Inwiefern konnte das Comité des Délégations Juives auf der Pariser Friedenskonferenz Erfolge verzeichnen? Jüdische Diplomatie in der Zwischenkriegszeit


Hausarbeit, 2019
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Zwischenkriegszeit
1. Minderheitenproblematik
2. Pariser Friedenskonferenz

III. Comité des Délégations Juives
1. Entstehungskontext
2. Ausrichtung
3. Diplomatie

IV. Minderheitenschutzverträge
1. Entstehung der Verträge
2. Durchsetzung der Verträge

V. Erfolge des Komitees

VI. Fazit

I. Einleitung

Am Anfang des 20. Jahrhunderts stellte das Ende des Ersten Weltkrieges die Ausgangslage für die Neuordnung Europas dar. Man war darin interessiert, einheitliche Nationalstaaten nach westlichem Vorbild zu erschaffen.1 Diese Vorstellung war jedoch im osteuropäischen Raum durch die dortigen inhomogenen Siedlungsverhältnisse schwer umzusetzen. Millionen von Minderheiten hatten hier ihre eigenen Bestrebungen, die nicht zwangsläufig den Vorhaben der Großmächte gleichkamen. Somit stellten die Minderheiten eine zentrale Thematik für die Nachkriegspolitik dar. Unter diesen besagten Minderheiten befand sich auch das jüdische Volk wieder, welches ebenfalls seine eigenen Interessen hatte.

So war es das Ziel, während der Pariser Friedenskonferenz mit den jeweiligen Parteien vertragliche Reglungen auszuhandeln, um den Minderheiten einen Schutz zu ermöglichen. In diesem Rahmen versuchten die Teilnehmer*innen2 der Konferenz im Interesse ihrer eigenen Länder und im Interesse der teilweise noch in der Gründung begriffenen Nationen zu handeln. Die jüdische Bevölkerung wurde trotz nicht vorhanden Staates unter anderem durch das Comité des Délégationes Juives repräsentiert. Unter dieser besonderen Voraussetzung ergibt sich die Frage: „Inwiefern konnte das Comité des Délégationes Juives auf der Pariser Friedenskonferenz Erfolge verzeichnen?“.

Um diese Frage beantworten zu können, ist die Arbeit wie folgt aufgebaut. Für eine geschichtliche Kontextualisierung beginnt die Diskussion mit dem Kapitel II. Zwischenkriegszeit. Hier werden den Unterpunkten die Situation der Minderheiten nach dem Krieg sowie der Verlauf der Pariser Friedenskonferenz beleuchtet. Der territoriale Fokus liegt dabei auf Europa, und zwar insbesondere auf Osteuropa, da hier der Kern des Problems lag. Um das Handeln des Comité des Délégationes Juives einordnen und einschätzen zu können, gilt es im III. Abschnitt, dessen Entstehung, Ausrichtung und Diplomatie zu verdeutlichen. Wichtig ist auch der Vergleich zu anderen jüdischen Gruppierungen, die in diesem Zeitraum ebenfalls Akteure der Friedenskonferenz waren. Nachdem die Besonderheiten des Komitees herausgearbeitet wurden, folgt in IV. Minderheitenschutzverträge die Betrachtung der Entstehung der Verträge sowie deren Umsetzung. Hierbei soll auch hervorgehoben werden, welche Möglichkeiten zur Einflussnahme das Komitee letztlich hatte.

Unter dem Gesichtspunkt der zuvor erarbeiteten Kapitel wird im V. Teil der Versuch unternommen, argumentativ abzuwägen, ob sich die Komiteearbeit als Erfolg interpretieren lässt oder nicht. Am Ende steht ein zusammenfassendes Fazit.

II. Zwischenkriegszeit

Mit dem endgültigen Zusammenbruch des Russischen, Deutschen und Habsburgischen Reichs sowie dem Rückzug des Osmanischen Reichs aus Europa zeichnete sich 1918 das Ende des Ersten Weltkriegs ab3. Derweil strebten verschiedene Nationalitäten in den verbliebenen Vielvölkerreichen ihre politische Selbstständigkeit und Souveränität und damit einhergehend die Gründung eigener Nationalstaaten an. So sah sich Europa mit dem Kriegsende diversen Herausforderungen gegenüber, die vor allem die Sicherung des Friedens und die Neuordnung der Nationalstaaten betrafen. Diese Probleme galt es auf der Pariser Friedenskonferenz, auf die im Verlauf dieser Arbeit näher eingegangen wird, anzugehen.

Mittels der Friedensverträge, die während der Konferenz entstanden, kam es in Ostmittel- und Südosteuropa zu den Neugründungen von Estland, Finnland, Litauen, Lettland und der Tschechoslowakei.4 Polen erlangte ebenfalls nach langjähriger Teilung seine Unabhängigkeit wieder.5 Bereits existierende Staaten wie Bulgarien, Griechenland und Rumänien konnten ihre Grenzen durch neue Territorien erweitern, währenddessen Länder wie Deutschland und Österreich Gebiete abtreten mussten. Gerade in Bezug auf Deutschland befürchtete man die Revision der Nachkriegsordnung.6 Die Gründung neuer Staaten brachte allerdings den Vorteil, einen sicheren Raum zwischen den Großmächten Russland und Deutschland zu schaffen, welche ohnehin als Gefahr galten.7 Nachteil der Erweiterung und Neugründung von Staaten war jedoch, dass komplexe Siedlungsverhältnisse vorherrschten. Die unübersichtlichen Bevölkerungsverteilungen in Osteuropa ließen sich nicht durch die Grenzziehung lösen, da man die „Übereinstimmung ethnischer mit territorialen Grenzen“8 nicht erzwingen konnte. Dadurch stellte die Situation der Minderheiten ein zentrales politisches Problem Europas dar, welches gelöst werden musste, um den Frieden sichern zu können.

1. Minderheitenproblematik

Die territorialen Veränderungen durch den Ersten Weltkrieg beschreibt der Historiker Phillip Graf wie folgt:

„Aufgrund der Grenzziehung zu Ende des Weltkriegs, die […] nur willkürlich sein konnte, fanden sich erhebliche Bevölkerungsteile quasi über Nacht auf dem Gebiet eines fremden Staates wieder.“9

Dieser Umstand sorgte sowohl bei den Minderheiten als auch bei den jeweiligen Regierungen für große Unzufriedenheit. Aufseiten der Staaten sah man in den Minderheiten die potenzielle Gefahr der Loslösung vom Staat oder der Gründung eines neuen Staates im bereits bestehenden Staat. Ein konkretes Beispiel für diese Befürchtungen war Polen mit seiner Bevölkerung, welche nur zu zwei Dritteln aus polnischen Bürger*innen bestand. Bei dem Rest handelte es sich größten Teils um Jüd*innen, Deutsche, Weißruss*innen und Ukrainer*innen. Hier bestand unter anderem die Angst, dass die 1,7 Millionen Deutschen die verlorenen Gebiete Deutschlands wieder für sich beanspruchen könnten.10 Bei einem Eintreten dieser Annahme wäre die polnischen Souveränität in Gefahr. Um eine derartige Schwächung zu verhindern, kam es quasi als Gegenbewegung - zu einem Erstarken des polnischen Nationalismus, mittels dessen man eine „ethnische Homogenisierung“11 anstrebte.

Ein weiteres Problem des Zusammenlebens verschiedener Ethnien im Nachkriegseuropa beschreibt Mark Mazower wie folgt:

„Wo ein Staat seine Macht dem „Volk“ verdankte und dieses Volk als Nation definiert war, konnte das Existieren anderer ethnischer Gruppen innerhalb der Staatsgrenzen all jenen, die an das Prinzip der Selbstbestimmung der Völker glaubten, nur als Störfaktor, Bedrohung und Herausforderung erscheinen.“12

So erklärt sich auch der Verzicht auf die Attribuierung „nationale“ Minderheiten in den Minderheitenschutzverträgen und die Bevorzugung von Assimilierung als Lösung des vermeintlichen Problems der souveränitätsbedrohenden Ethnienvielfalt.13 Weitere Folgen, die die Verwendung des Begriffs „national“ in diesem Kontext mit sich gebracht hätten, werden im Abschnitt IV.1. Entstehung der V erträge skizziert.

Um die Sichtweisen der besagten Minderheiten nachvollziehen zu können, ist zu betonen, dass diese umgekehrt ihre Rechte durch die neuen Nationalstaaten bedroht sahen. Sie standen vor der Entscheidung, sich entweder durch Assimilierung einzugliedern, indem sie sich als treue Staatsbürger*innen definierten - oder aber sich weiterhin durch ihre Heimatnationen zu definieren.14 Die Minderheiten erkannten jedoch, dass für ein friedliches Zusammenleben eine Assimilierung im neuen Staat nicht zwingend die einzige Lösung war. Aufgrund dessen forderten ihre Vertreter besondere kollektive Rechte. Diese sollten ihnen ermöglichen, ihre jeweilige kulturelle, nationale oder religiöse Identität zu bewahren und gleichwohl Staatsbürgerrechte zu erlangen.15

Die Alliierten erstrebten eine Entschärfung des Konflikts mittels Minderheitenklauseln, auf die im Abschnitt IV. Minderheitenschutzverträge näher eingegangen wird.

Um im weiteren Verlauf eine differenzierte Betrachtung zwischen der jeweiligen jüdischen Minderheit und anderen Minderheiten zu ermöglichen, ist im Folgenden zunächst deren elementarer Unterschied herauszuarbeiten.

Die große jüdische Minderheit hatte im Vergleich zu den anderen Minderheiten einen erheblichen Nachteil – den der Staatenlosigkeit der Betroffenen. Während z.B.eine deutsche Minderheit in Polen sich im Zweifelsfall auf die Unterstützung des deutschen Staates berufen konnte, stand den Jüd*innen dieses Privileg nicht zu. Somit waren sie im Vergleich besonders schutzlos gegenüber Übergriffen Dritter. Ebenfalls unterschied sie von den anderen Minderheiten, dass sie nicht in der Position waren, nach dem Krieg einen eigenen Staat zu fordern. Deshalb war das Streben nach gesicherten Rechten innerhalb des neuen Staates für die Jüd*innen von umso größerer Bedeutung.16 Gleichzeitig sah beispielsweise der polnische Staat in der jüdischen Bevölkerung eine Gefahr, was unter anderem auch durch die Pogrome gegen Jüd*innen in Polen während des Weltkriegs zum Ausdruck kam.17 Vorherrschend war in Polen staatlicherseits jedenfalls die Angst vor einer Staatsgründung im Staat.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass ein gegenseitiges Misstrauen zwischen den Staaten und den in diesen Staaten angesiedelten Minderheiten herrschte. Hier muss allerdings die besonders schutzlose Situation der Jüd*innen im Vergleich zu den anderen Minderheiten hervorgehoben werden.

2. Pariser Friedenskonferenz

Wie aus dem vorgehenden Abschnitt ersichtlich wurde, war die Situation der Minderheiten in Europa ein bedeutender Punkt auf der komplexen Agenda der Nachkriegspolitik. Vor diesem Hintergrund wurde mit dem Ende des Ersten Weltkriegs die Pariser Friedenskonferenz einberufen, die vom 18. Januar 1919 bis zum 21.Januar 1920 andauerte. Vertragliche Regelungen zwischen den Staaten sollten dazu beitragen, den Frieden zu sichern. An der Konferenz nahmen 32 Staaten teil, darunter auch die Siegermächte Großbritannien, Frankreich, Italien und die USA, denen eine hohe Relevanz zukam. Aus der Tatsache heraus, dass jedes Land seine eigenen Vertreter hatte, ergibt sich die Frage, in welcher Form die jeweilige jüdische (Minderheiten-)Bevölkerung der betroffenen Einzelstaaten auf dieser Konferenz vertreten wurde. Hier gab es tatsächlich gleich mehrere Gruppen, die diese Minderheiten zu repräsentieren beanspruchten: Sie wurden vom Britisch-jüdischen Joint Foreign Comitee, der Alliance Israélite Universelle, dem American Jewish Comitté und dem Comité des Délégationes Juives vertreten, auch wenn diese Organisationen in ihrer jeweiligen Handlungsmacht massiv eingeschränkt waren.18 Im III. Teil dieser Arbeit folgt eine nähere Beschreibung des zuletzt genannten Komitees.

Im Rahmen der Pariser Konferenz wurde schließlich eine Reihe von Minderheitenschutzverträgen verabschiedet, die eine weitestgehende Interessenbefriedigung der besagten Minderheiten und der neu gegründeten Staaten erzielen sollten. Auf deren Inhalt wird im Punkt IV. der Arbeit detaillierter eingegangen.

[...]


1 Vgl. Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Frankfurt/ Main: Europäischer Verlagsanstalt 1955. S. 435.

2 Im Sinne der Gleichberechtigung wird in dieser Arbeit das Gendersternchen verwendet. Teilweise kommt es jedoch zur Nutzung des generischen Maskulinums, wie z.B. bei „Vertreter des Komitees“, wenn es keine (sichtbaren) weiblichen Akteurinnen gab.

3 Vgl. Bastiaan Schot: Nation oder Staat? Deutschland und der Minderheitenschutz: Zur Völkerbundspolitik der Stresemann-Ära. Marburg/ Lahn: J.G. Herder-Institut 1988. S. 1.

4 Vgl. Philipp Graf: Die Bernheim-Petition 1933. Jüdische Politik in der Zwischenkriegszeit, Göttingen: Vadenhoeck & Ruprecht 2008. S. 39f.

5 Vgl. Bastiaan Schot: Nation oder Staat? Deutschland und der Minderheitenschutz. S. 1.

6 Vgl. Philipp Graf: Die Bernheim-Petition 1933. S. 41.

7 Vgl. Mark Mazower: Der dunkle Kontinent. Europa im 20. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Hans-Joachim Maass. Frankfurt/ Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2002. S. 72.

8 Vgl. Philipp Graf: Die Bernheim-Petition 1933. S. 40.

9 Ebd.

10 Vgl. Philipp Graf: Die Bernheim-Petition 1933. S. 43f.

11 Ebd., S. 41.

12 Vgl. Mark Mazower: Der dunkle Kontinent. S. 69.

13 Vgl. Philipp Graf: Die Bernheim-Petition 1933. S. 45.

14 Ebd., S. 41

15 Ebd.

16 Vgl. Philipp Graf: Die Bernheim-Petition 1933. S. 71.

17 Ebd., S. 80.

18 Vgl. Philipp Graf: Die Bernheim-Petition 1933. S. 75.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Inwiefern konnte das Comité des Délégations Juives auf der Pariser Friedenskonferenz Erfolge verzeichnen? Jüdische Diplomatie in der Zwischenkriegszeit
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Diplomatie ohne Staat – Jüdische Politik in der Moderne
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V492616
ISBN (eBook)
9783668995826
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedenskonferenz, Zwischenkriegszeit, jüdische Diplomatie, Hannah Arendt, Minderheiten, Comité des Délégations Juives, weltkrieg
Arbeit zitieren
Ilayda Ipek Karakurt (Autor), 2019, Inwiefern konnte das Comité des Délégations Juives auf der Pariser Friedenskonferenz Erfolge verzeichnen? Jüdische Diplomatie in der Zwischenkriegszeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492616

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