Kann man mit T-Shirts Politik machen?

Warum verkauft Beyoncé ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Boykott Beyonce" als Merchandiseartikel?


Seminararbeit, 2018

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „When you cause all this conversation“
2.1 „Formation“: Der Superbowl-Auftritt
2.2 „Them haters“: Der Boykott, der keiner war

3. Das T-Shirt „Boykott Beyoncé“
3.1 „The Queen always gets the last word“
3.2 „I´m so possessive“: Die neue Symbolbedeutung
3.3 „A black Bill Gates in the making“
3.4 „Get back in Formation“: Der Fan und das T-Shirt

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Die Moderene der 1920er Jahre

1. Einleitung

Man sieht sie immer wieder auf der Straße vorbei laufen, hat es selbst im Schrank oder hat einen Freund mit einer ganzen Sammlung von seinen Lieblingsmusikern: das Band-T-Shirt. Zu jeder Konzerttournee der bekannten Musiker gibt es speziell designte Unikate, die Fans als Mitbringsel erwerben können. Meistens kennt man das typische Schema: Tourdaten, Tourname, das Symbol des Sängers als Druck auf einem formlosen Unisex T-Shirt. Aber was passiert, wenn auf dem T-Shirt plötzlich etwas anderes steht?

Beyoncé ist eine der bekannteste und einflussreichsten Popsängerinnen der heutigen Zeit. Grammy-Awards, Platin-Schallplatten und den Platz als bestverdienende Sängerin 2017 in den USA hält sie inne. Ihre Musik und ihre Konzerte verkaufen sich sehr gut. Alle Welt bewundert sie und ihre vier Oktaven umfassende Stimme. Doch bei ihrer Formation World Tour 2016 bietet sie plötzlich ein Merchandise-T-Shirt zum Verkauf an, welches ihren eigenen Boykott anpreist: BOYKOTT BEYONCÉ. Normalerweise wird es in Beyonce´s Werken nicht politisch, geschweige denn polarisierend. Dieses T- Shirt bewies allerdings das Gegenteil. Wieso verkauft sie es bei ihrer Tour? Was sind die Hintergründe und welche Bedeutung kann man ihrem Boykottaufruf entnehmen. Diese Fragestellung soll in der folgenden Arbeit bearbeitet werden.

Mit T-Shirts kann man keine Politik machen. Oder doch? Das T-Shirt als politisches Medium ist in der modernen Gesellschaft neu und bestreitet seinen Weg noch. Jedoch nimmt es durch seine Neutralität und universellen Einsatz zunehmend Einfluss und Gebrauch im Alltag. In der wissenschaftlichen Literatur ist es noch nicht stark vertreten und wird von wenigen Autoren direkt angesprochen. Das Werk „Das politische T-Shirt als Wahlhelfer oder: Popkultur in der Politik“ von Marion Kreutter bildet eine wichtige Grundlage für diese Arbeit. Die Aktualität der Ereignisse erschwerten es, fundierte Literatur zu der Thematik zu finden. Aus diesem Grund ist das Internet eine wichtige Informationsquelle. Diese Arbeit ist ein Beitrag, Licht in die Dunkelheit der T-Shirts als wissenschaftlicher Gegenstand zu bringen.

2. „When you cause all this conversation“ (Knowles-Carter 2016)

2.1 Der Superbowl-Auftritt

„When you cause all this conversation“ (Knowles-Carter 2016) ist eine Zeile aus Beyoncés Song Formation (ebd.), welchen sie einen Tag vor ihrem Auftritt am 50. Superbowl am 08.02.2016, veröffentlichte. In ihrem Lied behandelt sie unter anderem Ungerechtigkeit der Polizei gegenüber der afroamerikanischen Bevölkerung. Das Video umfasst zum Beispiel Anspielungen auf die #blacklivesmatter Kampagne, ruft zur Bildung einer weiblichen Formation auf („Ladies now let´s get in Formation“, Knowles- Carter 2016) und bestätigt Beyoncé im Chorus fortlaufend: „Bitch, I slay“ (Knowles-Carter 2016). Außerdem erweckt die Darstellung in dem dazugehörigen Musikvideo eines im Wasser versinkenden Polizeiautos die Annahme einer fehlenden Polizeipräsenz in New Orleans, als der Hurrikan Katrina 2008 dort viel zerstörte. Eine Tanzsequenz eines kleinen Jungen vor einer bewaffneten Polizeibrigade endet mit dem Graffiti „Stop shooting us!“ (vgl. BeyonceVEVO 2016). Das Lied und Video kritisieren die Polizeigewalt, feiern die Südstaatenherkunft der Sängerin und empowern weiblichen Leadershipstyle. Am folgenden Tag beim Auftritt des 50. Superbowls unterstrich die Sängerin ihre politischen Ansichten mit einer Kostümierung, die an die Uniformen der Black Panter Party (BPP) erinnerten (Abb.1 und 2; vgl. Wilson 2016). Sie und ihre Tänzerinnen formten ein X, welches an den amerikanischen Menschenrechtler Malcom X erinnerte. Er setzte sich besonders, für die Rechte der schwarzen Bevölkerung in Amerika ein (vgl. Flint 2016).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Beyonce und Tänzerinnen beim 50. Superbowl

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Mitglieder der BPP

Gemäß der Theorie der Intertextualität von Julia Kristeva, die besagt, dass sich ein sprachliches Zeichen sich niemals auf einen Sinn festlegen ließe und mehrdeutig sei (vgl. Kristeva 1992: 79f.), legte der Republikaner und Mitglied im New Yorker Repräsentantenhaus Pete King den Liedtext und Auftritt beim Superbowl in einem anderen „Bezugsthema“ (ebd.) aus. Via Facebook und Twitter kritisierte er den Aufritt stark.

„Beyoncé may be a gifted entertainer but no one should really care what she thinks about any serious issue confronting our nation. […] media's acceptance of her pro-Black Panther and anti-cop video „Formation“ […] (shows) how acceptable it has become to be anti-police when it is the men and women in blue who […] deserve our strong support.“(Pete King in Colin Campbell, 08.02.2016)

In diesem Zitat wird deutlich, dass King die Politisierung der Sängerin nicht gut hieß und auch nicht für angebracht hielt. Er als Leser setzt die Textbot- schaft „Stop Shooting us“ (vgl. BeyonceVEVO), die Beyonce gegen Polizei- gewalt setzt, auf einer anderen „Sinnesebene“ (vgl. Suchsland 1992: 79f.) zusammen. Die Intertextualität wird hier deutlich, weil er ihren Liedtext und Auftritt als „Anti-Cop“ (King 2016) gegenüber allen Polizisten liest. Seine psy- chosoziale Sinnesebene (vgl. Eisbergmodell) ist unterschiedlich zu jener von Beyoncé oder ihren Fans. Als Sohn eines Polizisten des NewYork Police De- partments NYPD (vgl. King 2016) verneinte er jegliche Missstände in Polizei- vorgehen und weist auf falsche Berichterstattung hin, am Beispiel von zwei getöteten schwarzen Jugendlichen (vgl. ebd.). Somit liest er Beyoncé´s Hommage an die BPP, die auch selbst Polizisten töteten mit dem Hintergrund seiner Familiengeschichte. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass „Sinn nichts bereits Gegebenes ist, sondern etwas Flüchtiges, was sich immer erst her- stellt- als Effekt einer Beziehung (Suchsland 1992: 80). Nun fragt man sich allerdings, wieso ein Politiker sich überhaupt mit der Popkultur und ihrem Sternchen Beyoncé beschäftigt. „In der Politik geht es um Anerkennung, um Akzeptanz“ (Kreutter 2014: 47) und durch Beyoncé´s Auftritt sah King vermut- lich diese Attribute bezüglich seiner Partei in Gefahr. Die Pop und Politik ist kein getrenntes Feld. Seit Barack Obama mithilfe von sozialen Medien die Präsidentenwahl gewann beeinflussen sich beide Bereiche immer mehr (ebd.). Beyoncé unterstützt Obama und damit die Konkurrenzpartei von King (vgl. TAZ 2012).

2.2 „Them haters“ (Knowles-Carter 2016): Der Boykott, der keiner war

Es formten sich zwei Seiten, die sich jeweils ihre eigene Rückschlüsse aus dem Text zogen: die Unterstützer von Beyonce und ihre Kritiker. Jeder in sei- ner eigenen intertextuellen Textinterpretation gefangen. Kings Vorwurf unter- stützend, setzte der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft in Miami Javier Ortiz sich als „lesendes Subjekt“ (Suchsland 1992: 81) seine eigene Interpretation von Beyoncés Textsymbol zusammen und kreierte einen neuen wichtigen Textgegenstand, welches in einen symbolischen Textkörper mundete. Er for- derte Polizisten in Miami auf, Beyoncés Konzert (vgl. Levine 2016), welches das erste Konzert ihrer geplantenFormation World-Tour 2016am 27.04.2016 (vgl. The Guardian 2016) war, zu boykottieren1. Seine Forderung wurde in den Medien groß diskutiert und löste somit weitere Textneudeutungen aus. Ortiz führte das neue Diskussionsobjekt “Boykott“ ein. Erst durch ihn wurde die Idee gebildet, Beyoncé mit dem Begriff Boykott in Verbindung zu bringen. Einige Leser seiner Aufforderung bildeten eine Demonstration in New York vor dem NFL Headquarter (vgl. Jamieson 2016). Auch wenn Ortiz sich einen Erfolg erhoffte, wurde seine Forderung nicht umgesetzt. Anscheinend konnte er nicht die Mehrheit der Polizisten überzeugen. Sie lasen die Textsymbole von Beyoncé und King mit ihren eigenen subjektiven Erfahrungen und teilten nicht die selbe Sinnesebene wie er, sondern bogen an einem anderen „Kreu- zungspunkt“ (Suchsland 1992: 80) ab. Das Konzert wurde mit Polizisten voll besetzt und auch in den folgenden Terminen der World Tour gab es keine Probleme genügend Personal zu finden (vgl. Levine 2016).

Beyoncé selbst antwortete weder King noch Ortiz. Sie überließ der Öffentlichkeit die Interpretation, gab jedoch einen Einblick in ihre Intention des Textes, damit nicht zu viele „lesende Subjekte“ an der falschen Kreuzung abbiegen. Zwar könne man den Sinn nie direkt bestimmen, aber eingrenzen, schreibt Suchsland (vgl. Suchsland 1992: 80). Beyoncé gab einen Einblick in ihre Intention des Textes in einem Interview mit dem Modemagazin Elle, welches in der April Ausgabe 2016 erschien.

„I think the most powerful art is usually misunderstood. But anyone who perceives my message as anti-police is completely mistaken. I have so much admiration and respect for officers […] But let's be clear: I am against police brutality and injustice.“(Knowles-Carter über Gardener 2016)

Außerdem ließ sie verlauten, dass sie froh sei, Teil einer Konversation zu sein (vgl. ebd.). Die Vermutung liegt nahe, dass die intertextuelle Diskussion, welche der Veröffentlichung des Liedes Formation, dem dazugehörenden Musikvideo und dem Auftritt beim Superbowl folgte, von Beyoncé selbst provoziert wurde. Sie sang „You know you that bitch when you cause all this conversation“ (Knowles-Carter 2016) in „Formation“. Beyoncé fordert die Diskussion ein. Sie produzierte ein kalkuliertes Missverständnis, denn andere Menschen könnten nur die Restmenge ihrer Metaphern verstehen, sodass sie eine „erstellte Wahrheit“ wahrnehmen würden (vgl. Krippendorf 1994: 88). Dies ist ihr sehr gut gelungen, denn ihr Auftritt wurde weltweit diskutiert. Die intertextuelle Diskussion war geplant, aber die Neuschaffung eines Textsubjektes innerhalb eines diskutierten Textes verlief spontan. Javier Ortiz lud „BOYKOTT BEYONCÉ“ mit Protest, Wut und eben boykottierendem Verhalten auf. Aber wie wir bereits feststellten, ist ein Text „immer etwas Flüchtiges“ (Suchsland 1992: 80) und nicht an einen Sinn gebunden. Beyoncé nahm den neuen Gegenstand in der Diskussion wahr und benutzte ihn auf einem schwarzen T-Shirt. Beyoncés World Tour am 28.April 2016 in Miami startete und sie verkaufte es als Merchandise Artikel ihren Fans (vgl. Zimmer 2016).

3. Das T-Shirt „BOYKOTT BEYCONCÉ“

3.1 „The Queen always gets the last word“ (Gardener 2016)

Das T-Shirt ist eines der „universellsten und mystischsten Kleidungsstücke“ (Brunel 2002: 11). Mit seiner Einfachheit und Schlichtheit ist es eines der „Basics“ (ebd.) im Kleiderschrank jeder Person. Jeder weiß sich mit einem T-Shirt zu kleiden, denn man muss keine strengen Codes beachten. Oder wie Marion Kräuter schreibt: „Ein T-Shirt ist ein T- Shirt ist ein T-Shirt“ (Kreutter 2014: 68). Es ist geschlechtsneutral, hält, was es verspricht, ist günstig, leicht, atmungsaktiv, körperbedeckend und teilweise wärmend. Das T-Shirt kann aber auch in all seiner Neutralität ein „Ausdruck von Individualität“ (ebd.) sein. Diesen Vorteil macht sich Beyoncé zu eigen als sie „BOYKOTT BEYONCÉ“ als Textsymbol auf dem T-Shirt präsentiert. Die bis dahin sprachlich geführte Diskussion wird im Sinne des hermeneutischen Zirkels nun auf eine neue Ebene gehoben. Beyoncé entwendet den gegen sie gerichteten Text und setzt ihn in einem neuen Kontext zusammen. Durch die Beschriftung des T-Shirt mit dem Textsymbol von Ortiz schafft sie ein neukombiniertes Bildsymbol und rückt nun das T-Shirt als Kommunikationsmedium in den Vordergrund. Die klassische Kommunikationstheorie von „Sender/Botschaft/ Empfänger“ (Baudrillard 1989: 14 in Marion Kreutter 2014: 85) verschiebt sich somit hin zu einer stärkeren Beleuchtung des Übertragungsmediums.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3 BOYKOTT BEYONCÉ

Warum ein T-Shirt? Der große Vorteil ist seine Neutralität, sodass man es „mit allem aufladen kann, was einem in den Sinn kommt“ (Kreutter 2014: 93) und die wirkungsvolle Displayfunktion. Außerdem ist es seit Marlon Brando und dem Film „Endstation Sehnsucht“ aus dem Jahre 1951 in der amerikanischen Gesellschaft bekannt und beliebt. Mittlerweile sind mehr als 60 Jahre vergangen und Charlotte Brunel beschriebt das T-Shirt als „Nationalheld in den USA“ (Brunel 2002: 14). Aufgrund seiner großen Beliebtheit werden fast 2 Milliarden pro Jahr produziert (vgl. Brunel 2002: 11). Außerdem gehöre es zur emanzipierten Kleidung (vgl. Brunel 2002: 50), was seinen Gebrauch noch universeller macht. Ist das T-Shirt erst einmal symbolisch mit Textform aufgeladen, avanciert es sich selbst zum Zeichen und ist nicht mehr Zeichenträger (vgl. Schmidt 2010).

[...]


1 In den USA ist es üblich, dass außerhalb der Konzerthallen (z.B. Parkplätzen, öffentli- chen Orten), während, vor und nach eines Konzertes Polizisten für die öffentliche Ordnung sorgen. Obwohl dies auf freiwilliger Basis geschieht, werden sie entlohnt. Man möchte un- teranderem Drogenkonsum versuchen zu vermeiden (vgl. Levine 2016).

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kann man mit T-Shirts Politik machen?
Untertitel
Warum verkauft Beyoncé ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Boykott Beyonce" als Merchandiseartikel?
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V507453
ISBN (eBook)
9783346063151
ISBN (Buch)
9783346063168
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kann, beyonce, boykott, aufdruck, t-shirt, beyoncé, warum, politik, t-shirts, merchandiseartikel
Arbeit zitieren
Leonie Mantz (Autor), 2018, Kann man mit T-Shirts Politik machen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507453

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