Geschlechtersozialisation durch Märchenfilme. Learning by watching


Bachelorarbeit, 2019
36 Seiten, Note: 1,8
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Teil I – Theoretische Überlegungen

1. Einleitung
1.1. Zielsetzung dieser Bachelorarbeit

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Garfinkel
2.2. McKenna
2.3. West und Zimmermann
2.4. Zusammenfassung

3. Mediale Sozialisation der Geschlechter
3.1. Weibliche und männliche Geschlechterstereotype

Teil II – Analyse

4. Beschreibung der gewählten Analyseform und des Vorgehens
4.1. Methode
4.2. Festlegung des Materials
4.2.1. Filmauswahl
4.2.2. Untersuchungsgegenstand
4.3. Ablauf der Untersuchung
4.4. Kategorien

5. Ergebnisse
5.1. Kategorienauswertung
5.2. Zusammenfassende Auswertung und Kritik

6. Abschluss und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

Anhang

Tabelle A

Tabelle B

Teil I – Theoretische Überlegungen

1. Einleitung

Gleichstellung, Gleichberechtigung und die Auseinandersetzung mit den Lebenswelten von Mann und Frau sind gesellschaftlich mittlerweile weit verbreitete Themen und haben im öffentlichen Diskurs eine allgegenwärtige Selbstverständlichkeit erreicht, die jedoch bei näherem Hinsehen nur sehr langsam in die alltägliche Lebenswelt der Menschen diffundiert. In den täglichen Sozialisationsumwelten von Kindern und Jugendlichen sind Geschlechterunterschiede und die Vermittlung von klassischen Rollenmustern nach wie vor der Regelfall. Neben der wohl stärksten Sozialisationsinstanz Familie spielen die Medien eine zunehmend übergeordnete Rolle.

„Massenmedien sind heutzutage […] ein quasi-natürlicher Bestandteil der Alltagswelt von jung und alt, von Mann und Frau. Die Massenmedien begleiten uns nicht nur äußerlich, […] sondern auch innerlich: […] Medienfiguren und -stars, Medienszenarien und -geschichten gehen sowohl in das Denken und Erleben des Individuums ein als auch in die Gestaltung der Öffentlichkeit“ (Charlton; Neumann-Braun 1992: 1).

Geschlechterdarstellungen in Fernsehserien und -filmen besitzen eine Art Normgebenden Charakter. Im Kontext der Handlung können normkonforme Darstellungen positiv und abweichende Darstellungen negativ konnotiert werden. Durch die ständige Präsenz wiederkehrender Geschlechterstereotype können sich diese als „Normalität“ etablieren und immer wieder aufs Neue bestätigen.

„Dem Fernsehen kommt bei der Vermittlung von Wissen und Bewußtsein besondere Bedeutung zu, es trägt bei zur Meinungsbildung in unserer Gesellschaft und ist eine wichtige Sozialisationsinstanz. Vor allen anderen Medien wird ihm von den Rezipienten eine besonders hohe Glaubwürdigkeit zugeschrieben. Subjektive Meinungen und Darstellungen werden durch den Charakter dieses Mediums objekiviert und in dieser Form von dem Empfänger in hohem Maße akzeptiert “ (Blumschein 1986: 11ff).

Mit anderen Worten: Medial aufgearbeitete Inhalte werden von den Rezipienten häufig kritiklos als wiedergegebene Realität akzeptiert und zur Interpretation und Bewältigung der eigenen Lebenswelt herangezogen. Besonders kritisch ist diese Herangehensweise an die Medienwelt bei Kindern und Jugendlichen zu bewerten, da diese Zielgruppe besonders empfängliche, weil noch in der Entwicklung begriffene, Adressaten sind. Das Internalisieren von omnipräsenten Geschlechterstereotypen trägt hier in großem Maße zur Bildung ihrer geschlechtsspezifischen Identitäten bei. Das Fernsehen vermittelt und produziert auf diese Weise Geschlechter-Ideologien und sorgt „damit dafür, daß sich beide Geschlechter mit den ihnen zugeschriebenen Rollen und Aufgaben abfinden, sich mit ihren angeblichen Wesensmerkmalen identifizieren“ (Blumschein 1986:11ff). Speziell für Kinder und Jugendliche zugeschnittene Programme und Filme haben hier besondere Relevanz, da sie für diese Zielgruppe speziell konzipiert worden sind und viel gerichteter Inhalte vermitteln können. Dadurch kommt ihnen eine besonders Verantwortung zu. Sie haben – auf das Geschlecht bezogen – die Wahl offene und tolerante Weltanschauungen zu thematisieren oder veraltete, klassische Muster zu propagieren, indem sie Klischees und veraltete Rollenmodelle vermitteln.

In dieser Arbeit sollen jedoch nicht Kinderfilme im Allgemeinen betrachtet werden, sondern speziell die Märchenfilme, da sie eine Erweiterung klassischer Märchen(bücher) sind, die in der Kinderunterhaltung eine lange Tradition und einen besonderen Stellenwert haben. Märchen sind in unserer Gesellschaft eine Art Kulturgut. Fast jeder hat ein oder mehrere Lieblingsmärchen aus der Kindheit. Mit dem Aufkommen des Kinos und des Fernsehens sind die Geschichten aus der Kindheit zahlreich verfilmt und adaptiert worden und haben sogar die Nische der Kinderunterhaltung nach und nach verlassen und präsentieren sich mittlerweile als beliebtes Unterhaltungsformat für die ganze Familie. Auf unterhaltsame Weise entführen sie den Zuschauer in eine Welt von Drachen, Hexen, Feen und Helden; in Märchenwälder und Zauberschlösser; in eine Welt, wo das Böse stets verliert und das Gute triumphiert. Sie erzählen von schönen Prinzessinnen und tapferen Prinzen, von Heldentaten, Stolz und Ehre, und nicht zu vergessen von Liebe. Aber ganz nebenbei, auf subtile Weise, implementieren sie in unseren Köpfen auch Werte und Normen, und formen damit dichotome Überzeugungen und Weltanschauungen darüber, was Gut und Böse ist, was Richtig und Falsch ist und nicht zu Letzt, was männlich und was weiblich ist.

1.1. Zielsetzung dieser Bachelorarbeit

Ziel dieser Arbeit ist es, einen exemplarischen Märchenfilm auf die geschlechterstereotype Darstellungen hin zu analysieren. Da Märchen im Allgemeinen immer vom Zeitgeist ihrer Epoche geprägt sind, macht es wenig Sinn ältere Märchenfilme zu analysieren. Meine Analyse konzentriert sich daher auf eine Neuverfilmung aus dem Jahr 2017 und untersucht, inwieweit bzw. ob überhaupt die Gleichheitsdiskurse unserer Zeit Eingang in die Verfilmungen gefunden haben. Konkret soll betrachtet werden, ob Geschlechterstereotype vermittelt werden oder ob ein Wandel in der Geschlechterdarstellung zu erkennen ist. Hierbei werden schwerpunkmäßig die Hauptprotagonisten analysiert, aber auch die relevante Nebendarsteller werden auf Stereotype hin betrachtet.

Im Ersten Teil der Arbeit wird der konstruktivistische Ansatz als theoretische Grundlage für die Geschlechtskonstruktion erläutert. Daran anschließend wird der sozialisatorische Einfluss von Medien betrachtet, um herauszustellen, welche Relevanz gezeigte Inhalte (auch im Märchenfilm) auf die Entwicklung von Kindern und jungen Menschen haben. Abschließend soll dann die gängigen medialen Geschlechterdarstellungen betrachtet werden, um eine Vergleichsgrundlage für den zweiten Teil der Arbeit zu schaffen.

Im zweiten Teil erfolgt auf Grundlage der qualitativen Inhaltsanalyse von Mayring die Analyse des neuverfilmten Märchenfilms Die Schöne und das Biest aus dem Jahr 2017. Nähere Erläuterungen zur Methode und zur Filmauswahl erfolgen unter Punkt 4.

2. Theoretische Grundlage

Diese Art von Überlegungen machen natürlich nur Sinn, wenn man Geschlecht nicht als ein natürlich vorbestimmtes Faktum betrachtet, sondern eine konstruktivistische Perspektive einnimmt. Im Alltagswissen der meisten Menschen ist Geschlecht eine dichotome Größe, die einen “natürlichen“ biologischen Unterschied darstellt – männlich und weiblich. In der Frauenforschung gibt es jedoch seit den 70er Jahren geschlechtstheoretische Ansätze, die das Geschlecht als soziale Konstruktion betrachten und den Anspruch der “Natürlichkeit“ verneinen. Sie betrachten die Zweigeschlechtlichkeit als einen sozialen Konsens, der sich in der Interaktion herstellt und reproduziert. Die theoretischen Grundlagen hierzu lieferten Harold Garfinkel, Kessler und McKenna, sowie West und Zimmermann. Nachfolgend sollen nun ihre Überlegungen kurz dargestellt werden.

2.1. Geschlechtskonstruktion nach Garfinkel

Garfinkels Ausgangspunkt für die Betrachtung von Geschlechterkonstruktion ist seine bekannte Transsexuellenstudie über die Transsexuelle Agnes. Garfinkel betrachtete bei dieser Studie die Konstruktion von Normalität – in diesem Fall die Konstruktion der geschlechtlichen Normalität eine Frau zu sein. Transsexuellenstudien im Allgemeinen haben für die Forschung den Vorteil, dass sich der Prozess der Wandlung von einen zum anderen Geschlecht in einer Art Zeitlupe vollzieht (vgl. Gildemeister 2008:139). Auf diese Weise lässt sich die Konstruktion und Darstellung des neuen Geschlechts gut beobachten. Transsexuelle müssen im Alltag ihr gewähltes Geschlecht darstellen und Verhaltenserwartung erfüllen und in der Interaktion mit Anderen, geschlechtskonforme Muster realisieren, um vom Gegenüber als Mann oder Frau validiert zu werden (vgl. ebd.). Gelingt diese Darstellung nicht richtig erfolgt in der Regel Ablehnung. Garfinkel formulierte aus seinen Beobachtungen eine Reihe von Annahmen, die unser Alltagswissen bestimmen und damit auch die Wahrnehmung von Geschlecht beeinflussen: (1) Die Überzeugung, dass es von Natur aus nur zwei Geschlechter, das Weibliche und das Männliche, gäbe; (2) Die Überzeugung, dass die Geschlechtszugehörigkeit eindeutig anhand der Genitalien abzulesen sei; und (3) dass die Geschlechtszugehörigkeit angeboren, also nicht frei wählbar oder veränderbar sei (vgl. ebd.). Garfinkel bezeichnet diese Überzeugungen als institutionalisiertes Alltagswissen, das nicht “natürlich“, sondern ein “moralischer Tatbestand“ ist (Wetterer 2008: 127). Dieser Tatbestand nimmt in der sozialen Welt eine grundlegende Ordnungsfunktion ein und ist „omnirelevant“ (Gildemeister 2008:140). Damit zeigte Garfinkel, dass Geschlecht tatsächlich erlernbar ist.

2.2. Geschlechtskonstruktion nach Kessler und McKenna

Kessler und McKenna bauten auf Garfinkel Erkenntnissen auf und entwickeln Sie weiter. Ihr Fokus liegt dabei auf den interaktiven Prozessen der Geschlechterzuschreibung, wobei sie einen „alltäglichen Phallozentrismus“ beobachten (vgl. Gildemeister 2008b: 140). Phallozentrismus bedeutet, dass der Penis das ausschlaggebende Kriterium für die Geschlechterzuschreibung ist. Das heißt weiblich ist nur etwas, das nicht männlich ist, nicht umgekehrt. Das vorhandene biologische Geschlecht ist in der alltäglichen Interaktion jedoch nicht sichtbar, die Zuschreibung erfolgt nur anhand anderer Merkmale wie Kleidung, Frisur, Figur und vor allem anhand der Interpretation der Darstellung. Kessler und McKenna kommen zu dem Schluss, dass die Darstellung in der Interaktion mit anderen demnach zentral für die Herstellung von Geschlecht ist.

„Attributions are almost always made in the absence of information about genitals, […] Secondary gender characteristics and genitals are important cues, but they are never sufficient for making a gender attribution. Whether someone is a man or a woman is determined in the course of interacting” (Kessler; McKenna 1985: 17).

2.3. Geschlechtskonstruktion nach West und Zimmermann

Auf den Erkenntnissen von Garfinkel und Kessler und McKenna aufbauend, stellen West und Zimmermann in ihrer konstruktivistischen Geschlechtertheorie die soziale Interaktion in den Mittelpunkt. Sie untersuchen eben diese Prozesse, in denen Geschlechtervorstellungen erzeugt werden. Sie verstehen Interaktion aber nicht als passiven Zustand, in dem Personen sich einfach wechselseitig wahrnehmen, sondern als formenden Prozess eigener Art (vgl. Gildemeiser 2008b: 138).

“We argue that gender is not a set of traits, nor a variable, nor a but the product of social doings of some sort. […] We claim that gender itself is constituted through interaction“ (West; Zimmermann 1987: 129).

Hierbei besteht der Zwang zur „kategorialen und individuellen Identifikation“ (Gildemeister 2008b: 138), bei der sich die Interaktionsteilnehmer entweder als männlich oder weiblich kategorisieren müssen. Diese Kategorisierung vermittelt Sicherheit und stellt eine grundlegende Ordnung der sozialen Welt her, da mit ihr erwartbare Handlungsmuster einhergehen (vgl. ebd.). Für die Analyse dieser Prozesse entwickelten West und Zimmermann eine Terminologie, die ohne die Annahme vorsozialer Natürlichkeit auskommt (ebd.). Sie unterscheiden zwischen sex, sex-category und gender, wobei sex die Geburtsklassifikation des körperlichen Geschlechts aufgrund sozial vereinbarter Kriterien ist; sex-category ist die soziale Zuschreibung bzw. Zuordnung eines Geschlechts aufgrund der Darstellung; gender ist die intersubjektive Validierung dieser Geschlechtskategorie in Interaktionsprozessen durch der Kategorie angemessenes Verhalten. Die Geburtsklassifikation und die Zuschreibung müssen sich nicht zwangsläufig entsprechen; es ist die allgemeine Annahme, dass wir in einer Welt von nur zwei Geschlechtern leben, die den automatischen Schluss von Geschlechtskategorie auf die Geburtsklassifikation verursacht (vgl. West; Zimmermann 1987: 131f.). Wie Garfinkel sehen West und Zimmermann die Kategorie Geschlecht als omnirelevant an: „Doing Gender is unavoidable“ (ebd.: 137).

2.4. Zusammenfassung und Relevanz

Zusammengefasst zeigen die konstruktivistischen Ansätze, dass Männlichkeit und Weiblichkeit an keine biologischen Geschlechtsunterschiede gebunden ist, sondern dass vielmehr die Verhaltensweisen, das “doing gender“, wichtiger sind. Damit konnte gezeigt werden, dass Geschlechtlichkeit konstruiert wird und dass Differenzen nicht von Natur aus da sind, sondern gemacht werden. Für diese Arbeit ist das insofern relevant, als das Herstellen von Geschlecht sich nicht nur auf die zwischenmenschliche Interaktion beschränkt, sondern auch in der Interaktion mit der Umwelt im Allgemeinen stattfindet. Medien machen einen Großteil dieser Umwelt aus. Sie produzieren Geschlechtskategorien und validieren diese durch ihre Omnipräsenz selbst. Das Individuum kopiert und wiederholt diese Inhalte in seiner alltäglichen Interaktion und schließt so den Kreis der Reproduktion. Kinder und Jugendlichen sind im Rahmen ihrer Entwicklung und Identitätsfindung hier besonders empfänglich. Mediale Inhalte sind „für Kinder etwas Offizielles“, sie „repräsentieren die Welt“ (Barthelmes1987: 23) und geben damit das Soll vor.

3. Mediale Sozialisation der Geschlechter

Neben der Familie und den sogenannten significant others trägt die Umwelt, in der man aufwächst, stark zur Sozialisation bei.

„Mit Sozialisation ist generell der Entstehungs- und Veränderungsprozess einer Person im Rahmen sozialer und gegenständlicher Einflüsse gemeint. […] Wir können davon ausgehen, dass Medien einen wesentlichen Faktor im Kontext dieser Entwicklung darstellen. Sie setzen zentrale Impulse für das Gewahrwerden sozialer Beziehungen und das Erlernen sozialer Rollen gemäß normativer Erwartungen“ (Luca 2003: 7).

Die Dosis macht das Gift: Die omnipräsente und sich stets wiederholende mediale Darstellung von Geschlecht in stereotyper Form vermittelt Kindern einen Status quo wie Mann und Frau zu sein haben. Kinder und Jugendliche, deren Medienkonsum „Hauptbestandteil ihrer Lebenswelt“ ist, internalisieren diese “Fakten“ und richten sich in ihrer Persönlichkeitsentwicklung danach aus (vgl. ebd.).

„[D]as Fernsehen [hat] die Macht zu bestimmen, was Kinder, Jugendliche und Erwachsene kennenlernen und erleben sollen, welche Erfahrungen und welches Wissen für sie vonnöten ist; ferner bestimmt das Fernsehen, was und wie die Menschen denken, was und wie sie empfinden sollen. […] Das Fernsehen hat nicht nur die Macht Zeit und Aufmerksamkeit und Wahrnehmungsgewohnheiten der Zuschauer zu beeinflussen, sondern auch die Macht ihr Denken und ihre Vorstellungen zu formen“ (Barthelmes 1987: 22).

„Sozialisation erschafft den Menschen als soziales Wesen, welches sich moralischen Disziplinen unterordnet. Das Individuum erwirbt dabei ein System von Ideen, Gefühlen und Haltungen und internalisiert auf diese Weise Normen und Verhaltensregeln (vgl. Krämer 2013: 29).

Das Dargestellte ist die Norm, die Normalität. Eine Abweichung von dieser Normalität wird zwar mittlerweile in unserer Gesellschaft toleriert und in verschiedenen Diskursen normalisiert, aber in medialen Darstellungen hat die Abweichung nach wie vor häufig den Beigeschmack des Nicht-Normalen. Kinder unterliegen diesen medialen Vorgaben und handeln danach. „Kinder können sich in ihrem Alltagsleben jederzeit auf die vom Fernsehen gezeigten Bilder beziehen und diese Bilder können zu Lebensmodellen gerinnen, die für Kinder handlungsrelevant werden“ (Barthelmes 1987: 32). Geschlecht ist immer dabei, nie explizit, sondern immer indirekt in Gestalt der Darsteller, die entweder “normal“ sind oder eben nicht. Der Beitrag von Märchen ist in diesem Zusammenhang besonders relevant, da ihre Zielgruppe sich gerade am Anfang ihrer Entwicklung befindet und dadurch stark beeinflussbar und formbar ist. Märchen vermitteln ihren Sozialisationsauftrag sehr subtil. „Dies ist in Botschaften verschlüsselt. Die Geschlechtsaneignung geschieht im Verborgenen“ (Hagemann-White 1984: 83 zitiert nach Friedriszik 2003: 56). Filme im Allgemeinen und hier Märchen im Speziellen können mit ihren Geschlechterdarstellungen Botschaften transportieren, die „herkömmliche Geschlechterstereotypen zementieren oder in Frage stellen können“ (Friedriskzik 2003: 56).

3.1. Weibliche und Männliche Geschlechterstereotype

Stereotype an sich sind nicht grundsätzlich etwas Negatives, ihre Funktion ist in erster Linie die Reduktion von Komplexität, „damit besitzen sie eine positive Entlastungsfunktion“ (Häfner 1987: 25). Mit ihrer Hilfe wird eine Vielzahl von Informationen ökonomisch verarbeitet und somit eine effizientere Wahrnehmung ermöglicht (vgl. ebd.). Nachteilig wirkt sich jedoch ihre relative Starrheit aus, und, da sie dem Wahrnehmungsprozess vorgeschaltet sind beeinflussen sie diesen auch (vgl. ebd.). „Geschlechterstereotype sind kognitive Strukturen, die sozial geteiltes Wissen über die charakteristischen Merkmale von Frauen und Männern enthalten“ (Eckes 2010: 178). Sie bilden eine zentrale Komponente im gender belief system und sind im hohen Maße änderungsresistent (vgl. ebd.). Diese Geschlechtertheorien werden bereits im Kindesalter erworben und verfestigen sich durch Lernprozesse im Erwachsenenalter. Es entsteht eine Art „symbolische Ordung“, die für beide Geschlechter spezielle Regeln für ihre Darstellung bereithält (vgl. Luca 2003: 41).

„Von Mädchen und Jungen […] wird unterschiedliches Verhalten erwartet, und es wird davon ausgegangen, dass sich die Geschlechter in ihren Fähigkeiten, Interessen und Persönlichkeitsmerkmalen unterscheiden. […] In den westlichen Industriestaaten gehören zum weiblichen Stereotyp u.a. die Eigenschaften ängstlich, empfindsam, sozial orientiert, warmherzig, zum männlichen Stereotyp gehören u.a. aggressiv, ehrgeizig, selbstsicher, unternehmungslustig“ (Trautner 2006: 110).

Männer werden als unabhängiger, objektiver, aktiver, logischer, ehrgeiziger, risiko- und entscheidungsfreudiger, selbstbewußter und technisch begabter gekennzeichnet; Frauen als sanfter, ruhiger, sauberer, ordentlicher, taktvoller, einfühlsamer, religiöser, emotional ausdrucksfähiger. […] Mit solchen stereotypen Vorstellungen geht eine niedrige Bewertung von Frauen und eine relativ hohe von Männern einher“ (Cornelißen 1994: 13).

Diese Einordung ist wiederkehrend, auch Eckes (2010: 179) spricht bei Wärme oder Expressivität von weiblichen Kompetenzen und bei Kompetenz und Selbstbehauptung von männlichen Kompetenzen. Das Äußere spielt eine weitere Rolle: „Frauen werden als jünger, modebewusster, gepflegter, attraktiver [eingeschätzt]“ (Lukesch 2004: 57). Damit wird das Äußere bei Frauen auch als Kompetenz gewertet, wohingegen bei Männern Äußerlichkeiten nebensächlicher sind. Kennzeichnend für beide Gruppen von Merkmalen ist, dass die Merkmale der einen Gruppe nicht in der anderen vorkommen, sich also Frauen von Männern und Männer von Frauen gänzlich unterscheiden.

Die Darstellung dieser Stereotypen in Fernsehen und Filmen hat starken Einfluss auf die Rezipienten, da

„[d]ie erste soziale Zuschreibungen, die unbekannte Personen erfahren, über die kognitive Kategorie des Geschlechts zu laufen scheinen […]. Von daher ist anzunehmen, daß sich Zuschauer und Zuschauerinnen bei der Filmauslegung zunächst am Geschlecht der Personen im Film orientieren. Zuschauerinnen werden sich anfänglich mit weiblichen Personen identifizieren […]. Bei Männern ist umgekehrt zu erwarten, daß sie sich zunächst einmal leichter in die Rolle männlicher Personen im Film hineinversetzen können“ (Cornelißen 1994: 31).

Somit hat die Darstellung von Stereotypen in Film und Fernsehen einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss bei der Ausbildung von Geschlechtsidentität von Kindern und Jugendlichen. Daher sind die Darstellung und Vermittlung dieser Stereotypen in Märchenfilmen von besonderem Interesse für diese Arbeit.

Nachfolgend, im zweiten Teil dieser Arbeit wird das Märchen Die Schöne und das Biest exemplarisch auf diese Stereotypen hin untersucht.

Teil II – Analyse

4. Beschreibung der Analyseform und des Vorgehens

Die zentrale Forschungsfrage, um die sich die Analyse dreht, ist: Ob und in welchen Ausmaß Geschlechterstereotype im vorliegenden Märchenfilm gezeigt werden? Anhand der in Teil I genannten stereotypen Merkmale wird eine Kategorienliste (4.4.) erstellt. Anschließend wird der Inhalt des ausgewählten Märchenfilms auf das Vorkommen dieser Kategorien untersucht. Dieser Vergleich wird qualitativ durchgeführt.

4.1.Methode

Die durchgeführte Untersuchung basiert auf der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring. Die Auswahl der Analyseform fiel auf die Inhaltsanalyse, da diese sich nicht nur auf geschriebene Texte als Quelle beschränkt, sondern eine Analyse verschiedener Kommunikationsmedien (Fotos, Musik, etc. und eben auch Filme) möglich macht. Sie dient der Analyse von Material, welches das Ergebnis von Kommunikation ist und will damit: (1) Kommunikation analysieren; (2) theoriegeleitet und systematisch vorgehen; (3) um Rückschlüsse aus bestimmten Aspekten dieser Kommunikation zu ziehen (vgl. Mayring 2015: 11ff). Audio-visuelle Darstellungen in Filmen stellen auch eine Art Kommunikation dar, die systematisch untersucht werden kann. „Ziel der Analyse ist es, das Material so zu reduzieren, dass die wesentlichen Inhalte erhalten bleiben; durch Abstraktion einen überschaubaren Corpus zu schaffen, der immer noch Abbild des Grundmaterials ist“ (Mayring 2015: 67).

4.2. Festlegung des Materials

4.2.1. Filmauswahl

Eine direkte Stichprobe gab es in diesem Fall nicht. Die Auswahl des Films erfolgte aus dem Gros aller Märchenfilme nach zuvor festgelegten Kriterien: (1) kürzlich neu verfilmt; (2) kein Zeichentrickfilm; (3) hoher Bekanntheitsgrad.

Zu 1: Die Schöne und das Biest ist bereits mehrmals verfilmt worden, als Zeichentrick- aber auch mehrmals als Spielfilm. Die letzte Verfilmung, die hier untersucht wird, ist aus dem Jahr 2017, was für das erste Kriterium ausreichend ist.

Zu 2: Es ist ein Spielfilm mit Schauspielern, aber auch zum Teil mit animierten Gegenständen bzw. dem Biest. Die weibliche Hauptprotagonistin Belle sowie wichtige Nebenfiguren sind reale Personen.

Zu 3: Walt Disney Verfilmungen haben generell eine hohe Popularität, ausschlaggeben hier war aber auch, dass der Film, wie bereits erwähnt, bereits mehrmals in verschiedenen Formaten verfilmt wurde. Ein weiterer Aspekt ist der Bekanntheitsgrad der Besetzung: Emma Watson, die durch die Harry-Potter-Filme bekannt wurde, spielt die Hauptprotagonistin Belle. Ewan McGregor und Emma Thomson leihen den animierten Protagonisten ihre Stimmen.

In der engeren Wahl stand auch noch der Film Cinderella, welcher die Kriterien auch erfüllte, ausschlaggebend war hier schließlich das Produktionsjahr. Cinderella wurde 2015 veröffentlicht, Die Schöne und das Biest 2017, so viel die Wahl auf letzteren Film.

4.2.2. Untersuchungsgegenstand

Wie beschrieben (4.2.1. Fimwahl) fiel die Wahl auf den Märchenfilm Die Schöne und das Biest. Bei dem Film handelt es sich um ein US-amerikanisches Fantasy-Musical, das von Walt Disney Pictures und Mandeville Films produziert wurde. Regie führte Bill Condon. Der Film wurde 2017 veröffentlicht und ist die Verfilmung des gleichnamigen Disney-Zeichentrickfilms aus dem Jahr 1994. Der Film zeichnet sich aus durch eine sehr bekannte Besetzung: Emma Watson, Emma Thompson, Dan Stevens, Ewan McGregor und Kevin Kline, um ein paar zu nennen. Die Spieldauer beträgt 130 Minuten und hat eine Altersfreigabe FSK ab sechs Jahren.

Der Film handelt von einem eitlen Prinzen, der zur Strafe für seine Arroganz von einer Zauberin in ein Biest und sein Gefolge in Einrichtungsgegenstände des Schlosses verwandelt wird. Nur die aufrichtige Liebe einer Frau kann den Fluch wieder aufheben. Jahre später gerät Maurice, der Vater der schönen jungen Belle, in die Gefangenschaft des Biests. Als diese davon erfährt, will sie ihren Vater retten, dafür verpflichtet sie sich an Stelle ihres Vaters für immer im Schloss zu bleiben. Nach und nach freundet sie sich mit den verzauberten Bediensteten an, die in ihr die Möglichkeit sehen den Fluch zu brechen und versuchen sie und das Biest einander näher zu bringen. Das Vorhaben scheint zu gelingen und die beiden kommen sich langsam näher. Zur gleichen Zeit zettelt Gaston, ein ungewollter Verehrer der jungen Belle, einen Bürgeraufstand an, um das Biest zu töten und Belle zu befreien. Bei der Konfrontation kommt Gaston um, aber zuvor gelingt es ihn das Biest schwer zu verletzen. Als es seinen Verletzungen erliegt gesteht Belle ihm seine Liebe und der Fluch wird aufgehoben und holt den Prinzen zurück ins Leben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Geschlechtersozialisation durch Märchenfilme. Learning by watching
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,8
Jahr
2019
Seiten
36
Katalognummer
V535317
ISBN (eBook)
9783346132512
ISBN (Buch)
9783346132529
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Gender, Gender Studies, Geschlechterkonstruktion, Märchenfilme, Märchen, Geschlecht, Sozialisation, Geschlechtersozialisation
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Geschlechtersozialisation durch Märchenfilme. Learning by watching, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/535317

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