Inwieweit veränderte der Eulenburg-Skandal das Bild von Kaiser und Hof?


Hausarbeit, 2018
10 Seiten, Note: 2,6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Veränderung der öffentlichen Meinung über Wilhelm II. und dem Hof
2.1 Öffentliche Meinung und Kaiserbild vor der Marokkokrise 1905/1906
2.2 Öffentliche Meinung zu Wilhelm II. während des Skandals

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„[…] gegen die Mittelmäßigkeit und Unmännlichkeit, die am Hofe sich breit gemacht hat. Würdeloses, aufdringliches, seviles Geschlecht versucht sich an den jungen Monarchen heranzudrängen und sein männliches Herz mit Schmeicheleien zu bethören”[1]

Diese Forderung, die bereits 1892 in Zürich in anonymen Broschüren erschien, verdeutlicht, wie groß die Angst eines fremdgesteuerten, schlecht informierten und „verweichlichten” Monarchen bereits wenige Jahre nach Amtsantritt war. Die Erwartungen waren hoch. „Sozialdemokratische Kamarilla”, „jüdische Wirtschaftskamarilla” oder „Zentrumskamarilla” – über den politischen Diskurs des Kaiserreichs hatte die „Kamarilla”[2] höchste Priorität und war bereits vor 1907 kein Fremdwort.[3] Allerdings gewann das „Persönliche Regiment” erst mit dem sogenannten Harden-Moltke Prozessen an Sprengkraft und mündete im Eulenburg-Skandal. Das öffentliche Interesse hatte diverse Motive. „Verweiblichung” der preußischen Politik, Angst vor einer Schattenregierung, Verfall von Sitten und Moral[4] – die Öffentlichkeit war schockiert, und wie die Prozesse letztendlich ausgingen war für die Öffentlichkeit nur Nebensache[5] – Der Skandal im Reich war geboren. Der Eulenburg-Skandal beschreibt eine Folge von Gerichtsprozessen zwischen 1907 und 1909. Klagepunkt war die Behauptung, es hätte sich ein von Philipp zu Eulenburg geführter Zirkel homosexuell Veranlagter um den Kaiser gebildet, welcher seinen eigenen Interessen Willen den Kaiser vom Volk abschottet, um selbst an Einfluss zu gewinnen und den Kaiser zu kontrollieren.[6]

In dieser Hausarbeit wird die öffentliche Meinung über Wilhelm II. von Preußen dargestellt und diesbezüglich das Kaiserbild und Hof in den Fokus genommen. Weitergehend wird die Meinung von Öffentlichkeit (Zeitungen, bürgerlichen Meinungen) und Adeligen nachgegangen, aber auch wie sich das Kaiserbild und die öffentliche Meinung während des Amtsantritts und der Daily-Telegraph Affäre verändert haben. Literaturgrundlage für diese Thematik bilden vor allem die Werke John C. G. Röhls und Martin Kohlrauschs, aber auch Werke Peter Winzens, Norman Domeiers, Michael Obsts, Isabel Hulls und weiterer Autoren.

2. Die Veränderung der öffentlichen Meinung über Wilhelm II. und dem Hof

2.1 Öffentliche Meinung und Kaiserbild vor der Marokkokrise 1905/1906

Um die öffentliche Meinung während der Eulenburg-Affäre zu verstehen ist es nötig, einen Blick auf die Vorgeschichte zu werfen. In seiner Prinzenzeit war von Wilhelms privaten Umfeld relativ wenig bekannt, allerdings galt „Wilhelm stets als vorbildlicher Ehemann, als Inbegriff ‘Deutscher’ oder ‘Christlicher’ Tugendhaftigkeit.”[7] Auch wenn im Hofadel um Wilhelm seine Untreue bereits kurz nach Eheschließung kein Geheimnis war, und seine Respektlosigkeit gegenüber dem Kaiser, seinem Vater und anderen Höflingen bekannt war, hielt sich ein gutes Bild nach außen.[8] Bereits in den frühen Jahren seiner Herrschaft lagen die Erwartungen sehr hoch und weite Teile der Öffentlichkeit erhofften sich einen „Modernen Monarchen” durch den Regierungswechsel.[9] „Im Falle Wilhelm II. habe aber sogar vieles darauf gedeutet, daß alte Bahnen, zumal Hohenzollerntradition, verlassen würden. Wilhelm II., so habe es geschienen, würde ein neuer Monarch sein […]”[10], so Kohlrausch. „Ein moderner Herrscher! Das ist es, was die Gegenwart verlangt [...].”[11] Konkret erwartet der anonyme Autor, dass Wilhelm das Recht der freien Meinungsäußerung respektiere, Oppositionen um den Kaiser gewahrt werden würden und dass der Kaiser auf gute Berater angewiesen sei. Da der Kaiser aber bis zur Veröffentlichung der Broschüre (1892) wohl nicht oder falsch über die öffentliche Meinung unterrichtet worden sei, verlangt der Autor, dass das Volk sich „gegen die Mittelmäßigkeit und Unmännlichkeit, die am Hofe sich breit gemacht” erhebe, denn „würdeloses, aufdringliches, serviles Geschlecht” scheine sich „an den jungen Monarchen heranzudrängen und sein männliches Herz mit Schmeicheleien zu bethören.”[12] Diese Angst vor Fremdbeeinflussung fand bereits lange vor dem Eulenburg-Skandal ihre Position in der Öffentlichkeit. Der Monarch schien die exekutive Macht des Staates zu besitzen, ohne selbst Teil des Staates zu sein. Bereits bei der auf kaiserliche Initiative durchgeführte Schulkonferenz 1890 befand sich der Kaiser in Kritik.

Das Einmischen des Monarchen in die politischen Tagesfragen wäre schon damals als unangemessen bezeichnet worden, auch wenn es von der jungen Generation teils Zustimmung fand. Dieses vor allem in sozialen Fragen auftretende Einmischen und die sichtbaren soziopolitischen Initiativen schürten die Vorstellung eines „Sozialen Kaisertums”. Allerdings könne man dieser Politik auch das Motiv der Propaganda zuschreiben.[13] Einer der wichtigsten Charakteristika des „Wilhelminischen Kaiserbildes” war die enorme Medienpräsenz Wilhelms und die damit verbundenen Skandale. Die Sorge um das eigene Image war gut berechtigt. Das rasche Expandieren der Presse, die öffentliche Relevanz des Abschieds Bismarcks und der zunehmend respektlose Ton in der Presse gegenüber dem Kaiser gab ausreichend Grund zur Sorge.[14] Sein Glaube, die öffentliche Meinung zu verstehen und zu prägen, überschätzte er; er glaubte an sein Talent mit der deutschen Öffentlichkeit zu sprechen und sah die Verbundenheit zu den großen Themen der Nation als Idealbild des Monarchen.[15] Diese Vorstellung hatte weitgehendst permanenten Charakter während der Regierungszeit und führte zu diversen Problemen mit der Öffentlichkeit. Seine extreme Medienpräsenz führte zu einem extremen Kontrast zu den Vorkaisern, besonders Wilhelm I. blieb neben dem Kanzler im Hintergrund. Dieser Drang einen wichtigen Teil in der Öffentlichkeit zu spielen, erwies sich bereits früh als fatal. Die enorme Anzahl an Städtereisen mitsamt Reden lieferte massenhaft Stoff für Presse. Kritisch ist auch zu betrachten, dass Wilhelm keine Standardtexte benutzte und lieber das freie Reden bevorzugte. Diese Inszenierung wurde meistens von den Anwesenden mit Jubel wahrgenommen, allerdings war der Inhalt der Reden oft katastrophal und fehl am Platz.[16] Korrekturen des Zivilkabinetts und „Überreden” von Journalisten konnte den Reden an skandalöser Sprengkraft nehmen.[17] „Metaphern und Passagen”, so Clark, „wurden häufig hinausgepickt und in satirischen Zeitschriften gegen ihn verwendet.”[18]

Einer der großen politischen Dauerbrenner war allerdings stets die „Entlassung” Bismarcks. Nach dem Abschied Bismarcks im März 1890 waren die Meinungen gespalten. Das eine Lager sah die Entscheidung nötig und als Hoffnung auf lange erwartete Sozialreformen. Die Erwartungen waren entsprechend hoch, man hatte die Entlassung des “Eisernen Kanzlers” zu rechtfertigen.[19] Die Entlassung schien einerseits legitim und begründet. „Bismarck sei verantwortlich für einen politischen Stillstand [...], der spätestens 1890 offensichtlich geworden war [...]”[20] und er als retardierendes Element wahrgenommen wurde. Diese Blockade von Sozialgesetzgebungen wurde von der Öffentlichkeit bereits lange zuvor als Ärgernis wahrgenommen.[21]

Dagegen stand allerdings die Fragwürdigkeit der Freiwilligkeit seines Rücktritts und der Undankbarkeit gegenüber der Verdienste Bismarcks für das Deutsche Reich. Der „Bismarcksturz” hatte Dauerpräsenz und hielt sich auch noch weit über der Jahrhundertwende im Gedächtnis von Presse und Öffentlichkeit.[22] In diesem Kontext wurde die geistige Gesundheit des Monarchen zu einem Thema öffentliches Interesse. Durch den Abschied des Kanzlers kam in politischen Kreisen das Gefühl auf, die Machtbalance zwischen Kaiser und Kanzler hätte sich für den Kaiser gewendet. Charakterisierungen wie Rücksichtlosigkeit, Eitelkeit, Eifersucht, maßlose Selbstüberschätzung, Herrschsucht, Ruhmgier und geistige Störung gewonnen öffentliche Akzeptanz durch öffentliches Reden und Handeln des Monarchen.[23]

[...]


[1] Anonym: Wilhelm II. Romantiker oder Sozialist. Zürich 1892 In: Martin Kohlrausch: Der Monarch im Skandal. Die Logik der Massenmedien und die Transformation der wilhelminischen Monarchie. Berlin 2005. S. 96.

[2] (lat. -span., Kämmerlein). Bez. Für einflussreiche, intrigierende Hofpartei; Günstlingsherrschaft; Nebenregierung. Eine K. bestand in Preußen unter Friedrich Wilhelm IV. L. von Gerlach: Kamarilla. In: Konrad Fuchs/Heribert Raab (Hg.): Wörterbuch Geschichte. München 2001, S. 397.

[3] Vgl. Martin Kohlrausch: Der Monarch im Skandal. Die Logik der Massenmedien und die Transformation der wilhelminischen Monarchie. Berlin 2005. S. 177.

[4] Vgl. John C. G. Röhl: Wilhelm II. Der Weg in den Abgrund 1900–1941. München 2008. S. 596 f.

[5] Vgl. Norman Domeier: Der Eulenburg-Skandal. Eine politische Kulturgeschichte des Kaiserreichs. Frankfurt am Main 2010. S. 34 f.

[6] Vgl. Kohlrausch, Skandal, S. 185–190.

[7] John C.G. Röhl: Kaiser, Hof und Staat. Wilhelm ll. und die deutsche Politik. München 2002. S. 25.

[8] Vgl. ebd. S. 25–26.

[9] Vgl. Kohlrausch, Skandal, S. 95 f.

[10] Kohlrausch, Skandal, S. 96

[11] Anonym, Romantiker, S.7 f. In: Kohlrausch, Skandal, S. 96

[12] Anonym, Romantiker, S.7 f. In: Kohlrausch, Skandal, S. 96–97

[13] Vgl. Kohlrausch, Skandal, S. 98–99.

[14] Vgl. Christopher Clark: Wilhelm II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers. München 2008. S. 212.

[15] Vgl. ebd. S. 210–211.

[16] Vgl. ebd. S. 213 f.

[17] Vgl. ebd. S. 215 f.

[18] Clark, Herrschaft, S. 218.

[19] Vgl. Kohlrausch, Skandal, S. 99.

[20] Kohlrausch, Skandal, S. 103.

[21] Vgl. ebd. S. 103–105.

[22] Vgl. ebd. S. 105–108.

[23] Vgl. ebd. S. 112 f.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Inwieweit veränderte der Eulenburg-Skandal das Bild von Kaiser und Hof?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,6
Autor
Jahr
2018
Seiten
10
Katalognummer
V470608
ISBN (eBook)
9783668942769
ISBN (Buch)
9783668942776
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wilhelm II., Erster Weltkrieg, Kaiser, Hof
Arbeit zitieren
Noel Herme (Autor), 2018, Inwieweit veränderte der Eulenburg-Skandal das Bild von Kaiser und Hof?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470608

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