Die virtù und fortuna in Machiavelli’s "Der Fürst"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
16 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Virtù und Fortuna
1. Virtù
1.1 Was ist die virtu
1.2 Vom Herrschen durch Frevel
2. Fortuna
2.1 Was ist fortuna
2.2 , denn das Schicksal ist eine Dirne
3. Occasio
4. Necessità
5. Wie Virtù und fortuna zusammenhängen

III Schlussfolgerung

IV Literaturverzeichnis

V Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Wer den Namen Machiavelli liest, verbindet diesen meistens mit Rücksichtslosigkeit und Skrupellosigkeit. Seit Niccolo Machiavelli sein Werk „Der Fürst“ veröffentlicht hat, hat sich nämlich viel an seinem Ansehen geändert. Aber dass es so weit gekommen ist, dass im Englischen der Name „Old Nick“ mit dem Teufel gleichgesetzt wird, scheint nach näherer Betrachtung übertrieben. Machiavelli hatte mit seinem Buch nicht die Absicht Unterdrückung und Tyrannei zu loben, sondern wollte aufzeigen, was zu tun notwendig ist, wenn man Herrscher ist und das auch bleiben will.

„Aber da ich beabsichtige etwas zu schreiben, das dem der es begreift auch nützt, scheint es mir entschieden angemessener zu sein, zum tatsächlichen Wirkkern der Sache vorzudringen als sich Wunschvorstellungen über sie zu machen“1 Lieber hätte er es gesehen wenn seine harten Führungsmethoden nicht nötig gewesen wären, aber er glaubte, dass sein Wunsch Italien von der Barbarei zu befreien, nur damit zu erreichen wäre. Er schrieb „Der Fürst“ an Lorenzo de' Medici, den damaligen Herrn von Florenz, mit der Absicht diesen sein Wissen zur Verfügung zu stellen. Er hatte die erfolgreichen und erfolglosen Herrscher der Geschichte studiert und beobachtet was sie zu solchen gemacht hatte. Und diese Erkenntnisse will er weitergeben, damit der mit diesem Wissen ausgestattete Herrscher in der Lage ist Italien zu befreien. Nach Machiavelli gab es nämlich drei Arten von Verstand: „der eine versteht aus sich selbst heraus, der zweite erkennt, was andere verstehen, der dritte versteht weder sich noch die anderen“.2 Am besten ist der, der aus sich selbst heraus versteht, am schlechtesten der, der gar nicht versteht. Wenn man den ersten nicht besitzt, ist es immer noch sehr gut den zweiten zu besitzen. Das heißt den Verstand zu besitzen, der in der Lage ist das Verhalten der anderen nachzuahmen. Mit seinem Buch hat er ja keine andere Absicht als die großen Vorbilder der Geschichte herauszusuchen und an ihren Taten zu untersuchen, was man nachahmen sollte. Und die Erkenntnisse, die die Natur eines guten Herrschers beschreiben, sind die Punkte mit denen man den „Fürst“ auch heute noch als nützlichen Ratgeber verwenden kann.

Diese Arbeit soll sich mit den Motiven der fortuna und virtù auseinandersetzen. Das Spektrum mit dem Machiavelli diese Begriffe gebraucht ist weitaus größer als es eine einfache Übersetzung nahelegt. Vielmehr hängen sie auch miteinander zusammen und bedingen sich gegenseitig. Sie sind der Grund weshalb Herrscher erfolgreich und großartig sind. Machiavelli war der Überzeugung, dass der, der ihr Wesen versteht, mit den Fähigkeiten ausgestattet sein wird, um über Menschen dauerhaft zu herrschen.

Und um dieses Thema angemessen aufzuarbeiten, werden zunächst die Motive virtù und fortuna näher erläutert, danach folgt eine Einführung in die Begriffe der occasio und necessità, so weit wie sie für die Führungslehre bei Machiavelli von Bedeutung sind. Abschließend werden noch die Zusammenhänge der Begriffe geklärt.

Virtù

Was ist die virtù?

Was macht also die Philosophie Machiavellis tiefgründiger als es die gängige Bedeutung des Wortes „Machiavellismus“ nahelegt.3 Seine Gegner behaupten, er würde Machtpolitik betreiben und dabei alle sittlichen Normen außen vor lassen. Wenn man sich dieser Meinung anschließt, muss man eingestehen, dass man andere Elemente in „Der Fürst“ nicht berücksichtigt hat. So ein Element ist die virtù. Machiavelli liefert keine klare Definition, was die virtù ist und was sie ausmacht. Er schreibt sie Personen zu. Er liefert in seinem Buch viele Beispiele aus der Geschichte und macht an ihnen deutlich, welches Verhalten seinem Ideal der virtù entspricht. Daraus ergibt sich eine Weite des Begriffes, der eine eins zu eins Übersetzung mit dem Wort Tugend nicht gleichkommt. Vielmehr fasst dieser Begriff auch Entschlossenheit, Talent, Fleiß, die strategische Weitsicht und Tapferkeit. Man kann virtù auch als die Fähigkeit betrachten, eigenständig sein Geschick leiten zu können. Ganz so als ob derjenige der damit ausgestattet ist, nicht mehr auf die Gunst und das Wohlwollen anderer angewiesen ist.

Im „Fürst“ schreibt Machiavelli die virtù denjenigen Herrschern zu, die im Laufe der Geschichte ein neues Fürstentum erhielten und es erfolgreich halten konnten. Im Gegensatz zu ererbten Fürstentümern, bei denen man nur die Gewohnheiten der Vorgänger beibehalten müsse, um an der Spitze zu bleiben, sieht es bei den neu erworbenen Fürstentümern anders aus.4 Auch ein Fürst mit nur durchschnittlichen Fähigkeiten, wird sich in einem ererbten Fürstentum behaupten können. Sie müssten nur beachten, dass das Volk keinen Hass gegen den Herrscher entwickelt. In einem viel höheren Maß findet man die virtù bei den Fürsten, die sich nicht auf bereits bestehende Strukturen berufen können. Denn sie müssen in ihrem Gebiet ein ganz neues Herrschaftsgefüge etablieren. Der Herrscher darf sich nicht auf andere verlassen, nicht auf fremde Soldaten und nicht auf fremdes Geld. Wenn er sich auf fremde Hilfe verlässt, wird er enttäuscht werden, weil Außenstehende nie mit demselben Ehrgeiz für eine Sache kämpfen werden als die direkt Verantwortlichen.

Machiavelli legt deshalb so viel Wert auf die Selbstständigkeit der Fürsten, weil er der Überzeugung ist, dass diejenigen die sich auf ihr Glück verlassen früher oder später enttäuscht werden. Denn im Gegensatz zur virtù kann man auf das Glück keinen Einfluss nehmen.5

Im Buch schreibt er, dass Fürstenherrschaften immer „mittels fremder oder eigener Waffengewalt […], oder durch Glück oder Tugend“ erworben werden.6 Der virtù ist also der Aspekt der Selbstständigkeit zuzuschreiben. Denn was Machiavelli hier sagen will verbirgt sich hinter einem Parallelismus. Wer sich auf fremde Hilfe verlässt, der baut auf nichts anderes als auf sein Glück. Wer den Mut hat sich auf seine eigenen Talente und Fähigkeiten zu verlassen, der handelt im vollen Sinn der „virtu“. Und auch in der Geschichte hat sich gezeigt, dass die, die sich auf fremde Soldaten verlassen haben, nicht dauerhaft über das Volk regieren konnten.

Es findet sich noch ein weiteres Bild in „Der Fürst“, aus dem man eine Eigenschaft der virtù herauslesen kann. Als Vorbild sollte sich ein Fürst „den Fuchs und den Löwen auswählen, denn der Löwe kann sich nicht gegen die Schlingen verteidigen und der Fuchs nicht gegen die Wölfe. Deshalb muss man ein Fuchs sein, um die Schlingen zu entdecken, und ein Löwe, um die Wölfe zu schrecken.“7 Der Löwe steht in diesem Bild für die militärische Stärke und der Fuchs für die Klugheit. Und so wie jemand, der sich nur auf seine Kraft verlässt, und damit gegen die List seiner Gegner nicht ankommen wird, so kann auch der nur gewiefte Herrscher nicht gegen die Brutalität seiner Feinde bestehen.8 Mit dieser Beschreibung kann man die virtù auch als List, Wildheit und Ruchlosigkeit auffassen.

Vom Herrschen durch Frevel

Es gibt aber noch andere, die an die Herrschaft gelangt sind mit mehr als virtù. Zwar haben diese Fürsten sich auf ihre eigenen Fähigkeiten verlassen und nicht nur auf das Glück, aber trotzdem kann man sie nicht tugendhaft nennen. Machiavelli bringt das Beispiel von Oliverotto di Fermo. Er wuchs bei seinem Onkel auf, denn er wurde früh zum Waisen und nachdem er ebenfalls in jungen Jahren weggeschickt wurde um die Kriegskunst zu lernen, kehrte er mit bösen Absichten zurück. Er täuschte seinen Onkel, machte ihm vor sein Erbe antreten zu wollen, wobei er eigentlich die Herrschaft mit Gewalt an sich reißen wollte. Er gab ein Festessen für die Oberhäupter der Stadt und dabei ließ er sie ermorden.

Zwar hat er damit sein Glück selbst in die Hand genommen, aber er hat den echten Weg der Tugend verlassen. Denn er hat seine Freunde getäuscht und ohne Treue und Gnade gehandelt.9 Machiavelli hat in seiner Auffassung vom Begriff der virtù also auch noch ein Element der Menschlichkeit. Er war zwar der Überzeugung, dass der Zweck die Mittel heiligt, aber nicht für den Preis, dass man alle Regeln über Bord wirft.

Es werden im „Fürst“ einige Beispiele geliefert wer sich der virtù verdient gemacht hat und wer nicht. Aber man scheint keine klare Trennlinie zwischen ihnen ziehen zu können. Es handelt sich bei der virtù, die nach Machiavelli den fähigen Herrscher ausmacht, um eine „geheimnisvolle seelische Substanz“, die sich nicht ohne weiteres bestimmen lassen kann.10

Fortuna

Was ist fortuna?

Wie Machiavelli das Wort fortuna gebraucht, kommt einer Übersetzung ins Deutsche schon sehr nahe. „Glück“ oder „Schicksal“ beschreiben es zwar schon sehr gut, in der Führungslehre von Machiavelli wird es aber noch bedeutungsträchtiger.

Es ist nichts ewig unter dieser Sonne
so will’s Fortuna, die im Wechsel sich gefällt,
auf dass man ihre Macht deutlich erkenne“11

In diesem Gedicht über fortuna wird gleich ihr auffälligstes Merkmal beschrieben. Sie ist vergänglich. Schon in der Antike stand die Göttin Fortuna im römischen Reich und die Göttin Tyche in Griechenland für den Zufall.12 Sie war die Verantwortliche, wenn etwas unvorhergesehenes passierte. In dieser Tradition sah man sich noch völlig machtlos, wenn sie in das Geschehen eingriff. Sie füllte den Platzhalter, wenn Dinge geschahen mit denen niemand gerechnet hatte und wenn die Menschen keine kausalen Zusammenhänge mehr erkennen konnten.13 Ihr Wirken trat an die Stelle, die die Wissenschaft nicht erklären konnte. Doch Machiavelli war überzeugt, dass man ihr nicht ohnmächtig gegenüberstehen muss.

In seinem „Gedicht über das Glück“ präsentiert er ein Modell der Fortuna, das ein Entgegenwirken zulässt. Während im mittelalterlichen Denken noch die Überzeugung vorherrschte das Leben wäre wie ein Rad, auf dem sich alles entscheidet, hatte Machiavelli in seinem Modell viele Räder, die die wechselnden Handlungssituationen des Menschen darstellen.14 Und während man auf dem mittelalterlichen Modell nur seine Hoch- und Tiefphasen passiv miterleben konnte, besteht in seiner Vorstellung die Möglichkeit zu einem anderen Rad zu springen, wenn es gerade wieder abwärts geht. Und in seiner ganzen Philosophie hält sich dieses Bild, dass man dem Schicksal nicht ohnmächtig gegenüberstehen muss. Mit seinem Glücksrad vertrat er eine neue Sicht: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.

Im „Fürst“ schreibt er, „dass das Schicksal nur über die eine Hälfte unserer Taten entscheidet, die andere Hälfte aber, oder beinahe die Hälfte, immer noch uns zur Bestimmung überlässt.15 Hieraus ergeben sich zwei Arten von fortuna. Der eine Teil ist beeinflussbar und der zweite nicht. Ein guter Herrscher sollte also versuchen den beeinflussbaren Teil so weit wie möglich auszuweiten.16 Machiavelli war es ein Anliegen klarzumachen, warum diejenigen, die einen Schicksalsschlag erleiden mussten, nicht gleich die Flinte ins Korn werfen sollen. Er wollte die fortuna entzaubern und ihr diese Autorität nehmen. Mit seinen zahlreichen Beispielen aus der Geschichte plädiert er dafür, die Ereignisse bei denen sich ein ungünstiges Schicksal gezeigt hat, als Resultate menschlichen Versagens hinzunehmen. Er war nicht der Meinung, dass man sämtliche Unglücksschläge vermeiden könnte, aber, wie oben bereits gesagt, einen erheblichen Teil. Diese Einstellung war nur vernünftig. Weil sich auf das Glück zu verlassen bedeutet sich auf den Zufall verlassen. Und man kann keinen Führer gut nennen, der das tut.

„…, denn das Schicksal ist eine Dirne“

Machiavelli brach also mit seiner Tradition,17 als er behauptete, man sei nicht das Spielzeug des Schicksals, so wie ein Schiff dem Sturm wie ein Spielzeug ausgeliefert ist. Er war der Überzeugung, man könne auch selbst sein Schicksal beeinflussen, hatte aber dennoch großen Respekt vor dem Teil der fortuna, dem man machtlos gegenübersteht. Dieser Teil bleibt für ihn ein irrationales Element, das auch der beste Herrscher in seinen Plänen berücksichtigen muss.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten mit der Unberechenbarkeit des Schicksals umzugehen:

Man kann es erstens hinnehmen und ertragen, so wie es die Generationen vor ihm getan haben. Das Schicksal als unbezwingbar und unbeeinflussbar hinnehmen.18 Aber Machiavelli war gegen diese Einstellung.

[...]


1 Machiavelli 2007, 83.

2 Ebd. 119.

3 Vgl. Strzysch 1998, 9.

4 Vgl. Machiavelli 2007, 23.

5 Vgl. Höffe 2013, 72.

6 Machiavelli 2007, 22.

7 Ebd, 93.

8 Vgl. Wilhelm Waetzoldt 1943, 131.

9 Vgl. Machiavelli 2007, 55.

10 Wilhelm Waetzoldt 1943, 132.

11 Ebd. 135.

12 Vgl. Riklin 199658.

13 Vgl. Kersting 1988, 104.

14 Vgl. Kersting 1988, 108f.

15 Machiavelli 2007, 125.

16 Vgl. Riklin 1996, 59.

17 Machiavelli 2007, 128.

18 Vgl. Wilhelm Waetzoldt 1943, 141.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die virtù und fortuna in Machiavelli’s "Der Fürst"
Hochschule
Hochschule für Philosophie München  (Hochschule für Philosophie)
Veranstaltung
Leadership-Seminar
Note
1.0
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V502440
ISBN (eBook)
9783346026149
ISBN (Buch)
9783346026156
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophy, Ethics, Machiavelli, Fürst, virtu, necessita, occasio, fortuna, Moralphilosophie, praktische Philosophie
Arbeit zitieren
Simon Fischer (Autor), 2013, Die virtù und fortuna in Machiavelli’s "Der Fürst", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502440

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