Die Schweizer Kolonie "Schabo" im Russischen Reich. Über ihre Geschichte und den Gründer Louis Vincent Tardent


Hausarbeit, 2020

21 Seiten


Leseprobe

Louis Vincent Tardent aus einem anderen Blickwinkel

Im 18. Jahrhundert brauchte die russische Regierung für die Besiedlung der von den mongolischen Nomaden an der Wolga und von den Türken im Süden des Landes eroberten Ländereien arbeitswilli-ge Fachleute, Handwerker und vor allem Bauern. Dafür ließ Kaiserin Katharina II. und nach ihr auch Alexander I. Siedler im Ausland anwerben. In ihrem Manifest vom 4. Dezember 1762 erklärte Kathari-na II. „…allen Ausländern gestaten Wir die Einreise und Niederlassung an jedem gewünschten Ort in allen Unseren Gouvernements“, das allerdings keinen Erfolg hate [9, S. 24]. Am 22. Juni 1763 erließ Katharina ihr zweites, inzwischen überarbeitetes Manifest, demzufolge den Übersiedlern große Landzuteilungen versprochen wurden, Befreiung vom Militärdienst „für alle Zei-ten“ und von Abgaben für 30 Jahre, zinslose Darlehen (für den Bau von Häusern, Beschafung von Vieh, Kauf von landwirtschaflichem Gerät, Vorräten usw.) für die Dauer von zehn Jahren, Gewerbe-freiheit, zugesagt wurde das Recht „Fabriken und andere notwendige Handwerksbetriebe zu grün-den, Handel zu treiben, sich in Innungen und Zünfen zusammenzuschließen und im ganzen Reich ihre Erzeugnisse zu verkaufen“, Kolonien zu gründen, ferner Religionsfreiheit, die zollfreie Einfuhr von eigenem Hab und Gut usw [9, S. 24-25].

Das löste „die große Völkerwanderung“ aus den europäischen Staaten nach Russland aus, die sich über 100 Jahre erstreckte und durch die Zerstörungen in den europäischen Ländern infolge der napo-leonischen Kriege verstärkt worden war. In breitem Strom strebten Deutsche, Schweden, Italiener, Schweizer und Vertreter anderer Natonen nach Russland [28, S. 25-30].

Die ausländischen Siedler kamen in der Regel mit der ganzen Familie und gründeten am Niederlas-sungsort Kolonien.

Zu diesen Siedlungen gehörte auch die in Bessarabien im Süden des Russischen Reiches 1822 gegrün-dete Schweizer Kolonie Chabag1. Ungeachtet aller Beschwernisse, die die Siedler zu ertragen haten, wurde Chabag in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts zur „reichsten Kolonie in Russland“ [31, S. 38].

Mit den Fragen zur Schafung der Kolonie Chabag, der Vorbereitung, Gründung und den ersten Jah-ren ihrer Existenz haben sich viele Forscher beschäfigt (L. Gander, E.I.Družinina, H. Gander-Wolf, J. Tardent, O. Grivat, V.F. Onoprienko u.a.). Natürlich wurde auch auf eine oder andere Weise eine be-stmmte Rolle dabei jenem Mann zugeordnet, der als Gründer der Kolonie genannt wird – Louis Vin­cent Tardent. Eine kurze Analyse von Publikatonen der genannten und einiger weiterer Autoren, die sich mit dieser Person befassen, sei hier vorangestellt.

1908 veröfentlichte Louis Gander einen Artkel zur Geschichte von Chabag 24. Beschrieben werden die Vorbereitung der Kolonisten für die weite Reise, die ersten Schwierigkeiten unterwegs und am 1 Russischer Name Schabo. neuen Wohnort, ein Verzeichnis der Teilnehmer ist beigefügt. Dabei wird L.V. Tardent als einer der Organisatoren des riskanten Unternehmens genannt: „ Am 13. August sehen wir ihn [L.V. Tardent] unter den Mitgliedern des ersten Komitees, zu dessen Aufgaben die Bestmmung des Ortes der k ü nfi-gen Kolonie Chabag geh ö rte. Ihm standen die Weinbauern Jean Lucien Guerry, Georges Amelli Testuz, Jacob Samuel Chevalley, Fran ç ois Louis Pett zur Seite. Die Versammlung beaufragte Tardent, die L ä ndereien im fernen Bessarabien zu besichtgen, wo Zar Alexander I. die Zuteilung von fruchtbaren B ö den versprach, die man der T ü rkei abgenommen hate “ [24, S. 13].

Die „Tardentade“ begann 1925, als ein Nachkomme Tardents, der französische Ingenieur A. Anselm, dessen 1922 aus Anlass des hundertjährigen Bestehens der Kolonie Chabag abgeschriebene Briefe veröfentlichte 23 (russische Übersetzung 1979 von V.F. Šišmarev).2

In dem Buch von E.I. Družinina 10 umfasst die Geschichte der Kolonie Schabo insgesamt drei Seiten und wird als eines der zahlreichen Teilstücke aus der Entwicklung des Südens der Ukraine betrachtet. Hier werden lediglich die grundsätzlichen Erfolge der Kolonie gezeigt, und naturgemäß bleiben dabei eine Analyse der Persönlichkeit des Gründers der Kolonie sowie die Motve seiner Aktvitäten außer-halb des Interesses der Autorin. Dasselbe gilt für einen Artkel von M.A. Borodina [3; 1964], auf den E.I. Družinina mehrmals verweist.

Eine der seriösesten Arbeiten zu dem uns interessierenden Problem stellt die Dissertaton von H. Gander-Wolf 25 dar, in der ein beachtlicher Teil (Punkt 2.1 und 2.3) der Vorbereitung und Grün-dung der Kolonie und der Zeit ihrer Leitung durch L.V. Tardent (1822-1831) gewidmet ist. Die Aktuali-tät ihrer Arbeit begründet die Verfasserin folgendermaßen [ gek ü rzter Auszug ]: 1. Es gibt keine aus-führlicheren Publikatonen über Chabag. Es existeren zwar viele interessante kürzere Berichte in Zei-tungen und Sammelwerken. 2. Die meisten dieser Berichte hängen voneinander ab oder haben die Form eines Resümees (einer allgemeinen Zusammenfassung). 3. die vorhandenen Publikatonen be-richten vorwiegend über das Leben in der Kolonie in den letzten Jahrzehnten ihres Bestehens. 4. Sie erwähnen nur oberfächlich die Umstände bei der Gründung der Kolonie. 5. Diese Umstände genauer zu erfassen ist wichtg, um das Leben in der Kolonie besser zu verstehen [25, S. 11]. Im Weiteren nennt die Autorin als Quelle ihrer Arbeit die Sammlung von Kopien der von L.V. Tardent in die Schweiz gesandten und dort in Archiven aufewahrten Briefe. Über weitere Dokumente aus dieser Zeit verfügt H. Gander-Wolf nicht. „ Mit welchen russischen Regierungsstellen er [Tardent ] dar ü ber verhandelt, konnten wir nicht herausfnden. Wir wissen nur von einem Brief, den er im Herbst des Jahres 1821 an seine interessierten Landsleute in der Schweiz schreibt, und in dem er sie baufor-dert, sich zur Reise zu entschlie ß en, damit sie im Fr ü hling 1822 in der neuen Heimat schon die nötgen landwirtschaflichen Arbeiten unternehmen k ö nnten “ [25, S. 45]. Weiter unten werden wir einige Fragmente aus dem Briefwechsel Tardents mit ofziellen russischen Personen (mit dem Hauptbe- treuer der Kolonisten im Süden Russlands I.N. Insow, dem Innenminister V.P. Kotschubej u.a.) und ebenso aus anderen Archivalien anführen, die wir im Laufe unserer Untersuchung erhielten. 1982 brachte der Schweizer Australier Julius Tardent eine Geschichte und Genealogie der Familie Tardent 29 heraus. Auszüge aus diesem Buch bringt der Journalist O. Grivatn seiner Arbeit 26. Einzelne Fragmente aus der Arbeit von O. Grivat benutzt auch V.F. Onoprienko [14 ], dessen Buch ge-sammeltes Archivmaterial enthält, aber nur einige wenige Kommentare sind den Erfolgen der Kolo-nisten gewidmet, und das sind zumeist Zitate aus dem Buch von E.I. Družinina oder eine wörtliche Übersetzung von O. Grivat.

Man kann also sehen, dass nahezu die gesamte Informaton zur Person von L.V.Tardent und seiner Rolle bei der Entstehung von Schabo auf seinen eigenen Briefen beruht oder auf Publikatonen seiner Nachkommen A. Anselm und J. Tardent. Es ist kein Zufall, dass in dem Film über die Gründung der Kolonie Chabag, den man den Besuchern des Museums für Wein und Weinkellerei in Schabo zeigt, außer Tardent nicht nur kein einziger weiterer Name genannt wird, sondern dass überhaupt uner-wähnt bleibt, dass er nicht allein den Weinanbau und die Weinherstellung begründen konnte! Diese Vorgehensweise, um Licht in fast zweihundert Jahre zurückliegende Ereignisse zu bringen, er-scheint uns in hohem Maße subjektv. Dokumente, die wir aus Archiven in der Schweiz, Ukraine und Russland erhalten konnten, wecken begründeten Zweifel an der Legende vom „kühnen Gelehrten“, dem „Freund von Puschkin und Pestalozzi“ – Louis Vincent Tardent. Was für ein Mensch ist er wirklich gewesen?

Nach der Schilderung von O. Grivat, der sich auf J. Tardent beruf, erfahren wir über die Familie von dessen berühmtem Vorfahren: „ Louis Vincent Tardent war das zehnte Kind von Jaques David Tardent aus Ormont-Dessou und seiner Frau Marie Cherie. Er wurde am 14. Dezember 1787 in Vevey geboren und am 4. Januar 1788 ebendort getauf. Louis Vincent Tardent starb 1836 in Chabag. Sein Vater, Jaques David Tardent, war ein unbedeutender, m ü rrischer und herrschs ü chtger Mensch, der um sich herum Furcht verbreitete. Er starb 1825 am Alkohol “ [26, S. 11]. „ Der Gro ß vater L.V. Tardents, David Tardent, war ein gebildeter und geachteter B ü rger in der Stadt Vevey – Regent2 im Coll é ge, das er 44 Jahre leitete. Mit 78 Jahren ging er in Rente. Er starb am 21.02.1820. … David Tardent geh ö rte zu den Initatoren der Schulreform, war ein gl ü hender Verehrer von J.J. Rousseau und dessen p ä dagogischen Ideen “ [ 26, S.12-13, siehe auch 14, S.17].

Über L.V. Tardent selbst schreibt O. Grivat: „ Seine Bildung erhielt Louis Vincent Tardent im Coll é ge in Vevey, an dem sein Gro ß vater arbeitete. Dort unterrichtete er bis 1813 Naturgeschichte (histoire na-turelle) und Kalligraphie. Er liebte Musik und Gesang, handelte mit Musikinstrumenten. Sp ä ter er ö f -nete er eine Privatschule, um die Lehren Pestalozzis in der Praxis zu erproben. Schnell geh ö rten zu sei-nen Sch ü lern die Kinder der st ä dtschen Elite “ [26, S. 11, siehe auch 14, S.17].

Bei J. Tardent fnden wir eine etwas andere Beschreibung [gekürzte Übersetzung]: „ Louis Vincent Sa­muel Tardent war der ä lteste Sohn von Jaques David … Nach Beendigung der Grundschule schickte David [der Großvater von L.V. Tardent] seinen Enkel in die Schule von Pestalozzi in Yverdon, wo er bis 1804 zur Schule ging. 1805 begann er eine Ausbildung am Gemeinde-Coll é ge in Vevey. Nach dem dor -tgen Abschluss wurde er auf Empfehlung seines Gro ß vaters an dieser Schule angestellt, wo er bis 1813 arbeitete, Naturgeschichte (natural history) und Kalligraphie unterrichtete “ [29, S. 12]. „… Tardent f ü hlte sich von Musik und Gesang angezogen und geh ö rte zum Vorstand einer musikali-schen Gesellschaf. Er er ö fnete eine Musikalienhandlung und handelte mit Instrumenten. Der Unter-halt seiner Familie fel ihm schwer, weshalb er eine Schule er ö fnete, an der er erg ä nzenden Unter-richt erteilte “ [29, S. 122].

In seinen Briefen an hochgestellte Amtsträger in Russland weist L.V. Tardent auf seine zahlreichen Ti-tel hin: „ Ihr ergebener Diener, Tardent, Agronom, Botaniker, Mitglied der Gesellschaf der Schweizer Naturwissenschafler, Naturforscher, Deputerter der Schweizer Weinbauern des Kantons Waadt, Be-rater in einer der Musikgesellschafen der Schweiz “ [20, S. 2,6,13,17v,30,35]. Die Aufzählung der Wür-den Tardents setzt O. Grivat fort: „ Louis Vincent Tardent ist P ä dagoge, wissenschaflicher Botaniker, Winzer, Mitglied der Helvetschen Gesellschaf der Naturwissenschafen, Gelehrter, ein Mann von ho-her Kultur, … Mitstreiter und Freund des ber ü hmten P ä dagogen Johann Heinrich Pestalozzi. Er erhielt seine p ä dagogische Ausbildung in Schloss Yverdon und stand im Briefwechsel mit Pestalozzi bis zu dessen Tod im Jahr 1827 “ [26, S.10, siehe auch 14, S.17]. „ J.H. Pestalozzi empfahl auch Louis Vincent Tardent Fr é d é ric de la Harpe3 als guten Lehrer, Gelehrten und vortrefichen Winzer “ schreibt J. Tar-dent über seinen Vorfahren [29, S.121] und H. Gander-Wolf unter Hinweis auf die Publikaton von A. Anselm, des Nachkommen von L.V. Tardent [25, S. 38].3

Das aber sagen in diesem Zusammenhang die ofziellen Dokumente in den Archiven (gekürzte Über-setzungen): 1. David Tardent, der Großvater von L.V. Tardent, arbeitete seit November 1771 als Re­gent am Gemeinde-Collége in Vevey. Er unterrichtete in der 5. Klasse. In derselben Schule unterrich-tete sein älterer Sohn Vincent in der 4. Klasse, nach dessen Tod 1794 übernimmt dessen Klasse sein Vater. Ein jüngerer Sohn von David Tardent unterrichtete in der 5. Klasse. Über eine Arbeit des Louis Vincent Tardent in dieser Schule gibt es im Archiv keine Nachweise 16. 2. Im Archiv gibt es keine Dokumente, die die Gründung einer eigenen Schule durch Louis Vincent Tardent bestätgen würden. Es gibt keine Angaben weder zum Zeitpunkt noch zum Ort, wo sich diese Schule nach 1813 befunden haben könnte. 3. Es gibt im Archiv keine Dokumente, die bezeugen könnten, dass die Tardents einem Weinbauerngeschlecht entstammen und dass sie in direktem oder indirektem Bezug zum Weinbau gestanden häten. Sie haten keinen Landbesitz in der Umgebung von Vevey. Im Bodenkataster der Vevey umgebenden Gemeinden gibt es mit Ausnahme eines Hauses im Gebiet Vieux Macel in Vevey keine Angaben über weiteres Eigentum der Familie Tardent [15; 18]. 4. In den Archiven fnden sich keinerlei Angaben zu einer Ausbildung des L.V. Tardent auf dem Gebiet von Weinanbau und Wein-herstellung, von dem die russischen Forscher V. Onoprienko u.a. und ebenso J. Tardent, der Nach-komme L.V. Tardents, sprechen. Es ist lediglich bekannt, dass die Familie aus der Gegend zwischen Laveaux und dem Schloss Chillon stammt, wo seit dem Mitelalter Weinherstellung betrieben wird [15; 18]. 5. Darüber, dass Pestalozzi L.V. Tardent Frédéric de la Harpe als guten Lehrer, Gelehrten und vortrefichen Winzer empfohlen haben soll, gibt es in den Archiven keine Dokumente, die dies bestä-tgen würden 15. 6. In den Schülerlisten von Pestalozzis Schule taucht der Name L.V. Tardent nicht auf 17 Ferner ist zu beachten, dass die Privatschule Pestalozzis in Yverdon (in einigen Quellen auch als „Inst-tut“ bezeichnet) von 1805 bis 1825 existerte [2, S. 463]. Folglich konnte, wie J. Tardent von seinem berühmten Vorfahren berichtet (siehe weiter oben), dieser bis 1804 nicht Schüler in Pestalozzis Schu-le gewesen sein.

Im Verlauf der Arbeit an unserer Untersuchung sind wir auf keinerlei Angaben gestoßen, die einen Briefwechsel zwischen Louis Tardent und Heinrich Pestalozzi „bis zu dessen Tod bestätgen würden. Die Nachkommen L.V. Tardents nennen ihren berühmten Vorfahren auch einen „Freund Puschkins“. In seinem auf Dokumente gestützten Buch schreibt V.F. Onoprienko, gestützt auf L.A. Čerejskij 22, daß die „ Freundschaf zwischen A.S. Puschkin und L.V. Tardent ununterbrochen bestand (beide waren Mitglieder der Freimaurerloge in Kischinew) “ [ 14, S. 18]. In der Tat waren sowohl Tardent als auch Puschkin Mitglieder der Freimaurerloge „Ovid“ Nr.25 in Kischinew. An der Behauptung einer wech-selseitgen Freundschaf wagen wir allerdings Zweifel anzubringen. Auf Seite 430 des Buches von L.A. Čerejskij 22 gibt es einen Vermerk zu L.V. Tardent, auf den sich V.F. Onoprienko stützt. Allerdings ist dort von keinerlei, geschweige denn von einer „ununterbrochenen“ Freundschaf die Rede. Der Hin-weis dient möglicher weis lediglich zur Bestätgung der Zugehörigkeit beider Männer zur Freimaurer-loge, die Informaton über die Freundschaf der beiden aber ist anderen Quellen (abgesehen von den Nachkommen Tardents) entnommen?

Ohne weiter auf Feinheiten bei der Erörterung des Begrifes „Freundschaf“ einzugehen, wenden wir uns der Meinung von Puschkin-Kennern zu.

Das Buch „Puschkin in Moldawien“ von B.A. Trubezkoy 21 enthält ein biographisches Namenregis-ter. In dieses Register hat der Autor die Namen aller Personen (245) aufgenommen, mit denen Pusch-kin während der Zeit seiner Verbannung nach Kischinew (September 1820 – Juli 1823)bekannt war. Darunter sind vier als „Freund“ oder „naher Freund“ gekennzeichnet.

Unter den übrigen ist unter Nummer 220 (in alphabetscher Reihenfolge) ein Eintrag zu L.V. Tardent: „ Naturforscher, Schweizer, Gr ü nder einer Kolonie in Schabo, zu dem A.S. Puschkin 1821 reiste. Tardent war auch Mitglied der Freimaurerloge „ Ovid “ , Nr. 24 “ . Wie man sehen kann, ist hier von freund-schaflichen Beziehungen nicht die Rede.

I.P. Liprandi4, der den Dichter bei der Begegnung mit Tardent begleitete, erinnerte sich: „ Am Morgen wollte ich mich mit dem Schweizer Tardent trefen, der die Kolonie in Schabo drei Werst s ü dlich von Akkermann gegr ü ndet hate. Puschkin kam mit mir. Tardent gefel ihm sehr, und Puschkin Tardent, der die unz ä hligen Fragen meines Reisegef ä hrten beantworten konnte. Wir blieben etwa zwei Stun-den und nahmen Tardent zum Essen bei Nepenin mit. Nach dem Mahl reisten wir um sechs nach Is-mail “ [ 13, S. 306].

Und hier ein diesbezüglicher Text aus dem Buch von Ju.I. Družnikov: „ Vom europ ä ischen Freimaurer-tum war das russische praktsch abgetrennt, nicht vorhanden. Und Puschkin verlor sein Interesse dar-an.

Das Einzige, was ihm sein Leben in der Ein ö de von Kischinew versch ö nte, waren G ä ste aus dem Aus-land. Voller Freude eilte er zu jedem in der Hofnung, „ reine europ ä ische Luf zu atmen. “ W ä hrend Li-prandi auf seiner Dienstreise seinen eigenen Gesch ä fen nachgeht, lernt Puschkin Louis Vincent Tar-dent kennen, den Gr ü nder der Schweizer Kolonie Schabo bei Akkermann kennen. Ofensichtlich war Puschkin sehr daran interessiert zu verstehen, warum jemand von dort wegzog, wohin zu reisen er selbst tr ä umte5. Tardent verwies auf die Gef ä hrlichkeit der Revoluton, doch diese hate die Schweiz gar nicht ber ü hrt. Sie unterhielten sich zwei Stunden und verstanden einander nicht. Es stellte sich heraus, dass Insow f ü r die Entwicklung des Weinbaus in der Kolonie Tardent zur Nieder-lassung hier ü berredet hate, indem er seine Mitwirkung bei der Entwicklung der Angelegenheit ver-sprach “ [11, S. 159-160].

Ofenbar versteht man unter einer „ununterbrochenen Freundschaf“ im Buch von V.F. Onoprienko 14 zufällige Begegnungen: Im erhaltenen Briefwechsel von A.S. Puschkin fndet man keinen einzigen Brief an den „Freund“ Tardent.

Unsere Nachforschungen haben ergeben, dass L.V. Tardent tatsächlich Mitglied der Helvetschen Ge-sellschaf der Naturwissenschafler war 30. Die Bedingungen für die Aufnahme in diese Gesell-schaf waren folgende: 1. Mitglied der Gesellschaf kann werden, wer in der Schweiz lebt; 2. Mitglied wird man nach geheimer Abstmmung bei absoluter Mehrheit der Stmmen; 3. Ein Mitglied der Ge-sellschaf muss Kenntnisse auf dem Gebiet der Naturkunde haben;4. Die Eintritsgebühr beträgt sechs Franken.5

In dem von uns bereits erwähnten Dokument stellt sich L.V. Tardent dem Kaiser als „Abgeordneter der Schweizer Weinbauern aus dem Kanton Waadt“ vor. Wie war er ein Abgeordneter geworden? Verfolgen wir, gestützt auf Daten aus den Archiven, die Chronologie der Ereignisse.

[...]


1 Russischer Name Schabo.

2 Regent ist in der Schweiz ein Lehrer an einer Primarschule.

3 Frédéric de la Harpe war Erzieher von Kaiser Alexander I. und stammte aus dem Kanton Waadt. Die Siedlung Chabag war unter seiner Mitwirkung organisiert worden.

4 Liprandi, I.P. (1790-1880), Generalmajor, war Historiker und leitendes Mitglied der Geheimpolizei.

5 A.S. Puschkin erhielt keine Erlaubnis zur Ausreise ins Ausland, er war „nicht ausreise geeignet“.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Schweizer Kolonie "Schabo" im Russischen Reich. Über ihre Geschichte und den Gründer Louis Vincent Tardent
Autor
Jahr
2020
Seiten
21
Katalognummer
V539343
ISBN (eBook)
9783346194190
ISBN (Buch)
9783346194206
Sprache
Deutsch
Schlagworte
über, tardent, schweizer, schabo, russischen, reich, louis, kolonie, gründer, geschichte, vincent
Arbeit zitieren
Georgiy Molotkov (Autor), 2020, Die Schweizer Kolonie "Schabo" im Russischen Reich. Über ihre Geschichte und den Gründer Louis Vincent Tardent, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539343

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