Postmoderne Architektur


Skript, 2005

30 Seiten


Leseprobe

Inhalt

0. Vorbemerkungen

1. Moderne (Mo)
1.1 Späte Götterdämmerung und das Schwarze Peter- Spiel
1.2 Warum funktionierte der Funktionalismus nicht?
1.3 Erhalt der Moderne mittels Dialektik?
1.3.1 Wiederherstellung des Moderne-Begriffes

2. Postmoderne (PoMo)
2.1 >Die Sprache der postmodernen Architektur< (Charles Jencks)
2.2 Post mortem
2.3 Begriff und Inhalt der PoMo

3. Meinungen
3.1 Pro
3.2 Contra

4. Fehlinterpretationen
4.2 Der Faschismus-Vorwurf
4.3 PoMo = Vernunftfeindlichkeit?
4.3.1 Unterscheidung von Verstand und Vernunft
4.3.2 Ohne Emotionen keine Vernunft

5. Entwicklungsstränge der PoMo
5.1 Eine ganzheitliche Sicht
5.1.1 Funktionalismus
5.1.2 Denkmalschutz, Restauration, Regionalismus
5.1.3 Dekonstruktivismus

6. Hindernisse
6.1 Ursachen der Blockaden
6.1.1 Mo als Neo-Klassik
6.1.2 Das Versagen des Hochschul-Akademismus

7. Zukunft der PoMo
7.1 Die postmoderne Perspektive
7.1.2 PoMo als Synthese

0. Vorbemerkungen

Die Debatte "Moderne / Postmoderne" leidet unter einer Reihe von falschen Annahmen, Zuordnungen und Begriffsunklarheiten, die zu Fehlinterpretationen führen. Insbesondere Alt- und Postfunktionalisten haben sichtlich Schwierigkeiten, das "Gespenst" >Postmoderne< einzuordnen, ihre Ursachen zu erken- nen oder anzuerkennen.

Bisher bemerkte man nicht einmal in der Theorie, dass die "neue sachlichkeit" nicht nur Gebäude, Städte und Landschaften entstellte, sondern auch Begriffe und damit endlose Missverständnisse produziert (e).

Nachdem die Postmoderne während der vergangenen 30 Jahre nicht den Gefallen tat, von selbst zusam- men zu brechen, "die Fußnote der Architektur" (J. Posener 1978) vielmehr weltweit –nicht nur in der Ar- chitektur- Fuß fasste, entbrannte erneut ein wildes Verschieben, Um- und Neudefinieren von Begriffen und Inhalten. Es bildeten sich drei Lager:

1. Die erste Gruppe spaltet die beispiellosen Fehlentwicklungen der Moderne ab und lastet sie dem "schlechten Funktionalismus" an (Funktionalismus wollte das Bauhaus angeblich nie), um so die "gute Moderne / Rationalismus" (Fischer) zu erhalten. Andere sehen mehr Korrekturbedarf und wollen mit einer "2. Moderne" (Klotz) oder einer "Hochmoderne" (Jameson) eine "vollendete Moderne" (Habermas) schaffen.
2. Die zweite Gruppe wertet die Postmoderne dialektisch ab. Sie sei "Gartenzwerg-Kultur", "asozial, un- vernünftig und unfunktionell", ein Rückfall in altbekanntes kleinbürgerliches Spießerverhalten und noch schlimmer: "faschistische oder faschistoide" Architektur, welche die Reaktion in den Gesellschaften und damit die Gefahr von Kriegen wieder zum Vorschein bringe. Sie verlangen ein Zurück zur "klassischen Moderne" und hoffen auf die Wiederkunft eines neuen "Miesias".
3. Die dritte Gruppe besteht aus vorbehaltlosen Befürwortern, entweder des postmodern historizierenden Zweigs oder des Dekonstruktivismus. Auch diese Partikular-Auffassungen werden nicht für optimal ge- halten.

Die beiden ersten Strategien beabsichtigen, die Moderne oder deren Hegemonie zu erhalten. Ihre Ver- treter glauben immer noch, die Postmoderne sei aus Jux und Tollerei wichtigtuerischer Architekten oder aufgrund "neoliberaler", "kapitalistischer", "imperialistischer", "faschistischer" usw. Umtriebe dunkler Mächte entstanden und nicht wegen eines nachhaltigen Versagens des "Internationalen Stils" in weiten Bereichen. Eine besonders unrühmliche Rolle spielten dabei die Bauhaus-"Enkel" in der Nachkriegszeit an Entwurfs- und Theorielehrstühlen der BRD. In blindem Eifer ruinierten sie das trotz mancher Fehler im Ansatz einzigartige Bauhaus-Erbe. Uneinsichtigkeit und Starrsinn des Elfenbeinturmes kostet (e) die so- zialen Gesellschaften immense vermeidbare Kapitalbeträge, die Sozialleistungen abgehen.

Die beharrliche Weigerung, sich wenigstens im Nachhinein rückhaltlos geistig, gestalterisch, städtebau- lich und bautechnisch kritisch mit der Moderne auseinander zu setzen, um die Spreu vom Weizen zu sondern, bessert die Situation nicht.

Im Folgenden wird ein anderer, synthetischer, "ganzheitlicher" Ansatz vorgeschlagen, der auch zur Über- windung der stagnierenden, "stillosen", "eklektizistisch en" Postmoderne und der dekonstruktivistischen "Knallfrosch"-Architektur führen könnte.

1. Moderne (Mo)

1.1 Späte Götterdämmerung und das Schwarze Peter- Spiel

Nach dem barschen Abwehren von Kritik während der letzten Jahrzehnte machten Alt- und Postfunktio- nalisten um die Jahrtausendwende unter dem Druck internationaler Architekturentwicklungen des Mark- tes und der Auftraggeber Teilzugeständnisse, gaben sich gelegentlich reuig, suchten nach Erklärungen für das "Unfassbare", allerdings überall, nur nicht bei sich selbst.

Nur ein Beispiel:

Die >Deutsche Welle< diskutierte im Sommer 2005 mit unüberhörbar nationalistischem Unterton:

... "In letzter Zeit sind deutsche Architekten besonders im Ausland aus dem Blickfeld geraten. Weniger als 2% bekommen Aufträge aus dem Ausland...die Tage guter deutscher Architekten sind gezählt.

Die Bundesarchitektenkammer (BAK) sinnierte: ..."Wie ist die deutsche Architektur, die mit dem Bauhaus einst zur führenden der Welt gehörte, so in Ungnade gefallen?"

Die Leiterin des Deutschen Architekturmuseums (DAM) in Frankfurt, Dr. Ingeborg Flagge, eine Mies-Enthusiastin, sieht die Gründe dafür im früheren Fehlen deutscher Kolonien, was den kulturellen Aus- tausch mit dem Ausland behindert habe. Der Architekturkritiker K.-D. Weiß (der mit Co-Autoren bereits 1987 den > Abschied von der Postmoder- ne < feiern wollte), macht Schüchternheit und mangelndes Selbstbewusstsein einheimischer Architekten dafür verantwortlich. Allerdings sagte er in dieser Diskus- sion auch etwas Zutreffendes:

..."Nur die Rückbesinnung auf die Theorie und auf raffinierte Ideen könnten Deutsche wieder an die Spit- ze der internationalen Architekturszene bringen". Wie wahr! Bleibt nur noch die Frage, mit welcher "pfif-

figen" Theorie, von wem? Zudem verkennt man den herab funktionalisierten Zustand der BRD-Ausbil- dung.

1.2 Warum funktionierte der Funktionalismus nicht?

Zu diesem Punkt gab es seit Jahrzehnten hauptsächlich von Laien ständig vorgetragene Kritiken, die je- doch in überheblicher Weise von den "Göttern in Weiß" und ihrer gläubigen Gefolgschaft abgeschmet- tert oder ignoriert wurden. Der Rest waren untaugliche Reformversuche.

Angesichts der weltweiten Kritik und Ablehnung der Bauhausarchitektur rufen heute ausgerechnet die- jenigen am lautesten nach dem Denkmalschutz für ihre Gebäude, die ihn liquidieren wollten und alles Historische als "Kulturballast" ablehnten. Um die in wenigen Jahren Standzeit stark renovierungsbedürf- tig gewordenen Gebäude der "Neuen Sachlichkeit" vor Verfall und Zusammenbruch zu retten, sind im- mense Sanierungsbeträge erforderlich, die den meist hohen Bau- und Unterhaltskosten noch zugerech- net werden müssen. Eine kostspielige Hinterlassenschaft. Bazon Brock rät den Erben, diese auszu- schlagen, da sie sonst zu dauernden Zinssklaven würden. 1)

Paradoxerweise wurden gerade Funktionen und Technik von den "Sozialingenieuren" (Gropius) zugun- sten einer oft fragwürdigen funktionalistischen Ästhetik vernachlässigt. Mies und Le Corbusier stehen –neben Richtungsweisendem, das Bestand haben wird - in besonderer Weise für diese Fehlentwicklun- gen. Großformatige Hochglanz-Bildbände, vollmundige Reden und blindes Jubeln der Anhänger ver- stellten jahrzehntelang den Blick dafür, dass es in dieser Architektur in erster Linie um die Beseitigung der architektonischen Symbole des Klassenfeindes, der verhassten Bourgeoisie ging, kaum um die so hoch gehaltenen Funktionen. Der epochale Leitspruch "Form folgt Funktion" diente lediglich als "Verbrä- mungsformel" (Welsch), wenn nicht als Ablenkungs- oder Täuschungsformel. Der "International Style" war in erster Linie funktional istisch und sozial istisch, nicht funktionell oder sozial. Das Nichtunterscheiden -Können beider Inhalte zieht sich seit einem halben Jahrhundert wie ein roter Faden durch die gesamte Fachliteratur und kommt auch in den hier aufgeführten Zitaten immer wieder zum Ausdruck.

1.3 Erhalt der Moderne mittels Dialektik?

Dennoch gibt es nicht wenige Bestrebungen in heutiger Theorie und Publikationen, die Moderne oder de- ren Hegemonie mit allen Mitteln zu erhalten. Durch Distanzieren vom "schlechten Funktionalismus" will man diesen vom "guten Rationalismus" (Fischer) abspalten und die "1. Moderne" mit einer "2. Moderne" (Klotz, u.a.), zu einer "Hochmoderne" (Jameson) "vollenden" (Habermas). Die bekannte ..."es wurden Fehler gemacht"-Taktik tritt in mehreren Versionen auf:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Internet-Datei >wikipedia< leistet ihren Beitrag zur allgemeinen Konfusion durch die Behauptung, "die Moderne" sei in der Nachkriegszeit gar nicht wieder nach Europa zurückgekehrt. (2005 !).

Eine ulkige Variante steuert auch der ehemalige Bauhaus-Lehrer Walter Drexel bei: ..."Mit dem Barcelo- na-Pavillon und Mies van der Rohe hat das Bauhaus nichts, mit der Weißenhof-Siedlung wenig zu tun". 2)

Die heute in der Literatur anzutreffenden Begriffe wie "Reinigen", "Läutern", "Vollenden", "Erneuern" der Mo sind die üblichen nichts sagenden Allgemeinplätze scholastisch-klassischen Denkens, die alles offen- lassen, nichts konkretisieren. Was kommt nach Klotz` "2. Moderne"? Natürlich die "3. und 4. usw. Moder- ne" - und das alles auf dem Boden des Bauhauses"? Warum dann nicht gleich "ewigen Moderne"?

Schuld seien "Investoren-, Bauherren- oder Bauwirtschafts-Funktionalismus" und der Rest hat das Bau- haus ohnehin falsch verstanden. Eine "Schwarzen Peter"-Zuweisung an alle, nur nicht an den eigentli- chen Verursacher: den Bauhaus- oder Architekten-Funktionalismus. Abgesehen davon kommen solche fragwürdigen Korrekturversuche

a) zu spät;

b) werden von denjenigen betrieben, welche die rationalistischen Fehlentwicklungen zu lange opportu-

nistisch nutzten, bejubelten oder dazu schwiegen;

c) liegt ihnen der Gorbatschow`sche Denkfehler zugrunde. (..."Wir wollen jetzt auch soziale Marktwirt-

schaft, aber alles auf dem Boden von Sozialismus", 1990);

d) verhindern oder erschweren sie die Suche nach besseren Lösungen.

Das flinke, pauschale Fallenlassen des "Funktionalismus" oder seine Ausgrenzung als Übel, ist ebenso verhängnisvoll falsch wie sein Abkoppeln vom Bauhaus. Die PoMo benötigt ihn nämlich, a) um bautech- nische Funktionen und Erfordernisse besser zu beachten und b) die Mehrkosten einer "emotiven" und ökologischen Gestaltung in Grenzen zu halten. Nur ist er dann eben nicht mehr ideologische Einbahn- straße, Ziel und Selbstzweck, sondern Instrument.

1.3.1 Wiederherstellung des Moderne-Begriffes

Im Widerspruch zu obigen Abspaltern sei der Moderne-Begriff wieder zurechtgerückt. Die folgenden

Bezeichnungen bedeuten ein und dasselbe und wurden so auch von den Urhebern und der Mehrheit

verstanden, nämlich die Bauhaus – Moderne von 1920 bis 1970 (und abgeschwächt darüber hinaus):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit diesen Varianten wird der monistische Inhalt der Bauhaus-Ideologie und ihrer Ziele eindeutig, richtig und widerspruchsfrei charakterisiert. Funktionalismus ist ohne Konstruktivismus und beide ohne betonten Rationalismus nicht möglich. Sie sind die Basis des immer wieder geforderten Ingenieur-Denkens. Hier

nunmehr Teile abspalten zu wollen, ist Unfug, verfälscht den Diskurs, verfehlt die eigentlichen Ursachen und will damit nur die angeblich "reine" Mo verbal rein waschen.

Wahrscheinlich entging den Abspaltern auch, dass sie damit ihrem angebeteten Idol widersprechen. Mies wies solche Versuche schon 1927 zurück: ..."Die Frage `konstruktivistisch` oder `funktionalistisch` ist un- ernst". (F. Neumayer, S. 229. Man beachte die Verwendung von "-istisch").

2. Post-Moderne (PoMo)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1 >Die Sprache der postmodernen Architektur< (Charles Jencks) 3)

Wie eine Bombe schlug das Buch und die Übertragung des Begriffes [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] »Postmoderne« aus der Literatur auf die Architektur ein. Die englische Ausgabe entstand 1977, schon 1978 erschien die deutsche. Sie wurde zum Bestseller und bisher neunmal neu aufgelegt, immer wieder ergänzt und verändert. Der Titel gilt als der zentrale Text jüngerer Baugeschichte“ (Grazer Kunstverein 2003).

2.1.1 Der „Tod“ der modernen Architektur

Charles Jencks stellte der Moderne eine exakte Sterbeurkunde aus: … “Die moderne Architektur starb in St.Louis / Missouri am 15. Juli 1972 um 15,32 Uhr, als die berüchtigte Siedlung Pruitt - Igoe, oder vielmehr einige ihrer Hochhäuser, den endgültigen Gnadenstoß durch Dynamit erhielten…

Für Jencks hatte die Mo damit ihr Leben ausgehaucht:

..."Und dass manche Architekten immer noch versuchen, ihr Leben ein-

zuhauchen, bedeutet nicht, dass sie auf wundersame Weise wiedererstan- den wäre. Nein, sie erlosch endgültig und vollständig 1972, nachdem sie zehn Jahre lang von Kriti kern wie Jane Jacobs unbarmherzig zu Tode ge- prügelt worden war. Dass viele es nicht bemerkten und keiner zu trauern schien, macht die Tatsache des Verschwindens nicht ungeschehen.“

Wie sehr Werk und Titel wurmte, lässt Gunther Fischer noch 10 Jahre später durchblicken. Zugleich demonstrieren schon diese wenigen Sätze auf welch klein kariertes Niveau die einheimische Architekturtheorie ge- sunken war. Danach habe Jencks die Vokabel PoMo wegen ihrer "schil-

lernden Faszination" gewählt. Sein Buch sei nur deshalb ein Bestseller geworden. ..."Er hat keine Theorie des Funktionalismus und deshalb muss seine Theorie der nach- funktionalistischen Ära, die er Postmoderne nennt, versagen". Sogleich wird die Ehrenrettung der ("gu- ten") Moderne nachgeschoben: ..." Le Corbusier ist ein großartiger Architekt, er hat nur die falsche Ideo- logie besessen", und ..."Die moderne Architektur brachte großartige Bauten hervor, während der Funk- tionalismus mit seiner Fixierung auf `form follows function` gescheitert ist". ..."Der Begriff `Postmoderne` ist falsch, richtig muss es heißen `Nachfunktionalismus` ". (S.8ff) 4)

2.2 Post mortem

Anfangs der 70er Jahre machten sich unter Führung der USA, Großbritanniens und Italiens einige Archi-

tekten auf den Weg "From Bauhaus to our house" (Tom Wolfe), noch schlimmer, sie begingen Häresie an den „Göttern in Weiß“.

Für nicht wenige Architekten, denen das Herumrastern an den „Schuhschachteln“ und "Legehennenbat- terien„ der Mo einfach zu trivial und langweilig wurde, die keine Wettbewerbe mehr mit einfallslosen ge-

rasterten Kuben gewinnen, sich nicht mehr an der allgemeinen optischen Umweltverschmutzung beteili- gen mochten, war die PoMo eine Erlösung. [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]

2.3 Begriff und Inhalt der PoMo

In wenigen Jahren entstand eine reichhaltige Literatur zu Ursprüngen, Inhalten und Entwicklungen auch außerhalb der Architektur. Auf den Gebieten der Philosophie, Literatur, Politik, Theologie, Soziologie, Jurisprudenz, Psychologie, Ökonomie, Kulturtheorie, Pädagogik gibt es "pomo" Entwicklungen, mittler- weile sogar "pomo" Touristik oder Abfangjäger.

In der Zwischenzeit sammelte sich aber auch eine verwirrende Fülle von Begriffsschöpfungen an. Da sie, wie üblich, selten definiert und abgegrenzt werden, entsteht das bekannte Verwirr- und Ratespiel. So meinen »Poststrukturalismus«, »Nachfunktionalismus«, »Spätmoderne«, »Transmodernismus«, »Trans- avantgarde«, »Metamoderne«, »Übergangsmoderne«, »Neo-Neo-Moderne«, »Vor-Postmoderne«, »Nach-Postmoderne«, »Hochmoderne«, »Hypermoderne«, »Reflexive Moderne«, »Übermoderne«,»Be- reinigte Moderne« u.a. teils die bekannte Moderne, teils anderes. Nicht selten gehören die Aussagen der "Quatsch-Funktion" an. Wenn Otto Sell dann noch im Jahr 2004 meint: ..."Kategorisierung solle man der Nachwelt überlassen", wird dem Kommunikations-Chaos Tür und Tor geöffnet.

Nachdem allzu Viele allzu lange einer totalen mentalen Statik huldigten, verfällt man nun ins andere Ex- trem. Geradezu hysterisch jagen sich "Vor"-, "Spät"-, "Nach"-, "Post"-, "Post-Post"-, "Vor-Post"-, "Neo"-, "Neu"- Vorsilben. Um Unklarheit zu erhalten, wird die Doppelbedeutung von "Post" offen gelassen, an- statt sich klar für "Sp ät" - oder „Nach" - Moderne zu entscheiden.

3. Meinungen

Aus der Fülle der Statements einige mehr zufällig ausgewählte:

3.1 Pro

Domenica Sontag ...“Die Postmoderne ist ein ernsthafter Versuch, Kritik an der Moderne und ihrer Vernunft zu üben. Letzte half mit beim Erzeugen von Technokraten. Das bipolare und additiv-lineare Denken gilt es als gewalttätige Konstruktion zu entlarven. Es handelt sich dabei immer um eine Reduk- tion des Lebens und seiner Vielfalt. Die Postmoderne will also nicht nur verbal eine „neue“ Epoche be- haupten, sondern sie ist eine radikale Form der Analyse und Darstellung, welche die Schattenseiten der Moderne zum Vorschein bringt.“ (Wikipedia 2004)

Peter Eisenmann: ..."Der Postfunktionalismus manifestiert sich in einer neuen kulturellen Haltung, d.h. in einem Abrücken von den funktionalistischen Idealen, deren stilistische Merkmale `Abstraktion`, `A-Tona- lität`, `A-Temporalität` sind... Der Postfunktionalismus ist somit ein Konzept einer Negation des Funktio- nalismus. Damit deutet er eine bestimmte positive theoretische Alternative an".

Heinrich Klotz І: ..."Vielmehr wird in der Architektur eine begründete Korrektur der überspitzten Dogmen der Moderne vorgenommen. Das Bauen der Gegenwart reflektiert einen Umschwung, der dem Um- schwung einer Epoche gleichkommt". (Anlässlich der Eröffnung des Deutschen Architekturmuseums (DAM) in Frankfurt, mit der Ausstellung >Revision der Moderne< 1984. Später plädierte er für eine "2. Moderne" ).

Markus Gmür: .. ."Das Problem der Moderne ist schlichtweg sie selbst; sie hat sich zu Tode modernisiert.

Dem Projekt der Moderne steht allerdings kein entsprechendes Gegenprogramm gegenüber – das ist auch nicht notwendig, weil die Moderne nicht besiegt werden muss, sondern ohne viel Getöse, fast von selbst, zu Staub zerfällt". (Uni Konstanz 1999).

Wolfgang Welsch І: ...“Der Post-Modernismus ist kein Lunapark, sondern eine reale Konfrontation. Die Sache selbst ist gewichtig und langlebig - retrospektiv wie prospektiv. Sein Ausgriff ist weiter, sein Atem länger. ...Das sollte jenen zu denken geben, die im Post-Modernismus nur ein kurzlebiges Modephäno- men sehen wollen. Die Post-Moderne hat tiefere Wurzeln und eine längere Herkunft und sie arbeitet an gravierenderen Problemen als denen des Tages. ...Sie ist wesentlich ethisch fundiert, das Problem der Vernunft stellt sich erneut“. (S.2-7) 5)

3.2 Contra

Nikolaus Pevsner, der Vorgestrige unter den Architekturhistorikern, hält die Bezeichnung „postmodern“ für ein Schimpfwort, die Verfechter dieser Ideologie für „Verräter“, „Neo-Expressionisten“ und „Anti-Pio- niere".

Christoph Feldkeller hofft noch: … “Die Moderne ist nicht überwunden, sondern nur beiseite geschoben durch eine historizierende Architektur, die ihre Formen nicht aufgrund funktionaler Erfordernisse be- stimmt, sondern von der Architektur früherer Epochen übernimmt.“ 6)

Gert Kähler wollte 1987 bereits wieder >Abschied von der Postmoderne< nehmen…. “Mit zusammen ge- bissenen Zähnen wird hier (im Regionalismus ) Gemütlichkeit gebaut, das wollen wir doch mal sehen! Diese neue Putzigkeit will mit bestimmten, immer gleichen Forme n „Anheimelndes“ evozieren; mit einem abstrakten Begriff von Landschaft und einem eben solchen von Region soll „Heimat“ inszeniert werden. ….Das ist gebaute Reaktion, sie verstärkt die gesellschaftliche.“ 4)

[...]


Anmerkungen

1) Bazon Brock >Der Barbar als Kulturheld< DuMont 2002

2) Eckard Neumann >Bauhaus und Bauhäusler< du Mont 1985

3) Charles Jencks >Die Sprache der postmodernen Architektur< dva, Stuttgart. 1.Aufl 1978, 3.Aufl. 1988.

Der Autor hatte den Begriff „postmodern“ bereits in einem Artikel >The Rise of Post-Modern Architecture< in

„Architecture“, Eindhoven, Juli 1975 verwendet. In der Literaturkritik kam er schon seit 1968 vor.

4) Fischer / Fromm / Gruber / Kähler / Weiß >Abschied von der Postmoderne< Friedr. Vieweg & Sohn 1987.

Der Titel aus der Reihe "Bauwelt-Fundamente" ist heute nicht mehr erhältlich. Prof. Dr. G. Kähler führt ihn auch

nicht mehr in der Veröffentlichungsliste seiner homepage. Er gestaltet zusammen mit Dr. I. Flagge Ausstellun-

gen.

5) Wolfgang Welsch > Unsere postmoderne Moderne< VCH, Weinheim 1987

6) Christoph Feldkeller >Der architektonische Raum: Eine Fiktion< Friedr. Vieweg & Sohn 1989

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Postmoderne Architektur
Autor
Jahr
2005
Seiten
30
Katalognummer
V47373
ISBN (eBook)
9783638443357
Dateigröße
1081 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Postmoderne, Architektur
Arbeit zitieren
Dipl. Werner Nehls (Autor:in), 2005, Postmoderne Architektur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47373

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