Merkmale charismatischer Herrschaft nach Max Weber am politischen Wirken Ruhollah Khomeinis


Hausarbeit, 2019
11 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

1 . Einleitung

2 . Begriff der charismatischen Herrschaft bei Max Weber
2.1. Herrschaftsbegriff und Herrschaftstypen bei Weber
2.2. Charismatische Herrschaft

3. Untersuchung des politischen Wirkens Khomeinis auf charismatische Herrschaft
3.1. Prä-revolutionäre Agitation Khomeinis
3.2. Khomeinis Wirken während der islamischen Revolution
3.3. Spuren charismatischer Herrschaft in der Verfassung der islamischen Republik Iran

4. Abschluss

1. Einleitung

Herrschaft zu ertragen kann schnell einfacher sein als Sie zu rechtfertigen. Herrschaft von Menschen über Menschen gibt es schon sehr lange und überall. Sie ist ein Phänomen, dass nichts und niemanden unberührt lässt. Dies wirft natürlich die Frage auf, was geschehen muss, welche Faktoren gegeben sein müssen, um ein stabiles Herrschaftsverhältnis entstehen zu lassen und es zu erhalten. Der Soziologe Max Weber hat dazu zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Schema entworfen, an dem man seiner Meinung nach das Wesen und die Rechtfertigbarkeit von Herrschaft nachvollziehen könnte. In der folgenden Arbeit soll es vor Allem um Max Webers Begriff der „charismatischen Herrschaft“ gehen, sowie ein möglicher Fall Ihres historischen Vorkommens geprüft werden. Bei besagtem Fall handelt es sich um den Aufstieg von Ruhollah Khomeini zum Anführer der Revolution im Iran 1979. Das politische Wirken Khomeinis soll hierzu im Folgenden besonders unter dem Aspekt von Webers Konzept der „charismatischen Herrschaft“ betrachtet werden.

Dazu werde Ich mich zunächst ausführlicher mit Webers Herrschaftsbegriff und seinen Subtypen, insbesondere der charismatischen Herrschaft, auseinandersetzen. Im Anschluss möchte Ich mich schließlich eingehend mit der politischen Laufbahn Ruhollah Khomeinis befassen, spezifisch mit Blick auf das Vorkommen der von Weber spezifizierten Eigenschaften charismatischer Herrschaft. Des Weiteren soll auch dargestellt werden, wie dieser Herrschaftstyp Spuren in der Verfassung der islamischen Republik Iran hinterlassen hat. Abschließend soll eine kritische Betrachtung der erarbeiteten Ergebnisse erfolgen.

2. Begriff der charismatischen Herrschaft bei Max Weber

2.1. Herrschaftsbegriff und Herrschaftstypen bei Weber

Unter dem Begriff der Herrschaft versteht Max Weber wörtlich „[…] die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehör zu finden;1 “. Sie ist also in aller Schlichtheit beschrieben zwischen Personen vorhanden, wenn eine Person darauf vertrauen kann, dass Ihr Wille, als Befehl formuliert, durch die andere Person ausgeführt werden wird. Im Kontext von Staaten also, wenn eine herrschende Person oder mehrere herrschende Personen davon ausgehen können, dass Ihr Wille von den von Ihnen Beherrschten ausgeführt wird. Die Bürgerinnen und Bürger, und vor Allem die Sie verwaltenden Beamten und Beamtinnen eines Staates sind in einem solchen Fall die oben genannten „angebbaren Personen“, die Regierung des Staates ist die Instanz, welche den Befehl an diese Personen formuliert und auf dessen Erfüllung vertraut.

Man könnte dieses Verhältnis so auffassen, dass die Ausübung von Herrschaft bei Weber im Prinzip den Akt des Regierens über Menschen beschreibt. Unschwer lässt sich erkennen, dass eine solche Beziehung nur dann Bestand haben kann, wenn die Beherrschten die Befehle der Herrschenden zuverlässig und effizient umsetzen und zumindest in einem gewissen Maße ein Interesse an deren Ausführung besteht2. Essentiell für das Gelingen der Herrschaft ist also ein „Verwaltungsstab“, wie Weber Ihn bezeichnet3. Diese Gruppe, welche für die Ausführung der Befehle und die Umsetzung des herrschenden Willens zuständig ist, muss nun auch selbst ein Interesse an der Umsetzung gegebener Befehle haben, um die Stabilität eines derartigen Systems zu gewährleisten. Für Weber ist klar, dass ein solches Interesse meistens nicht nur durch zweckrationale und materielle Beweggründe entsteht, sondern darüber hinaus durch einen Glauben der Befehlsempfängerinnen und Befehlsempfänger an die Legitimität der Herrschaft selbst4.

Max Weber unterscheidet nun zwischen drei verschiedenen Typen legitimer Herrschaft5. Beziehungsweise genauer, zwischen drei verschiedene Rechtfertigungen, mit denen der Glaube an die Legitimität einer Herrschaft begründet wird. Diese sind die Herrschaft rationalen Charakters, die Ihre Legitimität aus dem Glauben an eine legale Ordnung mit gerechten, allgemeingültigen Gesetzen und vernünftigen Regeln und Normen zieht6. Ferner die Herrschaft traditionalen Charakters, welche auf der Annahme der Richtigkeit erlernter kultureller Traditionen und Gebräuche fußt7, sowie schließlich die charismatische Herrschaft, die im Folgenden genauer beleuchtet werden soll8.

2.2.Charismatische Herrschaft

Die charismatische Herrschaft zieht den Glauben an Ihre Legitimität aus dem Glauben an den Sie Ausübenden selbst. Die Beherrschten Vertrauen auf die Gaben und Fähigkeiten einer konkreten Person, dem charismatischen Führer9 (Im Folgenden möglichst als „charismatische Führungsperson“ bezeichnet). Eine solche Person ist mit Ihren Anhängerinnen und Anhängern durch ein weit innigeres Band verbunden, als reine politische Anerkennung. Die Verbindung der charismatischen Führungsperson zu Ihrem Gefolge ist eher quasi-spiritueller Natur. Sie ist kein gewöhnlicher Mensch, dem die Erfüllung einer politischen Aufgabe übertragen wird, sondern viel mehr der einzige Mensch, der diese Aufgabe überhaupt vollkommen erfüllen kann. An Ihrer Führung findet sich keine Spur Eigeninteresse, sondern erfolgt in aufrichtiger Sorge um das Wohl der Allgemeinheit10.

Folglich ist auch der Verwaltungsstab der charismatischen Führungsperson kein profanes Beamtentum, sondern besteht aus exaltierten Persönlichkeiten, in welche die Führungsperson vertraut, auf die Ihr Charisma gewissermaßen abfärbt. Weber benutzt für diese Personen den religiösen Begriff des „Jüngers“11.

Bemerkenswert ist des Weiteren, dass die Richtigkeit des Handelns und Denkens der Führungsperson über Beurteilung erhaben ist. Die Führungsperson beharrt auf Ihrem Führungsanspruch unabhängig davon, ob Ihr nun tatsächlich gefolgt wird12. Ihre Wahrheit und Rechtmäßigkeit entspringt aus einer höheren, übermenschlichen Gerechtigkeit. Weber bezeichnet Sie, zumindest in Ihrem ursprünglichen Vorkommen als „magisch bedingt13 “.

3. Untersuchung des politischen Wirkens Khomeinis auf Merkmale einer charismatischen Herrschaft

3.1.Prä-revolutionäre Agitation Khomeinis

Zwar gibt Weber selbst an, dass ein unvermischtes Vorkommen einer der drei reinen Herrschaftstypen in der Geschichte äußerst unwahrscheinlich sei14, dennoch soll im weiteren Verlauf der Arbeit ein Versuch unternommen werden, das politische Wirken Ruhollah Khomeinis auf die von Weber spezifizierten Eigenschaften einer charismatischen Herrschaft zu untersuchen.

Dazu lohnt sich eine Rückschau auf die frühen Jahre der politischen Aktivität des späteren Großayatollah. Ruhollah Khomeini hatte seine religiöse Laufbahn nicht bereits als politischer Aktivist begonnen. Im Gegenteil, die ersten knapp 40 Jahre seines Lebens verliefen größtenteils ohne politische Betätigung, waren viel mehr durch religiöse Zurückgezogenheit und dem Studium des Islam gekennzeichnet. So hatte Khomeini beispielsweise bereits seine Ausbildung zum klerikalen Gelehrten in der Mirza Yusuf Khan madrasa, einer islamischen Rechtsschule in Arak, vollendet und sich über 20 Jahre seinen Religionsstudien und ethisch-philosophischen Überlegungen in der für den schiitischen Islam als „Gelehrtenstätte“ geltenden Stadt Qom betrieben15, als er in seinem Buch Kashf-e Asrar, zu Deutsch in etwa „Enthüllung der Geheimnisse“, erstmals dezidiert politische Aussagen traf16. In dem 1943/44 veröffentlichten Buch erhebt Khomeini noch keinen Anspruch auf politische Führung, erst recht nicht für sich selbst. In diesem Werk sieht Khomeini die Rolle der schiitischen Geistlichkeit viel mehr als außerhalb des Bereiches des Politischen wirkende Gelehrte, welche in Fragen des Rechts und der Moral zu Rate gezogen werden sollten17, ob gleich er Ihnen schon hier eine gewisse „Wächter“-Funktion über die weltliche Regierung zuspricht18.

Doch im Laufe der Jahre entfernte sich Khomeini immer weiter von moderateren Positionen, seine Ideen wurden radikaler, seine Agitation politischer und populistischer19. Ein Katalysator für Khomeinis Karriere als Demagoge kam 1963 in Form der sogenannten „Weißen Revolution“ einem groß angelegten Programm wirtschaftlicher und sozialer Reformen des Shahs20. Da die Reformen auch die bisherige Stellung des Klerus im Iran gefährdeten21, kam aus diesem Lager lautstarke Opposition, zu deren Stimmführer Khomeini sich schnell aufschwingen konnte22. Die Ereignisse entfalteten sich zu einer Zeit, in welcher die etablierte schiitische Geistlichkeit Irans in einem Erbfolgedisput begriffen war. Die oberste religiöse Autorität und höchste spirituelle Instanz für viele schiitische Gläubige, der marja-e taghlid, übersetzbar als „die Quelle der Nachahmung23 “, war 1961 verstorben. Aus den sich anschließenden Nachfolgekämpfen war kein eindeutiger Sieger hervorgegangen, welcher sowohl die Anerkennung des Klerus und der Gläubigen, als auch das Wohlwollen des Schahs erlangt hätte24. Ruhollah Khomeini hielt sich aus den Streitigkeiten ostentativ heraus und erweckte nach Außen den Eindruck, er müsse von seiner Anhängerschaft regelrecht überredet werden, im Wettbewerb zu bleiben25.

Khomeini gewann schnell Anhängerinnen und Anhänger unter den Gläubigen, wobei Ihm sein außergewöhnliches Redetalent zu Gute kam. Durch geschickte rhetorische Taktik und sprachliche Gestaltung seiner Reden setzten sich diese deutlich ab von herkömmlichen politischen Aufrufen. Sie wirkten auf viele wie Offenbarungen einer höheren Weisheit, Ihr Inhalt war oftmals so ambig, dass die Ansprachen bei einem breiten Spektrum von Zuhörerinnen und Zuhörern aus unterschiedlichsten Kontexten Anklang fanden26. Mehr noch, die Inhalte der Reden waren gar nicht mal der virale Teil der Botschaft Khomeinis. Denn viel schneller und weiter verbreitete sich die bloße Nachricht von Khomeinis Widerstand gegen den Shah selber, Khomeinis eigene Weltanschauung trat hinter seinen Akt der Auflehnung zurück. Khomeini war nun ein Begriff, eine Marke, gewissermaßen die Botschaft selbst27. Das Regime fand sich dem gegenüber bald in einer Lose-Lose-Situation wieder. Der zu erwartende Aufschrei nach einem Vorgehen gegen den Ayatollah war ebenso wenig wünschenswert wie eine Duldung seiner regierungsfeindlichen Agitation28. Als das Regime endlich handelte und Khomeini verhaften ließ, zementierte es unweigerlich sein neu gewonnenes Image als religiöser Revolutionär. Die Verhaftung lösten mehrtägige Ausschreitungen und Massenproteste aus, die vom Regime blutig niedergeschlagen wurden29. Es kursierten Gerüchte über das Heldentum des widerständigen Geistlichen, der dem Tyrannen die Stirn geboten hatte, sein neuer Status reichte weit über jenen eines gewöhnlichen Geistlichen hinaus, Khomeini wurde hochstilisiert zu einer politischen Figur, einem Hoffnungsträger30. Unwillkürlich hatte die harte Reaktion des Regimes auch den Klerus hinter Khomeini vereint31, sodass Ihm schließlich in einer gemeinsamen Erklärung von vier führenden Geistlichen der Titel des Marja-e taghlid angetragen wurde32. Khomeini blieb für seine Gefolgschaft die Quelle der Nachahmung, auch als er nach seiner Freilassung und anschließenden erneuten politischen Betätigung ins Exil gezwungen wurde. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Türkei gelangte er in den schiitischen Pilgerort Najaf im Irak, von wo aus er weiter gegen den Schah predigte, mit einer Konstanz und einem Furor, die Ihm im Iran kaum nachlassende Verehrung sicherten33. Dieser Ruf sollte 15 Jahre später eine große Rolle spielen, als Khomeini sich zur Rückkehr aus dem -inzwischen in einem Pariser Vorort gelegenen- Exil entschloss um die Kontrolle über die bereits erfolgreiche Revolution zu übernehmen.

3.2.Khomeinis Wirken während der islamischen Revolution

Die islamische Revolution war ein immens vielschichtiges, komplexes und schwer in angemessener Ausführlichkeit darzustellendes Ereignis. Die verschiedenartigen Strömungen, Ereignisse und Persönlichkeiten, welche zum Zusammenbruch der Herrschaft des Schahs Anfang 1979 beitrugen Alle auch nur zu erwähnen, geschweige denn zu beleuchten, ist im Rahmen dieser Arbeit leider nicht möglich. Klar ist, dass 1978/79 eine Vielzahl unterschiedlicher Faktoren zusammenspielten, um ein System zum Kollaps zu bringen.

Einer dieser Faktoren war zweifellos das Charisma Ruhollah Khomeinis. Die ganze Zeit seines Exils über wirkte er als ferne und doch nicht entfernte Eminenz in der iranischen Politik. Entsprechend der anhaltenden Verehrung des Imams durch breite Teile der Bevölkerung sorgte ein im Januar 1978 in einer überregionalen Tageszeitung veröffentlichter Artikel für Aufruhr. In dem Artikel, welcher vermutlich von einem oder mehreren hohen Regierungsbeamten verfasst wurde, wurde Khomeini aufs Schärfste angegriffen und verunglimpft. Die aus Protest gegen diesen Affront veranstalteten Kundgebungen waren ein eindrückliches Zeichen der Autorität, welche Khomeini nun über seine Anhängerschaft besaß, gegen welche diejenige des Schahs verblasste34. Die bereits etablierte Figur Ruhollah Khomeinis, der Quelle der Nachahmung, erschien vielen als ein Gegenentwurf zu dem verhassten Monarchen, der keinen Rückhalt mehr genoss, weder unter den Bürgerinnen und Bürgern des Landes, noch unter der Geistlichkeit. Khomeini war als charismatische Führungspersönlichkeit eine Synthese aus politischem und kulturellem Führer, legitimer Herrschaftsanspruch wurden Ihm zugesprochen sowohl aus seiner behaupteten Verbundenheit zu den Menschen und der Kenntnis Ihres Willens, als auch aus seiner ebenso behaupteten Verbundenheit zu Gott und der Kenntnis seines Willens35. Khomeinis Vorstellung eines idealen Staates beinhaltet folglich neben der Legitimation des Staates durch den Willen der Bürgerschaft die Legitimation des Staates durch seine Gottgefälligkeit36.

Nach seiner Rückkehr in den Iran am 1. Februar 1979 versprach der Ayatollah dem führungslosen Land nicht einfach nur eine neue, gerechtere Regierung, die von Ihm ausgearbeitete Verfassung versprach eine höhere Gerechtigkeit jenseits weltlicher Kategorien37. Sich unter eine Ordnung derartiger Idealität unterzuordnen wäre demzufolge keine Frage des Glaubens, sondern der Vernunft. Mit der Absetzung des sich traditional legitimierenden Shah Mohammad Reza Pahlavi und dem Aufstieg des populären, religiösen Führers Ruhollah Khomeini waren die jetzt prophetisch anmutenden Worte Max Webers wahr geworden, der geschrieben hatte: „Das Charisma ist die große revolutionäre Kraft in traditional gebundenen Epochen38 39.“

3.3. Spuren charismatischer Herrschaft in der Verfassung der islamischen Republik Iran

Die Verfassung der islamischen Republik, welche den Wahlberechtigten Irans zur Abstimmung vorgelegt wurde, machte bereits in Ihrer Präambel klar, dass Sie kein schlichter weltlicher Gesetzestext, sondern Ausdruck des […] „wahren Bestrebens der islamischen Nation“ ist und Sie dem Willen des gesamten iranischen Volkes entspreche40. Bereits auf den ersten Seiten wird die Führungsrolle und die Bedeutung Khomeinis für den Aufstand gegen das Regime eingeführt. So wird festgestellt, den ganzen Verlauf der Revolution über hätten die Botschaften des Ayatollah „[…] immer weiter vertiefendes und verbreiterndes Bewusstsein und Entschlossenheit“ gegeben41.

Die neue Verfassung überhöht Ihren Autor zu einer mythischen, erlöserartigen Figur. Schließlich ist er namentlich erwähnt als „eminenter religiöser Führer“ der Revolution welche die Republik entstehen ließ, und zwar schon in Artikel 142. Bemerkenswert ist auch die verfassungsmäßige Verankerung dessen, was Max Weber „die Veralltäglichung des Charisma43 “ nennt. Die neue Ordnung des velayat-e faqih, der Wächterschaft des Rechtsgelehrten44, spricht dem Amt des obersten Rechtsgelehrten, welches Khomeini bis zu seinem Tod innehatte, weitreichende Vollmachten aus, die nach einem Verfassungszusatz 1987 Khomeini nahezu absolute Autorität und Handlungsvollmacht zugestand45. Ein faqih, ein Rechtsgelehrter, ist sowohl durch das Vertrauen der Menschen in Ihn als auch durch seine (behauptete) höhere spirituelle Eignung zum Ausüben von Herrschaft legitimiert46.

An der Polity der islamischen Republik lassen sich noch mehrere von Weber beschriebenen Merkmale veralltäglichten Charismas finden. Weber schreibt, dass es in einer charismatischen Herrschaft dazu kommt, dass Vorkehrungen für den Tod der charismatischen Führungspersönlichkeit getroffen werden, genauer ein Verfahren für die Bestimmung eines Nachfolgers getroffen werden. Ein Beispiel dafür ist bei Weber das „Neu-Aufsuchen eines als Charisma-Träger zum Herrn Qualifizierten anhand von Merkmalen47 “. Solche Merkmale für einen Nachfolger legte Khomeini fest als u.A., „akademische Qualifikation“, „Gerechtigkeit und Frömmigkeit“ sowie „politische und soziale Kenntnisse, Mut, […] Autorität und die zur Führung benötigte Verwaltungsgabe48 “. Auch den Prozess zur Auswahl einer solchen Person, ebenso wie die Spezifikation der dazu befähigten Menschen legt Khomeini fest49. Die Aufsicht über die Geschicke der islamischen Republik ist einer klar beschriebenen Gruppe anvertraut, welche durchaus als „Verwaltungsstab“ im Weber´schen Sinne beschrieben werden könnten. Die „Jünger“ bei Weber werden von der Führungspersönlichkeit rekrutiert und mit Ermächtigungen ausgestattet50. Auch in der islamischen Republik ernennt der Revolutionsführer die Hälfte des sogenannten Wächterrats, welcher gegenüber dem demokratisch gewählten Parlament mit Vetovollmachten und Kandidaturbestätigungsrechten ausgestattet ist51 52, ebenso wie den höchsten Rechtsexperten53, welcher die restlichen Kandidaten für den Wächterrat vorsortiert54. Außerdem ist seine Zustimmung nötig für das Amt eines Mitglieds des demokratisch legitimierten Expertenrats, welches den Revolutionsführer wählen soll55. Zusätzlich zu den demokratisch gewählten Organen der Polity bestimmt der Revolutionsführer also einen regulierenden und beschneidenden Anhängerstab, kraft seines Führungsanspruches. Was hier eintritt ist schwer als Delegierung des Charismas einer Führungsperson an sein Gefolge auffassbar, sondern könnte eher als Legalisierung des Charismas betrachtet werden. Der Glaube an Khomeini begründet den Glauben an die Rechtschaffenheit der von Ihm entworfenen Ordnung und begründet damit den Glauben an die Rechtmäßigkeit des politisch-juristischen Systems der islamischen Republik.

4. Abschluss

Legitimität und Gerechtigkeit von Herrschaft können weit auseinanderliegen. Auch die bei Weber eingeführten Typen legitimer Herrschaftsgeltung versprechen keine gerechte Herrschaft, viel mehr können Sie als ein Versuch betrachtet werden, die Eingangs gestellte Frage zu beantworten, warum sich Menschen freiwillig beherrschen lassen.

In jedem Fall gehört zum Akzeptieren von Herrschaft (nicht zu verwechseln mit Ihrer bloßen unkritischen Hinnahme) ein fester Glaube an einen bestimmten Wert. Es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass viele Menschen im Iran vor, während und nach der Revolution nicht an die von Ruhollah Khomeini verkörperten Werte glaubten, viele haben sich bis heute Ihre eigenen, individuellen Vorstellungen von Gerechtigkeit bewahrt, ganz gleich ob Sie im Geheimen gepflegt werden oder öffentlich für Sie eingetreten wird. Noch jedoch berufen sich die Angehörigen des inzwischen etablierten Machtapparates scheinbar mit Erfolg auf das Charisma Ihrer längst verstorbenen Quelle der Nachahmung. Auf tragische Art scheint sich zu bestätigen, was Max Weber vermutete, als er schrieb:

„Wie die betreffende Qualität von irgendeinem ethischen, ästhetischen oder sonstigen Standpunkt aus „objektiv“ richtig zu bewerten sein würde, ist natürlich dabei begrifflich völlig gleichgültig, darauf allein, wie Sie von den charismatisch Beherrschten, den Anhängern, bewertet wird, kommt es an56.“

Literaturverzeichnis

Adib-Moghaddam, A. (2014). Ayatollah Ruhollah Khomeini: A Clerical Revolutionary? In A. Adib-Moghaddam (Ed.), A Critical Introduction to Khomeini (pp. 1-18). Cambridge: Cambridge University Press.

Azimi, Fakhreddin. (2014). Khomeini and the “White Revolution”. In A. Adib- Moghaddam (Ed.), A Critical Introduction to Khomeini (pp. 19-42). Cambridge: Cambridge University Press.

Mahdavi, Mojtaba. (2014). The Rise of Khomeinism. In A. Adib-Moghaddam (Ed.), A Critical Introduction to Khomeini (pp. 43-68). Cambridge: Cambridge University Press.

Constitution of the Islamic Republic of Iran, In: World Intellectual Property Organization, https://www.wipo.int/edocs/lexdocs/laws/en/ir/ir001en.pdf; zuletzt abgerufen am 13.04.2019 um 11:29

Weber, Max. (1922). Wirtschaft und Gesellschaft – Grundriss einer verstehenden Soziologie. In https://www.textlog.de/weber_wirtschaft.html ; zuletzt abgerufen am 13.04.2019 um 15:11

[...]


1 Weber 1922, Kapitel I; §16

2 Weber 1922, Kapitel III.1; §1

3 Weber 1922, Kapitel I; §12

4 Weber 1922, Kapitel III.1; §1

5 Weber 1922, Kapitel III.1; §2

6 Weber 1922, Kapitel III.2; §3

7 Weber 1922, Kapitel III.3; §6

8 Weber 1922, Kapitel III.1; §2

9 Ebd.

10 Weber 1922, Kapitel III.4; §10

11 Ebd.; Absatz 3

12 Ebd.; Absatz 1

13 Weber 1922, Kapitel III.4; §10

14 Weber 1922, Kapitel III.1; §2, Absatz 2

15 Adib-Moghaddam 2014, S.8

16 Mahdavi 2014, S.43, Fußnote 1

17 Mahdavi 2014, S.68

18 Adib-Moghaddam 2014, S.11

19 Azimi 2014, S.26ff

20 Azimi 2014, S.31

21 Azimi 2014, S.24

22 Azimi 2014, S.29

23 Azimi 2014, S.20

24 Azimi 2014, S.24f

25 Azimi 2014, S.25

26 Azimi 2014, S.27

27 Ebd.

28 Azimi 2014, S.34

29 Azimi 2014, S.35

30 Azimi 2014, S.37

31 Ebd.

32 Ebd.

33 Azimi 2014, S.41

34 Mahdavi 2014, S.67

35 Ebd.

36 Adib-Moghaddam 2014, S.15

37 Adib-Moghaddam 2014, S.16

38 Weber 1922, Kapitel III.4; §10, Abs.5

39 Mahdavi 2014, S.65f

40 Verfassung der i.R. Iran, Präambel

41 Verfassung der i.R. Iran, S.10

42 Verfassung der i.R Iran, S.18, Art. 1

43 Weber 1922, Kapitel III.5, §11

44 Mahdavi 2014, S.43

45 Mahdavi 2014, S.44

46 Verfassung der i.R. Iran, S.14

47 Weber 1922, Kapitel III.5, §11, Abs. 2a

48 Verfassung der i.R. Iran, S. 41, Art. 109

49 Verfassung der i.R. Iran, S. 20, Art. 5

50 Weber 1922, Kapitel III.5; §12, Abs. 1

51 Verfassung der i.R. Iran, S.38, Art.96

52 Verfassung der i.R. Iran, S.38, Art.99

53 Verfassung der i.R. Iran, S.41, Art.110; Abs. 6a,b

54 Verfassung der i.R. Iran, S.37, Art.91

55 Verfassung der i.R. Iran, S.140, Art.107

56 Weber 1922, Kapitel III.4; §10

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Merkmale charismatischer Herrschaft nach Max Weber am politischen Wirken Ruhollah Khomeinis
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut für Politik- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Ethnografien: In and Out of Iran
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
11
Katalognummer
V494923
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Iran
Arbeit zitieren
Daniel Adrian Styczynski (Autor), 2019, Merkmale charismatischer Herrschaft nach Max Weber am politischen Wirken Ruhollah Khomeinis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/494923

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