Steckt der Arbeitsmarkt in der Krise?

Analyse und Vergleich von Regierungsstrategien und Reformansätzen


Bachelorarbeit, 2017

55 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

I Einleitung

II Der subjektive Anspruch an Arbeit

III Krise des Arbeitsmarkts
1 Die quantitative Dimension
2 Die qualitative Dimension
3 Ursachen
4 Gegenargumente
5 Fazit

IV Reform
1 Ziele
2 Strategien von Regierungen
2.1 Arbeitsmarktpolitik Deutschland
2.2 Arbeitsmarktpolitik Schweden
2.3 Arbeitsmarktpolitik USA
2.4 Vergleich
3 Das bedingungslose Grundeinkommen

V Anregungen

VI Fazit

Literatur

ABSTRACT

This paper assesses the evolving crisis in the labour market of industrialised countries, as well as current strategies and projects to reform or amend the labour market. It is shown, why the subjective perspective of potential employees is the scale by which the labour market should be judged. The analysis shows, that there is, indeed, a crisis, consisting of a quantitative and a qualitative dimension, meaning that there is on the one hand a developing shortage of labour volume and on the other hand a deterioration of work conditions. Analysing the initiatives taken by the governments of Germany, Sweden and the United States, it is evident that there are no large-scale programmes aimed at tackling the developing problems, with Sweden undertaking minor experiments and seeming generally the most willing to reform. Generally, we see more the scales shifting with more negotiation power on the employers’ side. The basic income as an alternative model does not hold up to a thorough examination. Comprehensively, it seems advisable to distribute the existing amount of labour fairly, distributing the benefits of machine labour to everyone.

I Einleitung

Seit der Industriellen Revolution und der mit ihr verbundenen Entstehung der modernen Erwerbsarbeit kommt es immer wieder zu Krisen unterschiedlicher Art und unterschiedlichen Ausmaßes in der seitdem als Norm bestehenden Erwerbsarbeit. Diese Krisen können Massenarbeitslosigkeit bzw. sehr geringe Löhne und allgemein eine Unterversorgung der Bevölkerung – von starken Einschränkungen des freien, selbstbestimmten Lebens, bis hin zur Unterernährung – zur Folge haben. Vielmals haben diese Krisen im Arbeitsmarkt nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Instabilität mit sich geführt. Wie bei der Einführung des Taylorismus und der industriellen Produktion stehen wir auch heute vor einem Szenario, in welchem – durch Digitalisierung und Globalisierung – die Effizienz der Arbeitskraft stark erhöht wird. Effizienz soll bedeuten, welche Menge bzw. Teilmenge eines Produkts oder einer Dienstleistung pro Arbeitsstunde hergestellt oder bereitgestellt werden kann.

In Westeuropa, Nordamerika und teilweise auch in anderen Erdteilen ist eine Situation gegeben, in welcher der Großteil der geleisteten Arbeit nicht für die Güterproduktion des für das alltägliche Leben Notwendigen aufgewendet wird. Die klassische Produktion wird heutzutage fast ausschließlich von Maschinen ausgeführt und immer weitere Bereiche weitere Arbeitsbereiche – bei welchen die vor Jahren teilweise nicht denkbar gewesen wäre – werden von Maschinen übernommen bzw. besteht die technische Möglichkeit dazu. Viele Soziologen, Philosophen und Ökonomen, unter anderem Hannah Arendt, Ralf Dahrendorf und Jürgen Habermas haben bereits das baldige Ende der Arbeitsgesellschaft – im klassischen Sinne – proklamiert. Jedoch sind bisher durch technische Neuerungen auch immer wieder neue Berufsfelder entstanden. Derzeit steht die Arbeitslosenquote bei in etwa 6% (Bundesagentur für Arbeit 2017).

Es stellt sich die Frage, ob die klassische Arbeitsgesellschaft vor einer Krise steht und falls ja welche Ausprägungen diese Krise hat. Im ersten Teil dieser Arbeit wird eine Analyse der qualitativen sowie der quantitativen Dimension des Arbeitsmarktes durchgeführt. Die Ergebnisse, welche – mit Einschränkungen – für eine Krise in beiden Dimensionen bzw. zumindest für eine mögliche Krisenentwicklung sprechen, dienen als Grundlage für die anschließende Evaluation der möglichen Strategien bzw. Maßnahmen zur Begrenzung der Krise. Die Analyse der Arbeitsmarktstrategien soll folgende Fragestellung beantworten: Wie fassen die Regierungen bzw. führenden Parteien die Krise auf und wie reagieren sie auf die Entwicklungen?

Dazu wird die Geschichte der länderspezifischen Arbeitsmarktpolitik kurz beleuchtet und erklärt, weshalb Regierungen die von ihnen verfolgten Strategien anwenden. Daraufhin sollen externe Ansätze erklärt und untersucht werden. Interessant ist dabei die Frage, ob und weshalb sich zwischen diesen externen Ansätzen und der Arbeitsmarktpolitik der Länder eine Diskrepanz ergibt. Diese Diskrepanz zeigt sich im Vergleich der arbeitsmarktpolitischen Agenden Deutschlands, Schwedens und der USA. Während alle untersuchten Länder gleichermaßen Maßnahmen der aktiven sowie der passiven Arbeitsmarktpolitik verfolgen, variiert die Intensität stark. Es zeigt sich in Schweden ein sehr wohlfahrtstaatlich orientiertes Land, welches in vergleichsweise großen Maße Arbeitsmarktpolitik betreibt. Dies ist in Deutschland zwar weniger, aber dennoch der Fall. In den USA wird nur rudimentär Arbeitsmarktpolitik betrieben.

Als alternativer Ansatz für Arbeitsmarktreform soll anschließend das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens untersucht werden. Hier zeigt sich, dass diese Reform einerseits wenig zielführend für die Abwendung der Krise des Arbeitsmarktes wäre und viele weitere Probleme mit sich bringen könnte. Des Weiteren ist zwar eine theoretische Finanzierung möglich, diese würde aber eine große Steuerbelastung bedeuten. Auch die politische Umsetzbarkeit ist fraglich, da eine solche Reform einen großen Umbruch bedeuten würde, welcher ohne große Not nur schwierig Unterstützung in der Mehrheit der Bevölkerung finden würde.

Im Kapitel V werden aus den gewonnen Erkenntnissen Schlüsse gezogen und Anregungen für eine Reform des Arbeitsmarktes gemacht. Diese sind rein normativ und geben bis zu einem gewissen Grad eine Meinung wieder.

II Der subjektive Anspruch an Arbeit

Arbeit ist ein zentraler Bestandteil des Lebens, was sich unter anderem durch die Identifikation – durch sich selbst und andere – einer Person mit seinem Beruf zeigt. Für die Untersuchung, wie existent bzw. schwerwiegend eine Krise – also einer Nicht-Erfüllung des subjektiven Anspruchs an Arbeit – ist, muss zunächst untersucht werden, worin dieser Anspruch besteht. Natürlich variieren subjektive Anspruche von Person zu Person, hier soll ein generischer Minimalkonsens eingeführt werden. Der subjektive, also perzeptive Anspruch an Arbeit ist von großer Bedeutung, da Zufriedenheit – also die positive Bewertung seiner Situation – relativ zu diesen Ansprüchen ist. So waren Menschen gegen Ende des 19. Jahrhunderts vermutlich eher bereit zehn bis zwölf Stunden pro Tag schwere körperliche Arbeit zu leisten, während dies heutzutage schlimmsten Arbeitsverhältnissen gleichkäme. Es müssen also die heute gültigen Ansprüche an den Arbeitsmarkt beschrieben werden.

Der primäre Anspruch an Arbeit ist – früher wie heute – die Existenzsicherung (Hürtgen und Voswinkel 2014; Baumeister et al. 2013). Dies beinhaltet zunächst die aktuelle Existenzerhaltung, wobei Zukunftsfragen hintenanstehen.

Sekundär wird auch die zukünftige Existenz wichtig, was bedeutet, dass sichere Arbeitsplätze oder im Gegenzug leichter Eintritt in eine existenzsichernde Tätigkeit gegeben sein müssen. Auch beinhalten sekundäre Ansprüche eine angemessene – über das Existenzminimum hinausgehende – Vergütung, ein kollegiales Arbeitsklima und eine Anerkennung der erbrachten Leistung gewünscht bzw. gefordert (ebd.).

Tertiäre Ansprüche, welche nach Erfüllung der primären und sekundären Faktoren an Wichtigkeit zulegen sind Sinn und Selbstverwirklichung in der Arbeit, also kein bloßer Austausch von Arbeitszeit gegen Vergütung, sondern der Entwicklung hin zur Erfüllung des normativen Selbstbildes (Voggenreiter 2014). Auch bescheinigt die seit einigen Jahren geführte Diskussion über die work-life balance den Wunsch nach kürzerer Arbeitszeit bzw. im kantianischen Sinn mehr autonomem und weniger heteronomem Leben.

An diesen subjektiven Ansprüchen der Arbeitnehmer muss sich der Arbeitsmarkt, bzw. in der Folge die Arbeitsmarktpolitik der Regierungen messen lassen. Die genannten Faktoren sollen als Kriterien für die Bewertung der Güte einer Arbeitsmarktpolitik gelten.

III Krise des Arbeitsmarkts

Wann kann man von einer Krise sprechen? Claus Offe, ein renommierter Soziologe und Politikwissenschaftler, versteht darunter eine Entwicklung " [...] in der überkommene Institutionen und Selbstverständlichkeiten plötzlich fragwürdig erscheinen, unerwartete Schwierigkeiten fundamentaler Bedeutung auftauchen, und in der offen ist, ‚wie es weitergeht‘ " (Offe 1984). Eine Krise muss also eine Verschlechterung der Umstände von einem einmal erreichten und akzeptierten Niveau sein. Dies ist notwendig, wird aber erst in Kombination mit der Ungewissheit der Zukunft zur Krise hinreichend. Eine kurzzeitige Verschlechterung der Umstände unter Erwartung der baldigen Besserung ist nicht notwendigerweise krisenartig. Im Kontext des Arbeitsmarkts muss also von einer Krise gesprochen werden, wenn die oben genannten primären Faktoren – insbesondere die Existenzsicherheit – für einen substantiellen Bestandteil der Gesellschaft nicht – mehr – gegeben bzw. gefährdet sind. Ebenfalls sind sinkende Reallöhne, steigende Arbeitszeiten und weniger Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung, als negative Entwicklungen – aus subjektiver Arbeitnehmersicht – zu werten. Erfährt also der Arbeitsmarkt derzeit eine Krise, bzw. ist er gefährdet in naher Zukunft eine Krise zu erfahren?

Diese Frage muss in zwei Dimensionen beantwortet werden. Die quantitative Dimension beschreibt die vieldiskutierte Frage, ob der Arbeitsgesellschaft durch die Steigerung der Arbeitsproduktivität – welche unbestritten ist (Donhauser 2005) – langsam die Arbeit ausgeht und sich somit Massenarbeitslosigkeit breit machen wird. Die qualitative Dimension beschreibt die subjektive Verschlechterung der bestehenden Arbeitsverhältnisse nach den oben angeführten Kriterien, bei gleichbleibenden bzw. steigenden Bestand an Arbeitsvolumen. Bei der Analyse sollen insbesondere die Arbeitsverhältnisse und deren Entwicklung in Deutschland und anderen Industrienationen untersucht werden.

1 Die quantitative Dimension

Die Arbeitslosigkeit, welche in Folge der Produktivitätssteigerung entsteht bzw. entstehen könnte bezeichnet man als technologische Arbeitslosigkeit. Sie ist einer der großen Streitpunkte der ökonomischen Debatte seit der Zeit von Marx und Adam Smith, wobei die Debatte nie zu einem anhand von Theorien endgültig hergeleiteten Resultat kam (Eicker-Wolf 1998). Allerdings wird es durchaus als möglich angesehen, dass technologische Arbeitslosigkeit auftritt. So bescheinigt eine groß angelegte Studie von Carl Frey und Michael Osborne aus dem Jahr 2013, dass 47% der derzeit in den USA ausgeführten Berufe „at a high risk of computerisation“ sind (siehe Abbildung 1;Frey und Osborne 2013) Studien mit ähnlicher Methodologie kommen für den europäischen Raum auf nahezu gleiche Ergebnisse (Bowles 2014).

Kritiker dieser These verweisen auf die gesunkene Arbeitslosenrate in Deutschland und anderen Industrienationen, auf welche weiter unten genauer eingegangen werden soll. Diese Entwicklung wird begründet mit der These, dass technologische Fortschritte fast ausschließlich "bessere, humanere und höher bezahlte neue Jobs" (Fratzscher 2017) schaffe. Jedoch ist die Arbeitsmarktstruktur in Deutschland im Wandel, weg von primären und sekundären Sektor und hin zum dritten – und vierten – Sektor, also zu mehr Dienstleistungsberufen. Ob jedoch der tertiäre Sektor auf gleiche Weise substanzielle Arbeitsplätze bereitstellen kann ist umstritten: "Im Hinblick auf den tertiären Sektor fragt es sich, ob die 'neuen Dienste' von denen allenthalben die Rede ist, Wachstum und Beschäftigung im vergleichbaren Maße wie die industriellen Produktinnovationen der Vergangenheit zu stimulieren vermögen. Die Empirie spricht vorerst gegen solchen Optimismus." (Zinn 1997)

Ein Sonder- bzw. Extremfall der technischen Entwicklung wäre ein Durchbruch im Bereich der Künstlichen Intelligenz, da diese in außerordentlich schnellem Maße in der Lage sein könnte, alle zuvor durch Menschen ausgeführte Arbeit einzunehmen – denn eine genuine Künstliche Intelligenz könnte sich innerhalb kürzester Zeit seine eigenen Fähigkeiten weit über menschliche Kapazitäten hinaus ausbauen (Heath 2014). Dies, gepaart mit einer betriebswirtschaftlichen, rationalisierungswilligen homo-oeconomicus -Sichtweise, aus welcher es logisch ist, eine kostengünstigere und effizientere Maschine, statt eines Menschen einzusetzen, würde aller Voraussicht nach zu einer Substituierung der gesamten menschlichen Arbeit durch KIs und Roboter nach sich ziehen. Es ist zwar einzuwenden, dass auch in diesem Fall neue Berufsfelder entstehen können, jedoch würde eine bereits heute bestehende Entwicklung damit abgeschlossen und zwar würde in Folge die Notwendigkeit der menschlichen Arbeit für die Existenzsicherung der gesamten Gesellschaft gegen Null gehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Quelle: Frey, Carl B. und Michael A. Osborne. 2013. „The future of employment: how su s ce p tible are jobs to computerisation?“. Technological Forecasting and Social Change 114: 254– 80.

Während vor 100 bis 200 Jahren menschliche Arbeitskraft unerlässlich war, um Lebensmittel und Produkte des täglichen Lebens herzustellen, sind heute immer weniger Arbeitsplätze notwendig – und das ist der wichtige Unterschied. Stattdessen sind sie durch Profitmöglichkeiten bedingt – wobei hier keineswegs eine negative Konnotation mitschwingen soll – aber die Fragilität des Arbeitsplatzes bei sinkender Nachfrage nach dem Produkt oder der Dienstleistung vor Augen führt. Beschreibend für diese Entwicklung ist das Absinken der relativen Beschäftigungszahlen im landwirtschaftlichen Sektor von fast 50% auf 2% sowie des industriellen Sektors von 30% auf 21% (Dostal 1995). Die obige These – ob der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht kann zwar nicht verifiziert bzw. falsifiziert werden, man mag sich über die Entwicklung des Gesamtarbeitsvolumens streiten. Zweifellos ist jedoch eine drastische Absenkung jenes Arbeitsvolumens, welches für die Existenz bzw. sogar für ein „angenehmes Leben“ notwendig ist, zu beobachten. Dies wirft unter anderem die Frage nach der Notwendigkeit der Vollbeschäftigung auf, auf welche weiter unten und später in der Arbeit näher eingegangen werden soll.

Ein weiteres Problem, welches sich bei steigendem Wirtschaftswachstum und gleichzeitig sinkendem Arbeitsvolumen ergibt, ist die Akkumulation von Produktionsgütern und Vermögenswerten, welche weiteres Einkommen generieren, wie z.B. Immobilien. Durch diese Akkumulation, welche sich selbst beschleunigt steigt die Ungleichheit in der Gesellschaft.

Ein Beispiel soll diese Tendenz verdeutlichen. Wenn zwei Menschen arbeiten um ihre Existenz zu erhalten und einer erfindet eine Maschine, welche die Arbeit beider Personen erledigt, so sinkt das Arbeitsvolumen auf 0, es müsste also keine der beiden Personen mehr arbeiten. Nach der Art unseres derzeitigen Wirtschaftssystems wäre aber eine der beiden Personen Arbeitslos, die andere wäre Unternehmer. Insbesondere ist dies problematisch, da der Besitz durch Vererbung bestehen bleibt und sich so weiter akkumulieren kann. Dieses natürlich simplifizierte Beispiel mag stark an sozialistisches Gedankengut erinnern, illustriert jedoch, welche Probleme der Besitz von Produktionsgütern aufwirft. Da das Arbeitsvolumen in Deutschland und anderen Industrienationen tendenziell sinkt, die – durch diese Arbeit geschaffene – Wirtschaftsleistung jedoch steigt, vergrößert sich auch die vielzitierte „Schere zwischen Arm und Reich“ (Deutsche Wirtschaftsnachrichten 2017).

Besteht also eine Krise der quantitativen Dimension, geht der „Arbeitsgesellschaft die Arbeit aus“? Ja und nein. Einerseits ist die Arbeitslosigkeit selbst mit den nicht vollständig berücksichtigten Zahlen nicht so groß wie von manch einem befürchtet bzw. erwartet wurde. Andererseits ist der Rückgang des Arbeitsvolumens zu verzeichnen, insbesondere das Arbeitsvolumen welches für die Lebenshaltung notwendig wäre. Dies macht das die bestehenden Arbeitsstellen anfälliger für Krisen. Dies ist an sich zwar keine Krise – so wie auch Arendt und Habermas diese Entwicklung weniger apokalyptisch, sondern eher mit freudiger Erwartung entgegengesehen haben – jedoch sind die derzeitigen kapitalistischen, sowie die wenigen sozialistischen Wirtschaftssysteme auf Vollbeschäftigung ausgerichtet. Bei einem Umbau des Wirtschaftssystems nach anderem Paradigma würde das Problem des abnehmenden Arbeitsvolumens – möglicherweise – an Bedeutung verlieren, dieser Umbau muss sich aber an seiner Umsetzbarkeit und Funktion messen lassen.

2 Die qualitative Dimension

Die zweite Dimension in welcher der Arbeitsmarkt eine Krise erfahren kann ist eine Verschlechterung der gegebenen Arbeitsbedingungen hinsichtlich oben genannter sekundärer Faktoren, also zwar der Möglichkeit zur Existenzsicherung, aber dem Absinken des subjektiven Arbeits- und Lebensstandards eines substantiellen Teils der Bevölkerung (Castel 2011). Generell unterscheidet das Statistische Bundesamt in der Erwerbsarbeit zwischen Normalarbeitsverhältnissen – also unbefristeten Arbeitsverhältnissen, welche auch an das Sozialversicherungssystem geknüpft sind – und atypischer Beschäftigung. Unter atypischer Beschäftigung versteht das statistische Bundesamt "Teilzeitbeschäftigungen mit 20 oder weniger Arbeitsstunden pro Woche, geringfügige Beschäftigungen, befristete Beschäftigungen sowie Zeitarbeitsverhältnisse" (Statistisches Bundesamt 2015).

Es ist ein Anwachsen des atypischen Sektors zu beobachten. Seit 1991 ist der Anteil der atypischen Beschäftigung an der Gesamtheit der in der Erwerbsarbeit Beschäftigten von 14,1% auf 23,3% im Jahre 2015 angestiegen (Statistisches Bundesamt 2016). Zwar ist atypische Beschäftigung nicht per se negativ zu bewerten ist, jedoch "[…] handelt es sich bei atypisch Beschäftigten um eine heterogene Gruppe mit höheren Prekaritätsrisiken als beim Normalarbeitsverhältnis" (Brehmer und Seifert 2008). Somit die gesunkene Arbeitslosenquote mit Vorsicht zu genießen, auch in Hinblick auf die nicht- Berücksichtigung einiger Gruppen, z.B. Arbeitslose welche derzeit Fortbildungen durchlaufen. Die Definition der Arbeitslosigkeit obliegt dem Arbeitsministerium, diese Definition hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht selten geändert (Bundeszentrale für politische Bildung 2014).

Prekarität bedeutet, dass das Arbeitsverhältnis allein nicht geeignet ist, den Lebensunterhalt auf Dauer zu sichern, nur eine geringe Sicherheit des Arbeitsplatzes vorhanden ist und nur eine schlechte bzw. keine Absicherung vorhanden ist. Des Weiteren geht sie einher mit einem niedrigen Einkommensniveau und geringer betrieblicher Integration (Castel und Dörre 2009). In der Essenz ist Prekarisierung also äquivalent mit der nicht- bzw. nur Teilerfüllung der oben eingeführten primären und im Weiteren auch der sekundären und tertiären Faktoren. Es muss zwar festgehalten werden, dass atypische Beschäftigungsverhältnisse auch andere Gründe, wie beispielsweise gewünschte Teilzeitarbeit eines Teils einer Lebensgemeinschaft etc. haben können, der zu beobachtende Strukturwandel von Normal- zu atypischen Beschäftigungen lässt sich damit jedoch nicht ausreichend erklären.

Die vielzitierte Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse kann unterschiedliche Ausprägungen haben, wie beispielsweise befristete Arbeitsverträge, Zeit- bzw. Leiharbeit, Scheinselbstständigkeit oder Teilzeitbeschäftigung – bei Wunsch nach Mehrarbeit. Im Folgenden soll angeführt werden, weshalb diese Arbeitsverhältnisse unter Umständen als prekär einzustufen sind.

Befristete Arbeitsverträge schließen – wie der Name schon sagt – nur für einen gewissen Zeitraum ein Arbeitsverhältnis. Bei Unzufriedenheit mit der Arbeitskraft hat der Arbeitgeber die Möglichkeit, das Arbeitsverhältnis auslaufen zu lassen und somit den relativ restriktiven Kündigungsschutz zu umgehen, welcher in Deutschland und anderen europäischen Ländern besteht (H. Fischer 2016). Dieser befristete Arbeitsvertrag ohne Sachgrund ist – nach TzBfG (Deutscher Bundestag 21.Dezember/2000) – in Deutschland derzeit für maximal 2 Jahre möglich, mit Möglichkeit zur dreimaligen Verlängerung innerhalb dieses Zeitraumes.

Da die Möglichkeit zum befristeten Arbeitsvertrag besteht, wird dieser – nachvollziehbarerweise – nach einer rational-choice Logik angewendet, da er für Arbeitgeber fast ausschließlich Vorteile hat und – sollte sich der Arbeitnehmer bewähren – anschließend immer noch ein unbefristeter Vertrag geschlossen werden kann. Insbesondere Einsteiger in den Arbeitsmarkt haben eine schwache Verhandlungsgrundlage gegen befristete Verträge. Konkret könnte die Befristung also mehrfache Quasi-Kündigungen – durch Ablaufen des Arbeitsvertrages ohne Verlängerung bzw. Festanstellung – zur Folge haben. Insbesondere die Ungewissheit ob der Vertragsverlängerung steigert die Unsicherheit über die Existenzsicherung und führt in Folge zur weiteren Schwächung der Verhandlungsposition des Arbeitnehmers gegenüber dem Arbeitgeber und somit potentiell zur Hinnahme einer Verschlechterung der Arbeitsumstände. Von befristeten Arbeitsverträgen sind hoch sowie niedrig gebildete Schichten überproportional betroffen, so sind diese auch im akademischen Bereich bereits weit verbreitet (Kurz und Steinhage 2001).

Unter Scheinselbstständigkeit versteht man eine – zumeist rechtswidrige – Beschäftigung einer selbstständigen Arbeitskraft, wobei diese zuvor eine Ich-AG also ein Ein-Personen-Unternehmen gründen und dadurch nicht formal eingestellt werden, sondern Aufträge von dem Arbeitgeber erhalten. De facto arbeiten sie aber wie normal Angestellte für den Arbeitgeber. Durch die Scheinselbstständigkeit ist der Arbeitgeber nicht verpflichtet Sozialversicherungsabgaben für den Quasi-Angestellten zu bezahlen. Auch gibt es keinen Kündigungsschutz, da formal kein Angestelltenverhältnis besteht (Henrici 2002). Da Scheinselbstständigkeit illegal ist, werden im Zuge der Rationalisierung immer kreativere Beschäftigungsverhältnisse entworfen, oft über mehrere Firmen und über das inner- und außereuropäische Ausland. Im öffentlichen Diskurs wurde dies in den letzten Jahren insbesondere im Fall Ryanair diskutiert, welche ihre Piloten – auch in Deutschland – über Scheinselbstständigkeit beschäftigte bzw. dies versuchten (airliners.de 2016). Es ergeben sich bei der Scheinselbstständigkeit die gleichen Einschränkungen der drei Faktoren, mit einem noch größeren Potential für Existenzunsicherheit, da ein Arbeitsverhältnis – wortwörtlich – von heute auf morgen beendet werden kann und keine Sozialversicherung für den Quasi-Angestellten besteht.

Bei einer Zeit- bzw. Leiharbeitsbeschäftigung werden Arbeitnehmer von einem Unternehmen angestellt, welches die Arbeitskräfte flexibel an andere Unternehmen „verleiht“. Unternehmen können durch das „Ausleihen“ flexibel auf sinkende bzw. steigende Nachfrage reagieren. Während die Angestellten zwar im Sozialversicherungssystem integriert sind, ist die Bezahlung oftmals gering, so dass ein substantieller Teil der in Zeitarbeitsverhältnissen Stehender trotz Vollzeitbeschäftigung zusätzlich Sozialleistungen bezieht. Des Weiteren ist – durch den ständigen Wechsel der Einsatzorte – eine soziale Einbindung am Arbeitsplatz kaum möglich, was ebenfalls einem subjektiv wünschenswerten Arbeitsumfeld zuwider geht (M. Fischer 2013).

[...]

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Steckt der Arbeitsmarkt in der Krise?
Untertitel
Analyse und Vergleich von Regierungsstrategien und Reformansätzen
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
55
Katalognummer
V464398
ISBN (eBook)
9783668930575
ISBN (Buch)
9783668930582
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeit, Automatisierung, Grundeinkommen, Arbeitszeit, Industrialisierung, Digitalisierung
Arbeit zitieren
Christian Aufenanger (Autor), 2017, Steckt der Arbeitsmarkt in der Krise?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/464398

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