Migration im Spannungsfeld zwischen Hoffnung und Herausforderung

Untersuchung der Lebenssituation von Türkeistämmigen in Deutschland


Bachelorarbeit, 2018

61 Seiten, Note: 1,9


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1AusgangslageundZielsetzung
1.2FragestellungundinhaltlicherAufbau
1.3Forschungsstand

2 Migration
2.1ZurBegrifflichkeitvonMigration
2.2ArtenvonMigrationunterBerücksichtigungderPush-und Pull-Faktoren

3 Die Migration in Deutschland
3.1DiehistorischeRekonstruktionderMigration
3.1.1 Migrationsphase von 1950 bis 1990
3.1.2 Migrationsphasen von 1990 bis 2015
3.2 DeutschlandalsEinwanderungsland12

4 Fallbeispiel
4.1Türkei:AusgangslageundPush-Faktoren
4.2Ausgangslage: DeutschlandunddiePull-Faktoren

5 Die Anfänge des deutsch- türkischen Anwerbeabkommen

6 Lebenssituation der türkischen Migranten von 1961-1973
6.1DieUmständewährendderReise
6. 2 Arbeitsbedingungen
6.3 Wohnsituation
6.4 DasLebenaußerhalbderArbeits- undWohnheimwelt

7 Kurzer historischer Abriss nach dem Anwerbestopp 1973

8 Die Lebenssituation der türkeistämmigen Bevölkerung heute
8.1 DieWohnsituation
8.2 DieschulischeBildung
8.3 ErwerbstätigkeitundEinkommen
8.4 HerausforderunginnerhalbderGesellschaft

9 Die internetbasierte Befragungs- Methode
9.1DieAuswertungderOnline- Befragung

10 Fazit

Quellenverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Push- und Pull-Faktoren der Wanderung

Abbildung 2: Zuzüge Bundesgebiet

Abbildung 3: Zuzüge in die Bundesrepublik Deutschland

Abbildung 4: Wanderungssaldo

Abbildung 5: Zusammensetzung der Bevölkerung mit Migrationshintergrund (Stand 2016)

Abbildung 6: Herkunftsländer der Migranten in Deutschland (Stand 2016)

Abbildung 7: Ausländische Bevölkerung nach ausgewählten Staatsangehörigkeiten

Abbildung 8: Räumliche Verteilung der türkeistämmigen Bevölkerung in Deutschland in Prozent

Abbildung 9: Durchschnittliche Wohnungsgröße gesamt und pro Person in Quadratmetern nach Migrationshintergrund

Abbildung 10: Schulische und berufliche Qualifikation in Prozent

Abbildung 11: Stellung im Beruf von Erwerbstätigen in Prozent

Abbildung 12: Nettoeinkommen von Erwerbstätigen in Euro

Abbildung 13: Herkunftsbundesland der Befragten (Anzahl der Teilnehmer: 411)

Abbildung 14: Nutzung von Wohnungen (Anzahl der Teilnehmer: 414)

Abbildung 15: Bildungsabschluss (Anzahl der Teilnehmer: 408)

Abbildung 16: Herausforderung in der Schulbildung (Anzahl der Teilnehmer: 383)

Abbildung 17: Die Stellung im Beruf (Anzahl der Teilnehmer 296)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Ausgangslage und Zielsetzung

Die Migration, welche im engeren Sinne die auf Dauer angelegte räumliche Bewegung der Bevölkerung beschreibt, ist kein neu entstandenes Phänomen. Auch wenn es heute ein hochaktuelles und stets debattiertes Thema ist, gab es die Ein- und Auswanderung innerhalb geographischer Gebiete bereits zu Beginn der Menschheit.

Laut dem internationalen Migrationsbericht 2017, welcher vom United Nations De- partment of Economics and Social Affairs veröffentlicht wurde, liegt der weltweite Migrantenbestand bei 258 Millionen Menschen (UNITED NATIONS 2018: 8). Dies be- deutet, dass circa 3 Prozent der Gesamtweltbevölkerung zu den Migranten zählen. Be- sonders in Deutschland ist der Migrationsbestand sehr hoch. Nach den Vereinigten Staaten und Russland ist Deutschland mit 9,8 Millionen Migranten das Land mit der höchsten Anzahl an Einwanderern. Darüber hinaus beziffert das Statistische Bundesamt die Zahl der deutschen Bevölkerung mit Migrationshintergrund auf 18,6 Millionen. Je- der Fünfte in Deutschland hat somit einen Migrationshintergrund. Diese hohe Zahl an Migranten und Bevölkerung mit Migrationshintergrund veranlasst eine detaillierte For- schung zu deren Beweggründen und gegenwärtigen Lebensbedingungen. Es bestehen verschiedene Beweggründe, die eine Migrationsentscheidung auslösen oder möglicher- weise aufzwingen. Vor diesen Hintergründen erhoffen sich Migranten bessere Chancen und Zukunftsperspektiven und sind dabei auch bestimmten Herausforderungen ausge- setzt. Die dauerhafte Verlagerung des Wohnortes geht mit einem Wechsel vieler Le- bensbereiche des Menschen einher. Sie bewirkt Veränderungen in der ökonomischen und sozialen Dimension. Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit ist es, dabei das Span- nungsfeld zwischen Hoffnungen, auf die Migranten ihr Migrationsgeschehen aufbauen, und damit einhergehenden Herausforderungen zu erläutern. Die Hintergründe und Aus- gangssituation beeinflussen die Migrationsentscheidung und erklären somit, mit wel- cher Hoffnung die Migranten eine grenzüberschreitende Wanderung in Erwägung zie- hen. Die türkischen Einwanderer, welche anteilsmäßig die größte Migrantengruppe in Deutschland bilden, dienen in diesem Zusammenhang als Fallbeispiel. Für die türki- schen Migranten begann die erste große Migrationsphase im Jahr 1961 mit der Anwer- bung von türkischen Arbeitskräften. Mit der Veränderung des geographischen Raumes und des sozialen Umfelds sind die türkischen Einwanderer in Deutschland mit bestimm- ten Herausforderungen konfrontiert. Unter Umständen sind sie dabei auch an unüber- windbare Grenzen gestoßen. Demzufolge widmet sich die vorliegende Arbeit der Le- benssituation von türkischen Migranten. Heute leben in Deutschland etwa 2,7 Millionen Personen, die türkische Wurzeln haben. Von diesen ist nicht jeder selbst nach Deutsch- land gewandert. Dabei leben die in Deutschland geborenen Personen mit türkischer Herkunft unter anderen Umständen und Bedingungen als die Einwanderer aus der ers- ten Generation. Neben der Untersuchung der Lebenssituation von türkischen Einwande- rern zur Zeit der Anwerbephase wird das Augenmerkt auch auf die Lebenssituation von Personen mit türkischer Herkunft gelegt, die gegenwärtig in Deutschland leben. Dabei wird die Lebenssituation nicht positiv oder negativ bewertet, sondern lediglich geschil- dert.

1.2 Fragestellung und inhaltlicher Aufbau

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, widmet sich diese vorliegende wissenschaftliche Arbeit der Untersuchung der Lebenssituation von Türkeistämmigen in Deutschland. Dabei stützt sich die Untersuchung auf die Fragestellung: Welchen Herausforderungen sind Türkeistämmige in Deutschland ausgesetzt? Der Begriff Türkeistämmige be- schreibt sowohl die türkischen Einwanderer als auch in Deutschland geborene Personen mit türkischen Wurzeln. Alle Personen „mit einem Migrationsbezug zum Staatsgebiet der Republik Türkei“ werden als Türkeistämmig bezeichnet (ALSCHER u. KREIENBRINK 2014: 87f.). Diese Formulierung berücksichtigt alle ethnischen Gruppen wie etwa Kur- den und Zaza.

Um eine Einführung in das Thema Migration zu leisten, wird das Thema Migration zu- nächst im Allgemeinen betrachtet. Zu diesem Zweck werden verschiedene Erschei- nungsformen von Migration unter Berücksichtigung der Push- und Pull-Faktoren darge- stellt. Die Arbeitsmigration und der Familiennachzug bleiben dabei unberücksichtigt, da diese der Kernbestandteil dieser Arbeit sind und im Hauptteil mit dem Fallbeispiel Tür- kei ausführlich erarbeitet werden. Nach der Einführung werden Migrationsphasen dar- gelegt, die Deutschland seit der Nachkriegszeit erfahren hat. Dies dient in erster Linie der Vorstellung des Untersuchungsgebietes und auch der Vorstellung von Migrations- prozessen außerhalb des Fallbeispiels.

Der Hauptteil dieser Arbeit beginnt mit einer Darstellung der Ausgangslage der Türkei, um die Absicht der Migration und die damit verbundene Hoffnung herauszustellen. Hierfür werden migrationsfördernde Einflüsse sowohl im Herkunftsland Türkei als auch im Einwanderungsland Deutschland in mehreren Unterkapiteln dargelegt.

Anschließend wird im zweiten Hauptkapitel die Lebenssituation von türkischen Mig- ranten zur Zeit der Anwerbephase von 1961 bis 1973 analysiert, um die erlebten Her- ausforderungen der Migranten zu schildern. Dies beruht auf der Makroperspektive und untersucht die Arbeits- und Wohnverhältnisse. Daneben sind die türkischen Migranten auch in verschiedenen Lebensbereichen herausgefordert, welche im Anschluss darge- stellt werden.

Der dritte Teil beschäftigt sich mit der aktuellen Lebenssituation der Türkeistämmigen in Deutschland. Unter Betrachtung dieser Gruppe lassen sich Rückschlüsse darauf zie- hen, inwieweit sich die erhofften Lebensbedienungen der ersten türkischen Einwanderer verändert haben. Dabei werden in erster Linie der Beschäftigungs- und Bildungsstand sowie die Wohnsituation betrachtet und weitere diesen im Alltag begegnende Heraus- forderungen dargestellt. Zum Schluss folgt die Bewertung der Online-Umfrage.

1.3 Forschungsstand

Seit 1957 werden im Rahmen der Repräsentativbefragung Mikrozensus jährlich rund 830.000 Personen zu ihrer sozialen und wirtschaftlichen Lebenssituation in Deutschland befragt (STATISTISCHES BUNDESAMT 2018a). Die Ergebnisse des Mikrozensus werden vom Statistischen Bundesamt in Fachserien veröffentlicht und dienen als Grundlage für diese Arbeit. Auf Grundlage des auf dem „Gesetz zur Durchführung einer Repräsenta- tivstatistik über die Bevölkerung und den Arbeitsmarkt sowie die Wohnsituation der Haushalte“ (kurz: Mikrozensusgesetz 2005) beruhenden Mikrozensus 2005 ermöglichte dieser zum ersten Mal die Unterscheidung der Personen mit und ohne Migrationshinter- grund. Da Deutschland schon seit mehreren Generationen verschiedene Migrationspro- zesse erlebt, ist es wichtig, im Kontext der Migrationsforschung Personen mit Migrati- onshintergrund zu betrachten, die in Deutschland geboren sind. Bei einer längerfristigen Betrachtung der Entwicklungen stellt sich heraus, dass die Zahl der Personen ohne ei- gene Migrationserfahrung in Deutschland stets steigt. Dies erzeugt die Notwendigkeit, zur Feststellung des Herkunftslandes einer Person nicht nur die Staatsangehörigkeit zu betrachten (DIE BEAUFTRAGTEN DER BUNDESREGIERUNG FÜR MIGRATION, FLÜCHTLINGE UND INTEGRATION 2016: 21). Die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (im Folgenden: BAMF) durchgeführte Repräsentativbefragung „Ausgewählter Migranten- gruppen in Deutschland 2006/2007 RAM“ (im Folgenden: RAM) wird in diesem Rah- men bedingt verwendet, da diese lediglich die türkischen Staatsbürger und nicht die Personen mit türkischem Migrationshintergrund berücksichtigt. Die Untersuchung dient zur Darstellung der Lebenssituation der fünf größten Ausländergruppen in Deutschland und repräsentiert 57 Prozent aller ausländischen Personen (BAMF 2010: 10). Der Ab- schlussbericht der RAM 2015, der nun auch die Herkunft von Personen berücksichtigt, wurde zum Zeitpunkt dieser Arbeit noch nicht fertiggestellt.1

2 Migration

2.1 Zur Begrifflichkeit von Migration

Der Begriff Migration wurde vom lateinischen Wort „migratio“ abgeleitet und bedeutet Wanderung. Sie zählt als eine Teilmenge der Mobilität, welche „den Wechsel eines Individuums zwischen definierten Einheiten eines Systems“ (MACKENSEN 1975: 8; zi- tiert nach: BÄHR 2010: 239) beschreibt. In näherer Betrachtung gliedert sich Mobilität in räumliche und soziale Mobilität. Die räumliche Mobilität beinhaltet alle Bewegungen innerhalb eines geographischen Raumes, während die soziale Mobilität den Positions- wechsel im sozialen Status bezeichnet. Der Übergang zwischen den genannten Mobili- tätsformen erfolgt fließend, so dass eine klar definierte Grenze zwischen räumlicher und sozialer Mobilität nicht existiert. Migration ist im Grunde eine Schnittstelle dieser bei- den Mobilitätsformen (BÄHR 2010: 239).

Es existieren verschiedene Motive, Ursachen, Bedingungen und Umstände, die eine Migration fördern oder auslösen. Dazu gehören persönliche, soziale, wirtschaftliche, politische, ökologische, kulturelle sowie religiöse Hintergründe. Demzufolge bestehen viele migrationstheoretische Ansätze und Konzepte. Die ersten Ansätze in der Migrati- onsforschung entwickelte Ernst Ravenstein ab dem Jahr 1885 mit seinem Werk „The laws of migration“ (HAUG u. SAUER 2006: 18). Everett S. Lee entwickelte in den 1960er Jahren, das Modell der „Push- und Pull-Faktoren“, um die zur Migration bewegenden und diese auslösenden Perspektiven zu erklären (HAUG u. SAUER 2006: 16). Dabei be- trachtet er die Faktoren in der Herkunftsregion und in der Zielregion. Für eine Klassifi- kation von Migrationsbewegungen werden in dieser Ausarbeitung zunächst die von Jürgen BÄHR 2010 ausgearbeiteten räumlichen und zeitlichen Kriterien der Mobilität in Betracht genommen und im späteren Verlauf wird auf die Push- und Pull-Faktoren von Everett S. Lee eingegangen.

Die Migration mit räumlichem Wechsel des Lebensmittelpunktes weist strukturelle Un- terschiede zu den Migrationsformen auf, welche mit zeitlichen Kriterien verbunden sind (REINPRECHT U. WEISS 2012: 15). Bei der zeitlichen Dimension spielen Dauer und Fre- quenz der Wanderung die bedeutende Rolle. Dabei handelt es sich um zirkuläre, tempo- räre und permanente Migration. Bei der zirkulären Migration handelt es sich um Wan- derungsprozesse, bei denen der Wohnsitz bzw. der Lebensmittelpunkt nicht verlagert und somit auch nicht verändert wird. Die räumliche Bewegung erfolgt dabei lediglich in kurzem Zeitraum zwischen Wohnort und Zielort. Zu dieser Kategorie gehören bei- spielsweise tägliche Berufspendler oder auch Touristen. In den anderen beiden Punkten geht die Migration mit einer Verlagerung des Lebensmittelpunktes einher.

Eine Differenzierung von temporärer und permanenter Migration ist sehr schwierig, da es schwer vorhersehbar ist, ob Migranten ihren Wohnsitz nur vorübergehend verlassen oder permanent auswandern. Der kurzzeitig vorgenommene Aufenthalt kann mit der Zeit zu einer dauerhaften Niederlassung werden. Jedenfalls stellen Saisonarbeiter, Händler und Hirten, aber auch Pilger die Übergangsformen zwischen permanenter und temporärer Wanderung dar. Die räumlichen Aspekte von Wanderungsprozessen lassen sich in zwei Kategorien unterteilen. Dabei ist die Binnenwanderung die innerhalb der Staatsgrenzen erfolgende Migration und die Außenwanderung ist die grenzüberschrei- tende Migration. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung unterscheidet in Deutschland zwischen großräumigen, folglich zwischen Bundesländern, und kleinräu- migen Binnenwanderungen, die innerhalb von Gemeinden und Kreisen geschehen (BIB 2018).

2.2 Arten von Migration unter Berücksichtigung der Push- und Pull-Faktoren

Bei der Entscheidung über einen neuen Aufenthaltsort spielen zwei Arten von Faktoren eine Rolle. Dabei handelt es sich um migrationsfördernde Faktoren im Herkunftsland (Push) sowie um migrationsauslösende Faktoren im Zuwanderungsland (Pull). Diese Faktoren, welche häufig auch zusammenwirkend auftreten, führen in der Konsequenz zur Abwanderung. Das Wort „Push“ kommt aus dem Englischen und bedeutet „weg- drücken“. Die Push-Faktoren beziehen sich auf die jeweilige Herkunftsregion und stel- len herrschende Bedingungen dar, die eine Abwanderung nahelegen. Das englische Wort „Pull“ bedeutet „anziehen“ und beschreibt das Gegenteil. Pull-Faktoren beziehen sich auf die Zuwanderungsregionen und sind Faktoren, die eine Zuwanderung attraktiv erscheinen lassen. Je nach Attraktivität wird eine Wanderung eher in Erwägung gezo- gen oder eben nicht (BÄHR 2010: 254).

Im Folgenden ist eine Tabelle mit möglichen Push- und Pull-Faktoren abgebildet. Diese basiert auf dem klassischen Ansatz von Everett S. Lee, welcher später von Braun und Topan weiterentwickelt wurde.

Abbildung 1: Push- und Pull-Faktoren der Wanderung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3 Die Migration in Deutschland

3.1 Die historische Rekonstruktion der Migration

Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes leben in Deutschland etwa neun Millionen Menschen, die keine deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Des Weiteren leben in Deutschland etwa neun Millionen deutsche Staatsbürger, die keine deutschen Wurzeln haben. Insgesamt haben 18,4 Millionen der in Deutschland lebenden Menschen einen Migrationshintergrund.2 Die Migration in Deutschland ist kein neues Phänomen. Die Bundesrepublik Deutschland ist schon seit der Nachkriegszeit von Einwanderung und Auswanderung gekennzeichnet. Die amtliche Zu- und Fortzugsstatistik, welche seit dem Jahr 1950 besteht, zeichnet Daten zu Wohnortwechsel über deutsche Staatsgrenzen hinweg auf (BAMF/BID 2015: 27). Auf diese Weise können Wanderungen nach Deutschland und aus Deutschland statistisch erfasst werden.

Dieses Kapitel soll einen Einblick in die Migrationsgeschichte Deutschlands verschaf- fen. Dafür werden wichtige Phasen der Migration seit der Nachkriegszeit ab dem Jahr 1950 bis zum Jahr 2016 dargestellt. Die Migrationsgeschichte Deutschlands ist geprägt durch Gastarbeiter, Spätaussiedler, Asylbewerber, Unionsbürger, Schutzsuchende und Familiennachzügler, die in unterschiedlichem Ausmaß zu unterschiedlichen Zeitpunk- ten nach Deutschland gewandert sind und weiterhin wandern.

3.1.1 Migrationsphase von 1950 bis 1990

Die unten aufgeführte Abbildung 2 zeigt die Anzahl der Personen, die im Zeitraum der Jahre 1950 bis 1990 nach Deutschland eingewandert sind. Hierbei handelt es sich so- wohl um Deutsche, die aus dem Ausland einwandern, als auch um ausländische Staats- angehörige, wobei die Anzahl der ausländischen Bevölkerung über die Jahre hinweg die deutliche Mehrheit ergibt.3 Besonders hervorstechende Jahre der Zuzüge werden chro- nologisch betrachtet. Die folgenden Grafiken zu den Zuzüglern beschreiben lediglich die Einwanderung und nicht den Bestand der migrierten Bevölkerung. Für diese müss- ten auch die Fortzüge der ausländischen Bevölkerung betrachtet werden, welche erst im weiteren Verlauf des Kapitels dargestellt werden. Darüber hinaus liefern diese keine Informationen über die Dauer des Verbleibs der Migranten.

Abbildung 2: Zuzüge Bundesgebiet

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Statistisches Bundesamt 2017a: Fachserie 1 Reihe 1.24 5

Laut dem Statistischen Bundesamt sind in der Zeit von 1950 bis 1990 rund 22 Millionen Menschen nach Deutschland gewandert.

Nach eher beständigen Einwanderungszahlen von dem Jahr 1950 bis 1960 ist ein starker Anstieg ab dem Jahr 1960 zu betrachten. Dies ist vor allem auf das Anwerbeabkommen in der Nachkriegszeit zurückzuführen. Im Zuge der wirtschaftlichen Expansion, dem sogenannten „Wirtschaftswunder“ in den 1950er Jahren, schloss die Bundesrepublik zwischen den Jahren 1955 und 1973 insbesondere mit den südeuropäischen Ländern bilaterale Verträge, um somit dem hohen Mangel an Arbeitskräften entgegenzuwirken. Das erste Abkommen wurde im Jahr 1955 mit Italien unterzeichnet. Dies wird unter anderem in der Kurve mit einem leichten Anstieg ab dem Jahr 1955 deutlich. Nachfol- gend wurden Verträge mit Spanien, Griechenland, der Türkei, Marokko, Portugal, Tu- nesien und dem ehemaligem Jugoslawien geschlossen (OLTMER 2017: 66). Der rasante Aufschwung ab dem Jahr 1961 erklärt sich auch im Zusammenhang mit dem Bau der Berliner Mauer. Bis zum Bau der Mauer konnte der Arbeitskräftemangel mit den aus der DDR übergesiedelten Arbeitskräften gedeckt werden. Erst nach dem Bau der Berli- ner Mauer und dem damit folgenden Einreiseverbot von Ostdeutschland nach West- deutschland war die BRD stark auf internationale Arbeitskräfte angewiesen (OLTMER 2016: 56). Der höchste Entwicklungsstand der Zuzüge in der Anwerbephase wurde 1970 mit über 1 Million Menschen erreicht.

Die im Jahr 1967 erfolgte wirtschaftliche Rezession löste den Rückgang von Zuzügen von migrationswilligen Arbeitskräften aus. Mit dem Beginn der Ölkrise im Jahr 1973 hatte die deutsche Wirtschaft ihren Tiefpunkt erreicht. Zu dieser Zeit wurde auch der Anwerbestopp an internationalen Arbeitskräften verhängt (SEN 1994: 20). Der Bestand der Zuzüge erreichte bis zum Anwerbestopp insgesamt elf Millionen Menschen (STA- TISTISCHES BUNDESAMT 2017a: Eigene Berechnung S. 69).

Nicht nur aus den Anwerbestaaten wanderten Menschen ins deutsche Bundesgebiet. Die im Jahr 1956 stattfindenden Aufstände in Ungarn führten beispielsweise zur Auswande- rung der Bevölkerung unter anderem auch nach Deutschland. Auch aufgrund des Prager Frühlings im Jahr 1968, mit dem Einmarsch des sowjetischen Militärs in die Tschecho- slowakei, wanderten viele Schutzbedürftige nach Deutschland (OHLIGER 2004: 323 ff).

Die Zuzüge nach dem Anwerbestopp sind unter anderem der Familienzusammen- führung von in Deutschland lebenden ausländischen Arbeitern zuzuschreiben.

Ein weiterer großer Zuzug ist von Aussiedlern und Spätaussiedlern zu verzeichnen. Un- ter dem Begriff „Aussiedler“ versteht man die Bevölkerung mit deutscher Abstam- mung, die im Zuge eines speziellen Aufnahmeverfahrens seit dem Jahr 1950 aus den ehemaligen Ostblockstaaten nach Deutschland übergesiedelt ist (Bundesvertriebenenge- setz §4).6 Die bis zum Jahr 1992 eingewanderten Menschen werden als Aussiedler und die ab dem Jahr 1992 Eingewanderten werden als Spätaussiedler bezeichnet (BAMF 2013: 21). Im Jahr 2016 lebten in Deutschland 4,5 Millionen (Spät-)Aussiedler (BVA 2018).

3.1.2 Migrationsphasen von 1990 bis 2015

In der folgenden Abbildung 3 sind die internationalen Zuzüge nach der Wieder- vereinigung Deutschlands bis zum Jahr 2015 dargestellt.

Abbildung 3: Zuzüge in die Bundesrepublik Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Statistisches Bundesamt 2017a: Fachserie 1 Reihe 1.2

Im betrachteten Zeitraum 1991 bis 2015 sind rund 24,9 Millionen Menschen nach Deutschland zugezogen (eigene Berechnung nach dem Statistischen Bundesamt 2017a: 69).

Nach dem Mauerfall stieg die Anzahl der Zuzüge bis zur gesetzlichen Verankerung des „Asylkompromisses“ 1993 enorm an. Die Kriege in ehemaligen jugoslawischen Gebie- ten und der Zerfall der Sowjetunion sowie der Fall des Eisernen Vorhangs führten eben- so zu Wanderungen in Richtung Bundesrepublik (OHLIGER 2004: 323 ff.). Im Jahr 1992 erreichte der Zuzugsbestand etwa 1,5 Millionen Menschen. Wie der Abbildung 3 zu entnehmen ist, weisen die Zahlen der Zuzüge nach der Verschärfung der Asylpolitik 1993 keine erhebliche Zunahme mehr auf.

Weitere Zuzügler ab dem Jahr 1990 stellen die jüdischen Kontingentflüchtlinge dar. Diesen wurde aus humanitären Gründen Aufenthaltserlaubnisse ohne Asylantrag ge- währt. Bis zum Jahr 2003 erreichte ihre Anzahl jährlich 15.000 bis 20.000 Personen (BAMF/BID 2015: 98 f.).

Mit dem Inkrafttreten des „Gesetz über die allgemeine Freizügigkeit von Unionsbür- gern“ im Jahr 2005 (kurz: Freizügigkeitsgesetz/EU), welches Staatsangehörige eines EU-Bürgers das Recht auf Einreise und Aufenthalt in anderen europäischen Mitglied- staaten sowie uneingeschränkte arbeitsmarktbezogene Wanderung gewährleistet, ist in dem Schaubild wieder eine leichte Zunahme zu beobachten. Der freie Personenverkehr in den Staaten der EU bedeutet für Unionsbürger und deren Familienangehörige eine schnelle und unbürokratische Erlaubnis zur Arbeitsmigration, ohne dass dafür ein Vi- sum vorausgesetzt wird (PRESSE- UND INFORMATIONSAMT DER BUNDESREGIERUNG 2018a). Rund 850.000 Zuzüge von EU-Bürgern nach Deutschland wurden festgehalten (BAMF/BID 2015: 48). Eine starke Zunahme der Zuzügler ist ab dem Jahr 2010/11 zu beobachten. Ab dem Jahr 2012 wanderten 80 Prozent aller Zuzügler aus den Mitglied- staaten der EU ein. Dazu zählen die Staaten aus Mittel- uns Osteuropa, deren Bürger ab dem Jahr 2011 ohne Arbeitserlaubnis in Deutschland beschäftigt werden dürfen. Dar- über hinaus wanderten Menschen aus europäischen Staaten ein, die von der Finanz- und Schuldenkrise betroffen waren, wie etwa Spanien, Italien und Griechenland (STATI- SCHES BUNDESAMT 2013: Pressemittelung Nr. 354).

In der Grafik sind die Zuzugszahlen lediglich bis zum Jahr 2015 dargestellt. Aufgrund von technischen Weiterentwicklungen, methodischen Veränderungen und aufgrund der hohen Zahlen der Schutzsuchenden gab es Verzögerungen bei der Ermittlung der Wan- derungszahlen zwischen den Jahren 2016 und 2017 (STATISTISCHES BUNDESAMT 2018b: Pressemittelung Nr. 019).

3.2 Deutschland als Einwanderungsland

Die unten aufgeführte Abbildung 4 stellt den Wanderungssaldo zwischen Deutschland und dem Ausland für den Zeitraum von 1950 bis 2016 dar. Diese Messgröße ergibt sich aus der Differenz der Zahl der Zuzüge und der der Fortzüge. Befindet sich dieser Wert im positiven Bereich, so beschreibt er einen Wanderungsüberschuss bzw. Wanderungs- gewinn, während ein negativer Wanderungssaldo einen Abwanderungsüberschuss oder Wanderungsverlust widerspiegelt (BÄHR 2010: 244). Die Grafik zeigt einen deutlichen Wanderungsüberschuss über die Jahre hinweg. Zwischen den Jahren 1950 und 1990 sind 16,4 Millionen Fortzüge erfasst. Dies ergibt einen Wanderungsgewinn von rund 5,7 Millionen Menschen. Ab den Jahren 1991 bis 2015 beträgt der Fortzugsbestand 17,8 Millionen und stellt einen Wanderungsüberschuss von sieben Millionen dar (Statisti- sches Bundesamt 2017a).

Abbildung 4: Wanderungssaldo

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Statistisches Bundesamt 2017a: Fachserie 1 Reihe 1.2 (Tabelle 3: Außenwanderung)

Unter Betrachtung dieser aufgeführten Grafiken wird deutlich, dass Deutschland in der Historie angefangene und bis heute andauernde Migrationsprozesse erlebt. Im Folgen- den wird auf die Zusammensetzung der Migrantengruppen in Deutschland eingegangen.

Der Terminus „Personen mit Migrationshintergrund“ beschreibt Individuen, die selbst keine Erfahrung mit Wanderung erlebt haben. Dazu gehören zum Beispiel die in Deutschland geborenen Kinder, deren Eltern oder nur ein Elternteil eingewandert sind oder einen Migrationshintergrund bzw. keine deutsche Staatsangehörigkeit aufweisen. Auch eingebürgerte Zuwanderer und Aussiedler gehören zur Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund (STATISTISCHES BUNDESAMT 2018c).

Abbildung 5: Zusammensetzung der Bevölkerung mit Migrationshintergrund (Stand 2016)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach STATISTISCHES BUNDESAMT 2017b: Fachserie 1 Reihe 2.2: 62.

Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes weisen rund 18,6 Millionen Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund auf. Dies ist ein Anteil von 22,5 Prozent der insgesamt 82,4 Millionen Einwohner. Davon haben ca. 5,1 Millionen deutsche Staats- angehörige, hierzu zählen eingebürgerte Zuwanderer und Spätaussiedler, eigene Migra- tionserfahrungen und 4,4 Millionen Deutsche keine Erfahrungen mit Migration. Dies sind sowohl die in Deutschland geborenen und später eingebürgerten Kinder als auch die direkt als deutsche Staatsbürger geborenen Kinder mit mindestens einem Elternteil mit Migrationshintergrund (STATISTISCHES BUNDESAMT 2017b: 4 ff.). Jeder, der nicht im Sinne des Grundgesetzes (Artikel 116, Absatz 1) als Deutscher zählt, gehört zur aus- ländischen Bevölkerungsgruppe. Mit einem Anteil von 9,2 Prozent dominieren sie in der Gruppe der Migranten. 7,6 Millionen Ausländer haben selbst Erfahrungen mit Mig- ration gemacht, während 1,4 Millionen keine Migrationserfahrungen gemacht haben. Das nachfolgende Balkendiagramm 6 liefert Angaben über die Anzahl der in Deutsch- land lebenden größten Migrantengruppen nach ihren Herkunftsländern. Die Daten be- ziehen sich weiterhin auf den Mikrozensus 2016. Vorab ist zu erwähnen, dass bei der Betrachtung der Angaben vom Jahr 2016 einige Einflussfaktoren berücksichtigt werden müssen, diese sind aus diesem Grund mit großer Vorsicht zu genießen. In den Jahren 2015/1016 ist die Anzahl der Zuwanderer stark gestiegen. Hierbei handelt es sich über- wiegend um Schutzsuchende aus Krisenregionen wie Afghanistan und Syrien. Im Rah- men des Mikrozensus wurden lediglich Privathaushalte befragt, wobei die Schutzsu- chenden in Notunterkünften ausgeschlossen sind. Außerdem können aufgrund aufgetre- tener technischer Probleme nur bedingt Ergebnisse über die Genauigkeit der Angaben genannt werden (STATISTISCHES BUNDESAMT 2017b: 7).

Abbildung 6: Herkunftsländer der Migranten in Deutschland (Stand 2016)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Statistisches Bundesamt 2017b: Reihe 1 Fachserie 2. 2: 63;66

[...]


1 Die Ergebnisse rumänischer und polnischer Zuwanderer sind bereits veröffentlicht. Die weiteren Ergeb- nisse sind noch nicht veröffentlicht. Siehe hierzu BAMF 2017a.

2 Die Definition und eine detaillierte Erläuterung des Begriffs „Migrationshintergrund“ erfolgt im Kapitel

3 Siehe Anhang Tabelle 1.

4 Bis 1956 ohne Saarland.

5 Bis 1974 ohne Ostgebiete des Deutschen Reiches.

6 Die Anzahl der zugewanderten (Spät-)Aussiedler wird vom Bundesverwaltungsamt seit 1950 statistisch erfasst (BAMF 2013: 28).

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Migration im Spannungsfeld zwischen Hoffnung und Herausforderung
Untertitel
Untersuchung der Lebenssituation von Türkeistämmigen in Deutschland
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Geographie)
Veranstaltung
Anthropogeographie und Geographische Entwicklungsforschung
Note
1,9
Autor
Jahr
2018
Seiten
61
Katalognummer
V464226
ISBN (eBook)
9783668932401
ISBN (Buch)
9783668932418
Sprache
Deutsch
Schlagworte
migration, spannungsfeld, hoffnung, herausforderung, untersuchung, lebenssituation, türkeistämmigen, deutschland
Arbeit zitieren
Yasemin Kalkan (Autor), 2018, Migration im Spannungsfeld zwischen Hoffnung und Herausforderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/464226

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