Abilene-Paradox. Welche Rolle spielt Gruppendynamik bei Entscheidungsprozessen?


Seminararbeit, 2019
16 Seiten, Note: 2,0
Lucia-Maria Messner (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Abilene-Paradox
2.1 Definition Paradox
2.2 Darstellung des Abilene-Paradox

3. Gruppe/Gruppendynamik
3.1 Definition Gruppe
3.2 Gruppenverhalten
3.3 Definition Gruppendynamik

4. Entscheidung und Prozesse
4.1 Definition Entscheidung
4.2 Entscheidungsprozesse
4.3 Einzel- vs. Gruppenentscheidung

5. Auswirkung von Gruppendynamik auf Entscheidungsprozesse unter Einbeziehung des Abilene-Paradox

6. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Der Entscheidungsprozess12

1. Einleitung

„Selbst der beste Plan zur Reorganisation der Produktionskanäle ist wertlos, wenn er nicht für die menschlichen Wesen passt, die in diesem Rahmen zu leben und zu reagieren haben. Das geschilderte Verfahren ist daher wesentlich durch die Rücksichtnahme auf die Gruppendynamik bestimmt, ja, jeder Schritt ist durch diesen Gesichtspunkt bestimmt.“ (Lewin 1968, S. 199)

Die vorliegende Seminararbeit wird im Rahmen der Lehrveranstaltung Sozialpsychologie eingereicht und befasst sich mit dem Phänomen des Abilene-Paradox. Im konkreten wird auf den Aspekt der Gruppendynamik bei Entscheidungsprozessen eingegangen. Der erste Teil widmet sich der allgemeinen Definition des Paradox, sowie anschließend der Erklärung des Abilene-Paradox.

Im nachfolgenden Kapitel wird versucht, eine umfassende Erklärung für die Begriffe Gruppe, Gruppenverhalten und Gruppendynamik darzulegen.

Im Fokus des nächsten Abschnitts stehen die Entscheidungen. Hier wird speziell auf Entscheidungsprozesse, sowie auf Einzel- versus Gruppenentscheidungen eingegangen.

Zielsetzung der vorliegenden Seminararbeit ist es, die Auswirkung von Gruppendynamiken auf die Entscheidungsprozesse, unter Einbeziehung des Abilene-Paradox darzustellen.

2. Das Abilene-Paradox

Im folgenden Kapitel wird zunächst erläutert was unter dem Begriff Paradox verstanden wird. Danach wird im speziellen auf das Abilene-Paradox eingegangen. Anschließend wird noch die Geschichte, die Professor Harvey, der Begründer des Abilene-Paradox, zur Veranschaulichung seines Konzepts herangezogen hat, dargelegt.

2.1 Definition Paradox

Ein Paradox ist ein sogenannter Scheinwiderspruch, welcher im Fall des Abilene-Paradoxes auf gescheiterter Gruppenkommunikation beruht.

Hierbei entschließt sich eine Gruppe von Menschen kollektiv zu einer Handlung, von der keines der einzelnen Mitglieder tatsächlich überzeugt ist.

Es ist das Phänomen, dass sich keiner dem anderen widersprechen traut und sozusagen dem Wunsch der Gruppe folgt, nur um nicht negativ aufzufallen.

Aus Angst sich gegen die Meinung der Gruppe zu stellen, werden keine Einwände geäußert. Tatsächlich sind diese Gruppenentscheidungen auf falsche Wahrnehmung zurückzuführen und beziehen die ursprüngliche Ansicht nicht in das Abstimmungsverhalten mit ein. (Meyer, 2000)

2.2 Darstellung des Abilene-Paradox

Der Begriff des Abilene Paradox wurde 1974 vom Professor Jerry B. Harvey eingeführt. Dieser arbeitete an der George Washington University und gilt als Entdecker des hier angeführten Phänomens. Er veranschaulichte seine Theorie am Beispiel einer Familie, die zum Essen in die Stadt Abilene fuhr, obwohl eigentlich keiner hinwollte. (Harvey, 1988)

Benannt wurde das Paradox nach der, im Bundesstaat Texas liegenden, Stadt Abilene.

An einem heißen Nachmittag spielt eine Familie in Coleman in Texas auf einer Terrasse Domino, als der Schwiegervater vorschlägt, zum Abendessen ins 53 Meilen nördlich gelegene Abilene zu fahren. Die Frau sagt: „Das klingt nach einer guten Idee.“ Obwohl er Bedenken wegen der langen Fahrt und der Hitze hat, denkt der Ehemann, er müsse seine Interessen für die Gruppe zurückstellen und sagt: „Klingt für mich auch gut. Ich hoffe nur deine Mutter will mitfahren.“ Die Schwiegermutter sagt: „Natürlich will ich fahren. Ich war schon lange nicht mehr in Abilene.“

Die Fahrt ist lang, heiß und staubig. Als sie in der Cafeteria ankommen, ist das Essen genau so schlecht wie die Fahrt. Vier Stunden später treffen sie völlig erschöpft wieder zuhause ein.

Einer von ihnen sagt unehrlich: „Es war ein toller Ausflug, oder nicht?“

Die Schwiegermutter sagte sie wäre in Wahrheit lieber zu Hause geblieben, sei aber mitgekommen, weil die anderen drei so begeistert waren. Der Mann sagt: „Ich war nicht begeistert, das zu tun, was wir taten. Ich wollte nur den Rest von euch zufriedenstellen.“ Die Frau sagt: „Ich bin auch nur mitgekommen, um euch glücklich zu machen. Ich hätte verrückt gewesen sein müssen, um bei der Hitze nach draußen gehen zu wollen.“ Der Schwiegervater sagt schließlich, er hätte den Vorschlag nur gemacht, weil er dachte, die anderen seien gelangweilt gewesen.

Die ganze Gruppe ist verblüfft, dass sie beschlossen hatten einen Ausflug zu machen, den keiner von ihnen wollte. Sie hätten es alle vorgezogen gemütlich zu Hause zu bleiben, wollten es aber vor den anderen nicht zugeben. (Zugriff am: 20.02.2019 unter https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Abilene-Paradox&oldid=181121765)

„Listen I never wanted to go to Abilene. I just thought you might be bored. You visit so seldom I wanted to be sure you enjoyed it. I would have preferred to play another game of dominoes and eat the left-overs in the icebox”. (Harvey, 1988)

Sie behaupteten, dass sie keine Lust hatten und lieber zu Hause geblieben wären. Sie hätten nur aus Nettigkeit zugesagt, um den Rest der Familie einen Gefallen zu tun und nicht als Spielverderber zu gelten. Die Entscheidung wurde demzufolge von der gesamten Gruppe einstimmig getroffen, jedoch wurde hierbei nicht berücksichtigt was jedes einzelne Gruppenmitglied wirklich wollte. Durch die Zustimmung sollte bezweckt werden, nicht als unhöflich aufzufallen. (Meyer, 2000)

3. Gruppe/Gruppendynamik

Dieser Abschnitt der Seminararbeit widmet sich der Begriffsklärung von Gruppe und Gruppendynamik. Zu Beginn werden verschiedene Definitionen für den Begriff der Gruppe erläutert. Im Anschluss daran folgt eine Darlegung des Gruppenverhaltens und was unter Gruppendynamik verstanden wird.

3.1 Definition Gruppe

Als Gruppe wird ein Zusammenschluss von zwei oder mehr Personen bezeichnet, welche sich aus einem bestimmten Zweck oder zur Verfolgung eines bestimmten Zieles vereint haben. Eine genaue Definition lässt sich schwer finden, da es viele verschiedene Arten von Gruppen gibt, sowie auch viele verschiedene Zugänge wie man diese definieren kann. (Köstler, 2007)

Auch in der sozialpsychologischen Literatur finden sich viele verschiedene Beschreibungen zum Begriff der Gruppe. McDavid und Harari (1968) bezeichnen als sozialpsychologische Gruppe ein organisiertes System, welches zwei oder mehr Individuen miteinander verbindet. Es existieren Normen die das Verhalten der Gruppe und aller ihrer Mitglieder regeln, sowie auch bis zu einem gewissen Grade gemeinsame Funktionen möglich sind und Rollenbeziehungen zwischen den Mitgliedern bestehen. (Sader, 1991)

Der Sozialpsychologe Peter Hofstätter (1986) unterscheidet sechs verschiedene Bereiche für den Zusammenschluss mehrerer Individuen, nämlich Menge, Klasse, Familie, Gruppe, Masse und Verband. Trifft sich eine Menge von Menschen zufällig zur gleichen Zeit am gleichen Ort, spricht dieser von einer Menge. Er betont dabei das zufällige Nebeneinander sein, zum Beispiel im Supermarkt, ohne dass die Individuen in einer Beziehung zueinander stehen. Jedoch kann unter bestimmten Umständen, wie beispielsweise ein Brand oder ein Unfall, eine Menge zu einer Masse oder Gruppe vereinen. Von einer Gruppe spricht er, sobald die Verfolgung eines gemeinsamen Ziels vorliegt und sich eine Rollenstruktur bildet. Eine Masse wäre demnach eine aktivierte Menge, jedoch ohne Rollenverteilung und Interaktion und taucht nur als kurzlebiges soziales Phänomen auf. Sobald die aktivierende Ursache beseitigt ist, zerfällt sie wieder zur Menge oder wird, falls sich eine Rollenstruktur gebildet hat, zu einer Gruppe.

Menschen, die eine gemeinsame Eigenschaft besitzen, wie zum Beispiel Raucher/innen, werden von Hofstätter als Klasse bezeichnet.

Die Betonung liegt auf dem gemeinsamen Merkmal, oder dem gemeinsamen Interesse, auch wenn sich die Angehörigen der Klasse nicht persönlich kennen. Entsteht durch das gemeinsame Merkmal eine Aktivierung, schließt sich die Klasse zu einem Verband zusammen und versucht, durch das aktivierte gemeinsame Merkmal ein Ziel zu erreichen. Ein Beispiel hierfür wäre ein eingeführtes Rauchverbot, welches die Raucher/innen zu einem Verband zusammenschließt. Ihr gemeinsames Ziel ist es, gegen das Rauchverbot zu „kämpfen“.

Die Familie weist zwar, genau wie die Gruppe, ein gemeinsames Ziel auf, jedoch mit der Unterscheidung, dass sie ein Bedürfnis verfolgt, welches aus ihr selbst stammt. Hofstätter nennt hierfür die Erhaltung der Nachkommenschaft.

Im Vordergrund für die Psychologie steht der Prozess, wie sich die Mitglieder einer Gruppe im Denken und Handeln beeinflussen, während in der Soziologie das Hauptaugenmerk auf die Umwelteinflüsse, die auf eine Gruppe einwirken, gelegt wird.

Die Soziologie unterscheidet auch mannigfache Gruppentypen.

Als statistische Gruppe wird beispielsweise eine Gruppe von allen Arbeitnehmern/innen mit einem bestimmten Gehalt bezeichnet. Die Zugehörigkeit zu einer statistischen Gruppe wird nicht von den Gruppenmitgliedern selbst bestimmt.

Die soziale Kategorie bildet einen weiteren Gruppentyp, welcher alle Menschen vereint, die ein besonderes Merkmal aufweisen, wie zum Beispiel die gleiche Haarfarbe. So kann auch ein bestimmter Ort zu einer bestimmten Zeit, wie beispielsweise ein Flugzeug, verschiedene Personen zu einer Gruppe vereinen. (Zengel, 2015)

Aus soziologischer Sicht wird argumentiert, dass Gruppen, Bewegungen, Organisationen und Familien zwar alle die Definition von Personen als Mitglieder oder Nichtmitglieder als Prinzip der Grenzziehung zwischen System und Umwelt nutzen, sich jedoch aufgrund unterschiedlicher Dispositionsmöglichkeiten in puncto Mitgliedschaft als unterschiedliche Systemtypen voneinander unterscheiden lassen. (Kühl, 2014)

Die am häufigsten zitierte Gruppendefinition ist jedoch folgende:

„Eine Gruppe besteht aus zwei oder mehr Personen, die miteinander interagieren, die sich der Gruppe zugehörig fühlen (betont den subjektiven Charakter von Zugehörigkeit), deren Verhalten in irgendeiner Form wechselseitig voneinander abhängt (Interdependenz), deren Interaktionen durch gruppenspezifische Rollen und Normen strukturiert sind, die sich gegenseitig beeinflussen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen und deren individuelle Bedürfnisse durch die Gruppe befriedigt werden.“ (Johnson & Johnson, 1987; zitiert nach Köstler, 2007, S. 5)

3.2 Gruppenverhalten

Das Verhalten von Menschen in Gruppen und großen Menschenansammlungen wurde historisch bereits von vielen Sozialpsychologen/innen mit Argwohn betrachtet. Es entstand die Annahme, dass große Menschenansammlungen durch den Einfluss von Demagogen zu allen möglichen Formen von unmoralischem Verhalten oder sogar zu Gewalttaten bereit waren, und somit die Werte und Standards des Individuums in den Hintergrund traten. Bereits LeBon (1896) warnte vor dem irrationalen Verhalten von Menschen, welches zu spontanen Massenunruhen ausarten kann.

Es stellt sich die Frage wo der Unterschied zwischen dem Verhalten der Gruppe und dem von Individuen liegt. LeBon (1896) erwähnte hier den Begriff des „Gruppengeists“, der durch den Zusammenschluss mehrere Individuen zu einer Gruppe etwas völlig Neues entstehen lässt und nicht auf die einzelnen Mitglieder und deren psychische Befindlichkeiten zurückgeführt werden kann. Die meisten Forscher/innen gehen heute von einer spezifischen psychologischen Realität von Gruppen (wie beispielsweise die Abwertung einer konkurrierenden Gruppe) aus, jedoch wird keine mystische Entität, wie ein Gruppengeist, angenommen. Das Denken und Verhalten des Individuums wird durch das was andere tun oder die Vorstellung, was denn andere tun würden (was also in der Gruppe normal wäre) beeinflusst und geformt. Sehen sich Individuen also als Mitglied einer Gruppe, so passt sich ihr Verhalten den Eigenschaften, Regeln, Standards und Idealen der Gruppe an. (Kessler & Fritsche, 2018)

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Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Abilene-Paradox. Welche Rolle spielt Gruppendynamik bei Entscheidungsprozessen?
Hochschule
Sigmund Freud Privatuniversität Wien  (Psychologie)
Note
2,0
Autoren
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V468074
ISBN (eBook)
9783668925298
ISBN (Buch)
9783668925304
Sprache
Deutsch
Schlagworte
abilene-paradox, welche, rolle, gruppendynamik, entscheidungsprozessen
Arbeit zitieren
Lucia-Maria Messner (Autor)Kathrin Peirleitner (Autor), 2019, Abilene-Paradox. Welche Rolle spielt Gruppendynamik bei Entscheidungsprozessen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/468074

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