Analysen zu den Strukturanpassungsprogrammen von IWF und Weltbank


Examensarbeit, 2005

106 Seiten, Note: sehr gut (1)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Die Entwicklungsgeschichte des IWF und der Weltbank: Gründung, Aufgaben, Ziele und weltpolitische Bedeutung
2.1 Der wirtschaftspolitische Rahmen sowie die Tätigkeitsfelder von IWF und Weltbank im Wandel
2.2 Die „Symbiose“ von IWF und Weltbank

3. Der Konsens von Washington- die Strukturanpassungsprogramme
3.1 Das Konzept der Strukturanpassungsprogramme

4. Die Deregulierung sowie Liberalisierung als Motor für Finanzkrisen?!
4.1 Die Entstehung der internationalen Finanzmärkte in ihrer heutigen Form
4.2 Die Ursachen für Finanzkrisen in einem neoliberalen Kontext
4.2.1 Die Vergabe von Krediten
4.2.2 Die Hochkonjunktur als Ursache für Finanzkrisen
4.2.3 Mangelnde Investitionen und sinkende Gesamtnachfrage

5. Die Ostasienkrise- Der IWF als Ursache und Motor der Krise?!
5.1 Die ökonomische Lage in den Ländern Ostasiens vor dem massiven wirtschaftspolitischen Einfluss des IWF
5.2 Die Vorläufer der Krise- makroökonomische Schwächen oder wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen durch den IWF?
5.2.1 Über die Notwendigkeit von Liberalisierung bzw. Deregulierung der Finanz- und Kapitalmärkte vor der Krise in den betroffenen Ländern Ostasiens
5.3 1997 bis 1998- Wirtschaftskrise in Ostasien
5.3.1 Ein Überblick bezüglich der Ereignisse
5.3.2 Der Ablauf der Krise im Rahmen der Liberalisierung bzw. Deregulierung der Finanz- und Kapitalmärkte in Ostasien
5.3.3 Die Krise spitzt sich zu
5.3.4 Der IWF als Retter in der Not?!
5.3.5 Die Aktivitäten des IWF vor und während der Ostasienkrise- kurze Zusammenfassung der Vorläufer und eine genaue Betrachtung der Auflagen des Jahres
5.3.6 Beweggründe für die Wirtschaftspolitik des IWF
5.3.7 Die sozialen Konsequenzen der Wirtschaftskrise für Ostasien und mögliche Konsequenzen für die Zukunft Ostasiens und den Rest der Welt
5.3.8 Der andere Weg- Malaysia, die Volksrepublik China und teilweise Südkorea
5.4 Zwischenfazit

6. Hat der IWF aus seinen Fehlern gelernt?
6.1 Von den Strukturanpassungsprogrammen zu den Programmen zur Föderung des Wachstums und zur Verminderung der Armut
6.1.1 Die Argentinienkrise

7. Reformvorschläge bezogen auf den IWF und damit auf die Weltbank sowie die internationale Finanzarchitektur

8. Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Der Internationale Währungsfond sowie die Weltbank, die seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts eng zusammen arbeiten, sahen sich vor allem im Rahmen der Ostasienkrise der Jahre 1997 und 1998 mit einer massiven internationalen Beanstandung ihrer Tätigkeiten konfrontiert. Laut Kritikern wie Joseph Stiglitz, Jörg Huffschmid und anderen haben diese Institutionen nicht nur an der Entstehung der Krise mitgewirkt, sondern durch die Strukturanpassung während der Krise die Lage für die betroffenen Länder verschlechtert und damit zugleich der gesamten Weltwirtschaft geschadet. Da selbst der Internationale Währungsfond mittlerweile anerkannt hat, dass einige seiner wirtschaftspolitischen Diktate während der Krise ihr Ziel verfehlt haben und eine übereilte Liberalisierung und Deregulierung von Kapital- und Finanzmärkten ernste Gefahren bergen, macht es Sinn, die kritische Perspektive zu Verfolgen und diese bei der Analyse der Strukturanpassungsprogramme in Ostasien in den Mittelpunkt zu rücken. Damit man die Probleme im Kontext der Strukturanpassungsprogramme auch tatsächlich heraus arbeiten kann, ist es notwendig, die Ursachen der Ostasienkrise zu beleuchten. Eine bloße Analyse der Strukturanpassung könnte nicht hinreichend erklären, wieso bestimmte Fehler während der Krise gemacht wurden. Diese Erkenntnis soll sich im Verlauf der Arbeit entwickeln. Es geht also um die Frage, inwiefern die wirtschaftspolitische Praxis der beiden Institutionen den Krisenländern in ihrer ökonomischen und sozialen Entwicklung vor und während der Krise geholfen oder geschadet hat.

Das zweite Kapitel gibt Auskunft über die Entstehungsgeschichte des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank. Dabei geht es im wesentlichen um den Wandel der Ideologie und der Tätigkeitsbereiche, um den strukturellen Aufbau dieser Institutionen und ihre Symbiose im Laufe der Zeit. Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit dem „Konsens von Washington“ und folglich mit dem Aufbau der Strukturanpassungsprogramme bzw. deren allgemeine Wirkungen für eine Volkswirtschaft.

Da die Ostasienkrise sehr häufig als Finanzkrise definiert wird, offenbart das vierte Kapitel die Gründe für Finanzkrisen der jüngeren Geschichte und zeigt deren Gemeinsamkeiten auf. Im fünften Kapitel werden die Wirkungsweisen des ideologischen Wandels, der Ursachen für jüngere Finanzkrisen und der Strukturanpassungsprogramme auf Ostasien projiziert. Es soll zum einen gezeigt werden, inwiefern der Internationale Währungsfond und die Weltbank die Krise mit zu verantworten haben, zur Verschärfung derselben beitrugen und welche ökonomischen und sozialen Konsequenzen durch die von ihnen betriebene Politik für die betroffenen Länder und die Weltwirtschaft dadurch entstanden. Zum anderen sollen die Beweggründe für die vollzogene Wirtschaftspolitik erarbeitet werden. Abschließend werden alternative Konzepte bezüglich der Strukturanpassungsprogramme dargestellt, die in bestimmten Ländern Ostasiens angewendet wurden.

Das sechste Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, ob der Internationale Währungsfond und die Weltbank aus den Ereignissen im Rahmen der Ostasienkrise gelernt haben. Zunächst soll dies am Beispiel der Strukturanpassungsprogramme des Jahres 1998 in Ostasien erfolgen. Anschließend wird auf die Milleniums Deklaration der Vereinten Nationen und die neuen Strukturanpassungsprogramme, die seit der Ostasienkrise „Programme zur Förderung des Wachstums und zur Verminderung der Armut” genannt werden, verwiesen. Damit man sich ein Bild über den scheinbaren wirtschaftspolitischen Wandel nach der Ostasienkrise machen kann, wird dann das Krisenmanagment des Internationalen Währungsfond und der Weltbank anhand der Argentinienkrise untersucht.

Das siebte Kapitel beinhaltet Reformvorschläge, die sich auf eine geeignetere Integration der Entwicklungsländer in die internationalen Kapital- und Finanzmärkte bezieht und zugleich einen Vorschlag für eine sinnvolle Reformierung des Internationalen Währungsfond liefert.

Das letzte Kapitel setzt sich noch einmal kritisch mit den Erfahrungen der Ostasien- und Argentinienkrise auseinander.

2. Die Entwicklungsgeschichte des IWF und der Weltbank: Gründung, Aufgaben, Ziele und weltpolitische Bedeutung

Im Juli des Jahres 1944 wurde die Gründung des Internationalen Währungsfonds (kurz IWF) bzw. des International Monetary Fund (kurz IMF) sowie der Weltbank im Rahmen der internationalen Währungs- und Finanzkonferenz der Vereinten Nationen in Bretton Woods (New Hampshire) beschlossen. Diese Institutionen sollten sich zum einen mit dem Wideraufbau des durch den zweiten Weltkrieg zerstörten Europas befassen und zum anderen sowie viel wichtiger den Ausbruch von weiteren Weltwirtschaftskrisen (siehe dazu die Weltwirtschaftskrise, auch Great Depression genannt, von 1931-1933, die als Hauptursache für den Ausbruch des zweiten Weltkriegs gilt) verhindern bzw. deren Konsequenzen abmildern.[1]

Zur Verdeutlichung der ursprünglich Aufgabengebiete, folgt nun jeweils der 1 Artikel der IWF sowie Weltbank Vereinbarung:

1. Der IWF:

„Promote exchange stability (and) maintain orderly exchange arrangments among members and...avoid competitive exchange depreciations.“[2]

2. Die Weltbank:

„assist in the reconstruction and development of territories of members by facilitating the investment of capital for productive purpose including the restoration of economies destroyed or disrupted by war, the reconversion of productive facilities to peacetime needs and the encouragement of the development of productive facilities and resources in less developed countries.“[3]

Trotz der geplanten Zusammenarbeit, wurden die Aufgabenbereiche dieser beiden Institutionen theoretisch getrennt. So wurde die Weltbank (ihr ursprünglicher Name: „Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung“) damit beauftragt, sich der Ebenen des Wiederaufbaus und der Entwicklung von wirtschaftlich schwachen Regionen der Welt zu widmen[4], wohingegen der IWF die Stabilität der Weltwirtschaft gewährleisten sollte. Damit diese global agierenden Einrichtungen in der Praxis funktionieren konnten, mussten zunächst wirtschaftspolitische Richtlinien definiert werden. In diesem Zusammenhang spielte der Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes eine tragende Rolle in Bretton Woods. Keynes, der von den Ereignissen seiner Zeit geprägt war (die Great Depression und die expandierende Desintegration auf der Basis der Währungspolitik[5] ), glaubte nicht an die umfassenden Selbstheilungskräfte der Märkte. Es gelang ihm zu zeigen, dass freie Märkt oftmals gravierende Mängel aufweisen die zu Krisen führen können und entwickelte daran anlehnend eine Theorie, die den Staat in die marktwirtschaftlichen Prozesse integriert.[6]

Dem Staat werden innerhalb dieser Wirtschaftstheorie, unter anderem, die Aufgaben eines Investors zu Teil, der zum einen in Zeiten einer schwindenden Nachfrage dieselbige durch Investitionen oder Steuersenkungen[7] beleben und zum anderen in Zeiten der Hochkonjunktur durch höhere Steuern einer Deflation vorbeugen sowie die entstanden Haushaltsdefizite (durch Investition oder Steuersenkungen zu Zeiten einer Rezession) ausgleichen soll. Daraus lässt sich ableiten, dass der Staat nach Keynes stets antizyklisch agieren sollte, um die Märkte zu stabilisieren.[8]

Die westlichen Regierungen, die dieses Konzept zur allgemeingültigen Wirtschaftspolitik erhoben, verliehen damit auch dem IWF sowie der Weltbank ein wirtschaftspolitisches Fundament.

Zwecks Vermeidung von schweren regionalen Krisen oder gar einer Weltwirtschaftskrise bestand die Aufgabe des IWF im Konkreten darin, seine Mitgliedsstaaten anzuhalten, einen angemessenen Beitrag zur globalen Gesamtnachfrage zu leisten und ihre Volkswirtschaften vor Rezessionen zu schützen. In diesem Rahmen sollte der IWF auf den Zustand einer Vollbeschäftigung drängen und zum anderen finanzielle Mittel bereit stellen, sofern Länder nicht aus eigener Kraft für Wachstum (durch eine expansive Fiskalpolitik in Zeiten einer Krise) sorgen konnten. Desweiteren gehörte es zu seinem Aufgabenspektrum, die Wechselkurse zwischen den verschiedenen Währungen der Mitgliedsländer stabil zu halten.[9] Als Leitwährung fungierte hierbei der Dollar, dessen Wert auf 35 US$ je Feinunze datiert wurde und an den sämtliche Währungen gebunden waren.[10]

Bezogen auf die Entwicklungsebene, die wie bereits erwähnt der Weltbank zukam, ist es erforderlich darauf hinzuweisen, daß weite Teile der Dritten Welt in diese nicht miteinbezogen wurden, da die angesprochnen Regionen in der Obhut ihrer Kolonialherren lagen und letztere für deren Entwicklung verantwortlich waren.[11] Auch während der Rekonstruktion des zerstörten Europas standen die Hilfsprogramme der Weltbank im Schatten größerer Projekte wie dem Marshall Plan und waren somit eher unbedeutend.[12]

Die weltpolitische Bedeutung des IWF und der Weltbank wurde vor allem durch zwei Aspekte begünstigt. Zum einen machte die Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts deutlich, dass die ökonomische Verschmelzung der weltweiten Volkswirtschaften einer globalen Kooperation bedurfte um infektiösen Krisen vorzubeugen.[13] Zum anderen wurden diese beiden Institutionen während des Kalten Krieges instrumentalisiert. So oblag es dem IWF Wechselkursschwankungen in der „freien Welt“ zu vermeiden, um einen Beitrag zur ökonomischen Überlegenheit gegenüber dem kommunistischen System zu leisten. Die Weltbank sollte dabei helfen, die Versprechen Trumans von 1948, sprich die „westernization“ sowie „americanization“, einzulösen, in dem jedes Land, welches Teil der freien Welt werden wollte, von ihr mit finanziellen Ressourcen versorgt wurde.[14]

Die Konstitution des IWF ist kritisch zu beleuchten. So ist die politische Entscheidungsfindung durch ein relativ komplexes Abstimmungsverfahren charakterisiert; die Gewichtung der einzelnen Länder ist von ihrer jeweiligen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit am Ende des zweiten Weltkriegs abhängig. Zwar haben sich im Laufe der Zeit kleinere Variationen diesbezüglich vollzogen, doch haben die westlichen Industrieländer noch immer eine absolute Mehrheit im Rahmen der politischen Entscheidungsfindung, da sich die Gewichtung der Stimmen an der eingezahlten Geldmenge orientiert[15] und die USA als einziger Mitgliedsstaat ein Vetorecht hat. Des Weiteren sticht hervor, dass der IWF zwar als öffentliche Institution konzipiert wurde und durch Steuergelder aus der ganzen Welt finanziert wird, dennoch aber der weltweiten Öffentlichkeit nicht rechenschaftspflichtig ist, obgleich er deren Lebenswirklichkeit zumindest teilweise beeinflusst. Er wird lediglich durch die Finanzminister und Zentralbankchefs der Mitgliedsländer kontrolliert.[16]

Diese negativ anmutenden Aspekte ändern jedoch nichts daran, dass die in Bretton Woods geschaffene Neuordnung der Weltwirtschaft maßgeblich für die erfolgreiche Rekonstruktion sowie Expansion der von den Weltkriegen erschütterten Volkswirtschaften bis in die 60er Jahre beigetragen hat.[17]

2.1 Der wirtschaftspolitische Rahmen sowie die Tätigkeitsfelder von IWF und Weltbank im Wandel

Wie man gesehen hat, orientierte sich der IWF zu Beginn an den wirtschaftspolitischen Empfehlungen von John Maynard Keynes. Betrachtet man allerdings die heutige Wirtschaftspolitik des IWF, so ist diese vom Geist des Neoliberalismus erfüllt.[18]

Es gilt nun zu untersuchen, welche Ereignisse diesem ideologischen Wandel zu Grunde liegen.

Ein wesentlicher Faktor innerhalb dieses Entwicklungsprozesses wird durch die Ölpreisschocks von 1973 und 1979 reflektiert, da diese unter anderem dazu führten, daß die westlichen Regierungen die Staatsdefizite sowie die Inflation nicht länger regulieren konnten.[19] Darüber hinaus schrumpfte der Anteil der Goldreserven, die im Besitz der USA waren, gemessen an den gesamten Vorräten der westlichen Welt, von 68,3% in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts auf 29,9% im Jahr 1970. Dies hatte neben anderen Ereignissen (z. B. Inflationäre Politik der USA zur Finanzierung des Vietnam-Krieges[20] ) zur Folge, dass trotz aller Bemühungen die Dollar-Konvertibilität, wie in Bretton Woods beschlossen, im Jahre 1971 nicht länger in vollem Umfang aufrecht erhalten werden konnte. Im März des Jahres 1973 wurde das Prinzip der festen Wechselkurse vollends aufgegeben, was seinerseits zu heftigen Währungsschwankungen führte.[21]

Begünstigt durch die negative ökonomische Entwicklung gelang es den Konservativen 1979 in Großbritannien sowie 1980 in den USA einen Wahlsieg zu erringen, der ein neues Zeitalter der wirtschaftspolitischen Ausrichtung einläutete. Im Mittelpunkt dieses neuen Zeitgeistes standen nicht länger die Lehren von Keynes, sondern die Lehren des Neoliberlismus bzw. Monetarismus, zu deren Befürwortern Milton Friedmann (Berater von Ronald Reagan) sowie Friedrich August von Hayek (Mentor von M. Thatcher) gehörten. Diese wirtschaftspolitische Perspektive spricht dem Staat jedes Recht und damit jede Möglichkeit der Intervention auf der ökonomischen Ebene ab und billigt ihm lediglich die Rolle eines Ordnungshüters zu, mit der Begründung „Je freier private Unternehmen bei Investitionen und Beschäftigung seien, desto größer werde auch Wachstum und Wohlstand für alle ausfallen.“[22] Dieses wirtschaftspolitische Modell orientiert sich somit an der Theorie der unsichtbaren Hand von Adam Smith.[23] Der Staat soll die Märkte also frei agieren lassen und lediglich in das Bildungswesen investieren, ein geeignetes Investitonsklima für Unternehmen schaffen und für Stabilität auf der makroökonomischen Ebene sorgen.[24]

Da dieses Konzept durch die Begriffe Deregulierung, Liberalisierung sowie Privatisierung gekennzeichnet ist, wurde in den Ländern der „Ersten Welt“ damit begonnen, die jeweiligen staatlichen Kontrollfunktionen sowie Eingriffsmöglichkeiten auf der ökonomischen Ebene mehr und mehr zu reduzieren. Die unwilligen Partnerländer, sprich diejenigen, die sich zunächst der neuen Marktwirtschaftslehre widersetzen, wurden letztlich durch Handelssanktionen gefügig gemacht.[25]

Dieser neue Geist erfüllte aber nicht nur die Köpfe in den westlichen Parlamenten und die Lebenswirklichkeit der westlichen Bürger, sondern auch die Führungsebene des IWF und der Weltbank[26], die ja im Kern von den G-7 Staaten dominiert wird.[27]

Die Öl- und die damit einhergehende Weltwirtschaftskrise brachte aber nicht bloß Veränderungen in dem wirtschaftspolitischen Leitfaden der westlichen Welt hervor, sondern erhob den IWF in den 80er Jahren zu einem politischen Vollzugsorgan. Zuvor um die Funktion des Geldes als Zirkulationsmittel besorgt, oblag es ihm nun im Verbund mit der Weltbank, das Geld als Zahlungs- sowie Kreditmittel zu stabilisieren. Dieser Transformationsprozess bezüglich der Aufgabenfelder der Organisationen von Bretton Woods wurde zu Beginn der 80er Jahre in den USA eingeleitet, als eine Abwertung des Dollar durch massive Zinserhöhungen verhindert wurde. Viele Entwicklungsländer, die mittlerweile im Rahmen der privaten Kapitalmärkte verschuldet waren und den Schuldendienst in Dollar zu leisten hatten, gerieten nun in gravierende Zahlungsschwierigkeiten, die durch die zeitgleich sinkenden „terms of trade“ für Rohstoffe intensiviert wurden. Im Dezember des Jahres 1981 erklärte Polen seine Zahlungsunfähigkeit, gefolgt von Mexiko im August des Jahres 1982 und Brasilien im November des Jahres 1982. Damit die Auslandschulden getilgt und die Gläubiger aus der westlichen Welt zufrieden gestellt werden konnten, erhielten der IWF sowie die Weltbank fortan die Aufgabe, die Zahlungsfähigkeit von in Not geratenen Ländern zu gewährleisten und sich daran anlehnend den Staaten der Dritten Welt zu widmen.[28]

Dem IWF oblag nun die makroökonomische Ebene von Staaten, sprich er befasste sich mit den staatlichen Haushaltsdefiziten, den Auslandsverschuldungen, der Geldpolitik, der Inflation und mit den Außenhandelsdefiziten. Die Weltbank hingegen war jetzt in den Bereichen der Arbeitsmärkte, der Außenhandelspolitik, der Finanzsituation sowie der Verwendung von Staatsausgaben im Rahmen der verschuldeten Länder gefordert.[29]

2.2 Die endgültige Symbiose von IWF und Weltbank

Wie man gesehen hat, waren die Aufgabenbereiche des IWF und der Weltbank zu ihrer Gründungszeit weitreichend voneinander abgegrenzt. Dies änderte sich jedoch durch den dynamischen Entwicklungsprozess, den diese Institution im Laufe der Zeit erlebten, wodurch sich nach und nach eine immer stärker werdende Verknüpfung ihrer Aktivitäten, vor allem in den 80er Jahren, einstellte. Die Weltbank, die sich nun zum einen die Vergabe von projektbezogenen Krediten, wie unter anderem die Errichtung von Verkehrswegen und Dämmen und zum anderen darüber hinaus die Bereitstellung von Strukturanpassungskrediten zur Aufgabe machte, musste stets die Zustimmung des IWF empfangen, um ihre Vorhaben realisieren zu können. Der IWF erteilte seine Erlaubnis zur Bereitstellung von Krediten aber nur dann, wenn das Schuldnerland eine Vielzahl von Auflagen akzeptierte, die vom IWF formuliert wurden. Sein politisches Gewicht wurde auch dadurch gestärkt, dass die Entwicklungsländer in der Regel kontinuierlicher Hilfe bedurften bzw. bedürfen und er zu einer fixen politischen Instanz in diesen Staaten heranwuchs, oblgeich seine neue Rolle ursprünglich auf die Krisenhilfe beschränkt war. Damit war die Verschmelzung von IWF und Weltbank aber noch nicht vollständig. Den letzten entscheidenden Aspekt in diesem Zusammenhang brachten die Krisen der jüngeren Geschichte hervor. Der immense Bedarf an finanziellen Ressourcen im Rahmen der Hilfsmaßnahmen überstieg das Budget des IWF bei weitem, wodurch neue Finanzierungsquellen geschaffen werden mussten. Die Weltbank, die sich der Entwicklungsebene verpflichtet sah, eilte alsbald mit Beträgen in Milliardenhöhe zur Hilfe, musste sich aber, zumindest was den Verwendungszweck dieser Gelder anging, dem alleinigen Diktat des IWF unterwerfen. Der IWF begründete dies damit, dass schließlich jedes einzelne Strukturproblem auf die Gesamtleistung einer Volkswirtschaft wirkt und so die Bereiche des Staatshaushalts, des Außenhandelsdefizit, usw. tangiert werden. Folglich war für ihn klar, dass eine erfolgreiche Krisenhilfe nur seinem alleinigen Handeln zu verdanken sein kann.[30] Dieser Schlussfolgerung liegt aber keine offizielle Legitimation zu Grunde, wenn man die definierten Aufgabenbereiche des IWF betrachtet.[31]

Da nun deutlich wurde, dass der IWF letztlich alle wichtigen Entscheidungen im Rahmen der Krisenhilfe trifft, wird im weiteren Verlauf der Ausführungen dieser in den thematischen Focus gerrückt und die Auflagen, die mit den so genannten Strukturanpassungskrediten einhergehen, in den folgenden Kapiteln abgehandelt.

3. Der Konsens von Washington- die Strukturanpassungsprogramme

Es lässt sich zunächst einmal anführen, dass der Konsens von Washington (diese Bezeichnung stammt von dem britischen Ökonomen John Williamson[32] ) die wirtschaftspolitische Praxis des IWF charakterisiert. Damit man diese Praxis besser verstehen kann, sollte man näher auf das Wort Konsens, bzw. auf das was es in diesem Zusammenhang meint, eingehen. Es handelt sich dabei um eine Übereinkunft von IWF, Weltbank, den in Washington befindlichen privaten Banken, der großen Wirtschafts- und Politikberatungsinstitutionen sowie der US-Regierung[33] und basiert auf den fundamentalen Aspekten der Inflationsbekämpfung, der Reduzierung des Haushaltsdefizits, der Korrektur der relativen Preise sowie die umfassende Privatisierung der Wirtschaft und Deregulierung der staatlichen Interventionsmöglichkeiten.[34]

Die Aufgaben, die der IWF anlehnend an den Konsens von Washington erfüllen soll bestehen in der Regel darin, die Entwicklungsländer im Sinne der neoliberalen Ideologie zu reformieren. Sofern ein verschuldeter Staat also die Hilfe vom IWF erbittet, weil er sich aus eigener Kraft nicht aus der misslichen Lage befreien kann, muss er mittels eines „letter of intent“ den Auflagen des „Konsens von Washington“ zustimmen.[35] Die daraus resultierende Strukturanpassung der betroffenen Volkswirtschaft erfolgt dann nach einem gängigen Muster. So muss die entsprechende Volkswirtschaft massiv den Export fördern, um harte Devisen einnehmen zu können, der Inflationsbekämpfung oberste Priorität beimessen, feste Wechselkurse etablieren, einen ausgeglichenen Staatshaushalt generieren und die Prozesse der Marktöffnung, der Deregulierung und der Privatisierung von öffentlichen Betrieben vorantreiben.[36]

3.1 Das Konzept der Strukturanpassungsprogramme

Es ist bereits angeklungen, dass ein Strukturanpassungsprogramm, kurz SAP, genau dann als notwendig in Erscheinung tritt, wenn die Wirtschafspolitik eines Landes mittel- oder langfristig als untragbar anzusehen ist. Die Strukturanpassungsprogramme setzen sich in der Regel aus drei Maßnahmepaketen zusammen[37] und kommen seit Anfang der 80er Jahre zum Einsatz.

Zum ersten ist es im Interesse des IWF, einen Ausgleich zwischen den nutzbaren Ressourcen einer Volkswirtschaft und den gesamtwirtschaftlichen Ausgaben der selbigen herzustellen. Erhebliche Neuverschuldungen seitens des Staates sollen dadurch verhindert werden, dass die Schöpfung sowie die Vergabe von Krediten durch die Zentralbanken vermindert wird. Der Staat reduziert durch Sparmaßnahmen sein Budgedefizit und trägt gleichsam zur Eindämmung der Inflation bei.

Zum zweiten fordert der IWF eine Variation bezüglich der Anreizstrukturen auf der wirtschaftlichen Ebene, um den Einsatz der vorhandenen Produktionsfaktoren effektiver zu gestalten. Im Wesentlichen geht es hierbei um die Wechselkurs- und Handelspolitik, wobei sich das besondere Augenmerk auf die Schaffung einer wettbewerbsfähigen Wirtschaft richtet die sich auf den Export konzentriert.

Das dritte und letzte Maßnahmepaket bezieht sich auf die Funktion des Staates in den Bereichen der Ökonomie. Hier werden Reformen gefordert, welche die Privatisierung von Staatsunternehmen umfassen sowie die vorherrschenden Prinzipien der staatlichen Investitionstätigkeit, des Steuersystems und der Steuerverwaltung im neoliberalen Sinne neu ordnen.[38]

Zur Verdeutlichung der praktischen Auswirkungen von Strukturanpassungsprogrammen werden die mit ihnen einhergehenden Auflagen nun in ausgewählter Form betrachtet. Zuvor sollte man sich aber noch einmal die elementaren Inhalte der Strukturanpassungsprogramme ins Gedächtnis rufen. Diese lauten nach Jörg Huffschmid:

1. Die Steigerung der Exporte, um harte Devisen einzunehmen
2. Fixe Wechselkurse (in der Regel an den US-Dollar gebunden)
3. Inflationsbekämpfung
4. Ausgeglichener Staatshaushalt
5. Marktöffnung, Deregulierung und Privatisierung von öffentlichen Betrieben

Damit es den betroffenen Staaten auch wirklich gelingt das Haushaltsdefizit auszugleichen, ist ein disziplinierter Sparkurs unumgänglich. Diese restriktive Fiskalpolitk führt oftmals zu Streichungen von finanziellen Mitteln in den Bereichen des Gesundheits- und Bildungswesen, der Nahrungsmittelsubvention und den öffentlichen sowie sozialen Leistungen.

Sobald ein Strukturanpassungsprogramm initiiert wurde und sich die Regierung des betroffenen Landes der Inflationsbekämpfung widmet, folgen in der Regel unter anderem Lohnkürzungen, die nicht nur die Eindämmung der Inflation begünstigen,[39] sondern auch die einheimischen Produkte billiger machen, wodurch das Exportvolumen gesteigert werden kann. Gerade dies führt dazu, dass harte Devisen zwecks Tilgung der Auslandsschulden erworben werden können. Das Exportvolumen kann außerdem durch die Abwertung der jeweiligen Landeswährung, gegenüber harten Währungen wie dem US-Dollar, zusätzlich positiv stimuliert werden.

Damit sind aber die Möglichkeiten der Expansion auf dem Exportsektor noch nicht umfassend erschöpft, denn durch die vom IWF geforderten Deregulierungsprogramme werden die staatlichen Vorschriften bezüglich des Arbeit- und Umweltschutzes sowie diejenigen zum Schutz der natürlichen Ressourcen ausrangiert und folglich die Kosten im Kontext der Gütererzeugung- und Dienstleistungserbringung reduziert (Produkte werden billiger).[40]

Der Prozess der Strukturanpassung soll weiterhin die Entwicklungsländer in das globale Wirtschaftsgeschehen integrieren, wodurch es demnach mehr als logisch anmutet, dass der IWF auf die Öffnung der nationalen Märkte für Güter, Finanztransaktionen sowie Investitionen drängt.[41] Dadurch bedingt wird es innerhalb der ökonomischen Ausrichtung einer Volkswirtschaft zum Gebot, die Beschränkungen für Auslandsinvestitionen in der Industrie, im Bankwesen und in anderen Bereichen der Finanzdienstleistungen aufzuheben und inländische Unternehmen nicht länger gegenüber ausländischen Unternehmen zu bevorzugen. Da der Welthandel schließlich durch das Wechselspiel von Export und Import bestimmt wird, gehört es ebenso zu den Aufgaben der Reformwilligen Zölle, Importquoten und andere Importrestriktionen auszumustern.[42]

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Ziele der Strukturanpassungsprogramme für die Entwicklungsländer durch das Abtragen der Auslandsschulden und einer Organisation der Ökonomie nach westlichem bzw. neoliberalem Vorbild definiert sind.

4. Die Deregulierung sowie Liberalisierung als Motor für Finanzkrisen?!

Der IWF sowie die Weltbank geraten überwiegend im Zuge der Wirtschaftskrisen der jüngeren Geschichte, wie zum Beispiel die Ostasienkrise, aufgrund der von ihnen praktizierten Wirtschaftspolitik bzw. den damit verbundenen Auflagen aus institutionalistischer Sicht[43] unter massive Kritik. Denn gerade diese beiden Institutionen wurden schließlich gegründet, um schwere Wirtschaftskrisen zu vermeiden.[44]

Da die Ostasienkrise von Analytikern sehr häufig als Finanzkrise bezeichnet wird[45], macht es Sinn, sich erst einmal mit den allgemeinen Bedingungen für den Ausbruch einer Finanzkrise zu beschäftigen, bevor man zu den spezifischen Elementen der Ostasienkrise übergeht und die Rolle, die der IWF sowie die Weltbank in ihr spielten, analysiert.

4.1 Die Entstehung der internationalen Finanzmärkte in ihrer heutigen Form

Die aktuelle Konstitution der internationalen Finanzmärkte geht mit dem Zusammenbruch der Bretton Woods - Vereinbarungen einher und ist daran anlehnend ein Produkt des neoliberalen Zeitgeistes.

Nahezu dreißig Jahre lang hatte das System von Bretton Woods mit den fundamentalen Theorien von Keynes für ökonomische Stabilität und Wohlstand gesorgt. Die Währungen der Mitgliedsländer waren in ein Prinzip der fixen Wechselkurse integriert und der Devisenhandel oblag der staatlichen Kontrolle. Durch diese beiden Aspekte war der Handlungsspielraum für Finanzspekulationen zu Gunsten der gesamtwirtschaftlichen Interessen der Länder umzäunt.[46]

Es stellt sich nun die Frage, wie es zu einer Entfesselung der Finanzmärkte kommen konnte, obgleich die Grundlagen von Bretton Woods so gut funktioniert hatten.

Eine Antwort auf diese Frage ist im Rahmen der ökonomischen Entwicklung in den westlichen Ländern zu finden. Die großen Banken und die kontinuierlich an Boden gewinnenden Industrien sahen in der staatlichen Kontrolle des Devisenhandels ein unnötiges Übel, das es zu überwinden galt. Dies gelang auch schließlich ab 1970 (Zusammenbruch des fixen Wechselkursystems- zur genauen Entwicklung siehe Kapitel 2.1) in den Vereingten Staaten, der Bundesrepublik Deutschland, Kanada und in der Schweiz, die fortan dem System der Kapitalverkehrskontrollen entsagten und damit den „Spekulanten“ die Festlegung der Wechselkurse überließen. Diejenigen Staaten, die weiterhin an den Kapitalverkehrskontrollen festhielten, sahen sich daraufhin mit schwerwiegenden Problemen konfrontiert, da ihreren Unternehmen der Zugang zu zinsgünstigem, externen Kapital verschlossen blieb. Es ist leicht verständlich, dass dadurch die Mauern der letzten Hochburgen, die das Prinzip der Kapitalverkehrskontrollen verfolgten, einstürtzten. So folgten Frankreich und Italien im Jahr 1990 sowie Spanien und Portugal im Jahr 1992 den neuen Maximen des Kapitalverkehrs. Dieser Entfaltungsprozess sollte sich aber nicht nur auf die westlichen Industriestaaten beschränken, sondern die Finanzmärkte auf der ganzen Welt erobern. Diesbezüglich wurde der neoliberale Feldzug in den Entwicklungsländern vom IWF, konkret durch seine Auflagen bei der Kreditvergabe, geführt.[47]

Man kann also festhalten, dass die Neugestaltung der Finanzmärkte auf eine zielstrebige Politik der westlichen Demokratien zurück zu führen ist.[48]

„Die große Industrie hat den Weltmarkt hergestellt“[49] und so die Basis für einen internationalen Kapitalmarkt geschaffen.

4.2 Die allgemeinen Ursachen für Finanzkrisen in einem neoliberalen Kontext

Die Geschichte lehrt uns, dass Finanzkrisen als eine Begleiterscheinung der kapitalistischen Produktionsweise anzusehen sind und damit nicht dem Zeitgeist der Moderne entspringen. Beispiele hierfür sind der dreißigjährige Krieg, dem eine Finanzkrise voraus ging, die durch Spekulationen verursachte Tulpenkrise von 1636 oder die Finanzkrisen des 19. Jahrhunderts, die mit dem Eisenbahn und Kanalbau einhergingen. Auch in der Great Depression von 1931 bis 1933 des 20. Jahrhunderts spielten Finanzkrisen eine elementare Rolle. Deshalb haben die Industrienationen im Laufe der Zeit aufgrund von Erfahrungswerten Rahmenbedingung geschaffen, die ihren Währungsbehörden erlauben, einer Finanzkrise vorzubeugen. Solange die wirtschaftspolitischen Konzepte von Bretton Woods die Ökonomie bestimmten, blieb die Welt vor größeren Finanzkrisen verschont und man erfreute sich im Besonderen in den westlichen Industrieländern eines kontinuierlich anschwellenden Wohlstandes. Doch durch den Zusammenbruch des Währungssystems im Jahre 1973 und der kurz darauf folgenden Adaption der neoliberalen Lehren, stellten sich neue Finanzkrisen ein, die teilweise in bislang unbekannter Art und Weise verliefen. Da die entwickelten Länder, wie gesehen, über ein effizientes Instrumentarium zur Vermeidung von Finanzkrisen verfügten bzw. verfügen, waren von diesen neuen Finanzkrisen in der Regel die Entwicklungsländer betroffen. In diesem Zusammenhang ist neben der Mexikokrise von 1982, der Brasilienkrise von 1998/1999, der Russlandkrise von 1998, der Argentinienkrise von 2001/2002 auch die Ostasienkrise von 1997/1998 zu nennen.[50] Das neue an diesen Krisen war, dass sich internationale Spekulanten sozusagen verbündeten, um gegen die Währungen zu spekulieren (darauf wird Kapitel 5 im folgenden vertiefend eingehen).[51] Mahathir, der während der Krise in Ostasien Premieminister von Malaysien war, formulierte diesen Aspekt wie folgt: „They do not work in concert of course. Nor do they enter into a conspirracy. But they do behave like herds. Thus when one of the more important members swing in one direction, the other will follow. The effect ist not unlike acting in concert.“[52]

4.2.1 Die Vergabe von Krediten

Innerhalb von kapitalistischen Strukturen fungiert das Geld hauptsächlich als Kreditmittel und wird von den Zentralbanken der einzelnen Länder zur Verfügung gestellt. Diese müssen darauf achten, dass das Quantum an zirkulierendem Geld stets den Zahlungsverpflichtungen der Wirtschaft entspricht. Ergibt sich hierbei eine Diskrepanz und die entsprechende Zentralbank eines Landes versäumt es die Menge des sich im Umlauf befindlichen Geldes zu erhöhen, kann dies zu einem Kollaps auf dem gesamten Finanzsektor führen. Diese Ursache für eine Finanzkrise wird nun anschaulicher betrachtet.

In Zeiten, in denen man die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes oder einer Region positiv einschätzt, neigen private Haushalte sowie Unternehmen in der Regel dazu, überschüssiges Geld auf Konten zu lagern oder es in Form von Finanzvermögen anzulegen, um so zusätzliche Gewinne zu erwirtschaften. Das ihnen zu Verwendungszwecken bereitstehende Bargeld wird also lediglich zum Kauf von Gebrauchs-und Produktionsmitteln aufgewendet und der Restbestand, überwiegend bei Banken, langfristig angelegt. Dadurch müssen die Banken nur Fragmente des umfassenden Kreditvolumens als Bargeld in Bereitschaft halten und können ihrerseits mit dem eingezahlten Geld aktiv arbeiten.

Sofern aber die wirtschaftliche Entwicklung negative Tendenzen zum Vorschein bringt, werden die zuvor angelegten finanziellen Ressourcen in großen Mengen in Bargeld rückverwandelt und die Banken gleichsam dazu gezwungen, ihren Bestand an Bargeld aufzustocken. Diesbezüglich müssen sie sich an die jeweilige Zentralbank wenden, die ihnen zusätzliche Liquidität gegen Zinsen zur Verfügung stellt. Ist nun der Fall gegeben, dass die Kredite durch die Zentralbank als zu teuer angesehen werden oder diese keine oder quantitativ unzureichende Kredite gewährt, sehen sich die Banken in die Position gedrängt, laufende Kredite zu kündigen, um sich das nötige Bargeld zu verschaffen. Die Schuldner der Banken, die nun in der Pflicht stehen ihre Schuldenlast umgehend zu leisten, müssen sich ihrerseits einen neuen Zugang zu Bargeld verschaffen. In diesem Kontext sind für gewöhnlich drei Optionen denkbar. Zum einen kann man mit Hilfe von frischen aber meist überteuerten Krediten dem Schuldendienst gerecht werden. Dies führt aber dazu, dass die Wirtschaft noch weiter geschwächt wird, da die Gesamtbelastungen steigen. Zum anderen können die Schuldner dem Vorbild der Bank bzw. Banken folgen und ebenso Kredite, die sie vergeben haben, kündigen. Logischerweise geraten somit auch bislang Unbeteiligte in eine missliche Lage und das Problem weitet sich aus. Darüber hinaus ist es denkbar, bereits erworbene Investitionsobjekte abzustoßen, um so Bargeld frei zu setzen. Dies hat aber auf der einen Seite zu Folge, dass deren Preise sinken und auf der anderen Seite sowie daran anlehnend, dass Banken neue Sicherheiten fordern, sofern diese Objekte ursprünglich als Bedingung im Rahmen der Kreditvergabe fungierten.

Aus diesen Vorgängen lässt sich schließen: „Der Kern jeder Finanzkrise ist der allgemeine Mangel an Liquidität“[53], sofern Geld im Wesentlichen den Status als Kreditgeld einnimmt und nur theoretisch, als nur in den Büchern nicht aber in der Realität, an dem Zirkulationsprozess teilnimmt.[54]

Wie wir noch sehen werden, können diese Aspekte im Rahmen der Ostasienkrise beobachtet werden. Der IWF setzte hierbei auf die so genannte „bail-out“ Strategie, um dem Problem der mangelnden Liquidität entgegen zu wirken (vgl. Kapitel 5.3.2.3).[55]

4.2.2 Die Hochkonjunktur als Ursache für Finanzkrisen

Eine Finanzkrise, die im Kontext einer Hochkonjunktur entsteht, ist nach Jörg Huffschmid, der sich dabei auf die Thesen von Hyman Minsky bezieht, im Wesentlichen auf die Ponzi-Finanzierungen (benannt nach Carlo Ponzi, einem Finanzakrobaten aus dem 15. Jahrhundert) rückführbar. Das Prinzip der Ponzi-Finanzierung ist dadurch charakterisierbar, dass der Schuldendienst, vorallem die zu leistenden Zinsen für Kredite, die Einnahmen bei weitem übertreffen und der Schuldner so immer neue Kredite in Anspruch nehmen muss, um seinen Zahlungsverpflichtungen gerecht werden zu können. Es ist also durchaus verständlichen, dass diese Art der Finanzierung in der Mehrheit der Fälle dann zu massiven Problemen führt, wenn die Zentralbank die Zinsen zwecks Inflationsbekämpfung erhöht, da so noch mehr neue Kredite aufgenommen werden müssen, um den Zahlungsverpflichtungen nach zu kommen und die Zinsleistungen im doppelten Sinne, sprich durch eine expandierende Gesamtbelastung die mit höheren Zinsen einhergeht als zuvor, zum Verhängnis werden können.

Da man also nun um die Gefahren dieser Finanzierungsform weiß, stellt sich die Frage, wie es immer wieder zu derartigen Konstellationen im Finanzierungs- sowie Innvestitionssektor kommen kann. Die Antwort auf diese Frage wird der ökonomische Konzeption des Kapitalismus zu Teil und bezieht sich auf die Intensionen der Kreditgeber. Diese sind verständlicher Weise daran interessiert, ihre Leihgabe schnellst möglich zurück zu erhalten, um sie erneut investieren zu können. Da aber langfristige Kredite diesem Begehren entgegenstreben, versuchen sie diese in kurzfristige Kredite zu transformieren und pressen dabei oftmals eine Vielzahl von Unternehmen in den Bereich der Ponzi-Finanzierung. Gerade in Zeiten der Hochkonjunktur verfügen die Banken über ein enormes Quantum an Liquidität, welches sie Gewinn erzeugend einsetzten möchten.[56]

Aus diesem Grund werden zum einen häufig Kredite für Unternehmen gewährt, die eigentlich als wenig kreditwürdig gelten und zum anderen Unternehmen dazu gedrängt, neue Kredite aufzunehmen, die eigentlich nicht zwingend erforderlich sind (durch günstige Finanzierungskonditionen). Das Resultat solcher Finanzierung äußert sich häufig in einer Schuldenfalle für viele Unternehmen und das Dilemma nimmt, wie bereits im vorangegangen Kapitel dargestellt, seinen Lauf.

Als ein geeignetes Beispiel für eine riskante Kreditvergabe, die zwar auf nur unzureichenden Sicherheiten basierte, dem Gläubiger aber hohe Renditen in Aussicht stellte, kann die Tragödie um Jürgen Schneider angeführt werden. Auch hier überwog die Gewinnsucht der Deutschen Bank die rationale Ebene der Investition.

Gerade das Bestreben des IWF, der im Rahmen seiner Strukturanpassungsprogramme in den Entwicklungsländern auf das Prinzipien der Liberalisierung sowie Deregulierung pocht, liefert diesem Exemplar einer Finanzkrise den geeigneten Nährboden. Ohne die Kontrolle durch zum Beispiel staatliche Institutionen, bewirkt die Symbiose aus Hochkonjunktur und Deregulierung oftmals gravierende Krisen, wie uns die Geschichte durch die Savings and Loan Krise der 80er Jahre in den USA sowie der Immobilienkrise in Japan und in Schweden in den 90er Jahren und anderen lehrt.[57]

4.2.3 Mangelnde Investitionen und sinkende Gesamtnachfrage in der westlichen Welt

Die Krisen der 80er und 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, also auch die Ostasienkrise, basieren neben den bislang erwähnten Aspekten auf Ursachen, die in der allgemeinen Entwicklung der westlichen Ökonomien zu finden sind.

Durch die sinkende Gesamtnachfrage in den USA und Europa, die in den 80er Jahren ihren Lauf nahm, mussten neue Märkte erschlossen werden, um das überschüssige Kapital gewinnbringend einzusetzen. Dieses Begehren wurde dadurch verstärkt, dass die großen Konzerne ihre Gewinne im Rahmen der sinkenden Gesamtnachfrage durch Rationalisierung, Lohnsenkungen, Intensivierungen auf der Ebene des Arbeitsprozesses sowie Outsourcing steigerten, aber dadurch im gleichen Atemzug die Nachfrage und damit die Investitionstätigkeit zusätzlich reduzierten. Die gravierende Einkommensumverteilung zu Gunsten der Gewinne und zu Lasten der Verbraucher sowie die expandierenden Finanzmärkte, ließen aus der Perspektive der Großkonzerne drei Möglichkeiten zu, um dem Ziel der Gewinnmaximierung gerecht zu werden. Zum einen kann man hierbei auf einen Überschwang im Exportgewerbe setzten. Dabei sollte jedoch berücksichtigt werden, dass dies zu Handelsbilanzdefiziten der Wirtschaftspartner führt, die durch den Import von ausländischen Waren der eigenen wirtschaftlichen Entwicklung Schaden zu fügen (z.B Arbeitslosenquote steigt, etc.). Folglich kann dieses Konzept langfristig nicht zu einer stabilen Weltwirtschaft beitragen. Zum anderen kann überschüssiges Kapital durch private Konsumenten beansprucht werden, die sich aber dann folgerichtig, wie man in den USA sieht, verschulden. In Europa ging dieses Konzept nicht auf.[58]

[...]


[1] Vgl. Stiglitz 2004, S. 26-28 und Vgl. Müller/Wallader, Stuttgart 2005.

[2] Artikel 1 der IWF Vereinbarung in :Altvater /Mahnkopf 2004; S.205.

[3] Artikel 1 der Vereinbarung über die Weltbank in :Altvater /Mahnkopf 2004, S.205.

[4] Vgl. Attac, Marburg in: http://attac.de.

[5] Vgl. Tserendsodnom Ganbataar, S.4 in: http://www.uni-koeln.de.

[6] Vgl. Martin /Schumann 2004, S.153 und Vgl. Stiglitz 2004, S. 258.

[7] Vgl. Stiglitz 2004, S. 27.

[8] Vgl. Martin/Schumann 2004, S.153.

[9] Vgl. Stiglitz 2004, S. 27-28.

[10] Vgl. Altvater /Mahnkopf 2004, S.200 und Vgl. Stiglitz 2004, S. 258.

[11] Vgl. Stiglitz 2004, S. 26-27.

[12] Vgl. Altvater/Mahnkopf 2004, S.205.

[13] Vgl. Stiglitz 2004, S. 27-28.

[14] Vgl. Altvater /Mahnkopf 2004, S.206 und Vgl. Yash Tandon in: http://www.atac.at.

[15] Vgl. Attac, Marburg in: http://www.attac.de.

[16] Vgl. Stiglitz 2004, S. 28.

[17] Vgl. Tserendsodnom Ganbataar, S.4 in: http://www.uni-koeln.de.

[18] Vgl. Stiglitz 2004, S. 29.

[19] Vgl. Martin /Schumann 2004, S.153.

[20] Vgl. Tserendsodnom Ganbataar, S.4 in: http://www.uni-koeln.de.

[21] Vgl. Altvater /Mahnkopf 2004; S.207.

[22] Martin/Schumann, Harald 2004, S.153.

[23] Vgl. Stiglitz 2004, S. 105.

[24] Vgl. The international bank for reconstruction and development 1993, S.10.

[25] Vgl. Martin/Schumann 2004, S.154.

[26] Vgl. Stiglitz 2004, S. 29-30.

[27] Vgl. Martin /Schumann 2004, S.74.

[28] Vgl. Altvater /Mahnkopf 2004, S.208.

[29] Vgl. Stiglitz 2004, S. 30-31.

[30] Vgl. ebd.

[31] Vgl. Dieter 1998, S.94.

[32] Vgl. Dieter 25.November 2000, S.23.

[33] Vgl. Altvater /Mahnkopf 2004, S.209.

[34] Vgl. Stiglitz 2004, S. 78 und Vgl. Dieter 25.November 2000, S.23.

[35] Vgl. Altvater /Mahnkopf 2004, S.209 und 24.

[36] Vgl.Huffschmid 2002, S.184.

[37] Vgl.Deutsches Institut für Entwicklungspolitik November 1991, S.5-7.

[38] Vgl.Deutsches Institut für Entwicklungspolitik November 1991, S.5-8.

[39] Vgl. Paulus 2003, S.25-26 und Vgl. Bello in: Mander /Goldsmith 2002, S.191-192.

[40] Vgl. Bello in :Mander /Goldsmith 2002, S.191-192.

[41] Vgl. Paulus 2003, S.25-26.

[42] Vgl. Bello in: Mander /Goldsmith 2002, S.191-192.

[43] Vgl. Krüger in: http://www.hstm.lu, S.4-5.

[44] Vgl. Altvater /Mahnkopf 2004, S.205-218 und Vgl. Huffschmid 2002, S.176-190 und Vgl. Stiglitz 2004, S. 123-178.

[45] Vgl. Menkhoff in: Schuber (Hrsg.) 2000, S.50 und Vgl. Tserendsodnom Ganbataar, S.6 in: http://www.uni-koeln.de.

[46] Vgl. Martin /Schumann 2004, S.73 .

[47] Vgl. Martin /Schumann 2004, S.73-74.

[48] Vgl. Martin/Schumann 2004, S.74.

[49] Marx /Engels 1999, S.45.

[50] Vgl. Huffschmid 2002, S.163 und Vgl. Soros, S. 114.

[51] Vgl. Dieter 1998, S.44.

[52] Dieter 1998, S.52.

[53] Huffschmid 2002, S.167.

[54] Vgl. Huffschmid 2002, S.167-168.

[55] Vgl. Stiglitz 2004, S. 123-179.

[56] Vgl. Huffschmid 2002, S.169-172.

[57] Vgl. Huffschmid 2002, S.169-172.

[58] Vgl. Huffschmid 2002, S.173-174.

Ende der Leseprobe aus 106 Seiten

Details

Titel
Analysen zu den Strukturanpassungsprogrammen von IWF und Weltbank
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
sehr gut (1)
Autor
Jahr
2005
Seiten
106
Katalognummer
V49969
ISBN (eBook)
9783638462938
Dateigröße
818 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analysen, Strukturanpassungsprogrammen, Weltbank, Finanzkrise, Ostasienkrise, Finanzkrise in Argentinien, Neoliberalismus, IWF, Geschichte des IWF, Geschichte der Weltbank, Finanzkrisen, PRSP, Poverty Reduction Strategy Paper, Milleniums Dekleration
Arbeit zitieren
Daniel Walth (Autor), 2005, Analysen zu den Strukturanpassungsprogrammen von IWF und Weltbank, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49969

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