Heteronormativität queeren

Inwiefern grenzen sich queere Nutzer*innen auf Instagram von den vier Mechanismen der Heteronormativität von dem binären System ab?


Hausarbeit, 2019
21 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Definitorisches
2.1 Queer Studies, Queer Theory
2.2 Vier Mechanismen der Heteronormativität (Degele)

3. Hauptteil
3.1 Vorstellung zwei queerender Instagram-Accounts
3.2 Naturalisierung queeren
3.2 Unbewusstheit queeren
3.3 Institutionalisierung queeren
3.4 Reduktion von Komplexität queeren

4. Relevanz für die Medienbildung.

5. Schlussteil: Zusammenfassung und Fazit

I. Literaturverzeichnis

II. Abbildverzeichnis

1. Einleitung

Heterosexualität ist allgegenwärtig. Sie wird einem quasi aufgezwungen, unsere Gesellschaft ist heterosexuell strukturiert und organisiert.

Das Problem dabei: die massive Ausgrenzung und Diskriminierung derer, die sich in diesem binären System nicht zugehörig fühlen. Dazu gehören beispielsweise Intersexuelle, Transsexuelle, Transgender, Nicht-binäre, Homosexuelle, Bisexuelle, Drag - sogenannte Queers, umfasst mit der Abkürzung LGBTIQ*. Die Debatte um die Queer Studies wird seit den frühen 1990er Jahren von den Theoretiker*innen Michel Foucault, Annamarie Jagose und Judith Butler, um nur ein paar zu nennen, vorangetrieben. Begonnen als Erweiterung der Gay- and Lesbian- Debatte wird auf das Ziel hingearbeitet, die in unserer Gesellschaft etablierte binäre Struktur mit der zugrunde liegenden Heteronormativität aufzubrechen.

Wir leben im Digitalen Zeitalter. Indem die sozialen Medien eine immer bedeutendere Rolle in unserer Gesellschaft erhalten, liegt die Überlegung nahe, dass die heterosexuelle Matrix somit ins Internet projiziert wird und in diesem digitalen Raum in Erweiterung zu unserer körperlich-materiellen Welt als natürlich weitergelebt wird.

Während meiner eigenen Social Media Aktivitäten auf der Plattform Instagram1 bin ich vermehrt auf Nutzer*innen-Profile (Accounts) gestoßen, die das Soziale Netzwerk nicht nur als Foto-Portfolio nutzen, sondern auch persönliche Einstellungen und Werte verbreiten möchten. Die ist mir verstärkt im Bezug auf Queers aufgefallen, die Instagram unter anderem dafür nutzen, über Sexualität und (ihre*) nicht-binär strukturierte Lebensform zu berichten.

Mit dem Fokus auf der Darstellung der Identitäten zweier Instagram-Nutzer*innen möchte diese Arbeit zunächst einen Überblick über die Queer Studies geben, um im Anschluss die Heteronormativität, sowie die vier Mechanismen, durch welche die Heteronormativität in Kraft treten kann, zu definieren.

Im Hauptteil, in welchem das Anliegen ist, sich dem komplexen Thema anhand einer Analyse zweier relevanter Accounts auf Instagram anzunähern. Ich möchte von mir definierte Aspekte der Queer Studies aufgreifen und mithilfe dieser darstellen, inwiefern sich ausgewählte queere Nutzer*innen auf der Social Media Plattform Instagram von den vier Mechanismen der Heteronormativität (definiert von Nina Degele in Heteronormativität entselbstverständlichen. Zum verunsichernden Potenzial von Queer Studies (2005)) von dem in der abendländischen Gesellschaft etablierten binären System abgrenzen.

Im Verlauf wird zur Einordnung der Aspekt der Medienbildung hinzugezogen: inwiefern sind die Ergebnisse dieser Hausarbeit interessant für die Medienbildung, im Hinblick auf eine vermehrte Wichtigkeit von Sozialen Netzwerken in unserem Alltag?

Im abschließenden Fazit wird ein Ausblick auf weitere Entwicklungen der Queer Studies gegeben.

Es ist mir ein Anliegen zu betonen, dass ich im Verlauf dieser Hausarbeit nicht auf alle Verschränkungen, die diese Diskussion beinhaltet, eingehen kann. Dem Anspruch an Vollständigkeit muss ich dabei entsagen.

2. Definitorisches

Die Etablierung eines binären, heterosexuell strukturierten Systems in der abendländischen Kultur, und somit eine „soziale Vergeschlechtlichung“ (Hornscheidt, S. 14) schränke die sexuelle Entwicklungsfreiheit ein, so folgert Jutta Hartmann in dem Werk Improvisation im Rahmen des Zwangs (2012) (vgl. Hartmann, S. 157).

Im Zuge der Erklärung dieser These werde ich einige Begriffe definieren, um deren Gebrauch im Rahmen dieser Arbeit begreiflich(er) zu machen.

2.1 Queer Studies, Queer Theory

„to queer - to make strange, to frustrate, to counteract, to delegitimize, to camp up - heteronormative knowledges and institutions and socialites that are (in)formed by them and that (in)form them.“ (Sullivan, 2003)

Queer bedeutet, abgrenzbar sein. Konfrontieren, Herausfordern, eine Gegenreaktion provozieren und selber eine darstellen. Gequeert wird mittlerweile im großen Rahmen: LGBTIQ* hat an gesellschaftlicher Relevanz gewonnen.

Von wissenschaftlicher Seite betrachtet wird dieses Phänomen von den Queer Studies 2, welche das abendländische Verständnis von Geschlecht, Geschlechtsidentität, Sexualität und sozialen Rollen kritisch hinterfragt.

„a study of those knowledges and social practices which organize ‚society‘ as a whole by sexualizing - heterosexualizing or homosexualizing bodies, desires, acts, identities, social relations, knowledges, culture, and social institutions“ (Seidman, S. 174)

Dabei bedienen sich die Queer Studies einer Methode namens Queering: auch als Dekonstruktion bezeichnet, hinterfragen die Queer Studies den strukturellen Aufbau der westlichen Gesellschaft, mit besonderem Augenmerk auf soziale Rollen, kritisch (vgl. Derrida, 1974). Dekonstruiert werden soll der strukturelle Aufbau der abendländischen Gesellschaft. Infolge der Dekonstruktion wird re-konstruiert: dies bedeutet nicht, dass die aktuelle Struktur der Gesellschaft verneint wird. Rekonstruieren bedeutet, dass die aktuelle Struktur der abendländische Gesellschaft hinterfragt wird (vgl. Butler 1993, S. 48). Laut Degele steht dabei die „Entfaltung von Differenzen“ (Degele, S. 25) im Mittelpunkt.

Zugrunde liegt den Queer Studies die Queer Theory - diese wurde 1990 bei einer Konferenz3 in CA/SC von Terese de Lauretis geprägt. Im Gegensatz zu der in der abendländischen Weltanschauung verbreiteten Annahme und Praxis, das biologische Geschlecht prädestiniere, als welches Geschlecht man sich fühlt bzw. mit welchem Geschlecht man sich identifiziert, mit dem Schluss, dass das gegensätzliche Geschlecht begehrt wird, differenziert die Queer Theory zwischen diesen drei Faktoren. Sie kritisiert die Deckungsgleichheit zwischen diesen Aspekten und unterscheidet explizit zwischen dem sozialen Geschlecht (gender), dem biologischen Geschlecht (sex) und dem Begehren (desire) (vgl. Hartmann, S. 149).

Es ist wichtig zu ergänzen, dass sich die Queer Theory zwar beschreiben, aber nicht begrifflich festlegen lässt. Befürwortende dieser Theorie, wie Annamarie Jagose und Nikki Sullivan, lehnen Definition von Queer strikt ab, denn „Definition hat für sie den negativen Beigeschmack von Schließung und Festlegung“ (Degele, S. 27).

2.2 Vier Mechanismen der Heteronormativität (Degele)

Als zentraler Punkt in der Queer Theory gilt das Konzept der Heteronormativität. Damit gemeint ist die der abendländischen Kultur zugrundeliegende heterosexuelle Struktur, welche sich in verschiedenen Bereichen ausgebreitet hat: dies umfasst „Institutionen [wie die Ehe], Denkstrukturen und Wahrnehmungsmuster“ (Degele, S. 19). Heteronormativität gilt in der abendländischen Kultur als „soziale[s] und politische[s] Organisationsprinzip“ (ebd.), Personen werden entweder als Frau oder Mann wahrgenommen.

Die Zusammensetzung des Begriffs Heteronormativität aus den Wörtern hetero- und N orm lässt auf seine Bedeutung schließen. Hetero deutet hier auf den Zusammenhang zwischen zwei unterschiedlichen biologischen Geschlechtern (männlich, Penis und weiblich, Vagina), welche einander begehren (desire). Der Begriff der Norm beschreibt, dass die heterosexuelle Struktur das anerkannte System in der Gesellschaft darstellt, es ist normal (vgl. Degele, S. 18-19). Diese Annahme resultiert darin, dass jegliche Lebensformen, die dieser heterosexuellen Norm nicht entsprechen, eben auch nicht als normal gelten und nicht in das anerkannte binäre Gesellschaftssystem passen. Butler bezeichnet diese heteronormativ strukturierte Gesellschaft in dem Werk Undoing Gender (2004) als die „heterosexuelle Matrix“ (Butler, S. 79), die ein binäres System, bestehend aus weiblichen und männlichen Personen, definiert.

In dem Text Heteronormativität entselbstverständlichen. Zum verunsichernden Potential von Queer Studies (S. 19-20) definiert Nina Degele vier Mechanismen, durch welche Heteronormativität in der abendländischen Kultur in Kraft treten kann und auch am Leben gehalten wird. Diese Mechanismen lauten „Naturalisierung“, „Unbewusstheit“, „Institutionalisierung in Strukturen“ und „Reduktion von Komplexität“ (alle Degele, S. 20). Zusätzlich zu diesen Mechanismen führt Degele auch Umkehr-Mechanismen auf, mit denen die Wirkung der Mechanismen der Heteronormativität entkräftet werden können (vgl. Degele, S. 22).

Im Folgenden möchte ich auf die einzelnen Mechanismen mit den dazugehörigen Umkehr-Mechanismen eingehen und sie näher beleuchten, da diese als Grundlage für den Hauptteil dieser Hausarbeit dienen sollen.

Der grundliegende Mechanismus ist die Naturalisierung eingehen. Degele beschreibt, dass die Heterosexualität in der abendländischen Kultur als Norm, heterosexuelles Verhalten sowie das binäre Modell der Zweigeschlechtlichkeit als natürlich gelten (vgl. Degele, S. 20).

Diesem Mechanismus entgegenwirken kann die Entnaturalisierung. Sie tritt in Kraft, indem „heteronormative Kategorien auf breiter Ebene angegriffen werden“ (Degele, S. 22), soll heißen: wenn beispielsweise eine männliche Person einen Beruf in der Fürsorge4 ausführt, also einen in der Gesellschaft primär als weiblich konnotierter Beruf, so wird die Annahme, dass ein Beruf in der Fürsorge nur von Frauen ausgeführt wird, entnaturalisiert.

Der nächste Mechanismus, welcher Heteronormativität auszeichnet, ist die Unbewusstheit. Da die heteronormative Struktur allgegenwärtig ist, verinnerlichen Personen „Wahrnehmungs-, Handlungs- und Denkschemata“ (Degele, S. 20) in Folge eines unbemerkten Sozialisierungsprozess. Konkret bedeutet das: Genderrollen sind eine Frage der Sozialisierung und werden ab der Geburt anerzogen. Dies belegen verschiedene Studien5, welche beispielsweise die verschiedene Spielzeugauswahl für männliche und weibliche Kinder untersuchen (Jungs erhalten gerne Autos und Puzzle- Spiele, also Spielzeug das auf die Logik abzielt, Mädchen werden mit Puppen beschäftigt, welche eher eine soziale und emphatische Auseinandersetzung mit dem Objekt fordern). Diese Annahme der Genderrolle muss in keinem Fall aktiv geschehen, eher durch permanente Wiederholungen im Alltag. Dies bezeichnet Degele als „performativ“ (ebd.). Performativität entsteht in der Auseinandersetzung mit anderen Lebenswelten, sie sind Reaktion auf das Verhalten Anderer sowie „Effekt von mit Subjekten gleichursprünglichen Diskursen“ (Hartmann, S. 160). Folglich gilt: das Gender wird konstruiert, es ist keine starre Eigenschaft (ebd.).

Die Strategie, mit welcher dem Mechanismus Unbewusstheit gekontert werden kann, ist das Bewusst machen. Dem unbewussten Sozialisierungsprozess wird entgegengewirkt, indem Queers ihre angeeignete Genderrolle ablegen. Sie hinterfragen, warum dieses Verhalten übernommen wurde und brechen mit dem Gender entsprechenden Wahrnehmungs- Handlungs- und/oder Denkschemata (vgl. Degele, S. 22). Von Judith Butler wird dieser Prozess „Undoing Gender“ genannt (Butler 2004).

Der dritte Mechanismus beschreibt die Eingliederung jeder Person in die heteronormativ strukturierte Gesellschaft, welche durch Institutionen, wie die „Rechtsprechung […], Wissenschaft […], oder auch Karrieremuster in Wirtschaft und Politik“ (Degele, S. 20), etabliert ist. Degele definiert dieses Merkmal als die Institutionalisierung in Strukturen. Logischerweise dient die Entinstitutionalisierung als Umkehr-Mechanismus. Ein Beispiel hierfür wären „die Klagen Intersexueller, im Pass die Möglichkeit zu haben, als „Zwitter“ geführt zu werden“ (Degele, S. 22).

Der letzte Mechanismus der Heteronormativität lautet Reduktion von Komplexität. Dem Mechanismus zugrunde liegt die Annahme, dass die Heteronormativität durch den Einzug in allgemeingesellschaftlich anerkannte Institutionen, Handlungs- und Denkschemata insofern bestätigt wird, als dass es sich bei diesem System um die normale und natürliche (eigentlich naturalisierte) Lebensform handeln. Laut Degele

„kanalisier t [Heteronormativität] damit Handlungen im Sinne einer gesellschaftlichen Wiedererkennbar - und Verarbeitbarkeit, um Bedeutungsüberschüsse im Zusammenhang von Geschlecht und Sexualität handhabbar zu machen“ (Degele, S. 20).

Butler vertritt die Meinung, dass jeder Person daran gelegen sei, in dieses System zu passen, da ein Grundbedürfnis jeder Person das Erhalten von Bestätigung sei (vgl. Butler, S. 2). Daraus entsteht ein Dilemma für jede Person, die sich in der angeeigneten sozialen Rolle nicht wohl fühlt:

„I may feel that without some recognizability I cannot life. But I may also feel that the terms by which I am recognized make life unlivable.“ (Butler 2004 S. 4)

Um aber an der Gesellschaft teilhaben und (über-) leben zu können, übernehmen Queers Genderrollen (bzw. führen aus), die ihnen grundsätzlich Widerstreben. Dies beschreibt Butler mit dem ikonischen Zitat „Geschlecht als eine Praxis der Improvisation im Rahmen des Zwangs“ (Butler 2004 S. 9).

Damit dieser Mechanismus gequeert werden kann, ist als Gegenreaktion auf die Reduktion von Komplexität eine Erhöhung von Komplexität erforderlich. Dies erfolgt durch eine „Veruneindeutigung von Handeln“ (Degele, S. 22). Außenstehende Personen, also Rezipient*innen, haben dann Schwierigkeiten, die vor ihnen stehende Person einzuordnen. Dies kann beispielsweise bei transsexuellen Personen in Kraft treten.

[...]


1 Instagram ist ein Onlinedienst zum Teilen von Fotos und Videos

2 interdisziplinäre kulturwissenschaftliche Forschungsrichtung

3 Konferenz an der Universität Kalifornien, Santa Cruz im Februar 1990

4 vgl. Leuze 2009

5 vgl. Schiek 2016

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Heteronormativität queeren
Untertitel
Inwiefern grenzen sich queere Nutzer*innen auf Instagram von den vier Mechanismen der Heteronormativität von dem binären System ab?
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Medien in formellen und informellen Bildungskontexten
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
21
Katalognummer
V494463
ISBN (eBook)
9783668997097
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heteronormativität, Queer Studies, Queer Theory, Gender, Judith Butler, Social Media, LGBTIQ, Feminismus, Medienbildung, Medienpädagogik
Arbeit zitieren
Hannah Lauffs (Autor), 2019, Heteronormativität queeren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/494463

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