Unternehmensgründungen im internationalen Vergleich. Analyse der Situation in Deutschland, Peru und den USA


Bachelorarbeit, 2012
48 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzzusammenfassung

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Anhangsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literaturdiskussion
2.1 Wirtschaftliche Bedeutung von Unternehmensgründungen
2.2 Determinanten unterschiedlicher internationaler Gründungsaktivitäten
2.2.1 Der Einfluss des wirtschaftlichen Entwicklungsstands
2.2.2 Der Einfluss sozialer und kultureller Normen
2.2.3 Der Einfluss institutioneller Faktoren
2.3 Einordnung des Arguments und Forschungslücke

3. Theoretisches Argument
3.1 Sozialstaatliche Institutionen
3.2 Folgen der Sozialpolitik aus unternehmerischer Perspektive
3.2.1 Geringere Erwerbstätigkeitsquote
3.2.2 Niedrigere Sparquote
3.2.3 Höhere Kosten unternehmerischen Handelns
3.2.4 Höheres relatives Risiko unternehmerischen Handelns

4. Empirische Analyse
4.1 Datengrundlagen
4.2 Unternehmensgründungsraten und sozialstaatliche Institutionen
in Deutschland, Peru und den USA
4.2.1 Unternehmensgründungsaktivitäten in Deutschland, Peru und den USA
4.2.2 Wohlfahrtsstaatlichkeit in Deutschland, Peru und den USA
4.3 Ergebnisse zum Zusammenhang zwischen sozialstaatlichen Institutionen
und Unternehmensgründungsraten
4.4 Beurteilung der Qualität der Ergebnisse
4.5 Politische Implikationen zur Förderung der unternehmerischen Kultur in Deutschland

5. Schlussbemerkungen

Anhang

Literaturverzeichnis

Kurzzusammenfassung

Im internationalen Vergleich sind stark unterschiedliche nationale Unternehmens- gründungsaktivitäten zu beobachten. Da Unternehmertum eine beachtliche wirtschaftliche Bedeutung hat, ist die Erforschung der Determinanten für die variierenden internationalen Unternehmensgründungen essentiell. Nichtsdestotrotz gibt es bisher nur wenige Studien dazu. Diese Arbeit untersucht die Auswirkungen sozial- staatlicher Institutionen auf die Unternehmensgründungsaktivität eines Landes. Dabei werden die Gründungsraten Deutschlands, Perus und den USA von 2006 bis 2010 mit ihren Sozialausgaben und Steuerquoten verglichen. Für die Analyse der Gründungs- aktivitäten dienen die Daten des Global Entrepreneurship Monitors (GEM), während die Untersuchung der sozialstaatlichen Institutionen auf Daten der OECD und der CEPAL basiert. Die Ergebnisse der Arbeit lassen erkennen, dass eine hohe Anzahl sozial- staatlicher Institutionen die Unternehmensgründungsrate eines Landes in starkem Maße negativ beeinflusst. Wohlfahrtsstaaten weisen eine niedrige Unternehmensgründungs- aktivität auf, während Länder mit geringen Sozialleistungsquoten hohe Gründungsraten aufzeigen.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: TEA-Rate in Prozent der 18-64-jährigen Bevölkerung in Deutschland, Peru und den USA 2006-2010

Abbildung 2: Zusammenhang zwischen der Höhe der Sozialleistungen und der TEA-Rate in Deutschland, Peru und den USA

Abbildung 3: Zusammenhang zwischen der Höhe der Steuereinnahmen und der TEA-Rate in Deutschland, Peru und den USA

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Necessity Gründungen in Prozent der 18-64-jährigen Bevölkerung in Deutschland, Peru und den USA 2006-2010

Tabelle 2: Necessity Gründungen in Prozent der gesamten Unternehmensgründungen in Deutschland, Peru und den USA 2006-2010

Tabelle 3: Opportunity Gründungen in Prozent der 18-64-jährigen Bevölkerung in Deutschland, Peru und den USA 2006-2010

Tabelle 4: Opportunity Gründungen in Prozent der gesamten Unternehmensgründungen in Deutschland, Peru und den USA 2006-2010

Tabelle 5: Sozialausgaben in Prozent des BIPs in Deutschland, Peru und den USA 2006-2010

Tabelle 6: Steuereinnahmen in Prozent des BIPs in Deutschland, Peru und den USA 2006-2010

Tabelle 7: Sozialabgaben in Prozent des BIPs in Deutschland, Peru und den USA 2006-2010

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anhangsverzeichnis

Anhang I: Berechnung des Bravais-Pearson-Korrelationskoeffizienten zwischen den Sozialausgaben und der TEA-Rate

Anhang II: Berechnung des Bravais-Pearson-Korrelationskoeffizienten zwischen der Steuerhöhe und der TEA-Rate

1. Einleitung

„Entrepreneurs innovate. Innovation is the specific instrument of entrepreneurship. It is the act that endows resources with a new capacity to create wealth.” (Drucker, 2002, S.27)

Das Zitat des Ökonomen Drucker verdeutlicht die herausstechende Bedeutung von Unternehmensgründungen im Innovationsprozess einer Gesellschaft. Unternehmer, oft auch als Entrepreneure bezeichnet, bringen Innovationen auf den Markt und tragen damit zum Wohlstand bei. Eine hohe Unternehmensgründungsrate in einem Land wird im Allgemeinen mit einer dynamischen und stark wachsenden Wirtschaft verbunden. Obwohl Deutschland ein wirtschaftlich bedeutendes Land ist, hat es dennoch nur eine sehr geringe Unternehmensgründungsrate. Dies ist besonders im internationalen Vergleich der Gründungsaktivitäten erkennbar. Hier bildet Deutschland das Schluss- licht. So hatte Deutschland im Jahr 2010 eine Gründungsrate von 4,2 Prozent, während diese in den USA bei 7,2 Prozent lag. Welche Ursachen könnte es dafür geben? Die vorliegende Arbeit geht der Forschungsfrage nach, welche Determinanten zu den in Deutschland niedrigen Gründungszahlen führen. Dies wird im internationalen Vergleich erläutert.

Dabei wird argumentiert, dass sich die Anzahl sozialstaatlicher Institutionen in einem Land negativ auf seine Unternehmensgründungsrate auswirkt. Der Grund dafür ist offensichtlich: sozialstaatliche Institutionen, wie die Arbeitslosenhilfe oder eine arbeit - nehmerbasierte Renten- und Krankenversicherung, können Negativanreize für Gründungsentscheidungen zur Folge haben. Außerdem ist eine hohe Sozialleistungs- quote mit einer hohen Steuerlast verbunden, die zusätzlich nachteilige Voraussetzungen für Neugründungen mit sich zieht. Diese Hypothesen werden in einem empirischen Ländervergleich zwischen Deutschland, Peru und den USA untersucht. Die Ergebnisse belegen einen starken Zusammenhang zwischen der Höhe der Sozialleistungen bzw. der Steuerlast und der Unternehmensgründungsrate in den drei beobachteten Ländern. So besitzt Deutschland die geringste Gründungsrate, aber auch die höchste Sozial- leistungsquote. Die USA dagegen ist ein liberaler Staat mit wenig sozialstaatlichen Institutionen, hat aber auch eine deutlich höhere Gründungsaktivität als Deutschland. Peru weist eine der höchsten Entrepreneurship-Raten weltweit auf, als typisches Schwellenland sind die sozialstaatlichen Institutionen aber kaum ausgebaut.

Diese Ergebnisse schließen bisherige Forschungslücken in der Untersuchung der Determinanten für Unternehmensgründungen. Besonders wichtig sind die Implikationen für die Politik, die sich daraus ableiten lassen. So gibt es durchaus ein gestaltbares Spannungsverhältnis zwischen sozialstaatlichen Institutionen und dem Anreiz zu Unternehmensneugründungen.

Die Arbeit beginnt mit einer Literaturdiskussion, in der zunächst auf die wirtschaftliche Bedeutung von Unternehmensgründungen eingegangen und im zweiten Teil der Forschungsstand der Literatur zu den Determinanten unterschiedlicher internationaler Unternehmensgründungen aufgearbeitet wird. Das theoretische Argument eines negativen Zusammenhangs zwischen sozialstaatlichen Institutionen und Unternehmens- gründungsraten, erläutert Kapitel 3 ausführlich. Die anschließende empirische Analyse vergleicht die Sozialausgaben und Gründungsraten Deutschlands, Perus und der USA in den Jahren 2006 bis 2010 und analysiert die Ergebnisse. Das Kapitel schließt mit Handlungsempfehlungen an die Politik.

2. Literaturdiskussion

Dem Entrepreneurship kommt in der Forschung bzw. in der Literatur eine stetig wachsende Bedeutung zu. Nachfolgende Literaturdiskussion klärt in 2.1, weshalb Unternehmensgründungen ein wichtiger wirtschaftlicher Motor sind. In 2.2 wird diskutiert, wie die bisherige Literatur die Forschungsfrage nach den Determinanten unterschiedlicher internationaler Gründungsaktivitäten beantwortet. In dieser Arbeit wurden die Einflussfaktoren auf die nationale Unternehmensgründungsrate aus der makroökonomischen Perspektive auf Länderebene kategorisiert.

2.1 Wirtschaftliche Bedeutung von Unternehmensgründungen

Heute wird dem Unternehmertum eine hohe wirtschaftliche Bedeutung beigemessen. Audretsch (2007) spricht sogar von einer Entrepreneurial Society, d.h. einer Gesellschaft, in der Unternehmer eine entscheidende Rolle in der Kommerzialisierung von Wissen spielen. Dabei hatte das Unternehmertum sowohl in der Capital Economy nach Solow als auch in der Knowledge Economy nach Romer nur eine marginale Bedeutung, da hier kleine Unternehmen als wenig effizient galten (Audretsch, Keilbach und Lehmann, 2006). Lediglich die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital (in der Capital Economy) und später noch Wissen (in der Knowledge Economy) dienten zur Maximierung des Outputs in der Produktion.

Nachdem jedoch Massenproduktionen weitestgehend in Billiglohnländer ausgelagert wurden, sind in Hochlohnländern wie Deutschland Innovationen sehr wichtig, um die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber aufstrebenden Volkswirtschaften zu sichern. Im Prozess der Innovation spielt der Unternehmer eine entscheidende Rolle. Bereits Schumpeter (1942/1950) erkannte die Rolle des Unternehmers als wichtigen Einflussfaktor für wirtschaftliche Entwicklung. Er beschreibt den Unternehmer als Innovator, der durch die Einführung neuer Produkte, Produktionsprozesse oder Organisationsformen etablierte Firmen herausfordert. Die dadurch entstehende schöpferische Zerstörung ist Schumpeter zufolge der Ausgangspunkt für Wirtschaftswachstum. Auch Kirzner (1979) betonte die Bedeutung des Unternehmers als Wirtschaftssubjekt, sprach sich aber gegen Schumpeters Theorie der schöpferischen Zerstörung aus. Kirzner zufolge nutzen Unternehmer bisher noch nicht wahrgenommene Möglichkeiten aus und verschieben die Produktionsgrenze nach oben, womit sich ein neues Gleichgewicht einstellt.

Entrepreneurship hat vor allem im Rahmen der Theorie des Knowledge Spillovers, die Audretsch (1995) einführte, eine große Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit und das Wirtschaftswachstum eines Landes. So entsteht in den Forschungslaboren großer Unternehmen oder Universitäten viel neues Wissen. Jedoch bleibt durch den zentralisierten Entscheidungsprozess in großen und hierarchischen Organisationen viel neues Wissen unvermarktet. Dies liegt besonders an folgenden Eigenschaften des Wissens: hohe Unsicherheit, hohe Transaktionskosten und Asymmetrie (Arrow, 1962). Deshalb ist bei Innovationen ungewiss, inwiefern diese auf dem Markt erfolgreich sind. Somit wollen große Unternehmen nicht immer das finanzielle Risiko aufnehmen, das mit Investitionen in innovative Produkte verbunden ist. Da große Organisationen nur wenig neues Wissen kommerzialisieren, entsteht nach Acs, Audretsch, Braunerhjelm und Carlsson (2004) ein Wissensfilter, d.h. eine Lücke zwischen dem existierenden und dem wirtschaftlich vermarkteten Wissen. Dabei wird auch Wissen nicht vermarktet, das bestimmte wirtschaftliche Akteure als wertvoll ansehen. Unternehmer bzw. kleine Firmen nutzen dieses Wissen aus und kommerzialisieren es, obwohl sie selber kaum Forschungsausgaben tätigen. Hierdurch entsteht ein Wissens-Spillover und der Wissensfilter wird durch Entrepreneurship reduziert.

Dadurch, dass Unternehmertum als ein Mechanismus für Wissens-Spillover greift, steigert sich zunächst die Wettbewerbsintensität. Neue Produkte und Dienstleistungen erhöhen den Druck auf etablierte Firmen, Innovationen einzuführen. Bringen Unternehmer ein bereits bestehendes Produkt auf den Markt, intensiviert sich der Wettbewerb, wodurch die Preise sinken oder die Qualität der Produkte steigt. Dies resultiert in einem höheren Produktivitäts- und Wirtschaftswachstum. Empirische Studien von Glaeser, Kallal, Scheinkmann und Schleifer (1992) sowie Feldman und Audretsch (1999) beweisen die Steigerung des Wirtschaftswachstums durch die erhöhte Wettbewerbsintensität, die aufgrund neuer Firmen resultiert. Auch andere Studien stellen einen Zusammenhang zwischen Unternehmertum, Wissens-Spillover und Wachstum fest. So bestätigt Geroski (1995) kleineren und jüngeren Firmen ein höheres Unternehmenswachstum als älteren und größeren.

In der Literatur ist man sich einig, dass Unternehmensneugründungen von großer wirtschaftlicher Bedeutung sind. Sie bringen nicht nur Innovationen auf den Markt, sondern erhalten auch die Wettbewerbskultur und dynamisieren die Wirtschaft eines Landes. Dies trägt zum Wirtschaftswachstum bei und es entstehen neue Arbeitsstellen. Insgesamt werden Innovationen und personalisierte Dienstleistungen immer begehrter, da die Konsumenten weniger Massenprodukte, sondern vermehrt individuelle Produkte nachfragen, was jedem einzelnen Unternehmer eine wichtige Rolle gibt.

2.2 Determinanten unterschiedlicher internationaler Gründungsaktivi- täten

Die Literatur analysiert oft die individuellen und psychologischen Faktoren, die die Entscheidung der Verselbständigung determinieren. Im Folgenden werden jedoch externe Einflüsse auf Länderebene, die zu einem unterschiedlichen Niveau an inter- nationalen Gründungsaktivitäten führen, diskutiert. Diese makroökonomischen Faktoren sind der Einfluss des wirtschaftlichen Entwicklungsstands, wozu auch die physische Infrastruktur und der technologische Fortschritt zählen, der Einfluss sozialer und kultureller Normen sowie der Einfluss institutioneller Faktoren.

2.2.1 Der Einfluss des wirtschaftlichen Entwicklungsstands

Kapitel 2.1 diskutierte den Einfluss des Unternehmertums auf die wirtschaftliche Entwicklung in einem Land. Dieser Abschnitt beschäftigt sich stattdessen mit der umgekehrten Beziehung, d.h. der Auswirkung des wirtschaftlichen Entwicklungsstands auf die Unternehmensgründungsrate eines Landes.

Der wirtschaftliche Entwicklungsstand hat einen starken direkten Einfluss auf die Höhe der Unternehmensgründungen. Kuznets (1971), Schultz (1990) und Bregger (1996) beweisen in empirischen Studien, dass mit Wirtschaftswachstum ein Anstieg der unselbständigen Beschäftigung verbunden ist. Unternehmensgründungen werden durch ein hohes BIP pro Kopf unattraktiver, denn wirtschaftliche Entwicklung resultiert in höheren Löhnen. Carree, Stel, Thurik und Wennekers (2002) argumentieren, dass steigende Reallöhne die Opportunitätskosten der Selbständigkeit im Vergleich zur abhängigen Beschäftigung erhöhen. Dies macht eine unselbständige Arbeit attraktiver. Außerdem sind weniger Arbeitnehmer bereit, ihre sichere Arbeitsstelle, bei der sie einen hohen Lohn bekommen, aufzugeben und das Risiko einer Unternehmensgründung einzugehen. Je reicher ein Land ist, desto geringer sind folglich die Anreize, unter- nehmerisches und damit risikoreicheres Humankapital zu akkumulieren (Iyigun und Owen, 1997).

Andererseits wird argumentiert, dass wirtschaftliche Entwicklung - und damit ein höheres Niveau an Wohlstand - zu mehr persönlichen Bedürfnissen führt. Diese können viele Angestellte nicht durch ihre Arbeitsstelle befriedigen, womit der Anreiz, sich zu verselbständigen, um eigene Vorstellungen zu verwirklichen, steigt. Gleichermaßen führt ein höheres BIP pro Kopf zu einem geringeren Konsum von Massenprodukten. Es wird vermehrt Wert auf die Befriedigung eigener Bedürfnisse gelegt, womit die Nach- frage nach Nischenprodukten steigt. Dieser Nachfrage können selten große Firmen nachkommen und bietet sich somit dem Unternehmertum an (Audretsch, Thurik, Verheul und Wennekers, 2002).

Für einen Anstieg der Unternehmensgründungen durch wirtschaftliche Entwicklung spricht zudem die damit verbundene technologische Entwicklung. Durch technologischen Fortschritt und eine großflächige Verbreitung von Informations- technologien sinken die Transaktionskosten von Wissen, womit Informationen leichter zugänglich sind bzw. kostengünstiger übermittelt werden können (Audretsch und Thurik, 2001). Dies favorisiert kleinere Firmen. Außerdem führt eine gut ausgebaute technologische Infrastruktur zu mehr Dynamik in der Wirtschaft und folglich zu kürzeren Produktlebenszyklen, was die vorher dagewesenen Vorteile von Massen- produktionen eliminiert und das Unternehmertum ermutigt (Audretsch et al., 2002).

2.2.2 Der Einfluss sozialer und kultureller Normen

Soziale und kulturelle Normen haben einen entscheidenden Einfluss auf die Unternehmensgründungsrate eines Landes, da sie das Handeln der Individuen stark beeinflussen. Fast die gesamte Literatur über den Zusammenhang von Kultur und Unternehmensgründungsaktivitäten bezieht sich auf Hofstedes Untersuchungen zur Kultur. So definieren Hofstede und Hofstede (2009, S.521) Kultur als „kollektive mentale Programmierung, die die Mitglieder der einen Gruppe oder Kategorie vo n Menschen von einer anderen unterscheidet“. Kultur ist ein hochkomplexes Phänomen, das tief verankerte Werte und Überzeugungen umfasst. Dabei sind Werte nur schwer erfassbar, während kulturelle Riten, Symbole und Helden nach außen hin sichtbar sind (ibd.). Die Werte, die in einer Kultur oder Gesellschaft verfestigt sind, ändern sich nur sehr langsam.

Kultur ist, im Gegensatz zu anderen Determinanten für Unternehmertum, schwer zu erfassen und zu messen. Die verbreiterteste Studie zur Messung von Kultur veröffentlichte Hofstede 1980. Hofstede erfasste von 1968 bis 1972 Daten durch Befragungen von IBM Mitarbeitern in 40 Ländern und wertete diese statistisch aus. Er entwickelte im Rahmen der Auswertung die Kulturdimensionen Individualismus, Machtdistanz, Maskulinität und Unsicherheitsvermeidung. Die Daten und Kriterien zur Einteilung kultureller Dimensionen finden in der Literatur, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Kultur und Unternehmensgründungen beschäftigt, große Beachtung.

Da kulturelle und soziale Normen das Wertesystem und Verhalten der Individuen beeinflussen, bedingen sie auch die Entscheidungen für oder gegen eine Unternehmens- gründung. Soziale Akzeptanz und Respekt, der Unternehmern und Selbständigen entgegengebracht wird, kann zu einer höheren Gründungsrate führen. Besonders in Ländern mit einem hohen Grad an unternehmerischen Aktivitäten gibt es viele Rollen- modelle erfolgreicher Unternehmensgründungen, die Anreize schaffen, sich zu verselbständigen. Je mehr Unternehmertum es dementsprechend in einem Land gibt, desto eher akzeptiert die Bevölkerung Selbständigkeit als Alternative zur abhängigen Beschäftigung und umso größer ist auch die Wahrscheinlichkeit einer Unternehmens- neugründung (Audretsch et al., 2002).

Die unternehmerische Kultur in einem Land äußert sich auch durch die Aufmerksamkeit, die Unternehmern in den Medien entgegengebracht wird. So steigt der Respekt gegenüber erfolgreichen Gründern bzw. die Akzeptanz des Unternehmertums, wenn die Medien Erfolgsgeschichten von Existenzgründern berichten. Dement- sprechend untersucht Etzioni (1987) den Zusammenhang zwischen der Kulturvariablen Legitimation und der Unternehmensgründungsaktivität eines Landes. Die Legitimation von Unternehmertum beschreibt das Ausmaß, zu dem die Arbeit eines Selbständigen in einem Land anerkannt wird. Ist die Legitimation von Unternehmertum in einem Land hoch, gibt es eine größere Nachfrage und somit ein größeres Angebot dafür. Etzioni beschreibt, dass eine hohe Legitimation des Unternehmertums auch zu einem Bildungs - system führt, das auf unternehmerische Ausbildung ausgerichtet ist. Außerdem steigt der psychische Lohn eines Unternehmers, d.h. der Respekt ihm gegenüber. Auch Uhlaner und Thurik (2007) untersuchen die Akzeptanz von Unternehmertum und den Zusammenhang zur Unternehmensgründungsrate eines Landes. Dabei analysieren sie den Grad des Postmaterialismus, d.h. in welchem Ausmaß Individuen nichtmaterielle Lebensziele wie z.B. die persönliche Entwicklung vor materiellen Lebenszielen präferieren. Sie stellen einen negativen Zusammenhang zwischen der Ausprägung von Postmaterialismus und dem Unternehmertum fest. Länder, in denen materiellen Lebens- zielen eine hohe Bedeutung zugesprochen wird, haben somit eine höhere Gründungsrate.

Lee und Peterson (2000) definieren ein kulturelles Fundament, welches das Unter- nehmertum in einer Gesellschaft formt. Sie stellen fest, dass einige Kulturen kompatibler mit dem Unternehmertum sind als andere. Die in einer Gesellschaft verankerten Werte, die Unternehmertum hervorrufen, sind Autonomie, Innovations- neigung, Risikobereitschaft, Proaktivität und Leistungsorientierung. Das Streben nach Autonomie ist die in einer Kultur verankerte Orientierung nach unabhängigem Handeln und persönlicher Kontrolle. Unter Innovationsneigung verstehen Lee und Peterson das Ausmaß, zu dem eine Gesellschaft neue Ideen, Innovationen und Experimente fördert. Schafft eine Gesellschaft ein kulturelles Fundament, bei dem es als alltäglich angesehen wird, sich in unsichere Situationen zu begeben und sich davon nicht abschrecken zu lassen, ist Risikobereitschaft vorhanden. Kulturen mit einer hohen Ausrichtung von Proaktivität ermutigen die Mitglieder der Gesellschaft ihre eigenen Möglichkeiten zu verfolgen und zu realisieren. Zuletzt bedeutet die Leistungsorientierung in einer Kultur, dass die Gesellschaft Individuen fördert, die in Wettbewerbssituationen aggressiv ihre Ziele verfolgen.

Auch Mueller und Thomas (2001) betrachten die Innovationsneigung einer Gesellschaft als wichtige Kulturvariable für Unternehmensgründungsaktivitäten in einem Land. Ebenso definieren sie die Kontrollorientierung einer Kultur als wichtige Determinante, die das Unternehmertum positiv beeinflusst. Eine Innovationsorientierung ist in Kulturen mit geringer Unsicherheitsvermeidung gewöhnlicher. Kontrollorientierung ist typischer für individualistisch geprägte Kulturen. Somit sind Kulturen mit einer geringen Unsicherheitsvermeidung und einem hohen Individualismus nach Mueller und Thomas am förderlichsten für das Unternehmertum.

Dieser Einschätzung widersprechen Baum et al. (1993). In einem Ländervergleich zwischen den USA und Israel finden sie heraus, dass eine hohe Ausprägung von Individualismus zu einer geringeren Unternehmensgründungsrate führt. In individualistisch geprägten Kulturen ist es Arbeitnehmern eher möglich ihre Vorstellungen und Ideen auch innerhalb von Organisationen zu verwirklichen. Denn haben Länder einen hohen Grad an Individualismus, akzeptieren Arbeitgeber die Realisierung eigener Ideen durch ihre Angestellten. Somit sinkt die Notwendigkeit sich zu verselbständigen. Ähnlich argumentieren Hofstede et al. (1999). Sie finden einen positiven Zusammenhang zwischen der Ausprägung der Unzufriedenheit sowohl mit dem eigenen Leben als auch mit der Gesellschaft und der Unternehmensgründungsrate eines Landes. Kulturen, in denen die Bevölkerung unzufriedener ist, haben mehr Unternehmer. Dies ist vor allem in Ländern mit hoher Machtdistanz, gering ausgeprägten Individualismus und hoher Unsicherheitsvermeidung der Fall. Hier gibt es mehr Selbständige, da Unternehmen nicht die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter befriedigen.

2.2.3 Der Einfluss institutioneller Faktoren

Institutionelle Faktoren sind wichtige Determinanten für Unternehmensgründungen. Ihre Untersuchung ist insofern entscheidend, da die Politik die Institutionen aktiv gestalten kann und somit auf das Unternehmertum einen direkten Einfluss hat. Institutionelle Faktoren sind zahlreich, die wichtigsten sind die Wohlfahrtsstaatlichkeit, Steuerhöhe, Markteintrittsregulationen, Gesetzgebungen, der Kreditmarkt und das Bildungssystem eines Landes.

Nach Klapper, Laeven und Rajan (2006) hindern Markteintrittsregulationen, wie die Erfüllung von Sicherheitsvorkehrungen und Umweltstandards, die Gründung neuer Firmen. Diese Vorschriften bzw. Lizenzen stellen eine Markteintrittsbarriere dar, da sie vor allem mit hohen Kosten, aber auch mit längerer Zeit bis zum Markteintritt und einer hohen Komplexität verbunden sind. Strenge Gesetzgebungen schrecken insbesondere risikoaverse Unternehmer ab. Außerdem können sich aufgrund teurer Lizenzen kleine Firmen den Markteintritt oft nicht leisten. Audretsch et al. (2002) analysieren den Einfluss der Wettbewerbspolitik in einem Land auf die Gründungsrate. Werden Markt- eintrittsbarrieren für Unternehmer eliminiert, wie z.B. durch Unterbindung von Kartellen oder durch Privatisierungen, herrscht ein kompetitiver Markt und der Markt - eintritt neuer Unternehmen wird erleichtert.

Eine weitere wichtige Determinante für Unternehmensgründungen ist der Zugang zu Fremdkapital, d.h. die Funktionsfähigkeit des Kreditmarkts. Hierbei bestätigt die Mehrheit der Autoren einen positiven Zusammenhang zwischen der Deregulierung des Kapitalmarkts und der Gründungsrate. Cetorelli und Strahan (2006) beweisen in einer Studie in den USA, dass eine Deregulierung im Kreditwesen einen besseren Zugang zum nötigen Startkapital zur Folge hat. Da auf Kreditmärkten das Problem der Informationsasymmetrie herrscht, können Wettbewerbsabsprachen und Informations- weitergaben zu schlechteren Konditionen für Kreditnehmer, d.h. für Neuunternehmer, führen (Gehrig und Stenbacka, 2007).

Regierungen können die Unternehmensgründungsrate eines Landes nicht nur durch Gesetzgebungen und Deregulierungen beeinflussen, sondern auch durch das Bildungs- system. Die Variable Bildung wird in den meisten Studien als Anzahl der Schuljahre oder durch den höchsten erreichten Bildungsabschluss gemessen. Die Auswirkung von Bildung auf das Unternehmertum hängt davon ab, ob das betrachtete Land ein Entwicklungs- oder Industrieland ist. In Entwicklungsländern gibt es im Allgemeinen einen negativen Zusammenhang zwischen Bildung und der Unternehmensgründungs- aktivität. Sluis, Praag und Vijverberg (2005) erforschen, dass in Entwicklungsländern der Durchschnittslohn durch ein weiteres Jahr an Schulbildung merklich ansteigt. Vor allem in landwirtschaftlichen Gesellschaften ist dieser Effekt aufgrund der hohen Analphabetenrate sehr stark. Gebildetere Arbeitskräfte favorisieren durch den relativ hohen Arbeitnehmerlohn eine abhängige Beschäftigung im Vergleich zu einer Unternehmensgründung. In Entwicklungsländern gibt es nach Sluis et al. (2005) einen positiven Einfluss der Bildung auf die Präferenz einer abhängigen Beschäftigung.

In Industrieländern herrscht dagegen der umgekehrte Effekt. Sowohl Bull und Winter (1991) als auch Parker (2005) statieren, dass Regionen mit einer hohen Unternehmens- gründungsrate im Durchschnitt eine höhere Humankapitalkonzentration bzw. eine höhere Anzahl an Akademikern aufweisen. Bildung hat auf verschiedene Art und Weise einen positiven Einfluss auf die Unternehmensgründungsaktivitäten. Zunächst versorge Bildung die Individuen mit Wissen, welches für eine Unternehmensgründung genutzt werden kann. Dies können allgemein rechnerische, analytische und kommunikative Fähigkeiten, aber auch spezifische Kenntnisse wie z.B. in den Naturwissenschaften sein. Dieses Wissen mache Individuen selbstsicher, autonom und unabhängig, was wichtige Eigenschaften eines Unternehmers sind. Außerdem erweitere Bildung den Horizont und die Individuen machen sich ihrer alternativen Karriereoptionen und Möglichkeiten bewusst (Audretsch et al., 2002). Neben dem Unterrichten unternehmerischer Fähigkeiten im klassischen Bildungssystem, gibt es auch noch die Entrepreneurship-Bildung, welche zum Ziel hat Geschäftsneugründungen zu ermutigen. So werden in der Entrepreneurship-Bildung Qualitäten und Wissen für das Tätigwerden als Unternehmer vermittelt. Lee und Wong (2006) halten fest, dass sich Entrepreneurship-Bildung positiv auf die kreativen Fähigkeiten eines Gründers, wie z.B. die Adaptivität an die Umwelt oder die Führungskompetenz, auswirkt.

2.3 Einordnung des Arguments und Forschungslücke

Es gibt bereits zahlreiche Studien, die sich mit den Determinanten für regionale Unterschiede in den Unternehmensgründungsaktivitäten beschäftigen. Besonders für den Zusammenhang von wirtschaftlichem Entwicklungsstand und der Gründungsrate wurden bereits früh wirtschaftlich wertvolle Beiträge verfasst. Seit Hofstede sich mit dem Zusammenhang zwischen kulturellen und wirtschaftlichen Faktoren befasste, gibt es außerdem viele aussagekräftige Studien über den Zusammenhang von kulturellen Faktoren und der Neigung zum Unternehmertum. Bei der Analyse der institutionellen Faktoren wird der Fokus meist auf das Bildungssystem eines Landes und dessen Einfluss auf die Gründungsrate gelegt, wie z.B. auf die Entrepreneurship-Bildung. Auch der Zusammenhang zwischen der Anzahl der sozialstaatlichen Institutionen und der Gründungsrate eines Landes ist ein Teil der Analyse der institutionellen Determinanten von Unternehmertum. Zu diesem Zusammenhang gibt es bisher nur einen sehr kleinen Literaturstrang und kaum empirische Beweise. Es existieren zwar einige Unter- suchungen zum Einfluss von Wohlfahrtsstaatlichkeit auf die Wirtschaftsleistung eines Landes, nicht aber auf die Unternehmensgründungsrate im Spezifischen.

Eine große Forschungslücke besteht im Allgemeinen in der Untersuchung unterschiedlicher Unternehmensgründungsaktivitäten auf Länderebene, oftmals gelten Studien nur der Klärung regionaler Differenzen innerhalb eines Landes. Viele Studien beziehen sich außerdem lediglich auf die Persönlichkeit eines Unternehmers und weniger auf die äußeren Gegebenheiten. Somit kann diese Arbeit einen wertvollen Beitrag zum besseren Verständnis der Determinanten für Unternehmensgründungs- aktivitäten auf Länderebene verschaffen.

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Details

Titel
Unternehmensgründungen im internationalen Vergleich. Analyse der Situation in Deutschland, Peru und den USA
Hochschule
Universität Augsburg  (Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Global Business
Note
1,6
Autor
Jahr
2012
Seiten
48
Katalognummer
V504632
ISBN (eBook)
9783346056535
ISBN (Buch)
9783346056542
Sprache
Deutsch
Schlagworte
unternehmensgründungen, vergleich, analyse, situation, deutschland, peru
Arbeit zitieren
Lisa Nätscher (Autor), 2012, Unternehmensgründungen im internationalen Vergleich. Analyse der Situation in Deutschland, Peru und den USA, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504632

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