Umwandlung der Religion in einer modernen Gesellschaft


Hausarbeit, 2014
16 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Einführung in den Religionsbegriff
1.1 Definitionsversuche
1.2 Gesellschaftliche Formen von Religion
1.3 Das Individuelle an der Religion

2. Säkularisierung
2.1 Die Säkularisierungsthese
2.2 Differenzierung der Religion
2.3 Privatisierung der Religion

3. Neue Religiöse Bewegungen - Esoterik und Okkultismus

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

„Einst war die Welt vom Heiligen erfüllt - in Gedanken, im Handeln und in der institutionellen Form. Nach der Reformation schwappten die Wellen der Modernisierung über das Erdrund und die Säkularisierung schwächte die Dominanz des Heiligen. Es ist abzusehen, dass das Heilige bald ganz verschwunden sein wird, sieht man (vermutlich) vom privaten Bereich ab“, schrieb 1995 der amerikanische Soziologe C. Wright Mills (Mills 1959, Sociological Imagination, zitiert nach Knoblauch 2009, 15). Die abnehmende Bedeutung der Religion in der modernen Gesellschaft ist auch noch heute eine vieldiskutierte Thematik. Die alte Form der Religion scheint nicht mehr so recht in unsere Zeit zu passen, ohne aber dass dabei die Religion selbst verloren geht. Diese Tendenz, dass die Religion weiter besteht, aber nicht mehr als solche sichtbar ist, wird als „unsichtbare Religion“ bezeichnet und unter anderem Gegenstand der folgenden Arbeit sein.

Dabei wird auf die Säkularisierungsthese, aber auch auf die Differenzierung und Privatisierung von Religion näher eingegangen. Neben der Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gesellschaft, wird ebenfalls der Bezug des Individuums zum Religiösen näher betrachtet. Denn mit Religiosität und dem Glauben geht nicht mehr zwangsläufig die Liturgie und Lehre der Kirche einher. Das Rechtssystem, die Wirtschaft, die Medien und das Bildungssystem haben sich zunehmend dem Einfluss der Kirchen entzogen. Immer häufiger verschwimmen institutionelle Formen von Religion und der Einzelne ist in der Lage sich die Inhalte verschiedener Weltanschauungen nach Belieben zusammenzustellen.

Religiöse Inhalte treten nicht selten in sozialen und kommunikativen Zusammenhängen auf, die nicht mehr als religiös erkennbar sind. Die Grenzen scheinen zunehmend zu verschwimmen, die Definition eines „richtigen“ Religionsbegriffs gestaltet sich schwierig. Hinzu kommend haben sich in den letzten Jahrzehnten neue religiöse Bewegungen ausgebreitet, die sich von tradierten Religionsgemeinschaften abgrenzen und oftmals mit den Lehren der Kirchen in Widerspruch stehen. Am Beispiel der Esoterik und des Okkultismus wird ein kleiner Einblick in diese sogenannten „New Religious Movements“ gegeben. Doch vorher soll geklärt werden, was eine Religion überhaupt auszeichnet.
Gibt es bestimmte Attribute, die eine Bewegung erfüllen muss, um als Religion anerkannt zu werden?

1. Einführung in den Religionsbegriff

1.1 Definitionsversuche

Es gibt eine weitverzweigte, in viele Einzeldisziplinen aufgefächerte Religionsforschung, wenn es aber um die Definition eines Religionsbegriffs geht, scheiden sich die Geister. Zwar lassen sich religiöse Phänomene wissenschaftlich beobachten und beschreiben, wie aber lassen sich die unterschiedlichen Inhalte und Formen zu einem einzigen Begriff zusammenfassen? (Pollack 1995, 163). Wenn Religion beispielsweise durch ein höchstes Wesen, einen einzigen Gott charakterisiert ist, würden Religionen wie der Hinduismus mit seinen vielen Göttern ausgeschlossen. Wenn die Erlösungsidee eine Weltanschauung als Religion klassifiziert, müssten wiederum manche psychologischen Therapieformen als Religionen gelten. Die diversen Definitionsversuche haben meist bestimmte Aspekte hervorgehoben und andere vernachlässigt (Pollack 2001, 337).

Soziologische Religionsdefinitionen betonen vor allem drei grundlegende Elemente: Überzeugungen, Soziale Praktiken und die moralische Gemeinschaft (ebd.). Schon Emile Durkheim beschrieb Religion als ein solidarisches System von Überzeugungen und Praktiken. Während Überzeugungen Grundelemente jeder Kultur sind und der Glaube an ein höchstes Wesen für viele Menschen eine wichtige Rolle spielt, geht Religion nicht nur mit dem Glauben einher, sondern auch mit praktischem Handeln. Dieses wird durch Regeln wie die Zehn Gebote in eine bestimmte Richtung geleitet und geformt, zusätzlich sorgen spezifische Praktiken wie Rituale oder Kulte für eine organisierte, strukturierte Form des sozialen Handelns (ebd.). Emile Durkheim verbindet mit Religion das „Heilige“, das sich grundsätzlich vom Alltäglichen unterscheidet. Auch betont er die wichtige Funktion der sozialen Gemeinschaft. Organisationsformen wie die Kirche fördern die Vergemeinschaftung von Individuen und binden sie an moralische Verpflichtungen und Normen, da ihre Einstellungen und Verhaltensweisen auch immer im Kontext der Gemeinschaft stehen (Pickel 2011, 17). Soziologen unterscheiden dabei zwischen verschiedenen Typen von religiösen Institutionen. Während Kirchen meist in harmonischer Koexistenz mit der größeren Gesellschaft leben und sich als große, konservative Institutionen kategorisieren lassen, sind Sekten kleine, kompromisslose und exklusive Religionsgemeinschaften. Sie lehnen die größere Gesellschaft oftmals ab und streben nach spiritueller Vervollkommnung. „Sekten entstehen, wenn sich religiöse Gruppen von etablierten Kirchen abspalten und eine authentischere, reinere Version ihres Glaubens für sich reklamieren“ (Vgl. Pollack 2001, 361). Wenn religiöse Gruppen neue Glaubensformen entwickeln, entstehen Kulte. Nicht selten werden sie auch einfach aus anderen Kulturen importiert, wobei sie bis auf ihren Ursprung in den meisten Hinsichten viele Parallelen zu Sekten aufweisen (ebd.). Ernst Troeltsch unterschied neben diesen Organisationen außerdem noch die individualisierte Gemeinschaftsform der Mystik, die keinen Organisationscharakter besitzt (Pickel 2011, 32).

1.2 Gesellschaftliche Formen von Religion

„Erst wenn Religion in besonderen sozialen Institutionen verankert wird, kann sich ein Gegensatz zwischen Religion und Gesellschaft ausbilden“ (Vgl. Luckmann 1991, 105). In der Geschichte der sogenannten Hochkulturen nimmt das Verhältnis von Religion und Gesellschaft vielfältige Formen an, wobei das Spektrum von Angleichung bis zum Konflikt reicht. Gegensätze treten nicht nur im Grad der institutionellen Spezialisierung der Religion auf, sondern auch im Stellenwert der religiösen Institutionen, der ihnen innerhalb der Sozialstruktur eingeräumt wird. Religion ist in der Lage, sich in eine dynamische gesellschaftliche Kraft zu verwandeln. Stützen sich Religion und das Alltägliche auf je eigene institutionelle Bereiche, kann es schnell zu Spannungen zwischen diesen kommen. So kann es passieren, dass religiöse Gemeinschaften von ihren Mitgliedern Treueverpflichtungen einfordern, die sie in Konflikt mit weltlichen Institutionen oder sogar Mitgliedern anderer religiöser Gemeinschaften bringen (Luckmann 1991, 106).

Das Bekennen zu einer bestimmten Religion geht jedoch nicht zwangsläufig mit dem Befolgen aller Praktiken und Rituale einher. Nicht alle, die sich als Christen bezeichnen, gehen beispielsweise zur Kirche und nicht alle, die zur Kirche gehen nehmen auch am Abendmahl teil. Während der Europäischen Wertestudie zufolge heute etwa 70 Prozent der Europäer einer Kirche angehören, besucht nur ein Viertel von ihnen regelmäßig den Gottesdienst (Zulchner/ Denz 1993, 12 ff., zitiert nach Pollack 2001, 340).

Die Frage, ob eine Gesellschaft religiös oder säkular ist, lässt sich also nicht ohne weiteres beantworten. Immer mehr Aspekte des gesellschaftlichen Lebens existieren unabhängig von religiösen Institutionen oder unterliegen zumindest nicht mehr ihrer unmittelbaren Kontrolle. Auf diese Säkularisierung reagieren viele Religionen mit einer Art Arbeitsteilung zwischen weltlichen und religiösen Instanzen. Zwar ist der Geltungsbereich der religiösen Autorität inzwischen beschränkt, jedoch existieren zahlreiche große Kirchen harmonisch in weitgehend säkularen Gesellschaften, denn wer sich heute zu einer Religion bekennt, tut dies wahrscheinlich vorrangig auf Grund einer persönlichen Entscheidung (Pollack 2001, 350).

Aber nicht alle religiösen Institutionen akzeptieren das Nebeneinander mit säkularen Institutionen. Wenn in modernen, pluralistischen und säkularen Gesellschaften kulturelle Gewissheiten oder traditionale Gemeinschaften in Frage gestellt werden, entwickeln sich oftmals fundamentalistische Bewegungen. Sie sind charakterisiert durch eine zentrale Doktrin oder Weltanschauung, die als absolute Wahrheit verstanden wird. Diese Wahrheit wird durch einen Verkünder verkörpert und durch eine ausgewählte Gemeinschaft von Gläubigen unterstützt. Fundamentalistische Bewegungen grenzen sich klar von Außenstehenden ab und halten an einem festen Ziel oder der Gewissheit einer utopischen Zukunft fest. In einer schnelllebigen Zeit, die nicht selten mit Identitätsverlust und dem Verschwinden sozialer Strukturen einhergeht, scheinen diese Bewegungen eine Möglichkeit zu eröffnen, mit den gesellschaftlichen Verhältnissen fertig zu werden. Menschen, die Halt suchen, glauben ihn im Fundamentalismus zu finden, wodurch er in den zurückliegenden Jahrzehnten fast überall in der Welt einen enormen Einfluss gewonnen hat (Vgl. Pollack 2001, 250f.).

1.3 Das Individuelle an der Religion

Zunehmend stellt sich die Frage nach dem Bezug des Individuums zum Religiösen. Hierbei spielt das Phänomen der religiösen Erfahrung eine bedeutende Rolle. Diese konzentriert sich auf die persönliche Beziehung zwischen dem Gläubigen und Gott und stellt damit die idealtypische Form persönlicher Religiosität dar. Die religiöse Erfahrung bezieht sich hauptsächlich auf bestimmte Bewusstseinszustände des Individuums, die eine religiöse Bedeutung entfalten. Sie kann sich in Formen der Ekstase, der Besessenheit und in der Konversion äußern. Gemeinsam haben diese Formen die Außeralltäglichkeit ihrer Entfaltung. Schwächere Formen von religiösen Erfahrungen können außerdem in Lebenskrisen und bei kritischen Lebensereignissen auftreten, was sich durch Rückbezüge auf Religion oder einen helfenden Gott äußert. Die Schriften des englischen Religionspsychologen William James, zählen zu den wichtigsten frühen Arbeiten zur religiösen Erfahrung. Er war der Ansicht, dass „weniger gesellschaftliche Vorprägungen oder sichtbare religiöse Institutionen als vielmehr die individuellen und persönlichen Erfahrungen sowie die Religiosität des Einzelnen“ Auskunft über die Religion geben (Vgl. Pickel 2011, 33).

Auf religiösen Erfahrungen können auch religiöse Verhaltensweisen beruhen, die ebenfalls auf der Ebene der Individuen anzusiedeln sind. Zusätzlich stellen sie einen Ausdruck gelernter und ansozialisierter Verhaltensformen dar, die aus dem sozialen Umfeld auf das Individuum einwirken. Grundsätzlich kann zwischen gemeinschaftlich begangenen Handlungen und individuellen religiösen Verhaltensweisen unterschieden werden. Letztere drücken sich in konkreten, situationsbezogenen Handlungen wie Unterhaltungen über religiöse Themen oder das Gebet aus (Vgl. Pickel 2011, 39). Ohne entsprechende Kommunikationsprozesse bleibt der Sinn jedes Handelns jedoch verborgen. Die religiöse Kommunikation nimmt eine zentrale Stellung innerhalb des religiösen Verhaltens ein und verbindet Individuum und Gesellschaft unmittelbar. Durch sie lassen sich Handlungen und Interaktionen überhaupt erst als religiös erkennen. Und auch die moralischen Überzeugungen, die die Individuen vertreten, haben eine wichtige Bedeutung, da sie eine zentrale Grundlage für verschiedenste Verhaltensweisen im Alltag darstellen. Deutlich wird das an der Übernahme religiöser Rollen innerhalb der Gesellschaft und den damit verbundenen Erwartungen. Während religiöse Berufsrollen wie Priester oder Ordensbruder klar definiert sind, ist das Rollenverständnis bei religiösen Laien weniger eindeutig. Zwar bestehen auch hier Erwartungen hinsichtlich des Verhaltens und der Normenbefolgung, die Erfüllung dieser Erwartungen nimmt aber in modernen Gesellschaften immer mehr ab und der Bereich der Religion wird nicht selten aus dem Alltag verdrängt. Nicht zuletzt aufgrund dieser Entwicklungsprozesse, nehmen die Debatten über eine Säkularisierung des Religiösen immer mehr zu (Vgl. Pickel 2011, 40f.).

2. Säkularisierung

2.1 Die Säkularisierungsthese

Der Begriff der Säkularisierung bezeichnet soziologisch einen umfassenden Prozess, der sich grob in drei Aspekte untergliedern lässt: Die Abnahme und Schrumpfung der Religion, die Ausdifferenzierung der Religion und die Privatisierung der Religion. Die Säkularisierung bezeichnet die abnehmende Bedeutung der Religion in der modernen Gesellschaft, weswegen oftmals von einer Schwund- und Abschwächungsthese gesprochen wird. Diese Schrumpfungsthese wird bis heute von einem Teil der religionssoziologischen Forschung vertreten, tritt aber auch schon im 19. Jahrhundert auf. Während die einen von einem vollkommenen Verschwinden der Religion ausgingen, da sie den Anforderungen der modernen Rationalität nicht gewachsen sei, vermuteten die anderen, dass sie allmählich an Bedeutung verliere, aber ein Bestandteil der modernen Gesellschaft bliebe. Hinzukommend belegten kirchensoziologische Forschungen, dass immer weniger Menschen in die Kirchen gingen, immer weniger Menschen die Lehren der Kirchen kannten und noch weniger an sie glaubten oder ihren ethischen Vorgaben folgten. Diese abnehmende Bedeutung der Religion im Rahmen der Liturgie und Lehre der Kirche wird als Entkirchlichung verstanden (Knoblauch 2009, 16f.). Einer Gleichsetzung von Kirche und Religion entgegnet Thomas Luckmann, „daß Kirchlichkeit nur ein - und vielleicht nicht einmal das wichtigste - Merkmal ist, das die Situation kennzeichnet, in der sich Religion in der modernen Gesellschaft befindet“ Nach Luckmann lässt sich kirchliche Religiosität nicht mit den religiösen Bedürfnissen und Phänomenen der Individuen unserer heutigen Zeit gleichsetzen (Vgl. Luckmann 1991, 62), vielmehr wurde die Kirche inzwischen an den Rand der Gesellschaft gedrückt (Luckmann 1991, 72).

2.2 Differenzierung der Religion

Dennoch ist die Kirchlichkeit nicht vollkommen verschwunden. Obwohl eine Abnahme der Religion zu verzeichnen ist, sollte differenziert werden. Immer mehr gesellschaftliche Bereiche spezialisierten sich mit der Zeit auf ihre eigenen besonderen Aufgaben. Das Rechtssystem, die Wirtschaft, die Medien und das Bildungssystem haben sich zunehmend dem Einfluss der Kirchen entzogen, so dass die Säkularisierung als ein Prozess der institutionellen Spezialisierung erscheint. Auf der einen Seite bedeutet das natürlich den schwindenden Einfluss organisierter Kirchen und die wachsende Autonomie anderer Bereiche. Religion übernimmt nicht mehr die Legitimation anderer gesellschaftlicher Subsysteme. Auf der anderen Seite besteht zwischen Kirchen und Staat eine enge Verbindung. Viele Krankenhäuser oder Schulen stehen beispielsweise unter kirchlicher Verwaltung. Auf den verschiedensten Ebenen, vom Lobbyismus in der Regierung und den Parteien bis hin zu steuerrechtlichen und kirchenrechtlichen Sonderbehandlungen, erfolgt die Trennung von Staat und Religion nur unvollständig. Versucht man also zu erklären, warum gerade in Deutschland Religion und Kirche selbst in der Religionsforschung häufig gleichgesetzt werden, sollte diese herausgehobene Stellung der kirchlichen Religion nicht vergessen werden (Knoblauch 2009, 20f.).

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Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Umwandlung der Religion in einer modernen Gesellschaft
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Kulturwissenschaft)
Note
1.0
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V490263
ISBN (eBook)
9783668977938
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kulturwissenschaft, Religionssoziologie, Moderne Religion, Umwandlung der Religion, Religion und Gesellschaft, Säkulatisierungsthese, Individuelle Religion, Religion, Glaube, New Religious Movements, Individuum, Religious Movements, Modern Religion, Religiöse Bewegungen, Soziologie
Arbeit zitieren
Isabel Schier (Autor), 2014, Umwandlung der Religion in einer modernen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490263

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