Irmgard Keuns "Das Kunstseidene Mädchen" im Kontext des Angestelltenromans


Seminararbeit, 2019
16 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Angestelltenroman

3 Das kunstseidene Mädchen im Kontext des Angestelltenromans
3.1 Monotonie der Arbeit
3.2 Aufstiegschancen der Angestellten
3.3 Die jungen Angestellten
3.4 Die Angestelltenbohéme
3.5 Asyl für Obdachlose
3.6 Zwischen Männerbekanntschaften, Beruf und Liebe

4 Resümee

5 Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Mit Das kunstseidene Mädchen erschien im Jahr 1932 Irmgard Keuns zweiter Roman, welcher sich, wie bereits der Erste1, in den Bereich des Angestelltenromans einreiht. So verschieden die Handlungen der beiden Romane sind, so eng gehören sie doch zusammen. Denn beiden Romanen sind die gleichen Thematiken inne. Die Angestellten, die ‚neue Frau‘ sowie der ‚Glanz‘ finden in beiden Werken Platz.

Keun trifft mit ihren Romanen einen Nerv der Zeit. In den 20er und 30er Jahren waren diese Thematiken noch recht neu. Siegfried Kracauer war einer der Ersten, der mit seiner im Jahr 1929 erschienenen Artikelserie Die Angestellten eine Untersuchung dieses neuen Phänomens vornahm.

Diese Artikelserie von Kracauer soll auch der Ausgangspunkt für diese Arbeit sein. Untersucht wird dabei Das kunstseidene Mädchen im Kontext des Angestellten(-romans). Dabei werden die einzelnen Punkte, welche Kracauer erarbeitet hat, herausgenommen und mit Keuns Roman verglichen. Anhand von Textbeispielen sollen die angesprochenen Themen verdeutlicht werden.

Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, zu erläutern, ob und inwieweit Das kunstseidene Mädchen ein Angestelltenroman ist. Am Ende dieser Arbeit soll zudem ein Resümee nochmals einen kurzen Überblick sowie eine Einordnung des Romans bieten.

Nicht angesprochen wird hingegen der Roman Gilgi – eine von uns, da dieser den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Nur kurz vorgestellt wird dafür der Angestelltenroman, damit die Thematik im weiteren Verlauf der Arbeit verständlicher ist.

2 Der Angestelltenroman

Zum Ende des Ersten Weltkriegs und besonders in den darauffolgenden Zwanziger Jahren, wurde das Leben der Angestellten „zum Gegenstand soziologischer Forschungen […] und massenmedial verbreiteter Imaginationen.“2 In Filmen, Zeitungsartikeln und Trivialromanen wurde das neue Phänomen der Angestellten behandelt. Die Geschichten erzählten vom sozialen Aufstieg der meist weiblichen Heldinnen. Dabei versuchten die HauptdarstellerInnen dem tristen Arbeitsleben durch Arbeitseifer oder Liebe zu entfliehen.3

Es gab aber auch einen realistischeren Ansatz, welcher „ein kritischeres Bild der Angestelltenexistenz“ zeigte und „dabei Modernisierungsphänomene wie Bürokratie, Rationalismus, Uniformierung, Kontingenz und weibliche Berufstätigkeit“ problematisierte.4 Durch diesen kritischeren Ansatz kam es zu sozialromantischen, sozialistischen und konservativen Perspektiven. Zu den wichtigsten Werken dieser Richtung zählen unter anderem Hans Falladas Kleiner Mann – was nun?, Erich Kästners Fabian sowie auch die beiden Romane Gilgi – eine von uns und Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun.5 Immer wieder handelt der Roman von Frauen, die dem Bild der ‚neuen Frau‘6 versuchen gerecht zu werden und von dessen Image eine große Faszinationskraft ausgeht.7

Doch wie kam es eigentlich zu dieser großen Masse an Angestellten? Kracauer spricht in seiner Artikelserie von 3,5 Millionen Angestellten in Deutschland, davon 1,2 Millionen Frauen.8 Den Grund für diese große Anzahl an Angestellten sieht er in den „Strukturwandlungen der Wirtschaft.“9 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kommt es nämlich zur Entwicklung von Großbetrieben, zum Anschwellen des Verteilungsapparates und zur „Ausdehnung der Sozialversicherung und der großen Verbände.“10 Kracauer bietet auch eine Erklärung, warum gerade so viele Frauen in die Angestelltenberufe geströmt sind. Für ihn liegen die Gründe in der „Erhöhung des Frauenüberschusses, den wirtschaftlichen Folgen von Krieg und Inflation und dem Bedürfnis der neuen Frauengeneration nach wirtschaftlicher Selbstständigkeit.“11

3 Das kunstseidene Mädchen im Kontext des Angestelltenromans

Im Folgenden werden nun die wichtigsten Punkte, welche Kracauer in seiner Artikelserie erwähnt hat, erläutert und mit Textbeispielen aus Das kunstseidene Mädchen ergänzt. Ein besonderer Schwerpunkt wird dabei auf das „Asyl für Obdachlose“12, so wie es Kracauer in seiner Artikelserie nennt, und die damit verbundene Suche nach dem ‚Glanz‘, gelegt.

3.1 Monotonie der Arbeit

Die Monotonie der Arbeit und die damit einhergehende leichte Ersetzbarkeit der Angestellten wird bei Kracauer bereits sehr früh thematisiert: „Es gibt heute […] angelernte Angestellte in Menge, die eine mechanische Tätigkeit versehen.“13 Mit den mechanischen Tätigkeiten werden die monotonen Arbeitsschritte angedeutet, welche die Angestellten Täglich verrichten. Geschuldet ist diese monotone Arbeitsweise unter anderem auch der Fließbandarbeit in den Großunternehmen. Auch Doris ist zu Beginn bei einem Anwalt als Stenotypistin angestellt, um Briefe abzutippen. Immer wieder wird sie dabei während dem Tippen von ihren Gedanken abgelenkt. Dass es für Doris eine monotone Arbeit ist, wird besonders in folgender Stelle deutlich: „wochenlang schreib ich schon von Blasewitz seine Backzähne, was einem eines Tages auf die Nerven geht.“14

Auf den Aspekt der Ersetzbarkeit geht Kracauer nur einige Zeilen später ein: „Aus den ehemaligen ‚Unteroffizieren des Kapitals‘ ist ein stattliches Heer geworden, das in seinen Reihen mehr und mehr Gemeine zählt, die untereinander austauschbar sind.“15 Die leichte Austauschbarkeit der Angestellten ist eine direkte Folge der monotonen Arbeit. Durch die leicht einzuprägenden und immer wiederkehrenden Arbeitsschritte ist es sehr einfach, einen Angestellten zu ersetzen. Kracauer führt dafür als Beispiel ein Gespräch mit einem Bürovorsteher einer modernen Fabrik auf, in welchem dieser geschmeichelt darüber war, dass „die Voraussicht anerkannt wird, mit der er es fertig gebracht hat, ersetzt werden zu können.“16 Mit dem Ersetzt werden bezieht sich der Bürovorsteher auf die Angestellten in seiner Fabrik. Kracauer war erstaunt, wie schnell ein gesundheitlich angeschlagener Angestellter von einem Zweiten ersetzt werden kann.

In Das kunstseidene Mädchen wird dieses Thema der Ersetzbarkeit und der damit verbundenen Unsicherheit der Arbeitsstelle von Doris bereits auf der ersten Seite angesprochen. Das interessante dabei ist, wie nebensächlich Doris dies erwähnt: „Im Büro war mir dann so übel, und der Alte hat`s auch nicht mehr dick und kann einen jeden Tag entlassen.“17 Das Erwähnen des möglichen Existenzverlustes geschieht in einem Nebensatz und verdeutlicht, wie verfestigt diese Praxis des Austauschens beziehungsweise Ersetzens von Angestellten zu dieser Zeit ist. Nur einige Tage später wird Doris dann auch wirklich entlassen: „Denn ich bin aus meiner Stellung entlassen und zittre in den Gliedern.“18 Das Zittern kommt aber nicht von der verlorenen Anstellung, sondern von der Angst, dies den Eltern zu berichten.

3.2 Aufstiegschancen der Angestellten

Die Aufstiegschancen für die Angestellten sind verschwindend gering. Dies verdeutlicht Kracauer mit folgender Aussage: „Manche, die während der Inflation oder noch früher […] fast oben angelangt waren, hat man sogar wieder die Treppe hinunterbefördert. Nun müssen sie drunten sterben.“19 Kracauer spielt darauf an, dass es den Angestellten in Lebzeiten nicht mehr gelingen wird, eine höhere Stelle zu erreichen. Sie sind bis zu ihrem Tod dazu verdammt, auf derselben Stufe zu stehen. Bekräftigt wird dies von einer Aussage eines Bankdirektors, mit welchem Kracauer gesprochen hatte. Der Direktor gab gleichmütig zu, dass die Angestellten „keine eigentliche Laufbahn vor sich haben.“20 Kracauer liefert auch gleich einen Grund mit, warum es den Angestellten nicht gelingt, einen höheren Posten zu erlangen. Die „leitenden Posten [werden] fast durchweg nicht aus dem Unternehmen selbst, sondern von außen her besetzt“, man kann geradezu von einer „oberen Kamorra“ sprechen, in welche man durch „Geburt, durch gesellschaftliche Beziehungen [und] durch die Empfehlung hoher Beamter“ hineingerät.21 Nur sehr selten kann ein Aufstieg durch die reine Leistung im Betrieb erfolgen.

Auch Doris sieht sich mit dieser Unmöglichkeit des beruflichen Aufstiegs in ihrer Stelle als Stenotypistin konfrontiert. Sie besitzt weder die gesellschaftlichen Beziehungen noch kann sie auf die Empfehlung eines hohen Beamten hoffen.

Die Thematik des beruflichen Aufstiegs betrifft Doris im Buch beinahe gar nicht, da sie nur zu Beginn einer Arbeit nachgeht, von dieser aber entlassen wird und dann bis zum Ende des Buches zu keiner neuen Anstellung gelangt.

3.3 Die jungen Angestellten

„Wenn es so weitergeht, werden bald die Wickelkinder zu den Jüngeren zählen. Mag aber auch das Herrenkonfektionsgeschäft einen übertriebenen Begriff von Jugendlichkeit hegen, so ist doch heute tatsächlich die Altersgrenze [in den Angestelltenberufen] stark nach unten gerückt, und mit vierzig Jahren sind viele, die noch munter zu leben glauben, wirtschaftlich leider schon tot.“22

Was Kracauer hier anspricht, ist in den 20er und 30er Jahren bittere Realität. Die große Masse an Arbeitssuchenden, erschweren es den Älteren, einen Beruf zu finden, beziehungsweise diesen zu behalten. Auch wenn ein Angestellter bereits seit Jahren in einem Betrieb seine beste Leistung abruft, besteht trotzdem immer die Möglichkeit, dass er durch einen jüngeren Angestellten ersetzt wird. Dieses „Damoklesschwert der Entlassung“23 begleitet den Angestellten Tag für Tag. Die Schwierigkeit, im hohen Alter noch eine Anstellung zu finden, hat Kracauer anhand zweier Beispiele verdeutlicht. Im ersten angeführten Beispiel schreibt Kracauer über ein Zeitungsinserat eines knapp 50-jährigen Mannes, welcher versucht, aufs Dringlichste eine Anstellung zu erhalten. Ob er etwas gefunden hat, das konnte Kracauer nicht herausfinden.24 Das zweite Beispiel, welches angeführt wird, ist ein 43-jähriger ehemaliger Revisor und Personalchef, der in seinem früheren Beruf 800 Mark verdient hatte. Jetzt bot er sich als Bilanzbuchhalter an und forderte nur 200 Mark, trotzdem erhielt er alle Bewerbungen zurück.25

Auch in Das kunstseidene Mädchen beschreibt Doris eine ähnliche Szene, als sie Herrn Brenner26 berichtet, welche Entdeckungen sie in Berlin gemacht hatte: „Ich habe gesehen – ein Mann mit einem Plakat um den Hals: ‚Ich nehme jede Arbeit‘ - und ‚jede‘ dreimal rot unterstrichen – und ein böser Mund, der zog sich nach unten mehr und mehr.“27

Dies verdeutlicht die Aussichtslosigkeit, mit welcher der Mann versucht, eine Arbeit zu finden. Auch, dass sich der Mund immer weiter nach unten zog, weißt daraufhin, dass der Mann nicht erst seit Gestern nach einer neuen Stelle Ausschau hält. Ein weiteres Beispiel lässt sich in Karl28 finden, welcher früher ein Arbeiter in einer Maschinenschlosserei war und nun arbeitslos ist. Doris beschreibt ihn als „noch jung“29, wenngleich es im späteren Verlauf ersichtlich wird, dass Karl keineswegs zu der jüngeren Generation zählt. Karl spricht sogar selbst die große Konkurrenz an, die unter den Angestellten herrscht: „die vafluchtje Konkurrenz unter die, wo arbeiten wollen, ist verdammt groß.“30

Ein Punkt, der mit den jungen Angestellten und den damit verbundenen älteren Arbeitslosen, einhergeht, ist die Bildung. Laut Kracauer bevorzugen viele Großbanken und andere Handels- und Industriebetriebe „junge Leute mit Abitur“31, die ‚älteren‘ Angestellten können eine solche Bildung aber nicht nachweisen, weshalb es für sie umso schwerer wird, eine neue Anstellung zu erhalten. Auch Doris besitzt keinen Schulabschluss und immer wieder spricht sie ihre fehlende Bildung auch an: „Sie reden zusammen und ich verstehe von nichts, von nichts. Es sind ungeheure Ereignisse auf der Welt, ich verstehe von gar nichts. So dumm.“32 Sie spricht dieses Problem der fehlenden Bildung und der damit einhergehenden erschwerten Arbeitssuche sogar in einem Gespräch mit dem Herrn Ernst an, als dieser Doris darauf anspricht, ihren Pelzmantel zurückzugeben, um damit einer Arbeit nachgehen zu können: „Ich denke ja gar nicht daran. Kommt den unsereins durch Arbeit weiter, wo ich keine Bildung habe […] und keine höhere Schule und nichts.“33

Besonders das ‚durch Arbeit weiterkommen‘, welches Doris anspricht, wird bei Kracauer in Verbindung mit Bildung erwähnt. Denn auch wenn man im Besitz des Abiturs oder eines anderweitigen Zeugnisses war, bliebt man dennoch auf einer Arbeit beschränkt, welche auch ein früherer Volksschüler bereits zu absolvieren im Stande war.34 So ist die Bildung nicht immer ein sicheres Merkmal für einen Aufstieg im Beruf.

[...]


1 Gemeint ist hier der Roman Gilgi – eine von uns welcher im Jahr 1931 erschienen ist.

2 Streim (2009): S. 73.

3 Vgl. ebd.: S. 74.

4 Ebd.: S. 74.

5 Vgl. ebd.: S. 74.

6 Die ‚neue Frau‘ wurde als jung, sexuell attraktiv und emanzipiert sowie ledig und wirtschaftlich unabhängig vorgestellt. Auch Irmgard Keun und weitere Autorinnen dieser Zeit wurden als ‚neue Frau‘ bezeichnet.

7 Vgl. Streim (2009): S. 74.

8 Vgl. Kracauer (2006): S. 218.

9 Ebd.: S. 218.

10 Ebd.: S. 219.

11 Ebd.: S. 219.

12 Kracauer (2006): S. 288.

13 Ebd.: S. 219.

14 Keun (2017): S. 23.

15 Kracauer (2006): S. 219.

16 Ebd.: S. 233.

17 Keun (2017): S. 7.

18 Ebd.: S. 22.

19 Kracauer (2006): S. 244.

20 Ebd.: S. 244.

21 Ebd.: S. 245.

22 Kracauer (2006): S. 247.

23 Ebd.: S. 250.

24 Vgl. ebd.: 252f.

25 Vgl. ebd.: 253.

26 Als Doris in Berlin lebt, lernt sie unter anderem den Kriegsblinden Nachbarn Brenner kennen. Sie schildert ihm die Stadt, wie sie sie sieht und fängt deren Atemlosigkeiten für ihn ein.

27 Keun (2017): S. 101.

28 In einem Bahnhofswartesaal lernt Doris Karl kennen, der in einer Laubenkolonie wohnt. Er bietet Doris ein Obdach, doch diese ist sich zu schade es anzunehmen.

29 Keun (2017): S. 149.

30 Ebd.: S. 149.

31 Kracauer (2006): S. 224.

32 Keun (2017): S. 152.

33 Ebd.: S. 181.

34 Vgl. Kracauer (2006): S. 224.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Irmgard Keuns "Das Kunstseidene Mädchen" im Kontext des Angestelltenromans
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V506228
ISBN (eBook)
9783346067661
ISBN (Buch)
9783346067678
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Angestelltenroman, Irmgard Keun, Das Kunstseidene Mädchen, Siegfried Kracauer, Angestelltenboheme, Asyl für Obdachlose, Glanz, Die neue Frau, Angestellter, Gilgi - eine von uns, die jungen Angestellten, Seminararbeit, Neuere deutsche Literatur, 20er Jahre, 30er Jahre, Die Angestellten
Arbeit zitieren
Simon Riegler (Autor), 2019, Irmgard Keuns "Das Kunstseidene Mädchen" im Kontext des Angestelltenromans, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506228

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Irmgard Keuns "Das Kunstseidene Mädchen" im Kontext des Angestelltenromans


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden