Der Akkumulationsprozess nach Karl Marx


Studienarbeit, 2004
27 Seiten, Note: gut (2+)

Leseprobe

Einleitung

In dieser Arbeit geht es um die ursprüngliche Akkumulation, sowie um die einfache und erweiterte kapitalistische Reproduktion nach Marx. Als elementare Textgrundlage fungiert das Kapital.

Dabei werden jeweils die Formen und die Bedeutungen dieser Aspekte, mit besonderem Augenmerk auf deren gesellschaftliche Wirkungsweisen, dargestellt und erläutert.

Dabei sollen vor allem folgende Fragen geklärt werden:

Durch welche gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse wurde die kapitalistische Produktion möglich?

Und anlehnend daran,

Wie wird der Status des Kapitalismus, als vorherrschendes ökonomisches Prinzip, gesichert; wie funktioniert die einfache sowie erweiterte kapitalistische Reproduktion? Welche Rolle wird den einzelnen Mitgliedern einer Gesellschaft durch die kapitalistische Produktion auferlegt?

Es bleibt anzumerken, daß eine erschöpfende Antwort auf diese Fragen im Rahmen dieser Arbeit unmöglich ist. Dennoch erhält der Leser einen weitreichenden Einblick in die kapitalistische Reproduktionsweise und deren Bedeutung für das Leben der Menschen im westlichen Europa des 19. Jahrhunderts aus dem Blickwinkel von Karl Marx.

1. Die ursprüngliche Akkumulation

Der kapitalistischen Akkumulation des Kapitals geht eine ursprüngliche Akkumulation voraus, die ihrerseits die Konzentration von konstantem (Produktionsmittel) sowie variablem (menschliche Arbeitskraft) Kapital in den Händen der so genannten Bourgeoisie bzw. der Kapitalisten beschreibt.

Sie reflektiert somit nicht einen Effekt der kapitalistischen Produktionsweise, sondern vielmehr deren Ausgangspunkt.[1]

Zu Beginn seiner Ausführungen widerspricht Marx den zu seiner Zeit gängigen Theorien über die ursprüngliche Akkumulation, bezieht sich dabei auf den Ökonomen Thiers, der die Auffassung vertrete, daß die Charaktereigenschaften Faulheit und Fleiß ausschlaggebend für die ursprüngliche Akkumulation seien und damit zu gleich die Eigentumsfrage legitimieren. So hat in der Vergangenheit der Fleißige durch Arbeit Kapital angehäuft, wohingegen der Faule, bis in die heutige Zeit hinein (hier: das 19. Jahrhundert), los gelöst vom Eigentum an Produktionsmitteln lediglich seine Arbeitskraft verkaufen kann, so Thiers.[2]

Marx vergleicht dieses Gedankenkonstrukt von Thiers mit einer „Kinderfibel“[3] und entwickelt anlehnend daran einen individuellen ursprünglichen Akkumulationsprozess.

Zur Veranschaulichung bedient er sich eines Extraktes aus einem Werk von Goethe, daß wie folgt lautet:

Lehrer: „ Bedenk, o Kind, woher sind diese Gaben? Du kannst nichts von dir selber haben.“

Kind: „ Ei, alles hab ich vom Papa.“

Lehrer: „ Und der, woher hat’s der?“

Kind: „ Vom Großpapa.“

Lehrer: „ Nicht doch! Woher hat’s denn der Großpapa bekommen?“

Kind: „ Der hats genommen.“[4]

Bezogen auf das Beispiel wird deutlich, daß Marx den Prozeß der ursprünglichen Akkumulation als Resultat von gewaltsamer Aneignung und der damit verbunden Enteignung definiert. Da also die Faktoren Eroberung, Unterjochung sowie Raubmord usw. den realen historischen Prozeß der Aneignung von Eigentum beschreiben, negiert er zugleich die vorherrschende Sichtweise, daß Fleiß und Faulheit als einzige Bereicherungsmittel fungieren.[5]

Marx beschreibt den Prozeß der ursprünglichen Akkumulation, in einem kapitalistischen Kontext, als einen Scheidungsprozeß des Arbeiters am Eigentum und begründet dies wie folgt:

Produktions- und Lebensmittel müssen erst in Kapital verwandelt werden. Dies ist nur dann möglich, wenn zwei divergente Warenbesitzer in Interaktion treten. Es braucht also zum einen einen Eigentümer von Geld, Produktions- sowie Lebensmittel und zum anderen eine Personengruppe, die nichts anderes als ihre Arbeitskraft, die an den erst genannten verkauft werden kann, besitzt. Die Verwertung der Produktionsmittel (siehe dazu Abschnitt 2 und 3 dieser Arbeit) bedarf also freier menschlicher Arbeitskraft.[6]

Der Freiheitsbegriff, personifiziert in Form der Arbeiter, ist in diesem Zusammenhang zweifach zu verstehen. So sind die Produktbildner (Arbeiter) zum einen aus juristischer Perspektive freie Menschen, sprich keine Sklaven und zum anderen frei von Eigentum.[7]

Dieser dipolare gesellschaftliche Zustand (Kapitalist, Arbeiter) ist die Basis der kapitalistischen Produktionsweise und eine bloße Folge der ursprünglichen Akkumulation.[8]

Da nun aus marxscher Sicht die Grundlage der kapitalistischen Produktion offen gelegt ist, bleibt zu klären, zu welchem Zeitpunkt in der Geschichte der Kapitalismus seine Vorherrschaft antritt.

Nach Marx gab es bereits im 16. Jahrhundert rund um den Mittelmeerraum Ansätze von kapitalistischen Produktionsweisen.

Jedoch wird die umfassende Installierung dieses ökonomischen Prinzips erst durch die Generierung von bürgerlichen Gesellschaften möglich.

Folglich ist das Ende des Feudalsystems zugleich die Geburtsstunde der kapitalistischen Produktionsweise, die nach Marx ein neues Zeitalter der „Sklaverei“ einläutet.[9]

„ Die aus dem Untergang der feudalen Gesellschaft hervorgegangene moderne bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung, neue Gestaltungen des Kampfes an die Stelle der alten gesetzt.“[10]

Diese neuen Bedingungen, von denen Marx spricht, verwirklichen sich unter anderem durch die kapitalistische Reproduktion auf einfacher sowie erweiterter Ebene, deren Basis durch die ursprüngliche Akkumulation und der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaften definiert ist.

Aus diesem Grund erfolgt im weiteren Verlauf dieser Arbeit eine Darstellung der einfachen sowie erweiterten kapitalistischen Reproduktion

2. Der kapitalistische Reproduktionsprozeß

2.1 Einfache Reproduktion (Erhalt des Produktionsstandards)

Die erste Phase der Kapitalgenerierung besteht aus der Transformation von Geld in konstantes sowie variables Kapital.

Nachdem der Kapitalist diesen Formwechsel des Geldes vollzogen hat, kommt die zweite Phase zum tragen. Hier werden die Produktionsmittel durch die Produktbildner (Arbeiter) verwertet, wodurch das eingesetzte Kapital einen Mehrwert schafft, der sich in den produzierten Güter materialisiert.

Die dritte Phase beinhaltet den Warenverkauf, sprich die Verwandlung der erzeugten Güter in Geld, sowie dessen Rückverwandlung in Kapital.[11]

Diese drei Phasen lassen sich durch den Begriff des Reproduktionsprozess klassifizieren.

Damit der Reproduktionsprozess allgemeingültig erklärt werden kann, bedarf es bestimmter Voraussetzungen, die nun, vor seiner eigentlichen Darstellung, definiert werden:

1. Die erzeugten Waren können umfassend in Geld verwandelt werden, welches in Form von Kapital reinvestiert werden kann.

2. Die Verteilung des erzielten Mehrwerts unter divergenten Kapitalisten (z. B. muß der Kapitalist Pachtgebühren an einen anderen Kapitalisten bezahlen usw.) wird zunächst außer acht gelassen.[12] Im Verlauf dieser Arbeit wird dem Leser bewußt, wieso dies möglich ist.

Marx bezeichnet den kapitalistisch orientierten gesellschaftlichen Produktionsprozess auch als kapitalistischen Reproduktionsprozess, da der kontinuierliche Warenkonsum eine kontinuierliche Produktion nötig macht, in der das funktionierende Kapital stets erneuert werden muß. Sobald ein gewisser Produktionsstandard erreicht wird, ist es für dessen Erhalt notwendig, die verbrauchte Menge an Produktionsmitteln (die sich mit zugesetztem Wert in den erzeugten Gütern wiederfindet), innerhalb eines bestimmten temporären Rahmens, zu regenerieren, um ein Absinken des Produktionsstandards zu vermeiden.

Erzielt beispielsweise ein eingesetztes Kapital von 100 GE einen Mehrwert von 20 GE in einem Jahr, so muß der Produktionsprozess im nächsten Jahr einen gleichen Mehrwert liefern.

Dabei müssen die verbrauchten Produktionsmittel, wie z. B. Rohstoffe, Hilfsmittel usw., also das konstante Kapital sowie das variable Kapital (durch die Lohnzahlungen), erneuert werden.

Wird dieser Mehrwert (im Beispiel 20 GE) nun vom Kapitalisten als Einkommen durch seinen individuellen Konsum verbraucht, so bleibt der Wert des Kapitals über die einzelnen Produktionszyklen hinweg gleich (das bereits funktionierende Kapital wird in gleichem Umfang reproduziert, nicht expandiert).

Genau dies nennt Marx die einfache Reproduktion, auf gleichbleibendem Niveau.[13]

Es läßt sich also erkennen, daß der Kapitalist zunächst durch seinen Konsumverzicht, der wahrnehmbar durch die Produktionsmittel und den damit verbunden Ankauf von menschlicher Arbeitskraft ist, den kapitalistischen Produktionsprozess einleitet.

Durch die beständige Reproduktion des Kapitals verändert sich aber dessen ursprünglicher Charakter. Wie bereits erwähnt, wird reproduziert, indem erwirtschaftetes Geld in Kapital umgewandelt wird. Dieses Geld enthält den erzeugten Mehrwert, der seinerseits nur durch den Raub an menschlicher Arbeitskraft als Element der Reproduktion fungieren kann (Lohnzahlungen entsprechen nicht dem reell erzeugten Mehrwert[14] ).

Daraus folgt, daß der Anteil des Kapitals, welcher durch den Konsumverzicht des Kapitalisten ursprünglich eingesetzt wurde, schwindet. Er schwindet deshalb, weil der Reproduktion des Kapitals der Raub an geleisteter menschlicher Arbeitskraft zu Grunde liegt.

Ab einem bestimmten Produktionszyklus (z. B. einer bestimmten Jahreszahl), ist das eingesetzte Kapital vollständig von reproduktiver Natur.

Zu Veranschaulichungszwecken dieses Gedankenganges, folgt nun ein Beispiel:

1. Ursprüngliches Kapital (durch Konsumverzicht von Kapitalist): 1000 GE

2. jährlich erzeugter Mehrwert: 200 GE

Betrachtet man den jährlich erzeugten Mehrwert, so fällt auf, daß sich dieser, unter gleiche bleibenden Bedingungen, nach fünf Jahren zu einem Wert von 1000 GE auf summiert. Dieser Wert entspricht dem ursprünglich eingesetzten Kapital.

Die logische Konsequenz daraus ist, daß das Kapital ab dem sechsten Jahr nur noch aus reproduziertem Mehrwert besteht.

Ab diesem Zeitpunkt lebt das Kapital, durch die Reproduktion des selbigen, ausschließlich von ausgebeuteter Arbeitskraft.

[...]


[1] Vgl. Marx 2003, S. 659.

[2] Vgl. ebenda.

[3] Vgl. ebenda.

[4] Vgl. ebenda.

[5] Vgl. Marx 2003, S. 660.

[6] Vgl. ebenda.

[7] Vgl. ebenda.

[8] Vgl. ebenda.

[9] Vgl. Marx 2003, S.660-661.

[10] Marx/Engels1999, S. 44.

[11] Vgl. Marx 2003, S.520.

[12] Vgl. ebenda.

[13] Vgl. Marx 2003, S.522.

[14] Vgl. Marx 2003, S.495-416.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Der Akkumulationsprozess nach Karl Marx
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Politikwissenschaft)
Note
gut (2+)
Autor
Jahr
2004
Seiten
27
Katalognummer
V50215
ISBN (eBook)
9783638464796
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Akkumulationsprozess, Karl, Marx, Kapital
Arbeit zitieren
Daniel Walth (Autor), 2004, Der Akkumulationsprozess nach Karl Marx, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50215

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Akkumulationsprozess nach Karl Marx


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden