Das Zeitmotiv in "Das kleine Gespenst" von Otfried Preußler. Die Rolle der inneren Uhr


Hausarbeit, 2017
13 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die innere Uhr
2.1 Die Kirchturmuhr
2.2 Tag- und Nachtgespenst

3 Die Nacht
3.1 Die Eule als Nachttier
3.2 Das Vertraute

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Kinderbuch Das kleine Gespenst von Ottfried Preußler aus dem Jahre 1966 ist die Zeit ein wichtiges Motiv. Die Kirchturmuhr im Rathaus der Stadt Eulenberg sorgt vermutlich seit hunderten von Jahren dafür, dass das kleine Gespenst nur nachts zur Geisterstunde zwischen 00:00 und 01:00 Uhr auf der Burg Eulenstein aufwacht. Den Rest der Nacht und den gesamten Tag schläft es in seiner Truhe.1 Da das kleine Gespenst somit von der Kirchturmuhr abhängig ist, kann diese als seine innere Uhr gesehen werden. Der Begriff der sogenannten inneren Uhr oder auch biologischen Uhr stammt aus der Chronobiologie. Die innere Uhr steuert demnach den Tag-Nacht-Rhythmus jedes Lebewesens.2 Die Kirchturmuhr steuert somit den Lebensrhythmus des kleinen Gespenstes und kontrolliert, wann es aufwacht. Als die Kirchturmuhr durch Bauarbeiten um zwölf Stunden zurückgestellt wird, ändert sich deshalb auch der Lebensrhythmus des Gespenstes.3 Dadurch erwacht es nur noch zu seiner neuen Geisterstunde zwischen 12:00 und 13:00 Uhr.4 Durch die Veränderung seiner wachen Zeit wandelt sich das kleine Gespenst von einem Nachtgespenst zu einem Taggespenst.

Diese Wandlung soll im Folgenden untersucht werden. Die Analyse bezieht sich darauf, inwiefern die Kirchturmuhr als innere Uhr des kleinen Gespenstes dient und welche Auswirkungen die Zeitumstellung der Kirchturmuhr auf es hat. Dabei spielen die Gegensätze Sonne und Mond, Tag und Nacht, schwarz und weiß, sowie Mittag und Mitternacht eine entscheidende Rolle. In Kapitel 2 wird zunächst das Motiv der Zeit näher betrachtet. Dabei wird die Funktion der inneren Uhr auf die Kirchturmuhr angewandt und erläutert, inwiefern sie mit dem kleinen Gespenst in Verbindung steht. Im Folgenden wird die Wandlung des Gespenstes von einem Nachtgespenst zu einem Taggespenst untersucht und die körperlichen und seelischen Auswirkungen dessen dargestellt. Danach wird in Kapitel 3 das Motiv der Nacht im positiven Sinne erläutert. Insbesondere auf die Eule als Nachttier und Vertrauter des kleinen Gespenstes wird dabei eingegangen. Zusätzlich ist die Rolle des Uhus Schuhu für den Ausgang der Geschichte besonders interessant. Zuletzt wird das Vertraute an der Nacht und gleichzeitig das Fremde am Tag für das kleine Gespenst näher betrachtet und erklärt, weshalb es seinen eigenen Lebensrhythmus beibehalten und nicht wieder verändern sollte.

2 Die innere Uhr

Die innere Uhr von Lebewesen wird in der Chronobiologie als Antriebskraft für das Leben gesehen und ihre Nichtbeachtung kann zu körperlichen und seelischen Krankheiten führen.5 Die Uhr an sich steht für Körper, Ewigkeit und Lebenszeit.6 Diese Bedeutungen zeigen sich in der Verbindung vom kleinen Gespenst und der Kirchturmuhr. Im Folgenden geht es darum, welche Funktion das Motiv der Zeit in der Geschichte einnimmt.

2.1 Die Kirchturmuhr

Die Kirchturmuhr löst die Veränderung des kleinen Gespenstes von einem Nachtgespenst zu einem Taggespenst aus. Der Uhu Schuhu weiß, „dass zu jedem Gespenst auf Erden eine bestimmte Uhr gehört und dass es allein von dem Gang dieser einen Uhr abhängt, wann das Gespenst erwacht und wieder einschläft.“7 Die Kirchturmuhr gehört als innere Uhr zu dem kleinen Gespenst und steuert deshalb seine wache Zeit.8 Das Gespenst weiß aber nichts von seiner inneren Uhr und kann sich seine Veränderung von einem Nachtgespenst zu einem Taggespenst daher auch nicht erklären.9 Da es schon seit hunderten von Jahren auf Burg Eulenstein geistert, scheint die Kirchturmuhr genauso lange in der Stadt Eulenberg zu stehen.10 Obwohl es so alt ist, ist die Zeit sehr kostbar für das kleine Gespenst. Es wacht jeden Tag nur für eine Stunde auf. Daher könnte man sagen, dass das Gespenst noch gar nicht so alt ist und seine wache Zeit mit seiner Lebenszeit gleichzusetzen ist. Das würde auch erklären, weshalb es sich wie ein kleines Kind benimmt. Weil seine wache Zeit immerzu gleich bei Nacht abläuft, langweilt es sich mittlerweile und will ein Abenteuer erleben.11 Die einzige Erfahrung, die dem kleinen Gespenst als Nachtgespenst verwehrt bleibt, ist bei Tag aufzuwachen. Das kleine Gespenst versucht deshalb eine Veränderung zu erzwingen, indem es sich von Torstensons Uhr wecken lassen will.12 Das funktioniert aber nicht, weil es sich nicht um seine eigene Uhr handelt. Das kleine Gespenst könnte jede beliebige Uhr neben sich klingeln lassen und es würde trotzdem erst aufwachen, wenn die Kirchturmuhr zwölf schlägt. Seine innere Uhr ist auf die Nacht eingestellt und deshalb soll es nicht bei Tag aufwachen. „Doch was vermag so ein kleines Nachtgespenst gegen seine Natur?“13 Die Nacht, beziehungsweise die Mitternacht, ist seine natürliche Zeit, da es ein Nachtgespenst ist. Genauso ist der Tag, beziehungsweise der Mittag, die natürliche Zeit eines Taggespenstes. Der Mittag symbolisiert oft das Dämonische, den drohenden Tod und die Erkenntnis.14 Dies verdeutlicht die Bedeutung des Mittags für das Gespenst. Zum einen macht der Tag es krank, aber zum anderen sorgt er dadurch auch für die Erkenntnis, dass es für diese Zeit nicht geschaffen ist. Außerdem verbindet diese Symbolik den Mittag mit der Mitternacht, die beide eine Geisterstunde darstellen. Jedoch ist die Geisterstunde von 00:00 bis 01:00 Uhr die natürliche Geisterstunde des kleinen Gespenstes und nicht die Geisterstunde von 12:00 bis 13:00 Uhr. Gegen seine Natur sollte es nicht ankämpfen. Da jedes Lebewesen zu einer bestimmten Zeit am produktivsten ist, sollte es diese Zeit auch beibehalten.15 Weil die Neugierde des kleinen Gespenstes auf den Tag aber zu groß wird, besiegt es seine eigene Natur. Die Kirchturmuhr wird zwar durch Bauarbeiten um zwölf Stunden zurückgestellt, aber man könnte sagen, dass der Wille des Gespenstes dafür gesorgt hat.16 Bis zu diesem Zeitpunkt scheint die Kirchturmuhr noch nie verstellt worden zu sein. Sonst wäre das kleine Gespenst schon vorher einmal zu einer anderen Zeit aufgewacht.

Die Geisterstunde des Gespenstes verlagert sich durch die Zeitumstellung der Kirchturmuhr von der Nacht in den Tag. „‘In Wirklichkeit geht die Rathausuhr seither um zwölf Stunden nach: Wenn es Mitternacht ist, schlägt sie Mittag, und wenn es Mittag ist, schlägt sie Mitternacht!‘“17 Am Mittag steht die Sonne am höchsten. Die Sonne symbolisiert das Leben, die Erkenntnis und Selbstreflexion. Außerdem ist sie die Voraussetzung für organisches Leben.18 Weil das kleine Gespenst nicht organisch oder überhaupt lebendig ist, hat es keine Verbindung zur Sonne. Der Mittag ist der Gegensatz zur Mitternacht, wo wiederum der Mond am höchsten steht. Der Mond symbolisiert die Nacht, Freundlichkeit und Liebe.19 Deshalb hat das Gespenst als Nachtgespenst eine Verbindung zum Mond. Der Mond und die Sonne wechseln sich genauso wie der Mittag und die Mitternacht ab. Diese Gegensätze verdeutlichen die extreme Wandlung des Gespenstes. Der Mittag ist gleichzeitig Höhepunkt und Wendepunkt des Tages und sorgt auch für einen Wendepunkt im Leben des kleinen Gespenstes. Es muss die Erfahrung machen, wie es ist als Taggespenst zu leben. Dadurch erkennt es im Endeffekt, dass es nur bei Nacht zufrieden sein kann und nicht gegen seine innere Uhr ankämpfen sollte.20 Nur wenn es mit seiner inneren Uhr zusammenarbeitet kann es wieder gesund und zufrieden werden. Das kleine Gespenst schafft es jedoch nicht von allein wieder zu seinem Lebensrhythmus zurückzukehren.

Wie von seiner inneren Uhr gerufen, findet das Gespenst seinen Weg ins Rathaus.21 Gleichzeitig wird es immer weiter von seinem eigentlichen Zuhause weggeführt. Als Nachtgespenst lebt es in einer ruhigen Burg und als Taggespenst mitten in einer belebten Stadt. Dies ist somit ein weiterer Gegensatz, der die Wandlung des Gespenstes verdeutlicht. Das Rathaus ist ein wichtiger diegetischer Raum, aber auch ein metaphorischer Raum.22 Die Kirchturmuhr befindet sich im Rathaus, dem Mittelpunkt der Stadt und ist gleichzeitig auch der Mittelpunkt im Leben des kleinen Gespenstes. Ohne es zu wissen, gelangt das Gespenst damit an den Ort, an dem es seine Probleme lösen könnte. Es wird von seiner kaputten, inneren Uhr gewissermaßen angezogen und landet mitten im Uhrenkasten der Kirchturmuhr. „Im Gehäuse der Rathausuhr lag es sich allerdings etwas unbequem und das ständige Schnarren und Knocken im Räderwerk störte das kleine Gespenst beim Einschlafen.“23 Dieses unangenehme und störende Gefühl unterstreicht, wie es dem Gespenst in seinem neuen Lebensrhythmus ergeht. Die Kirchturmuhr macht damit auf sich aufmerksam, aber das kleine Gespenst erkennt nicht, dass sie seine innere Uhr ist. Sonst hätte es seine Zeit selbst wieder richtigstellen können.

2.2 Tag- und Nachtgespenst

Die Veränderung von einem Nachtgespenst zu einem Taggespenst bringt für das Gespenst viele Probleme mit sich. Zunächst freut es sich darauf die Welt endlich bei Sonnenlicht zu sehen.24 Die Freude verschwindet aber schnell als es die Sonne wirklich sieht. „Das fremde Licht draußen war so grell, dass sich das kleine Gespenst erst langsam daran gewöhnen musste.“25 Als Nachtgespenst ist es nur das Mondlicht gewöhnt, das viel sanfter ist als das Sonnenlicht. Das hat der Uhu Schuhu ihm auch erklärt, aber das Gespenst wollte nicht auf seinen Freund hören.26 Da es als Gespenst schon tot ist, denkt es nicht über mögliche Konsequenzen nach. Dies zeigt wieder sein kindliches Benehmen. „Und außerdem bin ich unverwundbar. Was soll mir da schon geschehen?“27 Auch wenn das kleine Gespenst nicht sterben kann, kann es dennoch durch eine extreme Änderung seines Lebensrhythmus krank werden.

„Dazu können Schlafstörungen, Schleier vor den Augen und Kopfschmerzen gehören. […] Wir sind ständig müde, fühlen uns desorientiert und leiden vielleicht sogar unter einem milden Gedächtnisverlust.“28

Als das kleine Gespenst vom ersten Sonnenstrahl berührt wird, wird es schlagartig krank.29 Es fühlt sich genauso, wie zuvor beschrieben. Das könnte daran liegen, dass es zum ersten Mal zu einer anderen Zeit aufwacht. Für das Gespenst muss es sich so anfühlen, als ob es mitten aus dem Schlaf gerissen wurde. „Äußerlich sehen wir ziemlich ähnlich aus, ob es Mittag oder Mitternacht ist. Innerlich sind wir tags und nachts so verschieden, wie der Tag sich von der Nacht unterscheidet.“30 Diese Veränderung lässt sich laut Carol Orlock mit den Folgen der Schichtarbeit vergleichen.31 Weil das kleine Gespenst zuvor immer nur in der Nachtschicht gearbeitet hat, fällt es ihm schwer sich an die Frühschicht zu gewöhnen. Deswegen macht ihn sein neuer Lebensrhythmus innerlich müde und schlapp. Es findet sich nach einiger Zeit sogar mit seinem neuen Leben ab und gibt die Hoffnung auf eine Rückkehr in seinen natürlichen Rhythmus auf.32 Diese Hoffnungslosigkeit zeigt die Schwere der Krankheit. Das kleine Gespenst ändert dadurch zeitweilig sogar sein ganzes Wesen.

Beim Gespenst zeigt sich die Veränderung seiner inneren Uhr auch äußerlich. Das offensichtlichste Symptom ist dabei die schwarze Farbe. Zuvor ist das kleine Gespenst ganz weiß.33 Das Weiße steht für die Unschuld, Tugend und Heiligkeit. Weiße Farbe neigt aber dazu schnell zu verschmutzen.34 Genau das passiert mit dem Gespenst. Der Tag verschmutzt seine unschuldige, weiße Farbe. Das Schwarze steht dagegen für den Tod, die Sünde und das Fremde und symbolisiert damit den Tag für ein Nachtgespenst.35 Die Veränderung von weiß zu schwarz ist somit der größte Gegensatz, der äußerlich für ein Gespenst überhaupt möglich ist. Durch die schwarze Farbe erkennt sich das kleine Gespenst selbst nicht mehr wieder und hat Angst vor seinem eigenen, fremden Spiegelbild.36 Das zeigt deutlich, dass sich das Gespenst nicht als Taggespenst identifizieren kann. Es fühlt sich dadurch nicht mehr wie es selbst. „Und trotzdem, so heimtückisch diese Veränderungen auch sein mögen, der Körper paßt sich einfach der neuen Umgebung an.“37 Der Tag ist das Gegenstück zur Nacht und schwarz der Gegensatz zu weiß. Deshalb muss das kleine Gespenst, das bei Nacht weiß ist, am Tag schwarz werden. Neben dieser äußerlichen Veränderung leidet das Gespenst auch unter weiteren, krankheitsähnlichen Symptomen. „Noch immer brummte dem kleinen Gespenst der Kopf. Es fühlte sich schrecklich elend und mitgenommen.“38 Die Sonnenstrahlen scheinen ihm einen Sonnenstich zu versetzen. Ihm wird immer wieder schwindelig und es hat keine Kraft mehr. Dadurch geht es dem Gespenst so schlecht, wie es einem toten, unverwundbaren Wesen überhaupt ergehen kann.

[...]


1 Vgl. Preußler, S. 6.

2 Vgl. Orlock, S. 14f.

3 Vgl. Preußler, S. 128.

4 Vgl. ebenda, S. 62.

5 Vgl. Orlock, S. 14f.

6 Vgl. Butzer; Jacob, S. 456.

7 Preußler, S. 33.

8 Vgl. ebenda, S. 33.

9 Vgl. ebenda, S. 64.

10 Vgl. ebenda, S. 5.

11 Vgl. ebenda, S. 20f.

12 Vgl. ebenda, S. 30f.

13 Ebenda, S. 28.

14 Vgl. Butzer; Jacob, S. 271.

15 Vgl. Orlock, S. 124f.

16 Vgl. Preußler, S. 128.

17 ebenda, S. 128.

18 Vgl. Butzer; Jacob, S. 406.

19 Vgl. ebenda, S. 273.

20 Vgl. Preußler, S. 82f.

21 Vgl. ebenda, S. 65f.

22 Vgl. Martínez; Scheffel, S. 153/163.

23 Preußler, S. 82.

24 Vgl. ebenda, S. 40.

25 ebenda, S. 37.

26 Vgl. ebenda, S. 22.

27 ebenda, S. 27.

28 Orlock, S. 152.

29 Vgl. Preußler, S. 43.

30 Orlock, S. 81.

31 Vgl. ebenda, S. 140f.

32 Vgl. Preußler, S. 64.

33 Vgl. ebenda, S. 111f.

34 Vgl. Butzer; Jacob, S. 481.

35 Vgl. ebenda, S. 386.

36 Vgl. Preußler, S. 46f.

37 Rose, S. 137.

38 Preußler, S. 47.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Zeitmotiv in "Das kleine Gespenst" von Otfried Preußler. Die Rolle der inneren Uhr
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V514894
ISBN (eBook)
9783346101327
ISBN (Buch)
9783346101334
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zeitmotiv, Gegenwartsliteratur, Das kleine Gespenst, Otfried Preußler, Fantastische Literatur
Arbeit zitieren
Sophia Rohan (Autor), 2017, Das Zeitmotiv in "Das kleine Gespenst" von Otfried Preußler. Die Rolle der inneren Uhr, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/514894

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