Pflege von Menschen mit Demenz. Bewältigungsstrategien von Pflegekräften


Bachelorarbeit, 2019

122 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Demenz
2.1 Stadien der Demenz
2.1.1 Frühes Stadium (leichte Beeinträchtigung)
2.1.2 Mittleres Stadium (mäßige Beeinträchtigung)
2.1.3 Fortgeschrittenes Stadium (schwere Beeinträchtigung)
2.1.4 Finales Stadium
2.2 Klinische Merkmale in Zusammenhang mit den Demenzsymptomen
2.2.1 Aggressivität
2.2.2 Sexualität
2.2.3 Depressivität

3. Belastung und Beanspruchung
3.1 Definition
3.1.1 Belastung-Beanspruchungs-Modell
3.1.2 Transaktionales Stressmodell nach Lazarus
3.2 Belastungen bei der Arbeit
3.3 Spezielle Belastungssituationen bei Pflegekräften
3.3.1 Emotionale Arbeit
3.3.2 Leid und Tod
3.3.3 Ängste in Zusammenhang mit dem Beruf
3.3.4 Helfersyndrom und Anerkennungskonflikte
3.4 Beanspruchung
3.5 Beanspruchung bei Pflegekräften

4. Bewältigungsstrategien
4.1 Institutionelle Maßnahmen zur Bewältigung von Arbeitsbelastung
4.1.1 Supervision
4.2 Individuelle Bewältigungsstrategien
4.2.1 Soziale Unterstützung
4.2.2 Humor

5. Methodik
5.1 Das Erhebungsinstrument
5.2 Stichprobenbeschreibung
5.3 Statistische Auswertungsverfahren

6. Darstellung der Ergebnisse
6.1 Belastungssituationen im Pflegealltag
6.2 Bewältigungsstrategien

7. Hypothesen
7.1 Testung der Hypothesen

8. Diskussion und Zusammenfassung der Ergebnisse

9. Limitation und Ausblick

10. Literaturverzeichnis

11. Anhang

Kurzfassung

Die vorliegende Arbeit thematisiert die verschiedenen Belastungen in der Betreuung von Menschen mit Demenz, sowie die Bewältigungsstrategien der Pflegekräfte. Es soll herausgefunden werden, welche Strategien die Pfleger und Pflegerinnen anwenden, um die beruflichen Belastungen bestmöglich bewältigen zu können.

Die Umfrage zeigt eine Stichprobengröße von N=82 Personen (74,4% Frauen und 25,6% Männer) im Alter von 22 bis 61 Jahren.

Verbale Angriffe von Angehörigen und physische Gewalt durch Patienten/innen stellen die am meist belastenden Situationen aus dem Pflegealltag dar. Das Gespräch mit dem/der Vorgesetzten und die Strategie, sich nach der Arbeit einer entspannenden Tätigkeit zu widmen, sind die am häufigsten angewandten Bewältigungsstrategien.

Bezogen auf die positive Wirkung der Bewältigungsstrategien konnte lediglich für die Strategie „Lösen einer Situation mit Humor“ ein signifikanter Wert aufgezeigt werden.

Abstract

This paper is concerned with the various burdens in the care of people with dementia, as well as the coping strategies of the nurses. The aim of this work is to determine which strategies nurses apply in order to be able to cope with the professional burdens in the best possible way. The sample of the conducted study consisted of 82 participants (74,4% women and 25,6% men) aged between 22 and 61 years.

The result show that verbal attacks by relatives and physical violence by patients are the most burdening situations in the nursing routine. The discussion with the supervisor und the strategy to devote oneself to a relaxing activity after work are the most commonly used coping strategies.

The examination of the positive effects of the coping strategies showed that only the strategy “solving a situation with a sense of humor” has a significant value.

Danksagung

Hiermit möchte ich mich im Rahmen dieser Bachelorarbeit besonders bei meinem Betreuer Herrn Thomas Vlasak, Msc. für seine umfassende und zuverlässige Betreuung, sowie für seine stets freundliche und motivierende Unterstützung bedanken.

Ein großer Dank gilt meiner Familie, welche mich schon mein ganzes Leben lang tatkräftig unterstützt und ohne die das Absolvieren dieses Studiums nicht möglich gewesen wäre. Auch meinen Freundinnen und Freunden möchte ich für die Kraft und Motivation, welche sie mir während der gesamten Studienzeit gegeben haben, herzlich danken.

Ein großer Dank gilt auch einem besonderen Freund, welcher mich stets antreibt und mich in vielfältiger Form motiviert und unterstützt.

Ebenfalls möchte ich mich bei allen Teilnehmern und Teilnehmerinnen der Befragung herzlichst bedanken.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Belastungs-Beanspruchungsmodell

Abbildung 2: Rahmenschema des Belastungs-Beanspruchungs-Prozesses

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Deskriptive Auswertung Belastungssituationen

Tabelle 2: Gesamtübersicht Bewältigungsstrategien

Tabelle 3: Bewältigungsstrategien für Situation 1

Tabelle 4: Bewältigungsstrategien für Situation 2

Tabelle 5: Bewältigungsstrategien für Situation 3

Tabelle 6: Bewältigungsstrategien für Situation 4

Tabelle 7: Bewältigungsstrategien für Situation 5

Tabelle 8: Bewältigungsstrategien für Situation 6

Tabelle 9: Bewältigungsstrategien für Situation 7

Tabelle 10: Bewältigungsstrategien für Situation 8

Tabelle 11: Bewältigungsstrategien für Situation 9

Tabelle 12: Bewältigungsstrategien für Situation 10

Tabelle 13: Bewältigungsstrategien für Situation 11

1. Einleitung

Demenzerkrankungen stellen eine der häufigsten psychischen Erkrankungen im höheren Lebensalter dar. Aufgrund globaler Entwicklungen und dem Anstieg der Lebenserwartung, wird auch die Anzahl der zu pflegenden Personen immer höher. Dies bedeutet eine enorme Herausforderung für den Pflegesektor. Wie in kaum einem anderen Arbeitsbereich sind die gesundheitlichen Beeinträchtigungen vielschichtiger und komplexer, als im Bereich der Pflege. Somit ist es von enormer Bedeutung, nicht nur die Bewohner der Pflegeheime angemessen zu betreuen, sondern auch die daraus resultierenden Belastungen für die Pflegekräfte in einem möglichst geringen Ausmaß zu halten. Da Pflege “von Mensch zu Mensch” geschieht, ist eine umfassende Unterstützung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für beide Seiten ein Gewinn. Eine Minimierung physischer und psychischer Belastungen, sowie in weiterer Folge das Vorbeugen arbeitsbedingter Gesundheitsschäden, bei gleichzeitiger Maximierung der Produktivität und Arbeitszufriedenheit sind entscheidende Elemente, um den Pflegeberuf gesünder und attraktiver zu gestalten (Weiß, 2017, S. 96).

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich vor diesem Hintergrund mit der Fragestellung, welche Strategien Pflegekräfte anwenden, um die beruflichen Belastungssituationen bewältigen zu können. Insbesondere auf die Pflege von Menschen mit Demenz und die daraus resultierenden Problemstellungen wird hierbei eingegangen.

Im ersten Teil der Arbeit erfolgt die theoretische Darlegung der Thematik, welcher in drei Teile gegliedert ist. Zunächst wird das Krankheitsbild der Demenz dargestellt, wobei bereits die damit einhergehenden Problemsituationen hervorgehoben werden. Im Anschluss daran erfolgt eine Definition der Begriffe Belastung und Beanspruchung. Hier liegt der Fokus auf den speziellen Belastungssituationen im Pflegeberuf. Darauf aufbauend erfolgt die Vorstellung organisationaler und persönlicher Bewältigungsstrategien. Es werden speziell die Strategien näher veranschaulicht, welche auch in der empirischen Untersuchung erhoben wurden.

Als Erhebungsinstrument wurde ein eigener Fragebogen entwickelt, welcher zuerst das Ausmaß der Belastung erfragt und anschließend die jeweiligen angewandten Bewältigungsstrategien überprüft. Die statistische Auswertung der Daten erfolgte mit dem Programm SPSS Version 24.

2. Demenz

Der erste Abschnitt des theoretischen Teils dieser Arbeit ist dem Krankheitsbild der Demenz gewidmet. Zunächst wird ein kurzer Überblick über die unterschiedlichen Formen einer Demenz dargelegt. Darauf aufbauend folgt eine Veranschaulichung des Krankheitsverlaufs in den verschiedenen Stadien und anschließend wird eine nähere Beschreibung der speziellen Problemfelder, die sich daraus ergeben, erläutert.

Ein Mensch gilt von Kindesbeinen an bis in sein Alter als der gleiche. Aber obgleich er denselben Namen führt, bleibt er doch niemals in sich selbst gleich, sondern einerseits erneuert er sich immer, andererseits verliert er anderes: an Haaren, Fleisch, Knochen, Blut und seinem ganzen körperlichen Organismus. Und das gilt nicht nur vom Leibe, sondern ebenso von der Seele: Charakterzüge, Gewohnheiten, Meinungen, Begierden, Freuden und Leiden, Befürchtungen: alles das bleibt sich in jedem Einzelnen niemals gleich, sondern das eine entsteht, das andere vergeht. (Platon, 1958, S. 127 f.)

Der Begriff “dementia” kommt aus dem lateinischen Sprachgebrauch und bedeutet so viel wie “ohne Geist” oder “ohne Verstand”. Dies ist der Namensgeber für das Krankheitsbild der Demenz, deren Leitsymptom die Gedächtnisstörung ist. Zu Beginn der Erkrankung ist hauptsächlich das Kurzzeitgedächtnis betroffen, im späteren Verlauf erstreckt sich die Symptomatik aber auch auf das Langzeitgedächtnis (Gatterer & Croy, 2005).

Bereits Philosophen der Antike und des Mittelalters beschrieben die Symptome der Demenz mit den Worten “Verlust des Verstandes” und “Unvernunft”. Das Krankheitsbild der Demenz widerspricht aufgrund ihrer Symptomatik sehr unserem rationalen Menschenbild, da nicht nur das Gedächtnis, sondern auch die Orientierung, das Denken, das Urteilen, die Sprache, das Handeln und das emotionale Erleben gestört sind. Sie zählt zudem zu den häufigsten psychiatrisch-neurologischen Erkrankungen des höheren Alters (Perrar, Sirsch & Kutschke, 2011, S. 110). Gatterer & Croy (2005) beschreiben das Krankheitsbild folgend der internationalen Diagnosekriterien wie dem ICD-10 oder DSM-V die Demenz als eine Störungen der Gedächtnisleistung und anderer kognitiver Funktionen, wie Sprache, Orientierung, abstraktes Denkvermögen, motorische Handlungsfähigkeiten, Lesen, Rechenfähigkeit, sowie des Verhaltens, die so schwerwiegend sind, dass der betroffene Mensch bei den meisten Aktivitäten im täglichen Leben merkbar behindert wird. Die Autoren verweisen auf die Unfähigkeit den Alltag selbstständig bewältigen zu können. Dies führt zu einer Beeinträchtigung des Berufs- oder Gesellschaftsleben (Gatterer & Croy, 2005, S. 10).

Die Diagnoserichtlinien des ICD-10 besagen, dass die betroffene Person über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten unter den Symptomen der Demenz leiden muss und diese nicht auf ein anderes Krankheitsbild, wie die Depression, das Delir, angeborene Intelligenzminderungen oder ein organisches amnestisches Syndrom zurückzuführen sind (Perrar et al., 2011, S. 110).

Die Demenz führt zu einer globalen Beeinträchtigung intellektueller Funktionen, deren Schweregrad stark variieren kann. Als Ursache werden fassbare organische Hirnschädigungen genannt, weshalb psychische oder sonstige Erkrankungen, welche ebenfalls zu kognitiven Defiziten führen können, ausgeschlossen werden müssen. Eine genaue Diagnose ist beim Eintritt der ersten Symptome bereits äußerst wichtig, da einige dieser Krankheiten behandelt werden können. Somit beschreibt der Begriff “Demenz” laut Gatterer und Croy (2005) ein klinisches Zustandsbild aus einer Reihe von Symptomen, die durch vielfältige Gehirnerkrankungen verursacht werden können.

Folgende drei Symptome prägen das Krankheitsbild der Demenz:

(1) Abbau der Gedächtnisleistungen (Langzeit- und Kurzzeitgedächtnis)
(2) Einbußen und Verluste hinsichtlich der intellektuellen Fähigkeiten, des abstrakten Denkens und des Urteilsvermögens. Ebenfalls betroffen ist die Kritikfähigkeit, welche sich auch in der Uneinsichtigkeit, welche der/die Betroffene gegenüber seiner eigenen Störung zeigt, erkennen lässt.
(3) Manifestation von “Werkzeugstörungen”, d.h. von Aphasie (Wortfindungsstörungen), Apraxie und Agnosie. Die Demenz ist zwar eine Erkrankung, die typischerweise im Alter auftritt, jedoch keineswegs eine normale Alterserscheinung, die jede/n betreffen kann (Gatterer & Croy, 2005, S. 10).

Die Lebensqualität des/r Betroffenen verschlechtert sich durch die Beeinträchtigung verschiedener Funktionen und kann sich laut Gatterer und Croy (2005) durch eine veränderte Befindlichkeit bemerkbar machen. Diese wiederum äußern sich oftmals in depressiver, reizbarer, missmutiger und unmotivierter, oder auch in heiterer und distanzloser Stimmung.

Bezüglich der Entstehung von Demenz diskutiert das breite Spektrum an wissenschaftlichen Arbeiten unterschiedliche Krankheitsfaktoren, die damit in Verbindung gebracht werden können. Neben den erblichen Faktoren werden auch negative Umwelteinflüsse und andere schädliche Faktoren, die auf das Gehirn einwirken, diskutiert (Gatterer & Croy, 2005, S. 12).

In einer Studie von Killin et al. (2016) wurde ebenfalls eine Verbindung zwischen Umwelteinflüssen und der Demenzerkrankung entdeckt. Den Ergebnissen zufolge besteht bei hoher Luftverschmutzung, insbesondere mit Stickoxide, Feinstaub und Ozon, ein erhöhtes Demenzrisiko. Hinsichtlich der Beeinflussung durch toxische Schwermetalle konnte kein Zusammenhang entdeckt werden. Starke Hinweise in Bezug auf das Demenzrisiko entdeckten die Autoren jedoch bei einem vorliegenden Vitamin-D-Mangel (Killin, Starr, Shiue & Russ, 2016, S. 23). Gatterer und Croy (2005) zeigen auf, dass aktuell über 50 verschiedene Krankheiten bekannt sind, welche zu einer Demenz führen können. Den Autoren zufolge ist die Demenz eine psychische Störung, die auf den Verlust von neuronalen Verbindungen zwischen den Ganglienzellen und auf den Zerfall bzw. die Zerstörung von Ganglienzellen selbst zurückzuführen ist. Es wird zwischen (primären) hirnorganischen und (sekundären) nicht-hirn-organischen Demenzformen unterschieden (Gatterer & Croy, 2005, S.12).

Unter den Demenzfällen der über 65-Jährigen sind 90 Prozent davon auf eine primäre Form zurückzuführen. Von einer neurodegenerativen Form wird von Spezialisten gesprochen, wenn sich die Nervenzellen des Gehirns “degenerieren” - also ohne äußerlich erkennbare Ursache untergehen. Dies ist beispielsweise bei der Alzheimer-Krankheit der Fall. Eine vaskuläre (gefäßbedingte) Veränderung würde vorliegen, wenn schwere Schäden als Folge einer Durchblutungsstörung zu verzeichnen sind. Mischformen der vaskulären und neurodegenerativen Demenz sind mit zunehmendem Alter am häufigsten (Gatterer & Croy, 2005, S.12). Auch Goodall, Heath, Bandmann, Kirby und Shaw (2013) verweisen auf die Zerstörung der Synapsen und Neuronen als Ursache für die Demenz. Laut den Autoren sind weniger als 1% auf genetische Ursachen zurückzuführen. Jedoch wird das Vorhandensein des ε4-Allels des Genotyps Apolipoprotein E (ApoE) mit einer Disposition für die Krankheit in Verbindung gebracht. Die Mehrheit der Alzheimer-Erkrankungen sind jedoch ohne genetische Komponente versehen, was darauf schließen lässt, das hierfür andere Mechanismen verantwortlich sind (Goodall et al., 2013, S. 3). Tian et al. (2017) fanden bei ihrer Untersuchung heraus, dass bei einer Demenz Assoziationen im primären motorischen Kortex, im Hippocampus, im präfrontalen Kortex, sowie in den Basalganglien bestehen würden.

Gatterer und Croy (2005) führen auch noch die Form der sekundären Demenz an, welche als geistiger Verfall in Folge einer anderen organischen Erkrankung verstanden wird. Neben einer Hirnverletzung, Hirngeschwulst oder einer Herz-Kreislauf-Krankheit können auch Arzneistoffe und Gifte, wie etwa Alkohol oder Drogen, dazu führen. Bei dieser Form der Demenz kann sich die geistige Leistungsfähigkeit wieder normalisieren, wenn die Grunderkrankung wirksam behandelt wird, Verletzungen geheilt sind und das Gehirn nicht mehr durch Giftstoffe belastet wird. Je nach Größe der Schädigung und wie schnell die Therapie begonnen wird, richtet sich das Ausmaß einer, durch diese Erkrankungen hervorgerufenen, Demenz (Gatterer & Croy, 2005, S. 10 ff.).

Auch in Verbindung mit anderen Erkrankungen kann diese auftreten. So wird neben der Frontotemporalen Degeneration auch noch Morbus Parkinson, Lewy-Körperchen und Chorea-Huntington als Ursache für die Entstehung einer dementiellen Erkrankung genannt (Perrar et al., 2011, S. 121 ff.).

2.1 Stadien der Demenz

In den meisten Fällen führt die Krankheit innerhalb von sieben bis acht Jahren, vom Auftreten der ersten Symptome an, zum Tod. Es gibt auch Ausnahmefälle hinsichtlich der Dauer des Verlaufs. Dieser kann sich von zwei bis drei Jahren bis hin zu 20 Jahren erstrecken. Wie bereits im oberen Abschnitt erwähnt, ist das Krankheitsbild geprägt von einem kontinuierlichen Abbau der Fertigkeiten und Fähigkeiten. Es herrscht eine hohe interindividuelle Varianz hinsichtlich der Ausprägungscharakteristik bezüglich dem Schweregrad, als auch der zeitlichen Begebenheit der Symptome von Person zu Person, aber auch innerhalb der gleichen Person von Stunde zu Stunde oder Tag zu Tag. Dies stellt auch für die Pflege eine große Herausforderung dar, da bei der Pflegeplanung auf die individuellen Stärken und Schwächen einer Person eingegangen werden muss. Eine Einteilung in fixe Stadien ist laut Ärzteschaft und Fachliteratur nicht zu empfehlen, da diese sich auch negativ im Zuge einer Stigmatisierung auswirken können, indem sie die vorhandenen Fähigkeiten einer Person unterminieren und somit negative Erwartungen produziert werden können. Es steht nun fest, dass die Symptomentwicklung einen sehr unterschiedlichen Verlauf nehmen kann, dennoch gibt es für jedes Krankheitsstadium generelle Merkmale (Bowlby Sifton, 2011, S. 130 f.).

Diese versuchten Volicer, Fabiszewski, Rheaume und Lasch (1988) in vier Abschnitte hinsichtlich der Ausprägungsintensität der Demenz einzuteilen.

Es wird unterschieden zwischen leichter, mäßiger und schwerer Beeinträchtigung und zuletzt im finalen Stadium, wo der/die Betroffene völlig auf die Hilfe anderer Personen angewiesen ist (Bowlby Sifton, 2011, S. 131 f.).

2.1.1 Frühes Stadium (leichte Beeinträchtigung).

Zu Beginn sind die kognitiven Veränderungen öfters so unmerklich, dass weder Betroffene noch nahestehende Personen davon kaum Kenntnis nehmen. Durch ein funktionierendes Langzeitgedächtnis und gut angelernte Lebensgewohnheiten sowie Alltagsfertigkeiten können die Betroffenen die kleinen Defizite gut überbrücken und mittels externer Strukturen und Hilfsmittel, wie Kalender oder Notizzettel, wird ein weitgehend unbeeinträchtigtes Leben ermöglicht. Es werden individuelle Strategien entwickelt und in Kombination mit einem angemessenen Sozialverhalten eingesetzt, sodass kaum Verdacht auf das Krankheitsbild geweckt wird. Lediglich höhere kognitive Fähigkeiten können den Betroffenen Schwierigkeiten bereiten, weshalb es hauptsächlich am Arbeitsplatz zu Problemen kommt, sollte die erkrankte Person noch berufstätig sein. Das Hauptkennzeichen der Demenz, der Gedächtnisverlust, tritt hier periodisch auf, schwankt und macht sich vor allem in einer ungewohnten Umgebung bemerkbar. Dies wird dann erstmals durch Übermüdung oder Stress versucht zu erklären, bis es zu einer Häufung der Vorfälle kommt. Verstärken sich die zunehmenden Schwierigkeiten weiterhin, wird versucht dies mit den verbliebenen Fähigkeiten zu kompensieren oder es kommt zum sozialen Rückzug des/der Betroffenen.

Darauf basierend kann eine depressive Erkrankung entstehen, die als Katalysator für das Symptomleiden wirkt (Bowly Sifton, 2011, S. 132 f.).

2.1.2 Mittleres Stadium (mäßige Beeinträchtigung).

Internalisierte Verhaltensmuster und vertraute Umgebung bieten den betroffenen Personen Sicherheit, jedoch genügen diese Strategien inzwischen nicht mehr, weshalb räumliche und taktile Anreize eingesetzt werden. Um von den verbliebenen Fähigkeiten noch gut profitieren zu können ist ein fürsorgliches, unterstützendes und konsistentes Umfeld wichtig. Der Gedächtnisverlust ist in diesem Stadium weit genug fortgeschritten, so dass die individuelle Lebensführung weitgreifend behindert wird. Alltagsaktivitäten wie Essen, sich anziehen oder waschen gelingen dem/der Betroffenen zwar noch, jedoch meist nur nach Aufforderung durch eine Betreuungsperson. Dies zeigt einen wichtigen Ankerpunkt im Vergleich zur vorherigen Beeinträchtigung. Der Betroffene benötigt eine kümmernde Person und somit zeigt sich auch ein vermindernder Aspekt in der Autonomie des Menschen (Bowlby Sifton, 2011, S. 133).

Piersma et al. (2016) verweisen darauf, dass bei fortgeschrittener Erkrankung mehrere kognitive Domäne betroffen sind. Dies betrifft nicht nur den Gedächtnisbereich, sondern auch visuelle Fähigkeiten, Aufmerksamkeitsvermögen, exekutive Funktionen, sowie die Sprache. Durch Beeinträchtigungen in diesen kognitiven Bereichen werden viele Aspekte des täglichen Lebens beeinflusst, insbesondere komplexe Aufgaben wie das Autofahren. Für betroffene Personen kann das Einstellen des Fahrbetriebs zu einer enormen Einschränkung führen, da ein Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel aufgrund der Orientierungsschwäche durch die Demenz ebenfalls zu Problemen führen kann. Jedoch birgt ein Aufrechterhalten des Fahrbetriebs mehrere Risiken, sowohl für den/die Patienten/in selbst, als auch für das Umfeld. Eine Person die an einer fortgeschrittenen Demenz leidet, kann Schwierigkeiten beim Erinnern, zum Beispiel an Verkehrsvorschriften, zeigen, sowie bei der Überwachung der Infrastruktur und der Einschätzung der Entfernung zu anderen Fahrzeugen aufweisen (Piersma et al., 2016, S. 2 f.).

Auch Bowlby-Sifton (2011) beschreibt, dass aufgrund der Selbst- und Fremdgefährdung das Autofahren in diesem Stadium eingestellt werden sollte. Die örtliche und zeitliche Orientierung ist immer häufiger gestört und auch der Tag-Nacht-Rhythmus beginnt durcheinander zu geraten. Es verdeutlichen sich verbale und schriftliche Kommunikationsschwierigkeiten, bis hin zu einer ausgeprägten Sprechstörung. Dies kann sich in einer Perseveration oder einer Verflachung des Sprachinhalts zeigen. Es entwickeln sich motorische Koordinationsprobleme, welche sehr differenziert ausgeprägt sein können. Durch die Beeinträchtigung des Wahrnehmungsvermögens wird das Gehen erschwert, da die Interpretation der Umgebungsinformationen zunehmend schwerer fällt. Auch komplexere motorische Aktivitäten wie das Waschen oder Anziehen können durch eine möglicherweise vorhandene Apraxie den Betroffenen Probleme bereiten. Da in diesem Stadium eine zunehmende Ruhelosigkeit und Angstzustände verzeichnet werden, welche sich gegen Abend meist verschlechtern, wird in der Fachsprache von einem “Sundowning” Effekt gesprochen (Bowlby Sifton, 2011, S. 133). Auch Bachman und Rabins (2006) beschreiben eine Verschärfung der Verhaltenssymptome bei Demenz am späten Nachmittag und Abend.

Khachiyants, Trinkle, Son und Kim (2011) beschreiben den „Sundowning“ Effekt als zeithäufigste Art, nach dem „Umherwandern“, von störendem Verhalten bei Demenzpatienten in Pflegeeinrichtungen. Die zugrundeliegenden Faktoren für das Auftreten dieses Phänomens sind, laut den Autoren sehr vielfältig und bedürfen einer biopsychosozialen Abklärung zur Beurteilung und Festlegung der Behandlung. Insbesondere wird die erhebliche Belastung und Herausforderung für Pflegekräfte durch die Exazerbation der Verhaltensstörungen am Abend oder in der Nacht bei dementen Patienten erwähnt (Khachiyants et al., 2011, S. 283).

Bowlby Sifton (2011) behauptet weiteres, dass apathisches und desorientiertes Verhalten für erkrankte Personen nicht untypisch sei, da diese zunehmend ein Gefühl der Unfähigkeit wahrnehmen. Bereits harmlose Anlässe können extreme emotionale Reaktionen auslösen, welche auf eine starke Frustration durch die vermehrten Ausfälle zurückzuführen sind.

Wird ein Gegenstand vermisst, so kann es häufig auch zu Anschuldigungen gegenüber anderen kommen. In besonderen Fällen treten in diesem Stadium auch Wahnvorstellungen auf. Es ist ein deutlicher Nachlass des Konzentrations- und Denkvermögens, sowie der Aufmerksamkeitsspanne und der Urteilsfähigkeit zu verzeichnen.

Das Erinnern an Namen von nahestehenden Menschen wird schwieriger, obwohl diese noch erkannt werden. Das Auftreten einer Harninkontinenz ist mitunter möglich (Bowlby Sifton, 2011, S. 134.).

2.1.3 Fortgeschrittenes Stadium (schwere Beeinträchtigung).

Das fortgeschrittene Stadium ist laut Bowlby-Sifton (2011) zunehmend von der emotionalen und körperlichen Abhängigkeit der erkrankten Person von einer Pflegeperson geprägt. Unter Anleitung ist es noch möglich repetitive Aktivitäten, welche nur einen Schritt erfordern, wie beispielsweise sich kämmen, durchzuführen. Als angenehm werden Aktivitäten bewertet, welche mit Berührung und Bewegung verbunden sind (Bowbly-Sifton, 2011, S. 134).

Ist die Demenz bereits schwerer ausgeprägt, so ist laut Huang et al. (2015) besonders die Unterstützung bei der Körperpflege, der Mobilität und beim Transport gefordert.

Auch Bowlby-Sifton (2011) weist darauf hin, dass aufgrund der oftmals vorherrschenden Harn- und Stuhlinkontinenz externe Hilfe beim Sauberhalten notwendig ist. Verbale Anweisungen sind in diesem Stadium nicht mehr ausreichend, vielmehr sind die betroffenen Personen auf Unterstützung angewiesen. Das Sprachverständnis, sowie die sprachlichen Fähigkeiten geraten immer mehr in Regression, so dass oft nur noch einfache Sätze oder Floskeln wiedergegeben werden können. Der Verlust der Grob- und Feinmotorik ist so weit fortgeschritten, dass beim Gehen und auch beim Einhalten einer normalen Sitzposition die Mithilfe einer anderen Person benötigt wird (Bowlby-Sifton, 2011, S. 134 f.).

Laut Bowlby Sifton (2011) liegt in diesem Stadium der Krankheitsausprägung eine konstante Desorientierung vor. In manchen Fällen wird eine Hyperoralität entwickelt, was bedeutet, dass sich Betroffene ungeeignete Dinge in den Mund stecken. Auch primitive Reflexe, wie der Greifreflex, treten wieder in Erscheinung (Bowlby-Sifton, 2011, S. 135).

2.1.4 Finales Stadium.

Im finalen Stadium der Demenz ist der/die Betroffene nicht mehr fähig sich zu bewegen, zu sprechen oder zu schlucken. Letztlich ist eine umfassende Betreuung durch einer Pflegeperson unausweichlich.

In diesem Stadium gilt es hauptsächlich weitere Komplikationen zu verhindern. In Folge dessen wird darauf geachtet, dass der betroffene Mensch nicht dehydriert, sich nicht wund liegt und auch keine Aspirationspneumonie oder Kontrakturen zuzieht. Ein liebevoller und tröstlicher Kontakt zur erkrankten Person ist von enormer Bedeutung. Angehörige und Pflegekräfte stehen schlussendlich oft vor Entscheidungen von lebenserhaltenden Maßnahmen, wie etwa dem Einsatz einer Sondenernährung. Gewisse Komplikationen die im Rahmen einer Demenzerkrankung auftreten können, wie etwa das Versagen der Atemhilfsmuskulatur, können zum Tod des/der Patienten/in führen (Bowlby Sifton, 2011, S. 135).

2.2 Klinische Merkmale in Zusammenhang mit den Demenzsymptomen

Im Mittelpunkt dieses Kapitels stehen Beeinträchtigungen und Verhaltensstörungen, die im Rahmen der Demenzerkrankung auftreten. Diese stellen für die Pflegekräfte eine besondere Herausforderung dar. Zunächst werden die wichtigsten neuropsychologischen und psychiatrischen Symptome genannt und im Anschluss daran werden einige daraus resultierende Verhaltensstörungen, welche für diese Arbeit von besonderer Relevanz sind, detaillierter veranschaulicht.

Wenn ich alles nicht verstehe, nicht weiß, was das, was um mich vorgeht, zu bedeuten hat, wenn mir alles fremd ist, wenn ich nicht weiß, was auf mich zukommt oder was von mir erwartet wird, dann macht das Unsicherheit, vielleicht Angst und ein Gefühl von Unwohlsein. (Kaufmann-Mall, 2016, S. 254)

Zu den neuropsychologischen Beeinträchtigungen bei einer Demenz gehören laut Smith (2016) die Amnesie, Aphasie, Apraxie, Agnosie und Störungen der Exekutivfunktionen. Unter Amnesie wird der Gedächtnisverlust verstanden. Die Beeinträchtigung der Sprache wird Aphasie genannt, während das Unvermögen, eine sensorische Wahrnehmung zu erkennen oder ihr eine Bedeutung zuzuordnen, als Agnosie bezeichnet wird. Die Apraxie ist gekennzeichnet durch eine Unfähigkeit Handlungen durchzuführen, obwohl die motorischen Funktionen noch vorhanden wären. Dies ist etwa erkennbar an der Schwierigkeit die Betroffenen beim Ankleiden haben. Eine Störung der Exekutivfunktionen äußert sich durch ein eingeschränktes Urteilsvermögen, sowie in Defiziten beim Planen und des Abstraktionsvermögens. Weiters nennt Smith (2016) die Akalkulie, also die Unfähigkeit zu rechnen, die Agraphie, das Unvermögen zu schreiben und die Alexie, die Einschränkung beim Lesen, als neuropsychologische Beeinträchtigungen aufgrund der Demenzerkrankung.

In die Kategorie der psychiatrischen Symptome fallen Depression, Angst, Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Euphorie und Verkennungen. Ebenfalls in Zusammenhang mit der Demenzerkrankung stehen Agitiertheit, Aggression – sowohl körperlich als auch verbal, Apathie, Reizbarkeit, sexuelle Enthemmung, Schlafanomalien, verstärkter Appetit und generelle Veränderungen hinsichtlich der Essgewohnheiten (Smith, 2016, S. 30 f.).

Mukherjee et al. (2017) zufolge, zeigen sich Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten von Demenz und dem Auftreten der jeweiligen psychiatrischen Symptome. So belegen diverse Studien eine Dominanz von Halluzinationen bei der Lewy-Body-Demenz, ein verstärktes Vorkommen von Depressionen und Apathie bei der vaskulären Demenz, sowie eine Prävalenz von Unruhe, Depression, Schlafstörungen, Angstzuständen, Apathie und Reizbarkeit bei der Alzheimer-Erkrankung (Mukherjee et al., 2017, S. 355).

2.2.1 Aggressivität.

Aggressives Verhalten entsteht oftmals als Reaktion auf Angst, welche durch die gestörte Einschätzung einer Situation hervorgerufen wird. Auch kann durch die Konfrontation mit der eigenen verminderten Fähigkeit logisch zu denken, ein Gefühl der Verlegenheit entstehen, welches wiederum zu Angst oder Aggression führt (Kocs, 2016, S. 470 ff.).

Auch Kaufmann-Mall (2016) sieht im Unverständnis der betroffenen Person, was mit ihm oder ihr geschieht, den Kern für aggressives Verhalten. Die wahrgenommenen körperlichen und kognitiven Veränderungen können zu Verunsicherung führen, Frustration auslösen oder das Gefühl wecken, sich wehren zu müssen (Kaufmann-Mall, 2016, S. 129).

Ein wiederholt beobachtbarer Zusammenhang ist laut Dollar et al. (1939), dass auf Frustration häufig Aggression folgt. Ist ein Mensch gerade dabei ein Bedürfnis zu befriedigen oder strebt dies an und wird aus irgendeinem Grund daran gehindert, so löst dies Anspannung aus, die sich oft in heftigem aggressivem Verhalten äußern kann. In Bezug auf eine/n Demenzpatienten/in kann diese Frustration in Folge der regressierenden kognitiven und auch körperlichen Fähigkeiten auftreten (Kaufmann-Mall, 2016, S. 130 ff.).

Da laut Gatterer und Croy (2005) die Selbsteinschätzung des/der Patienten/in oft nicht mehr den wirklichen Verhältnissen entspricht, kann dies einen inneren Konflikt auslösen.

Durch solche Konflikte und Fehlwahrnehmungen werden unangenehme Gefühlsäußerungen hervorgebracht. Besondere Vorsicht gilt bei gut gemeinten Hilfestellungen beim Ankleiden oder Auskleiden, beim Essen oder im Bad, da diese den/die Betroffene/n möglicherweise kränken oder sich diese/r dadurch gedemütigt fühlt. Auch die zunehmende Ausweglosigkeit mit fortschreitender Erkrankung hat häufig ein aggressives Verhalten zur Folge. Gatterer und Croy (2005) raten diesbezüglich den/die Patienten/in nicht mit Anforderungen, Korrekturen oder gut gemeinten Ratschlägen zu überfordern. Als weiteren Aspekt, den es zu beachten gilt, wird die Reizüberflutung durch zu laute Geräusche oder zu viele Menschen genannt. Es kann die erkrankte Person sehr strapazieren, mehrere Reize gleichzeitig wahrzunehmen, da die Verarbeitung und korrekte Zuordnung von äußeren Einflüssen, durch die Demenz verlangsamt wird (Gatterer & Croy, 2005, S. 127 f.). Bowlby Sifton (2011) bezeichnet die Zustände extremer Erregtheit oder Aggression keinesfalls als die Regel, sondern eher als Ausnahme. Sie sieht unbefriedigte Bedürfnisse des/r Demenzkranken Person als Hauptgrund für ein unruhiges oder aggressives Verhalten. Jedoch sollte bei plötzlichem Auftreten von Aggression oder übertriebener Unruhe das Vorliegen einer körperlichen Erkrankung geprüft werden. Es könnte eine Infektion vorliegen oder der/die Patient/in könnte unter Schmerzzuständen leiden, die diese/r nicht mehr gut kommunizieren kann. In diesem Fall wird empfohlen, schnellstmöglich ärztliche Hilfe zu konsultieren, um das körperliche Leiden des Patienten / der Patientin zu mindern. Treten hingegen überschießende Reaktionen aus scheinbar unerheblichen Anlässen auf, wie zum Beispiel ein Wort das der/die Betroffene vergessen hat oder ein Gegenstand das ihm/ihr aus der Hand fällt, so ist in erster Linie ein besänftigendes Verhalten und freundliche Zuwendung zu empfehlen (Bowlby Sifton, 2011, S. 401 ff.).

Es wird zwischen körperlicher und verbaler Aggression unterschieden, wobei es hier nochmals eine Differenzierung zwischen aktiv und passiv gibt. Unter aktive körperliche Aggression fallen laut Kaufmann-Mall (2016) Verhaltensweisen wie schlagen, kratzen, beißen treten oder spucken. Wohingegen absichtliche Verursachung von Mehrarbeit wie zum Beispiel durch die Weigerung bei Bewegungen oder Tätigkeiten mitzuhelfen oder absichtliche Inkontinenz als passives körperliches Aggressionsverhalten einzustufen ist. In der verbalen Aggression äußert sich die aktive Komponente durch schimpfen, anschreien, beleidigen oder Gerüchte verbreiten und die passive Komponente durch demonstratives Schweigen (Kaufmann-Mall, 2016, S. 128).

2.2.2 Sexualität.

Sexuelles Verlangen birgt häufig auch einen Wunsch nach Nähe, Geborgenheit und Vertrautheit. Jedoch kann es im fortgeschrittenen Krankheitsstadium zu einer Enthemmung von sexuellen Impulsen kommen. Dies kann sich in unangemessenen offenen sexuellen Verhalten gegenüber verschiedenen Menschen äußern, was unter anderem für Pflegende peinlich und belastend sein kann (Gatterer & Croy, 2005, S. 133).

Nach Bowlby Sifton (2011) ist darauf zu achten, dass die Handlungen von demenzerkrankten Personen, wie etwa das Öffnen von Knöpfen oder Reißverschlüssen, sowie Entkleidungsversuche, nicht fälschlicherweise als sexuelles Verhalten interpretiert werden. Diese oder ähnliche Verhaltensweisen können auch darauf hindeuten, dass die Person lediglich zur Toilette muss, aber sich der Örtlichkeit nicht bewusst ist. Manche, an Demenz erkrankte Menschen, vergessen auch, dass sie in der Öffentlichkeit sind, wenn diese anfangen zu masturbieren. Dies kann für das Umfeld durchaus heikel oder störend sein. Hierbei ist darauf zu achten, dass die Würde der Person nicht verletzt wird und sich nicht über sexuelle Avancen lustig gemacht wird. Gerade in Pflegeheimen sollten den Bewohnern genug Rückzugsmöglichkeiten geboten werden. Weiters nennt die Autorin eine Missinterpretation der Berührungen durch die Pflegekraft als Konsequenz von sexuellen Verhalten der erkrankten Person (Bowlby Sifton, 2011, S. 403 f.).

Das Konzept der Sexualität ist eng mit der eigenen Identität verknüpft. Selbstwahrnehmung, Selbstwertgefühl, Beziehungen zu andern, Rollen, die wir ausüben oder die uns übertragen werden, all das ist Teil der Identität und steht somit auch in Zusammenhang mit der Sexualität. Gerade Demenzpatienten/innen leiden unter dem Verlust von Teilen ihrer Identität aufgrund der Erkrankung und versuchen über die Sexualität herauszufinden wer sie sind oder in ihrer Lebensgeschichte waren. Je nachdem wie sich ein Mensch in seinem Sexualleben wahrgenommen hat, bleibt ein Teil der Persönlichkeit, auch wenn dieser älter oder dement ist. Die Sexualität auf angemessene Weise zum Ausdruck zu bringen, besonders in den Bereichen Sinnlichkeit, Intimität und Identität, kann Menschen mit Demenz Schwierigkeiten bereiten (White, 2013, S. 27 ff.).

Dieses, als unangemessen und störend empfundene sexuelle Verhalten, sowie der richtige Umgang damit, ist mitunter einer der schwierigsten Aspekte in der Betreuung von Demenzpatienten. Ebenso wie andere Verhaltensweisen, ist auch dies ein Symptom der Demenz und entzieht sich der willentlichen Kontrolle der betroffenen Person (Bowlby Sifton, 2011, S. 404 f.).

2.2.3 Depressivität.

Eine depressive Verstimmung im höheren Altern ist laut Kühnert und Wittrahm (2006) häufig mit den Lebensbedingungen verknüpft und zumeist eine Reaktion auf einen Verlust oder eine Kränkung. Der Verlust kann real sein, wie beispielsweise der Tod eines nahen Angehörigen, oder fantasiert sein, wie Gedanken an das eigene Lebensende. Auch der Verlust von Fähigkeiten, welcher im Alter oft aufgrund von Erkrankungen eintritt, kann eine Depression hervorrufen. Die zunehmende Hilfs- und Pflegebedürftigkeit geht häufig einher mit einem Verlust von Selbstständigkeit und Unabhängigkeit und stellt für betroffene Person eine oftmals eine Belastung dar (Kühnert & Wittrahm, 2006, S. 260).

Die Symptome der Depression zeigen sich vor allem zu Beginn einer Demenz-Erkrankung und im mittleren Stadium, wohingegen sie bei fortschreitender Krankheit eher in den Hintergrund treten. Ausgelöst wird die Niedergeschlagenheit oft durch die ständige Konfrontation mit dem Scheitern und somit einer Enttäuschung über die eigenen kognitiven und körperlichen Fähigkeiten. Dieser Aspekt ist vor allem für Pflegekräfte besonders wichtig, da diese durch Lob und dem Schaffen vieler bestätigender Erlebnisse eine positive Selbstwahrnehmung für den/die Patienten/in ermöglichen können (Gatterer & Croy, 2005, S. 134).

Je stärker die beeinträchtigen Personen von ihren Pflegern/innen abhängig werden, umso deutlicher können sich depressive Symptome ausbreiten. Speziell die Symptomatik der Suizidgedanken ist bei Menschen in höherem Alter vermehrt gegeben und verstärkt zu beachten. Wie Kocs (2016) in ihrem Fallbeispiel die Aussage eines Patienten wiedergibt: “Wenn ein Mann sich nicht mehr den Hintern wischen kann, ist es Zeit für ihn zu gehen!” geht deutlich hervor, welche Belastung die Hilfsbedürftigkeit für viele Betroffene darstellen kann. Es wird zwischen direkten und indirekten Suizid unterschieden. Eine bewusste Handlung mit unmittelbar oder mittelbar tödlichen Ausgang wird als direkter Suizid verstanden, wohingegen die bewusste Verweigerung von Nahrungs- oder Medikamenteneinnahme als indirekte suizidale Handlung bezeichnet wird (Kocs, 2016, S. 487 ff.).

3. Belastung und Beanspruchung

Dieses Kapitel der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich mit der Thematik der Belastung und Beanspruchung. Zunächst werden beide Begriffe definiert und im Anschluss wird anhand bestehender Modelle der Zusammenhang mit der arbeitspsychologischen Komponente veranschaulicht. Im weiteren Verlauf dieses Abschnitts werden spezielle Belastungen der Pflegekräfte genannt und welche besonderen Beanspruchungsfolgen sich daraus ergeben können.

3.1 Definition

Der Terminus der psychischen Belastung umfasst die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, welche von außen auf den Menschen eintreffen und psychisch auf diesen wirken. Die unmittelbare Auswirkung der jeweiligen psychischen Belastung unterscheidet sich von Individuum zu Individuum und wird als psychische Beanspruchung bezeichnet. Diese steht in Zusammenhang mit den überdauernden und augenblicklichen Voraussetzungen, einschließlich der individuellen Bewältigungsstrategien. Psychische Belastung kann sowohl einen Anstieg als auch eine Verminderung der psychischen Beanspruchung im Menschen hervorrufen (Kuhn, 2000, S. 31).

Gemäß der internationalen Norm DIN EN ISO 10075-1 “Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung” ergeben sich Belastungsfaktoren sowohl aus dem Arbeitsinhalt als auch aus den Bedingungen, unter denen die Arbeitstätigkeit ausgeführt wird. Diese Norm bezieht alle Einflüsse, welche sich aus der Auseinandersetzung des Arbeitenden mit seiner spezifischen Arbeitssituation ergeben, mit ein. Belastungen können aus kognitiven, informationsverarbeitenden, motorischen, sozialen und emotionalen Aktivitäten entstehen und sind vorerst als neutral anzusehen (Metz & Rothe, 2017, S. 7).

Auch Kirchler und Hölzl (2011) fassen unter dem Begriff der Arbeitsbelastung alle Faktoren, die bei der Arbeit von außen auf das Individuum einwirken, wie Arbeitsaufgaben, Bedingungen des Arbeitsplatzes und der Arbeitsumgebung, zusammen. Diese Belastungen sind objektiv und erst durch die Reaktion der betroffenen Person entstehen subjektive Folgen, welche eben als Beanspruchung bezeichnet werden (Kirchler & Hölzl, 2011, S. 284 f.).

Zimber et al. (1999) gliedern die unterschiedlichen Arbeitsbelastungen in drei Bereiche. Zum einen die physischen Belastungen durch unterschiedliche muskuläre Aktivitäten, wie beispielsweise Heben, Drehen und Tragen von Personen im Pflegebereich. Zum anderen die physikalischen und chemischen Belastungen, wie sie in Form von üblen Gerüchen oder Lärm auftreten können. Weiters nennen die Autoren psychosoziale Belastungen, worunter Aspekte wie schlechtes Arbeitsklima oder das ständige Wiederholen von Aussagen verstanden werden (Zimber, A., Albrecht, A., Weyerer, S. & Cohen-Mansfield, J., 1999, S. 97).

Auch hinsichtlich der Beanspruchung gibt es eine Unterscheidung in psychische sowie physische Reaktionen. In die Kategorie der psychischen Reaktionen fallen etwa Monotonie, Ermüdung, Sättigung oder Stress. Physiologische Beanspruchung äußert sich in Symptomen wie Bluthochdruck, Hitze- und Kältewallungen, etc. (Kirchler & Hölzl, 2011, S. 285).

Kaufmann, Pornschlegel und Udris (1982) beschreiben etwa Belastungen als konkrete Merkmale der Arbeitsbedingungen. Bei jeder Arbeit soll auch die Komplexität der Bedingungen mitbedacht werden, weshalb es häufig zu Mehrfachbelastungen kommt.

Da jedoch nicht nur die Gegebenheiten des Arbeitsplatzes Auswirkungen auf die Mitarbeiter/innen haben, sondern diese auch Gefühle, Sorgen und Probleme aus ihrem privaten Leben mitbringen, wirken auch solche Einflüsse bei der Arbeit als Belastung ein (Kaufmann et al., 1982, S. 17 f.). Ausschlaggebend für das Auftreten, sowie das Ausmaß der Beanspruchung ist laut Maurer (2012) die primäre Bewertung einer Belastung durch die Person selbst, die Anzahl der Belastungsfaktoren und die Eigenschaften und Fertigkeiten der betroffenen Person.

Das subjektive Empfinden, sowie individuelle Dispositionen erhöhen oder senken das Risiko, einer gesundheitsschädlichen Belastung zu unterliegen. So kann es sein, dass alle Mitarbeiter/innen einer Abteilung der gleichen Belastung ausgesetzt sind, wie zum Beispiel das Fehlen einer Klimaanlage bei starker Hitze im Sommer, jedoch nicht alle unter dem Fehlen der Klimaanlage leiden. Weist eine Arbeitskraft jedoch gesundheitliche Einschränkungen auf, wie eine Kreislaufschwäche, so kann diese/r in einem stärkeren Ausmaß belastet sein als die Kollegen/innen ohne dieser beispielhaften Symptomatik (Maurer, 2012, S. 39). Auch Kirchler & Hölzl (2011) betonen, dass die subjektiven Arbeitserfahrungen sowohl positiv als auch negativ erlebt und bewertet werden können. Der sogenannte Eustress (positiver Stress) wirkt sich motivierend und stimulierend aus, während der Distress (negativer Stress) langfristig gesundheitliche Schäden bewirken kann (Kirchler & Hölzl, 2011, S. 283). Umgangssprachlich wird der Begriff “Stress” oft für Situationen verwendet, welche als belastend empfunden werden, weshalb negative Belastungen auch Stressor genannt werden. Jedoch ist darauf zu achten, dass die Bezeichnungen Stress und Belastung sich in ihrer Bedeutung unterscheiden. Eingeführt wird der Stress-Begriff in diesem Zusammenhang jedoch, da die Auswirkungen von Belastungen auch als Stressreaktionen, bekannt sind (Neuner, 2019, S. 9 ff.).

Wie Richter und Hacker (1998) feststellten, kann eine Situation als unannehmbar oder bedrohlich erlebt werden, was in weiterer Folge zu konflikthafter Fehlbeanspruchung führen kann. Eine starke Über- oder Unterforderungen der Leistungsvoraussetzungen oder das Infragestellen wesentlicher Ziele oder sozialer Rollen, können mögliche Gründe für eine negativ wahrgenommene Belastung sein. Gelingt es den Betroffenen weder den belastenden Umständen auszuweichen noch durch eigenes Handeln eine Situationsveränderung zu erreichen, so kommt es zu einer Stressreaktionen (Richter &Hacker, 1998; zitiert nach Kirchler & Hölzl, 2011, S. 284).

Folgend dieser Definition bezieht sich Stress also sowohl auf die Umweltfaktoren als auch auf die Person selbst, sowie auch auf die Wechselwirkung zwischen Person und Umwelt. Bezieht sich der Stressbegriff auf die Umwelt, so wird dies laut Kirchler & Hölzl (2011) auch als Belastung oder Belastungsfaktor bezeichnet, wohingegen als Beanspruchung, Beanspruchungsfolge oder Fehlbeanspruchung die personenbezogenen Begriffe gemeint sind. Beanspruchungsfolgen entstehen, wenn die Anforderungen an die Mitarbeiter/innen und die jeweiligen individuellen Leistungsvoraussetzungen auseinanderklaffen (Kirchler & Hölzl, 2011, S. 284 f.).

3.1.1 Belastung-Beanspruchungs-Modell.

Das Belastungs-Beanspruchungs-Modell nach Rohmert und Rutenfranz (1975) gilt als weit verbreitetes Modell in der Arbeitspsychologie und dient in der Norm DIN EN ISO 10.075-1 als Grundlage für die Erklärung der Ursache-Wirkung-Beziehung zwischen psychischer Belastung und Beanspruchung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.: 1: Belastungs-Beanspruchungsmodell (Neuner, 2019, S. 14)

Wie bereits im oberen Abschnitt erklärt wurde, ist die Gesamtheit aller psychisch auf das Individuum einwirkenden Umweltfaktoren als Belastung zu bezeichnen und die Folgen, die daraus resultieren, werden als Beanspruchung bezeichnet.

So könnte das Lesen eines Textes als Belastung gesehen werden und die später eintretende Müdigkeit als Folge der Belastung, also als Beanspruchung. Zunächst sind beide Begriffe als neutral anzusehen. Die individuellen Ressourcen und Bewältigungsstrategien haben eine direkte Auswirkung darauf, ob eine Belastung als gering oder stark wahrgenommen wird. Dementsprechend kann bei zu starker Beanspruchung eine Fehlbelastung auftreten. Da jedoch immer mehrere Belastungsfaktoren gleichzeitig auf den Menschen einwirken, ist es anhand dieses Modelles schwer herauszufinden, welcher davon nun zur Fehlbelastung führt (Neuner, 2019, S. 13).

3.1.2 Transaktionales Stressmodell nach Lazarus.

Dem Transaktionalen Stressmodell von Lazarus und Folkman (1984) zufolge, kann die Wechselwirkung zwischen den Anforderungen einer Situation und der handelnden Person in einer Stresssituation münden. Stress entsteht demnach infolge einer dynamischen Beziehung zwischen der Person und externen Ereignissen oder inneren Anforderungen. Dies können eigene Ziele, Werte oder Aufgaben sein. Übersteigen die Anforderungen die Anpassungsfähigkeit oder Ressourcen einer Person, so kommt es zu einer negativen Beanspruchung. Die subjektive Wahrnehmung sowie die kognitive Bewertung der Diskrepanz zwischen den Anforderungen und den Ressourcen ist hier ausschlaggebend für das Stressempfinden (Kirchler & Hölzl, 2011, S.291).

Die kognitive Bewertung ist laut Gerrig (2015) die gedankliche Interpretation und Beurteilung eines Stressors. Sie beinhaltet Überlegungen darüber was gefordert wird, wie groß die Bedrohung ist und welche Ressourcen zur Verfügung stehen. Es werden zwei Stufen der kognitiven Bewertung von Anforderungen unterschieden. Als primäre Bewertung wird die anfängliche Beurteilung der aktuellen Situation bezeichnet. Wirkt die Situation nach der ersten Beurteilung stresserzeugend, so wird die potenzielle Wirkung des Stressors abgeschätzt dahingehend ob eine Schädigung oder ein Verlust droht, ob eine Bedrohung vorliegt oder die Situation eine Herausforderung darstellt. Im Anschluss an die Einschätzung der Situation werden in einer sekundären Bewertung die persönlichen und sozialen Ressourcen abgeprüft (Gerrig, 2015, S. 482).

Stehen ungenügend Bewältigungsmöglichkeiten zur Verfügung, so wird die kritische Situation als Bedrohung eingestuft. Primäre und sekundäre Bewertungen stehen in einer wechselseitigen Beziehung zueinander und sind als Interaktionsprozess zwischen Umwelt und Person zu verstehen. Kirchler und Hölzl (2011) beschreiben, dass Reaktionen und Bewältigungsversuche seitens der Person im Sinne eines Rückkoppelungsprozesses zu Veränderungen in der Umwelt führen, welche im fortlaufenden Interaktionsprozess zwischen Person und Umwelt wieder neu bewertet und beantwortet werden. Wird eine als bedrohlich erlebte Situation erfolgreich bewältigt, so werden zukünftige ähnliche Situationen weniger bedrohlich wahrgenommen (Kirchler & Hölzl, 2011, S. 293).

Die Art wie ein Stressor bewertet wird, ist ausschlaggebend für die Wahl der Bewältigungsreaktion. Es wird zwischen problemorientierten Coping und emotionsorientierten Coping unterschieden. Soll das Problem direkt behandelt, verändert oder gelöst werden, so wird von problemorientierten Coping gesprochen. Steht jedoch die Reduktion des mit Stress verbundenen Unbehagens im Vordergrund, so wird dies als emotionsorientiertes Coping bezeichnet. Die emotionsorientierte Methode eignet sich besonders um die Auswirkungen von unkontrollierbaren Stressoren zu bewältigen (Gerrig, 2015, S. 483 f.).

3.2 Belastungen bei der Arbeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Rahmenschema des Belastungs-Beanspruchungs-Prozesses (Metz & Rothe, 2017, S. 7)

Wie in der oben angeführten Abbildung nochmals gut veranschaulicht wird, ergeben sich in der Arbeitssituation unterschiedliche Belastungen, welche auf den Arbeitsinhalt, die Organisation, die sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz, sowie die Arbeitsumgebung zurückzuführen sind.

Metz und Rothe (2017) zeigen auf, dass bezogen auf den Arbeitsinhalt die Belastung aus den Bereichen des Handlungsspielraums, der Vollständigkeit der Informationen, welche zur Aufgabenerfüllung notwendig sind, oder der erforderlichen Qualifikation entspringen könnte. Die Arbeitszeitregelung, sowie der Arbeitsablauf sind Themen der Organisation. Belastungsfaktoren, die hieraus resultieren können, sind beispielsweise Schichtarbeit oder ein unangemessenes Arbeitsvolumen (Metz & Rothe, 2017, S. 8).

Abeler (2013) weist darauf hin, dass es häufig vorkommt, dass Kollegen/innen wegen Krankheit ausfallen und deshalb ein/e weitere/r Mitarbeiter/in aus der Freizeit oder sogar aus dem Urlaub kompensatorisch berufen wird und diese/r kurzfristig für die erkrankte Pflegekraft einspringen muss.

Die reichlichen Vertretungsdienste und Überstunden stellen nicht nur für die Pflegekraft selbst eine Belastung dar, sondern auch für deren Privatleben. Hieraus resultiert ein erhöhter Termin- und Leistungsdruck, sowie eine Arbeitsüberlastung, welches sich negativ auf die Gesundheit der Pfleger und Pflegerinnen auswirken kann (Abeler, 2013, S. 154 f.).

Auch die soziale Beziehung zu den Kollegen, sowie zu Vorgesetzten kann zu einer Belastung werden, wenn der oder die Betroffene nicht die nötige Unterstützung oder Wertschätzung bekommt. Besonders Konflikte im Team können ein wesentlicher Belastungsfaktor für die soziale Rolle am Arbeitsplatz sein (Metz & Rothe, 2017, S. 9).

Günther (2015) weist darauf hin, dass gerade in Berufen, in denen hauptsächlich in Teams gearbeitet wird, der Konflikt die häufigste zwischenmenschliche Belastung darstellt. Wichtig ist aber, dass nicht jeder Konflikt negativ zu bewerten ist. Er kann auch helfen neue Ideen zu produzieren, Interessen und Kreativität zu stimulieren und Mitarbeiter/innen die Gelegenheit geben, ihre eigenen Fähigkeiten auszutesten. Besteht ein Konflikt bereits länger und strapaziert die Kräfte der Mitarbeiter/innen, so kann sich dieser ungünstig auf die Arbeit auswirken. Es gilt zu unterscheiden, ob ein Konflikt als Chance oder als Untergang eines Teams betrachtet werden kann, was wiederum von der Konfliktart und der Eskalationsstufe abhängig ist (Günther, 2015, S. 11 f.). Der Bereich der Arbeitsumgebung setzt sich zusammen aus physikalischen Bedingungen wie Schall, Klima und Beleuchtung, sowie der ergonomischen Gestaltung des Arbeitsplatzes, die schwere der körperlichen Arbeit und das Vorhandensein der benötigten Arbeitsmittel (Metz & Rothe, 2017, S. 9).

Günther (2015) beschreibt dies im Detail so, wenn das Arbeitsumfeld zu kalt, zu warm, geruchsintensiv, zu grell beleuchtet oder zu laut ist, so kann sich dies unmittelbar auf das Wohlbefinden des Personals auswirken und die Stressempfindlichkeit erhöhen. Deshalb ist es wichtig die Belastungsfaktoren dementsprechend anzupassen, so dass eine belastungsarme Umgebung geschaffen wird, welche das Stressempfinden abmildert. Einer der wichtigsten Faktoren für die Leistung und die Gesundheit der Mitarbeiter/innen ist eine adäquate Klimatemperatur am Arbeitsplatz. Besonders in den Sommer- und Wintermonaten können ungünstige Temperaturen ein erhöhtes Belastungsrisiko darstellen. Auch auf eine ausreichende Belüftung ist zu achten, damit es nicht zu Sauerstoffmangel oder zu trockener Luft kommt. Zugleich werden dadurch unangenehme und störende Gerüche abgeschwächt, welche ebenso dem Konzentrationsvermögen zusetzen können. Ein zusätzlicher wesentlicher Aspekt, welcher sich auf das Wohlbefinden und in weiterer Folge auf die Leistungsfähigkeit und die Qualität der Arbeit auswirkt, ist die Beleuchtung. Durch die Augen werden 80% unserer Nerven durch optische Reize stimuliert, sowie auch 25% unseres Energiehaushaltes in Anspruch genommen, weshalb sie als wichtigstes Sinnesorgan anzusehen sind. Eine Unter- oder Überbeleuchtung führt zu erhöhtem Unfallrisiko und kann sich belastend auf die Psyche auswirken. Ebenfalls können Reize, welche durch die Nase oder die Ohren aufgenommen werden, das Wohlbefinden der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen steigern oder mindern. Ein Arbeitsplatz sollte so gestaltet sein, dass er bei der Erfüllung der Aufgaben unterstützt und nicht zur Stressquelle für die arbeitenden Menschen wird. Auch ist es wichtig darauf zu achten, dass die notwendigen Arbeitsmittel uneingeschränkt und in einer angemessenen Qualität stets verfügbar sind. (Günther, 2015, S. 9 ff.)

Metz und Rothe (2017) legen dar, wenn die beschriebenen Arbeitsmerkmale optimal gestaltet sind und neben der Arbeitsmotivation auch noch zur Weiterentwicklung von Kompetenzen beitragen, so werden sie als situative oder organisationale Ressourcen bezeichnet. “Dies sind Merkmale der Arbeit, die funktionell für das Erreichen arbeitsbezogener Ziele sind, körperliche und psychische Kosten des Arbeitshandelns minimieren, die persönliche Entwicklung stimulieren, Arbeitsmotivation und Arbeitszufriedenheit sowie Gesundheit und Leistungsfähigkeit positiv beeinflussen.” (Metz & Rothe, 2017, S. 10)

3.3 Spezielle Belastungssituationen bei Pflegekräften

Auf die speziellen Belastungsfaktoren, welche auf die Pflegekräfte einwirken, wird im folgenden Kapitel genauer eingegangen.

Horvat (2009) weist darauf hin, dass der personenbezogene Dienstleistungsbereich, dem die Altenbetreuung- und pflege zuzuordnen ist, Besonderheiten aufweist, welche in keinem anderen Wirtschaftsbereich auftreten und erschwerend auf die Beschäftigten wirken.

Dieser ist charakterisiert durch:

- die Anwesenheit von Versorgungsberechtigten,
- einen hohen Anteil an Informations- und Kommunikationsarbeit,
- das Vorhandensein von Rationalisierungsschranken und dadurch
- Grenzen im Einsatz von Technik
- die Nicht-Lagerfähigkeit des überwiegenden Teils der Leistungen,
- unvorhersehbare, evtl. unberechenbare und unregelmäßige Nachfrage (Horvat, 2009, S. 15).

Mit der Anwesenheit von Versorgungsberechtigten ist gemeint, dass die ständige Interaktion mit Angehörigen eine Belastung für das Pflegepersonal darstellen kann. Kruse und Schmitt (1999) zufolge kann diese Interaktion geprägt sein von Desinteresse, Aggression, Ungeduld oder Jammern. Maier (2011) nennt ebenfalls die oftmals übersteigernden Forderungen von Angehörigen, sowie Ungeduld bis hin zu aggressivem Verhalten als Belastungssituation von Pflegekräften. An die Pflegekräfte wird neben der medizinischen und hygienischen Grundversorgung, auch die Anforderung einer umfassenden, am Individuum orientierten, psychosozialen Betreuung gestellt. Diese Anforderungen sind aufgrund des Zeitdrucks unter dem die Pfleger/innen arbeiten, oftmals nicht erfüllbar (Kruse & Schmitt, 1999, S. 160).

Dies kann laut Kruse & Schmitt (1999) einerseits zu einer Belastung in der Person selbst führen, aber auch zu Konflikten unter den Kollegen/innen, sowie zwischen Patient/in und Pfleger/in.

[...]

Ende der Leseprobe aus 122 Seiten

Details

Titel
Pflege von Menschen mit Demenz. Bewältigungsstrategien von Pflegekräften
Hochschule
Sigmund Freud Privatuniversität Wien  (Psychologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
122
Katalognummer
V504389
ISBN (eBook)
9783346054913
ISBN (Buch)
9783346054920
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Demenz; Pflegepersonal; Bewältigungsstrategien; Belastung; Beanspruchung;
Arbeit zitieren
Kathrin Peirleitner (Autor), 2019, Pflege von Menschen mit Demenz. Bewältigungsstrategien von Pflegekräften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504389

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