Paradigmen der Selbstbeherrschung in Bezug auf vermehrte Nahrungsaufnahme


Bachelorarbeit, 2017
56 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Überernährung
1.1 Epidemiologie
1.2 Psychologische Einflussfaktoren des Essverhaltens

2. Paradigmen der Selbstbeherrschung
2.1. Regulationsmechanismen
2.2. Einflussfaktoren
2.2.1. Motivation
2.2.2. Stress
2.3. Das Strength-Model und Ego Depletion

3. Fragestellungen und Hypothesen

4. Methodik

5. Ergebnisse
5.1. Ist Selbstkontrolle ein signifikanter Einflussfaktor auf das Essverhalten?
5.2. Führt Ego- Depletion zu vermehrter Nahrungsaufnahme?
5.3. Ist das Stärken der Selbstkontrolle ein wirksamer Ansatz gegen Überernährung?

6. Diskussion
6.1. Diskussion der Ergebnisse zu Hypothese I
6.2. Diskussion der Ergebnisse zu Hypothese II
6.3. Diskussion zu Hypothese III

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Selbstkontrolle ist ein Prozess in viele komplexe intra- und interpresonnelle Prozesse einwirkt. Sich zusammen zu reißen und beherrschen zu müssen kommt im Leben eines Menschen immer wieder vor. Im Umgang mit Kollegen, im privaten Alltag, im sozialen Miteinander, bei der Auswahl der Lebensmittel, oder Beschränkung im Umgang mit Genussmitteln. Vor allem bei der Nahrungsaufnahme, die unter anderem einem triebgesteuerten impulsiven Verhalten nachgeht, interveniert die Selbstkontrolle stark. In unterschiedlichen Situationen kann mal mehr, mal weniger auf das verführerische Stückchen Schokolade verzichtet werden. An manchen Tagen fällt es leichter mal nur einen Salat zu essen.

Diese alltägliche Konfrontation mit Selbstkotrolle macht es wichtig, sich mit der Thematik im Rahmen der Überernährung auseinander zu setzen. Diese Arbeit dient der Beantwortung der Fragen, ob Selbstkontrolle das Essverhalten beeinflusst und ob ein Schwund der dazu benötigten Stärke, das Phänomen der Ego-Depletion ein signifikanter Einflussfaktor ist.

Parallel wird sich der Frage gewidmet, inwiefern ein Training der Selbstkontrolle beim Essen wirksam ist.

Zur Beantwortung der Fragen wurden anhand einer Literaturrecherche themenspezifische Studien zusammengetragen um zu den jeweiligen Hypothesen Stellung beziehen zu können.

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Die Konfrontation mit dem Zunehmen von Überernährung, Übergewicht und Fehlernährung wächst stetig.

So berichtete die Stuttgarter Zeitung online „jeder zweite Erwachsene ist zu dick“ (Stuttgarter- Zeitung, 2014). Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte im Mai 2016 den Artikel „zu viel Zucker, zu viel Fett“ (Süddeutsche Zeitung, 2016), indem sie schrieb, dass in Deutschland 50% der Bevölkerung übergewichtig und fast 25% adipös sind. Schuld daran sind laut dem Artikel zu viel Fett, Zucker und Bewegungsmangel. Im Juli 2016 berichtete der Sender N-TV im Oktober „jeder sechste Erwachsene in der EU ist fettleibig“ (N-TV, 2016).

Es werden Empfehlungen heraus gegeben, Übergewicht, die Folgeerkrankungen, Ursachen und Therapieansätze thematisiert.

Ein schneller Lebenswandel und ein gesteigertes Nahrungsangebot mögen Ursachen für die oben genannten Schlagzeilen sein. Zu vernachlässigen ist jedoch nicht, dass Essen nicht nur den Zweck der reinen Energieaufnahme erfüllt. Es wird nicht nur gegessen, um satt zu werden. Es fließen neben soziokulturellen Faktoren und der Erziehung, ebenfalls emotionale Aspekte mit ein. Essen kann helfen, negative Gefühle zu überbrücken und Langeweile erträglicher zu machen. Lebensmittel können sowohl Trost wie auch Belohnung sein (VFED, 2011).

Dabei handelt es sich nicht um ein Problem der modernen Zeit. Dass Gefühle als Triebkraft auf Gelüste wirken, stellte schon Immanuel Kant 1790 in seiner Kritik der Urteilskraft fest: „Also ist es die allgemeine Mitteilungsfähigkeit des Gemütszustandes in der gegebenen Vorstellung, welche als subjektive Bedingung des Geschmacksurteils demselben zum Grunde liegen und die Lust an dem Gegenstande zur Folge haben muss.“

Trotz des Wissens, dass ein zu viel von, vor allem ungesunden, Lebensmitteln negative Auswirkungen hat, überwiegt unter gewissen Zuständen die Lust und es scheint, als versage die Selbstbeherrschung in kritischen Momenten.

Mit dem inneren Schweinehund, der allgemeinen Personifizierung des Sich-Nicht- Beherrschens, wird jede Person im Alltag in den unterschiedlichsten Situationen immer wieder konfrontiert. Vor allem die Nahrungsaufnahme ist ein Prozess dem große Beachtung geschenkt werden sollte. Haben sich hier falsche Gewohnheiten oder negative Verhaltensweisen eingeschlichen, bedarf es dringend einer Verhaltensänderung um Folgeschäden zu vermeiden. Anders als bei anderem Substanzmissbrauch, wie Nikotin oder Alkohol, bei welchen durch extremen Entzug versucht wird, Verhalten zu normalisieren, kann bei Nahrung nicht auf die Zufuhr verzichtet werden. Es muss demnach auf tiefere Prozesse eingegangen werden. Einer dieser Prozesse stellt die Komplexität der Selbstkontrolle dar.

Der Bestand der Gegenwärtigkeit dieser Thematik zeigt auf, wie wichtig es ist, die Zusammenhänge von Selbstbeherrschung mit erhöhter Nahrungsaufnahme zu explorieren. Das Ziel dieser Arbeit ist es, anhand einer Literaturrecherche, die direkten Zusammenhänge zwischen Selbstkontrolle und der Nahrungsaufnahme, ebenso wie das Phänomen der Ego Depletion (deutsch: Ego- Schwund) und das Training der Selbstbeherrschung zu erörtern.

Zunächst erfolgt eine Einführung in die Thematik. In diesem Teil wird sowohl auf das Thema der Überernährung, wie auch auf die psychischen Faktoren, die in das Essverhalten eingreifen, eingegangen.

Ausführlicher beschrieben wird der bisherige Forschungsstand bezüglich Selbstbeherrschung, Regulationsmechanismen und Einflussfaktoren. Ebenfalls werden das Strength-Model (deutsch: Stärken-Modell, Kraft-Modell) und das Phänomen der Ego Depletion erläutert.

Anhand der theoretischen Hintergründe wird im Anschluss daran auf die Fragestellung und die Hypothesen eingegangen. Zur besseren Nachvollziehbarkeit erfolgt im Methodenteil eine tabellarische Auflistung aller Studien die zur Beantwortung der Hypothesen herangezogen wurden.

Das Kernstück der Arbeit stellen, neben der Fragestellung und dem Methodenteil, die Ergebnisse und der Diskussionsteil dar. Hier wird ausführlich auf die Auswahl der verwendeten Studien und die Interpretationen dieser eingegangen. Im gleichen Zuge werden die Ergebnisse und diese Arbeit kritisch beleuchtet. Beendet wird diese Arbeit mit einem Fazit.

Zum besseren VersUindnis ist zu erwahnen dass der Begriff Selbstbeherrschung synonym zur Begrifflichkeit Selbstkontrolle verwendet wird.

1. Überernährung

In der Kulturepoche des 15. und 16. Jahrhunderts, der Renaissance, war die üppige Figur vor allem bei Frauen ein Zeichen für Fruchtbarkeit, Gebärfähigkeit, Wohlstand sowie Attraktivität. Die füllige Optik war sehr beliebt und erstrebenswert.

Die Ansicht und Beurteilung der Körpermasse hat sich im Laufe der Zeit radikal gewandelt.

Vor allem in der westlichen Kultur hat man heutzutage soziokulturell geprägte Vorstellungen bezüglich des Körpergewichts und der Körperform. So geht Übergewicht häufig mit Vorurteilen, Stigmatisierungen und Diskriminierung einher. Assoziiert werden negative Charaktereigenschaften wie Unsauberkeit, Dummheit, Mogeln, Vergesslichkeit, Faulheit, Meinungslosigkeit, Alkoholismus und viele weitere Attribute (vgl. Wirth, 2008: S.99). Selbstbeherrschung scheint, grob betrachtet, besonders bei den Begriffen Mogeln, Vergesslichkeit, Faulheit und Alkoholismus, eine beherrschende Position zu haben.

Neben biologischen und biochemischen Prozessen, die auf neurohumoraler Ebene Appetit und Sättigung regulieren, sind auch soziale und psychosoziale Faktoren von großer Bedeutung. Geschlecht und Alter bilden einflussreiche Determinanten. Frauen ernähren sich demnach bewusster als Männer. Ältere Menschen kochen beispielweise mehr, die jüngere Generation geht lieber essen (Deutsche Gesellschaft für Ernährung, 2014).

Psychosoziale Faktoren wie der sozioökonomischer Status wird immer wieder im Zusammenhang mit gesunder Ernährung diskutiert. Dieser hat jedoch primär mit dem Wissen über gesunde Ernährung und einer größeren Selbstwirksamkeitserwartung zu tun und nicht mit den anfallenden Kosten für gesunde, frische Lebensmittel (Deutsche Gesellschaft für Ernährung, 2014). So ist es in höheren Bevölkerungsschichten verbreiteter, auf bestehendes Wissen zuzugreifen und sich gesünder zu ernähren. Dieser Kreislauf, der im Elternhaus beginnt schließt sich bei der Erziehung der Kinder. Kinder lernen zunächst über die Ernährung und das Essverhalten nach dem Modell der Erwachsenen, Im späteren Kindes- bzw. Jugendalter beeinflusst die Peergroup das Verhalten. Diese fungiert nicht nur als Orientierung, sondern bietet auch eine Vergleichsmöglichkeit auf derselben Ebene. Hier wird sich oft an Verhalten Gleichaltriger angelehnt, da Gleichheit auch Sicherheit und Akzeptanz in diesem sozialen Rahmen bedeutet (Oerter & Montada, 2002, S.310). Ebenso kann die landesspezifisch Esskultur schon Grundpfeiler für späteres Essverhalten darstellen. Wichtig ist es, von Grund auf eine gesunde Einstellung zur Nahrung und zu Essgewohnheiten zu vermitteln da beschriebene Einflüsse auf diese mit der Adoleszenz zunehmen.

Essverhalten, Nahrungsaufnahme und die durch Kultur und Natur festgelegten, Gewichtsideale bilden eine kontrovers diskutierte Schnittstelle. Die schwammigen Grenzen zwischen Normalgewicht und krankhafter Abweichung werden beeinflusst durch aktuelle medizinische Diskurse, Körperideale und Selbstkontrollnormen (Herpertz, Zwaan & Zipfel, 2015).

Dass es bei dem Thema Ernährung weiteren Bedarf zur Erkenntnisgewinnung gibt und Selbstkontrolle als Einflussfaktor in Betracht gezogen werden sollte verdeutlicht sich anhand der folgenden Punkte.

1.1 Epidemiologie

Wie erhobene Daten von europäischen Ländern belegen„ ... lag die Prävalenz von Übergewicht bei Männern zwischen 32% und 79% und bei Frauen zwischen 28% und 78%.“ (WHO, 2007). Die Krankheitshäufigkeit hat sich, wie im gleichen Zug erwähnt wird, seit den 1980er Jahren mindestens um das Dreifache erhöht.

Die im Auftrag vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Auftrag gegebene nationale Verzehrsstudie II (2008) belichtet im Rahmen einer großen Erhebung die Problematik in Deutschland.

Diese anthropometrischen Daten, die bei 7090 Frauen und 6117 Männern im Alter von 18 bis 80 Jahren ausgewertet wurden, ergaben, dass die Körpermaße sich mit Ansteigen des Lebensalters erhöhen und das Größenverhältnis an Übergewicht und Adipositas (krankhaftes Übergewicht) bei beiden Geschlechtern zunimmt. 58% der Studien- teilnehmer haben einen BMI über 25 kg/m2 und gelten somit als übergewichtig. Anteilig sind es bei den Männern 66,0% und bei Frauen sind es 50,6% (Max- Rubner- Institut, 2008).

Bei 21,1% der Frauen handelt es sich um eine adipöse Zuordnung des Gewichts, auf Seiten der Männer haben 20,5% einen BMI größer als 30kg/m2. Somit gelten auch sie als adipös. Eine Einteilung erfolgt über das Berechnen des Body Mass Index. Hierbei wird Körpergewicht, Körperlänge und Körperumfang berücksichtigt. Für eine Diagnosestellung nach ICD 10 wird die Relation des Körpergewichts zur Körperlänge durch das Berechnen des BMI der betroffenen Person ermittelt. Es handelt sich um ein Maß, welches das Zunehmen der Morbidität und Mortalität der Person bestimmt. Zu beachten ist, dass der Index mit den Jahren differiert und mit höherem Lebensalter steigt. Zudem ist er limitiert, da er keine Rücksicht auf Körperfett oder Muskelmasse nimmt. Die Relevanz ist dennoch enorm, wie Wirth (2008) beschreibt, da der BMI in allen internationalen Veröffentlichungen Anwendung findet. Ein BMI der zwischen 18 und 25 liegt, wird als Normalgewicht eingestuft. Alles darunter wird als Untergewicht bezeichnet und ein BMI über 25 gilt als Übergewicht.

Ein höheres Gewicht kann als Begleiterscheinung oder als Folge von diversen Krankheitsbildern auftreten, jedoch ist anhand der steigenden Zahlen ebenso davon auszugehen, dass sich auch der Lebensmittelkonsum erhöht hat.

So liegt der Konsum von Süßigkeiten, Speiseeis, süßen Aufstrichen und Süßungsmitteln bei durchschnittlich 51,5 g/Tag. Als Vergleich kann eine handelsübliche Tafel Schoko- lade heran gezogen werden. Diese wiegt in der Regel 100 gr.

Bei den 14 - 64 Jährigen liegt der Konsum von Knabberartikel bei 8,2 g/Tag. Berücksichtigt wird hierbei, dass der Konsum im Alter abnimmt (Max- Rubner- Institut, 2008).

Trotz aller Empfehlungen für einen gesunden Lebensmittelkonsum wird zu Süßigkeiten und Knabberartikel gegriffen. Dass dies durchaus eine Folge von Handlungen auf psychologischer Ebene sein kann, wird folglich erläutert.

1.2 Psychologische Einflussfaktoren des Essverhaltens

Im Rahmen dieser Arbeit wird den psychologischen Einflussfaktoren besonderes Gewicht verliehen. Wie in der Einleitung beschrieben, wirkt die Nahrungszufuhr auch auf emotionaler Ebene. Die Nahrungsaufnahme ist seit der Geburt mit Nähe und Zuneigung verbunden. Ein Säugling nimmt die Nahrung über die Milchdrüsen an der Brust der Mutter auf. Dies bedeutet menschliche Wärme, Aufmerksamkeit und Hingebung.

So werden wichtige Grundbedürfnisse des Menschen wie Liebe und Nahrung zeitgleich gestillt. Diese Gefühle und Zusammenhänge festigen sich von Grund auf. So bedarf es neben der Ernährungserziehung auch einen gewissen Grad der Selbstbeherrschung um diese Muster in sich später entwickelten Gewohnheiten zu ändern. Das Assoziieren der Nahrungsaufnahme mit bedeutsamen Gefühlen hört mit dem Säuglingsalter nicht auf. Renneberg und Hammelstein (2006, S.181-184) postulierten, dass emotionale Faktoren, wie auch kognitive Komponenten als latente Größen des Essverhaltens gelten.

Die emotionalen Faktoren können dabei unterschiedlicher Natur sein. Entspannung und soziale Affiliation resultieren aus positiven Situationen, wie gesellschaftliches Essen. Das Empfinden von Gefühlen, wie Zusammengehörigkeit und Geselligkeit, kann schlussendlich dazu führen über das eigene biologische Sättigungsgefühl hinaus zu essen.

Diese Theorie wird durch die matching Norm (deutsch: Anpassungsnorm) (Roth, Herman, Polivy & Pliner, 2001, S.165) gestützt. Sie beschreibt die Tatsache, dass soziale Einflüsse aus Normen und Regeln der Complicance (deutsch: Beachtung, Mitwirken) entstehen. So wird die Nahrungsmenge an die mit essenden Personen angeglichen. Die Untersuchung zur matching norm fand zu nicht beobachteten Bedingungen statt. Die Teilnehmer wurden vorher durch Laborlisten zur ent- sprechenden Norm aktiviert.

Im selben Zuge wurde die norm for minimal eating (Roth, Herman, Polivy & Pliner, 2001, S.166) beschrieben. Diese sagt aus, dass die Nahrungsmenge tendenziell reduziert wird, wenn andere Personen anwesend sind. Auch hier wurden die Teilnehmer vorher zu der bestimmten Norm aktiviert. Ein stiller Beobachter in der Untersuchung wirkte sich durch restriktive Nahrungsaufnahme auf die Testpersonen aus. Vor allem Frauen griffen zu weniger Nahrung, wenn sie sich beobachtet fühlten.

Beide Phänomene, das angepasste Essen an die Gruppe, wenn nicht beobachtet wird, wie auch das reduzierte Essen bei Beobachtung, zielen darauf ab den bestmöglichen Eindruck zu hinterlassen. Dies soll soziales Wohlwollen und Zuspruch fördern, wodurch das eigene Selbstbild zur Folge positiver bewertet wird.

Vor allem negative Emotionen scheinen bei der Ernährung eine hohe Gewichtung zu haben (Renneberg & Hammerstein, 2006, S.181-184). So wirkt es zum Beispiel negativ verstärkend, wenn über Dauer bei Anspannung, erlebter Furcht, oder Trauer zur Spannungsreduzierung zu Nahrung gegriffen wird. Vor allem Lebensmittel wie Süßigkeiten haben einen Effekt auf das serotogene Transmittersystem, welcher sich im Nachhinein positiv auf die Stimmung auswirkt.

Serotonin gilt als einer der Hauptneurotransmitter im zentralen Nervensystem und beeinflusst unter anderem auch das Essverhalten.

Wie beschrieben, sind die Kognitionen gleichermaßen von wichtiger Bedeutung. Einflüsse wie Risikoeinschätzung, Wirksamkeitserwartung und Attributionsprozesse wirken sich auf das Essverhalten aus.

Wird beispielweise das Risiko, das mit der Menge eines Lebensmittels im Zusammenhang steht als hoch eingeschätzt, sollte der Konsum bestenfalls reduziert werden. Hier ist es wichtig zu erwähnen, dass Menschen dazu tendieren die eigene Gefährdung meist geringer einzuschätzen. Demnach wird das Risiko dass von dem Lebensmittel ausgeht bei sich selbst als weniger prägnant bewertet.

Ebenso zeigt eine Studie von Friese, Hofmann und Wänke (2008), dass eine bestehende kognitive Anforderung die Selbstkontrolle herabsetzt und die Entscheidung impulsiv gestaltet.

Hierfür wurden zwei Gruppen, bestehend aus Studenten, getestet. Beide Gruppen haben Obst und Schokolade in einer 10 - Punkte – Rating - Skala von „sehr negativ“ bis „sehr positiv“ bewertet. Danach wurden die Lebensmittel ebenso von „angenehm, mag ich“ bis „unangenehm, mag ich nicht“ bewertet. Folglich wurden sie einzeln in einen Raum geführt. Hier differenzierten sich die Gruppen. Eine Gruppe bekam eine achtstellige Zahl, die sie sich merken sollten, also blieb ihnen eine niedrige kognitive Kapazität. Die andere Gruppe bekam eine einstellige Zahl, was bedeutet, dass sie eine hohe kognitive Kapazität zur Verfügung hatten. Beide Gruppen sollten eine Box, gefüllt mit den Lebensmitteln die vorher bewertet wurden, umdrehen und sich dann fünf der Lebensmittel aussuchen, die sie verzehren durften. Es ergab sich, dass die Teilnehmer, mit niedriger kognitiver Kapazität eher zur Schokolade griffen, also impulsiver handelten, als die Teilnehmer, die sich nur eine Zahl zu merken hatten.

Unter kognitiven Belastungen zu stehen ist ein alltäglicher Prozess, dem Menschen mal mehr oder weniger ausgesetzt sind, welche sich aber auch auf die Auswahl der Nahrungsmittel auswirken können.

Eine weitere relevante Komponente ist auch die Wirksamkeitserwartung, die ein Mensch hat. Ist eine Person in dem Glauben, eine Ernährungsumstellung freiwillig und mit dem Ziel einer gesünderen Lebensweise und Leidenslinderung zu vollziehen, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie diese über einen längeren Zeitraum aufrechterhält. Des Weiteren sind Attributionen, das Zuschreiben von Ursache und Wirkung, wichtig für die Intention, eigenes Verhalten zu modifizieren. Sieht eine übergewichtige Person die Kausalität der Erkrankung in ihrer genetischen Disposition, wird sie sich nicht weiter aktiv um eine Verbesserung ihrer Ernährung kümmern, da die externe Kontroll- überzeugung überwiegt. Sie ist überzeugt, es liegt nicht in ihrer Macht die Situation zu verändern. Schließlich sind Familienhistorie bzw. die Genetik Faktoren die nicht beeinflusst werden können. Dass aber aktiv dagegen gewirkt werden könnte, ist bei geringer Selbstwirksamkeitserwartung nicht von Bedeutung.

Dominiert die interne Kontrollüberzeugung, ist der Glaube daran, Umstände selbst ändern zu können größer und der Wille dazu vorhanden. So wird ein Mensch eher etwas an seinem Verhalten ändern, wenn er einsieht, dass das eigene ungesunde Verhalten eine große Störvariable darstellt.

Inwiefern das Essen als Deprivation für negative Emotionen fungieren kann, lässt sich anhand der Studie von Boggiano et al. (2015) verdeutlichen. Hier wurden 192 Studenten angehalten fünf Fragebögen auszufüllen. Anhand der Palatable-Eating- Motive-Scale wurde evaluiert, wie oft jede Person im vergangenen Jahr schmackhaftes Essen im Rahmen diverser Gründe verzehrte. Die Emotional-Eating-Scale wurde herangezogen um eine Selbstauskunft zu erhalten, welche angibt, wie häufig man bei festgelegten negativen Emotionen das Bedürfnis hat, nach Essen zu greifen. Um Verhalten bei erlebten Stresssituationen zu erfassen füllten die Teilnehmer die Percieved-Stress-Reactivity-Scale aus.

Das Eating-Disorder-Examination-Questionnaire und die Binge-Eating-Scale dienten dazu pathologisches Essverhalten festzustellen. Zu diesen erhobenen Daten wurde zudem von allen Teilnehmern der BMI gemessen.

Die Studie ergab unter anderem, dass Frauen mit erhöhtem BMI als Bewältigungs- strategie für Gefühle der Angst, Frustration, Wut und Depression öfter zur Nahrung griffen. Gleichzeitig machte sich diese Gruppe viele Gedanken ums Essen. Bei Männern ergab sich, dass sie häufiger bei persönlichen Versagensängsten, sozialen Konflikten und Sorgen um ihre Figur zur Nahrung griffen.

Zieht man die Ergebnisse der Studie heran, zeigt die Gewohnheit bei negativen Gefühlen zu Nahrung zu greifen, den Teufelskreis auf, in dem sich Personen befinden können. Paradoxerweise griffen die männlichen Teilnehmer bei Sorge um die eigene Figur zu Nahrung, was zusätzlich verdeutlicht, wie komplex das Konstrukt der Nahrungsaufnahme ist.

Auf der einen Seite kompensiert das Essen die schlechte Emotion, zeitgleich wird das Verhalten so negativ verstärkt. Auch hier lässt sich darauf hindeuten, dass es an Erkenntnis für das eigene Verhalten, wie auch Motivation und Disziplin bedarf um vorherrschende Muster zu durchbrechen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass all die genannten Faktoren wie biologische Disposition, Erziehung, Gewohnheiten, Motivation, Resilienz (Renneberg & Hammelstein, 2006) und die Selbstwirksamkeitserwartung bei der Nahrungsaufnahme eine wichtige Rolle spielen. Zwischen ihnen bestehen Wechselwirkungen. Je nach Situation, Auslöser, vorheriger Gefühle und Ereignisse verlagert sich die Gewichtung eines Faktors.

Eine Verhaltensumstellung, zur Minderung von Risikofaktoren und Gefährdung durch ernährungsbedingte Erkrankungen, durchzuführen und durchzuhalten bedarf zusätzlich an Ernährungsedukation, wie auch einen gewissen Grad der Selbstbeherrschung. Wie sich Selbstbeherrschung, die Einflussfaktoren und das Paradigma des Strenght- Models verhalten, wird unter den folgenden Punkten definiert.

2. Paradigmen der Selbstbeherrschung

Die Planung und Handlung, den eigenen Trieben und Wünschen nicht nachzugeben, also die Selbstbeherrschung oder Selbstkontrolle, ist ein prägnanter Prozess des Menschen. Das gezielte Planen und Handeln mit dem Bedenken der Konsequenzen ist hierbei eine wichtige Stärke.

Die Selbstregulation ist der Prozess Kurzzeit- und Langzeitziele zu erreichen. Selbstkontrolle ist ein Teil dieser Regulation (Muraven, 2014). Baumeister, Vohs & Tice (2007) differenzieren weiter, dass die Kontrolle als bewusste, mühevolle, beratende Teilmenge und die Regulation als der homöostatische, der ausgleichende, Prozess verstanden werden kann.

Dieser Vorgang wird im Alltag immer wieder von jeder Person gefordert. Sich zusammen zu reißen und seinen Gefühlen nicht ohne Rücksicht auf Verluste freien Lauf zu lassen, ist ein bedeutsamer sozialer Prozess, um in der Gesellschaft eingebunden zu sein und von seiner Umwelt nicht gegen die Norm eingestuft zu werden. Bei selbstkontrollierten Verhalten geht es immer darum Impulse zu regulieren. Impulse im Allgemeinen setzen sich aus drei Faktoren zusammen (Baumeister, Heatherton & Tice, 1994, S.135). Die latente Motivation, die Menschen antreibt Verhalten auszuüben, der aktivierende Stimulus, der als Auslöser für Verhalten verantwortlich ist und das Verhalten selbst, das sich in der Handlung äußert.

Muraven und Baumeister (2000, S.247) beschrieben Selbstbeherrschung als „...the exertion of control over the self by the self.“ Das Selbst beschränkt das Selbst. Selbstkontrolle tritt demnach auf, wenn ein Organismus die ursprüngliche Weise, wie er denkt, fühlt und sich verhält, zu ändern konzipiert. Hierbei bedarf es einer Planungsfähigkeit, welche die Zielerreichung durch konkrete Vornahmen erleichtert (Gollwitzer, 1999).

Diese Fähigkeit hat den Nutzen die langfristigen Interessen des Individuums zu befolgen und richtet sich nach aufgestellten Regeln. Die Regeln können unterschiedlichsten Ursprungs sein. Normbestimmungen, welche immer subjektiv sind, können von interner Natur sein. Beispielsweise das Wunschdenken, die Gewohnheiten, und die aufgestellten Prinzipien. Ebenso können die Regeln extern durch die Erziehung, oder nach einem Vorbild geformt worden sein. Es ist naheliegend, dass sowohl die interne, wie auch die externe Herkunft in die Bewertung mit einfließen und sich nicht klar differenzieren lässt, welcher Teil als hauptverantwortlich gilt. Gäbe es diese Art der Regulierung nicht, würde automatisch, impulsiv und nur nach eigenem Interesse gehandelt werden. Konsequenzen für die Zukunft oder die Umwelt würden nicht einkalkuliert werden. Diese kurzzeitige Befriedigung der eigenen Triebe ist auf lange Sicht nicht von Vorteil. Handelt jede Person nach eigenen Bedürfnissen, ohne Rücksicht auf Verluste, würde dies das Zusammenleben in einem so sozialen Umfeld, wie es das der Menschen ist, unmöglich machen. Die Interessen der Menschen, die so unterschiedlich sind wie sie selbst, würden aufeinanderprallen und zu enormen Konfliktpotential führen.

Die soeben beschriebene Triebsatisfaktion lässt stark an Sigmund Freuds Ich-Instanz erinnern. Freud entwickelte erstmals die Theorie, dass Triebe hauptverantwortlich für Verhalten seien. Seinem Verständnis nach entsteht Verhalten durch die Konflikte zwischen erwünschtem sozialen Handeln und den eigentlichen Trieben.

Er postulierte das `Ich´ als realitätsgebundene Beziehung zu zwei anderen Instanzen: das `Es´, das die Triebe darstellt und das `Über-Ich´, das die Werte und Einstellungen personifiziert.

Das `Ich´ steht demnach, mit seinem Realismus, seinem Bestreben nach sozialer Erwünschtheit und seiner Suche nach Umsetzbarkeit, stets im Konflikt mit dem triebgesteuerten `Es´ und dem `Über-Ich´ (Freud, 1923, zitiert nach Gerrig & Zimbardo, 2008, S.518). Weiterhin war er der Ansicht, durch diesen permanenten Widerstreit der Instanzen entstehen Störungen, innere Unruhe und intrapersonelle Dilemmata.

Zwar sind diese Annahmen im Laufe der Zeit überholt worden, jedoch bilden sie einen wichtigen Pfeiler der Ansichten zu Selbstkontrolle und Impulsivität.

2.1. Regulationsmechanismen

Um schon bestehende oder aufkeimende Dilemmata zu vermeiden, eigenes Verhalten ändern zu können und direktes Antworten auf einen Effekt zu unterdrücken, braucht es nach Baumeister und Heatherton (1996, S. 2-4) drei Komponenten, die sich der Selbstkontrolle zuordnen lassen.

Zum einen die Ideale, oder Ziele möglicher Konstellationen. Falls es hier zu Konflikten kommt, kann dadurch die Selbstkontrolle herabgesetzt werden. Eine Person muss ein Ziel haben. Dieser gewünschte Zielzustand wird durch das Unterdrücken eines anderen, gegensätzlichen Verlangens angestrebt.

Des Weiteren die Überwachung des aktuellen Status, welcher mit Standards des eigenen Selbst verglichen wird. Besteht hier eine liberale Einstellung, gefährdet dies die Standfestigkeit der Selbstbeherrschung. Das Ziel kann nur durch einen Verzicht der eigentlich gewünschten Handlung erreicht werden. Ist die Person, die verzichten muss um den ersehnten Zustand zu erreichen, mit sich selbst nicht streng genug, wird sie die sich selbst gesetzten Grenzen ausdehnen. Das eigentliche Ziel wird dadurch nicht erreicht.

Als drittes Element kommt die Ausführung hinzu. Entspricht der aktuelle Status nicht den gewünschten Standards, wird durch Aktion ein Richtungswechsel in den gewünschten Zustand bewirkt. Hier überdenkt die Person das eigene Verhalten. Die triebhafte, ursprüngliche Handlung wird ersetzt in eine zielgerichtete Handlung. Baumeister, Heatherton & Tice (1994) unterscheiden zudem zwischen der Priorisierung von Prozessen. Im menschlichen Wesen läuft nicht nur ein Prozess zu einer Zeit ab. Viele Vorgänge müssen zur selben Zeit ablaufen um das Funktionieren des Organismus zu gewährleisten. Auf mentaler Ebene kämpfen Prozesse um die Hierarchie des Geschehens. Selbstregulation ist ein höherer Prozess, welcher mehr Zeit, mehr Netzwerke und wichtige Assoziationen einbezieht. Dieser Prozess überbietet niederere Abläufe.

Verspürt eine Person das Bedürfnis einem Verlangen, zum Beispiel einem Stück Schokolade, nachzugeben und schafft sie es zu widerstehen, so ist das ein erfolgreicher Akt der Selbstbeherrschung. Dieses Verlangen war demnach, laut Baumeister et al. (1994), von all den stattfindenden Abläufen, nicht der bedeutungsvollste, zu priorisierende Prozess.

Ebenso postulieren Baumeister et al. (1994, S.21), dass die Zeit während einer sich selbst kontrollierenden Handlung ein weiterer Einflussfaktor sein kann. So beschreiben Sie, dass eine Person, die eine Diät macht und Lust auf ein Eis verspürt, die Diät einhalten kann, wenn sie sich selbst kontrolliert und kein Eis isst. Dieser Prozess, an das Gefrierfach zu gehen, die Packung zu öffnen und ein Eis zu essen, kann theoretisch jeder Zeit von der Person unterbrochen werden, um die Diät erfolgreich weiterzuführen. Sie gehen jedoch davon aus, dass es der Person leichter fällt, das Eis nicht zu essen, wenn sie von vornherein nicht an das Gefrierfach geht. Es ist schwieriger sich zu kontrollieren, während die Eispackung schon geöffnet ist.

Berufen wird sich hierbei auf den Zeigarnik-Effekt (Zeigarnik, 1927), welcher beschreibt, dass es sehr schwer ist eine bereits angefangene Antwortsequenz, die sich in der Tätigkeit spiegelt, in der Mitte zu beenden. Dies führt dazu, dass man wiederkehrend an die zu vollendende Aufgabe denken muss und sie sich immer wieder in das Bewusstsein drängt.

Rothbaum, Weisz & Snyder (1982) verstehen Selbstregulation als anpassendes Verhalten an die Umwelt. Ihrer Ansicht nach besteht diese Anpassung aus zwei Prozessen. Die primary control. Dieser Prozess der primären, ersten Kontrolle, versucht die Umwelt an die eigenen Wünsche und Vorstellungen anzupassen. Ebenso wie die secondary control. Das Verfahren der zweiten, nachstehenden Kontrolle, versucht die eigenen Wünsche und Erwartungen an die Umwelt anzupassen und sich dieser einzufügen. Die secondary control kann schon als eine Art der Selbstbeherrschung interpretiert werden, da die eigentlichen Wünsche unterdrückt oder in Kompromisse gewandelt werden. Hierbei sollte auch in Betracht gezogen werden, dass es für eine Person leichter sein mag die eigenen Vorstellung zu ändern und anzupassen, als die gesamte Umwelt auf die eigenen Wünsche einzurichten.

Nicht als Komponente, sondern mehr als Konstitution der Aufmerksamkeit, wird zudem die Transzendenz erwähnt (Baumeister & Heatherton, 1996, S.2-4, 26). Sie benennt die langfristige Fokussierung auf ein Ziel, welches sich hinter der Unterdrückung eines Stimulus befindet. Diese Langfristigkeit ist wichtig, da sie beispielweise bei einer Diät ein Motivator sein kann, um Selbstbeherrschung auszuführen und die Ernährungs- umstellung durchzuhalten. Es wird auf einen dargebotenen reizvollen Stimulus verzichtet. In diesem Beispiel sind es Lebensmittel mit zu hohem Kilokaloriengehalt, um durch dieses Sparen der zugeführten Energie auf lange Sicht gesehen, einen gewünschten Zielzustand, weniger Gewicht, zu erreichen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Paradigmen der Selbstbeherrschung in Bezug auf vermehrte Nahrungsaufnahme
Hochschule
Hochschule für Gesundheit und Sport, Berlin
Note
2,1
Autor
Jahr
2017
Seiten
56
Katalognummer
V495632
ISBN (eBook)
9783668998278
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ego Depletion, Nahrungsaufnahme, Selbstbeherrschung
Arbeit zitieren
Vivien Grünrock (Autor), 2017, Paradigmen der Selbstbeherrschung in Bezug auf vermehrte Nahrungsaufnahme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/495632

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