Hyperandrogene Athletinnen an der Spitze der Leichtathletik. Konstruktion und Reproduktion von Geschlecht und dessen Binarität durch das olympische Komitee


Hausarbeit, 2019

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Soziale Konstruktion von Geschlecht in der Sportsoziologie
2.1 Definition der grundlegenden Begriffe
2.2 Prozess der Konstruktion und Reproduktion von Geschlecht

3. Policies des Olympischen Komitees (IOC)
3.1 „IOC Consensus on Sex Assignment 2015“
3.1.1 Inhalt und Reglements
3.1.2 Analyseder Policy bezüglich Konstruktion von Geschlecht

4. Fallbeispiel Caster Semenya
4.1 Vorfall und Reaktionen
4.2 Konstruktion Semenyas Geschlechts

5. Fazitund Ausblick

6. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Für die damalig 18-jährige Südafrikanerin Caster Semenya war das Finale des 800-Meter- Laufs bei den Leichtathletikweltmeisterschaften in Berlin 2009 wahrscheinlich eines der bedeutendsten Ereignisse ihres Lebens: Sie gewann dabei die Goldmedaille mitsamt einer neuen Weltjahresbestzeit (Lill, 2016:1). Doch dies blieb nicht die einzige Erinnerung an jenes Rennen. Kurz darauf wurde von vielen Seiten die Frage gestellt, ob sie, aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes, tatsächlich eine Frau sei. Letztendlich wurde von der IAAF ein Geschlechtstest mittels Testosteronwert angeordnet (Cooper, 2010, p. 235). Die Sportsoziologie und -Wissenschaft stellte sich in Folge die Frage, wie es geschieht, dass das Geschlecht einer Frau angezweifelt wird, nur weil sie zu schnell oder zu muskulös sei (ebd.). Wissenschaftler*innen sind sich heutzutage einig, dass den Geschlechtern „männlich“ und „weiblich“ bestimmte Eigenschaften gesellschaftlich zugewiesen beziehungsweise diese konstruiert werden (Hartmann-Tews, Gieß-Stüber, Klein, Kleindienst-Cachay, & Petry, 2003, p. 19ff.). Genau diesem Thema soll sich die Arbeit in Bezug auf den Fall von Caster Semenya und den dort angewandten Geschlechtertests widmen. Ziel ist es, einen Zusammenhang zwischen dem Umgang des IOC mit hyperandrogenen1 Athletinnen und einer sozialen Konstruktion von Geschlecht aufzuzeigen. Des Weiteren sollen die Policies des IOC auf eine Reproduktion der Geschlechterbinarität hin analysiert werden, welche mit der Konstruktion von Geschlecht meist einhergeht2(Hartmann-Tews et al., 2003, p. 18f.). Zentraler Bestandteil dieser Analysen ist das Dokument „IOC Consensus Meeting on Sex Reassignment and Hyperandrogenism“(2015), welches die Regeln zu Transgender- und hyperandrogenen Athlet*innen veränderte. Analysiert wird dieses Dokument mittels einer Policyanalyse.

Mein Erkenntnisinteresse liegt darin, herauszufinden, ob und weshalb, einmal mehr am Beispiel von Caster Semenya deutlich wird, dass vor allem im Hochleistungssport die Geschlechterbinarität und die jeweilige soziokulturelle Verortung von Athlet*innen durch Geschlechtertests und den zugehörigen Policies aufrechterhalten wird.

1 Der Körper hyperandrogener Personen hat eine erhöhte Produktion von Androgenen/Testosteron. Dieses Phänomen tritt meist bei Frauen auf. (Endokrinologikum, 2013)
2 Mir als Autor ist bewusst, dass ich bei der Verwendung der Begriffe „Mann“ & „Frau“ oder „geschlechtstypisch“ bspw. die Dichotomie der Geschlechter selbst, beziehungsweise von einer solchen ausgehe, und somit auch das Geschlechterbild reproduziere, da dies u.a. sprachlich geschieht. (Vgl. Hartmann-Tews et al., 2003, p. 20ff.)

Daraus entwickelt sich die Fragestellung:

Inwiefern tragen im Fall von Caster Semenya Policies des olympischen Komitees bezüglich der Geschlechtertests zur Konstruktion und Reproduktion von Geschlecht und dessen Binarität bei?

2. Soziale Konstruktion von Geschlecht in der Sportsoziologie

In diesem Kapitel geht es zunächst um die Klärung der für diese Arbeit relevanten Begriffe aus der Geschlechterforschung und anschließend um die Zusammenhänge zwischen den zuvor definierten Fachtermini.

2.1 Definitionen der grundlegenden Begriffe

Die grundlegende Basis der Geschlechterforschung ist die Differenzierung zwischen den Begriffen „Sex“ und „Gender“. Beide Begriffe bedeuten im Deutschen das Wort „Geschlecht“, zielen jedoch auf sehr verschiedene Auffassungen dessen ab. Die Bezeichnung „Sex“ zielt auf das biologische Geschlecht ab, also alle körperlichen Geschlechtsmerkmale wie die Genitalien oder der Chromosomensatz (Gildemeister, 2008, p.167).Das sind bereits grundsätzlich die wichtigsten Aspekte, die in dieser Arbeitfür diesen Begriff wichtig sind. Der Begriff des „Gender“ als Geschlecht hingegen ist jedoch wesentlich umfassender. Simone de Beauvoir war 1949 eine der ersten Personen, die das Konzept des „Gender“ in ihrem Werk „Das andere Geschlecht“ etablierte und mit der sozialen Konstruktion in Verbindung brachte. Der Begriff der Weiblichkeit wurde von ihr erstmals „als sozial konstruiert und veränderbar beschrieb[en] anstatt als biologisch fundiert und starr.“(Kerner, 2007, p. 6) Recht prägnant ist die folgende Definition des Begriffes:

„Gender refers to the social, cultural or attitudinal qualities that are typically associated with a particular sex. Individuals that possess qualities that society tends to associate with men have a masculine gender, and those who possess qualities that society tends to associate with women have a feminine gender. Gender is a social construct.” (Cooper, 2010, p. 237)

Jene Qualitäten seienvor allem, dassdas Hauptcharakteristika eines Mannes die Stärke und teilweise auch Aggressivität und das einer Frau die Eleganz und Ästhetik sei. Mittels dieser scheinbaren Geschlechtsstereotypen wird das Bild eines „schwachen“ in der Verkörperung der Frau und das eines „starken“ in der Rolle des Mannes konstruiert und stetig reproduziert (Hartmann-Tews et al., 2003, p. 114). Vor allem im Sport hat diese Klassifizierung bis heute eine hohe Präsenz (Hartmann-Tews et al., 2003, p. 25). So ist Männern bis heute die Teilnahme am Synchronschwimmen, sowie Frauen am Zehnkampf, verweigert geblieben, da der Zehnkampf eben für Kraft und Ausdauer steht bzw. stehen soll und das Synchronschwimmen für die Eleganz und Sanftmütigkeit (Hartmann-Tews et al., 2003, p. 14). Die soziale Konstruktion der Geschlechter selbst, also die Entstehung von „Gender“, wird meist durch den Fachterminus „Doing Gender“ beschrieben. Die Soziologen Candace West und Don H. Zimmermann definierten diesen Begriff als das Kreieren von Unterschieden zwischen Männern und Frauen oder Jungen und Mädchen, die nicht biologisch oder naturgegeben sind (West & Zimmerman, 1987, p. 137). Bezogen auf den Sport bedeutet das, wie diese Unterschiede zwischen Regeln und Sportarten für Männer und Frauen zustande kommen und wie sie letztlich auch repräsentiert werden. Auf den Prozess der sozialen Konstruktion im Sport selbst, wie und wodurch dies genau geschieht, wird im nächsten Kapitel behandelt.

2.2 Prozess der Konstruktion und Reproduktion von Geschlecht

Für eben jenen Prozess der sozialen Konstruktion steht, wie zuvor erwähnt, der Begriff des „Doing Gender“. Zunächst einmal ist eine Zwei-Geschlechter-Gesellschaft notwendig, damit die sozial geschaffenen Geschlechter aufrechterhalten werden (Hartmann-Tews et al., 2003, p. 14f.). Voraussetzung für die Binarität der Geschlechter, die für die meisten Menschen als ,normal' erscheint, sind wiederum „[d]ie Annahmen, [...] dass alle Menschen ihr Leben lang das gleiche Geschlecht haben (Konstanz) und dass die Zugehörigkeit zu einem der beiden Geschlechtstypen aus biologischen Gründen von Natur aus gegeben sei (Naturhaftigkeit) [...].“(Hartmann-Tews et al., 2003, p. 18f.) Vor allem die Annahme der „Naturhaftigkeit“ ist von Bedeutung, da sie die Basis für die als selbstverständlich angesehene Übertragung des natürlichen (Sex) auf das soziale Geschlecht (Gender) und somit der Mittelpunkt der Konstruktion von Geschlecht ist. Es wird davon ausgegangen, dass Männer und Frauen jeweils charakterliche Eigenschaften besitzen, die naturgegeben seien. Haben sich diese Eigenschaften einmal verfestigt, werden sie stets mit dem jeweiligen Geschlecht verbunden und somit reproduziert, da sie als natürlich und somit essentiell angesehen werden (West & Zimmerman, 1987, p. 137). Der Sport und vor allem dessen mediale Präsentation spielt hierbei eine bedeutende Rolle. Das dort vermittelte Bild zeigt, dass Sport etwas Natürliches sei, da es nur um den Körper zu gehen scheint, also naturell und physikalisch bedingte Fähigkeiten (Messner, 2008, p. 34). Somit kann das Individuum in der Gesellschaft schnell den Eindruck erlangen, dass Frauen von Natur aus mehr auf Eleganz und Schönheit achteten, weil nur sie Synchronschwimmen bestreiten und Männer dafür härter und leistungsfähiger seien, da schließlich sie diejenigen sind, die beim Zehnkampf antreten bzw. antreten dürfen. Auch die Trennung von Männern und Frauen wird mit dem Argument der ,natürlichen' Unterschiede legitimiert (Wiederkehr, 2012, p. 31).

Selbst wenn man diese sozial konstruierten Unterschiede der Geschlechter für sich selbst nicht als wahr oder bedeutend erachtet, sind sie essentiell um am sozialen Leben teilzunehmen und vor allem um Anerkennung zu erlangen, die für einen Zugang zum sozialen Umfeld von hoher Bedeutung ist (Hartmann-Tews et al., 2003, p. 112). Erreicht wird dies jedoch nur, indem man sich durch das Verhalten oder Interaktionen jedweder Art einem Geschlecht zuordnet. Somit ist „[d]as Individuum [...] mithin gefordert, aktiv zu gendern.” (ebd.: p. 114) Will man als Mann oder Frau also einen Sport betreiben, der von der Gesellschaft als ,untypisch' bezeichnet wird, entwickelt sich ein Spannungsfeld zwischen dem eigenen Wunsch oder Bestreben und der Erwartung des Umfeldes. Da die soziale Anerkennung jedoch, wie zuvor erwähnt, einen solch hohen Stellenwert hat, fügt sich das Individuum meist letztendlich den Erwartungen (ebd.: p. 112). So kommt es, dass sich Leistungssportler*innen auch heutzutage noch „Verhaltensweisen aneignen [müssen], die den gängigen Geschlechtsstereotypen entsprechend als „männlich“ angesehen werden“, um in solchen Sportarten wie Eishockey oder Boxen die Chance zu erhalten, akzeptiert zu werden. Gleichzeitig verlieren Frauen dadurch jedoch wiederum ihre soziale Anerkennung, da sich ihr Körper äußerlich so entwickelt, dass er nicht mehr dem erwarteten Schönheitsideal entsprechen könnte (ebd.: 109f.). Frauen als auch Männern wird es deshalb extrem schwierig gemacht, aus diesem sozialen Gesamtkonstrukt auszubrechen, ohne auf Widerstand zu stoßen.

Wie dieser nun beschriebene Prozess in den Policies des IOC greift, darum soll es im folgenden Kapitel gehen.

3. Policies des Olympischen Komitees(IOC)

3.1 „IOC Consensus on Sex Assignment 2015”

Noch bis zum Jahr 1999 wurden flächendeckend Geschlechtertests, zunächst anhand von Chromosomentests und dann mittels Polymerase-Kettenreaktionen, durchgeführt, diedann jedoch eingestellt wurden (Wiederkehr, 2012, p. 36). Einen wichtigen Einfluss auf diese Entwicklung hatte und hat auch heutzutage noch die IAAF, die noch vor dem IOC in der Leichtathletik schon 1990 die flächendeckenden Tests abgeschafft hat. Im Zuge neuer Policies, die der IOC im Jahr 2004 in Stockholm verabschiedete, wurde der Umgang mit Athlet*innen, die inter- oder transsexuell sind, individualisiert und nicht mehr systematisch behandelt (ebd.: p. 36). Laut des Consensus von 2015 setzt der IOC nun auf Tests des Testosteronwerts im Blut, wenn ein Geschlechtstest seitens des Komitees oder Vertretern dessen dies für nötig erachten (IOC, 2015).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Hyperandrogene Athletinnen an der Spitze der Leichtathletik. Konstruktion und Reproduktion von Geschlecht und dessen Binarität durch das olympische Komitee
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V537484
ISBN (eBook)
9783346130594
ISBN (Buch)
9783346130600
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender-Konstruktion; Sport
Arbeit zitieren
Anton Bannicke (Autor), 2019, Hyperandrogene Athletinnen an der Spitze der Leichtathletik. Konstruktion und Reproduktion von Geschlecht und dessen Binarität durch das olympische Komitee, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/537484

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