Stress bei Professorinnen und Professoren

Eine qualitative Untersuchung der Arbeitsbedingungen für Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer


Bachelorarbeit, 2019

64 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung

2 Gegenstand

3 Theorie
3.1 Sozialtheoretische Konzeption
3.1.1 Individualisierung als gesellschaftlicher Wandel
3.1.2 Das Konzept des Arbeitskraftunternehmers
3.1.3 Subjektivierung und Entgrenzung von Arbeit
3.2 Gegenstandsbezogene Theorien
3.2.1 Das Salutogenese-Modell von Antonovsky
3.2.2 Der Bologna-Prozess
3.3 Hypothetisches Modell

4 Methodik
4.1 Forschungsdesign
4.2 Erhebungsmethode
4.2.1 Episodisches Interview
4.2.2 Leitfadengestütztes Experteninterview
4.3 Auswertungsmethode
4.3.1 Einführung Grounded Theory
4.3.2 Arbeitsprinzipien der Grounded Theory
4.3.3 Praktische Umsetzung der Grounded Theory
4.3.4 Typenbildung
4.4 Feldzugang und Sampling

5 Auswertung
5.1 Stressdimensionen
5.2 Entgrenzung von Privatleben und Berufsleben
5.3 Professor*innen als vertriebliche Arbeitskraftunternehmer
5.4 Familie und Partnerschaft als Widerstandsressource
5.5 Prekarität der Laufbahn
5.6 Konkurrenz im Wissenschaftsbetrieb
5.7 Auswirkungen des Bologna Prozesses: Beschleunigung
5.8 Gesundheitliche Auswirkungen von Stress
5.9 Unterschied Universität vs. Hochschule
5.10 Handlungstypen

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Vorwort

Die vorliegende Bachelorarbeit dient dem Abschluss im Studiengang Sozialwissenschaften an der Universität Augsburg. Es handelt sich hierbei um eine abschließende Prüfungsleistung zur Erlangung des Grades Bachelor of Arts. Die Bachelorarbeit ist am Lehrstuhl für Gesundheitssoziologie angesiedelt und wurde unter der Betreuung von Prof. Alexandra Manzei und Matthias Roche erstellt.

An dieser Stelle möchte ich mich aufrichtig für die entgegengebrachte Hilfestellung und Unterstützung bei Prof. Manzei und Matthias Roche bedanken. Beide standen jederzeit für Fragen und Anregungen zu meiner Arbeit zu Verfügung. Ihr Engagement ist nicht selbstverständlich, weshalb Ihnen ein besonderer Dank gilt.

Im Rahmen dieser Arbeit haben sich sechs Professor*innen für ein Einzelinterview zu Verfügung gestellt. Das hat dazu geführt, dass spannende und intensive Einblicke in den Professor*innen Beruf möglich waren. An dieser Stelle möchte ich mich bei allen recht herzlich bedanken. Ohne Ihre Bereitschaft zum Interview wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen. Für die Offenheit im Interview und das entgegengebrachte Vertrauen möchte ich mich besonders bedanken.

Zum Schluss möchte ich mich darüber hinaus bei den Personen bedanken, die mir während der letzten Jahre stets unterstützend zur Seite standen: meiner Familie. Danke für alles.

1 Einleitung

„Das eigene Seelenheil scheint Wissenschaftler nicht zu interessieren“ (Zeit Online, Spiewak 2011, S. 2)

Im Wintersemester 2017/2018 fand ein einjähriges Lehrforschungsprojekt zum Thema Stress bei Studierenden unter der Leitung von Frau Prof. Manzei an der Universität Augsburg statt. In fortlaufender Auseinandersetzung mit dem Untersuchungsfeld zeigte sich daraufhin ein weiteres Forschungsdesiderat, denn die Seite der wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen von Universitäten und Hochschulen zum Thema Stress ist gänzlich unerforscht. Dieses Forschungsdesiderat soll nun im Rahmen dieser Bachelorarbeit untersucht werden.

In der TK-Stressstudie 2016 wird die Arbeit als Stressfaktor Nummer eins festgestellt . Drei Viertel der Erwerbstätigen geben an, unter hohem Druck zu stehen (TK-Stressstudie 2016, S. 12). Die Studie zeigt auch, dass diejenigen, die nicht erwerbstätig sind, einen deutlich geringeren Stresspegel haben. Die Erwerbstätigkeit hat dementsprechend einen ganz entscheidenden Einfluss auf das Stresserleben (TK-Stressstudie 2016, S. 8). Vor allem hoher, dauerhafter Stress wirkt sich erheblich auf die körperliche und seelische Gesundheit aus (TK-Stressstudie 2016, S. 10). Dabei ist Überlastung und Stress schon lange keine Managerkrankheit mehr, sondern wird für unterschiedliche Personengruppen thematisiert wie beispielsweise für Berufseinsteiger, Studierende oder sogar Kinder. Das gesellschaftliche Interesse ist geweckt . Umso erstaunlicher ist es, dass die Studienlandschaft sich zum Thema Stress im Erwerbsleben ausschließlich auf den Wirtschaftssektor beschränkt. Folglich lautet die zentrale Forschungsfrage dieser Untersuchung:

„Wie gestalten sich die Arbeitsbedingungen von deutschen Professor*innen und inwiefern haben sie Auswirkungen auf ihr Stresserleben?“

Zunächst wird der Gegenstand Stress bei Professor*innen dargelegt und darin die zentralen Begriffe geklärt. Im Theoriekapitel folgt der sozialtheoretische Hintergrund und das Salutogenese-Modell als geeignetes Stresskonzept sowie ein Kapitel zum Bologna-Prozess als zentraler Wendepunkt im Studiensystem. Grundsätzlich handelt es sich dabei um eine qualitative Untersuchung in dessen Rahmen fünf episodische Interviews und ein Experteninterview realisiert wurden. Der Forschungsprozess steht im Sinne der Grounded Theory Methodologie. Abschließend werden die Ergebnisse präsentiert, welche sich in einen allgemeinen Teil und einen Vergleich zwischen Universitäts und Hochschulprofessor*innen gliedern. Grund hierfür sind unterschiedliche Arbeitsbedingungen für Professor*innen an Universitäten oder Hochschulen. Schlussendlich haben sich drei idealtypische Bewältigungstypen herausgestellt, die mit unterschiedlichen Nebeneffekten einhergehen.

2 Gegenstand

Im Wintersemester 2017/2018 fand ein einjähriges Lehrforschungsprojekt zum Thema Stress im Studium unter der Leitung von Prof. Alexandra Manzei an der Universität Augsburg statt. In dessen Rahmen wurden Gruppeninterviews mit Studierenden und Experteninterviews mit Professor*innen durchgeführt. In fortlaufender Auseinandersetzung mit dem Untersuchungsfeld zeigte sich daraufhin ein weiteres Forschungsdesiderat, denn die Seite der wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen von Universitäten und Hochschulen zum Thema Stress ist gänzlich unerforscht. Dieses Forschungsdesiderat soll nun im Rahmen dieser Bachelorarbeit untersucht werden.

Zunächst wird der Ausgangspunkt der Arbeit mithilfe der aktuellen Studienlage dargelegt und die Ziele der vorliegenden Arbeit zum Thema Stress bei Professor*innen geschildert. Darüber hinaus werden die für die Arbeit zentralen Begriffe sowie die sozialwissenschaftliche und gesellschaftliche Relevanz erläutert. Abschließend werden die zentralen Leitfragen vorgestellt, welche die Arbeit fortan begleiten.

Studien zu Erwerbsarbeit und Stress gibt es einige, so auch der anfangs zitierte TK-Stressreport aus dem Jahre 2016. Allen gemein ist jedoch, dass das Thema Stress nicht explizit für Mitarbeiter*innen von Universitäten und Hochschulen untersucht wurde. Im Psychoreport 2015 „Deutschland braucht Therapie“ der DAK-Gesundheit wird bei der Erhebung erstmals in Berufsgruppen unterschieden. Die jeweiligen Fehltage pro Branche sind darin tabellarisch aufgeführt und werden quantitativ miteinander verglichen. Dabei wurden „Fehltage pro 100 Versicherte aufgrund psychischer Erkrankungen nach Wirtschaftsgruppen“ erfasst (Psychoreport 2015, S. 20). Die Studien belegen einen signifikanten Zusammenhang zwischen Stress und psychischen Erkrankungen, wobei Beeinträchtigungen des Wohlbefindens und psychische Störungen, wie beispielsweise Depressionen, als typische Folgen von langfristigem Stress gelten (Turiaux/Krinner 2016, S. 2 f.). Auffällig hierbei ist, dass der Wissenschaftsbetrieb aus der Betrachtung vollständig außen vor bleibt und der Fokus in der Untersuchung ausschließlich in der Betrachtung der Wirtschaftsgruppen liegt. Universitäten und Hochschulen inklusive deren Mitarbeiter*innen werden in diesem Psychoreport nicht untersucht.

Jüngste Stressstudien, welche sich dann dem Stress an Universitäten und Hochschulen verschreiben, proklamieren sie hätten das Thema Stress an Universitäten und Hochschulen umfassend beleuchtet, indem sie Daten über Studierende zu diesem Thema erfasst haben. Hierbei ist wiederum anzumerken, dass mit dem Erfassen und Berücksichtigen von Studierenden nur eine Seite abgedeckt ist. Die andere Seite, nämlich die der wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen einer Hochschule oder Universität, fehlen in dieser Betrachtungsweise. Jene quantitativen Stressstudien zeigen, dass Studierende sich signifikant gestresster fühlen als Nicht-Studierende (Herbst et al. 2016, S. 6). Interessant ist es daher darüber hinaus zu erfahren, wie es sich mit dem Stressempfinden von Professor*innen an deutschen Hochschulen und Universitäten verhält.

Ziel dieser Bachelorarbeit ist es deshalb, die Arbeitsbedingungen von Professor*innen an deutschen Hochschulen und Universitäten zu untersuchen. Es sollen dabei die Bedingungen untersucht werden, unter denen als Professor*innen arbeiten. An dieser Stelle wird kurz aufgeführt, welche Rahmenbedingungen und Anforderungen an den Beruf des Professors gebunden sind. Zunächst einmal wird im Deutschem unter einem Professor bzw. einer Professorin ein Lehrer bzw. eine Lehrerin verstanden, die an Hochschulen oder Universitäten Studierende ausbilden. Damit ist mit einem Hochschullehrer oder einer Hochschullehrerin dasselbe gemeint wie mit der Bezeichnung Professor bzw. Professorin. Darüber hinaus wird Professor auch als höchster akademischer Titel geführt (Duden Online 2019).

Vor einigen Jahren war es üblich, den Weg zum Beruf des Hochschullehrers durch das Anfertigen der Habilitationsarbeit zu erlangen. Heute sind die Qualifikationswege vielfältiger und den jeweiligen Hochschulgesetzen der Länder zu entnehmen. Die Einstellungsvoraussetzungen entsprechen zwar immer noch dem Nachweis eines abgeschlossenen Hochschulstudiums, verlangen aber außerdem eine pädagogische Eignung. Die besondere Befähigung zum wissenschaftlichen Arbeiten und wird in der Regel durch eine Promotion sowie dem Nachweis weiterer wissenschaftlicher Leistungen nachgewiesen. Die weiteren wissenschaftlichen Leistungen werden überwiegend durch eine Habilitationsschrift nachgewiesen, können aber seit der Dienstrechtsreform im Jahre 2002 auch durch das Bekleiden einer Juniorprofessur eröffnet werden: „Im Rahmen dieses Qualifikationsverhältnisses soll sich der Juniorprofessor für die Übernahme einer späteren W2 oder W3-Professur qualifizieren.“ (Deutscher Hochschulverband 2013, S. 31).

„Grundsätzlich lässt sich nicht pauschal der Königsweg für eine wissenschaftliche Karriere beschreiben.“ (Deutscher Hochschulverband 2013, S. 32). Die Intention des Gesetzgebers war es, die wissenschaftliche Karriere zu beschleunigen. Infolgedessen kann der traditionelle Weg einer Habilitation alternativ auch die Juniorprofessur ersetzt werden. Die Rechtsprechung und die Hochschulgesetzgeber sehen demnach sowohl die Habilitation als auch die Juniorprofessur als Qualifizierungsweg für Nachwuchswissenschaftler*innen (Deutscher Hochschulverband 2013, S. 32). Bei vielen Wissenschaftler*innen fällt die Familienplanung zusammen mit der Phase der beruflichen Qualifikation (Promotion, Habilitation, Juniorprofessur). Mithilfe gesetzlicher Regelungen und Schutzvorschriften für die Gesundheit von Mutter und Kind soll ermöglicht werden, dass die Qualifikation beispielsweise mithilfe reduzierter Arbeitszeit fortzuführen ist (Deutscher Hochschulverband 2013, S. 88).

Die Dienstaufgaben der Hochschullehrer werden im Hochschulrahmengesetz allgemein definiert und umfassen die an ihrer Hochschule obliegenden Aufgaben in Wissenschaft, Kunst, Lehre, Forschung und Weiterbildung in ihren Fächern. Die nähere Ausgestaltung ihres Dienstverhältnisses wird selbstständig wahrgenommen (§ 2 HRG Hochschulrahmengesetz (HRG) (1) Aufgaben; Bundesrecht). Das jeweilige Landeshochschulrecht konkretisiert diese rahmenrechtlichen Vorgaben noch (Deutscher Hochschulverband 2013, S. 103). Es wird zwischen Primär und Sekundäraufgaben des Hochschullehrers unterschieden: Als Primäraufgabe werden Forschung und Lehre aufgeführt. Zu den Sekundäraufgaben zählen Prüfungstätigkeiten, die Studienberatung, die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und die Beteiligung an der Selbstverwaltung. Alle Aufgaben im Bereich Forschung und Lehre werden selbstständig wahrgenommen und unterliegen keinen Weisungen. Hier zeigt sich die Freiheit der Forschung und Lehre, welche bedeutet, dass im Bereich der Lehre der Inhalt und die methodische Gestaltung der Lehrveranstaltungen von Hochschullehrer*innen frei gewählt werden darf. Außerdem besteht das Recht wissenschaftliche und künstlerische Lehrmeinungen frei zu äußern. Die Freiheit der Forschung umfasst die Fragestellungen, die Grundzüge der Methodik und die Bewertung der Forschungsergebnisse sowie deren Verbreitung. In Art. 5 Abs. 1 Grundgesetz wird dieser besondere Schutz für Professor*innen verfassungsrechtlich garantiert (Deutscher Hochschulverband 2013, S. 103).

Um eine Professur zu besetzen, muss diese zuvor öffentlich ausgeschrieben werden. Eine Berufungskommission entscheidet dann darüber, welche Kandidaten am geeignetsten sind und zum Vorsingen eingeladen werden. Die drei besten Bewerber*innen kommen auf die Berufungsliste. Sofern die jeweils erforderlichen Gremien zustimmen, erhält der Erstplatzierte den Ruf (Wilde 2016, S. 1). Neben dieser grundsätzlichen Ausführung gelten für Professor*innen an Universitäten oder an (Fach-) Hochschulen nochmals differenzierte Regelungen. Die Bezeichnung Professor bzw. Professorin kann an beiden Hochschultypen geführt werden. Grundsätzlich wird aber nochmals spezifiziert: Professoren an Universitäten haben die Amtsbezeichnung Universitätsprofessor*in, wohingegen Professoren an Fachhochschulen lediglich die Amtsbezeichnung Professor*in führen (Deutscher Hochschulverband 2013, S. S. 111). Unterschiede zwischen Universität und Hochschule gibt es neben der Amtsbezeichnung auch bei den erforderlichen Karriereschritten und den Anforderungen an die Professur. Für eine Fachhochschulprofessur werden keine zusätzlichen wissenschaftlichen Leistungen vorausgesetzt. Dafür wird regelmäßig eine mehrjährige berufliche Praxis verlangt (Deutscher Hochschulverband 2013, S. 89). Sämtliche Landeshochschulgesetze beinhalten, dass Fachhochschul-Professor*innen in ihrem Fachgebiet mindestens eine fünfjährige Berufspraxis in der Entwicklung und Anwendung von wissenschaftlichen Methoden und Erkenntnissen vorweisen müssen. Davon sind mindestens drei Jahre außerhalb des Hochschulbereichs zu verbringen (Wilde 2016, S. 1).

An Hochschulen liegt der Schwerpunkt auf der Lehre, weshalb Fachhochschulprofessor*innen eine deutlich höhere Lehrverpflichtung haben als die Universitätsprofessor*innen. An Hochschulen sind zumeist 18 Semesterwochenstunden mit Lehraufträgen gefüllt. Damit liegt die Lehrverpflichtung doppelt so hoch wie an den Universitäten. Im Umkehrschluss bedeutet das auch weniger Zeit für Forschung und das Erwerben von Drittmitteln. Wobei diese beiden Aspekte zwar an den Hochschulen allmählich an Bedeutung gewinnen, dort aber einen deutlich geringeren Stellenwert haben (Wilde 2016, S. 1).

Auch in finanzieller Hinsicht lässt sich zwischen Universitäts und Hochschulprofessor*innen unterscheiden. Die Ämter der Professor*innen sind in der Bundesbesoldungsordnung W geregelt und strukturieren sich in sogenannten Besoldungsgruppen, aufsteigend von W 1-, über die W 2 bis hoch zu W 3-Besoldung (Deutscher Hochschulverband 2013, S. 79). Eine detaillierte Ausführung der Besoldungsgruppen wird im Theoriekapitel zu Bologna dargestellt, da mit der Bologna-Reform die C-Besoldung von der W-Besoldung abgelöst wurde. Damit findet eine veränderte Leistungsvergütung statt. Grundsätzlich lässt sich allerdings festhalten, dass Hochschulprofessor*innen in der Regel auch nach W2 und W3 vergütet werden, wobei an Hochschulen nur in den seltensten Fällen nach W3 besoldet wird (Wilde 2016, S. 1). Daraus ergibt sich, dass der Verdienst von Professor*innen in der Regel an Universitäten höher liegt als an Hochschulen.

Neben den Arbeitsbedingungen gehört auch Stress zum Gegenstand der Untersuchung. Um Stress wissenschaftlich untersuchen zu können, muss zunächst der Alltagsbegriff von den wissenschaftlichen Erkenntnissen abgegrenzt werden. Der Begriff Stress wird heute wie selbstverständlich in der Alltagssprache verwendet, weshalb schnell der falsche Eindruck entsteht, alles Unangenehme im Leben sei Stress und zu viel Stress mache automatisch krank. Um diesem Fehlschluss vorzubeugen, muss man sich zunächst in die historische Entwicklung der Stressforschung begeben. In den 1950er Jahren wurde die Stressforschung vom kanadischen Mediziner Hans Selye (1956) begründet. Damals wurde Stress als Zustand des Organismus begriffen, der sich durch eine bestimmte physiologische und endokrinologische Veränderung, wie körperliche Anspannung, Anstieg der Herzrate, Ausschüttung von Adrenalin, messen lässt. Stressoren waren in diesem Zusammenhang jene Reize, die eine solche Stressreaktion auslösten. Mit dieser Sichtweise schloss Selye sich den Vorarbeiten des amerikanischen Physiologen Walter Cannon an, welcher bereits das fight-flight Syndrom beschrieben hatte. Sobald Lebewesen in eine bedrohliche Situation kommen, bereitet sich der Körper optimal auf die beiden Reaktionsmöglichkeiten Kampf oder Flucht vor. Infolgedessen wird so viel körperliche Energie wie möglich bereitgestellt und das Herz-Kreislauf-System ist maximal aktiviert. Gleichzeitig sind alle nicht notwendigen organismischen Prozesse wie die Verdauung eingestellt (Faltermaier 2005, S. 73). Für Primaten war dieser Mechanismus überlebensförderlich, heute hat Stress eher gegenteilige Folgen.

Diese Betrachtungsweisen von Stress sind jedoch sehr begrenzt, da sie unabhängig von der Einschätzung der Person bestehen. Demnach müssten Stresssituationen für alle Menschen die gleichen Auswirkungen haben. Da jedoch große individuelle Unterschiede im Erleben von Stress festgestellt wurden, war diese Annahme empirisch nicht haltbar. Aufgrund dessen haben sich in den 1970er Jahren Stressdefinitionen herausgebildet, die das Verhältnis von Situation und Person für entscheidend halten. Hierbei wird festgehalten, dass Stress immer dann auftritt, wenn ein Ungleichgewicht zwischen den Anforderungen der Umgebung und den Reaktionskapazitäten der Person besteht (Faltermaier 2005, S. 74). Auf dieser Grundlage definierte der amerikanische Psychologe Richard S. Lazarus und seine Mitarbeiter Stress „als jenes Ereignis, in dem äußere oder innere Anforderungen (oder beide) die Anpassungsfähigkeit eines Individuums (oder sozialen Systems) oder eines organischen Systems beanspruchen oder übersteigen“ (Larazus/Launier 1981, S. 226 zitiert nach Faltermaier 2005, S. 75). Diese Definition umfasst sowohl externe Anforderungen aus der Umgebung als auch interne Anforderungen, die man sich selbst stellt, wie beispielswiese persönliche Ziele und selbst gestellte Aufgaben. Hinzu kommen die Anpassungskräfte des personalen Systems, welche beansprucht oder überstiegen werden und folglich ein Ungleichgewicht zwischen Umgebung und Person besteht. In dem Stresskonzept von Lazarus ist darüber hinaus die subjektive Komponente entscheidend und damit wie die Person selbst diese Transaktion bewertet.

Parallel zur psychologischen Stressforschung gibt es ebenfalls eine sozialwissenschaftlich orientierte Stressforschung. Da in dieser Arbeit eine soziologische Betrachtungsweise von Stress erfolgt, wird diese kurz dargestellt. Beide arbeiten mit ähnlichen Konzepten (Faltermaier 2005, S. 79). Soziologische Ansätze betonen die gesellschaftlichen und sozialkulturellen Hintergründe von Belastungssituationen stärker. Dementsprechend stehen beispielsweise der sozioökonomische Status, Familienstatus, Beruf, Alter und Geschlecht im Vordergrund der Betrachtung und damit auch soziale Rollen wie Beruf, Ehe oder Elternschaft. Hierbei werden Lebensereignisse und Dauerbelastungen in sozialen Rollen sowie Ressourcen zur Bewältigung betrachtet. Grundsätzlich gehen soziologische Konzepte davon aus, dass Stressoren nicht aus dem Nichts entstehen, sondern eine gesellschaftlich-soziale und individuell-biographische Entstehungsgeschichte haben (Faltermaier 2005, S. 80). Dazu zählen auch die personalen und sozialen Ressourcen einer Person bei der Stressbewältigung und damit auch die individuellen Bewertungen von Stressphänomenen.

Der amerikanische Medizinsoziologe und Stressforscher Leonard I. Pearlin konzipiert Stress als einen sozialen Prozess. Darin werden soziale Bedingungen als Ursprünge von Stress angenommen und Stress vor allem in Form von chronischen Belastungen untersucht. Besonders das Bewältigungsverhalten und die soziale Unterstützung sind im Stressprozess von zentraler Bedeutung. Die Auswirkungen von Stress werden in Form von Gefühlen, beobachtbarem Verhalten, funktionalem Handeln sowie in körperliche und psychische Erscheinungen differenziert und untersucht (Faltermaier 2005, S. 80). Entgegen der Betrachtung von lebensveränderten Ereignissen, beschäftigt sich diese Betrachtungsweise mit „andauernden Rollenbelastungen (›role strains‹), die in verbreiteten sozialen Rollen strukturell angelegt sind und damit einen gesellschaftlichen Einfluss zum Ausdruck bringen“ (Faltermaier 2005, S. 80). Rollenbelastungen sind dabei als auf Dauer angelegte, stabile und alltägliche Lebensbedingungen von Menschen zu verstehen und können damit verbundene Gefühle stark bestimmen. Chronische Rollenbelastungen bedingen das Selbstkonzept und geben den Betroffenen das Gefühl, ihr Leben nicht mehr im Griff zu haben. Hält dieser Zustand über längere Zeit an, können gesundheitsschädliche Folgen auftreten. Insbesondere Kontrolle und Selbstachtung spielen dabei eine vermittelnde Rolle. Beide Persönlichkeitsmerkmale dienen als personale Ressource, die neben sozialen Ressourcen, wie sozialer Unterstützung, wesentlich zur Belastungsbewältigung beitragen.

Zusammenfassend wird in Pearlins Stresstheorie eine Verbindung von individuellen Stresserfahrungen sowie sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen hergestellt und das Individuum im sozialen und gesellschaftlichen Kontext betrachtet (Faltermaier 2005, S. 81 f.). Dadurch ist das Konzept in der Lage, „jene dauerhaften Belastungen zu erfassen, die angenommen werden müssen, um die Entstehung von gesundheitlichen Beeinträchtigungen erklären zu können“ (Faltermaier 2005, S. 82). Die Annahme von Stress als Prozess ist deutlich langfristiger gedacht und erfasst damit längerfristigen Stress, welcher gerade in Hinblick auf den gesundheitlichen Aspekt von großer Bedeutung ist.

Gesellschaftliche Relevanz erfährt das Thema durch den potenziellen Krankheitsaspekt. Hoher und vor allem dauerhafter Stress wirken sich auf die körperliche und seelische Gesundheit aus. Laut der TK-Stressstudie von 2016, fühlen sich sechs von zehn Menschen in Deutschland gestresst. Dabei liegen Frauen und Männer beim Thema Stress annährend gleichauf. Bei den Befragten, die ihren Gesundheitszustand als weniger gut oder schlecht bezeichnen, empfindet nach eigenen Angaben fast jeder Dritte häufig Stress. Gleichzeitig beschreibt sich bei den Gesunden nur knapp jeder Fünfte als häufig gestresst. Der Zusammenhang zwischen Stress und dem Gesundheitszustand wird als sehr groß eingeschätzt. Besonders alarmierend sind die Zahlen im Bereich psychischer Gesundheit. 53 Prozent der Befragten, die in den vergangenen drei Jahren seelische Beschwerden hatten, beschreiben sich als oft gestresst. Stress korreliert dementsprechend in hohem Maße mit psychischer Gesundheit (TK-Stressstudie 2016, S. 10).

Das zeigt sich auch bei dem Blick auf die krankheitsbedingten Fehltage, hierbei sind psychische Erkrankungen unter den Top drei. Den größten Anteil an Fehltagen verursachten 2018 Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems wie Rückenschmerzen mit 20,9 Prozent, gefolgt von Atemwegserkrankungen mit 16 Prozent. Psychische Erkrankungen sind auf Platz drei und machten 15,2 Prozent der Fehltage aus (Deutsches Ärzteblatt 2019, S. 1). Berufe, in denen längerfristig Tätigkeiten im Sitzen ausgeübt werden, sind neben körperlich anstrengenden Berufen ebenfalls von Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems betroffen. Studien, wie der TK-Gesundheitsreport 2016, zeigen außerdem, dass stressbedingte Krankschreibungen in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben (TK-Stressstudie 2016, S. 6 f.). Fast 60 Prozent der Erwachsenen in Deutschland sind der Meinung, dass die Stressbelastungen in den letzten Jahren zugenommen hat (TK-Stressstudie 2016, S. 11). Aus sozialwissenschaftlicher Sicht ist das vor allem interessant, da diese Aussagen einen gesellschaftlichen Wandel nahelegen. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen müssen sich so verändert haben, dass Erwachsene sich heute gestresster fühlen als noch vor einigen Jahren. Blickt man auf das Studiensystem so haben sich seit 1995 insbesondere durch den Bologna-Prozess tiefgreifende Änderungen ergeben.

In welchem Ausmaß die Berufsgruppe der Professor*innen von beruflichen Leistungsanforderungen betroffen sind, die sich negativ auf ihre Gesundheit auswirken, ist insbesondere relevant für das universitäre Gesundheitsmanagement. Eine Klärung inwiefern die Arbeitsbedingungen einen Einfluss auf die Gesundheit haben kann ebenfalls helfen, unterstützende Maßnahmen für eine positive Bewältigung zu etablieren. Arbeitsausfälle bzw. Arbeitsunfähigkeiten könnten dann möglicherweise reduziert werden. Hinweise für einen Zuwachs an zu erbringender Arbeitsleistung zeigt sich zunächst rein objektiv aufgrund stetig steigender Studierendenanzahlen. Aktuell liegt die Zahl der Studierenden bundesweit mit 2.867.586 für das Wintersemester 2018/2019 auf einem neuen Höchstwert (o.V. Statista 2019). Universitäten und Hochschulen bilden dementsprechend so viele Fachkräfte aus wie noch nie, was allein quantitativ zu einem Zuwachs an Arbeitsleistung geführt hat. Um qualifizierte Fachkräfte auszubilden braucht es Professor*innen, die den universitären Alltag bewältigen und das ohne negative Beeinträchtigung ihrer physischen und/oder psychischen Gesundheit.

Aufgrund dieser Vorannahmen und Erkenntnissen über den Gegenstand Stress bei Professor*innen leitet sich die zentrale Fragestellung ab. Die zentrale Fragestellung der Untersuchung lautet:

„Wie gestalten sich die Arbeitsbedingungen von deutschen Professor*innen und inwiefern haben sie Auswirkungen auf ihr Stresserleben?“

Die zentrale Fragestellung wird durch folgende Leitfragen ergänzt:

- Wie gestresst fühlen sich deutsche Professor*innen?
- Welche Arbeitsbedingungen führen bei Professor*innen zum Stresserleben? Inwieweit handelt es sich dabei um positiven oder negativen Stress?
- Welchen Einfluss hatte die Bologna-Reform auf die Arbeitsbedingungen von deutschen Professor*innen?
- Wie gestaltet sich die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Privatleben?
- Welche Bewältigungsstrategien werden von den Professor*innen eingesetzt?

Im Forschungsprozess haben sich die relevanten Theorien für die Arbeit herausgestellt. Diese werden nun im Theoriekapitel ausgeführt und ihre Relevanz für die qualitative Untersuchung der Arbeitsbedingungen von Professor*innen begründet.

3 Theorie

Mit dem Kapitel zu den Theorien soll der theoretische Rahmen der Arbeit gesetzt und zentrale soziologische und gegenstandsbezogenen Theorien vorgestellt werden. Theorien tragen maßgeblich dazu bei, bestimmte Voraussetzungen und Erscheinungsformen zu erkennen und darüber hinaus eine Erklärung für deren Entwicklungen bereitzustellen. Oder um es mit den Worten des Philosophen Karl Poppers zu beschreiben: „Die Theorie ist ein Netz, das wir auswerfen, um ››die Welt‹‹ einzufangen – sie zu rationalisieren, zu erklären und zu beherrschen. Wir arbeiten daran, die Maschen des Netzes immer enger zu machen.“ (Popper 1989, S. 31). Da im Rahmen dieser Arbeit eine soziologische Betrachtungsweise herangezogen wird, widmet sich der erste Abschnitt der Individualisierungstheorie, gefolgt vom Konzept des Arbeitskraftunternehmers und einem Kapitel zur Subjektivierung und Entgrenzung von Arbeit. Nach der soziologischen Konzeption folgen im zweiten Teil des Theoriekapitels die gegenstandsbezogenen Theorien. Für den Gegenstand Stress bei Professor*innen wird zunächst das Salutogenese-Modell als geeignetes Stresskonzept vorgestellt. Hinzu kommt eine punktuelle Aufbereitung des Bologna-Prozesses, infolgedessen zentrale Veränderungen des europäischen Studiensystems erfolgten.

3.1 Sozialtheoretische Konzeption

In der Soziologie geht es, ganz grundsätzlich gesprochen, um die Frage „wie das soziale Leben im Innersten zusammengehalten wird und wie seine einzelnen Elemente wirken“ (Abels 2009, S. 16). Dabei wird in Strukturen, Prozessen und Interaktionen gedacht, die sich auf der Mikro-, Meso oder Makro-Ebene verorten lassen. Infolgedessen sucht soziologisches Denken nach Begründungen, warum die Dinge sind, wie sie sind. Da ein solches Denken nie abschließbar ist, geht es um „die permanente Prüfung soziologischen Wissens auf seine Relevanz für die Erklärung dessen, was uns die Gesellschaft als Wirklichkeit ist.“ (Abels 2009, S. 22). Durch eine sich fortlaufend veränderte Gesellschaft, wandeln sich ebenfalls ihre gesellschaftlichen Bedingungen, die wiederum Auswirkungen auf die Individuen einer Gesellschaft haben.

Im folgenden Theoriekapitel werden die relevanten soziologischen Theorien für die vorliegende Arbeit dargestellt, welche die Zusammenhänge von Gesellschaft, Wirtschaft und Arbeit aufgreifen. Das Kapitel beginnt mit der Individualisierungstheorie als übergeordneter Prozess, indessen entscheidende gesellschaftliche Umbrüche erklärt werden und aufgezeigt, wie diese maßgeblich die Gestaltung unserer heutigen Arbeitswelt prägen. Danach folgt das arbeits und industriesoziologische Konzept des Arbeitskraftunternehmers, welches aus dem Strukturwandel von Arbeit und Wirtschaft entstand. Abschließend folgen die Auswirkungen einer individualisierten Arbeitswelt und damit das Kapitel zur Subjektivierung und Entgrenzung von Arbeit.

3.1.1 Individualisierung als gesellschaftlicher Wandel

Seit den 1960er Jahren wurden traditionelle Formen der Vergemeinschaft und sozial-moralische Milieus kontinuierlich aufgelöst. Das bedeutet, dass Menschen aus vertrauten Bindungen von Klasse, Beruf, Nachbarschaft, Familie und Geschlechterverhältnissen freigesetzt wurden und über Generationen als Notgemeinschaften unverzichtbare Klassensolidaritäten ihren hohen Stellenwert kontinuierlich abgebaut haben (Eikelpasch/Rademacher 2004, S. 6). Gründe hierfür sind gesellschaftliche Prozesse der Individualisierung, Differenzierung und Pluralisierung von Lebensverhältnissen. Konkreter sind damit die Dynamiken des Arbeitsmarktes inklusive gestiegener Mobilitätsanforderungen gemeint sowie wachsende Bildungsabhängigkeiten und ein hohes, durchschnittliches Niveau der Existenzsicherung.

Besonders der Beruf galt vorher als zentraler Sinn und Identitätsanker, welcher jedoch durch die Flexibilisierung der Arbeitswelt und einer Zerstückelung von Erwerbsbiographie seine traditionelle Bedeutung als Rückgrat der Lebensführung verliert. Der Arbeitsmarkt fordert zunehmend eine hohe Mobilitätsbereitschaft und gefährdet damit zudem die Stabilität familiärer Bindungen. Hinzu kommt außerdem, dass durch die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen, die weltliche Trennung in ››Männerwelt Beruf‹‹ und ››Frauenwelt Familie‹‹ brüchig wird (Eikelpasch/Rademacher 2004, S. 6).

Für die individuelle Lebensführung und die Identitätsbildung der Menschen hat die Erosion gewohnter sozialer Zusammenhänge tiefgreifende Konsequenzen. Die eigene Lebensbiographie ist nicht mehr traditionell vorgegeben, sondern kann von nun an selbst gewählt werden und wird „dadurch als Aufgabe in das Handeln jedes Einzelnen gelegt“ (Eikelpasch/Rademacher 2004, S. 7). Soziale Verhältnisse binden das Individuum nicht mehr an vordefinierte Identitätsmuster, es kann und muss aus einer Vielzahl an verschiedenen Rollen, Lebensformen und Sinnelementen ein Sinnganzes zusammengestellt werden. „Das Individuum wird in der Spätmodere zum Baumeister seines eigenen Selbst, der sich aus den institutionell vorgegebenen ››Bausätzen biographischer Kombinationsmöglichkeiten‹‹ […] seine eigene ››Wahlbiographie‹‹ und sein ganz persönliches ››Existenzdesign‹‹ zusammenstellt.“ (Kellner/Heuberger 1988 S. 334, zit. von Eikelpasch/Rademacher 2004, S. 7). Die Gestaltung der eigenen Identität anhand vielfältiger Kombinationsmöglichkeiten wird als herausfordernde Konstruktionsaufgabe gewertet (Eikelpasch/Rademacher 2004, S. 7).

Insgesamt zeigt sich ein höchst ambivalenter Prozess, welcher in den Sozialwissenschaften als riskante Chance diskutiert wird, bei der es eine Gewinn und eine Verlustseite gibt. Auf der einen Seite steht der Gewinn an Wahlmöglichkeiten und Optionsspielräumen, die für die Einzelnen möglich geworden sind. Demgegenüber steht jedoch der Verlust von kollektiven Formen der solidarischen Unterstützung und Zugehörigkeit, die allen voran Sicherheit bedeuten. In den letzten Jahrzehnten kommt zudem noch der Globalisierungsprozess, welcher die Prozesse der Enttraditionalisierung und Pluralisierung von Lebensformen ergänzt und verstärkt. Globalisierung umfasst dabei nicht ein ausschließlich ökonomisches Phänomen, vielmehr meint der Kern des Globalisierungsprozesses ein intensiveres Bewusstsein von weltweiten sozialen Beziehungen. Dabei treten Handlungen, Entscheidungen und Sozialbeziehungen über ortsgebundene Grenzen hinweg und werden global vernetzt. Individualisierung ist dementsprechend als Oberbegriff zu begreifen und umfasst einen Wandel in der Gestaltung im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft (Eikelpasch/Rademacher 2004, S. 16).

Welche gesellschaftlichen Umbrüche haben nun dazu geführt, dass die Individuen immer mehr als vorgegebenen Identitätsschablonen und Sinnmuster herausgelöst wurden und sie sich infolgedessen aktiv um die Gestaltung ihrer Lebensentwürfe kümmern müssen? Eine Antwort auf diese Frage wird im folgenden Verlauf kurz skizziert.

Die 1960er Jahre waren geprägt vom Wirtschaftswunder und einem aufstrebenden Industrialisierungsprozess. Beides führte dazu, dass immer mehr Bevölkerungsgruppen den Bedingungen des Arbeitsmarktes unterworfen wurden. Zu einem typischen Erwachsenen gehörte die Lohnarbeiterexistenz, sowohl für die Männer und zunehmend auch für die Frauen. Der Arbeitsmarkt bedingte eine zunehmende Bildungsabhängigkeit und fördert die Arbeitsmarktkonkurrenz und Mobilität. Lohnarbeitsbedingungen wurden generalisiert und Menschen infolgedessen aus ihren gewohnten Lebensformen und Traditionen von Familie, Nachbarschaft, Klasse, Schicht, Geschlechterrollen, Religion usw. herausgelöst. Die Zugehörigkeit zu ››sozialmoralischen Milieus‹‹ strukturierte zwei Jahrhunderte lang das Leben der Menschen und diese wurden nun kontinuierlich aufgelöst (Eikelpasch/Rademacher 2004, S. 16).

Bereits beim Übergang von der Stände zur Industriegesellschaft konnte man einen Zerfall sinnstiftender Traditionen und alter Weltbilder beobachten, weshalb hier bereits ein Enttraditionalisierungsprozess sichtbar wurde. Die zeitgenössischen Beobachter Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) hielten ihre Beobachtung folgendermaßen fest: „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht“ (zit. nach Eikelpasch/Rademacher 2004, S. 17). Der Enttraditionalisierungsprozess brachte auch Unsicherheiten und Risiken mit sich, welche jedoch durch die Bindung an Solidaritäten wie Familie, Klasse, dörfliche Gemeinschaft und Geschlechtsrollen aufgefangen wurden.

Zusammenfassend bedeutet Individualisierung für den deutschen Soziologen Ulrich Beck, die Freisetzung der Menschen aus vordefinierten Normalbiografien und somit eine Freisetzung aus Traditionen des Sexuallebens, der Ehegestaltung und geschlechtlichen Rollenzuweisungen. Der Einzelne hat selbst die Gestaltungsmacht über sein Leben und dadurch entsteht ein neuer Möglichkeitsraum, in dem sich verschiedene Wahlmöglichkeiten präsentieren. Jedes Individuum wird selbst zum Zentrum seiner Lebensplanung (Eikelpasch/Rademacher 2004, S. 17). Hinzuzufügen ist jedoch, dass Individualisierung kein historisch neues Phänomen ist, sondern ihren Ursprung beim Übergang von Stände zur Industriegesellschaft hat (Eikelpasch/Rademacher 2004, S. 19). Deshalb stellt sich die Frage: Was kennzeichnet das Besondere am Individualisierungsschub der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts?

Die Grundbedingungen der entfalteten Industriegesellschaft bieten durch die Freisetzung aus vordefinierten Normalbiografien wachsende Wahlmöglichkeiten, zwingen den Menschen jedoch gleichzeitig das Leben in eigene Regie zu nehmen und das auf eigenes Risiko. Individualisierung ist dementsprechend eine historisch neue Form der Vergesellschaftung und zugleich ein paradoxer Zwang: man darf und kann, auf der anderen Seite soll und muss man aber auch eine eigenständige Existenz aufbauen, die nicht mehr eingebettet ist in alte Bindungen von Familie, Sippe, Herkunft und Stand (Eikelpasch/Rademacher 2004, S. 20). Der bedeutende Unterschied zur traditionalen Gesellschaft besteht im Wegfallen von vordefinierten Normalbiografien hin zu einer Vielzahl an Kombinationsmöglichkeiten, aus denen die Einzelnen ihr eigenes Leben konstruieren müssen. „Die Entscheidungen über Ausbildung, Beruf, Arbeitsplatz, Wohnort, Heirat, etc. können nicht nur, sondern müssen ›in eigener Regie‹ getroffen werden: Der Einzelne wird zum biografischen Planungsbüro seiner selbst.“ (Eikelpasch/Rademacher 2004, S. 20).

3.1.2 Das Konzept des Arbeitskraftunternehmers

In den 1980er Jahren wurde das arbeits und industriesoziologische Konzept des Arbeitskraftunternehmers entwickelt, welches insbesondere aufgrund erster Formen von flexiblen Arbeitszeiten entstand und damit Diskussionen zum Strukturwandel von Arbeit und Wirtschaft entfachten (Voß 2007, S. 97). Als zentrale Annahme wurde festgehalten, dass Arbeitskräfte sich fortan flexibler und stärker ökonomisch auf dem Arbeitsmarkt und innerhalb der Betriebe und Beschäftigungsverhältnisse verhalten müssen, was wiederum wesentliche Auswirkungen auf ihre Lebensführung habe. Aus dieser zunächst wagen Diagnose wurde von den Soziologen Hans Progratz und Günter Voß die These des Arbeitskraftunternehmers entwickelt. Darin wird ein grundlegender Wandel der gesellschaftlichen Verfassung der Ware Arbeitskraft prognostiziert (Pongratz/Voß 1998, S. 131). Die Intention des gesamten Konzeptes ist es, den tiefgreifenden Strukturwandel der Arbeit analytisch nachzuzeichnen und zu erklären (Voß 2007, S. 100).

Skizziert man einen historischen Verlauf im modernen Kapitalismus, so lassen sich nach Voß drei idealtypischer Grundformen von Arbeitskraft erkennen (Voß 2007, S. 98). Der Begriff Idealtyp geht auf den Soziologen Max Weber zurück und beschreibt ein Idealbild zu Veranschaulichung der Realität, wobei ein Idealtyp in seiner Reinform in der Wirklichkeit nicht zu finden ist und damit immer ein hypothetisches Konstrukt umfasst (Weber 1904, S. 191). Wenn überhaupt tritt er empirisch, das bedeutet als reale Form mit allen Merkmalen, nur unter besonderen Bedingungen und bei speziellen Erwerbstätigengruppen auf (Voß 2007, S. 99).

1. Der proletarische Lohnarbeiter, welcher kaum gesellschaftlich geschützt ist und im Frühkapitalismus angesiedelt ist.
2. Der verberuflichte Arbeitskraftunternehmer, welcher weitgehend durch ein ausgebautes Sozialsystem geschützt ist und dem Fordismus zuzuordnen ist.
3. Der vertriebliche Arbeitskraftunternehmer, welcher kaum mehr in den bisherigen Formen geschützt ist und zunehmend individualisiert sowie unternehmerisch ausgerichtet ist und aktuell im Postfordismus vorzufinden ist (Voß 2007, S. 98).

Ursache für diese Entwicklung hin zu einem vertrieblichen Arbeitskraftunternehmer sei nach Voß, dass funktionale Arbeitsleistungen von den Betrieben auf die Arbeitskräfte übertragen werden und somit externalisiert werden (Voß 2007, S. 98). Die aktuellen betrieblichen Strategien in der Arbeitsorganisation setzen zunehmend auf Selbstorganisation von Arbeit und fordern von den Arbeitskräften systematisch erweiterte Selbstkontrolle und Selbststeuerung. Auf Seiten des Betriebs ermöglicht das veränderte Verhältnis von Arbeitskraft und Unternehmen einen Abbau direkter Kontrollen und eine Nutzung neuer Leistungspotenziale (Pongratz/Voß 1998, S. 131). Für die Betroffenen entstehe dadurch eine zweiseitige Situation aus Chancen und Risiken. Arbeitskräfte sind nun vielmehr als früher in der Verantwortung ihre Arbeitssituation selbst zu organisieren und sich diese aktiv anzueignen, wobei zudem über die berufliche Lebenssituation hinaus, Teile ihres Lebens auf neue Weise gestaltet werden können und das auch müssen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 64 Seiten

Details

Titel
Stress bei Professorinnen und Professoren
Untertitel
Eine qualitative Untersuchung der Arbeitsbedingungen für Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
64
Katalognummer
V516580
ISBN (eBook)
9783346114358
ISBN (Buch)
9783346114365
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stress, professorinnen, professoren, eine, untersuchung, arbeitsbedingungen, hochschullehrerinnen, hochschullehrer, qualitative Studie, Episodische Interviews
Arbeit zitieren
Sabrina Marx (Autor:in), 2019, Stress bei Professorinnen und Professoren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/516580

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Stress bei Professorinnen und Professoren



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden