Von Pidgin zu Kreol. Der Erwerb einer entstehenden Sprache


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
10 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Von Pidgin zu Kreol:

Der Erwerb einer entstehenden Sprache

Mit Beginn der portugiesischen Entdeckungsfahrten entlang der westafrikanischen Küste knüpfen europäische Kaufleute Handelskontakte zu Zivilisationen, mit denen sie keine gemeinsame Sprache zur Verständigung haben. Aus diesen Handelsbeziehungen entwickelt sich ein einfacher Handelsjargon, der weder über eine vollständige Syntax, noch über ein ebensolches Lexikon verfügt (Alexander, 1980: 89). Dahinter steht das Prinzip, die eigene Sprache soweit zu reduzieren, dass eine rudimentäre Verständigung quasi direkt möglich ist, wenn einige Vokabeln erlernt wurden (Boretzky,1983: 29). Dieses Prinzip findet auch später Anwendung, als mit der Plantagenwirtschaft in der Neuen Welt eine Vielzahl von schwarzen Sklaven aus Westafrika in Richtung des amerikanischen Doppelkontinents verschleppt wurde. Auch hier trafen Menschen aufeinander, die keine gemeinsame Sprache besaßen und in ihrer neuen Umgebung darauf angewiesen waren, sich zu verständigen.

In diesem Essay wird das Augenmerk darauf gelegt, wie Kinder auf dieser einfachen Kommunikation aufbauend eine vollständige Sprache entwickeln, die weit über den syntaktischen und lexikalischen Input durch ihre Eltern hinausgeht. Zu diesem Zweck wird der Kontext betrachtet, in dem aus einem Pidgin eine Kreolsprache entsteht. Zudem wird die lexikalische und syntaktische Ausprägung von Kreolsprachen einzeln anhand von Beispielen betrachtet, um Rückschlüsse auf diese Art des Spracherwerbs zu ermöglichen.

Die These ist hierbei, dass Kinder keine neue Sprache entwickeln, sondern lediglich den vorhandenen Input auswerten und neu kombinieren. Hierdurch entspricht das Ergebnis keiner vorherigen Sprache, sondern enthält Elemente aus allen Sprachen, die das Kind als Input erhält.

Eine erste, grundlegende Unterscheidung ist hier zwischen Pidgin und Kreol zu treffen:

Während sich es sich bei Pidgins um Kontaktidiome mit begrenztem Vokabular handelt (Alexander, 1980: 89), sind Kreole umfassende Sprachen, die sowohl eine vollständige Grammatik, als auch ein ausgeprägtes Lexikon vorweisen können. Der Übergang von Pidgin zu Kreol erfolgt, wenn das Pidgin zur Muttersprache einer neuen Generation wird und dementsprechend durch den Spracherwerb eine Grammatik erhält (Baker, 1995: 3). Im Spracherwerb der Kinder liegt also der Schlüssel zum Entstehen eines Kreols.

Der konkrete Kontext hierzu tritt auf den Plantagen der Neuen Welt ein: Eine mehrheitlich farbige Bevölkerung mit unterschiedlichen Sprachen ist mit einer dünnen, weißen Oberschicht konfrontiert, deren Sprache zwar Amtssprache ist, aber dennoch nicht einfach übernommen wird (Baker, 1995: 4-5).1 Aus der vorerst vorherrschenden, rudimentären Verständigung der Sklaven untereinander, wie auch aus dem Kontakt mit den weißen Besitzern, entwickelt sich erst in der nächsten Generation eine differenzierte Sprache.

Dies belegt auch die Herkunft des Wortes Kreol, welches in einigen Sprachen synonym zur in der Neuen Welt geboren verwendet wird (Fleischmann 2003: xvi). Diese Unterscheidung ist wichtig im Hinblick auf die Trägergruppe, die für die Bildung der Kreolsprache verantwortlich ist: Kinder.

Ohne die Thematik der Sklavenhaltung zu vertiefen, sei angemerkt, dass Familiengründungen und damit Kinder selten waren, was an der geringen Lebenserwartung, wie auch an den Restriktionen durch die Plantagenbesitzer lag. Somit konzentrieren sich auf der französischen Insel Cayenne über 80% der Kinder auf etwa 15% der Plantagen (Jennings, 1995: 32).

Da der Kontakt zu Gleichaltrigen den Spracherwerb betreffend wichtiger ist als zu den Eltern, entstehen hier Zentren, die für die Bildung von Kreolsprachen ausschlaggebend sind (Aitchison [1991] 1996: 32). Dieser Aspekt ist allgemein für Kreolsprachen im Atlantik reproduzierbar, sodass es nicht verwunderlich ist, Ähnlichkeiten zwischen den hier vorkommenden Kreolsprachen zu finden.

Der bedeutendste Grund für diese Ähnlichkeit sind übereinstimmende Einflüsse, denen die Kinder ausgesetzt sind: Bei diesen sprachlichen Einflüssen handelt es sich um die Sprache der jeweiligen Kolonialmacht, dazu die Sprache der Eltern und des Umfeldes, bei denen es sich häufig um westafrikanische Sprachen handelt, sowie eines umstrittenen Einflusses eines älteren portugiesischen Handelsjargons (Boretzky,1983: 29). In diesem Gemisch dürfte auch die Grundlage des Lexikons zu finden sein, aus welchem sich Kreolsprachen speisen. Für Sranam schlüsseln sich die lexikalischen Einflüsse wie folgt auf:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Koeford & al. [1990] 1996: 120.

Anhand der Daten wird deutlich, dass sich das Lexikon einer Kreolsprache aus vielen Einflüssen zusammensetzt und nicht auf einen dominierenden Einfluss beschränkt ist.

Ebenso wird deutlich, dass Neuschöpfungen zwar einen großen Teil des Vokabulars ausmachen, das Lexikon sich aber vornehmlich aus bereits bestehenden Wörtern zusammensetzt. Diese Konstellation ergibt sich aus den Grundlagen des Pidgins, welche erlernt und erweitert werden. Unterstützung für die These, dass das zuvor entstandene Pidgin stärker Einfluss nimmt als die Einzelsprachen, findet sich in der Phonologie:

Auch aus europäischen Sprachen übernommene Wörter sind vor allem lautlich auf die Phonologie der afrikanischen Herkunft der vorhergehenden Generation angepasst. Diese hat die Wörter zwar im Zuge eines Pidgins gelernt, die Aussprache jedoch nicht übernehmen können. Beispielhaft seien hier die englischen Pronomen they und them genannt, die zwar in Form von dem und dey in vielen Kreolsprachen vorkommen, allerdings lautlich angepasst wurden (Baker & Huber 2000: 850).

Somit sind die vor dem Kreol existierenden Pidgins wichtige Basis des Lexikons, die Syntax der Kreolsprachen lässt sich jedoch nicht von Pidgins herleiten, da diese hierzu selbst nicht ausreichend differenziert sind. Die größte Hürde für Kinder beim Spracherwerb ist somit die grammatikalische und morphologische Armut ihres Inputs.

(1) samtaim besbol-maen futubol-maen pati, no, wintaim pati, no? Misez kashiwada pleis yu no da haus get lawng taim bifo, no? „A long time ago, baseball and football players used to celebrate their victories with parties at Mrs. Kashiwada`s place, you know that house she has?“2

Dieser Satz aus einem Pidgin aus Hawaii zeigt, dass hier keine tiefergehende Struktur vorliegt. Die einzelnen Vokabeln werden lediglich durch Mutmaßungen als Satz verständlich. Durch das Fehlen einer ordnenden Struktur fallen somit Pidginidiome als Quelle für die Bildung einer syntaktischen Struktur weg. Da es aber offenkundig ist, dass Kreolsprachen eine solche Struktur vorweisen, bleiben zwei mögliche Erklärungsansätze für deren Entstehung:

(2) Auf Grundlage angeborener Fähigkeiten, die aktiv werden, wenn kein Input zur Syntax vorliegt, entwickeln die Kinder diese selbst (Comrie 2000: 1003-1004).

(3) Die Kinder adaptieren die Phänomene, die sie außerhalb des Pidgins, etwa in der Muttersprache der Eltern, aufschnappen und setzen diese im entstehenden Kreol um (Lefebvre, [1990] 1996: 155-156).

Beide Ansätze gehen von verschiedenen Grundannahmen aus, für diese entwickeln ihre jeweiligen Vertreter auch stichhaltige Gründe. Ansatz (2) stützt sich dabei besonders auf den Spracherwerb der Kinder und spricht der Universal Grammar die Fähigkeit zu, innerhalb einer kritischen Phase nicht nur syntaktische Strukturen zu erlernen, sondern diese Strukturen auch selbstständig zu entwickeln, wenn nicht genug grammatikalischer Input erfolgt. Einzige Bedingung hierfür scheint der Zugang zu einem ausreichend großen Lexikon zu sein.

Ansatz (3) hingegen geht davon aus, dass Erwachsene Sprecher eine neue Sprache entwickeln und lediglich die ihnen bekannte Syntax mit neuen Wörtern versehen, die sie teils neu bilden, teils aus anderen Sprachen übernehmen.

[...]


1 Grund hierfür ist der Mangel an Notwendigkeit und Nutzen, da mit dem Erlernen einer europ.Sprache keine Vorteile verbunden waren.

2 Beispiel aus Bickerton, [1990] 1996: 35.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Von Pidgin zu Kreol. Der Erwerb einer entstehenden Sprache
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Hauptseminar Syntax
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
10
Katalognummer
V471271
ISBN (eBook)
9783668955349
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Syntax, Kreol, Kreol-Sprachen, Pidgin, Syntaxanalyse, Spracherwerb, Sprachentwicklung
Arbeit zitieren
Yannik Meffert (Autor), 2017, Von Pidgin zu Kreol. Der Erwerb einer entstehenden Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/471271

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