Bewegungsförderung in der Natur. Bewegung in der Natur und deren Einfluss auf die Motorik von Kindergartenkindern


Facharbeit (Schule), 2019
26 Seiten, Note: 1+ (96 von 100 Punkten)
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Natur
2.1. Mit dem Wort Natur verbundene Assoziationen
2.2. Definition Natur

3. Bewegung und Motorik
3.1. Bewegung
3.1.1. Definition der Bewegung
3.1.2. Bewegung aus Sicht der Hirnforschung 5
3.1.3. Bedeutung von Bewegung für die kindliche Entwicklung
3.2. Motorik
3.2.1. Grob-, Fein- und Statomotorik
3.2.2. Das motorische, sensible und vegetative Wirkungsgeflecht
3.2.3. Motorische Entwicklung im Kindesalter 6
3.2.3.1. Motorik im Vorschulalter
3.2.4. Verfahren zur Überprüfung der motorischen Entwicklung bei Kindern

4. Bewegung in der Natur
4.1. Der Garten und seine Vielfalt an Bewegungserfahrungen
4.2. Vorzüge des Waldes für Bewegungserfahrungen
4.3. Bewegungsförderung in der Natur

5. Bezug zur eigenen Berufspraxis
5.1. Vorstellung der Einrichtung gelöscht wegen Datenschutz
5.2. Bewegungsangebote im Naturraum der Einrichtung
außerhalb der Kindertagesstätte
5.3. Situationsanalyse
5.4. Naturgestützte Angebote zur Bewegungsförderung
5.4.1. Zielsetzung
5.4.2. Planung
5.4.3. Durchführung
5.4.4. Reflexion
5.4.5. Möglichkeiten und Grenzen

6. Schlussfolgerungen und Fazit

7. Abbildungsverzeichnis

8. Tabellenverzeichnis

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Schaffner (2007, S. 5) beschreibt in ihrem Gedicht „Kinder“ den Bewegungsdrang der Kinder, welcher für die Entwicklung, vor allem in den ersten Lebensjahren, von besonderer Bedeutung ist. Über die „ grundlegende kindliche Betätigungsform “ (Zimmer 2014, S. 16) des Bewegens im Zusammenspiel mit der Wahrnehmung lernen Kinder durch ihr Handeln während dem explorierenden Spiel im Kontext ihrer Umgebung über sich und ihre Umwelt (vgl. Mayanna 2008, S. 56).

Die Natur ist als abwechslungsreiche, alle Sinne ansprechende, die Mobilität fordernde, die Motorik als Anreger für die Kognition (vgl. Böcher 2017, S. 603) fördernde und als eine die soziale Interaktion schulende Lernumgebung, für das kindliche Erleben besonders prädestiniert.

Begründung der Themenwahl

Kinder brauchen Bewegung. Kennzeichnend hierfür ist ihr angeborener Bewegungsdrang. In den letzten Jahren hat sich die Bewegungswelt der Kinder jedoch stark verändert. Das Leben in der modernen Gesellschaft, das geprägt ist durch eine automobil bestimmte, städtische Umwelt und vergleichsweise kleine Wohnungen, bietet den Kindern meist nur wenig Spiel- und Lebensraum (vgl. Zimmer 2004, S. 15). Verstärkt wird die Situation der Kinder durch die zunehmende Mediennutzung (vgl. Spitzer 2012). „ Die Sinne werden aufs Sehen und Hören beschränkt, der Körper wird stillgelegt und seiner grundlegendsten Funktion beraubt: der Bewegung “ (Zimmer 2004, S. 15).

Durch das sich zunehmend in den Innenbereich verlagerte Spiel wissen Kinder häufig nicht mehr, wie vielfältig und spannend der bereichernde Bewegungsraum Natur sein kann. Der immer weiter schwindende Anteil an Bewegungserlebnissen und Wahrnehmungserfahrungen im Naturraum gerade in den ersten Lebensjahren kann nur durch vielfältige Möglichkeiten zu Bewegungsanlässen auf Naturflächen aufgehalten werden. Diese Möglichkeiten versuche ich den Kindern mit meinen Bewegungsangeboten im Garten und Wald sowie in der Gartenarbeitsschule zu bieten, um ihnen wichtige Impulse für eine Entfaltung ihrer Motorik zu geben.

Ziel der Facharbeit und Fragestellung

Im Rahmen meiner Facharbeit habe ich mich mit folgenden Fragestellungen beschäftigt:

(1) Inwieweit kann durch die Bewegungsförderung in der Natur die Motorik von Kindergartenkindern gefördert werden?
(2) Welche Möglichkeiten und Grenzen ergeben sich bei der Bewegungsförderung in der Natur als Lernumgebung für den Erzieher, das Kind, die Einrichtung und die Natur?
(3) Welche speziellen Herausforderungen stellt die naturgestützte Bewegungsförderung an die berufliche Kompetenz des Erziehers?

Aufbau der Facharbeit

Mein Erfahrungsbericht ist wie folgt gegliedert: Im Ersten Kapitel gehe ich auf die Gründe für meine Themenwahl ein und lege anschließend die von mir in diesem Erfahrungsbericht thematisierten Fragestellungen dar.

Das zweite Kapitel hat die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Natur zum Gegenstand.

Im dritten Kapitel folgt die theoretische Betrachtung der Bewegung und Motorik. In diesem Zusammenhang gehe ich neben der Bedeutung der Bewegung auch auf den motorischen Entwicklungsverlauf bei Vorschulkindern sowie Möglichkeiten zur Überprüfung des motorischen Könnens von Vorschulkindern ein.

Abschließend wird im vierten Kapitel von mir eine Unterscheidung der Lernumgebung Wald und Garten mit Blick auf die jeweiligen Vorzüge für Bewegungserfahrungen vorgenommen.

Mit dem fünften Kapitel stelle ich zu Beginn den Ort meines pädagogischen Wirkens vor. Es folgt die Situationsanalyse und daraus abgeleitet ein Überblick über die von mir regelmäßig geplanten und durchgeführten naturgestützten Bewegungsangebote in der Kindertagestätte und deren Umgebung. Nach der Darlegung meiner Angebotsplanung in einem kurzen auszugsweisen Überblick versuche ich einen Einblick in die Durchführung meiner Angebote im Garten, Wald und in der Gartenarbeitsschule zu geben. Dem schließt sich meine Zielsetzung in Hinblick auf die motorischen Fortschritte von zwei beobachteten Kindern zum Ende der Bewegungsangebote an. Darauffolgend komme ich zu meiner reflektierenden Betrachtung der durchgeführten Bewegungsangebote mit einer Zusammenfassung der Möglichkeiten und Grenzen, die die Bewegungsförderung für das Kind, den Pädagogen, die Einrichtung, aber auch für die Natur mit sich bringt.

Das sechste Kapitel widme ich schließlich der Schlussfolgerung und dem Fazit und schließe damit meinen Erfahrungsbericht zur Bewegungsförderung von Kindern in der Lernumgebung Natur ab.

2. Natur

Seinen Ursprung im lateinischen Wort „ nascere “ findend, heißt Natur „geboren werden, entstehen oder entspringen“ (vgl. Online-Wörterbuch Wortbedeutung.info o. A. o. J. ).

Bei der Betrachtung der Natur aus verschiedenen Blickwinkeln stellt sich heraus, dass in den Bereichen Politik, Ökonomie, Technologie, Wissenschaft, Bildung, Kunst und Religion jeweils unterschiedliche Charakteristika der Natur im Vordergrund stehen (vgl. Gebhard 2013, S. 47). Die Abbildung 2: Dimensionen der Natur zeigt bildhaft die Viel- deutigkeit der Natur (vgl. Feldmann 1990, S. 29). Daher ist es unmöglich in wenigen Worten eine allen Bereichen gerecht werdende Definition herzuleiten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Dimensionen der Natur (Feldmann 1990, S. 29)

2.1. Mit dem Wort Natur verbundene Assoziationen

Bei der Befragung von Erwachsenen zum Naturbegriff wurde die Natur vorrangig als etwas positives, Flora und Fauna betreffendes, meist den Menschen exkludierendes und im Freien liegendes beschrieben. Die belebte Natur, der ästhetische Faktor und der Erholungswert kommen einem Erwachsenen bei dem Gedanken an Natur meistens zuerst in den Sinn (vgl. Trommer 1990, S. 24).

Kinder dagegen beziehen in ihr Bild von der Natur auch die „ unbelebte Natur (z.B. „Steine, Wasser, Luft o.ä. “ (Gebhard 2013, S. 44) mit ein. Eine Studie zur Naturbeziehung im Jahr 2003/2004 ergab, dass Grundschulkinder der vierten bis siebten Klasse zu 60% als erstes Pflanzen mit Natur verbinden, gefolgt von Menschen und Tieren (22%), Umweltschutz (10%), Luft/Sauberkeit/Ruhe (10%) und Ästhetik (9%). (vgl. LBS Initiative Junge Familie o. A. 2005, S.100ff.).

2.2. Definition Natur

Die nachfolgende Definition ist stark von der Dimension der Biologie geprägt, erklärt aber meiner Ansicht nach einem Kind kurz und knapp, das Verständnis der in der Definition verwendeten Begrifflichkeiten vorausgesetzt, was Natur ist.

Natur kann als eine den Weltraum mit der gesamten belebten Natur (Pflanzen und Tiere bis hin zu Pilzen, Bakterien und Einzellern) und unbelebten Natur (Steine, Metalle, Wasser, Sterne, Luft, etc.) sowie den Kräften der Natur entsprungenen Phänomene (Regen, Schnee, Gewitter, Sturm, etc.) umfassende „Schöpfung“ gesehen werden. Der Mensch als Säugetier ist Teil der belebten Natur. Das durch Menschenhand Geschaffene kann nicht als Teil der Natur angesehen werden, sondern gilt als vom Menschen kultiviert. (vgl. „Natur“ im Lexikon der Biologie vom Spektrum der Wissenschaft Verlag o. A. o. J.).

In der obigen Definition habe ich bewusst Natur als Schöpfung definiert, um einmal zu verdeutlichen, dass Natur aus dem Blickwinkel der Religionen ein von Gott geschaffenes Gebilde ist. Ich zielte aber mit meiner Formulierung auf die Kraft der Natur als Schöpfer ab. Denn wie der Ursprung des Wortes Natur schon treffend sagt, schafft die Natur fortwährend aus sich selbst immer etwas Neues.

3. Bewegung und Motorik

Einleitend gebe ich einen kurzen Überblick über bestimmte Fachwörter zum besseren Verständnis der Begrifflichkeiten im Kontext der Facharbeit.

3.1. Bewegung

3.1.1. Definition der Bewegung

Der Sport versteht unter der Bewegung die menschliche Bewegung, die sich auf die Lösung motorischer Aufgaben richtet“ (Wollny 2017, S. 16).

3.1.2. Bewegung aus Sicht der Hirnforschung

Das menschliche Gehirn ist bis ins hohe Alter lernfähig. Dies konnte in einer experimentellen Studie zum Training der Gleichgewichtsfähigkeit im Alter gezeigt werden (vgl. Heidemann 2006). Aber insbesondere in den ersten Lebensmonaten und Jahren wird dem Säugling und späteren Kleinkind durch das Heranreifen des zentralen und peripheren Nervensystems in Kombination mit stetigem Trainieren des Bewegungsapparates verstärkt ein immer agileres Bewegungsverhalten möglich und die Bewegung in allen Bereichen immer weiter verbessert. Die durch Bewegungen erlebten Reize führen zu immer mehr Verknüpfungen im neuronalen System und ermöglichen immer komplexere Bewegungsvorgänge in immer kürzerer Zeit. So wie die gelebte Bewegung das Gehirn und periphere Nervensystem in ihrer Entwicklung positiv beeinflusst und das Bewegungsverhalten nach wiederholter Übung flüssiger und stabiler werden lässt, so führen fehlende Reize aus Bewegungserfahrungen zum Rückbau der Nervenverknüpfungen im Nervensystem, was dazu führt, dass seltener ausgeübte Bewegungen mit der Zeit immer stockender und schwerer ausgeführt werden können. Dies trifft vermehrt im Alter mit abnehmendem Bewegungsdrang zu, jedoch kann auch schon bei Kindern durch Bewegungsmangel die Motorik verkümmern (vgl. Zimmer 2014, S. 43 f.).

3.1.3. Bedeutung von Bewegung für die kindliche Entwicklung

Selbst im Ruhezustand ist jeder Körper aktiv durch unseren Herzschlag, die Lunge, unser gesamtes Lebenserhaltungssystem bis hin zur Veränderung unseres Körpers im Laufe des Lebenszyklus‘ unabhängig vom Bewegungsverhalten jedes Einzelnen. Der Mensch ist also ständig in Bewegung.

Gerade die durch Bewegungen erlangten Erfahrungen sind für den Menschen eine Bereicherung der eigenen Persönlichkeit. Insbesondere bei den heranwachsenden Kleinkindern, die noch am Anfang ihrer Entwicklung hin zum erwachsenen selbständigen Individuum stehen, haben die durch Bewegungen erworbene motorische Praxis und die sinnlichen Eindrücke einen großen Wert für die ganzheitliche Entwicklung. (vgl. Grüger / Weyhe 2007, S. 4). In den ersten Lebensjahren erschließt sich das Kind durch zuerst einfache und später immer komplexere Aktivitäten seine „Umwelt als Bewegungswelt“ (Zimmer 2014, S. 15). Mit der Schulung der Motorik über Bewegung und Wahrnehmung pflanzt es den Keim seines gesunden Selbstbildes. Über den positiven Einfluss auf das Selbstbild hinaus hat der Prozess der Bewegung im Spiel bei den Kleinkindern einen bereichernden Effekt auf die Gesundheit, die Kognition, die Kreativität und schult die Sozialkompetenz und das Sprachvermögen mit zunehmendem Kleinkindalter (vgl. Mayanna 2008, S. 56).

3.2. Motorik

Die Gesamtheit der vom zentralen Nervensystem (ZNS) willkürlichen aktiv gesteuerten Bewegungen (Mobilität) ebenso wie die unwillkürliche Bewegung der Muskulatur (z.B. Reflexe) und der inneren Organe (Motilität) lässt sich aus pädagogischem Blickwinkel unter dem aus dem lateinischen stammenden Wort Motorik zusammenfassen (vgl. Beck / Dederich /Antor/ Bleidick 2016, S. 277). Dabei umfasst Motorik nicht nur die Bewegung, sondern auch die Haltung des Körpers (vgl. Rosenkötter 2012, S. 21).

3.2.1. Grob-, Fein- und Statomotorik

Die Motorik, das gewollte und unbewusste menschliche Bewegungsverhalten beschreibend, untergliedert sich in die weit geläufigen Bezeichnungen Grobmotorik und Feinmotorik sowie die Statomotorik. Dabei steuert die Grobmotorik (z.B. rennen, hüpfen) die Abstimmung der Haltung und der Bewegung des Körpers und der Gliedmaßen, wohingegen bei der Feinmotorik (z.B. schneiden, greifen, Pinzettengriff) die Geschicklichkeit der Hand und der Fingerbeweglichkeit als ein koordinierter Ablauf sowie die Mundmotorik Beachtung findet. Darüber hinaus fasst die Statomotorik die Körperhaltung und den Gleichgewichtssinn zusammen (vgl. Vollmer 2012, S. 56).

3.2.2. Das motorische, sensible und vegetative Wirkungsgeflecht

Die Steuerung der Willkürbewegungen und Reflexe im Rahmen des motorischen Systems steht in einem engen Wirkungsgeflecht mit den vom sensorischen System aufgenommenen und ausgewerteten Sinneswahrnehmungen und dem vegetativen System als Einheit zur Abstimmung und Adaption der inneren Organe, dem Kreislaufsystem, der Blase, dem Verdauungssystem, sowie dem Muskeltonus. Dabei gilt das vegetative System als autonome und vom Menschen nicht direkt beeinflussbare Einheit (vgl. Rosenkötter 2012, S. 21).

3.2.3. Motorische Entwicklung im Kindesalter

Kinder lernen in den ersten Lebensjahren über das System von Wahrnehmung und Bewegung in der Interaktion mit ihrer materiellen Umgebung und erschließen sich so immer mehr Kompetenzen. Das sich immer differenzierter gestaltende Bewegungsverhalten mit dem älter werden, ist ein Zeichen für die zunehmende Selbständigkeit des Kindes (vgl. Zimmer 2014, S. 76).

Aufgrund des Schwerpunktes im Praxisteil meiner Facharbeit auf der motorischen Entwicklung der Kinder im Alter von 4 bis 7 Jahren, fokussiere ich mich bei der theoretischen Betrachtung nur auf diesen Altersabschnitt.

3.2.3.1. Motorik im Vorschulalter (4. bis 7. Lebensjahr)

Im Vorschulalter kommt es zu Veränderungen der Physiologie des Kindes in Form von einem raschen Größenwachstum von jährlich 4 bis 6 cm ab dem 4. Lebensjahr bis hinein in das 7. Lebensjahr. Ebenfalls erfolgt eine Zunahme des Körpergewichts von ca. 30 bis 33%. Ursächlich für den überproportionalen Anstieg des Körpergewichts ist das verstärkte Wachstum der Muskulatur, des Stützapparates und der Extremitäten, was sich im Laufe des 5. Lebensjahres noch auf anteilige 75% am Gewichtszuwachs erhöht (vgl. Mayanna 2008, S. 38f.).

Der Wachstumsschub und die Ausbildung der Muskulatur führen beim Vorschulkind durch den naturgemäßen Bewegungsdrang und den Wunsch Neues zu erleben und zu erlernen zu einer gesteigerten Verbesserung der Grob- und Feinmotorik sowie der Statomotorik. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass das Kind die Möglichkeit für eine ausreichende Reizsetzung durch vielfältige Bewegungserfahrungen hat (vgl. Mayanna 2008, S. 38ff.), (vgl. Zimmer 2014, S. 84).

Nicht nur die bewusste Bewegungssteuerung, sondern auch das auf abgespeicherten Bewegungsmustern basierende Reflexverhalten ist durch die Reifung des ZNS und den bereits erworbenen Bewegungs- und Sinneseindrücken im 4. Lebensjahr ausgeprägter sowie breitgefächerter als in den ersten Lebensjahren. Die bereits im „ 3. Lebensjahr […] [erworbenen Bewegungskompetenzen]: balancieren, klettern, hüpfen, springen, werfen, fangen “ (Vollmer 2012, S. 57) verfeinert das Kind nun auf der Ebene der Qualität und Quantität, was dem Kind den immer differenzierteren Einsatz seiner elementaren Bewegungen ermöglicht und das Spielverhalten in der Gruppe vielfältiger und komplexer werden lässt. Veranschaulicht dargestellt wird dies in Tabelle 1 (vgl. Winter / Hartmann 2007, S. 301 ff.). So kommt es im Vorschulalter zu einer immer mehr koordinierten, kraftreichen und rhythmischen Ausführung von Bewegungen. Die Geschwindigkeit der Bewegungsausführung erhöht sich in dieser Zeit ebenfalls, ebenso wie die Bewegungskopplung und die Bewegungselastizität. Wie aus Tabelle 1 ersichtlich, gibt es in den einzelnen Jahren der Vorschulzeit noch große Unterschiede in der Kraft, Schnelligkeit und der Ausführung von Bewegungen wie z.B. Laufen, Springen, Werfen und Fangen. (vgl. Mayanna 2008, S. 41 f.).

Auf der Ebene der Grobmotorik entwickelt das Kind im Vorschulalter verschiedene Variationen von Bewegungen in Kombination, wie z.B. das Laufen und Schieben beim Kräftemessen in Bewegungsspielen. Die verbesserte Gleichgewichtsfähigkeit im Rahmen des Koordinationsvermögens ermöglicht dem Kind außerdem das Laufen über einen Baumstamm mit gleichzeitigem Balancieren sowie im 4/5. Lebensjahr das Fahrradfahren (vgl. Zimmer 2014, S. 84), (vgl. Mayanna 2008, S. 40).

Eine Verbesserung der Feinmotorik ist im Vorschulalter ebenfalls festzustellen. Durch die Weiterentwicklung des Nervensystems und durch die Verstärkung der Muskulatur, insbesondere im Bereich der Hand und des Unterarms, wird das „ zielgenau[e] Greifen, Werfen [sowie] Fangen von Bällen “ (Mayanna 2008, S. 40) für das Kind möglich. Starke Fortschritte der Motorik der Hand und Finger sind im Verlauf der Vorschulzeit auch im Malen und Zeichnen, mit der Schere schneiden sowie später im Schreiben des eigenen Namens ersichtlich (ebd.). Die Verbesserung der Feinmotorik der Hand fördert im 4/5. Lebensjahr auch das Erlernen des Radfahrens (vgl. Zimmer 2014, S. 84).

Durch eine verstärkte Setzung von Bewegungsreizen hin zu von für Kinder schwerer erlernbaren Bewegungskombinationen z.B. durch eine Mitgliedschaft des Vorschulkindes im Turn-, Schwimm- oder im Leichtathletikverein kann die Motorik über die oben geschilderte alterstypische Entwicklung hinaus ausgeprägt sein (vgl. Mayanna 2008, S. 40).

Eine Übersicht zur Entwicklung der elementaren Bewegungen gibt die Strukturanalyse von Dr. Roth. Er hat anschaulich den Entwicklungsverlauf des Bewegungsverhaltens im ersten Lebensjahr hin zu den motorisch komplexeren und anspruchsvolleren Bewegungen im 7. Lebensjahr dargestellt (Abbildung 3 nach Roth 1982. In: Mayanna 2008, S. 55).

3.2.4. Verfahren zur Überprüfung der motorischen Entwicklung bei Kindern

Zur Überprüfung des motorischen Entwicklungsstandes von vier- bis sechsjährigen Kindern eignet sich der sog. MOT 4-6 als Motoriktest. Augenmerk liegt bei den im Rahmen des MOT 4-6 von den Kindern auszuführenden Bewegungen (Tabelle 2) auf dem Koordinations-, Gleichgewichts- und Reaktionsvermögen, der Geschwindigkeit, der Kraft, der gesamtkörperlichen Gewandtheit, der feinmotorischen Geschicklichkeit, sowie der Genauigkeit mit der die Bewegungen ausgeführt werden (vgl. Rosenkötter 2012, S. 33 f.).

Die Ausprägung des Koordinationsvermögens kann durch den sog. Indian Skip getestet werden, bei dem in 30 Sekunden so oft wie möglich abwechselnd die linke Hand das rechte Knie berührt und umgekehrt (vgl. Fjortoft 2000).

Ein zusätzlicher Test zur Überprüfung des Gleichgewichtssinns ist der sog. Flamingo Balance. Dabei versucht das Kind 30 Sekunden einbeinig zu stehen ohne dabei umzufallen (vgl. Kiener 2003, S. 3).

4. Bewegung in der Natur

In der pädagogischen Arbeit mit Kindern herrscht Konsens, dass Kindern das „draußen toben gut tut“ (vgl. Raith/ Lude 2014, S. 63) und wie bereits unter Punkt 3.2.3. erläutert die Bewegung für Kinder der Schlüssel zur Erschließung der Welt ist, mit der sie ihre motorischen Kompetenzen aufbauen. So haben sich auch neue Institutionen der Kinderbetreuung entwickelt die die Bewegung in der Natur als einen Schwerpunkt vorsehen. Eine solche Einrichtung ist z.B. der Waldkindergarten, der in seinem Konzept das tägliche Spiel der Kinder in der Natur bei Wind und Wetter vorsieht, sofern es nicht die Gesundheit der Kinder gefährdet ( vgl. Michler-Hanneken 2008, S. 7ff.). Der weitläufigere Raum scheint in der Natur den Unterschied zum Indoorspielplatz zu machen, denn so ist laut einer Studie im Jahr 2010 die Bewegungsintensität beim Spiel in der Natur um ein Vielfaches größer (vgl. Wheeler/ Cooper/ Page/ Jago 2010 in: Raith/ Lude 2014, S. 40). Jedoch wurde bei der Studie kein Unterschied zu nicht naturnahen Außenflächen festgestellt. Es kann aber aus der Studie die im Vergleich höhere Bewegungsintensität beim „Draußenspiel“ abgeleitet werden.

Die Komplexität und Variabilität der Bewegungen im Naturraum machen aber über die stärkere Förderung der Grob- und Feinmotorik durch die vielfältigere Forderung der ausführenden Muskelgruppen und Wahrnehmungsorgane des Kindes den Mehrwert am Spiel in der Natur aus. Die sich selbst ändernde Lernumgebung Natur bietet im Verlauf der Jahreszeiten und unter den verschiedenen Witterungsbedingungen unterschiedliche Ausgangsbedingungen für Bewegungserfahrungen der Kinder. Das Klettern auf dem Kirschbaum und Pflücken im Sommer, das Rennen über das rutschige Laub nach dem Regenschauer im Wald oder den Hang hinunter, das Schlittern über den vereisten Teich, das Balancieren über Baumstämme mit variierender Oberflächenbeschaffenheit oder das „Werkeln“ im Garten mit Spaten, Hake und der Hand zum Frühling sind nur einige der unzähligen Möglichkeiten für Naturerlebnisse, die die Motorik des Kindes fördern. Gerade diese vielfältige Palette zum Explorieren und Bewegen verlockt Kinder dazu in der Natur länger in einer Spielsituation zu bleiben als es auf den vom Menschen künstlich geschaffenen „Außenspielplätzen“ in der Stadt der Fall ist. Zu dieser Auffassung kommen auch die Autoren Luchs und Fikus (in Raith/ Lude 2014, S. 176f.) in ihrer Studie zum freien Spiel von Kindern im öffentlichen Raum im Jahr 2011. Die vordefinierten Spielsituationen auf den künstlichen Spielplätzen im Freien fordern dem Kind immer wieder dieselben Bewegungsmuster ab und lassen wenig Spielraum für Kreativität, was die Spielsituationen weniger „fesselnd“, mit der Zeit „eintönig“ und für den kindlichen Bewegungsapparat immer anspruchsloser macht. Was wie der Hamster in seinem Hamsterrad wirkt, wenn das Kind zum zwanzigsten Mal die Rutsche runterrutscht, um seinem Bewegungshunger zu stillen, stellt einen immer geringeren Reiz für die kindliche Motorik dar. Erst durch neue Reize entwickelt sich das Kind in seinen motorischen Kompetenzen weiter. Insbesondere auf Spielplätzen ist das Angebot an Rutschen, Schaukeln oder Wippen begrenzt und führt bei mehreren spielwilligen Kindern zur Überlastung der Spielkapazität mit der Folge von Wartezeiten und Frust vor dem Wunschspielgerät. Dagegen kann man Kinder z.B. mit der Pilzsuche im Wald oder dem Hüttenbau aus Ästen sie so spielerisch in Bewegung bringen, die Zeit vergessen lassen und neue Reize setzen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Bewegungsförderung in der Natur. Bewegung in der Natur und deren Einfluss auf die Motorik von Kindergartenkindern
Note
1+ (96 von 100 Punkten)
Jahr
2019
Seiten
26
Katalognummer
V465750
ISBN (eBook)
9783668938465
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kapitel "5. Bezug zur eigenen Berufspraxis" sowie Inhalt gelöscht von Kapitel 5.1 bis 5.4.3. - aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht im Lieferumfang enthalten.
Schlagworte
Bewegung, Natur, Bewegungsförderung, Kinder, Motorik, Bewegungserfahrungen, Wald, Garten
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Bewegungsförderung in der Natur. Bewegung in der Natur und deren Einfluss auf die Motorik von Kindergartenkindern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465750

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