Die Sparschwemme Hypothese


Bachelorarbeit, 2016
40 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Analyse
2.1 Sparperiode
2.2 Produktionsperiode
2.3 Gleichgewicht

3. Empirische Evidenz
3.1 Explorative Analyse der globalen Ungleichgewichte
3.2 Modell und Daten
3.3 Ergebnisse der Simulation
3.4 Kontrafaktische Analyse

4. Diskussion
4.1 Säkulare Stagnation und Gleichgewichtszins
4.2 Sparschwemme, säkulare Stagnation und Lösungsansätze
4.3 Die Rolle der Zentralbanken

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Das Spardreieck

Abbildung 2: Vergleich der Leistungsbilanzen zwischen den USA und dem aufstrebenden Teil Asiens (gemessen als Prozentsatz des BIPs)

Abbildung 3: Vergleich der realen Zinsen zwischen den USA und dem aufstrebenden Teil Asiens (in Prozent, 1975Q1-2006Q4)

Abbildung 4: Zinsstrukturkurve der USA (in Prozent, 1975Q1-2006Q4)

Abbildung 5: Vergleich des Geldmengenwachstums zwischen den USA und dem aufstrebenden Teil Asiens Qährliche Prozentänderung, 1975Q1-2006Q4)

Abbildung 6: Vergleich der Aktienpreisentwicklung zwischen den USA und dem aufstrebenden Teil Asiens (deflationiert durch den Konsumerpreisindex, 1975Q1 = 100, 1975Q1-2006Q4)

Abbildung 7: Impuls-Response-Function für die USA

Abbildung 8: Impuls-Response-Function für den aufstrebenden Teil Asiens

Abbildung 9: Vergleich zwischen den USA und dem aufstrebenden Teil Asiens Jeweilige IRFs für die Variablen für die drei Schocks

Abbildung 10: Auswirkungen der Schocks am Beispiel der USA ausgehend von 2001Q1

Abbildung 11: Auswirkungen der Schocks am Beispiel der USA nach 1981Q1

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Theoretische Annahme über die Auswirkungen der unterschiedlichen Schocks

Tabelle 2: Anteil der Variation in den Variablen erklärt durch Schocks für die USA.

Tabelle 3: Anteil der Variation in den Variablen erklärt durch Schocks für Asien

Tabelle 4: Vergleich zwischen den USA und Asien. Anteil der Variation in den Variablen erklärt durch Schocks

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die aktuelle Krise, die beobachtet werden kann, beruht auf einem Phänomen, welches Abseits der bisherigen makroökonomischen Steuerung liegt. Verein­facht ausgedrückt geht es dabei um den strukturellen Überschuss des privaten Sparens gegenüber den der privaten Investitionen in einer Volkswirtschaft. Die­ser lässt sich auch bei niedrigen Zinsen für das Ersparte feststellen. Ben Bern­anke, ein US-amerikanischer Ökonom, fasste diese Situation unter dem Begriff „Savings Glut“, zu Deutsch die Sparschwemme, zusammen (Bernanke, 2005). Das bekannte Mittel zur Beseitigung dieses Problems ist die Staatsverschul­dung, da diese die überschüssigen privaten Spareinlagen im Vergleich zu priva­ten Investitionen kompensieren kann. Mehrere Ökonomen sind deshalb der Meinung, dass eine dauerhafte Staatsschuld in Höhe von mehreren Jahren Bruttosozialprodukt erforderlich ist (Weizsäcker, 2015, S. 189). Unterschiedliche Sparpräferenzen in unterschiedlichen Ländern führen zu Leistungsbilanzdiskre­panzen. In einem Artikel von 2005 vertritt Bernanke die Hypothese, dass ein globales Ungleichgewicht bei den Sparpräferenzen das Leistungsbilanzdefizit der USA erklären kann. Zu diesem Zeitpunkt ging es der US-amerikanischen Wirtschaft gut. Typischerweise sollte in solch einer Situation eine Wirtschaft wie die der USA Geld exportieren, das heißt anderen Ländern Geld leihen, statt sich auf den internationalen Finanzmärkten Geld zu leihen (Bernanke, 2005).

Der Sparschwemme liegt folgende Überlegung zugrunde: In manchen Ländern besteht eine überhöhte Nachfrage nach Investitionsgütern, was bedeutet, dass die Menschen mehr sparen möchten, als Investitionsgelegenheiten vorhanden sind. Dies liegt im wirtschaftlich aufstrebenden Teil Asiens vor. Diese Länder exportieren dann ihr Kapital in Länder, die eine geringere Sparquote aufweisen, wie beispielsweise die USA. Die Sparschwemme ist ein sogenannter Präfe­renzschock: eine systematische Veränderung der Sparneigung der Bevölke­rung. (Bracke & Fidora, 2012, S. 186)

Als direkte Konsequenz steigt die Geldmenge im Zielland der Kapitalströme und die Zinsen fallen, wodurch Menschen mehr konsumieren. Dies wird dadurch verstärkt, dass durch die Aufwertung der Währung Importgüter billiger werden. Außerdem kann es dazu führen, dass im Zielland der Kapitalströme Anlagegü- ter überbewertet werden, da eine künstlich hohe Nachfrage nach Investitionsgü­tern besteht. Dieses Phänomen erinnert an die Immobilienblase. Während in den USA also „auf Pump“ konsumiert wurde, wurden in den asiatischen Län­dern Exportüberschüsse finanziert, das heißt Geld ins Ausland verliehen. (Bracke & Fidora, 2012, S. 187)

Ziel dieser Bachelorarbeit ist es, die Hypothese der Sparschwemme theoretisch mit Weizsäckers Analysen des Spardreiecks zu verknüpfen und nach empiri­scher Evidenz für die Hypothese zu suchen. Wichtige Untersuchungsgegen­stände sind hierbei (i) der natürliche Zins und (ii) die Leistungsbilanzen der gro­ßen offenen Volkswirtschaften, insbesondere der USA und des wirtschaftlich aufstrebenden Teils Asiens. Diskussion und Fazit enthalten zudem eine Analy­se der in der aktuellen Fachliteratur vorgeschlagenen Lösungsansätze für die Problematik einer langanhaltenden und strukturbedingten wirtschaftlichen Stag­nation.

2. Theoretische Analyse

Heutzutage spart der durchschnittliche Bürger circa ein Drittel seiner Arbeits­einkünfte, einen Teil davon unfreiwillig durch die abzuführenden Beiträge zur Sozialversicherung. Dadurch ist in unserer Gesellschaft die Zukunftsorientie­rung größer denn je. Das liegt daran, dass viele sich entschließen eigenhändig für den Renteneintritt zu sparen oder ihren Angehörigen etwas zu vererben. Dieses Ersparte wird verzinst, deshalb stellt sich die Frage nach den vorhande­nen Zinssätzen. (Weizsäcker, 2015, S. 189)

Zum Verständnis der nachfolgenden Kapitel bedarf es zunächst einer Definition des natürlichen Zinses. Wenn man vom natürlichen Zins spricht, meint man den realen Gleichgewichtszins, welcher die Angebots- und Nachfrageseite bezüg­lich des Kapitals in Einklang bringt (Wickseil, 1898). Um die tatsächlichen Zin­sen vergleichen zu können, wird der natürliche Zins als Bezugspunkt herange­zogen. Im Folgenden werden deshalb die Schulden des Staates betrachtet, wobei als Ausgangspunkt eine Situation angenommen wird, in der die Netto- Staatsschulden bei Null liegen. Dadurch kann festgestellt werden, ob ein Staat ohne Schulden vorteilhafter für die Wohlfahrt einer Volkswirtschaft ist als einer mit Staatsschulden. (Weizsäcker, 2015, S. 189)

Um keine Nettoneuverschuldung in einer stabilen Wirtschaftslage zu erzielen, hat beispielsweise auch Deutschland eine Schuldenbremse in der Verfassung verankert (Hausner & Simon, 2009, S. 265). Die Staatsschuldenquote ist dann, bei nominellem Wachstum, rückläufig und nähert sich langfristig sogar dem Wert null. Aus diesem Grund wird in einer Volkswirtschaft, mit wirtschaftlichem Aufschwung und einer Staatsschuldenquote von null, der natürliche Zinssatz r* als gleichgewichtiger Realzins bezeichnet. (Weizsäcker, 2015, S. 190)

2.1 Sparperiode

Nimmt man das bisher Ersparte der Bürger einer Volkswirtschaft und summiert dies auf, so erhält man das Angebot an Kapital. Die Bürger haben einen Anreiz zu sparen, da das Ersparte unter anderem als Absicherung für die Zukunft ver­wendet werden kann. Im Nachfolgenden wird ein Individuum mit einer Lebens­erwartung von 80 Jahren angenommen, das einen durchschnittlichen OECD Bürger repräsentiert, dessen Arbeitseinkommen und Konsum im Laufe seines Lebens dargestellt wird. Anhand dieser Person wird das Arbeitseinkommen und der Konsum im Laufe seines Lebens dargestellt. In den ersten 20 Jahren wird er von seinen Eltern und dem Staat finanziell versorgt und erzielt in der Regel noch keine eigenen Einkünfte. Danach verdient sich diese Person 40 Jahre lang einen eigenen Lebensunterhalt und ist anschließend in seinen letzten 20 Jahren Lebensdauer als Rentner auf Ersparnisse oder den Staat angewiesen. Somit wird angenommen, dass er die Hälfte seiner Lebensdauer ein eigenes Arbeitsentgelt verdient. Demgegenüber steht der Konsum, der sich durch alle Lebensphasen zieht. Dadurch wird deutlich, dass sich die Zeitstruktur der Ar­beitseinkünfte komplett von der des Konsums unterscheidet. (Weizsäcker, 2015, S. 190)

Im Folgenden werden die ersten 20 Jahre, in denen normalerweise kein eige­nes Einkommen erzielt wird, vernachlässigt. Der Verlauf des Vermögens in den sechs übrigen Jahrzehnten wird in Abbildung 1 veranschaulicht. Das Vermögen ergibt sich dabei aus dem Einkommen abzüglich des Konsums, der über die Jahre als gleichbleibend angenommen wird, und wird in jährlichen Konsumein­ heiten gemessen, a stellt die Zahl der Arbeitsjahre und b die Zahl der Rentner­jahre dar. Aus der Grafik ist ersichtlich, dass sich der Höhepunkt des Sparbe­trags am Ende der Arbeitsjahre befindet. Dieser hat den gleichen Wert wie der Gesamtkonsum während der Pensionierung b. Somit ist gegen Ende der Le­benszeit das Ersparte komplett aufgebraucht. Ferner sieht man, dass die durchschnittliche Höhe der farbigen Linie exakt ^ ist. Zur Veranschaulichung wird ein OECD-Bürger angenommen, der 40 Jahre lang etwa 33,3 % seines Einkommens, einschließlich der Beiträge zu den Sozialversicherungen, auf die Seite legt. Sein Erspartes braucht er in den folgenden 20 Jahren auf und in den kompletten 60 Jahren konsumiert er annahmegemäß einen gleichbleibenden Betrag. Somit erhält man für a einen Wert von 40 und für b einen von 20 Jah­ren. Im Ergebnis hat der Bürger also in seinem Lebensverlauf ein Durch­schnittsvermögen von genau 10 Jahren Konsum. (Weizsäcker, 2015, S. 190)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Spardreieck. (Weizsäcker, 2014, S.45)

Um den Durchschnittsbürger in die Berechnungen mit einzubeziehen, wird das Versicherungsprinzip angewandt. Es wird mit einer durchschnittlichen Lebens­erwartung gerechnet. Um den Sparwunsch des Normalbürgers auf die Gesamt­bevölkerung zu übertragen, geht man davon aus, dass alle Rentenforderungen an das Versicherungsunternehmen erfüllt werden. Aufgrund dessen beläuft sich der durchschnittliche Sparwunsch in einer geschlossenen Volkswirtschaft auf 10 Jahre Konsum hinsichtlich der Vorsorge für das Alter. Wenn der Zins der Einkommenswachstumsrate entspricht, erzielt man bei steigendem Einkommen den gleichen Effekt. (Weizsäcker, 2015, S. 190)

Das bisherige Modell kann so allerdings nicht in der Realität angewendet wer­den, da dies zu vereinfacht ist. Das ersparte Vermögen kann eine reale Rendite erzielen, die sich von der Wachstumsrate des Einkommens unterscheidet. Wei­terhin nimmt das reale Arbeitsentgelt über die Jahre zu, unabhängig von der allgemeinen Steigerung des Lohnniveaus. Außerdem bleibt der Konsum eines jeden Bürgers über die Jahre nicht konstant. Darüber hinaus wird das Vermö­gen nicht die ganze Zeit über als Rentenforderung in gesetzliche oder private Lebensversicherer investiert. Trotz all diesen Gründen bleibt der Gesamtver­mögenswunsch der Bürger für den Ruhestand beinahe gleich. (Weizsäcker, 2015, S. 190f.)

Um für ein gegebenes Konsumniveau in der Zukunft vorzusorgen, braucht man heute unter Annahme einer positiven Verzinsung weniger Spareinlagen. Außer­dem verringert sich der Wunsch nach Vorsorge für das Alter im Lebensdurch­schnitt, da durch Wachstum des Einkommens in späteren Phasen des Arbeits­lebens mehr gespart werden kann. Vermindert man den Konsum während des Ruhestands im Gegensatz zur Erwerbsphase, kann ebenso weniger zur Seite gelegt werden. In der Realität besteht also ein geringerer Ansporn zum Sparen als ursprünglich im Spardreieck angenommen, insbesondere da der in den meisten OECD-Ländern vorherrschende Sozialstaat seine Einwohner in einer Krisensituation unterstützt. (Weizsäcker, 2015, S. 191)

Im Gegensatz hierzu existieren aber auch diverse Gesichtspunkte, die den Bür­ger zum stärkeren Sparen bewegen. Allem voran ist hier die Anlage in selbst genutztes Wohneigentum zu nennen, was meist einen enormen Anteil des ei­genen Ersparten ausmacht, aber auch die Wahrscheinlichkeit einer existenziel­len Not erheblich mindert. Der Mangel an Mietwohnungen in einigen Ländern verstärkt diesen Aspekt noch. Ein weiterer Vorteil von in Wohneigentum inves­tiertem Vermögen ist, dass es somit vor Inflation geschützt ist. Unsicherheiten auf dem Arbeitsmarkt führen außerdem dazu, dass ein größerer Teil des Ver­mögens als Sicherheit zurückgelegt wird, was besonders auf Selbstständige zutrifft. Ein zusätzlicher Sparanreiz besteht für Mittelständler darin, dass man viele eigene Mittel haben muss, um Kredite von der Bank zu bekommen. (Weizsäcker, 2015, S. 191)

Zusätzlich zur Altersvorsorge stellt die Vererbung des Vermögens an die Hin­terbliebenen ein weiteres Sparmotiv dar, wenngleich dieser Faktor die Sparquo­te durchschnittlich kaum anhebt. Zwar legt der Erblasser das Vermögen zu­nächst zur Seite, der Erbe konsumiert dies dann jedoch zum Großteil. Weizsäcker geht davon aus, dass durch die Vererbung ein zusätzlicher Sparan­reiz von mindestens 2 Konsumjahren hinzugerechnet werden kann. Daraus re­sultiert insgesamt ein Wunsch nach Vermögen von 10 Konsumjahren für die Vorsorge im Alter und zumindest 2 Konsumjahre für die Vererbung. Insgesamt spart der durchschnittliche OECD-Bürger somit mindestens 12 Konsumjahre von seinen 40 Arbeitsjahren. Diese Zeit entspricht der Warteperiode, die als durchschnittliches Zeitintervall zwischen dem Einkommenserwerb und des Konsums definiert wird. (Weizsäcker, 2015, S. 191)

Der vorher angenommene Bürger, der zwischen seinem 20. und 60. Lebensjahr arbeitet, hat seinen zeitlichen Mittelpunkt der Erwerbstätigkeit im Alter von 40 Jahren. Dahingegen erhält man bezüglich des Konsums als zeitlichen Mittel­punkt ein Alter von 50 Jahren, denn zwischen dem 20. und 80. Lebensjahr ver­braucht der Bürger annahmegemäß sein Vermögen. Die sich daraus ergebende Differenz beträgt 10 Jahre, welche die Warteperiode darstellt. Falls eine Verer­bung außer Betracht bleibt, ist dies auch der Wert des durchschnittlichen Ver­mögens. Im Falle der Vererbung konsumiert der Hinterbliebene einen Teil des Vermögens, was den Wert bezüglich des Konsums wieder ausgleicht. (Weizsäcker, 2015, S. 191f.)

2.2 Produktionsperiode

Unter der Produktionsperiode versteht man die Zeit, die zur Produktion von Gü­tern benötigt wird, welche also deren Konsum vorausgeht. Die Arbeitsteilung ist der Motor des Wirtschaftswachstums in der modernen Volkswirtschaft. Durch Komplexität der Produktionsumwege, das heißt durch starke Auf- und Umvertei­lung der Arbeitsschritte, die notwendig sind, um Güter herzustellen, wird mehr erwirtschaftet. Angesichts dessen ergibt sich der Kapitalbedarf einer Volkswirt­schaft auf natürliche Art und Weise als Produkt der zeitlichen Lohnsumme der durchschnittlich in der Herstellung der Güter involvierten Arbeiter und der Pro­duktionsperiode. (Weizsäcker, 2015, S. 193)

Dabei ist zu beobachten, dass sich die Kapitalbindung in der Produktion, ge­messen am Kapitalkoeffizienten, seit über einem Jahrhundert nicht erhöht hat. Im Gegensatz dazu ist, aufgrund der verlängerten Lebenserwartung, die bereits genannte Warteperiode mit dem damit verbundenen durchschnittlichen Wunsch der Bürger nach Vermögen stark angestiegen. Nun stellt sich die Frage, wie diese entgegengesetzte Entwicklung den natürlichen Zinssatz beeinflusst. Der natürliche Zins wird von Wickseil (1898), der sich auf Annahmen von Böhm- Bawerk (1889) bezieht, als realer Gleichgewichtszins definiert. Wie im vorheri­gen Kapitel bereits erwähnt, wird bei diesem Zinssatz die Angebots- und Nach­frageseite bezüglich des Kapitals in Einklang gebracht. Als natürlicher Zinssatz wird erneut der Realzinssatz bezeichnet, der in einer geschlossenen Volkswirt­schaft mit wirtschaftlichem Aufschwung und niedriger Arbeitslosenquote vor­liegt. Zu- dem gibt es hier keine Nettostaatsschulden, wodurch sich der natürli­che Zins im Gleichgewicht befindet. Hat die Volkswirtschaft allerdings Netto­schulden, so liegt der tatsächliche Gleichgewichtszinssatz über dem natürlichen Zinssatz. (Weizsäcker, 2015, S. 192)

Laut Böhm-Bawerk (1889) sind die durchschnittlichen Produktionsperioden ausschlaggebend für die volkswirtschaftlichen Produktionsumwege. Hieraus ergibt sich die durchschnittliche Arbeitszeit, die der Herstellung für aktuell ge­nutzte Konsumgüter vorausgeht. Die jährliche Lohnsumme multipliziert mit der durchschnittlichen Produktionsperiode ergibt den Kapitalbedarf einer Gesell­schaft (Weizsäcker, 2015, S. 193). Durch die modernen Methoden der Wirt­schaftstheorie lässt sich diese Idee von Böhm-Bawerk (1889) verstehen, wes­halb sie bis heute noch gilt (Weizsäcker, 2011). Demzufolge ist für das Ausmaß der vertikalen Komplexität eines Produktionssystems der Kapitalbedarf ein ge­eigneter Maßstab (Weizsäcker, 2015, S. 193).

2.3 Gleichgewicht

Wie bereits in den vorherigen Kapiteln erwähnt, entspricht der Wunsch nach Vermögen der Warteperiode der Sparer und der Kapitalbedarf des Produktions­sektors exakt der durchschnittlichen Produktionsperiode. Demnach gilt für eine geschlossene Volkswirtschaft, in der es keine Staatsschulden gibt, dass im Marktgleichgewicht die Warteperiode gleich der Produktionsperiode ist. Aller­dings beträgt in der Realität der Kapitalkoeffizient, also der Koeffizient zwischen dem jährlichen Konsum und dem eingesetzten Kapital, in den OECD-Ländern höchstens 6 Jahre. Dieser Kapitalkoeffizient entspricht der vorher erwähnten Produktionsperiode und wird im Weiteren als T definiert. Demnach beträgt die­se Periode gerade einmal die Hälfte der bereits bestimmten durchschnittlichen Warteperiode von 12 Jahren. Weiterhin weist der betrachtete Raum auch keine signifikanten Exportüberschüsse im Handel mit der restlichen Welt auf und kann daher diese Kluft nicht schließen. (Weizsäcker, 2015, S. 194)

Bei der 6-jährigen Produktionsperiode ist nach Weizsäckers (2015) Schätzun­gen allerdings zu beachten, dass ein Jahr abgezogen werden muss, da dieses im Besitz des jeweiligen Staates für Zwecke der Infrastruktur liegt. Somit blei­ben für die Investition des privaten Vermögens lediglich die restlichen 5 Jah­reskonsumeinheiten übrig. Zusätzlich nimmt Weizsäcker (2015) an, dass mine­ralische Bodenschätze in Höhe von 2 Konsumjahren hinzukommen. Weiterhin kommt ein weiteres Konsumjahr des Überschusses durch Unternehmensbewer­tungen, die das bilanzierte Eigenkapital übersteigen, das sogenannte Tobin-q1, hinzu. Außerdem schätzt er mindestens 4 weitere Konsumjahre aufgrund der implizierten Staatsschulden2 hinzu. (Weizsäcker, 2015, S. 194)

Zur Verdeutlichung wird im Folgenden eine geschlossene Volkswirtschaft an­genommen, die mit der restlichen Welt eine ausgeglichene Vermögensbilanz hat. Hierbei setzt sich das gesamte Vermögen aus dem Privatvermögen V und dem Staatsvermögen -D zusammen. Weiter wird davon ausgegangen, dass dieses gesamte Vermögen in produziertem Realkapital K gemäß Bilanzwerten, Boden und Land L und in Wertüberschüssen Q, mit einem Tobin-q größer 1, investiert ist. (Weizsäcker, 2015, S. 194f.)

Dadurch gilt folgende Gleichung:

V-D = K + L + Q (1)

Nach Weizsäckers (2015) Annahmen für OECD-Länder ergeben sich folgende Zahlenwerte in Jahreskonsumeinheiten:

12 - 3 = 6 + 2 + 1 (2)

Somit erhält man bei einem staatlichen Realkapital von 1 und einer Staats­schuldenquote von 4 für die Nettoschulden D eines Staates exakt 3 (Weizsäcker, 2015, S. 195).

Wie vorher bereits erwähnt stimmt der Wunsch nach Vermögen mit der Warte­periode Z überein, weshalb im Weiteren mit Z gerechnet wird. Ebenso wird der Kapitalbedarf der Produktion K durch die Produktionsperiode T ersetzt, da auch diese beiden Größen als äquivalent angesehen werden können. (Weizsäcker, 2015, S. 195)

Folglich lautet die Gleichung nun:

Z-D = T + L + Q (3)

Innerhalb der Staatsschulden wird zwischen expliziten Staatsschulden, die klar abschätzbar sind und ca. ein Jahr Konsum betragen, und impliziten Staats­schulden, die nur ungefähr geschätzt werden können, unterschieden. Weizsäcker geht davon aus, dass Staatsschulden in Höhe von 3 Jahreskonsu­meinheiten plausibel sind, insbesondere im Hinblick auf den zukünftigen demo­grafischen Wandel in den OECD-Ländern. Zu der Einschätzung gelangt er, in­dem er die bilanzierten Altersrückstellungen von privaten Krankenversicherun­gen, in Höhe von einem Konsumjahr, und Altersrentenverpflichtungen, welche mit bereits einbezahlten Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträgen verbunden sind und einen Wert von 2 Konsumjahren ausmachen, heranzieht. (Weizsäcker, 2015, S. 195)

Für die Schätzung der Bodenwerte nutzt Weizsäcker (2015) vorhandene Zahlen aus der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und geht im vorherigen Beispiel von 2 Jahren Konsum aus.

[...]


1 Das Tobin-q ist die Relation zwischen dem Marktwert eines Unternehmens und den Wieder­beschaffungskosten der Vermögensgegenstände (Financial Times, o.J.). Bei einem Wert grö­ßer 1 ist eine Investition empfehlenswert. Bei einem Tobin-q unter 1 jedoch nicht ratsam, da sie überteuert ist (Springer Gabler Verlag, o.J.).

2 Als implizite Staatsschulden gelten Zahlungsverpflichtungen, die der Staat in der Zukunft zu leisten hat wie zum Beispiel Pensionsansprüche (Holtfrerich, Feld & Heun, 2015, S. 20).

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Die Sparschwemme Hypothese
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Fachbereich Wirtschaftswissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
40
Katalognummer
V502347
ISBN (eBook)
9783346031587
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sparschwemme, Savings Glut, Finanzen, Sparen, Hypothese
Arbeit zitieren
Alexander Emanuel Pletter (Autor), 2016, Die Sparschwemme Hypothese, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502347

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