Die Rolle der Gewalt in kriegerischen Konflikten der Gegenwart

Gewaltmuster der neuen Kriege nach Kaldor und Münkler


Hausarbeit, 2019

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Entwicklung des Krieg-Begriffes seit Clausewitz

3 Theorie der neuen Kriege nach Kaldor und Münkler
3.1 Merkmale der neuen Kriege
3.1.1 Entstaatlichung und Privatisierung
3.1.2 Asymmetrisierung
3.1.3 Autonomisierung kriegerischer Gewalt
3.2 kritische Anmerkung zum Begriff der neuen Kriege

4 Gewaltmuster der neuen Kriege

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Das Schlimme am Krieg ist nicht die körperliche Gewalt, am schlimmsten ist es, dass man der Gewalt ausgeliefert ist. Körperliche Verletzungen erleben die Menschen ihr ganzes Leben lang: Wir werden Zeugen von Unfällen, bei denen vielleicht ein Körper ganz schrecklich zugerichtet wird; wir sehen Krankheiten und Unglück, die verunstaltete und zerbrochene Körper hinterlassen. Gewalt aber ist mehr als das, wir haben Angst vor dem, was der Krieg aus uns gemacht hat, wir fürchten, unsere Menschlichkeit zu verlieren, wir fürchten uns vor dem, was aus Menschen im Krieg werden kann.“ (Nordstrom 2005: 74)

Das ist die Antwort eines Menschen, der inmitten eines verheerenden Krieges lebte, auf die Frage nach der Bedeutung von Gewalt.

Gewalt ist allgegenwärtig. Alle haben sie sowohl selbst schon erfahren als auch angewendet. Gewalt ist vielfältig. Im Folgenden soll es jedoch nicht darum gehen, den Gewaltbegriff zu definieren oder Gewalt zu typologisieren. Stattdessen wird ‚die Rolle der Gewalt in kriegerischen Konflikten der Gegenwart‘ untersucht. Dazu beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit der Frage, inwiefern die kriegerische Gewalt unserer Zeit mit der Theorie, die hinter dem Begriff der neuen Kriege von Mary Kaldor und Herfried Münkler steht, beschrieben werden kann.

Hierfür wird im ersten Schritt die Entwicklung des Krieg-Begriffes seit Clausewitz (2) untersucht, da sich der Begriff der neuen Kriege in Abgrenzung zu Clausewitz Verständnis positioniert und dieses daher maßgeblich zur Entstehung der Theorie der neuen Kriege gemäß Kaldor und Münkler beiträgt. Gleichzeitig spiegelt die Debatte um den Kriegs-Begriff die Entwicklung und den Stand der Forschung wider. Im Anschluss daran wird geklärt, welches Konzept konkret hinter dem Begriff der neuen Kriege steckt (3), welche Merkmale es beschreibt (3.1) und unter welchen Einschränkungen der Begriff gültig ist (3.2). Darauf aufbauend werden charakteristische Gewaltmuster der Theorie der neuen Kriege hervorgehoben (4).

Ziel der Arbeit ist es, einen Überblick über das Phänomen der Gewalt im Konzept der neuen Kriege zu geben, um daran anknüpfend beispielsweise Interventionen zur Befriedung solcher Gewalt entwickeln zu können.

2 Entwicklung des Krieg-Begriffes seit Clausewitz

Als einer der bedeutendsten Theoretiker des modernen Krieges definiert Carl von Clausewitz diesen als einen „Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“ (Clausewitz o.D.: 8). Gemeint ist dabei immer Krieg zwischen souveränen Staaten mit dem Ziel der Durchsetzung eines politischen Interesses. Bedingt durch den Prozess der Staatenbildung war es den einzelnen Staaten möglich, die Gewalt innerhalb ihres Territoriums zu monopolisieren. So war allein der Staat legitimiert, Gewalt nach innen wie außen anzuwenden, während nichtstaatliche Akteure das Recht zur Gewaltausübung einbüßten. (Vgl. Pradetto; Baier 2006: 214). Damit prägt Clausewitz insbesondere in der westlichen Welt die Vorstellung davon, dass nur bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Staaten legitim seien. Wie sehr der Krieg auf das Staatliche beschränkt war, zeigen eine Reihe von Ereignissen des 20. Jahrhunderts, die gleichzeitig aber auch die Illegitimität von Krieg als politischem Instrument betonen: die völkerrechtliche Ächtung des Krieges durch den Briand-Kellog-Pakt, die Nürnberger Prozesse nach dem Zweiten Weltkrieg, die Gründung der Vereinten Nationen als regelndes Organ des zwischenstaatlichen Kriegsverbots und die Bipolarität des Kalten Krieges. (Vgl. Pradetto; Baier 2006: 222) Gegenüber den zwischenstaatlichen Kriegen, welche formal durch Kriegs-, Waffenstillstands- und Kapitulationserklärungen geprägt sind, (vgl. Ferhadbegović; Weiffen 2012: 188) rücken spätestens nach Ende des Kalten Krieges die innergesellschaftlichen Auseinandersetzungen, die seit 1945 stetig zugenommen haben,1 in den Vordergrund. Realiter dominieren innerstaatliche Auseinandersetzungen, explizit nicht als ‚Krieg‘ bezeichnet, jedoch nicht erst in den letzten Jahrzehnten, sondern stellen historisch betrachtet den Regelfall dar. Erst seit Ende des Kalten Krieges jedoch ist die Abgrenzung gegenwärtiger Kriege zu den sogenannten klassischen, staatlichen Kriegen sichtbar und damit eine Redefinition und Neubestimmung des Phänomens möglich. (Vgl. Pradetto; Baier 2006: 221 f.)

Für die nicht-zwischenstaatlichen Kriege haben sich seit den 90er Jahren, als die Themen Krieg, Gewalt und Militär wieder verstärkt in den Fokus der Sozialwissenschaften geraten sind, eine Vielzahl von Bezeichnungen etabliert, u.a. „low intensity war“ (Creveld 1998), „kleine Kriege“ (Daase 1999), „wars of third kind“ (Holsti 1996), „wilde Kriege” (Sofsky 2002), „asymmetrische Kriege“ (Wassermann 2015; Thornton 2007; et al.), „neue Kriege” (Kaldor 2000; Münkler 2002), Bürgerkriege2 oder - gemäß dem Zweiten Zusatzprotokoll der Genfer Konventionen 1977 - „Non-International Armed Conflicts“.

Im Folgenden wird im Besonderen auf das Konstrukt der neuen Kriege sowie die dahinterliegende Theorie eingegangen, welche von Mary Kaldor geprägt und von Herfried Münkler aufgegriffen und im deutschsprachigen Raum verbreitet wurde.

3 Theorie der neuen Kriege nach Kaldor und Münkler

„Im Kriegsgeschehen des 21. Jahrhunderts werden die klassischen zwischenstaatlichen Kriege kaum noch eine Rolle spielen, umso mehr jedoch Formen kriegerischer Gewalt, die nicht mehr oder nur noch teilweise unter staatlicher Kontrolle stehen.“ (Münkler 2006: 44)

Münkler ist davon überzeugt, dass die Verstaatlichung des Krieges in der heutigen Zeit eine Umkehrung erfährt und insbesondere dort, wo Staatsbildungsprozesse gescheitert sind, sich private Beteiligte als sogenannte „Gewaltunternehmer“ (Münkler 2004: 367) etablieren. (Vgl. Münkler 2006: 37) Damit bezieht er sich auf die Idee des ‚Leviathans‘ von Thomas Hobbes: Die Menschen im Naturzustand befinden sich in einem Krieg eines jeden gegen jeden, so dass das Individuum in permanenter Angst und Gefahr vor dem gewaltsamen Tod lebt. Erst durch einen Gesellschaftsvertrag wird die zentralisierte Macht des Staates möglich und geht das Gewaltmonopol auf diesen über. Der Staat allein darf physischen Zwang anwenden. Dadurch kann er einerseits als kalter Machtstaat andererseits als Sicherheitsgarant für inneren Frieden wahrgenommen werden. Besonders letztere Sichtweise kommt in der aktuellen Kriegs-Debatte zum Tragen. (Vgl. Voigt 2009: 17) So werden Gesellschaften heute, in denen die Staatsgewalt fehlt als ‚failed states‘ bezeichnet, als Manko betrachtet und als Ort ausgemacht, an denen sich die neuen Kriege abspielen. (Vgl. Tönnies 2009: 30)

3.1 Merkmale der neuen Kriege

Herfried Münkler stellt drei Entwicklungen heraus, welche die Besonderheiten der neuen Kriege prägen: die oben bereits angesprochene „ Entstaatlichung beziehungsweise Privatisierung kriegerischer Gewalt“ (Münkler 2002: 18), die „ Asymmetrisierung kriegerischer Gewalt“ (Münkler 2002: 19) sowie die Tendenz einer „sukzessiven Verselbstständigung oder Autonomisierung vordem militärisch eingebundener Gewaltformen“ (ebd.) Im Folgenden soll auf diese Merkmale und die dahinter liegenden Konzepte und Folgen näher eingegangen werden.

3.1.1 Entstaatlichung und Privatisierung

In der überwiegenden Mehrzahl der heutigen Kriege sind Akteure involviert, die Münkler als „Gewaltunternehmer“ (2004: 367) bezeichnet. „Sie haben aus dem Krieg ein Geschäft, aus dem Kämpfen ein Gewerbe und aus der Gewaltanwendung eine Lebensform gemacht.“ (ebd.) Diesen nicht-staatlichen Akteuren – Warlords, Guerilla-Gruppen, Söldnerfirmen, Terrornetzwerken, organisierten Kriminellen, privaten Sicherheitsleuten – geht es um die politische Macht im eigenen Land und der damit verbundenen Bereicherung oder der Vernichtung bestimmter Opponenten, nicht darum, anderen Regierungen den eigenen Willen aufzuzwängen. (Vgl. Hippler 2009: 3 f.)3 Wichtige Voraussetzung für einen ökonomischen Mehrgewinn durch Kriegsführung ist daher eine relativ billige Durchführbarkeit. Ermöglicht wird diese unter anderem durch die Verfügbarkeit leichter Waffen nach Auflösung des Ostblocks.4 Waffen wie die Kalaschnikow sind nicht nur relativ billig, sondern auch leicht im Gewicht, daher unschwer ins Land zu schmuggeln und kinderleicht zu bedienen. Entsprechend sind keine langwierigen Ausbildungen an der Waffe notwendig, Kinder, welche besonders leicht zu rekrutieren und instrumentalisieren sind, können als Kindersoldaten5 an den Waffen eingesetzt werden und billige Preise ermöglichen die Beteiligung Sämtlicher an einer derartigen Kriegsführung. Profit im Krieg wird außerdem durch Ausbeutung der Bevölkerung, einheimischer Ressourcen und auswärtiger Hilfsmaßnahmen erzielt: Plünderung, Sklaverei, Drogenhandel, Geschäfte auf dem Schwarzmarkt, Erpressung und Diebstahl sind gängige Phänomene neuer Kriege.6 Der Krieg wird zum Erwerbsleben der Beteiligten. Entsprechend liegt es in deren Interesse, den Kriegs- und Gewaltzustand möglichst lange aufrechtzuerhalten. Eine Unterscheidung von Krieg und Frieden ist oft schwierig. (Vgl. Pradetto; Baier 2006: 215 f.) Die oben erwähnte Ausbeutung auswärtiger Hilfsmaßnahmen bezieht sich auf die finanzielle und materielle Unterstützung durch die Diaspora, die Unterstützung der kriegsführenden Parteien durch Nachbarstaaten und humanitäre Unterstützung internationaler Organisationen (vgl. Kaldor 2000: 164 f.). Berichten globale Medien über Seuchen, Hungerkatastrophen oder besonders gewalttätige Ausbrüche in den Kriegsgebieten, löst das in der Regel eine Kette von humanitären Hilfsmaßnahmen aus. Infolgedessen gelangen Lebensmittel, medizinisches Equipment und sonstige Grundversorgungsmittel in die Krisengebiete. Deren Nutznießer vor Ort sind nicht selten die kriegsbeteiligten Gruppen selbst: sie übernehmen den Transport und die logistische Verteilung der Güter, fangen einen Teil ab, versorgen die eigene Gefolgschaft zuerst, verlangen Zölle oder knüpfen die Zustellung von Hilfsgütern an Bedingungen wie beispielsweise einen überhöhten offiziellen Wechselkurs. Zumindest aber brauchen sich die Verantwortlichen nicht um das unmittelbare Überleben der Bevölkerung kümmern, welche in den von ihnen kontrollierten Gebieten wohnt. Stattdessen werden Mittel frei, die sie entweder in die Kriegsführung oder die eigenen Taschen stecken können. (Vgl. Münkler 2006: 39; Kaldor 2000: 165)

[...]


1 Die AKUF (Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung) verzeichnet von 1945-2007 insgesamt 238 Kriege, von denen zwei Drittel innerstaatlicher Art waren. Die jährlich steigende Gesamtzahl beruht dabei eindeutig auf der Dominanz innerstaatlicher Kriege. (Vgl. Schreiber 2016)

2 In ihrem Aufsatz „Erleben – Darstellen – Bewältigen: Eine kulturwissenschaftliche Perspektive auf den Bürgerkrieg“ beschäftigen sich Ferhadbegović und Weiffen u.a. ausführlich mit dem Forschungsstand zum Begriff ‚Bürgerkrieg‘ (vgl. Ferhadbegović; Weiffen 2012: 188-191).

3 Machtpolitische und ökonomische Beweggründe im Krieg sind dabei kein neues Phänomen. Schon für Beteiligte des Dreißigjährigen Kriegs war eine „Gemengelage aus privaten Bereicherungs- und persönlichen Machtbestrebungen“ (Münkler 2000: 9) charakteristisch.

4 Diesbezüglich äußert sich Kaldor: „The new wars could be viewed as a form of military waste-disposal – a way of using up unwanted surplus arms generated by the Cold War, the biggest military build-up in history.” (Kaldor 2012: 102)

5 Gesicherte Zahlen in Bezug auf Kindersoldaten weltweit gibt es nicht. Stets bleibt eine unbekannte Dunkelziffer, so dass lediglich diverse Schätzungen existieren. Die UNICEF berichtet von Schätzungen von bis zu 250.000 Kindersoldaten weltweit. (Vgl. Charbonneau 2019)

6 Nachdem die Kriegsökonomie an die Weltwirtschaft angeschlossen ist, beschränken sich die beschriebenen Phänomene und ihre wirtschaftlichen Folgen nicht auf die vom neuen Krieg betroffenen Länder. Die Schattenwirtschaft breitet sich global aus. Für die Länder, in denen Krieg herrscht bedeutet dies: „An die Stelle der normalen Wirtschaftspolitik […] tritt der neue Typ einer globalisierten informellen Wirtschaft, bei der die Zuflüsse von außen, insbesondere humanitäre Unterstützung und Auslandszahlungen, in eine lokale und regionale Ökonomie integriert werden, die auf dem Transfer von Vermögenswerten und außergesetzlichen Handelsbeziehungen beruht.“ (Kaldor 2002: 165)

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Gewalt in kriegerischen Konflikten der Gegenwart
Untertitel
Gewaltmuster der neuen Kriege nach Kaldor und Münkler
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Soziologie)
Veranstaltung
Theoretische Ansätze zur Betrachtung von Gewalt
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V508676
ISBN (eBook)
9783346070708
ISBN (Buch)
9783346070715
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewalt, neue Kriege, Herfried Münkler, Mary Kaldor, Kriegs-Begriff, Entstaatlichung, Asymmetrisierung, Gewaltmuster, Autonomisierung kriegerischer Gewalt
Arbeit zitieren
Isabel Thoma (Autor), 2019, Die Rolle der Gewalt in kriegerischen Konflikten der Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508676

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