New York: Oxford University Press. Insbes. S. 108.

13 Vgl. ebd. Insbes. S. 108.

14 Hodder, Ian (2012): Entangled. An Archaeology of the Relationships between Humans

and Things. o. O.: John Wiley and Sons. Insbes. S. 3.

15 Vgl. ebd. Insbes. S. 3.

16 Vgl. ebd. Insbes. S. 4-5.

17 Vgl. ebd. Insbes. S. 5.

18 Vgl. ebd. Insbes. S. 6.

19 Vgl. ebd. Insbes. S. 6-7.

20 Vgl. ebd. Insbes. S. 6-7.

21 Vgl. ebd. Insbes. S. 9.

22 Vgl. ebd. Insbes. S. 10.

23 88

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Die Handlungsmacht der Dinge
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
10
Katalognummer
V462643
ISBN (eBook)
9783668940239
ISBN (Buch)
9783668940246
Sprache
Deutsch
Schlagworte
handlungsmacht, dinge
Arbeit zitieren
Katharina Weilmünster (Autor), 2018, Die Handlungsmacht der Dinge, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462643

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