Marlen Haushofers "Die Wand" - Eine Robinsonade?


Seminararbeit, 2005
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist eine Robinsonade?
2.1 Verschiedene Ansätze
2.2 Gattungskategorien
2.2.1 Isolation
2.2.2 Physisches Überleben
2.2.3 Psychisches Überleben
2.2.4 Insel als Exil
2.2.5 Zusammenfassung

3. Die Wand
3.1 Katastrophe und Isolation
3.2 Überlebensbemühungen
3.2.1 Physisches Überleben
3.2.2 Psychisches Überleben
3.3 Asyl-Exil-Unterscheidung
3.4 Natur-Zivilisations-Konflikt
3.5 Modell als Abbild oder Vorbild
3.6 Ergebnis

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Zu Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ existieren diverse Forschungspositionen: Für die einen ist es eindeutig eine Robinsonade, für andere nicht und einige sehen darin lediglich Teilaspekte dieser Gattung. Wenn auch die Ansichten dazu unterschiedlich sind, so ist doch offensichtlich, dass eine gewisse Nähe zur Robinsonade besteht. Die Radikalität des Textes und des Themas mag zur Schwierigkeit einer genauen Zuordnung beitragen. Auffallend ist aber, dass sich die unterschiedlichen Beiträge nicht auf die gleichen Grundlagen stützen, denn was genau ist überhaupt eine Robinsonade? Diese Frage wird von jedem der Kritiker anders beantwortet, so dass hier das eigentlich Problem liegen mag. Es gibt dazu Überlegungen, die sich stark an Daniel Defoes Roman „Robinson Crusoe“ anlehnen und die Struktur und Aspekte dieses Werkes nicht nur als Grundlage, sondern als Vorgabe sehen. Daneben existieren andere Theorien, die einen freieren Umgang mit dem Stoff postulieren. Gemeinsam aber ist diesen beiden Ansätzen, dass kein allgemeiner Konsens über eine Definition oder das Festhalten bestimmter Kriterien besteht.

Im ersten Teil dieser Arbeit soll kurz auf die Frage nach dem Charakter der Robinsonade eingegangen werden und Bestimmungsmerkmale festgesetzt werden. Ein ausführliches Eingehen auf Defoes „Robinson Crusoe“ als Initiationswerk ist an dieser Stelle leider nicht möglich, da dies den Rahmen sprengen würde. Im zweiten Teil soll anhand der erarbeiteten Kriterien Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ untersucht werden, um zu klären, ob es sich um eine Robinsonade handelt oder nicht.

2. Was ist eine Robinsonade?

2.1 Verschiedene Ansätze

Betrachtet man die Forschungsaufsätze zu Marlen Haushofers „Die Wand“, fällt sofort auf, dass sie alle verschiedene Definitionen von „Robinsonade“ als Basis benutzen. Dementsprechend fällt natürlich auch die Beurteilung dieses Romans unterschiedlich aus. Joanna Jablowska beschreibt in ihrem Aufsatz das Inseldasein als

„Brücke zwischen dem Alten, Überholten, und dem Neuen und Positiven [...]. Die neuen Erfahrungen bilden nicht nur für die Schiffsbrüchigen die Möglichkeit einer positiven Entwicklung, sie haben auch Bedeutung für die übrige Welt oder zumindest einen Teil dieser Welt.“[1]

Der Inselaufenthalt erscheint bei ihr eindeutig als positive Erfahrung, die nicht nur dem Protagonisten, sondern auch der Gesellschaft eine Aussicht auf Verbesserung (in welcher Form auch immer) bietet. Die Robinsonade ist für sie ein moralisches Lehrstück, dem man einen gewissen Katharsiseffekt zuschreiben kann. Wenn auch der Gegensatz zwischen Insel und Ökumene nicht verleugnet werden kann, so bleibt doch fraglich, ob das Inselleben ausschließlich positiv konnotiert ist und statt einer Brücke nicht auch einen Bruch zwischen alter und neuer Welt bedeuten kann. Der positive Einfluss auf die äußere Welt erscheint ebenso wenig zwingend. Jablowskas in diesem Aufsatz formulierter Ansatz ist zu spezifisch auf ihre Argumentation zugeschnitten, um als allgemeingültige Definition der Robinsonade tragend zu sein.

Gerhard Knapp nennt die Robinsonade „a novelistic fictionalization of an ideal societal nucleus situated on an island or another remote locus.“[2]Utopie und Robinsonade scheinen hier austauschbare Synonyme der gleichen Gattung zu sein, wobei er den Anspruch der Robinsonade auf eine eigenständige Literatur übersieht. Auch wenn der Übergang zwischen beiden fließend sein kann, ist eine Gleichsetzung nicht statthaft.

In seinem Aufsatz „Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ als écriture féminine“ beschreibt Francois Venter die Robinsonade als Erfahrungsbericht, der unter Umständen der extremen Isolation entstanden ist.[3]Während die Isolation als ein Hauptmerkmal der Robinsonade aufgefasst werden darf (wie noch später gezeigt werden wird), so ist doch fraglich, ob diese Gattung an eine bestimmte Erzählweise gebunden ist. Es dürfte sich dabei wohl um eine variable Form handeln, die aber nicht gattungsbestimmend ist.

Die drei Definitionen haben nicht nur gezeigt wie divergent, sondern auch wie unzureichend die meisten Auffassungen der Robinsonade sind.

2.2 Gattungskategorien

In seiner Monographie „Die Robinsonade“ versucht Erhard Reckwitz die bestimmenden Merkmale der Robinsonade herauszuarbeiten und die Gattung als solche zu definieren. Dabei bildet Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ den Ausgangpunkt seiner Forschung. Der Roman steht relativ am Anfang einer langen Tradition, die sich nicht nur namentlich, sondern vor allem auch inhaltlich auf ihn beruft. Reckwitz sieht in ihm daher das Muster, den Prototypen, der allen anderen Robinsonaden zugrunde liegt. Viele Motivvariationen, die in späteren Romanen auftauchen, sind bereits in Defoes Werk angelegt.[4]

Im weiteren sollen diese Merkmale vorgestellt und im Anschluss ihre Tauglichkeit untersucht werden.

2.2.1 Isolation

„Ohne Isolation ist eine Robinsonade überhaupt nicht existent.“[5]Sie bildet die Grundvoraussetzung, welche die weiteren Entwicklungen erst möglich macht. Robinson Crusoe wird auf eine einsame Insel verschlagen und damit in den Naturzustand zurückversetzt. Sein menschliches Sein wird auf das nackte Überleben reduziert. Dabei muss aber beachtet werden, dass es sich nicht um einen absoluten Nullpunkt handelt: Er beginnt das menschliche Leben nicht auf der ersten Stufe, sondern bringt Kulturgüter aus der zivilisierten Welt mit, die ihm ein Überleben ermöglichen. Auch die Erfahrungen und das Wissen, welche er sich bis jetzt angeeignet hat, helfen ihm, die Situation zu bewältigen. Das Inseldasein ist eine Prüfung, ein Experiment, welches Robinson Crusoe auf die Daseinsprobe stellt. In der wilden Natur muss sich die Überlegenheit des Menschen beweisen. Der Protagonist kann demnach nicht nur als Individuum, sondern als Vertreter der Menschheit betrachtet werden.[6]

2.2.2 Physisches Überleben

Robinson Crusoes erste Maßnahmen gelten der Versorgung mit Nahrungsmitteln, Kleidung und einer Behausung. Es handelt sich dabei um Grundvoraussetzungen, die das Überleben sichern sollen. Dabei sind drei Handlungsphasen auszumachen:

In der ersten Phase handelt Robinson Crusoe intuitiv. Er reagiert lediglich auf die Umstände seiner Umwelt, ohne reflektiert zu handeln. Auf diese Weise ist lediglich eine primitive Existenz möglich. Im weiteren Verlauf beobachtet er seine Umwelt und denkt über ihre Nutzbarkeit nach. Die angebotenen Ressourcen werden passiv genutzt. In der letzten Phase eignet er sich Überlebenstechniken an. Die Insel wird wissenschaftlich erkundet, Jahreszeiten festgestellt, die Bodenbeschaffenheit geprüft, etc. Robinson Crusoe handelt nun aktiv und kann dadurch sein Überleben über Jahre hinweg sichern.

Er lernt, dass die Umwelt regulierbar ist. Diese Feststellung hat einen großen Einfluss auf seine Überlebenstechniken, indem sie ihm zeigt, dass er durch Fleiß sein Dasein sichern kann. Obwohl die Umwelt seinen Bedürfnissen entgegenkommt, ist sie doch kein Paradies. Aber sie bietet ein fruchtbares Arbeitsfeld, das genutzt werden sollte. Die Entwicklung der physischen Arbeit reicht von primitiver Grundversorgung bis zum zivilisierten Lebensstandart.[7]

2.2.3 Psychisches Überleben

Robinson Crusoe erlebt auf der Insel zu Beginn nicht nur einen physischen, sondern auch einen psychischen Mangel. Dieser wird durch das Fehlen menschlicher Gesellschaft ausgelöst und äußert sich in Depressionen. Mit steigender Lebensqualität, welche durch das Entwickeln von Überlebenstechniken zustande kommt, bessert sich auch der seelische Zustand. Es besteht also ein enger Zusammenhang zwischen physischer und psychischer Verfassung. Allerdings kann der seelische Zustand nicht allein durch einen gehobenen Lebensstandart verbessert werden. Robinson Crusoe wendet sich schließlich Gott zu und erreicht damit die vollkommene Stabilisierung seiner Psyche. An Stelle der Vernunft tritt nun der Glaube, der für das Überleben in dieser Exilsituation verantwortlich gemacht wird.

[...]


[1]Jablkowska, Joanna: Moderne Robinsonade oder Absage an die Hoffnung? Gattungsgeschichtliche Überlegungen zu Arno Schmidt, Marlen Haushofer und Friedrich Dürrenmatt. In: Braungart, Wolfgang (Hg.):Über Grenzen.Polnisch-Deutsche Beiträge zur deutschen Literatur nach 1945, Frankfurt am Main 1989, S. 33-45; Hier S. 34. Im Folgenden: Jablkowska, S.

[2]Knapp, Gerdard P.: Re-Writing the Future: Marlen Haushofer`s „Die Wand“. A Female Utopia of the 1960s and Beyond. In: Knapp, Gerhard P. und Labroisse, Gerd (Hg.) unter Mitarbeit von Visser, Anthonya:1945-1995.Fünfzig Jahre deutschsprachige Literatur in Aspekten (Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik, Bd. 38/39), Amsterdam-Atlanta 1995, S. 281-305; Hier S. 281.

[3]Vgl.: Venter, Francois: Marlen Haushofers Roman “Die Wand” als écriture féminine. In:Acta Germanica22 (1994), S. 62.

[4]Vgl.: Reckwitz, Erhard:Die Robinsonade.Themen und Formen einer literarischen Gattung, Amsterdam 1976, S. 13-20. Im Folgenden nur noch:Die Robinsonade, S.

[5]Die Robinsonade, S. 30.

[6]Vgl.:Die Robinsonade, S. 29-33.

[7]Vgl.:Die Robinsonade, S. 33 - 44.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Marlen Haushofers "Die Wand" - Eine Robinsonade?
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Proseminar Robinsonaden
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V53206
ISBN (eBook)
9783638487177
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marlen, Haushofers, Wand, Robinsonade, Proseminar, Robinsonaden, Robinson Crusoe
Arbeit zitieren
Yvonne Holländer (Autor), 2005, Marlen Haushofers "Die Wand" - Eine Robinsonade?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53206

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