Recht–SEX–tremismus. Zur Bedeutung des Antifeminismus in den Strategien des außerparlamentarischen Rechtsextremismus in Österreich anhand der Identitären


Bachelorarbeit, 2019

75 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsdesign
2.1. Forschungsfragen
2.2. Hypothesen – Thesen und Antithesen
2.3. Methodik und Quellen
2.4. Begriffsbestimmungen / Arbeitsbegriffe
2.4.1. Antifeminismus
2.4.2. Die Identitären

3. Feministische Kommunikationswissenschaft – ein Umriss

4. Die Identitären
4.1. Die Neuen alten Rechten
4.2. Neue Formulierungen, alter ideologischer Kern
4.2.1. Wo ein ‚Wir‘ da auch ein ‚Sie‘
4.3. Jung, hip und harmlos vs. altmodisch, konservativ und rechts – die Strategien der Identitären
4.3.1. Die Identitären und die Medien
4.3.2. Andere Zielgruppe
4.4. Zwischenzusammenfassung

5. Die Geschlechterkonstruktionen der Identitären
5.1. Konstruktion des Frauenbildes
5.1.1. Der Klassiker – das ‚Heimchen am Herd‘
5.1.2. Aktives Mitglied oder Poster-Girl?
5.1.3. Die germanische Gefährtin
5.2. Konstruktion des Männerbildes
5.3. Hegemoniale Männlichkeit
5.3.1. Komplizenhafte Männlichkeit
5.3.2. Untergeordnete Männlichkeit
5.3.3. Marginalisierte Männlichkeit
5.4. Zwischenzusammenfassung

6. Der Neue Antifeminismus bei den Neuen Rechten
6.1. Völkisches Denken als anschlussfähiges Konzept
6.2. Neue Allianzen im Antifeminismus
6.3. Der Antifeminismus bei den Identitären
6.3.1. Strategie der Diffamierung – Gender als Auswuchs der verteufelten Moderne
6.3.2. Strategie der Umkehr – die wahren FeministInnen
6.3.2.1. #120db
6.3.3. Strategie der Neubesetzung von Begriffen – der völkische Feminismus
6.3.3.1. Radikal feminin
6.4. Zwischenzusammenfassung

7. Schlussfolgerung – Beantwortung der Forschungsfragen
7.1. Unterfrage
7.2. Unterfrage
7.3. Unterfrage
7.4. Unterfrage
7.5. Unterfrage
7.6. Fazit

8. Bibliographie
8.1. Literatur
8.2. Quellen

Danksagung

Mit dieser Arbeit möchte ich mich bei allen emanzipierten Frauen und feministischen Männern bedankten, die mich in meinem Leben begleitet haben und dazu beigetragen haben, welcher Mensch ich geworden bin.

Ein Dank geht an meine Mutter Doris, die mir gezeigt hat, dass man Beruf und Alleinerzieherin sein, mit genug Willenskraft vereinbaren kann und trotz Verantwortung für die Kinder seine beruflichen Träume verwirklichen kann.

Ein weiterer Dank geht an meine Stiefmutter Karin, die mir gezeigt hat, dass ich mein Leben so gestalten und leben kann, wie ich es möchte, ohne mich dabei von den gesellschaftlichen Normen klein halten zu lassen.

Des Weiteren geht ein ehrfürchtiger Dank an meine Urgroßmutter Katharina und meine Großmutter Erika, die seit Jahrzehnten die Oberhäupter unserer Familie sind bzw. waren, alles zusammenhalten und mir gezeigt haben, was innere Stärke und Durchhaltevermögen ist.

Ich möchte mich auch bei einer ganz besondere Frau bedanken, die mich von meiner Geburt bis in mein Teenageralter begleitet hat und mir gezeigt hat, dass das Leben immer auch positive Seiten hat, egal wie viele Steine den Weg verbauen – danke Alice für alles was du zu deinen Lebzeiten für mich getan hast.

In tiefer Trauer und Betroffenheit geht ein Dank an meine Jugendfreundin Marie-Kristin, die während ich diese Arbeit geschrieben habe auf tragische Weise verunglückt ist. Ihr Mut, ihre Unabhängigkeit, ihre Ritterlichkeit und ihre Freude am Leben hat viele Menschen berührt und inspiriert – so auch mich. Deine Lebensart hat uns gezeigt, dass das Leben zu kurz ist, um von Ängsten erfüllt zu sein und frau deswegen jede Herausforderung annehmen sollte.

In diesem Rahmen möchte ich mich auch bei meinem Partner David und meinem besten Freund Rainer bedanken, die mich zu Höchstleistungen antreiben, meine Launen beim Arbeiten schreiben ertragen, mich bei meinen Zielen und Träumen immer bedingungslos unterstützen und bei jeder Niederlage, aber auch jedem Erfolg an meiner Seite stehen – Danke!

Das Beste kommt ja bekanntlich zum Schluss – danke Fee für deine Korrekturen und Anmerkungen, die meine Arbeit erst abgerundet haben.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

[Die Abbildungen sind nicht im Lieferumfang enthalten]

Bild 1: Naturromantische Inszenierung der traditionellen Frau

Bild 2: Die Frau in ihrer natürlichen Sphäre – der Natur

Bild 3: Klassische heteronormative (europäische) Kleinfamilie

Bild 4: Alltagsszene mit Begleittext über Liberale

Bild 5: Haushaltsführung mit in Szene gesetzten Messern

Bild 6: Provokation durch sexualisierte Darstellung

Bild 7: Einsatz von Aktivistin bei Demonstration

1. Einleitung

In den letzten Jahren haben sie es immer wieder die Schlagzeilen der österreichischen Medien geschafft – die Identitären Österreich. Sie inszenieren sich als friedfertige, jugendliche Protestbewegung und werden im österreichischen Vereinsregister als „Verein zur Erhaltung und Förderung kultureller Identität“ gelistet. Sie sehen sich selbst als ‚europäische Ureinwohner‘, deren Existenz durch Zuwanderung gefährdet wird.[1] Durch sonst für linke Gruppierungen übliche Protestformen und Störaktionen versuchen sie über das hinwegzutäuschen, was sie wirklich sind – rechtsextrem.[2]

Dem Alltagsbild vom Rechtsextremismus, als Männer in Springerstiefeln und mit Glatze, setzen sie Corporate Design, diskursive Strategien und ein weibliches Gesicht in der Außenkommunikation entgegen.[3] In Österreich gab es bis dato wenig außerparlamentarische rechtsextreme Gruppierungen und schon vor allem keine, die sich freiwillig den Medien und der Öffentlichkeit präsentieren. Aus diesem Grund haben die Identitären das Gesicht des Rechtsextremismus verändert. Durch Auftritte in den sozialen Medien, rhetorische Gewandtheit, die Positionierung von Frauen in der ersten Reihe bei Demonstrationen, aber auch beim Aufbau und der Vermarktung eigener (Kleidungs-)Produkte, stilisieren sie ein Bild der Harmlosigkeit und versuchen damit ihre Ideologie zu legitimieren und in der Mitte der Gesellschaft zu positionieren. In ihrer Argumentation stützen sie sich zunehmend auf frauenpolitische Themen und versuchen diese zu besetzen.[4]

Da der Rechtsextremismus für seine hierarchische Geschlechterordnung bekannt ist, Frauen nie gleichgestellt waren und immer ein offenkundiger Antifeminismus betrieben wurde, eröffnet sich die Frage, aus welchen Gründen sie frauenpolitische Themen zu besetzen versuchen und vor allem, wie. Es ergeben sich auch die Fragen, ob Frauen im ‚modernen‘ Rechtsextremismus tatsächlich eine andere Stellung einnehmen und wenn ja, welche? Welche Rollenbilder bieten sie an, sodass sie vermeintlich weiblicher wirken? Welche Bedeutung haben Frauen und frauenpolitische Themen für die Kommunikation der Identitären? Sind die diskursiven Strategien der Identitären immer noch antifeministisch, wie die ihrer Vorgänger, oder haben sie daran etwas verändert?

2. Forschungsdesign

2.1. Forschungsfragen

Aus diesem, in der Einleitung dargestellten, Erkenntnisinteresse lässt sich die folgende Forschungsfrage ableiten:

„Welche Bedeutung hat der Antifeminismus in den Strategien der Identitären Österreich?“

Da es sich bei den Identitären um ein relativ neues Phänomen handelt, lassen sich für diese Arbeit ‚allgemeine‘ Unterfragen formulieren und Unterfragen, welche sich spezifisch auf den Antifeminismus beziehen:

1. „Inwiefern unterscheiden sich die Identitären Österreich ideologisch vom ‚alten‘ Rechtsextremismus?“
2. „Inwiefern unterscheiden sich die Identitären Österreich in den Kommunikationsstrategien vom ‚alten‘ Rechtsextremismus?“
3. „Welche Geschlechterkonstruktionen und Identifikationsangebote konstruieren die Identitären Österreich?“
4. „Welche Formen des Antifeminismus verwenden die Identitären in ihrer strategischen Außenkommunikation?“
5. „Welche Ziele verfolgen die Identitären durch die Verwendung von Antifeminismus?“

2.2. Hypothesen – Thesen und Antithesen

Auf Basis der bisher durchgeführten Literatursichtung und persönlichen Alltagserfahrung lassen sich für die Detailfragen die folgenden Hypothesen und Antithesen[5] ableiten:

1. H1: „Die Identitären unterscheiden sich durch die Legitimationsquelle und die theoretische Fundierung ihrer Ideologie vom ‚alten‘ Rechtsextremismus.“ H01: „Die Identitären unterscheiden sich ideologisch nicht vom ‚alten’ Rechtsextremismus.“
2. H2: „In ihrer Außenkommunikation setzen die Identitären im Vergleich zum ‚alten‘ Rechtsextremismus mehr auf rhetorische und diskursive Strategien.“ H02: „Die Identitären unterscheiden sich in ihren Kommunikationsstrategien nicht vom ‚alten‘ Rechtsextremismus.“
3. H3: „Die Identitären konstruieren einen sehr traditionell-konservativen Geschlechterdualismus in einem heteronormativen Rahmen, unter Einbezug neuer Rollenbildvariationen.“ H03: „Die Identitären konstruieren keinen sehr traditionell-konservativen Geschlechterdualismus in einem heteronormativen Rahmen und bieten keine neuen Rollenbildvariationen.“
4. H4: „Die Identitären verwenden eine modernisierte und adaptierte Form des Antifeminismus in ihren Strategien der Außenkommunikation.“ H04: „Die Identitären verwenden keinen Antifeminismus in ihren Strategien der Außenkommunikation.“
5. H5: „Die Identitären versuchen durch die Verwendung von antifeministischer Argumentationslogik Anschluss in der Mitte der Gesellschaft zu finden.“ H05: „Die Identitären verfolgen keine Ziele durch die Verwendung von Antifeminismus.“

2.3. Methodik und Quellen

Da es sich bei dieser Arbeit um eine Literaturarbeit handelt, werden die angeführten Thesen und Antithesen mittels theoretischer Argumentation von Primär- und Sekundärliteratur überprüft. Die herangezogene Literatur wird dabei einer Quellenkritik unterzogen, wobei sowohl die Zitierwürdigkeit als auch die Zitierfähigkeit der jeweiligen Quellen geprüft wird. Um die Argumentation zu stützen, werden empirische Beispiele angeführt, welche die theoretischen Argumente in der Praxis überprüfen sollen. Dazu wird sowohl statistisches Datenmaterial verwendet als auch von den Identitären selbst veröffentlichtes Material wie Blog- und Social Media Einträge, Vlogs, Artikel oder auch Beiträge auf ihrer Website. Dabei wird auf das Material der Identitären Österreich und auf das der Identitären Deutschland zurückgegriffen. Die Identitären in Österreich sind als Gruppierung wesentlich größer und stärker als jene in Deutschland, weshalb sowohl ein Teil des deutschen Kaders als auch ein großer Teil des veröffentlichten Propagandamaterials aus Österreich stammt.[6]

Das erste Kapitel dieser Arbeit erstellt einen kurzen Überblick über die feministische Kommunikationswissenschaft, die Paradigmenwechsel und Forschungsansätze. Dies zeigt auf, wie Ansätze, die außerhalb des heteronormativen zweigeschlechtlichen Rahmens agierten, sich langsam einen Weg in die Wissenschaft gebahnt haben.

Das zweite Kapitel bildet eine Einführung in das junge Phänomen der Identitären. Dabei wird geklärt, warum sie sich in den Sammelbegriff der Neuen Rechten eingliedern und in wie weit sie sich ideologisch und strategisch vom klassischen Rechtsextremismus unterscheiden. Es wird eine Analyse der Divergenz zwischen Selbstbezeichnung und Inszenierung und wissenschaftlicher Einordnung dieser Gruppierung erfolgen. Bei den Strategien wird unter anderem ein Fokus auf ihrem Umgang mit den Medien und ihrer Außenkommunikation liegen.

Anschließend erfolgt eine Analyse ihrer Geschlechterkonstruktionen und Entwürfe, da diese essenziell für die ihre Kommunikation und des Antifeminismus sind. Dabei wird sowohl auf die Weiblichkeits- als auch auf Männlichkeitsentwürfe der Identitären Österreich vertiefend eingegangen.

Das darauffolgende Kapitel beschäftigt sich überblicksartig mit den modernen Spielarten des Antifeminismus, dessen Strategien und AkteurInnen, damit im letzten Kapitel eine Analyse des Einsatzes dieser Spielarten durch die Identitären erfolgen kann. Dabei soll vor allem die Bedeutung des Antifeminismus für ihre Strategien und dementsprechend die Verbreitung ihrer Ideologie erarbeitet werden.

Im finalen Kapitel werden die Thesen und Antithesen überprüft und ein finales Resümee gezogen, welches die Ausgangsbasis für weitere Forschungsarbeiten bildet.

2.4. Begriffsbestimmungen / Arbeitsbegriffe

In den Sozialwissenschaften gibt es selten eine Einigkeit bezüglich der Definitionen von Begriffen. Aufgrund dessen sollen die hier angeführten Begriffe und auch jene Begriffe, die innerhalb der Arbeit verwendet werden, als Arbeitsdefinitionen verstanden werden. Das Begriffsverständnis und die daraus abgeleiteten Interpretationen sind daher für diese Arbeit gültig, erheben allerdings keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

2.4.1. Antifeminismus

Unter Antifeminismus werden in dieser Arbeit all jene Prozesse verstanden, die sich als Gegnerschaft zum Feminismus, zur Geschlechtergerechtigkeit und vielfältigen Lebensentwürfen von Menschen und Familien verstehen und versuchen, diese zu bekämpfen. Ebenso lehnen sie die Frauen- und Geschlechterforschung und die Gleichstellung von Homosexuellen und Trans* ab. Zu den zentralen Strategien zählt dabei die Diffamierung der Emanzipation von gesellschaftlichen Gruppen, in dem sie als übertriebene ‚Political Correctness‘ dargestellt werden.[7]

Wichtig ist hier auch anzumerken, dass nicht jede Kritik am Feminismus gleich als Antifeminismus verstanden werden darf. Feminismus- oder auch Genderkritik setzt sich inhaltlich mit den Positionen aus dem Feminismus und der Geschlechterforschung auseinander und ist daher in einer pluralistischen Gesellschaft innerhalb des Diskurses auch zulässig. Der Antifeminismus hingegen leugnet die heteronormativen Grundstrukturen innerhalb der Gesellschaft, spricht feministischen KritikerInnen ihre Berechtigung ab und deklariert die androzentrische Sichtweise als universell gültig. Grundsätzlich können antifeministische Ansichten ihren Ursprung sehr wohl in der Feminismuskritik haben, allerdings werden diese Kritikpunkte aus dem Kontext gerissen, verallgemeinert und damit einfach verzerrt. Darin liegt der große Unterschied zwischen Antifeminismus und Feminismuskritik.[8]

2.4.2. Die Identitären

Die Identitären, oder, wie sie sich selbst bezeichnen ‚die Identitäre Bewegung‘, existieren erst seit 2012, also seit 7 Jahren und stellen damit ein relativ junges Phänomen dar. Es existieren zwar in vielen Ländern Europas Ableger-Gruppierungen der Ursprungsgruppe ‚Génération Identitaire‘ und sie sind international mit anderen rechtsextremen Gruppierungen vernetzt, allerdings sind sie nach Einstufung der Bewegungsforschung in den länderspezifischen Gruppen nicht groß genug, um sie tatsächlich als Bewegung einzustufen. Sie bezeichnen sich selbst zwar als Bewegung, erfüllen aber die Kriterien dazu eigentlich nicht, auch wenn sie über das Potential verfügen sich zu einer zu entwickeln.[9] Um ihnen in dieser Arbeit nicht mehr Größe zuzusprechen, als über welche sie wirklich verfügen, wird im weiteren Verlauf anstatt der Eigenbezeichnung ‚Identitäre Bewegung Österreich‘, der Terminus die ‚Identitären‘ verwendet.

3. Feministische Kommunikationswissenschaft – ein Umriss

In der feministischen Forschung und Theorie gab es seit deren Begründung drei große Paradigmen. Dieses Kapitel soll einen kurzen Überblick über deren Entwicklung und Schwerpunkte geben.

Der erste Ansatz ist der Gleichheitsansatz, der sich in der Theorienbildung im Rahmen der neuen Frauenbewegung Ende der 60er Jahre dann zur Egalitätstheorie entwickelte. Gemäß dem aufklärerischen Grundsatz gingen feministische ForscherInnen davon aus, dass alle Menschen gleich sind, unabhängig von ihrem Geschlecht und deswegen auch gleichbehandelt werden müssen. An der Zweigeschlechtlichkeit wurde damals noch festgehalten und Frauen als homogene Gruppe gedacht. Unterschiedliche Erfahrungen, Lebensarten, Bedürfnisse oder auch die inter- und intrasektionelle Verknüpfung wurden damals außer Acht gelassen. Im Fokus der Untersuchungen stand die Diskriminierung von Frauen sowie deren Definition als ‚Opfer‘ der Umstände. Es ging vor allem um das Aufdecken von blinden Flecken in der Wissenschaft, um die Ergänzung und Korrektur von bisherigen wissenschaftlichen Ergebnissen. In der feministischen Kommunikationswissenschaft standen zu der Zeit Studien zu Medieninhalten im Fokus, die sich mit der Darstellung von Frauen in den Medien und auch in der Werbung auseinandersetzten.[10]

Der Differenzansatz entwickelte sich in den 1980er Jahren als Kritik am Androzentrismus des Gleichheitsansatzes. Die Differenztheorie warf der Egalitätstheorie vor, unkritisch die männlichen Maßstäbe zu übernehmen. Sie vertraten die Ansicht, dass es sehr wohl einen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt und forderten die Anerkennung der Gleichwertigkeit von Männern und Frauen, sowie deren geschlechtsspezifische Förderung. Es wurden die Differenzen zwischen, aber auch innerhalb der Geschlechter erfasst. D.h. Frauen wurden nicht mehr als homogene Masse gesehen, sondern es kam zu expliziter Berücksichtigung von Unterschieden. Dennoch blieb das Konzept der binären Zweigeschlechtlichkeit erhalten. In der feministischen Kommunikationswissenschaft setzte sich diese Theorie besonders mit dem (unterschiedlichen) Medienverhalten auseinander. Sprich die Medienrezeption, -produktion und Präferenzen.[11]

In den neunziger Jahren wendete man sich von der binären Zweigeschlechtlichkeit ab und verstand unter dem Paradigma der de-/konstruktivistischen Ansätze Geschlecht als sozial, kulturell und historisch gewachsene Konstruktion. Die bis dahin als natürlich verstandene Verknüpfung und Übereinstimmung von Sex und Gender, also dem biologischen und dem sozialen Geschlecht, wurde infrage gestellt. Es kam zu einem Paradigmenwechsel hin zum Konzept des ‚Doing Gender‘, also wie Geschlecht durch bedeutungszuschreibende Prozesse immer und immer wieder neu hergestellt oder eben auch verändert werden kann. In diesem Zusammenhang wurde auch die Heteronormativität infrage gestellt. Also die Gleichsetzung und -schaltung von biologischem und sozialem Geschlecht und der sexuellen Orientierung, welche die heterosexuelle Orientierung als Norm zugrunde gelegt hat. ‚Doing Gender‘ wurde dann auch in der feministischen kommunikationswissenschaftlichen Forschung als Ausgangspunkt für die Untersuchungen gesetzt und stellte damit viele bisherige Ergebnisse erneut infrage gestellt.[12]

4. Die Identitären

Die Identitären zählen zu den neuesten Phänomenen im Rechtsextremismus. 2012 formierte sich die Génération Identitaire in Frankreich und begründete damit etwas, das es bis dato bei den Neuen Rechten noch nicht gab: eine aktionistische Gruppierung. Diese streute innerhalb kürzester Zeit Ableger in ganz Europa.[13] Ab Herbst 2012 schafften es auch die Identitären Österreich durch eine Störaktion erstmals in die breite mediale Berichterstattung im deutschsprachigen Raum.[14] Gerade für Österreich war dies eine Neuerung, weil es bis dahin so gut wie keine Aufmärsche von rechtsextremen Gruppierungen im außer- bzw. vorparlamentarischen Raum gab.[15]

Dies ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass es in Österreich eine überdurchschnittlich starke rechtsextremistische und rechtspopulistische Partei gibt – die FPÖ. In anderen europäischen Ländern wird der gewaltbereite Rechtsextremismus nicht durch die politischen Parteien abgedeckt, sondern durch außerparlamentarische Gruppierungen. In Österreich hingegen hat diesen die FPÖ abgedeckt, bzw. teilweise auch blockiert. Die parlamentarische Etablierung ist einer der Gründe dafür, weshalb der Rechtsextremismus in Österreich als besonders stark eingestuft wird, obwohl es im Vergleich zu den anderen Ländern in Europa relativ wenig rechtsextreme Gewalt gibt. Die Rekrutierungsbasis der FPÖ setzt sich größtenteils aus dem Milieu der schlagenden Studentenverbindungen zusammen, woraus eine spezifisch emännliche, heroische und sich duellierende Milieukultur hervorgeht, die den österreichischen Rechtsextremismus maßgeblich formt und auch im Ländervergleich einzigartig ist. Durch die lange Tradition der FPÖ hat sich in Österreich zusätzlich eine gewisse soziale Toleranz gegenüber dem Rechtsextremismus herausgebildet. Die FPÖ deckt mit der Abkehr vom Anschlussgedanken, dem latenten Antisemitismus, dem antimuslimischen Rassismus, dem generellen Feindbild von MigrantInnen und den ‚Fremden‘, dem Anti-Feminismus und den Anti-EU-Ansichten alle Thematiken ab, die sonst der vorparlamentarische oder auch außenparlamentarische Rechtsextremismus bedient. Umso überraschender kam die schnelle und vor allem starke Etablierung der Identitären Österreich.[16]

Durch die österreichische Tradition im Rechtsextremismus ist es daher auch kaum verwunderlich, dass sich der Kader der Identitären Österreich zu einem großen Teil aus jüngeren Burschenschaftern zusammensetzt, welche meist einem sozial-bürgerlichen und elitären Milieu entstammen.[17] Da es keine genauen bzw. einsehbaren Daten gibt, stützt sich die Quantifizierung der Personen im Kader auf Schätzungen. Insgesamt bestehen die Identitären Österreich aus einem 30 Personen Kader, 300 AktivistInnen und noch einmal in etwa 300 aktivierbaren Personen für Großaktionen.[18]

Um ein Verständnis für die Vorgehensweisen und Strategien der Identitären zu entwickeln, müssen zunächst deren Ideologie und Ziele behandelt werden. Das nächste Kapitel widmet sich daher den Grundzügen und Überlegungen der Identitären und deren Unterschieden und Gemeinsamkeiten mit dem ‚alten‘ Rechtsextremismus.

4.1. Die Neuen alten Rechten

Ihre Strategien leiten die Identitären aus den Konzepten der, seit den 1970er Jahren existierenden, französischen ‚Intellektuellen Neuen Rechten‘ ab. Diese umfassen sowohl die ‚Neuen Rechten‘ aus Frankreich als auch die ‚Konservative Revolution‘ aus Deutschland. Der wohl bekannteste Theoretiker und auch Begründer der Neuen Rechten ist Alain de Benoist, welcher 1985 schrieb:

„Die alte Rechte ist tot. Sie hat es wohl verdient. Sie ist daran zugrunde gegangen, daß sie von ihrem Erbe gelebt hat, von ihren Privilegien und von ihren Erinnerungen. Sie ist daran zugrunde gegangen, daß sie weder Wille noch Ziel hatte.“[19]

Mit diesem Zitat bringt er zum Ausdruck, dass der Terminus ‚rechts‘ mit dem Stigma des Rechtsextremismus belastet ist und deswegen den Rechten ein öffentlichkeitswirksames Auftreten verwehrt bleibt, da ihnen sonst gleich ein Vergleich mit dem Faschismus und Diskreditierung droht. Aus diesem Grund plädierte er für die Niederlegung der reaktionären Aktionsformen, welche lediglich eine kurzfristige Wirkung nach sich ziehen und ausschließlich das tagespolitische Geschehen betreffen. Er wollte die Rechten neu aufstellen, theoretisch fundieren und neu formatieren.[20]

Als neues Ziel für die (Neuen) Rechten betitelt er als die ‚Kulturrevolution von rechts‘ – die Übernahme der kulturellen Hegemonie. Er stütze seine theoretischen Überlegungen dabei auf den marxistischen Theoretiker Antonio Gramsci. Dieser stellte die Theorie auf, dass Revolutionen nur dann erfolgreich sein können, wenn eine Zivilgesellschaft vorhanden ist und man diese für sich gewinnen kann. Unter Zivilgesellschaft sind dabei Institutionen und Einrichtungen wie die Kirche, Medien, Gewerkschaften, Vereine und/oder Ähnliches zu verstehen. Sie sind es, die den Konsens der aktuellen Herrschaft aufrechterhalten und gegebenenfalls brechen können. Dazu muss die Zivilgesellschaft zum Umdenken bewegt werden. Ist dies erreicht, kann die aktuelle Herrschaft sich nur noch durch die Anwendung von Gewalt und Repression helfen. Damit ein solches Unterfangen allerdings umgesetzt werden kann, bedarf es an intellektueller Vorarbeit.[21] Im Gegensatz zur FPÖ verorten sich die Identitären damit also klar im nicht institutionalisierten politischen Raum d.h. im vor- oder außenparlamentarischen Raum. Sie setzen also demnach nicht darauf, innerhalb der institutionalisierten Politik etwas zu bewirken, sondern sie möchten direkt in der Mitte der Gesellschaft Einfluss nehmen.

Am Punkt der intellektuellen Vorarbeit in Gramscis Theorie, knüpft de Benoist an. Er setzt seine Überlegungen und die daraus resultierenden Strategien auf der Metaebene an. Er möchte, mittels metapolitischer Botschaften, etappenweise eine Transformation der gesellschaftlichen Werte zugunsten der Rechten erwirken und deren Übernahme der Meinungsführerschaft erreichen.[22] Das wollen die Neuen Rechten unter anderem durch die Aufweichung der Grenzen zwischen Rechtsextremismus und Rechtskonservatismus mittels partieller Intellektualisierung erreichen.[23] Anzumerken ist hierbei allerdings, dass ihr Begriff der Intellektualisierung dabei stark von jenem abweicht, den Gramsci in seinen ursprünglichen Schriften definiert hat. Da auch die Identitären sich zur Gruppe der Neuen Rechten zählen, definieren auch sie als ihre primäre Strategie die diskursive Arbeit, durch welche sie versuchen in die Köpfe der kulturellen Eliten vorzudringen und sie für ihre Ideologie zu gewinnen.[24]

Martin Sellner, Obmann und Sprecher der Identitären Österreich, sagte dazu auch in einem Vortag im Rahmen der 17. Winterakademie des Instituts für Staatspolitik:

„Ich glaube, dass die kulturelle Hegemonie, dass die metapolitische Macht noch niemals so entscheidend war wie heute. Wir haben eine Art Priesterherrschaft der multikulturellen Ideologie und der Raum des Sagbaren und des Machbaren und die Art und Weise wie man seine eigene Sprache feintunen muss, um nicht über solche Grenzen zu schreiten, das wird jeden Tag schärfer, enger und prekärer. Und im Endeffekt ist es auch so, dass die Informationstechnologie, die Überschüttung mit Informationen, die neuen Möglichkeiten der Medien ebenso dazu geführt haben, dass die Analyse, die Gramsci getätigt hat, die eine der ersten geistigen Befruchtung für Alain de Benoist waren, sich heute massiv verschärft hat. Die eigentliche Quelle der Macht und das eigentliche Zentrum der Macht in den westlichen europäischen Gesellschaften, das ist die kulturelle Hegemonie. Das ist das, was tagtäglich in der Zeitung geschrieben wird, was in Liedern produziert wird, in Popsongs produziert wird, in Kinofilmen hervorgebracht wird, was unsere öffentliche Meinung bildet und was genau diesen Raum des Diskurses aufmacht.“[25]

Das heißt, auch die Identitären bekennen sich klar zu den ‚Neuen Rechten‘ und dem Ziel der kulturellen Hegemonie, was wiederum ihre Strategien und Kommunikation nachhaltig prägt und formt. Anzumerken sei hierbei auch gleich die Formulierung des ‚Feindbildes‘ von Political Correctness in Form von Sprache, gegen das es anzukämpfen gilt und das einen ersten Hinweis auf die antimoderne, antiliberale und antiemanzipatorische Haltung dieser Gruppierung gibt.

4.2. Neue Formulierungen, alter ideologischer Kern

Wie bereits erwähnt, stilisieren sich die Identitären als Jugendbewegung der Neuen Rechten. Es darf allerdings nicht der Fehler begangen werden, die Neuen Rechten als homogene Gruppe zu betrachten. Es gibt innerhalb dieser Gruppierung eine Vielzahl an Variationen in den Ideologien und deren ‚Legitimationsargumenten‘ sowie den Aktionsmustern und Strategien. Dennoch gibt es einige Merkmale, welche alle Gruppen innerhalb dieser Bezeichnung eint und damit den kleinsten gemeinsamen Nenner darstellen. Sie alle postulieren die Konzepte der anthropologischen Ungleichheit, des Anti-Individualismus, des Freund-Feind-Denkens, des Ethnopluralismus, sowie eine Ablehnung gegenüber dem Universalismus, dem Pluralismus, dem Liberalismus und dem Parlamentarismus. Die Stärke der Ausprägung der einzelnen Aspekte kann zwar variieren, dennoch bedingen und verstärken sie sich alle gegenseitig und tragen maßgeblich zur Legitimation der Ideologie bei.[26]

Eine der Kernstrategien der Identitären ist, sich vom Nationalsozialismus abzugrenzen und sich stattdessen als anschlussfähige patriotische Jugendgruppe des modernisierten völkischen Nationalismus zu inszenieren.[27]

Daraus ergibt sich, dass sie ihr Nationskonzept nicht mehr aus einer ‚Rassenideologie‘ ableiten, sondern sich stattdessen auf eine kulturelle Abgrenzung beziehen – den sogenannten Ethnopluralismus. Das Konzept des Ethnopluralismus basiert auf der Vorstellung, dass jedes Individuum durch die Zughörigkeit zu einer Nation oder einem ‚Volk‘ gewisse Rechte zugesprochen bekommt, die allerdings nur innerhalb dieser Grenzen gelten. Das schließt wiederum das Konzept von universalen Rechten, wie es zum Beispiel die Menschenrechte sind, konsequent aus. Sie propagieren also die ‚Vielfalt der Kulturen‘, aber nur unter dem Vorsatz, dass jede Kultur ihr eigenes ‚Revier‘, also flächenmäßiges Gebiet hat. Im gleichen Atemzug wird jedoch auch betont, dass jede Vermischung der Kulturen gefährlich ist.[28]

Die Identitären Österreich bezeichnen sich selbst als „aktivste und größte patriotische NGO des Landes“[29] mit dem Ziel die kulturelle Identität Europas zu erhalten.

„Patriotismus ist die Voraussetzung für eine Welt der Vielfalt mit ihren tausend Traditionen, Kulturen und Völkern. Wir glauben an den Wert unseres ethnokulturellen Erbes und fordern, dass auch wir Österreicher und Europäer einen festen Platz in der Welt haben. Wir fördern regionale Bräuche, Dialekte und Traditionen, die in ihrer Gesamtheit den Reichtum der Menschheit ausmachen.“[30]

Dieses Zitat zeigt einerseits ihre ganz klar antimoderne und rassistische Ideologie, aber andererseits auch eine ihrer Kernstrategien: das Umdeuten und Neubesetzen von Begriffen.

Der Begriff des Patriotismus wird in den USA durchweg positiv aufgefasst, in Europa hingegen nicht. Die Identitären versuchen ihn neu und vor allem positiv zu besetzen, aber gleichzeitig rufen sie auch dazu auf, sich gegen ‚fremde Übergriffe‘ zu wehren – wenn nötig, auch mit Gewalt. Sie verschieben den Diskurs hin zu einem Untergangsszenario, in dem sie Europa so darstellen, als wäre es dem Untergang geweiht und sie wären die letzten RetterInnen.

Unser Europa liegt im Sterben. Unsere Zukunft ist bedroht. […] Wir stehen bereit für die Rückeroberung.[31]

Neben der diskursiven Aufbereitung treffen die Identitären allerdings auch reelle Vorbereitungen, in Form von Kampfsporttrainings und Waffen- bzw. Schießübungen. Sie trainieren für einen vermeintlichen Ernstfall, damit sie die Bereitschaft und Kompetenz besitzen, Europa zu verteidigen und dessen Untergang zu verhindern. Dazu sagte Martin Sellner in einem Mobilisierungsvideo:

„Wir sind die Jugend, die nicht mehr zurückweicht!“[32]

Die gewaltbereite Mobilisierung durch die Identitären ist einer der Gründe weshalb sie auch „Generation Breivik“ genannt werden.[33]

Bei jeder Gelegenheit versuchen sich die Identitären öffentlich vom Nationalsozialismus, Antisemitismus und Rassismus distanzieren, während sie gleichzeitig auch eine strikte Trennlinie zwischen sich und den MarxistInnen sowie den Linken ziehen. Sie selbst positionieren sich auf der politischen links-rechts Skala in der Mitte, also nicht links und nicht rechts. Um dem Ganzen Wirkung zu verleihen, versetzen sie sich selbst in die Opfer- bzw. Minderheitenrolle und inszenieren die Linken als repressive Elite, die weder Meinungs- noch Entscheidungsfreiheit zulässt.[34]

Entgegen ihrer Selbstbeschreibung als nicht links und nicht rechts, werden sie in wissenschaftlichen Kreisen sehr wohl als rechtsextreme Gruppierung eingestuft. Denn Rechtsextremismus darf nicht als statisches Phänomen betrachtet werden, sondern viel mehr als inhaltlich und strategisch flexibel in seiner Erscheinungsform und anpassungsfähig gegenüber den hegemonialen gesellschaftlichen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen. In Österreich kam es in den Neunzigern zu noch restriktiveren (Wiederbetätigungs-)Verbotsgesetzen, was rechtsextreme Propaganda besonders schwierig macht. Hierbei soll im ‚modernen‘ Rechtsextremismus die Intellektualisierung Abhilfe leisten. Durch die subtilere Kommunikation können die Inhalte anders präsentiert und auch die Kommunikation intersektionaler ausgerichtet werden, dennoch bleibt die Ideologie im Kern gleich. Der moderne Rechtsextremismus ist also der alte Rechtsextremismus in neuem Gewand.[35]

Die Identitären sind aufgrund mehrerer Aspekte als rechtsextrem zu verorten. Sie stehen für die Idee eines geschlossen homogenen ‚Volkes‘ und treten in der Öffentlichkeit klar gegen eine offene und pluralistische Gesellschaft auf. Ihre Ideologie enthält Elemente, die sich gegen das Konzept der Gleichheit aller Menschen richtet und damit klar antidemokratisch und antiemanzipatorisch sind. Für die Identitären gibt es eine klare Ungleichheit zwischen den ‚Völkern‘ und damit auch zwischen den Menschen.[36] Sie bezeichnen moderne Gesellschaften, welche sich für die Gleichheit aller Menschen und Lebensformen einsetzen, als repressiv, obwohl ihre Idealisierung eines nationalen Kollektivs noch enger gefasst ist und damit noch repressiver ausfällt.[37]

Wie bereits weiter oben erwähnt, konstruieren sie ihren Rassismus nicht anhand der Überlegenheit der eigenen ‚Rasse‘, sondern verschieben diese Konstruktion auf das Unterscheidungsmerkmal der Kulturen. Die Identitären denken daher nicht mehr in ‚Rassen‘, sondern in ‚Völkern‘ die sie als natürlich gewachsene und ursprüngliche Gemeinschaftsform verstehen. Wie auch schon zu Zeiten des Nationalsozialismus werden die einzelnen ‚Völker‘ als Organismen verstanden, die entweder krank oder gesund sein können. Die einzelnen Subjekte innerhalb dieser Konstruktion haben sich dem Schicksal der Gemeinschaft zu fügen, sich dem Kollektiv unterzuordnen und ihr Handeln genau nach diesem Schicksal auszurichten. In einem weiteren Schritt kommt es zur Mystifizierung dieses ‚Volkes‘, welches sich den Bedrohungen der Zeit zu stellen hat.[38]

Als Bedrohung und Feindbild gilt alles, was die kulturelle Identität des ‚Volkes‘, also dessen höchstes Gut, gefährdet. Sei es die Globalisierung, die Zuwanderung oder auch die Emanzipation. Die ursprüngliche Form der ‚Volksgemeinschaft‘ ist nach Logik der Identitären die einzig zu tolerierende Lebensart und die Methode zur Rückkehr in eine Zeit vor der, als zerstörerisch erachteten, dekadenten Moderne. Die hier dargelegte Ordnung ist patriarchal-hierarchisch und konstruiert sich entlang völkisch-nationalistischer Kriterien. Harmonie innerhalb der Gemeinschaft wird durch die Unterordnung der einzelnen Individuen unter die Interessen des Gemeinwohls erzwungen. Der Staat löst Konflikte und Gegensätze durch demonstrierte Stärke in Form von Gewalt und Autorität unter dem Deckmantel des Wohles aller. In einem antidemokratischen und autoritären Transformationsprozess wird die Gesellschaft durch eine Gemeinschaft abgelöst. Heimat und Tradition fungieren dabei als Rechtfertigung für die Abwendung und Ablehnung von moderner Kunst und modernen Lebensformen.[39] Zygmunt Bauman definierte dies als neue Form politischer Utopien und bezeichnete sie als Retrotopien. Dies sind für ihn:

„Visionen, die sich anders als ihre Vorläufer nicht mehr aus einer noch ausstehenden und deshalb inexistenten Zukunft speisen, sondern aus der verlorenen/geraubten/verwaisten, jedenfalls untoten Vergangenheit.“[40]

Die Identitären imaginieren dabei eine vormoderne, vorkapitalistische und vordemokratische Gemeinschaft, welche in Idylle und ohne Konflikte zusammenlebt und zeitlich irgendwo zwischen dem Mittelalter und dem Nationalsozialismus zu verorten ist.[41]

4.2.1. Wo ein ‚Wir‘ da auch ein ‚Sie‘

Jede rassistische Ideologie verfügt über eine Wir- und eine Sie-Gruppe, wobei die Wir-Gruppe dabei systematisch und hierarchisch der Sie-Gruppe übergeordnet wird. Dieses Konzept stellt grundsätzlich nichts neues dar. Neu ist allerdings der Ein- und Ausschlussmechanismus, welcher bei den Neuen Rechten und vor allem auch bei den Identitären über die Konfliktlinie von Geschlecht und Begehren verläuft.[42]

Chantal Mouffe schrieb 2007, dass die Aufgabe von demokratischer Politik nicht die Konsensfindung ist, wodurch vermeintlich Wir-Sie-Unterscheidungen überwunden werden können. Dies ist realpolitisch auch schlichtweg nicht realisierbar. Stattdessen wäre es die Aufgabe einen legitimen demokratischen Rahmen zu schaffen, in dem Konfrontationen ausgetragen werden können. Wichtig dabei ist nach Mouffe, dass sich die beiden Opponenten innerhalb dieses Rahmens als Gegner und nicht als Feinde begegnen. Sich also als Konkurrenten wahrnehmen, die sich auf derselben demokratisch legitimierten Basis befinden und dennoch friedlich ihre Konflikte austragen können. Dieses Konzept fasst sie unter dem Begriff Agonismus zusammen.[43]

Als problematische Entwicklung dieser Zeit bezeichnet Mouffe die sozialdemokratische Orientierung an der politischen Mitte an. Sie sieht darin eine Stilllegung des Politischen. Denn wenn die Volksparteien immer nur einen Konsens suchen, anstatt in die politische Konfrontation zu gehen und politische Kontroverse auszutragen, bildet sich eine Leerstelle. Genau diese Leerstelle wissen rechtsextreme Parteien, oder eben auch vorparlamentarische Gruppen wie die Identitären für sich zu nutzen. Sie konstruieren einen Antagonismus zwischen dem ‚Volk‘ und den ‚Eliten‘ und nutzen diesen zur aktiven politischen Mobilisierung.[44]

Im Gegensatz zu Mouffe sehen die Neuen Rechten und eben auch die Identitären in ihren Opponenten keine Konkurrenten oder Gegner, sondern öffentliche Feinde, die es zu bekämpfen gilt. Sie beziehen sich auf den Theoretiker Carl Schmitt, welcher nach dem Nationalsozialismus als persona non grata herabgesetzt wurde. Er galt nämlich als einer der theoretischen Begründer des Führerstaats.[45]

Um zu unterscheiden wer zur ‚Wir-‚ und wer zur ‚Sie‘-Gruppe gehört greifen die Identitären auf eine ethnisch-kulturelle Fundierung zurück – nämlich auf das ‚Volk‘. Dieses gilt es unter allen Umständen zu schützen. Dem ‚Volk‘, dem Staat und der Gemeinschaft liegt die heterosexuelle Kernfamilie zugrunde, denn ohne Reproduktion kann sich ein ‚Volk‘ nicht erhalten. Damit gehen wiederum diskursive Argumente unter Berufung auf einen natürlichen Geschlechterdualismus unter einem heteronormativen Vorzeichen einher.[46] Sie fordern in diesem Zusammenhang die Rückbesinnung auf die gemeinsame Identität, Tradition und Geschichte, also auf das Volk und fordern eine Abwendung vom ihrer Meinung nach vorherrschenden Individualismus und der Entsolidarisierung.[47] Die allgemeine Verunsicherung in Zeiten der zunehmenden sozialen Ungleichheit, zunehmenden Arbeitslosigkeit und Armut werden genutzt und mittels diskursiver Verbindungen von Geschlecht, Ethnizität, Nationalität und Migration auf die ‚Anderen‘ projiziert. Diese Politik der Angst nutzt den Identitären dahingehend, als dass sie sich selbst zum ‚Wir‘ aufwerten und hierarchisch über den ‚Anderen‘, den ‚Fremden‘ positionieren können.[48] Die Geschlechterkonzepte der Identitären fungieren also als leerer Signifikant, der durch ‚Othering‘ die neuen Vorstellungen von Gesellschaft, Staat und Politik etablieren und so zu einer Veränderung der hegemonialen Verhältnisse führen kann.[49]

4.3. Jung, hip und harmlos vs. altmodisch, konservativ und rechts – die Strategien der Identitären

Das große Problem welches die ‚alten‘ Rechtsextremen bis dato hatten, war, dass sie nicht salonfähig waren. Sie haben keine Anknüpfungspunkte und Schnittstellen in der Mitte der Gesellschaft gefunden, an welchen sie am ‚Commonsense‘ der Gesellschaft anschließen konnten.

Wenn an Rechtsextremismus gedacht wird, fallen meist zunächst die Vorstellungen von Männern mit Springerstiefeln, Glatzen und Baseballschlägern. Die Identitären hingegen, nehmen von der Vermittlung ihrer Botschaften durch das Tragen von spezifischer Kleidung und Insignien abstand. Eine Strategie, die bei den Frauen in der rechtsextremen Szene schon länger angewendet wird, um in gesellschaftliche Räume vorzudringen, in denen der Rechtsextremismus sonst keinen Zugang hätte. Die Identitären setzen auf eine unauffällige Erscheinung. Sie kleiden sich wie die meisten jungen Menschen in ihrem Alter auch.[50]

[...]


[1] Vgl. Wirth, o.J.a

[2] Vgl. Röpke, 2018, S. 17

[3] Vgl. Röpke, 2018, 17 ff.

[4] Vgl. Fink et al., 2018

[5] Im weiteren Verlauf wird für die Hypothesen die Abkürzung ‚H‘ verwendet und für die Antithesen ‚H0‘.

[6] Vgl. Weiß, 2017, S. 94

[7] Vgl. Rahner, 2018, S. 7

[8] Vgl. Lang et al., 2018, S. 342

[9] Vgl. Hentges et al., 2014, S. 1

[10] Vgl. Moser, 2013, S. 209 f.

[11] Vgl. Moser, 2013, S. 210 f.

[12] Vgl. Dorer et al., 2008, S. 105 ff.

[13] Vgl. Bruns et al., 2015, S. 209

[14] Vgl. Röpke, 2018, S. 17

[15] Vgl. Bonvalot, 2018, S. 213

[16] Vgl. Pelinka, 2013, S. 3 ff.

[17] Vgl. Bonvalot, 2018, S. 221

[18] Vgl. Bruns et al., 2017, S. 103

[19] De Benoist, 2017/1985, S. 29

[20] Vgl. De Benoist, 2017/1985, S. 14 ff.

[21] Vgl. Bruns et al., 2017, S. 244

[22] Vgl. Book, 2018, S. 115

[23] Vgl. Gessenharter, 1989, S. 424 ff.

[24] Vgl. Bruns et al., 2017, S. 245

[25] Sellner, 2017a

[26] Vgl. Bruns et al., 2017, S. 27 ff.

[27] Vgl. Winkler, 2018, S. 31

[28] Vgl. Bruns et al., 2017, S. 286 f.

[29] IBÖ, o.J.a.

[30] IBÖ, o.J.a.

[31] IBD, 2016

[32] IBÖ, 2015

[33] Vgl. Bonvalot, 2018, S. 215 ff.

[34] Vgl. Bruns et al., 2017, S. 13 f.

[35] Vgl. Winkler, 2018, S. 36 f. und Holzer, 1993, S. 31-58 und Schiedel, 2014, S. 116-119

[36] Siehe hierzu auch Sellner, 2013

[37] Vgl. Winkler, 2018, S. 79 ff.

[38] Vgl. Winkler, 2018, S. 79 ff.

[39] Vgl. Winkler, 2018, S. 79 ff.

[40] Bauman, 2017, S. 13

[41] Vgl. Winkler, 2018, S. 79 ff.

[42] Vgl. Sauer, 2017, S. 10

[43] Vgl. Mouffe, 2007, S. 12 ff.

[44] Vgl. Mouffe, 2008, S. 85 f. zit. nach Sauer, 2017, S. 6

[45] Vgl. Schmitt, 1963 / 1932, 26 ff.

[46] Vgl. Sauer, 2017, S. 10

[47] Vgl. Bruns et al., 2017, S. 218 ff.

[48] Vgl. Schmitt, 1963 / 1932, 20 ff.

[49] Vgl. Sauer, 2017, S. 7 ff.

[50] Vgl. Sigl, 2018, S. 169

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Recht–SEX–tremismus. Zur Bedeutung des Antifeminismus in den Strategien des außerparlamentarischen Rechtsextremismus in Österreich anhand der Identitären
Hochschule
Universität Wien  (Publizistik- und Kommunikationswissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
75
Katalognummer
V509070
ISBN (eBook)
9783346079718
ISBN (Buch)
9783346079725
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rechtsextremismus, Geschlecht, Antifeminismus, Identitäre Österreich, Geschlechterbilder
Arbeit zitieren
Alena Eller (Autor:in), 2019, Recht–SEX–tremismus. Zur Bedeutung des Antifeminismus in den Strategien des außerparlamentarischen Rechtsextremismus in Österreich anhand der Identitären, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509070

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