Max Webers Religionssoziologie im Kontext des East Asian Miracle


Hausarbeit, 2017
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Webers Religionssoziologie - Konfuzianismus und Taoismus
2.1 Äußere Ähnlichkeit und innere Differenz – Der Vergleich von Protestantismus und Konfuzianismus
2.2 Konfuzianische Ethik und die Patrimonialbürokratie – Webers drei Gründe für das Scheitern des modernen Kapitalismus in China
2.3 Kritische Rezeption der Konfuzianismusstudie

3. Webers Werk im Kontext des East Asian Miracle
3.1 Prüfungswesen und die Bedeutung von Bildung für die wirtschaftliche Entwicklung Ostasiens
3.2 Die Relevanz von familiären Werten

4. Fazit

I. Literaturverzeichnis

1. EINFÜHRUNG

Max Webers Religionssoziologie stellt einen fundamentalen und zugleich hoch kontroversen Beitrag zur Erklärung der Entstehung des Kapitalismus dar. Diese Hausarbeit soll die Ursprünge der wirtschaftlichen Entwicklungen in Ostasien untersuchen und dabei sowohl politisch-ökonomische Argumente, als auch soziologische Analysen mit einbeziehen. Während die politische Ökonomie das East Asian Miracle als ein Produkt bestimmter Wirtschaftspolitik sieht, versucht Max Weber in seiner protestantischen Ethik die religiösen Ursprünge für eine Wirtschaftsordnung nachzuvollziehen. (Hall/ Soskice 2001) Nun spricht Weber in seiner Analyse Konfuzianismus und Taoismus dem ostasiatischen Kulturraum die Fähigkeit ab, einen spezifisch modernen Kapitalismus zu entwickeln. (Weber 2014: 284) Dies begründet Weber in der kaum vorhandenen Fähigkeit des Konfuzianismus, die „religiöse Entwertung der Welt“ voranzutreiben. Der Volkswirt Ming-Yih Liang sieht eben im Konfuzianismus das kulturelle Fundament für den wirtschaftlichen Erfolg der ostasiatischen Länder. So soll diese Hausarbeit klarstellen, wie stark soziokulturelle Faktoren die wirtschaftliche Entwicklung beeinflussen. Vordergründig entsteht ein Widerspruch zwischen Webers Schlussfolgerung zum Konfuzianismus und dem immensen wirtschaftlichen Erfolg ostasiatischer Staaten. Hier soll verdeutlicht werden, dass es sich hier um einen scheinbaren Widerspruch handelt. Denn Weber hat in seinen Beobachtungen zur Wirtschaftsethik nie die Herausbildung einer anderen Ausprägung des Kapitalismus in Frage gestellt. Außerdem ist Konfuzianismus und Taoismus nicht als eine universelle Kulturanalyse zu betrachten, sondern als ein Vergleich von Konfuzianismus und Protestantismus. Der Bezugspunkt ist immer der Okzident, der mit Entwicklungen in anderen Regionen der Welt verglichen wird. Somit sind Webers Theorien zu Ostasien durchaus ein wichtiger Beitrag zum Verständnis des Konfuzianismus, reichen alleine aber nicht aus, um die Ursprünge des Kapitalismus in Ostasien zu erklären.

Besondere Aufmerksamkeit erfuhr das Phänomen East Asian Miracle in der Publikation „Rethinking the East Asian Miracle“ der Weltbank. Nach dem zweiten Weltkrieg zeichnete sich die wirtschaftliche Entwicklung in den sogenannten „Four Tigers“ (Taiwan, Südkorea, Hongkong und Singapur) durch eine hohe Sparquote der wirtschaftlichen Akteure und eine Tendenz hin zur Imitation statt Innovation in den erfolgreichen Wirtschaftssektoren ab. (Liang 2010:206) In der politischen Ökonomie wird dieser Erfolg primär durch die starke Rolle eines sogenannten „Entwicklungsstaates“ (Block 2008: 171) erklärt, der durch gezielte Förderung bestimmter Industriesektoren die hohen Wachstumsraten ermöglicht hat.

In Webers Konfuzianismusstudie ergibt sich ein stark abweichendes Bild des Potentials der wirtschaftlichen Entwicklung Ostasiens. Er möchte verstehen, warum sich im Gegensatz zum Okzident in Ostasien kein moderner Kapitalismus herausgebildet hat. (Schluchter 1992:42) Weber sieht im praktischen Rationalismus durchaus eine äußere Ähnlichkeit zwischen dem Okzident und dem konfuzianischen Kulturraum, weist jedoch auf die ausschlaggebende innere Differenz dieser Systeme hin. Jene innere Differenz lässt sich nach Wolfgang Schluchter in der Konfuzianismusstudie auf drei Punkte zurückführen: „1. auf den Charakter der „irrationalen Verankerung“ der Ethiken; 2. auf den Charakter der Trägerschichten dieser Ethiken; und 3. auf den Charakter der Ordnungskonfiguration, in die diese Ethiken letztlich eingebunden sind.“. (ebd. 22) Weber sieht in diesen Abweichungen von der „okzidentalen Entwicklung“ den zentralen Grund für das nicht Zustandekommen eines modernen Kapitalismus in Ostasien.

Im ersten Teil der Arbeit wird diese Argumentation exegetisch erläutert und die vorhandenen kritischen Positionen zu Webers Konfuzianismusstudie zusammengefasst. Jene kritischen Positionen sollen im zweiten Teil dieser Hausarbeit durch Thesen der Volkswirtschaft ergänzt werden, die Teilbereiche des Konfuzianismus als förderlich für die wirtschaftliche Entwicklung in Ostasien sehen. Ming-Yih Liang weist im American Economic Journal auf die Verankerung von Bildung, Familienwerten und die damit einhergehende Bereitschaft zum Sparen im Konfuzianismus hin. (Liang 2010:209–211) Liangs volkswirtschaftliche Erläuterungen postulieren nicht eine Fehlprognose Webers, sondern weisen lediglich auf ein anderes Kapitalismusverständnis in der Konfuzianismusstudie hin. Nach Liang gibt es einen Typus von Wachstum, der sich durch immerwährende Innovation auszeichnet und einen anderen Typus, der diesen Innovationen folgt und sie optimiert. Erstere rechnet er dem Okzident, letztere den ostasiatischen Ländern zu. (Liang 2010: 209) Somit bewegt sich Liang in einem Feld der politischen Ökonomie, die verschiedene Denominationen des Kapitalismus identifiziert hat. Webers Konfuzianismusstudie ist komparativer Natur und stellt keine universalistische Kulturanalyse Ostasiens dar. Sie versucht das Geworden Sein des modernen Kapitalismus im Okzident im Verhältnis zu anderen Regionen zu erklären. Somit kann sie auch nicht als Erklärungsmuster für die wirtschaftliche Entwicklung in Ostasien dienen, sondern vielmehr als ein Ansatz von vielen, die ursprünglichen Entwicklungen wissenschaftlich zu erklären. Es ist die Frage nach dem Ursprung des modernen Kapitalismus und nicht nach der Diffusion und Ausgestaltung dieses Wirtschaftssystems in der Welt. In der komparativen Natur von Webers Studie steckt letztlich auch sein zugrundeliegendes Kapitalismusverständnis, dass dem Wachstum durch Innovation, wie Liang es definiert hat, entspricht. Diese Innovation lässt sich tatsächlich schwer mit den Vorstellungen des Konfuzianismus vereinbaren, welcher jedoch zur Ausprägung einer anderen Denomination des Kapitalismus führte, die Weber wahrscheinlich nicht im Sinn hatte. Dieser Kapitalismus zeichnet sich - wie oben bereits erwähnt - durch eine hohe Sparquote der wirtschaftlichen Akteure und anfangs durch eine Tendenz zur Imitation statt Innovation in den erfolgreichen Wirtschaftssektoren aus.

In dieser Hausarbeit wird die Konfuzianismusstudie Webers exegetisch betrachtet und mit der empirischen Realität in Ostasien verglichen. Dabei wird auf die Primärquelle Konfuzianismus und Taoismus und die einschlägige Sekundärliteratur eingegangen. Hier liegt der Fokus auf Wolfgang Schluchters Abhandlung „Religion und Lebensführung, Band 2“, um das Verständnis für Webers Religionssoziologie zu schärfen. Die Perspektiven aus der Sinologie und den Werken Joseph Needhams sollen an dieser Stelle Erwähnung finden, können allerdings nicht im Einzelnen in dieser Hausarbeit erörtert werden. Die Sinologie als Wissenschaft ist durchaus relevant, da sie jenen Kulturraum als Thema hat, der in der Konfuzianismusstudie betrachtet wird. Das gilt ebenso für die Werke von Joseph Needham, der sein Leben der Erforschung Chinas mit besonderem Augenmerk auf die naturwissenschaftliche Entwicklung in diesem Land gewidmet hat. Im Anschluss an die bestehende kritische Rezeption Webers in der Sekundärliteratur wird auf die volkswirtschaftlichen Betrachtungen Ming-Yih Liangs eingegangen, der den Konfuzianismus unter der Bezugnahme auf Weber als einen zentralen Ursprung für das historisch-wirtschaftliche Geworden Sein der ostasiatischen Länder anführt. Zuletzt sei nochmals betont, dass Webers Erkenntnissinteresse immer der historische Ursprung des modernen Kapitalismus war und seine Thesen nicht direkt mit Ansätzen von Hall und Soskice, die in Ihrem Modell Varieties of Capitalism die Diffusion und Denominationen des Kapitalismus betrachten, verglichen werden kann. Es muss explizit zwischen der Betrachtung des historischen Geworden Seins des modernen Kapitalismus und den kontemporären Analysen der Ausprägungen des Kapitalismus unterschieden werden. Dies gilt ebenso für die Analyse Liangs, wobei diese durchaus Bezug auf die historisch gewachsenen Merkmale des Konfuzianismus nimmt, um den wirtschaftlichen Erfolg ostasiatischer Länder zu erklären.

2. Webers Religionssoziologie - Konfuzianismus und Taoismus

Webers Wirtschaftsethik der Weltreligionen stellt eine umfassende Analyse des religiösen Ursprungs von Wirtschaftsethiken und Wirtschaftsgesinnungen dar. (Schluchter 1992: 16) Der hier behandelte Band Konfuzianismus und Taoismus ist zunächst ein Vergleich von Konfuzianismus und Protestantismus. Somit handelt es sich nicht um eine universelle Kulturanalyse Ostasiens, sondern um eine Abgrenzung der vorherrschenden Wirtschaftsgesinnung des Konfuzianismus von jener Wirtschaftsethik des Protestantismus, die nach Weber zur Berufsethik und zur Herausbildung des Geistes des Kapitalismus führte. Dieses komparative Element ist neben der Frage des Ursprungs modernen Kapitalismus essentiell für das Verständnis seiner Ausführungen. Eine solche Herangehensweise wählt Weber, um die Protestantismusstudie „ihrer Isoliertheit zu entkleiden“ und durch den Vergleich historischer Eigenarten die Sichtweise auf die europäische Entwicklung zu schärfen.

Die Konfuzianismusstudie wurde 1915 verfasst und 1920 von Weber im Kontext seiner Überarbeitungen des Gesamtwerkes redigiert. Der hier behandelte Abschnitt seines Werkes erfuhr besondere Aufmerksamkeit, wurde jedoch in seiner Grundintention nicht verändert. Schluchter konstatiert eine Erweiterung um „wirtschafts-, verwaltungs-, und rechtssoziologische Analysen“ (Schluchter 1992: 19), welche immerhin vier weitere Kapitel in Anspruch nahmen. Im folgenden Abschnitt wird auf den Kerngedanken Webers Konfuzianismusstudie eingegangen: die äußere Ähnlichkeit und die innere Differenz von Konfuzianismus und Protestantismus.

2.1 Äußere Ähnlichkeit und innere Differenz – Der Vergleich von Protestantismus und Konfuzianismus

Grundsätzlich stellt sich die Frage, wie sich magische beziehungsweise religiöse Lebensformen zum modernen Kapitalismus verhalten. In der Konfuzianismusstudie soll diese Frage für den betreffenden Kulturraum geklärt und dessen Voraussetzungen für den modernen Kapitalismus nach Weber überprüft werden. (Schluchter 1992: 22) Schluchter greift die Kritik an Webers Typologie in der Konfuzianismusstudie anfangs auf und betont die heuristische und gerade nicht normative Natur Webers Wahl der Begriffe. (ebd.) Er wählt die Teile des Konfuzianismus und der chinesischen Geschichte nicht aus einem Überlegenheitsdenken im Sinne des Eurozentrismus aus, sondern entscheidet sich zweckmäßig für die relevanten Aspekte der konfuzianischen Kultur.

Jene Typologie teilt sich in drei zentrale Begriffe auf: Weltreligion, Kulturreligion und Erlösungsreligion. (Schluchter 1992: 24) Eine Religion muss nicht zwangsweise nur einen der Begriffe zugeordnet werden, sondern kann durchaus mehreren Typen entsprechen. Die Unterscheidung dieser drei Idealtypen wird anhand Webers Definition von religiösem Handeln vollzogen. Weber differenziert hier zwischen dem der Welt beziehungsweise dem Dasein und der „Hinterwelt“, in der er magische und religiöse Götter lokalisiert. Somit findet das menschliche Handeln in diesen beiden Welten statt. Denn Menschen und Gegenstände werden neben ihrer Bedeutung im Dasein in der Hinterwelt zu „Symptomen und Symbolen“. (ebd. 25) Das religiöse Handeln macht nun die Beziehung zwischen der „Hinterwelt“ und den Menschen mit symbolischen Mitteln aus. Je nach Gestaltung dieser Beziehung werden die Typen von Religion differenziert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die wichtigste Unterscheidung im Kontext der Konfuzianismusstudie ist zwischen Kulturreligion und Erlösungsreligion. Während Kulturreligionen insbesondere Heilsmethodiken als Element des religiösen Handelns zu eigen haben, bilden sich bei Erlösungsreligionen „systematische Methodiken der religiösen Selbstvervollkommnung heraus“ (Schluchter 1992: 27). Für die Frage der Entstehung eines modernen Kapitalismus ist die Rationalisierung der Beziehung zwischen Menschen und Hinterwelt besonders wichtig. Schluchter veranschaulicht dies an zwei Begriffspaaren: aus heiligen Tabus wird heiliges Recht, aus Gotteszwang wird Gottesdienst. (Schluchter 1992: 25) Mit so einer Rationalisierung des religiösen Handelns geht letztlich eine Rationalisierung der Lebensführung einher. Dies bildet gemeinsam mit der Macht einer Erlösungsreligion die Grundlage für die explosive Dynamik des modernen Kapitalismus. Außerdem entstehen neue religiöse Eliten, wie etwa Priester und Laienintellektuelle, die die Umsetzung der Ethik auf Dauer garantieren. Die typologische Verortung von Konfuzianismus ist in Tabelle 1 veranschaulicht.

Eine zentrale Differenzierung zwischen Konfuzianismus und asketischem Protestantismus nimmt Weber anhand der Konzeptualisierung der „Hinterwelt“ vor. Während der Konfuzianismus – wie auch andere asiatische Religionen – eine kosmozentrische Vision der Hinterwelt hat, zeichnet sich der asketische Protestantismus durch ein theozentrisches Bild aus. Somit steht eine unpersönliche, ewige Ordnung einem System mit persönlichem Schöpfergott gegenüber. (Schluchter 1992: 28) Neben dem Konfuzianismus betrachtet Weber auch die asiatischen Erlösungsreligionen Hinduismus und Buddhismus als kosmozentrische Religionen. (ebd.)

Die „Prämien“ für die Lebensführung stehen sich im Konfuzianismus und asketischem Protestantismus ebenfalls diametral gegenüber. Beide Religionen sind diesseitsorientiert, differenzieren sich an dieser Stelle jedoch erneut durch das Vorhandensein von einer Idee der Erlösung. Während sich der Konfuzianismus jede Form der Erlösung fremd ist, bildet die Erlösung im asketischen Protestantismus das Fundament der Lebensführung. (Schluchter 1992: 28).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Max Webers Religionssoziologie im Kontext des East Asian Miracle
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Max Webers Religionssoziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V494398
ISBN (eBook)
9783346031488
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirtschaftssoziologie, Max Weber, East Asian Miracle, Four Tigers, Asien, Religionssoziologie, Konfuzianismus
Arbeit zitieren
Vincent Winterhager (Autor), 2017, Max Webers Religionssoziologie im Kontext des East Asian Miracle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/494398

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