Die Entwicklung zum aktiven Theaterzuschauer durch digitale Medien

Die Zuschauerrolle in den Theaterstücken "She She Pop" und "Rimini Protokoll"


Hausarbeit, 2019
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Digitalisierung des Theaters
2.1 Argumentationen für die Eigenheit des Theaters

3 Die Entwicklung des Theaterzuschauers
3.1 Rimini Protokoll
3.2 She She Pop
3.3 Beschreibung der Inszenierung

4 Bewertung der Zuschauerrolle im Theater

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wird von dem herkömmlichen Theater ausgegangen, werden Assoziationen geknüpft, welche ein passives Publikumsbild beinhalten die mit folgender Szenerie konfrontiert sind: „Das Bild, das mir einfällt, ist nämlich eine schwarze Theaterbühne mit einem roten Vorhang, roten Stühlen, goldenen Verzierungen auf weißem Grund, die die Bühne umrahmen, und Schauspieler*innen, die sich auf der Bühne bewegen“ (Neuhold 2017). Doch sind diese Vorstellungen eines passiven Publikums das sich innerhalb eines Theaterraums befindet und die agierenden Schauspieler auf der Bühne betrachtet in Zeiten in denen alles zunehmend digitalisiert wird, zutreffend? Im Zuge der Digitalisierung ist ein Wandel zu beobachten, bei dem anwachsend digitale Medien im herkömmlichen Theater verwendet werden. Durch diese stetig wachsende Nutzung digitaler Medien im Theater haben sich bei der Darstellungsform neue Arten der Inszenierung entwickelt. Interessant in dem Zusammenhang ist, wie sich diese neuen Inszenierungen äußern und wie sich dadurch die Rolle des Rezipienten im Theater verändert.

Ein Ziel der Theatermacher ist, innovative Theatervorstellungen zu schaffen die dem Zuschauer unvergessliche Erlebnisse liefern (Simon Mellor 2018: 12). Diese Erlebnisse sollen dadurch generiert werden, dass Theatermacher mithilfe digitaler Medien eine intensivere Einbringung des Zuschauers in das Theatergeschehen anstreben. „The spark is there, and theatremakers dream of more active and engaging roles for [..] audiences (Van Djik 2018: 17). Basierend auf dieser Aussage kann theoretisch davon ausgegangen werden, dass die Rolle des Publikums im Theater zunehmend aktiver wird. Doch wird dieses Vorhaben auch in der Praxis realisiert? Diese Hausarbeit geht von der These aus, dass sich durch die Digitalisierung des Theaters die Zuschauerrolle verändert hat. Auf Basis dieser These ist folgende Forschungsfrage zu konzipieren: Ist die Zuschauerrolle durch das Einbringen digitaler Medien im Theater aktiver geworden, am Beispiel der Theatergruppen Rimini Protokoll und She She Pop.

Bevor die Entwicklung der Zuschauerrolle anhand der Theatergruppen Rimini Protokoll und She She Pop examiniert wird, liegt der Fokus auf der Digitalisierung des Theaters. Dabei wird erläutert, wo die Rezeptionsformen Theater und digitale Medien zusammenlaufen und was für Chancen daraus erwachsen. Im Zuge darauf folgt eine kritische Auseinandersetzung mit digitalen Medien und Thesen, welche die Eigenheit des Theaters hervorheben. Weiterführend wird sich der Rolle des Zuschauers zugewendet, was im späteren Verlauf in Relation zu den Theatergruppen gestellt wird. Methodik dieser Analyse wird vorerst die allgemeine Erläuterung jener Theatergruppen sein, woraufhin eine empirische Auseinandersetzung mit den Auftritten von diesen erfolgt. Abschließend folgt die Bewertung der Zuschauerrolle im Theater und die Beantwortung der Forschungsfrage.

2 Digitalisierung des Theaters

Bevor sich der Zuschauerrolle im Theater angenähert wird, sollte vorerst untersucht werden, inwiefern das Theater und digitale Medien zusammen laufen. Wo sind die Schnittstellen der beiden Rezeptionsformen?

Die Digitalisierung übt heutzutage einen signifikanten Einfluss auf unsere Gesellschaft aus. Alles wird modifiziert und verschiebt sich zunehmend ins Digitale. „Digitalisierung scheint onmipräsent, und das sowohl im Berufs- wie im Alltagsleben“ (Olaf Zimmermann/Theo Geißler 2010: 8). Diese Allgegenwärtigkeit digitaler Medien wird auch von anderen Theoretikern, wie Nick Van Dijk erkannt, welcher anmerkt, dass die Digitalisierung viele Bereiche unseres Alltags bestimmt. „Technology is pervasive in today’s society. Code = culture. Algorithms define our way of life“ (Van Dijk 2018: 17). Die Transformation gesellschaftlicher Bedingungen durch digitale Medien ist ebenfalls im Kunst – und Kulturbereich ersichtlich, was sich auch auf das Theater auswirkt (Jörn Richard 2002: 7). Aufgrund dieser Auswirkungen entstehen Problematiken. Simon Mellor konstatiert, dass durch die Tatsache, dass die Erlebniswelt sich immer mehr ins Digitale verschiebt, das Theater an Relevanz verlieren könnte. „In a world in which the public experience more and more of their culture online, our fear is that many of our publicly funded theatres will lose their relevance, stuck in an analogue world, reaching fewer and fewer people“ (Simon Mellor 2018: 11). Die Statistik des Deutschen Bühnenvereins exhibiert, dass die Besucheranzahl von 1995 / 1996 bis 2005 / 2006 von 23.022.233 auf 20.739.261, also um 2.289.972 Besucher, beziehungsweise 11,01 % zurückgegangen ist (vgl. Patrick S. Föhl/Markus Lutz 2010: 58). Folge dieser Entwicklung ist, dass die Theaterlandschaft versucht der Veränderung der gesellschaftlichen Prozesse zum Digitalen hin, gerecht zu werden (Christian Schlösser 2006: 8). „That is why we have decided to act and make it a condition of our funding that our larger theatres need digital strategies and delivery plans“ (Mellor 2018: 12). Dabei wird der Versuch unternommen, herauszufiltern wie das Theater unter der Verwendung digitaler Medien1 das Publikum effektiv erreichen kann und wie diese Intermedialität2 die Hauptintention des jeweiligen Theaters bestmöglich transportieren (Mellor 2018: 12). Mit diesem Ziel eignen sich Theatermacher die Innovationen neuerer Medien an, was sich in der Verwendung schneller filmischer Schnitte und digitaler Technologien niederlegt (vgl. David Barnett/Moray McGowan/Karen Jürs – Munby 2006: 7).

„Viele Theater sind im Internet präsent und haben dort Dependancen ihrer Kassen – und Besucherabteilungen postiert; postdramatische Theaterformen, besonders als Bilder – und Körpertheater, die mit den Medien spielen, besetzen einen festen Platz im Spielplan von Stadt – und Staatstheatern; neue Medien wie digitale Kameras werden ganz und selbstverständlich bereits auch in traditionellen Inszenierungen als Spiel – und Gestaltungsmittel verwendet; sogar interaktive Theaterversuche gibt es, mit denen das Theater den Bühnenraum verlässt und sich ins Netz stellt [..]“ (Jörn Richard 2002: 7).

Derartige Techniken eröffnen innovative Chancen für das Theater, da neue Rezeptionsweisen und Gestaltungspotenziale aufkommen (Birgit Wiens 2014: 24). Susanne Brandl argumentiert, dass mithilfe der Verwendung von digitalen Medien im Theater andersartige Wahrnehmungsräume entstehen, welche neue Dimensionen eröffnen (vgl. Susanne Brandl 2017). Das wird zum Beispiel durch die Nutzung von 3D Brillen, wodurch virtuelle Welten aufgezeigt werden können, begünstigt. Simon Mellor hebt ebenfalls die Wirkung der durch digitale Medien entstehenden, Rezeptionsweisen hervor. „[..] more innovative creative output, better experiences for audiences and access“ (Simon Mellor 2018: 12). Wie im vorherigen Verlauf bereits angedeutet, hat das Theater im Zuge der Digitalisierung einen Rückgang an Zuschauern erfahren (Föhl/Lutz 2010: 58), woraus die Befürchtung eines Theatertods (vgl. Jörn Richard 2002: 7) erwächst.

„Das Theater hat es nicht leicht - in Zeiten von Netflix und Spotify. Nach der Arbeit erholt sich der Durchschnittsmensch gerne auf der Couch, surft im Internet, streamt Filme oder lädt sich Musik herunter. Die Kultur kommt ins Wohnzimmer. Wozu noch rausgehen?“ (Susanne Brandl 2017).

Von der Erschaffung neuer Erfahrungsräume wird sich kommerziell ein gewinnbringender Effekt versprochen, wodurch das Theater für ein digital geprägtes Publikum interessanter werden kann. Die Verwendung digitaler Medien im Theater hat sich dabei als erfolgreich erwiesen (Birgit Mandel 2016/17).

Kai Voges der seit zehn Jahren Intendant3 im Theater in Dortmund ist, sympathisiert ebenfalls mit der digitalen Entwicklung des Theaters. Dieser modifiziert seine Theaterstücke mit Live-Regie, der Kombination von Webinhalten, Videomitschnitten der Inszenierung, Live-Musik und Bilder Collagen (vgl. Sabine Haas). Damit intendiert Voges Theater aus den ursprünglichen Strukturen herauszulösen und den Wandel gesellschaftlicher Bedingungen zu folgen. Der Theatermacher sieht es als Pflicht des Theaters gegenwärtige Aktualitäten der Gesellschaft darzustellen. Diese Ansicht resultiert aus der Definition, die der Intendant dem Theater zuweist.

„Wir haben uns gefragt, was ist Theater? Theater ist immer Gegenwart. Jedes Schauspiel – anders als Literatur oder Musik – wirkt nur in der Gegenwart, im Hier und Jetzt, im Moment der Inszenierung. Daher hat Theater mehr als andere Genres die Pflicht, Gegenwart zu beschreiben, aber auch Mittel der Gegenwart zu nutzen“ (Sabine Haas)

Voges kritisiert, dass trotz der Tatsache, dass Theater die Gegenwart reflektieren sollte, viele Institutionen vehement an vergangenen Konventionen haften. Dieses Phänomen bezeichnet der Theatermacher als Bruch (vgl. Haas). Jene Aussage stützt auch Christie Carson mit der These, dass das Theater sich neue Techniken aneignen muss, um anhaltend die Gesellschaft und Gegenwart reflektieren zu können. „If theatre is to continue to act as a mirror to society it must engage with the changing means of communication which new technologies have brought about“ (Christie Carson 2004: 167).

Doch besteht durch die fortschreitende Digitalisierung des Theaters nicht die Gefahr, dass dieses gänzlich durch digitale Medien vereinnahmt wird? Werden aufgrund derartiger Befürchtungen eventuell Versuche unternommen die beiden Rezeptionsformen voneinander abzugrenzen? Was macht die Eigenheit des Theaters aus, die verhindert, dass das Theater in Zeiten der Digitalisierung den Theatertod (vgl. Richard 2002: 7) erleidet?

2.1 Argumentationen für die Eigenheit des Theaters

„Schon oft, meine sehr verehrten Damen und Herren, hat man das Theater totgesagt“

(Rolf Bolwin 2010: 18).

Wird ein Medium durch ein anderes ergänzt oder ersetzt, passiert immer häufiger, dass die jeweiligen Medien im Konkurrenzkampf um die größere Wertigkeit stehen (Martina Leeker 2001: 10). Diese Entwicklung ist auch bei dem Zusammentreffen digitaler Medien und dem Theater zu beobachten. Die Problemfrage die dabei stets aufgeworfen wird ist, ob das Theater angesichts der Medienvielfalt obsolet wird (Barnett/Mc Gowan/Jürs-Munby 2006: 6). Aufgrund dessen wird der Versuch unternommen, Theater und digitale Medien voneinander abzugrenzen und die Eigenheit des Theaters angesichts der Dominanz digitaler Medien hervorzuheben (Wiens 2014: 32). Gerd Buurmann artikuliert, dass, anders als bei digitalen Medien, die Live Performance Theater keine einfache Schablone von Vergangenem ist, sondern sich durch seine Gegenwärtigkeit und Selbstständigkeit auszeichnet (vgl. Buurmann 2008). Diese Aussage, welche digitale Medien mit einer Schablone gleichsetzt, versucht mittels jener Metapher die Theaterpräsentation von der digitalen Rezeptionsform abzugrenzen. Rolf Bolwin wertet Theater mit seiner These, dass Theater in Zeiten der Digitalisierung mehr gebraucht wird als je zuvor, ebenfalls gegenüber digitaler Medien auf (vgl. Rolf Bolwin 2010: 18). Begründet wird diese Annahme mit der Theorie, dass aus der Digitalisierung eine Informationsflut (vgl. Bolwin 2010: 18) resultiert, die zur Unüberschaubarkeit der Eindrücke führt. Durch die Überflutung der Informationen entsteht Bolwin zufolge eine Ratlosigkeit. „Man kann sehen, hören und wahrnehmen, was man will, doch zunehmend stellt sich die Frage, wer weiß denn noch, was er sehen, hören und wahrnehmen möchte“ (Bolwin 2010: 18). Dieser, hier negativ konnotierte Effekt, ist laut Rolf Bolwin im Theater erheblich vermindert. Das Theater sei im Gegensatz zu digitalen Medien überschaubar. Das stützt der Theoretiker mit der Intendanz, die vorsortiert für die Stadt einen Spielplan gestaltet, gezielt Stücke aussucht und sich somit zu einer Debatte positioniert (vgl. Bolwin 2010: 18). Weiterführend wird das Argument aufgegriffen, dass die Digitalisierung vermehrt die Arbeitswelt betreffen wird. Durch die Verschiebung digitaler Medien ins berufliche Leben werden die Menschen im Privatleben nach einem Ausgleich suchen.

„Das Theater ist eine dieser Gegenwelten. Es ist ein Ort direkter Kommunikation. Liebe und Hass, die Höhepunkte und Abgründe des Lebens, das Gute und das Böse werden erlebt an leibhaftigen Schauspielern, Sängern und Tänzern. Sie sind Teil der Realität im Moment des Zuschauens und doch nicht die Realität, sondern nur das Spiel der Wirklichkeiten“ (Rolf Bolwin 2010: 19).

Martina Leeker bezeichnet als Eigenart des Theaters dessen „Liveness“ und die Kopräsenz von Akteuren und Zuschauern (vgl. Martina Leeker 2001: 10). „Liveness“ wird laut Leeker nicht von den elektronisch – digitalen Medien aufgehoben. Medien haben lediglich einen Einfluss auf die Gestaltung der Performance und erweitern die Möglichkeiten der Darstellung. Mit dem körperlichen Erleben in einer nicht medialen, unmittelbaren Situation entstehen laut Leeker Eindrücke, die elektronische Medien mit örtlich entfernten Bühnen niemals evozieren könnten (vgl. Leeker 2002: 171).

Auffällig bei den unternommenen Versuchen digitale Medien und Theater voneinander abzugrenzen ist die Tatsache, dass digitale Medien semantisch abgewertet werden. „Die unterstellte Eigenart des Theaters lässt sich so im Grunde auch ex negativo4 von den Medien ableiten: Körper statt Bild, Versammlung statt Vereinzelung, Reflektion statt Konsum“ (Ulf Otto 2013: 53). Bei den Versuchen Theater zu charakterisieren wird somit als Methode die Denunzierung digitaler Medien gewählt, um die Eigenart theatraler Live Performance hervorzuheben. „Und so wird die antimediale Eigenart des Theaters als ein ontologisches A priori konstruiert, das [..] aus der vermeintlichen Eigenart zugleich auch eine moralische Überlegenheit ableitet [..]“ (Otto 2013:53).

Auf die Aufwertung des Theaters gegenüber digitaler Medien reagieren auch Medienwissenschaftler, welche im Gegenzug die Eigenschaften des Theaters kritisieren. Ein Kritikpunkt stellt Martina Leeker in ihrer Publikation vor. Die Theoretikerin argumentiert, dass bei der Frage um die größere Wertigkeit der Rezeptionsformen, Medienkünstler und Medienwissenschaftler dem Theater vorwerfen, Interaktion zu unterbinden und damit die demokratisierenden Potenziale der Computertechnologie5 zu negieren (vgl. Leeker 2001: 11). Bei Betrachtung dieser Aussage könnte der Eindruck entstehen, dass das Theater völlig unabhängig von digitalen Medien agiert. Doch ist diese Sichtweise angesichts der Tatsache, dass Theater und digitale Medien heutzutage enorm zusammenlaufen, möglicherweise nicht rudimentär? Könnte es nicht sein, dass die Kommunikation mit dem Zuschauer unter dem Einfluss digitaler Medien, viel interaktiver wird? Im Hinblick auf diese These ist es interessant die Zuschauerrolle im digitalisierten Theater zu betrachten. Was für neue Möglichkeiten bilden sich für die Rezipienten und wie partizipieren diese unter Einfluss digitaler Medien am Theatergeschehen ?

3 Die Entwicklung des Theaterzuschauers

Martina Leeker hält fest, dass digitale Medien im Gegensatz zu dem Theater den Rezipienten nicht nur als Zuschauer ansprechen, sondern diesen zum interaktiven Handeln auffordern (Leeker 2002: 172). Während der Rezipient im Theater die Aufführung vom Sitzplatz aus wahrnimmt, entstehen bei digitalen Medien Handlungsspielräume, in denen User interagieren können. Im Vorfeld wurde bereits angedeutet, dass derartige Abgrenzungen angesichts der Entwicklung, dass digitale Medien anwachsend im Theater aufzufinden sind, unzureichend sein könnten.

„Dieses Spannungsverhältnis kommt gerade in der künstlerischen Begegnung von elektronisch – digitalen Medien und Theater / Performance insofern zum Tragen, als es in ihr zu einer Überlappung von medialen und nicht – mediatisierten, von körperlichen und technisch – maschinellen Darstellungsweisen und Performances kommt [..]“ (Martina Leeker 2002: 172).

Ergeben sich dadurch neue Weisen wie der Zuschauer an der Darstellung partizipiert?

Seit dem 18. Jahrhundert lag der Fokus auf den Akteuren der Bühne und der internen Kommunikation (vgl. Steffen Höhne 2012: 46). Dem Zuschauer wurde dabei jegliche Mitwirkung am Theatergeschehen untersagt (Höhne 2012: 29). Diese passive Rolle des Rezipienten verändert sich mit Eintritt der Moderne.

„Das resümierende Publikum fungiert in der neuen Wahrnehmung als Vermittler zwischen Kunst und gesamter Gesellschaft, der Zuschauer wird gar (neben Autor, Schauspieler, Regisseur) zum vierten Schöpfer, womit zumindest in den theatertheoretischen Schriften eine Revision des Topos bürgerlicher Passivität erfolgt. “ (Steffen Höhne 2012: 46).

Aus diesem Wandel resultiert, dass der Zuschauer als aktiv Mitwirkender im Geschehen verstanden wird und darüber hinaus sogar zum Initiator avanciert (Höhne 2012: 46). Wie dem aufgeführten Zitat zu entnehmen ist, war diese Vorstellung vom aktiven Theaterzuschauer primär theoretischer Natur (Höhne 2012: 46). In Zeiten der Digitalisierung nähert sich dieses Bild der Praxis an, indem neue Strategien entworfen werden, um den Zuschauer an der Theatervorstellung zu beteiligen. „Dem Publikum wird so eine aktive Mitwirkung am Theatergeschehen angeboten [..], welche die Motivation für einen Theaterbesuch steigern und zur Besucherbindung beitragen kann“ (Föhl/Lutz 2010: 59). Dadurch haben sich neue Erzählweisen herauskristallisiert (vgl. Marie – Dominique Wetzel 2017), bei denen der Rezipient, mithilfe von Technologien, interaktiv eingebunden wird. Derartig interaktive Geschehen im Theater, werden als partizipative Theaterformen6 bezeichnet (Michael Wrentschur 2014). Dabei wird das Publikum berechtigt, am Spielgeschehen teilzunehmen und mittels verschiedener Technologien, Entscheidungen zu treffen. Die partizipative Theaterform, unter Verwendung digitaler Medien, hat immensen Einfluss auf die Art, wie der Rezipient die Vorstellung erlebt, da der Zuschauer durch die Partizipation7 eine ganz andere Erfahrung macht.

[...]


1 In dieser Hausarbeit wird von dem Standpunkt ausgegangen, dass digitale Medien als Kommunikationsträger verstanden werden. In der digitalen Welt, lassen sich Informationen über verschiedene Formate erstellen und wiedergeben (vgl. Omnia 360 2018) „Dabei können die technischen Verbreitungsmedien im Kommunikationsvorgang ausgetauscht werden und es kommt zu einer sogenannten Medienkonvergenz. Darunter ist die Verschmelzung verschiedener Medien auf der technischen-, der inhaltlichen- und der Nutzungsebene zu verstehen“ (Omnia 360 2018). Somit umfasst der Medienbegriff in dieser Hausarbeit sämtliche digitale Medien, die gebräuchlich sein können. Darunter fallen digitale Medien, wie Live – Videos, Videoeinspielungen oder digitale Kameras (vgl. Wulf Schlünzen)

2 Birgit Wiens fasst mit dem Begriff die Faktenlage zusammen, dass von einer Abgrenzung einzelner Medien beziehungsweise Künste nicht mehr ausgegangen werden kann (vgl. Wiens 2014: 30). „Der Begriff – in einer ersten , allgemeinen Definition – umfasst [..], die 'Gesamtheit aller Mediengrenzen überschreitenden Phänomene [..], die [..], in irgendeiner Weise zwischen Medien anzusiedeln sind' “ (Wiens 2014:30).

3 „Der Intendant ist Leiter des künstlerischen, technischen und administrativ/wirtschaftlichen Theaterbetriebs. [..] Die Aufgabe des Intendanten ist die Umsetzung der Ziele des Theaterträgers zu einer künstlerischen Gesamtkonzeption für Theater und Publikum mit den zur Verfügung stehenden Finanzmitteln“ (Deutscher Bühnenverein).

4 Ex negativo bedeutet, dass etwas definiert wird, indem aufgezählt wird, was der zu definierende Gegenstand, nicht ist (Wortbedeutung.info).

5 Zu den demokratisierenden Potenzialen zählen laut Leeker, die technische Interaktion, die den Rezipienten aus der Zuschauerrolle herauslöst und diesem zum Akteur werden lässt. Daraus erwächst ein kommunikativer Prozess (vgl. Leeker 2002: 172) wobei, die vom Nutzer ausgehenden Eingriffsmöglichkeiten als demokratisierend bezeichnet werden.

6 Die partizipative Theaterform wird in diesem Kontext lediglich im Hinblick auf digitale Medien erörtert. Weitere partizipative Theaterformen werden an dieser Stelle außen vor gelassen.

7 Der Begriff der Partizipation stützt sich, definitorisch gesehen, auf die Erläuterung von Bettina Brandl – Risi. Brandl – Risi analysiert den Partizipationsbegriff folgendermaßen: „erfasst das Verhalten von Individuen oder Kollektiven am Schnittpunkt von Passivität und Aktivität, Bewegtwerden und Bewegen. Partizipieren heißt nicht notwendig, Mitglied einer Gruppe oder Institution zu sein. Zu Partizipation kommt es, wo ein Akteur den Eindruck hat, dass sein eigenes Erleben, Erfahren und Handeln sich in einer ›realen‹ oder ›virtuellen‹ Nähe zu dem anderer vollzieht.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung zum aktiven Theaterzuschauer durch digitale Medien
Untertitel
Die Zuschauerrolle in den Theaterstücken "She She Pop" und "Rimini Protokoll"
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
24
Katalognummer
V490926
ISBN (eBook)
9783668983878
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entwicklung, theaterzuschauer, medien, zuschauerrolle, theaterstücken, rimini, protokoll
Arbeit zitieren
Sharon Isienyi (Autor), 2019, Die Entwicklung zum aktiven Theaterzuschauer durch digitale Medien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490926

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