Dissoziative Identitätsstörung - Eine Überlebensstrategie


Diplomarbeit, 2006

93 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Dissoziation
2.1 Die Geschichte der Dissoziation
2.3 Einordnung und Definition dissoziativer Störungen nach ICD-10 und DSM-IV
2.3.1 Dissoziative Amnesie
2.3.2 Dissoziative Fugue
2.3.3 Depersonalisationsstörung
2.3.4 Konversionsstörung
2.3.5 Dissoziative Trance und Besessenheit
2.3.6 Dissoziative Identitätsstörung
2.3.7 Nicht näher bezeichnete dissoziative Störungen

3 Die dissoziative Identitätsstörung
3.1 Die Geschichte der dissoziativen Identitätsstörung
3.2 Einordnung und Definitionen der dissoziativen Identitätsstörung nach ICD-10 und DSM-IV
3.3 Epidemiologie und demographische Aspekte
3.4 Diskussion über die Realität der Dissoziativen Identitätsstörung

4 Entstehungen einer dissoziativen Identitätsstörung
4.1 Sexueller Missbrauch
4.2 Rituelle Misshandlungen
4.3 Wichtige Faktoren bei der Entstehung einer Dissoziativen Identitätsstörung nach Huber
4.4 Putnams Entwicklungsmodell

5 „Täterkreise“
5.1 Familie
5.2 Bekanntenkreis
5.3 Organisiertes Verbrechen
5.4 Satanische Sekten

6 Diagnostik der Dissoziativen Identitätsstörung
6.1 Psychiatrische Symptome
6.2 Neurologische und medizinische Symptome
6.3 Diagnoseinstrumente
6.3.1 Screeninginstrumente
6.3.2 Diagnostische Interviews

7 Die Alter-Persönlichkeiten
7.1 Arten von Alter-Persönlichkeiten
7.2 Das System der Alter-Persönlichkeiten
7.3 Switche
7.3.1 Auswirkungen von Switchen

8 Behandlungsmöglichkeiten
8.1 Psychotherapie
8.2 Die Behandlungsrichtlinien der ISSD im Überblick
8.2.1 Die Stabilisierungsphase
8.2.2 Die Behandlung traumatischer Erinnerungen und Integration der Teilpersönlichkeiten
8.2.3 EMDR
8.2.4 Die Postintegrative Phase
8.3 Ergänzende Therapien
8.3.1 Psychopharmaka
8.3.2 Videotechniken
8.3.3 Stationäre Behandlung

9 Relevanz für die Soziale Arbeit
9.1 Anforderungen an den Sozialarbeiter im Umgang mit multiplen Menschen
9.2 Sozialarbeiterische Interventionen
9.2.1 Prävention
9.2.2 Beratung, Information und Begleitung
9.2.3 Krisenintervention
9.2.4 Selbsthilfegruppen
9.2.5 Begleitung im Rahmen des betreuten Wohnens

10 Fazit

Quellenverzeichnis

Internet – Referenzen

1 Einleitung

Seit Anfang der 90er Jahre findet die dissoziative Identitätsstörung in Deutschland zunehmend Interesse in der Öffentlichkeit. Dies hängt vermutlich auch damit zusammen, dass die Medien häufiger darüber berichten, da die Symptome sonderbar und gelegentlich bizarr scheinen.

Die dissoziative Identitätsstörung ist eine der ungewöhnlichsten psychischen Zustände, die in der Psychologie bekannt sind. Das Vorhandensein scheinbar separater und unabhängiger Persönlichkeiten, die abwechselnd das Verhalten eines Menschen bestimmen, ruft einerseits Faszination, andererseits Protest und Unglauben hervor. Das Existieren einer solchen Entität stellt grundsätzliche Theorien des modernen Menschenbildes – die Vorstellung einer einheitlichen, in sich geschlossenen Persönlichkeit sowie die einer zentralen Struktur des Bewusstseins – in Frage. Somit stellt die dissoziative Identitätsstörung nicht nur für die Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, sondern auch für die Philosophie und einige Bereiche der Sozialarbeit im Hinblick auf die Natur des Menschen eine besondere Herausforderung dar.

Menschen, die an einer dissoziativen Identitätsstörung leiden, wurden bereits in frühester Kindheit sexuellem und/oder körperlichem und/oder emotionalem Missbrauch in einem unvorstellbaren Maß ausgesetzt. Kinder, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind oder misshandelt werden, erleiden extreme Qualen und werden gezwungen ihre Körpergrenzen aufzugeben. Um das psychische Überleben zu sichern, ist es für die Kinder die meist einzige Möglichkeit, sich während der Missbrauchssituation mittels Dissoziation von ihrem Körper zu trennen, um die angstauslösenden und schmerzhaften Reize abzuwehren. Momentan gibt es immer noch nicht ausreichend professionelle Hilfen für die Betroffenen. Dies liegt unter anderem daran, dass einerseits in der Wissenschaft und Öffentlichkeit noch sehr wenig Wissen über dieses Störungsbild vorhanden ist, andererseits den Betroffenen aufgrund der extremen Lebensgeschichten oft nicht geglaubt wird. Selbst in der Fachwelt wird die Diagnose der Dissoziativen Identitätsstörung vielfach kritisch und teilweise auch sehr emotional diskutiert.

In der Sozialen Arbeit können Professionelle in nahezu allen Bereichen mit Missbrauch konfrontiert werden. Da Sozialarbeiter in Verantwortung gegenüber rat- und hilfesuchenden Menschen stehen, ist es somit ihre Aufgabe, im Bedarfsfall kompetent und professionell zu handeln. Aus diesem Grund ist es für Sozialarbeiter unerlässlich, sich theoretisches Wissen über die verschiedenen Arten von Missbrauch anzueignen und über eine Vielzahl von Erkennungsmerkmalen und praktische Leitlinien Bescheid zu wissen. Dies erst ermöglicht einen professionellen Umgang des Sozialarbeiters mit Betroffenen sowie das frühzeitige Erkennen und Schützen der von Missbrauch betroffenen Menschen. Dementsprechend soll diese Diplomarbeit wichtiges Grundwissen über das Störungsbild der DIS vermitteln, den Zusammenhang zwischen der meist sehr extremen Gewalt und der Entstehung von DIS erläutern und Behandlungsmöglichkeiten für Betroffene aufzeigen. Darüber hinaus werden relevante Fragen und Aspekte für den Sozialarbeiterischen Bereich bearbeitet. Durch welche Faktoren entsteht eine DIS? Welche besonderen Kompetenzen werden dem Sozialarbeiter im Umgang mit DIS-Betroffenen abverlangt? Welche Hilfe-Möglichkeiten gibt es für DIS-Betroffene? Dies sind nur einige Fragen, die sich ein sachfremder Sozialarbeiter ohne Zweifel stellt. Diese Arbeit soll die Anforderungen an die soziale Arbeit im Umgang mit DIS-Betroffenen deutlich machen. Weiterhin soll dem Sozialarbeiter eine Hilfe zur Orientierung und zum Entwurf möglicher Handlungsstrategien gegeben werden.

Im zweiten Kapitel werden zunächst die historischen Wurzeln der Dissoziation und die verschiedenen dissoziativen Störungsbilder nach ICD-10 und DSM-IV näher erläutert.

Im dritten Kapitel wird auf die Geschichte der Dissoziativen Identitätsstörung näher eingegangen, das Störungsbild nach ICD-10 und DSM-IV definiert, die Epidemiologie und demographische Aspekte der DIS werden aufgezeigt und die Frage der Iatrogenität der Dissoziativen Identitätsstörung behandelt.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der Entstehung der DIS. Hier werden wichtige Faktoren, die zur Entwicklung einer DIS beitragen, nach Huber und ein Entwicklungsmodell von Putnam vorgestellt.

Im fünften Kapitel wird sich mit einem möglichen Täterkreis auseinandergesetzt. Dieser kann von der Familie über Bekannte bis hin zum organisierten Verbrechen oder satanischen Sekten reichen. Diese Themen sind oft tabuisiert, da sich die Öffentlichkeit oftmals Gewalt in einem derartigen Ausmaß und in solcher Form nicht vorstellen kann.

Das sechste Kapitel befasst sich mit der Diagnostik der DIS sowie verschiedenen Diagnoseinstrumenten. In diesem Rahmen ist es wichtig vorwegzunehmen, dass im psychiatrischen Bereich häufig eine Fehldiagnose auftreten kann, da DIS-Betroffene oft eine große Anzahl unterschiedlicher medizinischer, neurologischer und psychiatrischer Symptome aufweisen.

Das siebte Kapitel beschäftigt sich mit den „Alter-Persönlichkeiten“. In diesem Zusammenhang werden charakteristische Persönlichkeitstypen näher erläutert und das Switchen erklärt.

Im achten Kapitel werden verschiedene Behandlungsmöglichkeiten aufgezeigt und näher erläutert.

Abschließend werden im zehnten Kapitel sozialarbeiterische Aspekte behandelt und Konsequenzen für die Soziale Arbeit aufgezeigt.

2 Dissoziation

Nach Fiedler (2001, S. 55) kann die Dissoziation als eine strukturierte Separation mentaler Prozesse (von Gedanken, Bedeutungen, Erinnerungen oder der Identität) gesehen werden, die bis dahin in die ganzheitliche Wahrnehmung integriert waren.

Im weitesten Sinne kann Dissoziation so verstanden werden, dass zwei oder mehr zusammengehörige Denkprozesse oder Verhaltensabläufe in Einzelheiten zerfallen, also nicht miteinander assoziiert werden, obwohl diese Teilbereiche normalerweise in das Bewusstsein, Gedächtnis oder Selbstbild integriert sind. Von einer Dissoziation können Gedanken, Erinnerungen, Gefühle, Bewegungsabläufe, Handlungsimpulse oder Körperempfindungen betroffen sein (ebd., S. 55f).

Putnam (2003, S. 21) sieht das Interesse an der psychopathologischen Rolle der Dissoziation bei zahlreichen psychiatrischen Störungen als neu erwacht. Dies lässt sich mit der zunehmenden Häufigkeit der Diagnose DIS, dem Interesse an der posttraumatischen Belastungsreaktion und der öffentlichen Aufmerksamkeit in Bezug auf Kindesmissbrauch begründen (Temminghoff 1999, S. 30). Demzufolge wurden eine Anzahl spezifischer dissoziativer Störungen identifiziert und entsprechende Diagnosekriterien festgelegt. Des Weiteren ist der Anteil des dissoziativen Prozesses an anderen Störungen, wie z.B. Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen, erforscht worden (Putnam 2003, S. 21).

Im Zuge dieses neu erwachten Interesses wurde auch erkannt, dass dissoziative Störungen nicht nur als akute, zeitlich beschränkte Reaktionen, die einem traumatischen Ereignis unmittelbar folgen, verstanden werden können. So kann es auch eine chronisch dissoziative Pathologie geben, entweder als primäre Störung (wie bei der dissoziativen Identitätsstörung) oder als einen im Zusammenhang mit anderen Störungen auftretenden bedeutenden pathophysiologischen Prozess (wie bei der posttraumatischen Belastungsstörung) (ebd., S. 21).

Weiterhin sieht Putnam (2003, S. 29) Dissoziation als einen normalen Prozess, „der von den Menschen zunächst defensiv benutzt wird, um mit traumatischen Erfahrungen fertig zu werden, und der sich erst im Laufe der Zeit zu einem dysfunktionalen oder pathologischen Prozess entwickelt“.

Es ist bekannt, dass die Dissoziationsfähigkeit bei Kindern besonders ausgeprägt ist und mit zunehmendem Alter nachlässt. Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Dissoziation lassen sich dagegen nicht nachweisen (ebd., S. 76).

Dissoziative Phänomene können auf einem Kontinuum von flüchtigen Alltagserfahrungen über manifeste Symptome bis hin zu schweren psychischen Störungen angeordnet werden. Zur „Normalität“ gehören alltägliche Erfahrungen, wie z.B. das Versinken in Büchern oder Filmen, die Unaufmerksamkeit bei Gesprächen oder beim Auto fahren (Fiedler 2001, S.60f). Auch manifeste dissoziative Phänomene sind relativ häufig. Sie kommen vor allem in belastenden Lebenssituationen vor. So kann es bei Überarbeitungs- und Erschöpfungssituationen ebenso wie bei traumatischen Erlebnissen (z.B. schwerer Verkehrsunfall, Tod eines nahe stehenden Menschen) zu Gefühlen von Entfremdung von sich selbst oder der Umgebung kommen (Gast 2002, S. 6). Diese Fähigkeit zu dissoziieren besitzt jeder Mensch und sie wird auch von jedem Menschen genutzt (Huber 2002, S. 35f).

Auf die dissoziativen Phänomene im pathologischen Bereich wird im Kapitel 2.3 näher eingegangen.

2.1 Die Geschichte der Dissoziation

Pierre Janet[1] wird als der erste unter allen Medizinern und Wissenschaftlern gesehen, der sich mit der Dissoziation beschäftigt hat. Er interessierte sich sehr für die Ideen von Jean-Martin Charcot, welcher damals versuchte die Hypnose wieder als Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen zu legitimieren. Als Janet 1883 in Le Havre Patienten für seine Dissertation suchte, wurde er von einem ansässigen Arzt mit Léonie bekannt gemacht. Janet führte mit Léonie verschiedene Experimente durch, welche er in einem Aufsatz beschrieb. Diese entfachten das Interesse von anderen berühmten Medizinern und Wissenschaftlern jener Zeit. Sie suchten Janet auf, um Léonie persönlich zu untersuchen und bestätigten Janets Ergebnisse. 1889 kehrte Janet nach Paris zurück und begann Medizin zu studieren. Währenddessen arbeitete er an Studien über Patienten, welche unter Amnesie, Fugue, sukzessiven Existenzen (Alter-Persönlichkeiten) und Konversionssymptomen litten. Janet ging davon aus, dass diese Symptome der Existenz von abgespaltenen Teilen der Persönlichkeit zuzuschreiben seien, welche unabhängig leben und sich entwickeln können. Des Weiteren fand er heraus, dass traumatische Ereignisse der Ursprung dieser dissoziativen Elemente waren, auf denen die Symptome oder Verhaltensweisen der Patienten basierten. Diese konnten behandelt werden, indem die abgespaltenen Erinnerungen und Affekte wieder bewusst gemacht und im weiteren Verlauf der Therapie transformiert wurden (Ellenberger 1996, S. 456ff).

In den USA interessierte sich u.a. Morton Prince für Janets Konzept der Dissoziation. Er machte es zur Grundlage seiner eigenen Hypothesen über Dissoziation. Princes Arbeit mit „Miss Beauchamp“[2], einer Patientin mit multipler Persönlichkeit, trug am meisten zu seinem Bekannt werden bei (Putnam 2003, S. 23).

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts war die Dissoziation kein seriöser Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung mehr. Sie sank im klinischen Bereich in die Position eines obskuren, unbedeutenden Phänomens ab. Gründe hierfür waren wichtige Entwicklungen im Bereich der Psychiatrie. Mittels dieser wurden die dissoziativen Modelle der Psychopathologie an den Rand gerückt und die gleichen Symptome aus der psychoanalytischen Perspektive der Verdrängung interpretiert. Dieser Konflikt zwischen den psychoanalytischen und dissoziativen Modellen hatte sich schon in der Debatte zwischen Janet und Freud über die Frage, wem die Entdeckung der Mechanismen der Hysterie zuzuschreiben sei, angekündigt. In den 30er Jahren wurde zwar weiter geforscht und es wurden auch Entdeckungen im Bereich der Psychopathologie gemacht, aber als Ursache für die Verbannung von Affekten, Impulsen und Erinnerungen aus dem Bewusstsein wurde die Verdrängung angesehen. Amnesien und hysterische Symptome wurden für das Resultat des aktiven Verdrängungsprozesses gehalten, welcher den Menschen vor unerträglichen Trieben oder Affekten schützt – dieser Erklärungsansatz war für Freuds Idee vom „Dynamischen Unbewussten“ von zentraler Bedeutung (ebd., S. 25).

Das Wiederaufleben des Interesses an der Dissoziation lässt sich durch das Zusammentreffen mehrerer Trends begründen. Das Interesse an der Hypnose ist neu erwacht in Bezug auf ihre Funktion als therapeutisches Werkzeug und auch auf ihre Rolle in der Trance bei bestimmten Formen traumatisch induzierter Psychopathologie. Ebenfalls hat das Interesse der Öffentlichkeit am Problem Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung stark zugenommen. Weiterhin haben experimentelle Untersuchungen zur Physiologie von DIS und Arbeiten zum Phänomen des verborgenen Beobachters zur Wiederaufnahme von Laboruntersuchungen im Bereich der Dissoziation geführt. Im klinischen Bereich werden dissoziative Psychopathologien, besonders DIS, immer häufiger diagnostiziert. (ebd.)

Zudem hat das momentane Interesse an posttraumatischen Belastungssymptomen die Aufmerksamkeit auch auf die Rolle dissoziativer Symptome bei anderen Störungen gelenkt (ebd.)

2.3 Einordnung und Definition dissoziativer Störungen nach ICD-10 und DSM-IV

Die folgende Darstellung der einzelnen dissoziativen Störungen orientiert sich am DSM-IV (APA 1996, S. 546ff) und an der ICD-10 (WHO 2001, S. 168ff), da sich beide in einigen Aspekten grundlegend unterscheiden.

Tabelle 1: Klassifikation von Dissoziation und Konversion in ICD-10 und DSM-IV

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3.1 Dissoziative Amnesie

Nach der WHO (2001, S. 168) ist die dissoziative Amnesie durch eine Unfähigkeit, sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern, gekennzeichnet. Diese Ereignisse sind zumeist traumatischer oder belastender Natur. Das Ausmaß dieser Störung ist zu umfassend, als das es mit gewöhnlicher Vergesslichkeit erklärt werden kann.

Entsprechend des qualitativen Ausmaßes der Amnesie werden im DSM-IV (APA 1996, S. 546f) fünf Formen von Erinnerungsstörungen unterschieden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3.2 Dissoziative Fugue

Im DSM-IV (APA 1996, S. 548) wird die dissoziative Fugue als ein „plötzliches, unerwartetes Weggehen von zu Hause oder vom gewohnten Arbeitsplatz, kombiniert mit der Unfähigkeit, sich an seine gesamte oder an Teile der Vergangenheit zu erinnern“, beschrieben. Dies ist mit einer Verwirrung über die eigene Identität oder mit der Annahme einer neuen Identität verbunden, wobei die Herausbildung einer neuen Identität äußerst selten geschieht.

In der ICD-10 wird für die Diagnosevergabe ein strengeres Kriterium gefordert. Hier muss die Selbstversorgung während der gesamten Zeit weitgehend erhalten bleiben (WHO 2001, S. 169).

Wird eine neue Identität angenommen, ist diese meist durch geselligere und weniger zurückhaltende Züge als die frühere Identität gekennzeichnet. Die Person kann einen neuen Namen annehmen, eine neue Wohnung beziehen und sich in komplexen sozialen Aktivitäten engagieren und gut integriert sein, so dass das Vorhandensein einer psychischen Störung nicht zu erkennen ist. Die Rückkehr in die Ursprungsidentität kann mit einer Amnesie für traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit, welche die Fugue ursprünglich ausgelöst hatten, verbunden sein. Im Falle einer dissoziativen Fugue sind diese Phänomene nicht auf den Einfluss von Alkohol, Drogen oder auf organische Ursachen zurückzuführen (APA 1996, S. 548ff).

2.3.3 Depersonalisationsstörung

Die Depersonalisationsstörung ist die am häufigsten vorkommende dissoziative Störung. Sie gilt als besonders prototypische menschliche Reaktion auf extreme Stress-, Belastungs- und Traumaerfahrungen.

Allerdings wird die Depersonalisationsstörung in der ICD-10 als eigene Kategorie außerhalb der dissoziativen Störungen geführt, während sie im DSM-IV eindeutig als dissoziative Störung vorgesehen ist, weil fast immer ein Gefühl der Realität und somit ein wichtiger Bestandteil der Identität verloren geht (Fiedler 2002, S. 5ff).

Unter „Depersonalisationsstörung“ werden im DSM-IV (APA 1996, S. 555f) zwei spezifische Symptombereiche unterschieden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Des Weiteren gibt es Übergänge von der Selbstentfremdung bis zum Erleben von dissoziativen Trancezuständen. Nach Fiedler (2002, S. 5ff.) beschreiben in dieser Situation die Betroffen, dass sie zeitweise keine/kaum Gefühle empfinden, nicht mehr klar denken können und nicht mehr zu planvollem Handeln in der Lage sind. Darüber hinaus wirken sie auch in ihren Interaktionen beziehungslos

In der ICD-10 (WHO 2001, S. 170f) gibt es für das Tranceerleben zwei Störungskategorien, den bewegungslosen dissoziativen Stupor und die dissoziative Trance, in welcher Bewegungen ausgeführt werden. Die Betroffenen haben während der Trance häufig das Gefühl der Selbstentfremdung, weswegen die Trance dem Phänomenbereich der Depersonalisation zugerechnet.

2.3.4 Konversionsstörung

Zur Konversionsstörung[4] gehören „organisch nicht erklärbare Symptome oder Ausfälle der willkürlichen motorischen oder sensorischen Funktion, die eine neurologische oder sonstige sensorische Störung nahe legen“ (Fiedler 2002, S. 7).

In der ICD-10 und im DSM-IV ist dieses Störungsbild phänomenologisch ähnlich beschrieben, aber im DSM-IV wird die Konversionsstörung den somatoformen Störungen zugeordnet und in der ICD-10 den dissoziativen Störungen.

Im Bereich der Konversionssymptomatik als dissoziative Störungen nimmt die ICD-10 eine Reihe spezieller Unterscheidungen vor, die im DSM-IV nicht zu finden sind:

Konversion: Differenzierungen in der ICD-10:

Dissoziativer Stupor (F 44.2)

Der dissoziative Stupor ist durch eine beträchtliche Verringerung oder das Fehlen willkürlicher Bewegungen und der Sprache sowie der normalen Reaktion auf Licht, Geräusche und Berührung gekennzeichnet (WHO 2001, S. 170).

Dissoziative Bewegungsstörungen (F 44.4):

Sie zeigen sich meist in dem vollständigen oder teilweisen Verlust der Bewegungsfähigkeit eines oder mehrerer Körperglieder (ebd., S. 172).

Dissoziative Krampfanfälle (F.44.5)

Sie können, in Hinsicht auf ihre Bewegungen, epileptischen Anfällen stark ähneln. Allerdings sind Zungenbiss, Verletzungen beim Sturz oder Urininkontinenz selten. Weiterhin kommt es zu keinem Bewusstseinsverlust (ebd., S. 172f).

Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen (F 44.6):

Die betroffene Person leidet unter einem teilweisen oder vollständigen Verlust einer oder aller normalen Hautempfindungen an Körperteilen oder am ganzen Körper. Weiterhin kommt es zu einem teilweisen oder vollständigen Seh-, Hör- oder Riechverlust (ebd., S. 173).

Dissoziative Störungen, gemischt (F 44.7)

Kombination der unter F 44.0 – F 44.6 beschriebenen Störungen (ebd., S. 174).

Sonstige dissoziative Störungen (F 44.8)

Dieser Begriff wird verwendet, um andere dissoziative Konversionsstörungen und Zustandsbilder anzugeben (psychogene Verwirrtheit, psychogener Dämmerzustand) (ebd.).

2.3.5 Dissoziative Trance und Besessenheit

Während im DSM-IV diese Störungsmuster noch im Anhang stehen, werden in der ICD-10 Trance und Besessenheit ausdrücklich als Störungskategorien im Bereich dissoziativer Störungen geführt (F 44.3) (WHO 2001, S. 170).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese beiden Formen der Dissoziation dürfen erst dann als psychische Störungen diagnostiziert werden, wenn sie nicht als normaler Bestandteil religiöser oder kultureller Bräuche akzeptiert sind und wenn sie in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen verursachen (ebd.).

2.3.6 Dissoziative Identitätsstörung

Die dissoziative Identitätsstörung ist Gegenstand dieser Arbeit. Sie ist die schwerste Erkrankung aus dem Syndrom-Spektrum der dissoziativen Störungen. Im Rahmen dieser Störung können alle Elemente der übrigen dissoziativen Störungen auftreten (Putnam 2003, S. 37). Mit den Diagnosekriterien und Definitionen der DIS[5] beschäftigt sich das Kapitel 3.

2.3.7 Nicht näher bezeichnete dissoziative Störungen

Dies ist eine Kategorie für alle dissoziativen Phänomene, die sich denen im DSM-IV und in der ICD-10 beschriebenen dissoziativen Störungen nicht zuordnen lassen, bei denen es aber ebenfalls zu einer dissoziativen Veränderung der normalen integrativen Funktion des Gedächtnisses, des Bewusstseins, der Identität oder der Wahrnehmung kommt (Putnam 2003, S.36f).

3 Die dissoziative Identitätsstörung

Die DIS gilt als eine der ungewöhnlichsten und erstaunlichsten aller psychischen Strukturen. Im Grunde beinhaltet sie alle wichtigen Elemente anderer dissoziativer Störungen. Sie ist eine chronische Störung, während alle übrigen dissoziativen Störungen zeitlich begrenzt auftreten. Weiterhin können bei einer DIS fast alle Symptome auftreten, die sämtliche andere psychische Störungen charakterisieren (Putnam 2003, S. 47).

3.1 Die Geschichte der dissoziativen Identitätsstörung

Solange wie sich religiöse Überzeugungen und Verhaltensweisen nachweisen lassen, existieren die Urtypen der DIS, nämlich Zustände schamanischer Transformation und Besessenheit (Putnam 2003, S. 48).

Henry F. Ellenberger rekonstruiert in seinem Buch „Die Entdeckung des Unbewussten“ (1996) einige historische Fälle von Besessenheit und schlussfolgert daraus: „Das Phänomen der Besessenheit, das jahrhundertelang so häufig war, kann man sehr wohl als eine Variante der ›multiplen Persönlichkeit‹ ansehen. Wir haben die zwei Formen der Besessenheit […] genannt: luzide Besessenheit (in der der Mensch wahrnimmt, wie zwei Seelen in seiner Brust ringen), und somnambule Besessenheit (bei der der Mensch das Bewusstsein seiner selbst verliert, während ein geheimnisvoller Eindringling von seinem Körper Besitz ergreift und als ein Individuum spricht, von dem der Mensch nichts weiß, wenn er zum Bewusstsein zurückkehrt). Man sieht, welche Parallele, diese beiden Formen der Besessenheit zu […] der ›multiplen Persönlichkeit‹ bilden.“ (Ellenberger 1996, S. 186f). Des Weiteren vermutet Ellenberger (ebd., S. 187), dass es möglicherweise schon lange neben der Besessenheit Fälle von dissoziativer Identitätsstörung gegeben hat, welche aber unbemerkt blieben.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts und während des ganzen 19. Jahrhunderts wurden immer wieder Fälle von gespaltener Persönlichkeit bekannt. Diese waren zunächst sehr seltene, wenn nicht gar legendäre Ereignisse. So ist z.B. der von Charles H. A. Despine, beschriebene Fall Estelle sehr aufschlussreich. 1836 behandelte Despine ein elfjähriges Mädchen aus der Schweiz. Ihre Symptome entwickelten sich von einer schweren Paralyse[6] zu einer dualen Existenz, wobei die zweite Persönlichkeit gehen konnte, ein heftiges Bedürfnis nach Schnee hatte und die Gegenwart ihrer Mutter nicht ertragen konnte. Der Anblick von manchen Dingen, z.B. Katzen konnte Estelle in einen kataleptischen Zustand[7] versetzen, der verschwand, wenn sie mit Gold abgerieben wurde. In den beiden Zuständen Estelles zeigten unterschiedliche Verhaltensweisen, Nahrungspräferenzen und Vorlieben in Bezug auf ihre zwischenmenschlichen Beziehungen (Ellenberger 1996, S. 190f). Despine entwickelte eine starke Beziehung zu Estelle und es gelang ihm, mittels seiner magnetischen Behandlungen und einiger psychotherapeutischer Interventionen, sie zu heilen (ebd., S. 190f).

Zwischen 1880 und 1920 wurde sich der DIS vermehrt von Psychologen, Psychiatern und Philosophen gewidmet. Es wurden zahlreiche und detaillierte Berichte über klinische Behandlungen derartiger Fälle verfasst – über einzelne Patienten wurden sogar Bücher geschrieben. Auch die internationalen medizinischen Konferenzen und Kongresse beschäftigten sich häufig umfassend mit dem Phänomen der Dissoziation (Putnam 2003, S.50). Dieses starke Interesse lag meines Erachtens vermutlich daran, dass die Hypnose als Therapiemethode immer mehr Anklang fand. Von Bedeutung sind in dieser Zeit vor allem die lange verkannten Arbeiten des französischen Psychiaters Pierre Janet (Huber 2002, S. 22). Einer der bekanntesten Fälle von DIS ist „Christine Beauchamp“, über den Morton Prince in einer klassischen Monographie berichtete.[8] Prince begann 1898 die Arbeit mit Miss Beauchamp, als diese 23 Jahre alt war. Sie war eine gebildete, aber sehr schüchterne Studentin an einem College in Neu-England und wandte sich an ihn, da sie unter Kopfschmerzen, Erschöpfung und einer Willenshemmung litt. Prince wusste, dass sie im Alter von 13 bis 16 eine Anzahl von psychischen Traumata erlitten hatte, ihre Mutter früh verloren hatte und zu Hause immer unglücklich war. Prince begann sie zu hypnotisieren und entdeckte zwei Persönlichkeiten, die er als „B II“ und „B III“ bezeichnete. „B II“ war eine intensivierte Form der Persönlichkeit, mit der die Patientin sich bei Prince vorgestellt hatte („B I“). „B III“ erwies sich als das genaue Gegenteil der beiden ersten. Sie war fröhlich, lebhaft, leichtsinnig, rebellisch und stotterte oft. „B III“ nannte sich „Sally“, verachtete „B I“ und versuchte ihr, durch indirekte Beeinflussung, Schwierigkeiten zu machen. Später tauchte noch eine vierte Persönlichkeit auf. „B IV“, die „Idiotin“, war eine sehr regressive Persönlichkeit und entstand durch ein traumatisches Ereignis, als die Patientin 18 Jahre alt war. Prince gelang es „B I“ und „B II“ zu vereinigen und „B III“ so zu hypnotisieren, dass sie aufhörte zu existieren. Die auf diese Weise entstanden „Miss Beauchamp“ galt als geheilt (Ellenberger 1996, S. 206f).

Die ausführlichen Fallbeschreibungen aus jener Zeit wurden von vielen damaligen Medizinern zu Spekulationen und Theorien benutzt. Es wurden zwei Theoriemodelle diskutiert: Nach Ellenberger (ebd., S. 213ff) ging der Dipsychismus davon aus, dass die menschliche Seele aus zwei deutlich unterscheidbaren Schichten bestehe, einem „Oberbewusstsein“ und einem „Unterbewusstsein“. Der Polypsychismus nahm dagegen an, die menschliche Seele sei in viele Sektionen eingeteilt, von denen jede eine eigenes „Unter-Ich“ hat, wobei alle diese unter der Kontrolle eines „Haupt-Ichs“ stünden. Solche Modelle, welche hauptsächlich aufgrund der Beobachtung extremer Fälle von Dissoziation entstanden sind, ebneten den Weg für Freuds „Entdeckung des Unbewussten“ (Putnam 2003, S. 53).

Mit Sigmund Freud und der zunehmenden Akzeptanz der Psychoanalyse begann die Verdrängung der Realität aus der Therapie. Freud erkannte zunächst an, dass seine hysterischen Patientinnen[9] reale Traumata erlebt hatten und stellte die Verführungstheorie auf (Huber 2002, S. 22f). Zwar suggeriert die Formulierung der „Verführung“, dass das kindliche Opfer den Inzest zumindest teilweise gewollt hatte, aber Freud schrieb die Verantwortlichkeit und die „Perversion“ klar dem Täter zu. Allerdings widerrief Freud später seine Verführungstheorie. Er ging nun davon aus, dass kleine Mädchen sich Sex mit ihrem Vater „wünschen“. Dies bedeutete, dass die Berichte seiner Patientinnen keine realen Missbrauchserfahrungen waren, sondern als Ausdruck ihrer inzestuösen Wünsche gesehen werden können. Diese neue Auffassung ist als Theorie des Ödipuskomplexes in die Geschichte eingegangen (Deistler, Vogler 2002, S. 23f).

Gründe für die Aufstellung dieser Theorie könnten meines Erachtens zum einen gewesen sein, dass Freud nicht wahrhaben wollte, dass die Perversion gegen Kinder aufgrund der vielen Hysterikerinnen weit verbreitet gewesen sein musste. Zum anderen wäre es möglich, dass einige der Täter, von denen seine Patientinnen berichteten, zu Freuds Bekanntenkreis gehörten und die er unmöglich der „Perversion gegen Kinder“ beschuldigen konnte. Hier standen nicht nur private Beziehungen, sondern auch seine berufliche Existenz auf dem Spiel (Huber 2002, S. 22f).

Freuds Formulierung der Verführungs- und Ödipustheorie führte dazu, dass den Patientinnen nicht mehr geglaubt wurde, wenn sie von sexueller Gewalt in ihrer Kindheit berichteten (ebd.).

Von 1920 bis 1970 schien das Interesse der Fachwelt an Multipler Persönlichkeit nachgelassen zu haben. Ein Grund hierfür könnte Freuds Verführungs- und Ödipustheorie sein. Trotzdem ist ein Werk aus dieser Zeit, „Die drei Gesichter Evas“ von Thigpen und Cleckley, hervorzuheben.[10] Auch hier wurde deutlich, dass schwere frühkindliche Misshandlungen die Ursache für die Persönlichkeitsspaltungen waren. Dieser Fall rief in der Öffentlichkeit allerdings nur Interesse hervor, weil er die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Phänomen der DIS lenkte und nicht weil er zu neuen Erkenntnissen oder zur Bildung neuer Theorien geführt hätte. Insgesamt gesehen war diese Zeit jedoch vornehmlich durch konservative und skeptische Kommentare geprägt. Nach Huber (ebd., S. 24) gingen Wissenschaftler davon aus, dass Multiple Persönlichkeitsstörung ein Kunsterzeugnis der Hypnose sei und die abgespaltenen Personen in Trancezuständen entstehen würden. Dies ist ein Vorwurf, der auch heute noch gelegentlich vorgebracht wird.

Ein weiterer Grund für das nachlassende Interesse war, dass die Diagnose „Schizophrenie“, welche von Bleuler bereits um 1908 eingeführt wurde, immer mehr Anklang fand. Vielen Menschen mit Multipler Persönlichkeitsstörung wurde nun Schizophrenie[11] diagnostiziert (ebd., S. 24).

Die Entwicklung der Psychopharmaka wie den Neuroleptika sieht Huber (ebd.) als dritten wichtigen Grund, der zur Vernachlässigung der Diagnose und Behandlung multipler Persönlichkeiten führte. Durch die Psychopharmaka wurde der Schwerpunkt von der psychotherapeutischen Behandlung psychischer Störungen und Erkrankungen auf die organisch-biologisch orientierte Psychiatrie verlegt. Der daraus resultierende Rückgang der Interaktion zwischen Therapeut und Patienten könnte ebenfalls zur Verringerung der diagnostizierten Fälle von DIS beigetragen haben, denn es braucht oft längere Zeit vertraulicher Kommunikation, bis Patienten über ihre Amnesien und andere dissoziative Erfahrungen sprechen (ebd., S. 24f).

Erst in den 70er Jahren begannen viele Psychiater mit der Re-Etablierung von Diagnostik und Behandlungskonzepten für DIS. Es wurden wieder Forschungsprojekte entwickelt und DIS wurde zu einem akzeptierten Thema für Dissertationen (Putnam 2003, S.56). Als Höhepunkt der Entwicklung wurden 1980 die dissoziativen Störungen als eine separate diagnostische Kategorie in das internationale Diagnostik-Handbuch für psychische Störungen eingeführt (Huber 2002, S. 25). In dieser Zeit stellte das Buch „Sybil“, von Flora Rheta Schreiber[12] im Jahr 1973 veröffentlicht, einen Durchbruch für die Öffentlichkeit und die Fachdiskussion über DIS dar. Allerdings stellte sich heraus, dass dieser Fall eine Erfindung der Therapeutin und einer Autorin war.

In den 80er und 90er Jahren wurden eine Reihe von standardisierten Testverfahren (z.B. SKID-D[13], HDI[14] ) und Fragebögen (z.B. DES[15], SDE[16] ) entwickelt, um dissoziative Störungen und die DIS angemessen erfassen und von anderen Störungen abgrenzen zu können. Außerdem wurden in den USA und in Kanada einige stationäre Therapieprogramme entwickelt. Hier beschäftigten sich eine Reihe von Stationen und ganze Kliniken speziell mit der Diagnostik und Behandlung von dissoziativer Identitätsstörung. In Europa setzte diese Entwicklung allerdings nur zögernd ein. Beispielhaft sind in dieser Hinsicht die Niederlande. Dort gibt es eine Klinik, in der es zwei Stationen für Patienten mit DIS gibt sowie ca. 100 gut ausgebildete Psychotherapeuten (ebd. S. 25f).

3.2 Einordnung und Definitionen der dissoziativen Identitätsstörung nach ICD-10 und DSM-IV

Gemäß DSM-IV (APA 1996, S. 551) ist das Hauptmerkmal einer DIS das Vorhandensein von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder Persönlichkeiten (Kriterium A), welche wechselweise die Kontrolle über das Verhalten der Person übernehmen (Kriterium B). Des Weiteren besteht eine Unfähigkeit, sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern, welche zu umfassend ist, um durch gewöhnliche Vergesslichkeit erklärt zu werden (Kriterium C). Die Störung ist nicht auf die direkte körperliche Wirkung einer Substanz oder eines medizinischen Krankheitsfaktors zurückzuführen (Kriterium D). Bei Kindern sind die Symptome nicht durch imaginierte Spielkameraden oder andere Phantasiespiele zu erklären.

„Die dissoziative Identitätsstörung ist charakterisiert durch die Existenz einer oder mehrerer Persönlichkeiten in einer Person, die jeweils über verschiedene Wertmaßstäbe und Verhaltenseigenarten verfügen können und die sich von einer Primärpersönlichkeit unterscheiden. Jede der Persönlichkeitskonfigurationen hat Erinnerungslücken oder ein Desinteresse bezüglich des Fühlens und Denkens der anderen Persönlichkeiten.

Das Auftreten der anderen Personen kann ko-bewusst erfolgen, das heißt, die Primäridentität und die weiteren abgrenzbaren Identitäten wissen um die Gefühle und Gedanken der jeweils anderen. Oder aber das Auftreten der unterschiedlichen Persönlichkeitszustände kann separiert bewusst sein; und das bedeutet, dass die primäre Persönlichkeit und die anderen Persönlichkeitszustände abwechselnd präsent sind und wenig oder gar keine Kenntnis voneinander haben. Schließlich gibt es Betroffene, bei denen die unterschiedlichen Identitäts- und Bewusstseinszustände abwechselnd beobachtbar sind.“ (Fiedler 2001, S. 179).

Die Übergänge zwischen den einzelnen Identitäten werden oft durch psychosoziale Belastungen oder besonders emotionale Erfahrungen ausgelöst. Das Wechseln von einer Identität in eine andere dauert meist nur Sekunden. Die Anzahl der Identitäten kann von zwei bis über 100 reichen. (APA 1996, S. 552) Allerdings ist hier anzumerken, dass mehr als die Hälfte der Betroffenen höchstens zehn oder weniger dissoziierbare Persönlichkeitsunterschiede aufweisen (Fiedler 2001, S. 186).

3.3 Epidemiologie und demographische Aspekte

Bis jetzt wurden keine epidemiologischen Studien von DIS im größeren Maßstab durchgeführt. Das wenige Wissen, das über Vorkommen, Verbreitung und Verteilung der DIS vorliegt, basiert auf deskriptivem klinischen Wissen, Anekdoten und einigen aus diagnostizierten DIS-Fällen gezogenen Rückschlüssen. Einige solcher letzten Endes geschätzten Zahlen über die Anzahl der DIS-Fälle wurden in den USA veröffentlicht. In diesem Zusammenhang wird davon ausgegangen, dass es mehrere Tausende von DIS-Fällen in den USA geben könnte. Allerdings leiden diese Schätzungen an methodologischen Schwächen, wodurch weitreichende Schlüsse über Vorkommen und Verbreitung von DIS nicht möglich sind. Es kann allerdings geschlussfolgert werden, dass die DIS weitaus häufiger vorkommt, als den meisten bewusst ist (Putnam 2003, S. 79).

In einer Fallstudie mit 20 Patienten in der Abeilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover wurde dokumentiert, dass die DIS auch in Deutschland zu verzeichnen ist bzw. zu diagnostizieren ist. Ebenso wurde anhand einer ersten Prävalenzstudie festgestellt, dass sich die DIS in einer stationären psychiatrischen Stichprobe in klinisch relevanter Größenordnung von bis zu 6% finden lässt (Gast 2002, S. 219).

Daneben sind Daten zur demographischen Verteilung der DIS-Betroffenen stichhaltig. Diese Daten wurden aus der statistischen Auswertung veröffentlichter Fallbeschreibungen, aus statistischen Auswertungen von Klinikern veröffentlichter Fallsammlungen und aus Übersichtsstudien über die von verschiedenen Therapeuten behandelten Fälle gewonnen.

[...]


[1] Pierre Marie Felix Janet (1859 – 1947) war ein bedeutender Philosoph, Arzt und Psychotherapeut auf dem Gebiet der Allgemeinen und Integrativen Lehre. Er verfasste Arbeiten über Hypnotherapie und die Theorie der Dissoziation. Obwohl er seine Erkenntnisse vor Freud fand und einst berühmter war als dieser, verschwand er zusehends und unverdient im Schatten Freuds. Janet untersuchte einige der berühmtesten Fälle von dissoziativer Identitätsstörung in Frankreich (Hacking 2001, S. 62f).

5 Prince, Morton (1978). The Dissociation of a personality. The Hunt for the real Miss Beauchamp. Oxford

[3] Die ICD 10 verwendet nach wie vor den Begriff Multiple Persönlichkeit, während im DSM dieser Begriff mit Einführung der

vierten Auflage (APA, 1996) durch die treffendere Bezeichnung Dissoziative Identitätsstörung ersetzt wurde.

[4] Konversion bedeutet eine Umwandlung eines verdrängten seelischen Konfliktes in ein körperliches Symptom.

[5] Im Folgenden wird für den Begriff der dissoziativen Identitätsstörung ausschließlich die Abkürzung DIS verwendet.

[6] vollständige Bewegungslähmung.

[7] Muskelstarre.

[8] Prince, Morton (1906). The Dissociation of Personality. New York und London.

[9] Die Hysterie galt während des gesamten 19. Jahrhunderts als spezifisch weibliche Krankheit.

[10] Thigpen, Corbett H.; Cleckley, Hervey M. (1957). Die 3 Gesichter Evas. Hamburg.

[11] Schizophrenie ist einer der häufigsten Fehldiagnosen bei Menschen mit DIS. Die für Schizophrenie typischen Symptome wie Gedankenlautwerden, Hören von Stimmen, Gedankenentzug, Gedankenausbreitung, oder Wahnwahrnehmung können ebenso bei DIS-Betroffenen auftreten. Allerdings beschreiben Schizophrenie-Betroffene die gehörten Stimmen häufig als außerhalb des Kopfes, während DIS-Betroffene die Stimmen innerhalb ihres Kopfes wahrnehmen und sie häufig auch deutlicher verstehen. Weiterhin bleibt bei multiplen Menschen, im Gegensatz zu Menschen mit Schizophrenie, der Realitätskontakt stets intakt (Deistler, Vogler 2002, S. 53). Außerdem ist Schizophrenie eine psychotische Erkrankung, die DIS dagegen eine posttraumatische Erkrankung.

[12] Schreiber, Flora Rheta (1973). Sybil. Persönlichkeitsspaltung einer Frau. Frankfurt.

[13] SKID-D = Strukturiertes Klinisches Interview für Dissoziative Störungen.

[14] HDI = Heidelberger Dissoziations-Inventar.

[15] DES = Dissociative Experiences Scale.

[16] SDE = Skala Dissoziativen Erlebens.

Ende der Leseprobe aus 93 Seiten

Details

Titel
Dissoziative Identitätsstörung - Eine Überlebensstrategie
Hochschule
Fachhochschule Erfurt
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
93
Katalognummer
V53564
ISBN (eBook)
9783638489805
Dateigröße
837 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dissoziative, Identitätsstörung, Eine
Arbeit zitieren
Katja Macheleidt (Autor), 2006, Dissoziative Identitätsstörung - Eine Überlebensstrategie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53564

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