Kaufsucht bei Kindern und Jugenlichen. Eine unterschätzte Gefahr?


Facharbeit (Schule), 2018
23 Seiten, Note: 1,0 bzw. 15 Punkte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhaltliche Darstellung von Kaufsucht
2.1 Definition und Überblick über Phänomenologie
2.2 Komorbiditäten
2.2.1 Ängste
2.2.2 Depressionen
2.3 Ätiologie mit Fokus auf Entwicklungen in der Adoleszenz
2.4.1 Psychische Ursachen
2.4.2 Physiologische Ursachen
2.4.3 Gesellschaftliche Ursachen
2.4.4 Einfluss kommerzieller Werbung
2.4 Epidemiologische Daten und beeinflussende Faktoren

3. Therapiemöglichkeiten

4. Überlegungen zu Präventionsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis
6.1 Literatur
6.2 Internetquellen

1. Einleitung

Das Phänomen der Kaufsucht fiel insbesondere in den letzten Jahren in der modernen westlichen Welt durch sehr hohe Prävalenz auf. Dennoch wurde in diesem Bereich bisher erst relativ wenig Forschung betrieben. Dies zeigt sich unter anderem an den in der Fachliteratur und im allgemeinen Sprachgebrauch verwendeten Begrifflichkeiten.

Neben Kaufsucht werden im deutschsprachigen Raum häufig Bezeichnungen wie „pathologisches Kaufen“, „krankhafter Kauftrieb“, „Oniomanie“1, „pathologischer Konsum“, „Kaufzwang“ oder bisweilen auch „Kaufrausch“2 für die Benennung des Störungsbildes herangezogen.

Allerdings werden Begriffe wie „Kaufrausch“ wohl nur von einem Bruchteil der breiten Öffentlichkeit mit einem ernstzunehmenden Problem assoziiert, wie beispielsweise unschwer an einem rezenten Artikel des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ mit dem Titel „Deutsche im Kaufrausch“3 vom 22. Dezember 2017 feststellbar ist. Dies führt durchaus zu einer Verharmlosung des Problems.

Unabhängig davon ist anzumerken, dass das Störungsbild Kaufsucht vom „kompensatorischen Kaufen“ abzugrenzen ist. Denn jener Begriff beschreibt lediglich die Phase, in der das Konsumverhalten weder als unauffällig, noch als süchtig bezeichnet werden kann und bildet ein Vorstadium von Kaufsucht.4 Ein Risiko besteht darin also vor allem, weil kompensatorisches Kaufverhalten zu Kaufsucht führen kann.5

Gepaart mit dem Fakt, dass Kaufsucht bis heute nicht als klassifizierte Sucht in den beiden renommiertesten Klassifikationssystemen für psychische Störungen – dem DSM6 und der ICD7 - 8 vertreten ist, bestätigt die Vielzahl der Bezeichnungen wohl die bis dato vorherrschende Unsicherheit bezüglich der korrekten nosologischen Kategorisierung und der Benennung des Phänomens.9

In dieser Arbeit sollen die Begrifflichkeiten Kaufsucht, „Pathologisches Kaufen“ und „Oniomanie“ favorisiert und synonym benutzt werden.

Das bisher lapidar erscheinende Phänomen soll im Folgenden genauer erläutert werden. Nachfolgende Seiten bieten Einblicke in Phänomenologie, Epidemiologie und Ätiologie von Kaufsucht mit Fokus auf Entwicklungen in der Adoleszenz. Zudem soll auf Komorbiditäten sowie therapeutische und präventive Maßnahmen eingegangen werden, bevor pathologischer Konsum hinsichtlich seiner Position als unterschätzte Gefahr evaluiert wird.

2. Inhaltliche Darstellung von Kaufsucht

2.1 Definition und Überblick über Phänomenologie

Die amerikanischen Konsumentenverhaltensforscher Faber und O'Guinn legten dar, dass das Störungsbild pathologisches Kaufen eine spezielle Form von Sucht sei, die chronisches und wiederholtes Kaufverhalten als eine Reaktion auf negative Gefühle und Ereignisse beinhaltet (nach Faber und O'Guinn 1989, S. 149).10 Kaufhandlungen dienen Kaufsüchtigen ergo primär der Emotionsregulation. Genauer gesagt fungiert der Prozess des Kaufens als Mittel, um positive Gefühle aufrecht zu erhalten oder dysphorische Stimmungen wie Gefühle der Schuld, Angst oder Hilflosigkeit aufzuhellen und steigert dabei das Selbstwertgefühl.

Pathologische Käufer fühlen vor dem tatsächlichen Kaufakt meist eine starke kumulative Unruhe und Anspannung. Sobald es die Möglichkeit gibt, einen bestimmten Artikel zu erwerben, sind eventuelle Versuche seitens des Kaufsüchtigen, sich dem Kaufimpuls zu widersetzen, in der Regel gänzlich erfolgslos. Während des Kaufaktes erleben Betroffene ein tiefes Glücksgefühl sowie ein transientes Gefühl der Entspannung und Befriedigung. Diese positiven Gefühle werden aber bereits nach wenigen Minuten von Selbstvorwürfen und Reue überlagert bzw. ersetzt. Diese negativen Gefühlsregungen verstärken den Bedarf nach einem erneuten aufheiternden Kauferlebnis weiter. Der Betroffene verfällt in eine Art Teufelskreis.11

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Darstellung der Gefühle Kaufsüchtiger vor, während und nach einem Kaufakt.12

Im Verlauf der Sucht kommt es aufgrund der sich verstärkenden psychischen, sozialen und finanziellen Probleme meist zu einer Dosissteigerung, die sich insbesondere in höherer Frequentierung und stärker ausartenden Kaufexzessen äußert. Diese Kaufexzesse treten anfallartig und episodisch auf.13

Weitere charakteristische Merkmale von Kaufsucht sind beispielsweise die obsessive gedankliche Auseinandersetzung mit Kaufaspekten, also etwa das ständige Lesen von Supermarktprospekten und anderweitiger Werbematerialien. Dies kann bis zur sozialen Isolation führen.

Bei längerer Kaufabstinenz sehen sich Kaufsüchtige meist mit Entzugserscheinungen wie Schwächegefühl, Schweißausbrüchen und innerer Unruhe konfrontiert.14

Für pathologische Käufer stellen in der Regel weniger die gekauften Güter, sondern vielmehr der Kaufakt als solches ein Suchtpotenzial dar. Infolgedessen werden nicht ausschließlich benötigte Gegenstände erworben.

Bei stetem Anwachsen kaufsüchtiger Symptome bilden sich häufig besondere Kaufmuster aus, um die deviante Verhaltensweise beispielsweise vor Familienangehörigen oder Freunden zu verbergen.

Pathologische Käufer spezialisieren sich meist auf eine Gruppe bestimmter Konsumgüter, die sich von Person zu Person unterscheiden können. Da Kaufsucht aber meist auf einem Mangel an Selbstwertgefühl und niedrigem Selbstbewusstsein fußt, kommt es häufig vor, dass Artikel gekauft werden, welche die Außenwahrnehmung der Betroffenen Personen entsprechend eines bestimmten Idealbilds verbessern sollen. Hierbei zeigen sich im Übrigen nicht selten geschlechtsstereotype Differenzen. Kaufsüchtige Frauen tendieren etwa eher zu Produkten wie Kosmetika, Schmuck oder Kleidung, während Männer häufiger technische Artikel oder Sportgeräte suchtartig einkaufen. Manche kaufen dabei am liebsten preisreduzierte Ware, während andere eher auf Marken- oder Luxusprodukte abzielen. Betroffene können durch die Wahl einer eher unscheinbaren und alltäglichen Produktsparte ein Übermaß an diesen Gegenständen in der Regel lange unbemerkt lassen. Nach dem Einkauf werden die Produkte nicht selten verschenkt oder gar entsorgt, da kaum eine emotionale Bindung an die erworbenen Artikel vorliegt.

Wenn auffällige Produkte erworben werden, kann dies von Kaufsüchtigen vor anderen Personen häufig dadurch gerechtfertigt werden, dass lediglich das eigene Hobby ausgelebt wird. So kann es sein, dass jemand sich im Rahmen seiner Sucht eine Vielzahl sehr teurer Kameras und Fotoequipment zugelegt hat, dies aber dadurch begründet, dass Fotografie seine große Leidenschaft ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Vergleich präferierter Produkte kaufsüchtiger Männer und kaufsüchtiger Frauen.15

Vielen Kaufsüchtigen fällt es schwer, ihren häufigen Konsum zu finanzieren. Infolgedessen leiden viele Betroffene unter Überschuldung und teilweise daraus resultierender Privatinsolvenz. Die angeführte Statistik zeigt, dass Kaufsüchtige im Jahr 2010 wesentlich häufiger verschuldet waren als Personen mit normalem Kaufverhalten (58,46 % gegen 27,46 %).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Verschuldung von normalen und süchtigen Käufern im Vergleich.16

Abhängig von der Schwere der Störung und der Art der gekauften Artikel kann der Geldmangel auch zu einer zunehmenden Kriminalisierung der Betroffenen führen. So wird z.B. auf Ersparnisse der Eltern, des Lebenspartners oder der Kinder zurückgegriffen, es wird Geld vom Arbeitgeber entwendet oder es wird Steuerbetrug begangen.17

Im Allgemeinen unterscheidet sich die Entwicklung von Kaufsucht aus neurologischer Sicht nur wenig von etwa der Entwicklung einer Kokainabhängigkeit. Denn Suchtstoffe greifen in das im Mittelhirn lokalisierte mesolimbische Dopaminsystem („Belohnungszentrum“) ein, das sich aus Nucleus accumbens und Teilen des limbischen Systems zusammensetzt. Bei einem Kaufprozess werden die Neuronen dieser Bereiche im Gehirn der Betroffenen aktiviert, wodurch vermehrt der Neurotransmitter Dopamin ausgeschüttet wird, welcher vereinfacht gesagt für Wohlbefinden und Belohnungsgefühl sorgt. Im Verlauf der Sucht kommt es zu einer Neuroadaptation – d.h. einer Toleranzentwicklung – der Betroffene gewöhnt sich an eine regelmäßige Dopaminausschüttung und es kommt zu einer Abnahme der üblichen Eigenproduktion, was wiederum dazu führt, dass es später für den gleichen Effekt einer stärkeren Stimulation durch Konsum bedarf. Die Gewöhnung an Konsum resultiert zunehmend auch in einem gesteigerten Verlangen nach dem Suchtstoff. Eine Sucht entsteht.18 19

[...]


1 Eysenck, Hans, J./Arnold, Wilhelm/Meili, Richard: Art. „Kaufsucht“, in: Lexikon der Psychologie, Bd. 2, Freiburg 2003, Sp. 315-317.

2 Franz, Volker (2018): Kaufzwang. http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/kaufzwang.html (Stand: 03.08.2018).

3 Albert, Andreas (2017): Konsumklima. Deutsche im Kaufrausch. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/konsumklima-deutsche-im-kaufrausch-a-1184755.html (Stand: 03.08.2018).

4 Institut Suchtprävention, pro mente Oberösterreich (Hrsg., 2016): Kaufsucht. https://www.praevention.at/sucht - vorbeugung/verhaltenssuechte/kaufsucht.html (Stand: 03.08.2018).

5 Lange, Elmar: Jugendkonsum im Wandel. Konsummuster, Freizeitverhalten, soziale Milieus und Kaufsucht 1990 und 1996, Opladen 1997; S. 138.

6 “Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“

7 „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems”

8 Sowohl im DSM-5, als auch im Psychiatrie-Kapitel der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) publizierten international gültigen ICD-10 wird pathologisches Kaufen lediglich als „nicht näher bezeichnete abnorme Gewohnheit und Störung der Impulskontrolle“ (ICD-10: F63.9) klassifiziert.

9 Müller, Astrid/Wölfling, Klaus/Müller, Kai, W.: Verhaltenssüchte - Pathologisches Kaufen, Spielsucht und Internetsucht, 1. Auflage, Göttingen 2018. Fortschritte der Psychotherapie, Bd. 70; S.5.

10 Faber, Ronald, J./O'Guinn, Thomas, C.: Classifying Compulsive Consumers. Advances in the Development of a Diagnostic Tool, in: NA - Advances in Consumer Research, H. 16, 1989, S.738-744.

11 Müller, Astrid/Wölfling, Klaus/Müller, Kai, W.: Verhaltenssüchte - Pathologisches Kaufen, Spielsucht und Internetsucht, 1. Auflage, Göttingen 2018. Fortschritte der Psychotherapie, Bd. 70; S.7.

12 Müller, Astrid (2014): Kaufsucht. https://www.schoen-kliniken.de/php- bin/ptp/dcl/index.php?/mam/ptp/img/bbr/aktuell/dgz_2014_muller_kaufsucht.pdf (Stand: 06.08.2018).

13 Müller, Astrid/Wölfling, Klaus/Müller, Kai, W.: Verhaltenssüchte - Pathologisches Kaufen, Spielsucht und Internetsucht, 1. Auflage, Göttingen 2018. Fortschritte der Psychotherapie, Bd. 70; S.52.

14 Prisching, Manfred: Die zweidimensionale Gesellschaft. Ein Essay zur neokonsumistischen Geisteshaltung, 2. Auflage, Wiesbaden 2009; S. 128.

15 Sparheld International GmbH (Hrsg., o.J.): Kaufsucht. Wenn Einkaufen zur Krankheit wird. http://seelen- werk.com/fileadmin/redaktion/pdfs/KaufsuchtNeu.pdf (Stand: 10.08.2018).

16 Raab, Gerhard (2011): Unkontrolliertes und „süchtiges“ Kaufverhalten: Die Schattenseiten der Konsumgesellschaft. https://www.step-hannover.de/wp-content/uploads/2011/03/Suchthilfetag-2011-der-Step- Folien-zum-Vortrag-Kaufsucht-von-Gerhard-Raab.pdf (Stand: 07.08.2018).

17 Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (Hrsg., 2018): Kaufsucht. https://www.gesundheit.gv.at/krankheiten/sucht/kaufsucht (Stand: 10.08.2018).

18 Sparheld International GmbH (Hrsg., o.J.): Kaufsucht. Wenn Einkaufen zur Krankheit wird. http://seelen- werk.com/fileadmin/redaktion/pdfs/KaufsuchtNeu.pdf (Stand: 10.08.2018).

19 Bauer Xcel Media Deutschland KG (Hrsg., o.J.): Bei einer Sucht liegen die Ursachen im „Belohnungssystem“. https://www.praxisvita.de/bei-einer-sucht-liegen-die-ursachen-im-belohnungssystem- 2421.html (Stand: 10.08.2018).

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Kaufsucht bei Kindern und Jugenlichen. Eine unterschätzte Gefahr?
Note
1,0 bzw. 15 Punkte
Autor
Jahr
2018
Seiten
23
Katalognummer
V503395
ISBN (eBook)
9783346037817
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hierbei handelt es sich um eine im Rahmen des wissenschaftspropädeutischen Seminars der gymnasialen Oberstufe erarbeitete Hausarbeit. Die Arbeit wurde mit der Maximalpunktzahl 15 bewertet.
Schlagworte
kaufsucht, kindern, jugenlichen, eine, gefahr
Arbeit zitieren
Behzad Sabbagh Amirkhizi (Autor), 2018, Kaufsucht bei Kindern und Jugenlichen. Eine unterschätzte Gefahr?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/503395

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