Die Beeinflussung der Entscheidung für (Social) Egg Freezing durch die Lebenssituation

Eine explorative Untersuchung anhand qualitativer und quantitativer Daten von Akademikerinnen


Masterarbeit, 2018

121 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 „Social“ Freezing, Kundinnen und die Definition der Lebenssituation
1.3 Aufbau der Untersuchung

2 Forschungsstand
2.1 Stand der Wissenschaft
2.1.1 Frauen, die sich für Social Freezing entschieden haben
2.1.2 Einstellungen von Frauen und Männern zu Social Freezing
2.1.3 Charakteristika von (potenziell) an Egg Freezing interessierten Frauen
2.2 Begrenzungen bisheriger Forschung, Untersuchungsziele und Forschungsfragen

3 Soziologische Kontextbetrachtung

4 Social Freezing
4.1 Geschichte
4.2 Gesetzliche Lage Deutschlands im internationalen Vergleich
4.3 Medizinisches Vorgehen und biologische Hintergründe
4.4 Erfolgschancen und Risiken
4.5 Kosten des Verfahrens
4.6 Bedingte Datennutzung

5 Mixed-Methods als methodologisches Vorgehen
5.1 Leitfadengestützte Interviews als qualitative Forschungsmethode
5.2 Skalierte Einschätzung als quantitative Erhebungsmethode

6 Datenauswertung und Analyse
6.1 Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring
6.2 Zusammenfassung pro Dimension und die Meta-Inferenz
6.2.1 Gesellschaftliche Dimension
6.2.2 Ökonomische Dimension
6.2.3 Eigene Historie
6.2.4 Beziehungsdimension
6.2.5 Druckdimension
6.3 Relevanz der Dimensionen

7 Einbettung der Ergebnisse in die Forschungsliteratur
7.1 Gesellschaftliche Dimension
7.2 Ökonomische Dimension
7.3 Eigene Historie
7.4 Beziehungsdimension
7.5 Druckdimension

8 Begrenzungen und kritische Reflexion

9 Fazit und Ausblick

10 Quellen- und Literaturverzeichnis

11 Anhang
11.1 Forschungsdesign
11.2 Regeln der zusammenfassenden Inhaltsanalyse nach Mayring
11.3 Transkriptionsregeln

Danksagung

Mein Interesse für Social Freezing hat sich bereits im Bachelorstudium herausgebildet.Zu dem Zeitpunkt, als die Medien von der reproduktionsmedizinischen Technik berichteten, besuchte ich das Seminar zur Familiensoziologie bei Frau Dr. Dürkop-Henseling und konnte mich im Zuge einer Prüfungsleistung erstmals mit dem Thema beschäftigen. Ein herzliches Dankeschön geht dementsprechend an Frau Dr. Dürkop-Henseling, ohne die ich vielleicht nie auf dieses Thema gestoßen wäre. Sie gab mir außerdem den entscheidenden Hinweis, Teilnehmerinnen über das Wissenschaftlerinnennetzwerk der Christian-Albrechts-Universität zu Kielzu gewin­nen und stand mir stets mit Ratschlägen zur Seite. Ferner giltein großer Dank meinem Erstbe­treuer, Herrn Prof. Dr. Graeff, den ich glücklicherweise schnell für das Thema gewinnen konnte. Er stand mit stets sehr zuverlässig mit Ratschlägen beiseite.

Des Weiteren möchte ich Herrn Prof. Dr. Nawroth für seine zuverlässige Unterstützung danken. Erhat sich besonders für die Gewinnung von Frauen, die Social Freezing durchgeführt haben, eingesetzt.Leider blieben alle Bemühungen ohne Erfolg.

Ferner danke ich den fünf Interviewteilnehmerinnen, die an dieser Stelle anonym bleiben sol­len, für ihre Zeit sowie ihre Offenheit im Gespräch. Ich wünsche Ihnen an dieser Stelle für Ihre familiäre und berufliche Zukunft alles Gute.

Mein besonderer Dank gilt meiner Familie, insbesondere meinen Eltern. Ohne ihre Unterstüt­zung bei der Entscheidung für das Abitur und das Studium wäre ich nie so weit gekommen.

Herzlich bedanken möchte ich mich auch bei meinem Freund, der mir stets mit unterstützenden Worten beiseite gestanden hat.

Abschließend danke ich meinen Freundinnen und Freunden, die ich im Zuge meines Studiums kennengelernt habe. Durch ihr Fachwissen habe ich stets nützliche Tipps erhalten.

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildungen

Abbildung 1: Abnahme der ovariellen Reserve

Abbildung 2: Angepasstes Mixed-Methods-Design mit Integration in mehreren Phasen

Abbildung 3: Themenblöcke des Leitfadens geordnet nach der Sensitivität

Abbildung 4: Analysetechniken der qualitativen Inhaltsanalyse

Abbildung 5: Inhaltsanalytisches Ablaufmodell

Abbildung 6: Darstellung des Forschungsdesigns

Abbildung 7: Angepasste Ablaufregeln der zusammenfassenden Inhaltsanalyse

Abbildung 8: Transkriptionsregeln

Tabellen

Tabelle 1: Literaturrecherche zu Social Freezing

Tabelle 2: Demographische Informationen zu den Teilnehmerinnen

Tabelle 3: Tabellarische Gegnüberstellung "Gesellschaftliche Dimension"

Tabelle 4: Tabellarische Gegenüberstellung "Ökonomische Dimension"

Tabelle 5: Tabellarische Gegenüberstellung "Eigene Historie"

Tabelle 6: Tabellarische Gegnüberstellung "Beziehungsdimension"

Tabelle 7: Mittelwerte zur Gewichtung der Dimensionen der Lebenssituation

Tabelle 8: Tabellarische Gegenüberstellung "Druckdimension"

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Schon die Partnerbeziehung wird schwierig, wenn der eine in Leipzig arbeitet, die andere in Flensburg. Aber noch viel schwieriger wird es, wenn erst Kinder da sind. Die kann man nicht im Tiefkühlfach lagern und [...] wieder herausholen. Man muss sich nicht wundern, wenn an­gesichts zunehmender Mobilitätszwänge junge Frauen und Männer sagen: Das schaffe ich nicht. Das ist zu kompliziert. Da will ich lieber kein Kind.“1 (Beck-Gernsheim 1997: 126)

Heute, über 20 Jahre später, ist es entgegen der Aussage der deutschen Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim möglich, den Kinderwunsch sprichwörtlich auf Eis zu legen. Das ursprünglich für Krebspatientinnen entwickelte Verfahren der Kryokonservierung von Eizellen dient seit ei­nigen Jahren auch aus nicht-medizinischen Gründen (z. B. Partnerlosigkeit, Karriere) der Fer­tilitätsprotektion. Durch das Verfahren können sowohl befruchtete als auch unbefruchtete Ei­zellen entnommen und auf unbestimmte Zeit problemlos gelagert werden. Diese Methode, auch Social (Egg) Freezing genannt, stellt eine Art Fruchtbarkeitsversicherung dar, durch welche der Kinderwunsch zum gewünschten Zeitpunkt erfüllt werden kann.

Reproduktionsmedizinische Unternehmen werben damit, dass Frauen durch Social Freezing neue Freiheiten der individuellen Lebensgestaltung eröffnet werden und ihnen der Druck von verschiedenen Lebensbereichen genommen wird. Laut der Soziologin Lauren J. Martin können Frauen sich dadurch bspw. auf ihre Karriere konzentrieren und einen Partner finden, anstatt sich Sorgen um die Partnerlosigkeit und das zunehmende Alter machen zu müssen (2010: 538). Ausschlaggebend für die Entscheidung sind jedoch nicht nur die verschiedenen Lebensberei­che, sondern vor allem der Druck, welcher von der sogenannten biologischen Uhr ausgeht. Ab dem 30. Lebensjahr steigt das reproduktive Risiko einer Frau parallel zum Alter (Merz 2017: 19), was für eine frühe Elternschaft sprechen würde. Allerdings findet seit dem Rückgang der Geschlechterungleichheit Ende der 60er Jahren sowie dem Aufkommen der Pille2 eine zeitliche Verschiebung der Elternschaft auf die Mitte der dritten Lebensdekade statt. Social Freezing wirdauchals Äquivalent zur Pille bezeichnet, nur habe sie bezüglich der Schwangerschaftspla­nung mehr Potenzial (Beck-Gernsheim 2016: 50f.; Mohapatra: 2014: 381).

Zwar ist das Verfahren relativ neu, dennoch wird es ethisch, juristisch, politisch und sozial kritisch diskutiert (Schick et al. 2017: 748). Entscheidend für den konträren Diskurs waren me­diale sowie gesellschaftliche Auseinandersetzungen, welche durch Titel wie „Ein Kind von Apple“ (Rudzio 2014) oder „Apple und Facebook machen Frauen zu Leibeigenen“ (Marten­stein 2014) entstanden sind. Ausschlaggebend für diese Schlagzeilen waren die Ankündigun­gen der Unternehmen Apple und Facebook, dass sie ihren Mitarbeiterinnen durch die Kosten­übernahme von Social Freezing ermöglichen, die Familienplanung zu verschieben um erst ihrer Karriere nachzugehen.

Obwohl die öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Thema in den letzten Jahren abge­schwächt ist, erfahren Fertilitätszentren ein zunehmendes Interesse an der Methode (Allahbadia 2016: 214). Insbesondere in der Hochburg der großen amerikanischen IT-Industrie, Silicon Va­lley, ist Social Freezing sehr anerkannt. Dort finden inzwischen sogar „Egg Freezing Parties“ statt, auf denen interessierte Frauen über ihren Fertilitätsverlust und die Möglichkeiten von Social Freezing aufgeklärt werden (z. B. www.eggfreezingparty.com; Beck-Gernsheim 2016: 65). In Deutschland sowie einigen europäischen Ländern (Großbritannien, Italien, Spanien) ist die gesellschaftliche Akzeptanz assistierter Reproduktionstechnologien (ART) im Gegensatz zu den USA geringer (van der Ven, Pohlmann, Hößle 2017: 8), doch auch hier sind steigende Behandlungszahlen zu verzeichnen.

1.1 Problemstellung

Aufgrund des wachsenden Interesses an der neuen reproduktionsmedizinischen Technologie (NRT) würde man eine breite wissenschaftliche Auseinandersetzung über die nicht-medizini­schen Gründe von Frauen vermuten, die zur Entscheidung für Social Freezing beitragen. Jedoch weist die Literaturrecherche in dieser Hinsicht ein klares Defizit auf. Indes ist die Untersuchung der Thematik aus soziologischer Sicht sehr relevant, um zu erfahren, welchen Einfluss die NRT auf unsere Gesellschaft hat. Eine umfassende Bearbeitung aus soziologischer Sicht liegt bisher allerding nur teilweise vor (Waldby 2014; Baldwin 2017; Baldwin et al. 2018). Bisherige Un­tersuchungen finden fast ausschließlich aus Sicht von Reproduktionsmediziner*innen, Ju- rist*innen und Ethiker*innen statt. Zudem können Studien aus anderen Ländern aufgrund kul­tureller sowie monetärer Unterschiede nicht problemlos auf Deutschland übertragen werden (von Wolff, Germeyer & Nawroth 2015: 28), was die Notwendigkeit einer Untersuchung im deutschsprachigen Raum bestärkt. Die Bioethikerin Heidi Mertes und der Bioethiker Guido Pennings erklärten bereits im Jahr 2011: „[...] it may be interesting to learn who the candidates for elective oocyte cryopreservation are, what their motives are and how they got into” (145). Seither existieren zwar einige Studien, welche die Charakteristika und Einstellungen von Frauen, die sich für bzw. gegen das Einfrieren ihrer Eizellen aus nicht-medizinischen bzw. so­zialen Gründen entscheiden würden oder entschieden haben. Jedoch haben sich diese Studien bei der Stichprobenauswahl nicht auf diein vorherigen Studien herausgestellte Charakteristika von Frauen konzentriert. Diese Arbeit gleicht diesen Nachteil aus und untersucht die Motive und Einstellungen von Frauen aus dem akademischen Bereich, die laut der Literatur potenziell für Social Freezing in Frage kommen.

Inwieweit die in der Literatur genannten sozialen Gründe allerdings belastbar sind und Einfluss auf die Entscheidung von potenzieller an Social Freezing interessierter Frauen nehmen, ist bis­her nicht untersucht worden. Ziel dieser Arbeit ist es daher, die Relevanz einzelner sozialer Hintergründe für die Entscheidung zur Fertilitätsprotektion zusätzlich zu prüfen. Um untersu- chenzu können, welcher Lebensbereich bei der Entscheidung ausschlaggebend ist, wurden die sozialen Gründe in verschiedene Dimensionen der Lebenssituation gegliedert. Die Lebenssitu­ation besteht aus fünf für diese Arbeit entwickelten Dimensionen (gesellschaftliche, ökonomi­sche und beziehungstechnische Dimension sowie der eigenen Historie und Druckdimension), zu denenwiederrum verschiedene Lebensbereiche und soziale Gründe zählen. Insgesamt wur­den fünf Akademikerinnen, laut Forschungsstand potenzielle Social freezer, dazu interviewt, welche von den in der Literatur genannten sozialen Gründen und welche Dimensionen aus­schlaggebend für die Entscheidung von Social Freezing wären.

1.2 „Social“ Freezing, Kundinnen und die Definition der Lebenssituation

Die Entscheidung für Social Freezing basiert auf einer komplexen Kombination sozialer, poli­tischer, persönlicher und ökonomischer Faktoren (Lockwood 2011: 335; Wennberg et al. 2014: 2; Petropanagos et al. 2015: 666), welche in der wissenschaftlichen Literatur oftmals unter dem Terminus „soziale Gründe“ zusammengefasst werden. Mohapatra unterscheidet außerdem zwi­schen sozialen und Karrieregründen, wobei sie diese Differenzierung nicht weiter ausführt.3

Der Begriff Social Freezing wurde bereits von einigen Autor*innen kritisiert. Harwood hinter­fragt den sozialen Charakter von Social Freezing: „Nonmedical egg freezing is also referred to as „elective“ or „social“ egg freezing in the literature, although „nonmedical egg freezing“ is arguably a more accurate description since there are elective and social aspects to all egg free- zing“ (2015: 61). Auch Mohapatra weist darauf hin, dass für sie der soziale Charakter von Social Freezing unverständlich ist und sie die Begriffsbezeichnung lediglich nutzt, da dies im Jahr 2014 der meist genutzte Terminus gewesen sei (383, FN 18). Trotz der Kritik wird in dieser Arbeit der Begriff Social Freezing verwendet. Grund hierfür ist, dass diese Bezeichnung in Deutschland aufgrund der medialen Auseinandersetzungen wohl am bekanntesten ist.

Fraglich und literarisch nicht nachweisbar ist, woher der deutsch-angelsächsische Begriff Social Freezing stammt. Im angelsächsischen Sprachgebrauch ist eher die Bezeichnung Egg Freezing geläufig und es wird zwischen medizinischen und nicht-medizinischen Gründen un­terschieden (Beck-Gernsheim 2016: 49). Zusätzlich wird Social Freezing in der Literatur auch als Kryokonservierung von Eizellen aus nicht-medizinischen bzw. selektiven Gründen bezeich­net (bspw. Harwood 2017).Vorstellbar wäre, dass der Terminus durch die mediale Diskussion 2014 besetzt wurde, als Unternehmen aus Silicon Valley (Facebook und Apple) ihren Mitar­beiterinnen finanzielle Unterstützung für Social Freezing zusprachen. Interessanterweise ist der Begriff Social Freezing erst seit diesem Zeitpunkt in der Literatur vorzufinden, was gegebe­nenfalls auf der Beschreibung von Facebook als sozialem Netzwerk basieren könnte. Seither wird teilweise auch in der englischsprachigen Literatur der Begriff Social Freezing verwendet (bspw. Baldwin et al. 2015, 2018; Baldwin 2017; Lockwood 2011), während die Nutzung des Begriffs Egg Freezing weiterhin führend ist. Wie auch der Begriff Social Freezing werden die nicht-medizinischen Gründe als soziale Gründe verstanden, da in der Soziologie das Zusam­menwirken einzelner sozialer Faktoren zum gesellschaftlichen Verständnis beiträgt. Der „sozi­ale“ Charakter muss jedoch stets hinterfragt werden.

Die literarisch herausgestellten sozialen Gründe lassen sich in verschiedene Lebenssituationen einordnen. Einige Autorinnen wiesen bereits darauf hin, dass die Lebenssituation eine entschei­dende Rolle bei der Entscheidung für medizinische Techniken wie Social Freezing spielt. Wäh­rend Bernstein und Wiesemann auf die sozialen und ökonomischen Umstände aufmerksam ma­chen, die eine solche Entscheidung beeinflussen (2014: 292), führt laut Mertes sowie van der Ven, Pohlmann und Hößle die aktuelle Lebenssituation zu der Entscheidung (2013: 142; 2017: 20). Auch Lockwood und Johnson heben hervor, dass die Umstände, aus denen sich die Frauen für die Kryokonservierung aus nicht-medizinischen Gründen entscheiden, deren soziale Situa­tion reflektieren (2015: 126).

Die Lebenssituation besteht aus verschiedenen Lebensbereichen (berufliche Situation, Bezie­hungssituation, Einkommenssituation usw.), welche wiederrum in - für diese Arbeit entwi­ckelte - Hauptkategorien zusammengefasst wurden. Diese Hauptkategorien werden als Dimen­sionen der Lebenssituation bezeichnet und bestehen zusammenfassend aus der sozialen Situa­tion und den mehr oder weniger interdependenten sozialen Gründen. Zu den Dimensionen zäh­len die gesellschaftliche Dimension, die ökonomische Dimension, die eigenen Geschichte, die Beziehungsdimension sowie die Druckdimension. Infolgedessen ist bspw. die ökonomische Di­mension (Einkommenssituation, Wohnsituation, Berufssituation) von dem beruflichen Werde­gang einer Akademikerin stark abhängig.

Liegen keine medizinischen in Verbindung mit sozialen Gründen vor, werden Frauen in dieser Arbeit als Kundinnen bezeichnet. Dieser Terminus ist in bisherigen Publikationen keinesfalls aufgetreten, macht aufgrund der Inanspruchnahme von Social Freezing als eine Dienstleistung jedoch Sinn. Liegen jedoch auch unabhängig vom Fertilitätsverlust medizinische Einflüsse vor, muss über eine andere Bezeichnung nachgedacht werden, die den Begriff Patientin und Kundin vereint.

1.3 Aufbau der Untersuchung

Um die Relevanz dieser explorativen Studie herauszustellen, wird im folgenden zweiten Kapi­tel der Forschungsstand betrachtet. Der Forschungsstand gliedert sich einerseits in Untersu­chungen zu Einstellungen von Frauen, die sich bewusst für Social Freezing entschieden haben, andererseits werden Studien vorgestellt, in denen sich Frauen und teilweise Männer das erste Mal mit dem Thema auseinandersetzen. Daraufhin erfolgt eine Darstellung der Charakteristika derer, die laut der Literatur potenziell für Social Freezing in Frage kommen (Kapitel 2.1.3). Ausgehend von den Lücken und Begrenzungen bisheriger Forschungen (Kapitel 2.2) ergeben sich die Untersuchungsziele sowie die zugrunde liegenden Forschungsfragen (Kapitel 2.3). Da Untersuchungen potenziell interessierter Frauen aus soziologischer Sicht bisher nicht stattge­funden haben, folgt im dritten Kapitel zunächst eine Themeneinordnung in das Feld der Sozio­logie. Seit Jahren analysieren und debattieren Feminist*innen und Wissenschaftler*innen an­dere Fachrichtungen über soziale, politische und ökonomische Einflüsse von NRTs (Martin 2010: 526). Laut Martin ist Social Freezing keinesfalls eine neutrale Technologie, da ihre Ent­wicklung von Politik und Ethik beeinflusst wurde. Infolgedessen wird davon ausgegangen, dass die NRT eine Anpassung an die gesellschaftlichen Strukturen ist. Der Wandel der Familie so­wie der Geschlechterrollen werden in diesem Kapitel als Ausgangspunkt für die Entwicklung von Social Freezing dargestellt. Im Anschluss wird ein Einblick in Social Freezing gegeben (Kapitel 4). Hierbei werden sowohl die Historie als auch die gesetzliche Lage, das medizinische Vorgehen, Erfolgschancen und Risiken sowie die Kosten für das Verfahren beleuchtet. Das methodologische Vorgehen dieser Arbeit setzt sich aus einer Kombination qualitativer und quantitativer Datenerhebung und -auswertung zusammen (Mixed-Methods, Kapitel 5), wobei der Fokus auf den qualitativen Daten in Form von Interviews liegt. Die Datenauswertung er­folgt anhand der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring hinsichtlich jeder einzelnen Dimen­sion der Lebenssituation (Kapitel 6). Um die Tragfähigkeit der Ergebnisse analysieren zu kön­nen, werden diese anschließend in die bestehende Forschungsliteratur eingebettet und diskutiert (Kapitel 7). Nach einem anschließenden Kapitel über Begrenzungen der vorliegenden Arbeit sowie einer kritischen Reflexion (Kapitel 8) erfolgen das zusammenfassende Fazit und der Aus­blick (Kapitel 9). Das gesamte Forschungsdesign wird in Abbildung 6 (S. 111) dargestellt.

2 Forschungsstand

Soziologische Studien liegen bisher lediglich zu den Motiven, Einstellungen und Erfahrungen von Frauen vor, die mindestens mit einem Kinderwunschzentrum in Kontakt getreten sind (Waldby 2014; Baldwin et al. 2015 und 2018; Baldwin 2017).4 Zusätzlich haben sich auch psychologische und reproduktionsmedizinische Studien diesem Untersuchungsgegenstand ge­widmet (Gold et al. 2006; Hodes-Wertz et al. 2013; de Groot et al. 2016). Offensichtlich ist, dass die Studien zu den Motivationen und Erfahrungen von Frauen, die sich für Social Freezing entschlossen haben, bis auf die standardisierte schriftliche Erfassung soziodemographischer Daten ausschließlich qualitativ sind. Außerdem basieren die aus dem medizinischen Bereich stammenden Studien auf retroperspektiven Analysen existierender Literatur und klinischen Da­ten, wodurch es nur bedingt gelingt, Kenntnisse zu den Motivationen potenziell interessierter Frauen zu erhalten.

Bisher liegen jedoch keine soziologischen Untersuchungen zu den Frauen vor, welche laut der Literatur Social Freezing in Anspruch nehmen würden. Nennenswert sind allenfalls drei Stu­dien, die aus dem psychologischen (Schick et al. 2017) bzw. dem reproduktionsmedizinischen (Stoop et al. 2011; Tan et al. 2014) Bereich stammen. In allen dreien Studien wurden demogra­phische Daten sowie Einstellungen von Frauen (und Männern) gegenüber Social Freezing er­hoben, die bis dahin keinen Bezugspunkt zu der NRT hatten. Die Daten wurden allerdings rein quantitativ erhoben. Jedoch sind qualitative Daten in Form von Interviews als Methode geeignet um zu prüfen, wie Akademikerinnen, potenziell an Social Freezing Interessierte, die sozialen Gründe in den Kontext der Dimensionen der Lebenssituation deuten und bewerten. Durch In­terviews können der subjektive Sinn, Deutungsmuster, Lebensentwürfe, Einstellungen oder auch Motivationen untersucht werden (Helfferich 2011: 30). Daher ist es notwendig, Akademi­kerinnen, oder Frauen in Positionen mit Verantwortung, zu ihren Einstellungen und Absichten gegenüber der Methode qualitativ zu befragen.

2.1 Stand der Wissenschaft

Um eine Übersicht zum Stand der Wissenschaft bezüglich Social Freezing zu erhalten, wurden einige Datenbanken nach bestimmten Suchbegriffen durchsucht (Tabelle 1). Infolgedessen konnten 41 Artikel, Studien und Untersuchungen herausgestellt werden5, die sich mit dem Thema befassen.

Tabelle 1: Literaturrecherche zu Social Freezing

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In den folgenden beiden Abschnitten wird ein Einblick in relevante Studien und Untersuchun­gen sowie ausgewählte Darstellungen der Charakteristika von Frauen, die Social Freezing durchführen, gegeben.

Der Forschungsstand gliedert sich in Studien zu Einstellungen und soziodemographischen In­formationen von Frauen, die sich für Social Freezing entschieden haben, sowie Studien zu Ein­stellungen von Männern und Frauen gegenüber Social Freezing im Allgemeinen. Zusätzlich werden einige ausgewählte Analysen zu den Charakteristika potenziell interessierter Frauen dargestellt. Darauffolgend werden die Begrenzungen der bisherigen Forschung erläutert, wo­raus sich sowohl die Forschungsfragen als auch das Untersuchungsziele ableiten lassen.

2.1.1 Frauen, die sich für Social Freezing entschieden haben

In diesem Abschnitt werden die Studien aufgegriffen, in denen die Einstellungen, Motive und Intentionen von Frauen untersucht wurden, die sich für Social Freezing entschieden haben. Hierbei wird das Kapitel in soziologische sowie medizinische bzw. klinische Studien unterteilt. Die Reproduktionsmediziner Gold et al. haben 2006 die erste Studie veröffentlicht (Stoop et al. 2011: 660; Goold & Savulescu 2009: 49), welche mittels einer psychologischen, retroperspek­tiven Befragung die Motivation von 20 Frauen6 untersucht, die sich aus sozialen Gründen zur Eizellenvorsoge entschieden und den ersten Behandlungszyklus abgeschlossen haben. Auch die Reproduktionsmediziner Hodes-Wertz et al. (2013), de Groot et al. (2016) und Stoop et al. (2011) untersuchten anhand qualitativer Daten neben den Motivationen und Einstellungen unter anderem die Frage nach dem aktuellen Status, der reproduktiven Entscheidung sowie mögli­chen Bedenken der Entscheidung für Social Freezing. In allen vier Studien lag das durchschnitt­liche Alter der Teilnehmerinnen bei Mitte 30, alle Frauen waren äußerst gebildet (mindestens Bachelorabschluss) und die Mehrheit war Single.

Gold et al. (2006) konnten Unterschiede bezüglich des Wunsches herausstellen, die Elternrolle alleine oder in Partnerschaft auszuüben. Die Interviews endeten jeweils mit einer offenen Frage zu den Gründen für die Entscheidung. Bis auf die Erkenntnis, dass die Mehrheit der Studienteil­nehmerinnen die Methode zur Druckminderung bei der Partnersuche gewählt hat, blieben so­ziale Gründe unberücksichtigt. Genannt wurden von den Teilnehmerinnen eher psychologische Faktoren wie der Druck der biologischen Uhr, das zunehmende Alter7, oder der Wunsch, alle reproduktionsmedizinischen Möglichkeiten ausgenutzt zu haben. Eben diese Gründe, wie auch der Wunsch nach einem langfristigen Partner, wurden zusätzlich in den späteren Studien von Hodes-Wertz et al. (2013), de Groot et al. (2016) und Stoop et al. (2015) herausgestellt. 65 Prozent der Teilnehmerinnen der Studie von Stoop et al. (2015) gaben an, Social Freezing wie bei Gold et al. (2006) als Fertilitätsversicherung zu sehen und alle Teilnehmerinnen wählten die NRT aufgrund der altersbedingten Unfruchtbarkeit. Stoop et al. (2015) konnten zusätzliche soziale Gründe herausstellen. 49 Prozent sahen Social Freezing als Möglichkeit, mehr Zeit bei der Partnersuche zu haben, 32 Prozent wollten dem Druck bei der Partnersuche entgegenwirken und weitere 32 Prozent wollten alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben, um später nichts be­reuen zu müssen. Letzteres stimmt mit den Ergebnissen von Gold et al. (2006) überein. Zusätz­lich war die Mehrheit der Frauen zum Zeitpunkt der Entscheidung kinderlos (0 94,8 Prozent). In der Untersuchung von Hodes-Wertz et al. (2013) waren neben der Partnerlosigkeit zusätzlich inflexible Arbeitsbedingungen für die Entscheidung ausschlaggebend.

Die Publikation „‘Banking time': egg freezing and the negotiation of future fertility” (2014) von Catherine Waldby gilt als soziologische Grundlagenliteratur auf diesem Gebiet. Waldby führte unter anderem Interviews mit 15 Frauen in London durch8, die sich für Social Freezing entschieden haben. Die Forschungserkenntnisse stehen mit denen aus dem reproduktionsmedi­zinischen Bereich stammenden Untersuchungen weitestgehend überein. Waldby stellte zusätz­lich die schwierigen Wohnverhältnisse in London und die nicht-Identifikation des Partners mit dem Kinderwunsch9 als Schwerpunkte bei der Entscheidung für Social Freezing heraus.

Das demographische Profil sowie der Wunsch nach einer stabilen Beziehung entsprechen auch den Ergebnissen von Baldwin et al. (2015). Baldwin und Kolleginnen machten als erste darauf aufmerksam, dass zum einen auch medizinische Faktoren bei der Entscheidung mit einfließen können und zum anderen Frauen in außereuropäische Länder reisen, um dort ihre Eizellen ein­frieren zu lassen. In dieser Studie wurde zusätzlich die Religion in Verbindung mit Social Free­zing gesetzt, wobei auch die Studien, die im zweiten Abschnitt dargestellt werden (Stoop et al. 2011, Tan et al. 2014), keinen Einfluss der Religion auf die Entscheidung herausstellen konn­ten.

Baldwin publizierte im Jahr 2017 den Artikel „I Suppose I Think to Myself, That's the Best Way to Be a Mother”. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht ist ihre Arbeit sehr relevant und wird ausführlicher dargestellt, da sie viele bis dato unbekannte Motive herausstellen konnte. Der Autorin zufolge beschreiben die Medien Frauen, die Social Freezing durchführen, als selbst­süchtig und karrierefokussiert (Baldwin 2017: 3). Ausschlaggebend seien jedoch viel eher der Einfluss des demographischen Profils im Bezug zum sozioökonomischen Status und dem Ge­schlecht sowie die Beeinflussung durch Ideologien und kulturelle Vorstellungen der Eltern­schaft. Baldwin setzte Social Freezing als erste Autorin in Bezug zur späten Mutterschaft sowie dessen Timing. Basierend auf Interviews mit 31 Frauen (0 37 Jahre bei der Inanspruchnahme von Social Freezing) aus den USA (4), Norwegen (1) und Großbritannien (27), entwickelte Baldwin induktive Kategorien, die sie durch eine thematische Analyse auswertete. Das demo­graphische Profil (Alter, Beruf, Partnerlosigkeit, Kinderlosigkeit) entspricht denen der Teilneh­merinnen von Gold et al. (2006), Hodes-Wertz et al. (2013), Waldby (2014), Stoop et al. (2015) und de Groot et al. (2016). Interessanterweise gaben entgegen der Ergebnisse von Hodes-Wertz et al. (2013) einige Teilnehmerinnen an, dass ihre Karriere bzw. ihr berufliches Leben ihren Kinderwunsch nicht beeinflusste (Baldwin 2017: 4). Die späte Mutterschaft wurde meist nicht bewusst gewählt, sondern ergab sich aus verschiedenen Faktoren. Bspw. wollten alle Frauen zur richtigen Zeit Mutter werden, wobei die beste Zeit zur Mutterschaft nicht mit der biologisch besten Zeit verknüpft wurde. Einige Frauen waren z. B. partnerlos oder hatten das Gefühl, dass - wie auch in der Studie von Waldby (2014) herausgestellt wurde - ihr Partner keinen Kinder­wunsch hat. Auch war sowohl der Wunsch nach stabilen und finanziellen Bedingungen als auch die individuelle Autonomie Grund für die Entscheidung (ebd.: 6). Einige Frauen wollten erst ihr Leben genießen und bspw. reisen, während andere sich für ein Kind bereit fühlten. Auch Ideologien der Elternschaft prägten die Entscheidung für Social Freezing. Somit waren unter anderem die eigenen Erwartungen an die Mutterrolle bei der Entscheidung relevant. Des Wei­teren nannten einige, dass die genetische Verbindung mit dem Kind und dem Partner elementar sei, während andere auch auf eine Spermaspende zurückgreifen würden. Die Entscheidung für Social Freezing kann schlussfassend als Ergebnis multipler Diskurse und Ideologien betrachtet werden, die mit dem „richtigen“ Zeitpunkt der Elternrolle verbunden werden (ebd.: 10). Auch in dieser Studie konnten wie bei Baldwin et al. (2015) Frauen identifiziert werden, die ihre Eizellen in Übersee einfrieren lassen haben. Bspw. gingen einige Frauen aufgrund der gesetz­lichen Lage oder der Heimatverbundenheit nach Thailand, Argentinien, Südafrika oder Spa­nien.

Weiterhin publizierten Baldwin und Kolleginnen mit denselben Daten ein Jahr später die Studie „Running out of time. Exploring women's motivations for social egg freezing“. In dieser Studie wird hingegen die Untersuchung motivierender Faktoren zentriert, welche interpretativ episte­mologisch ausgewertet wurden. Die Ergebnisse, die Gründe für Social Freezing, entsprechen denen von Baldwin (2017)10, wobei in dieser Untersuchung weder der Kontext der späten Mut­terschaft noch Ideologien der Elternschaft fokussiert wurden.

2.1.2 Einstellungen von Frauen und Männern zu Social Freezing

Nachdem Studien zu Frauen dargestellt wurden, die bereits Erfahrungen mit der NRT gesam­melt haben, widmet sich dieses Kapitel Studien zu Motivationen und Einstellungen von Frauen und Männern, die noch keine Bezugspunkte gegenüber der NRT hatten.

Stoop et al. führten im Jahr 2011 die erste quantitative Studie zu Social Freezing durch. Ihr Ziel war es, mittels elektronischer Fragebögen Informationen über die Einstellungen von 1049 Frauen aller repräsentativen Klassen und geographischer Lagen im reproduktiven Alter (21 bis 40 Jahre) gegenüber Social Freezing zu erhalten. Die Autor*innen untersuchten das Profil von 28,5 Prozent der Frauen (n=323/1024), die Social Freezing zum Zeitpunkt der Befragung in Erwägung gezogen wurde.11 Das Alter potenzieller freezer (0 29 Jahre) steht im Widerspruch zu dem demographischen Profil von Frauen, die sich bereits für die NRT entschieden haben. Im Einklang sind jedoch die Erkenntnisse, dass potenzielle freezer ein höheres Bildungslevel haben, Single und kinderlos sind, während die non-freezer verheiratet, in einem Angestellten­verhältnis beschäftigt sind und ein geringeres Einkommen als die freezer haben (2011: 658). Wie die Ergebnisse von Stoop et al. (2011) zeigte auch die Querschnittsanalyse von Tan et al. (2014) ähnliche Ergebnisse.

Die Autor*innen Schick et al. vom medizinpsychologischen Institut Heidelberg haben in der wohl ersten aus dem deutschen Raum erschienen Studie von 2017 mittels eines quantitativen Onlinefragebogens 643 weibliche und männliche Teilnehmer zu ihrem soziodemographischen Profil sowie zu ihren Einstellungen gegenüber Social Freezing befragt. Erstmalig wurden er­hobene Daten in Bezug zu den soziokulturellen Milieus12 gesetzt. Insgesamt 34 Prozent asso­ziierten Social Freezing positiv. Entsprechend dem Profil der Frauen, die bereits Erfahrungen mit Social Freezing gesammelt haben, sind die an Social Freezing Interessierten (217 Personen) Frauen, zwischen 30 bis 40 Jahre, hoch gebildet13 und heterosexuell. Entgegen der bisherigen Forschungsergebnisse sind auch unter 30-Jährige und Teilnehmer*innen, die in einer Bezie­hung sind, an der NRT interessiert. Der Familienstatus, die Nationalität und die sexuelle Ori­entierung haben laut den Ergebnissen keinen Einfluss auf die Einstellungen gegenüber der NRT. Im Gegensatz zu Forschungsergebnissen von Baldwin 2017 sind der Wunsch nach einer genetischen Verbindung mit dem Kind und der berufliche Status allerdings irrelevant. Anhand freier Textfelder wurden Gründe für (Partnerlosigkeit, Krankheit, Autonomiegewinn) und ge­gen die NRT (evolutionär und biologisch absurd) erfasst. Im Vergleich zu den Ergebnissen von Stoop et al. (2011), Baldwin et al. (2015, 2018) und Baldwin (2017), ist der finanzielle Status am unwichtigsten (Schick et al. 2015: 753), was laut den Autor*innen jedoch daran liegt, dass nur wenige Teilnehmer*innen aus soziokulturellen Hintergründen mit limitierten finanziellen Ressourcen stammen. Die Forschungserkenntnisse beweisen, je flexibler, progressiver und selbstorientierter die Teilnehmer waren, desto positiver ist die Einstellung gegenüber Social Freezing ausgefallen (bspw. Milieu des Perfomers). Gegen Social Freezing sprechen vor allem konservative und traditionelle Gründe (Konservative Milieus).

2.1.3 Charakteristika von (potenziell) an Egg Freezing interessierten Frauen

Nachdem im letzten Abschnitt Studienergebnisse diskutiert wurden, werden in diesem Kapitel Charakteristika potenziell an Egg Freezing interessierter Frauen aufgegriffen. Auch wenn we­nige Untersuchungen zu Frauen, die sich für Social Freezing entschieden haben, existieren (Stoop et al. 2011: 655; Allahbadia 2016: 215), können anhand der Literaturrecherche charak­teristische Merkmale von Frauen, die Social Freezing durchgeführt haben oder daran interes­siert sind, identifiziert werden.

Dem Mediziner Allahbadia (2016) zufolge sind es drei verschiedene Gruppen von Frauen, wel­che für Egg Freezing in Frage kommen. Krebspatientinnen haben durch die NRT die Möglich­keit, auch nach einer Strahlentherapie schwanger zu werden. Als zweite Gruppe identifiziert Allahbadia Frauen, für die Social Freezin g zwar eine Option ist, welche sich aber aufgrund der gesetzlichen Lage (bspw. Österreich; Tiroler Tageszeitung, 18.04.2018) bewusst gegen das Prozedere entschieden haben. Die dritte Gruppe sind Frauen, die auch zu einem späteren Zeit­punkt die Möglichkeit zur Erfüllung des Kinderwunsches haben möchten. In die dritte Gruppe lassen sich vor allem weiße und reiche Frauen einordnen, die laut Mohapatra die Zielgruppe von SocialFreezing darstellen (2014: 384)14 Die Autorin stellt heraus, „[...] rich, successful career women are the prime audience for egg freezing” (Mohapatra 2014: 402). Hartz IV-Emp- fängerinnen zählen demnach nicht zu der Zielgruppe (Beck-Gernsheim 2016: 63).

In Anlehnung an die Soziologin Lauren J. Martin (2010) und die Bioethikerin Heidi Mertes (2013) sind verschiedene Portraits von Frauen, die für Egg Freezing in Frage kommen, identi­fizierbar. Martin (2010: 533) identifizierte durch einen ethnographischen Methodenmix aus qualitativer Auswertung von Textmaterial sowie teilnehmende Beobachtungen ähnlich wie Al- lahbadia (2016) die Gruppe der Krebspatientinnen und der gesunden Frauen, die Egg Freezing als altersbedingte Fertilitätsprävention sehen. Martin fasst zusammen: „Although the cancer patient is almost universally portrayed in a symphetic light in medical and popular literature, the healthy young woman who is also the target of fertility preservation efforts is a much more ambivalent figure” (2010: 535). Die Autorin unterscheidet drei primäre Narrative, welche in der medizinischen und populären Literatur und in Medien diskutiert werden. Es sind es Frauen, die anfällig zur beruflichen Ausbeutung sind, Frauen, die ihre eigenen privaten Bedürfnisse hinter anderen (beruflichen) Dingen stellen und Frauen, die liberal und zukunftsdenkend sind (ebd.). Auch Mertes unterscheidet zwischen verschiedenen Portraits von Frauen, die in der ethi­schen Literatur sowie in den Medien diskutiert wurden und die Wahrnehmung der Gesellschaft beeinflussen (2013: 142). Die erste Gruppe stellen „selbstsüchtige Karrierefrauen“ dar, die Social Freezing als Notfalllösung im Alter anstatt als Form des Well-Beings ansehen. Die zweite Gruppe sind Frauen als Opfer der männerorientierten Gesellschaft (siehe auch Mertes & Pennings 2011: 825). Für Frauen dieser Gruppe sei es schwierig, die berufliche Verantwortung mit der Familie zu verbinden. Diese Gruppe wird von der Gesellschaft zur späten Mutterschaft verleitet. Als dritte, für die Autorin idealistischste Gruppe, identifiziert Mertes weise, proaktive Frauen, die sich im Alter nicht von einer Eizellenspende abhängig machen wollen (2013: 145).

Eva Weber-Guskar vom philosophischen Seminar der Universität Göttingen untersucht in ih­rem Beitrag „Debating social egg freezing. Arguments from phases of life“ (2017), ob Lebens­phasen und die damit verbundenen normativen Erwartungen in Verbindung mit der Entschei­dung für Social Freezing gesetzt werden können. Sie fragt danach, ob es den richtigen Zeitpunkt zur Erfüllung des Kinderwunsches gibt und argumentiert aus einer ethischen Perspektive, dass basierend auf dem Lebensphasenkonzept keine Argumente gegen Social Freezing sprechen würden. Diese Untersuchung kommt der zugrundeliegenden Forschungsfrage in Bezug zur Le­benssituation zwar am nächsten, jedoch werden grundlegende Faktoren, die zur Entscheidung beitragen können (strukturelle Probleme, befristete Arbeitsverträge usw.), nicht mit einbezo­gen.

Auf den Internetseiten von Kinderwunschpraxen werden oftmals bildlich junge Frauen präsen­tiert, die eine Uhr in den Händen halten und Social Freezing als Fruchtbarkeitsversicherung nutzen. Junge Frauen spiegeln allerdings die sozialen Umstände bzw. die Lebenssituation, in der sich Frauen für Social Egg Freezing entscheiden, nicht wider (Meyes et al. 2017: 5). Studien belegen sogar, dass junge Befragte der Methode eher negativ gegenüber eingestellt sind, da sie denken, dass sie z. B. noch genügend Zeit für die Partnersuche haben (Tan et al. 2014; Harwood 2015: 66; Schick et al. 2017). Auch die britische HFEA (Human Fertilisation and Embryology Authority) bestätigt: „While the empowered young woman is foregrounded, statistics indicate that the majority of women using this technology are between 33 and 42 years old” (2016: 25).

Basierend auf dem Stand der Wissenschaft lautet das Profil (potenzieller) Social freezer:

- Mitte 30
- Single
- Akademischer Abschluss (mindestens Bachelor) und/ oder in Führungsposition
- Vornehmlich heterosexuell15
- Kinderlos

Mertes wies bereits 2013 darauf hin: „In conclusion, it may be interesting to learn who the candidates for elective oocyte cryopreservation are [... ]” (Mertes 2013: 145). Dementsprechend werden in dieser Arbeit Akademikerinnen, potenzielle Kandidatinnen für Social Freezing, zu ihren Einstellungen befragt.

2.2 Begrenzungen bisheriger Forschung, Untersuchungsziele und Forschungsfragen

In Hinblick auf die empirische Evidenz ist festzustellen, dass sowohl das Untersuchungsdesign des Fragebogens wie bei Stoop et al. (2011), Tan et al. (2014) und Schick et al. (2015) als auch die Rekrutierung der Stichproben aus medizinischen universitären Bereichen in bisherigen Un­tersuchungen nicht sinnvoll gewählt wurden. Angesichts der begrenzten Zeitspannen der Stu­dien sowie der geringen Stichprobengrößen sind die Ergebnisse nicht aussagekräftig und folg­lich nicht auf die belgische, britische bzw. deutsche Gesamtbevölkerung übertragbar. Daten müssen zudem vorsichtig interpretiert werden, da bisher keine offiziellen Zahlen über die In­anspruchnahme von Social Freezing existieren (vgl. Kapitel 4.6). Internationale Literatur kann zudem nur bedingt auf Deutschland übertragen werden, da sich sowohl kulturelle als auch mo­netäre Faktoren auf die Behandlungszahlen auswirken (von Wolff, Germeyer & Nawroth 2015: 28). Bis auf die Untersuchungen von Baldwin (2017), die Social Freezing in den Diskurs der späten Mutterschaft setzt, wurde die Methode zudem bisher nicht ausreichend in den Kontext des Wandels der Familie(nplanung) in Deutschland gesetzt. Lediglich die Autorinnen van der Ven, Pohlmann und Hößle ordnen Social Freezing in die gesellschaftlich-politische Perspektive ein (2017: 23-35).

Die Arbeit knüpft an die Nachteile der rein quantitativen Forschung an und widmet sich den Einstellungen der Frauen, die laut dem Forschungsstand potenziell an Social Freezing interes­siert sind. Anhand von fünf Interviews wird geprüft, inwieweit die in der Literatur diskutierten sozialen Gründe widerstandsfähig und ausschlaggebend bei der Entscheidung für Social Free­zing von Frauen im wissenschaftlichen Berufsfeld sind. Es wird ein komplexerer Zusammen­hang der sozialen Gründe vermutet. Die sozialen Gründe werden als zusammenhängendes Kon­strukt gesehen und sind interdependent. Bspw. hängt das Wohnverhältnis vom Einkommen ab, dieses wiederrum stark von dem Beruf, welcher wiederrum durch das Bildungsniveau beein­flusst wird. Wird die bisher nicht untersuchte Lebenssituation ins Verhältnis bisheriger Unter­suchungsergebnisse gestellt, ergeben sich daher folgende Forschungsfragen:

- Inwieweit ist die Lebenssituation bei der Entscheidung für Social Freezing ausschlaggebend?
- Welche Dimensionen der Lebenssituation sind bei der Entscheidung für Social Freezing rele­vant und welche nicht?
- Existieren Unterschiede zwischen den theoretisch begründeten Annahmen und den empirischen Untersuchungen bzw. sind die Ergebnisse mit Gründen der Literatur konform?

3 Soziologische Kontextbetrachtung

Bei der Herausstellung sozialer Gründe aus insgesamt 41 bisher veröffentlichten Artikeln und Monographien wurde ersichtlich, dass sich hauptsächlich Wissenschaftler*innen fremder Fach­richtungen mit der Thematik beschäftigen. Die medizinischen Forscherinnen Shkedi-Rafid und Hashiloni-Dolev (2012) unternehmen sogar einen Versuch, Social Freezing aus soziologischer Sichtweise zu untersuchen. Infolge der unzureichenden sozialwissenschaftlichen Betrachtung erfolgt in diesem Kapitel eine Einordnung von Social Freezing in das Feld der Soziologie, wodurch die hohe gesellschaftswissenschaftliche Relevanz herausgestellt wird. Hill und Kopp bestätigen, dass „[.] familiales Handeln - von der Partnerwahl über die Fertilitätsentscheidung bis hin zu alltäglichen Interaktionen oder der ehelichen Stabilität - und die daraus ableitbaren Konsequenzen [.] Gegenstand soziologischer Forschung [sind]“ (2013: 9).

Es wird angenommen, dass die Nachfrage für Social Freezing auf der Entwicklung von zwei Ausgangspunkten, dem sogenannten Pillenknick als medizintechnische bzw. reproduktionsme­dizinische Entwicklung sowie der geschlechterspezifischen Revolution basiert. Diese Entwick­lungslinien wurden vor allem von der Krise der Familie sowie steigenden Ausbildungschancen und berufliche Möglichkeiten für Frauen begleitet, mit denen neue berufliche Herausforderun­gen (längere Arbeitszeiten, Mobilität, Flexibilität usw.) einhergingen. Entsprechend des Unter­suchungsziels soll dieses Kapitel allerdings nicht die gesamtgeschichtliche Entwicklung der Ausgangspunkte nachzeichnen. Es werden wesentliche Aspekte seit dem Dritten Reich darge­legt, die zur fundamentalen Entwicklung der Rolle der Frau sowie zum Wandel der Fami- lie(nplanung) beigetragen haben. Auf die Notwendigkeit des historischen Rückbezugs zur Er­klärung aktueller gesellschaftlicher Phänomene macht Rosemarie Nave-Herz aufmerksam:

„Der Rückbezug auf die Geschichte ist außerdem notwendig, weil wir durch das Einge­bundensein in die gegenwärtige Gesellschaft häufig nicht in der Lage sind, die histori­sche Bedingtheit heutiger Lebenslagen und ebenso ihrer Probleme zu erkennen - eine Vorbedingung zur Lösung gegenwärtiger gesellschaftlicher Spannungen und sozialer Konflikte.“ (2013: 18)

Beim Familienwandel handelt es sich soziologisch betrachtet um einen variablen Gegenstand, wobei „[.] Struktur, Kultur und Ökonomie einer Gesellschaft [Handlungsalternativen] be­grenzen, eröffnen und konfigurieren [.] und [.] dadurch Einfluss auf die Vielfalt von Fami­lienstrukturen und Familienentwicklungsläufen [nehmen]“ (Schneider 2015: 24). Die Paarori­entierung als langfristige, monogame Beziehung zwischen zwei Menschen kann ebenso wie die dauerhafte Konstruktion der Geschlechterrollen als stabiles Kernelement familialen Wandels angesehen werden (Schneider 2015: 24). Allerdings ist hinzufügen, dass mit den Jahren neue Erwartungen an die Geschlechter gestellt wurden. Die Rollenzuweisungen sind wie die Institu­tion der Familie heute nicht mehr tragbar, werden zunehmend hinterfragt und führen zu verän­derten Verhaltenserwartungen. Grund hierfür ist, dass die Bestimmung der Frau allein aus der Geschlechterkonzeption im 20. Jahrhundert nicht mehr zu rechtfertigen ist. Heute existiert in Europa eine Vielzahl an Familienformen, sodass es nicht mehr den einen Prototypen gibt (Schneider 2015: 21). Dementsprechend ist auch die Definitionsvielfalt von Familie sehr groß.16 In dieser Arbeit wird Familie als Wunsch von Frauen nach einer Familie mit (mindes­tens) einem Kind verstanden. Ob die Kindeserziehung allein oder mit einem Partner stattfindet, ist hierbei nebensächlich.

Die Soziologin Rosemarie Nave-Herz erläutert das Familienleitbild während und nach dem Dritten Reich (2013: 28f.). Das Familienleitbild bestand während dieser Zeit aus einer roman­tischen Beziehung zwischen dem Vater, der als Ernährer und Autoritätsperson galt, sowie der Mutter, die für die Kindeserziehung sowie alle innerhäuslichen Aufgaben zuständig war (Nave- Herz 2013: 28). Besonders während dieser Zeit wurde dieses Familienleitbild verfolgt und von Hitler sogar politisch verordnet (ebd.: 27). Während des Zweiten Weltkriegs mussten Frauen jedoch kriegsbedingt in der Rüstungsindustrie eingesetzt werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Frauen aufgrund ihrer abwesenden Männer sowohl für die Existenzsicherung der Familie als auch für die Kindererziehung zuständig. Auch nach dem Zerfall des Dritten Reiches galt das Familienleitbild in der westdeutschen Politik, Wissenschaft und Kirche als allgemein gel­tend (ebd.: 28). Dorothea Krüger beschreibt den Prozess der Gleichberechtigung von Mann und Frau seit der Nachkriegszeit anhand empirischer Untersuchungen. Aufgrund der DDR-Gleich­stellungspolitik verlief der Wandel der Geschlechterrollen in Ostdeutschland allerdings ver­schieden, wobei in dieser Arbeit die Entwicklungen in Westdeutschland fokussiert werden. Mit der Begründung der Gleichstellung von Mann und Frau mit dem Grundgesetz im Jahr 1949, hatte während dieser Zeit eine Machtverschiebung zugunsten der Frauen stattgefunden (Krüger 2013: 73). Nach dem Krieg mussten Männer sich beruflich neuorientieren, waren arbeitslos, saßen im Gefängnis oder hatten gesundheitliche und psychische Probleme. Zudem kamen in­nerhalb einer Familie Konflikte auf, da die Partner nach dem jahrelangen getrennten Leben wenig Privatsphäre und unterschiedliche Vorstellungen in der Kindererziehung hatten. Wäh­rend Männer als schwach, krank und hilfsbedürftig galten, waren Frauen für den ökonomischen, erziehungstechnischen und häuslichen Bereich zuständig (ebd.: 73). Bis in die 50er Jahre muss­ten Frauen entgegen des familialen Ideals erwerbstätig sein. Obschon Frauen zu dieser Zeit selbständig und charakterlich gefestigt waren, wurde ihre Macht gesellschaftlich nicht aner­kannt (Krüger 2013: 74). Nachdem sich die Lage der ersten Nachkriegsjahre normalisiert hatte, dominierte während der 50er Jahre wieder die klassische Rollenverteilung und die Anzahl er­werbstätiger Mütter sank. Die 50er und 60er Jahre trugen aufgrund steigender Reallöhne sowie dem Ausbau der Sozialversicherungssysteme maßgeblich zur Generalisierung des Leitbildes der bürgerlichen Kleinfamilie bei. Der Sinn der lebenslangen monogamen Ehe beruhte damals auf der Familiengründung. Peuckert weist darauf hin, dass die Entstehung der bürgerlichen Fa­milie aus systemtheoretischer Sicht auf funktionalen Differenzierungsprozessen der Gesell­schaft sowie der Geschlechter basiert (2008: 20). Während die Frau auch in dieser Zeit einer­seits für die Haushaltsführung und andererseits für die emotional-affektiven Bedürfnisse zu­ständig war, galt der Mann weiterhin als Autoritätsperson und Ernährer. Diese Arbeitsauftei­lung ist auch unter dem Begriff „Ergänzungstheorem“ bekannt (Peuckert 2008: 19; Nave-Herz 2013: 26).

In den späten 50er und frühen 60er Jahre fand die Entwicklung der modernen Familie statt. Zuerst wurden die Geschlechterrollen mit der entsprechenden Arbeitsteilung weiterhin polari­siert. Mütterliche Erwerbstätigkeit wurde noch immer abgelehnt, die Eheschließungszahlen wa­ren hoch und die Scheidungsraten hingegen gering (Nave-Herz 2013: 29; Krüger 2013: 76). Für Frauen war es ein Privileg, nicht arbeiten zu müssen. Teilweise war es auch selbstverständ­lich, dass Frauen keiner Ausbildung nachgingen und der Ehemann jegliches berufliche Streben seiner Frau rechtlich unterbinden konnte (vgl. §1356 BGB a. F. zur Haushaltsführung und Er­werbstätigkeit). Sowohl die Ehe als auch die Familiengründung galten währen dieser Zeit als selbstverständlich und als soziale Norm (Peuckert 2008: 20), sodass alternative Lebensformen hinterfragt und sogar geächtet wurden (Nave-Herz 2013: 29). Krüger beschreibt in Anlehnung an Hausen (1976) männliche und weibliche Attributzuschreibungen. Während Frauen in dieser Zeit als gefühlsbezogen, passiv, anpassungsfähig, abhängig und mit Liebe assoziiert wurden, galten Männer als durchsetzungsstark, selbstständig, rational und aktiv (Krüger 2013: 77). In der Zeitspanne zwischen den 50er bis 60er Jahren, auch bekannt als „Golden Age of Marriage“, galten Ehe und Elternschaft als Institution (vgl. Tyrells Begriff der „institutionellen Dignität“, 1979).

Zu Beginn der 60er Jahren erfolgte schließlich die Einführung der Pille, somit hatten Frauen erstmals die Möglichkeit, den Kinderwunsch bewusst und relativ sicher aufzuschieben (vgl. S. 1, FN 2). Miteinher ging ein starker Geburtenrückgang, sodass während dieser Zeit auch von dem Tod oder auch dem Zerfall der Familie gesprochen wurde (van der Ven, Pohlmann & Hößle 2017: 30). Ende der 60er wurden die Geschlechterrollen im Zuge der Frauen- und Stu­dentenbewegung zunehmend in Frage gestellt. Liebe, Heirat und Kinder wurden in diesem Jahr­zehnt entkoppelt und es entstanden neue Familienformen. Mit der Pluralisierung der Lebens­formen erfolgte eine „ Destabilisierung der Normalfamilie “ (Peuckert 2008: 21). Dabei kann die Pluralisierung der Lebensformen nicht als Destabilisierung der Geschlechterverhältnisse verstanden werden. In den neuen Familienformen wurde zwischen dem Haushalt als sozioöko­nomische Einheit und der Familie strikt unterschieden (ebd.: 23f.). Die Anerkennung weibli­cher Erwerbstätigkeit galt als historisch neu (Krüger 2013: 80f.). Väter kümmerten sich ver­mehrt um ihre Kinder, auch wenn ihre Partizipation im Haushalt weiterhin gering ausfiel. Prob­lematisch war, dass die junge Generation kalkulierte. Je nachdem, wer den höheren Erwerbs­status und damit das höhere Einkommen und bessere berufliche Aufstiegschancen hatte - was meistens die Männer waren -, ging arbeiten und der Partner übernahm die Familien- und Haus­arbeit (ebd.: 81). Damit kam es zu einer Rückkehr zu traditionellen Strukturen. Insgesamt ist festzustellen, dass sich während dieser Zeit zwar ein Wandel der Geschlechter ergeben hat, das Gleichheitsverständnis der 70er Jahre vollzog sich allerdings vornehmlich auf die gesellschaft­lichen Bereiche, nicht innerhalb der Familie. Während die Eigenständigkeit, ökonomische Un­abhängigkeit und Emanzipation der Frau betrachtet wurden, fand kein Wandel der Mutterschaft oder der Familie statt (ebd.: 83).

Seit Mitte der 70er Jahre verstärkten sich die beruflichen Möglichkeiten für Frauen (Nave-Herz 2013: 30). Nach der Frauenbewegung und dem reproduktionsmedizinischen Fortschritt verän­derte sich die Berufsstruktur, sodass das Interesse von Frauen an einer beruflichen Karriere stieg (Peuckert 2008: 26). Infolgedessen verkürzte sich die Dauer der genutzten fruchtbaren Jahre (verwirklichte Fertilität) zunehmend (ebd.: 101). Besonders beim Erstgeburtenalter der Frauen waren und sind auch heute noch bildungsspezifische Unterschiede erkennbar (ebd.). Trotz des Bewusstseins für Risikoschwangerschaften fand allerdings weiterhin die Verschie­bung der Mutterschaft auf Mitte 30 besonders bei berufsorientierten Frauen statt (ebd.: 130). Mit der steigenden weiblichen Erwerbstätigkeit wurde die Rolle des Ernährers immer mehr hinterfragt. Die berufliche Karriere von Mann und Frau erschwerte aufgrund räumlicher Diffe­renzierungen und weiteren neuen beruflichen Herausforderungen die familiäre Bindung und damit die Entscheidung für ein Kind. Längere Bildungs- und Ausbildungszeiten, der Anstieg befristeter Arbeitsverhältnisse und steigende Arbeitsbelastung sind vor allem für Karriere- und Führungspositionen kennzeichnend (Nave-Herz 2013: 31).

Mit der Bildungsexpansion der Frau ging die ökonomische Wohlstandssteigerung sowie ein allgemeiner gesellschaftlicher Wertewandel einher. Vor allem das Ergänzungstheorem der Ge­schlechter wurde hinterfragt. Die haushaltliche Arbeitsteilung galt für Paare als Konfliktpoten­zial (Nave-Herz 2013: 32). Nicht nur die Technisierung des Haushalts, sondern auch sozialpo­litische Maßnahmen und Gesetzesänderungen erleichterte für Frauen die Konzentration auf den Beruf (Krüger 2013: 81).17 Zusammenfassend ist festzustellen, dass bis zu den 70er Jahren Fa­milie als Institution galt, welche einerseits gesetzlich verankert und andererseits geschützt wurde (Schneider 2015: 26). Die Institution Familie beinhaltete bis dahin stabile aufeinander bezogene Positionen und Verhaltenserwartungen der Rolle. Die Phasen der Familie von Heirat, Geburt und Verwitwung erfolgten bis dahin sequentiell (ebd.). Ab den 70er Jahren galt Familie jedoch als subjektiv, dynamisch und optional. Sie hat sich von einer Institution zur Lebensform gewandelt.

Gleichwohl die weibliche Erwerbstätigkeit stieg, blieben die traditionelle innerhäusliche Ar­beitsteilung und die Selbstverständlichkeit des Mannes in der Karriere bestehen (Krüger 2013: 85). Auch wenn das Bundeserziehungsgeldgesetz von 1986 (BErZGG, vgl. §1) ein erster Schritt in die Honorierung des männlichen Erziehungsurlaubes war, blieb die Anzahl von daheim blei­benden Männern gering (Krüger 2013: 85). Erziehungsurlaub wurde von Männern laut Krüger lediglich in Anspruch genommen, wenn sie sich für ihre Arbeit bspw. nicht interessierten (ebd.). Im Gegensatz zur neuen Vaterrolle fand bis heute keine Debatte zur neuen Mutterrolle statt (ebd. 2013: 90). Letztendlich dominierten bis in die 90er Jahre traditionelle Rollenmuster (ebd.: 87), sodass diese von Becker-Schmidt als „harter Kern“ beschrieben werden (2002: 139).

In den 2000er Jahren rückte laut Krüger schließlich die Anerkennung der Reproduktion in den Vordergrund (2013: 88).18 Reproduktion wird seitdem nicht mehr als Autonomieverlust, son­dern als verantwortungsvoller Zwischenschritt verstanden. Gesetzesänderungen seit den 2000er Jahren können als Wende der kulturellen Liberalisierungen sowie familiärer Veränderungen und dem Abbau der Geschlechterdifferenzen gewertet werden (Krüger 2013: 94).19 Die Lösung für die Ungleichheit in der Familienarbeit war der Rückgriff auf Migrant*innen für die Haus­und Betreuungsarbeit. Auch hierfür wurde nicht der Vater gefordert, sondern es wurden Dritte eingesetzt. Heute noch wird Mutterschaft mit Opferbereitschaft und Selbstaufgabe assoziiert20 und der Beruf konkurriert zunehmend mit der Familie als „gleichberechtigter Generator“ (ebd.: 93). Die Arbeit gilt für Frauen als kreative Selbstverwirklichung und Selbstständigkeit (ebd.).

Von Frauen wird erwartet, dass sie Beruf und Familie vereinbaren können. Sie sollen einerseits ökonomisch selbstständig sein und dies andererseits mit ihrem Kinderwunsch vereinbaren (Peuckert 2008: 122). Der doppelte Lebensentwurf von weiblicher Erwerbstätigkeit und dem Mutterdasein wird auch als „doppelte Vergesellschaftung“ bezeichnet (Krüger 2013: 84). Prob­lematisch ist, dass die ökonomische Selbstständigkeit durch immer länger werdende Ausbil­dungszeiten und spätere Berufseinstiege erst ab der dritten Lebensdekade erreicht wird (Peu- ckert 2008: 123). Zudem bedeutet auch das Ende der Ausbildung keinen sicheren Berufsein­stieg (ebd.). Unterdessen befinden Frauen sich in der „Rushhour ihres Lebens“. Darunter ist zu verstehen, dass Frauen mit ihrem Berufseinstieg gleichzeitig mit ihrer sinkenden Fertilität kon­frontiert werden und ihre Lebensplanung dementsprechend gestalten müssen (ebd.: 125). Gleichzeitig wird diese Planbarkeit durch längere finanzielle Abhängigkeit vom Elternhaushalt sowie zunehmend geforderte Mobilität und Flexibilität erschwert (ebd.: 126). Infolgedessen hat es sich seit den 70er Jahren verstärkt, dass der der Kinderwunsch besonders bei akademisch ausgebildeten Frauen und Männern immer weiter aufgeschoben wird (ebd.: 130; Nave-Herz 2013: 32; Thiessen 2013: 178). Der Verzicht auf Kinder gilt als „[...] ökonomisch und sozial rationale Reaktion der Individuen auf strukturelle Entwicklungen" (Peuckert 2008: 127). Laut Krüger kann Kinderlosigkeit sogar als Konfliktlösungsstrategie gewertet werden (2013: 84). Die Reproduktionsentscheidung basiert letztendlich auf einem Kosten-Nutzen-Kalkül (Schnei­der 2015: 30). Auch Peuckert zufolge ist die Kinderlosigkeit bei hochqualifizierten Frauen am höchsten, da sie bei einem beruflichen Wiedereinstieg mit hohen Einkommensverlusten rech­nen müssten (2008: 130). Neben den bisher dargelegten Faktoren sind Frauen und Männer zu­sätzlich mit einer gewissen ökonomischen Instabilität konfrontiert. Durch die Marktinstabilität steigen die Lücken zwischen Kosten und Einkommen, sodass zwei Verdiener in einer Familie notwendig sind. Auch Goold und Savulescu weisen darauf hin, dass die steigenden Lebenser­haltungskosten mitunter für die Zunahme der späten Mutterschaft verantwortlich sind (2008: 33). Aus diesem Grund bleibt weiterhin die traditionelle Arbeitsteilung von Mann und Frau modern (Honeymoon-Hypothese; Peuckert 2008: 143; Koppetsch 2013: 360), auch wenn sich die Rolle der Frau nicht mehr nur auf den innerhäuslichen Bereich beschränkt (Nave-Herz 2013: 32). Zudem wird die Bindung des Kindes an die Mutter in der frühkindlichen Phase heute als sehr wichtig gesehen, sodass Burkart sogar eine abnehmende Toleranz gegenüber erwerb­stätigen Müttern prognostizierte (2007: 403). Weibliche Selbstbestimmung und Autonomie ha­ben an Attraktivität verloren, während Sicherheit und Gemeinschaft wieder in den Vordergrund rücken (Koppetsch 2013: 363; Hurrlemann & Albert 2006; Albert, Hurrlemann & Quenzel 2010). Während das Berufsleben unsicher ist, suchen gesellschaftliche Akteure die Stabilität im familiären Kreis, sodass klassische Rollenverteilung als Stabilität in Zeiten der Unsicherheit gedeutet werden kann (Koppetsch 2013: 365).

Die Familie ist Schnittstelle zwischen Gesellschaft und Individuum. Politisch betrachtet erfül­len Familien die Funktion der Sicherstellung und Förderung von Bevölkerung, des sozialen Zusammenhalts, des Humankapitals sowie der privaten Fürsorge, für die sie ökonomische Un­terstützung in Form von bspw. Kindergeld erhalten (Schneider 2015: 27; Thiessen 2013: 181). Demographisch problematisch ist jedoch das kontinuierliche Sinken der Fertilitätsrate. Kinder­losigkeit wird nicht mehr als Ausdruck von Freiheit und Selbstbestimmung, sondern als demo­graphisches und kulturelles Problem betrachtet (Burkart 2010: 123). Während Frauen bei der Geburt des ersten Kindes vor 9 Jahren im Durschnitt 28,7 Jahre alt waren, erhöhte sich das Durchschnittsalter bis zum Jahr 2016 auf 29,4 Jahre (EUROSTAT, Total Fertility Rate, 1960­2016).21 Zwar war die TFR mit 1,59 Kindern pro Frau seit 1973 im Jahr 2016 wieder auf dem Höchststand, allerdings reicht dies zum Bevölkerungserhalt nicht aus. Um die Bevölkerung ohne Zuwanderungen sicherzustellen, ist eine Fertilitätsrate von 2,1 Kindern pro Frau notwen­dig. Nach Peuckert werden „[...] heute [...] in Deutschland nur zwei Drittel der Kinder gebo­ren, die nötig sind, um den derzeitigen Umfang der Bevölkerung (ohne Zuwanderung) langfris­tig zu gewährleisten“ (2008: 22). Bevölkerungswissenschaftler sehen zudem die Reproduktion der Elite gefährdet (Burkart 2010: 123), was die Notwendigkeit von Lösungsmechanismen be­stärkt. Thiessen nimmt an, dass der Wandel der Geschlechterverhältnisse zur Problemlösung in das Zentrum der Familienpolitik geraten müsse (Thiessen 2013: 175). Auch wenn erwerbstätige Mütter zunehmend unterstützt werden, sei das „Leitbild der heterosexuellen Versorgerehe“ im­mer noch präsent (ebd.: 177). Die Rolle der Frau habe sich zwar geändert, die Familienpolitik allerdings nicht, sodass die Revolution der Geschlechter unvollständig sei (Esping-Andersen 2009 „incomplete revolution“). Ein aktueller politischer Schritt, welcher der Benachteiligung von Frauen vor, während und nach der Entbindung entgegenwirken soll, ist das am 23. Mai 2017 beschlossene Mutterschutzgesetzes (vgl. §1 MuschG).

Inwieweit Social Freezing dem demographischen Wandel entgegenwirken und zur steigenden Reproduktion der Elite führen kann (Bernstein & Wiesemann 2014: 283) und Vereinbarkeits­probleme löst, ist allerdings fraglich. Als politische Ziele sind die Erwerbstätigkeit von Frauen und die Erhöhung der Geburtenrate zu definieren. Social Freezing kann als Kongruenz der An­forderungen des Arbeitsmarktes und der Frauenrolle verstanden werden. Während dieses Ar­gument in den Medien oft negative Konnotationen aufweist, ist es hier als neutrale Formulie­rung zu verstehen.

4 Social Freezing

In diesem Kapitel wird sowohl die Entstehungsgeschichte als auch die internationale gesetzli­che Lage von Social Freezing dargelegt. Anschließend wird das medizinische Vorgehen der präventiven Entnahme von Eizellen erläutert, welches beim Medical- und Social Freezing gleich verläuft. Da diese soziologische Arbeit nicht den Anspruch hat, das Thema aus natur­wissenschaftlicher Sicht ganzheitlich darzustellen, werden das medizinischen Vorgehen, die biologischen Hintergründe sowie die Erfolgschancen und Risiken weniger komplex dargestellt. Im Anschluss werden die finanziellen Aspekte sowie wichtige Faktoren einerseits im Umgang mit Daten zu Behandlungszahlen und andererseits in der Verwendung von medizinischen Stu­dien erläutert.

4.1 Geschichte

Aufgrund der geringen Anzahl von Eizellen sowie dem Fertilitätsverlust gestaltete sich das Einfrieren von Eizellen im Gegensatz zu Sperma schwierig (Robertson 2014: 115). Im Laufe der Jahre wurden zahlreiche Fortschritte in der Kryokonservierung bzw. dem Einfrieren von Eizellen erzielt. Bereits in den 80er Jahren konnten künstlich befruchtete Eizellen und später sogar menschliche Embryonen eingefroren werden (Waldby 2014: 3). Im Laufe der Jahre haben sich zwei verschiedene Verfahren der Kryokonservierung von Eizellen etabliert (Nawroth 2015: 13). Chen gelang es im Jahr 1986, mittels des Slow Freezings, dem langsamen Einfrieren, kryokonservierte Eizellen künstlich zu befruchten, woraus eine erfolgreiche Schwangerschaft entstanden ist. Die Erfolgsraten der Kryokonservierung unbefruchteter Eizellen blieben aller­dings weiterhin gering. Unter anderem wurde beim Slow Freezing ein zu hoher Wassergehalt in den unbefruchteten Eizellen festgestellt (Bernstein & Wiesemann 2014: 283), weshalb haupt­sächlich befruchtete Eizellen und Embryonen kryokonserviert wurden. Das zweite Verfahren, die Vitrifikation oder auch Fast bzw. Flash Freezing genannt, wurde bereits im Jahr 1985 an einem Tiermodell mit Mäusen zur Kryokonservierung von Embryonen angewendet (Rall & Fahy 1985). In den darauffolgenden Jahren etablierte sich die Vitrifikation menschlicher Emb­ryonen. Die Kryokonservierung unbefruchteter Eizellen blieb jedoch lange ohne den gewünsch­ten Erfolg. Erst im Jahr 1999 wurde das erste Kind aus einer vitrifizierten, künstlich befruchte­ten Eizelle geboren (Kuleshova et al. 1999).22 Durch das schnelle Einfrieren wird verhindert, dass die Eizellen wie beim Slow Freezing durch intrazelluläre Eiskristallbildung geschädigt werden. Die Kryokonservierung erfolgt somit schneller als die Bildung von Eiskristallen. Durch die Vitrifikation konnte eine signifikante Steigerung der Überlebensrate auf 90 Prozent sowie eine 75 prozentige Fruchtbarkeitsrate der gefrorenen unbefruchteten Eizellen erzielt werden, sodass die Ergebnisse den Erfolgen der künstlichen Befruchtung In-Vitro (IVF) frischer Eizel­len ähneln (Nawroth 2017: 20; Stoop et al. 2011: 655; Shkedi-Rafid & Hashiloni-Dolev 2012: 154). Zudem konnten durch die Intrazytoplasmische Spermieninjektion (ICSI) - einer weiteren Methode zur künstlichen Befruchtung - gute Befruchtungsraten erreicht werden (Mertes 2013: 141). Im Jahr 1999 wurde das erste Kind mit dieser Methode geboren und trotz der technischen Weiterentwicklung wurde 2008 der experimentelle Status für die Vitrifikation ausgesprochen.23 Dieser Status hielt bis 2013 an, da die Geburtenrate mit gefrorenen Eizellen vorerst nicht so hoch gewesen war, wie die von frischen und gefrorenen Embryonen (Robertson 2014: 114).

Bevor 2013 der experimentelle Status enthoben wurde, entstand eine Debatte darüber, ob man die Methode für Frauen aus sozialen Gründen befürworten sollte. Doch bereits zu diesem Zeit­punkt stand fest, dass Egg Freezing auch in dieser Hinsicht zur Routine werden würde (Dondorp & de Wert 2009: 1779). Da keine Daten zu chromosomalen Aberrationen24, Fehlbil­dungen oder Entwicklungsdefiziten bekannt waren, haben die Amerikanische Gesellschaft für assistierte Reproduktionsmedizin (ASRM) und die Gesellschaft für assistierte reproduktive Technologie (SART) die Vitrifikation in den USA als sichere Methode erklärt (von Wolff, Germeyer & Nawroth 2015: 29). Bis heute gilt dieser Status jedoch nur für das Einfrieren von Eizellen aus medizinischen Gründen (McGinley 2016: 342; Harwood 2015: 60). Auch die Eu­ropäische Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Embryologie (ESHRE) hat keine Beden­ken, schlägt jedoch eine kritische Betrachtung vor (Robertson 2014: 133). Derzeit wird an einer Methode zur Verbesserung der Vitrifikation, der sogenannten GAVI-Methode, geforscht.25 Letztendlich ist das Einfrieren aus sozialen Gründen immer noch experimentell, da bisher keine Daten über die Effektivität, emotionale und ethische Risiken von Kindern und Frauen sowie über Kosten-Nutzen-Verhältnisse existieren (Robertson 2014: 132). Es ist nicht vorhersehbar, ob diese Daten bald vorliegen werden, da es ein relativ junges Forschungsfeld ist, bisher wenige Kinder durch Social Freezing geboren wurden und vorliegende Studien inkonsistent sind (ebd.: 133; siehe Kapitel 4.6). Zudem sind Langzeitstudien notwendig, um sichere Aussagen treffen zu können.

Trotz dessen sind im Jahr 2014 neue Debatten aufgekommen (McGinley 2016: 333), als öffent­lich wurde, dass Facebook und Apple ihren Mitarbeiterinnen 20.000 US-Dollar für Social Free­zing bezahlen (Browne 2018: 6; McGinley 2016: 332; Harwood 2015: 69). Bspw. sind Diskus­sionen darüber entstanden, inwieweit der Arbeitgeber in die reproduktiven Entscheidungen sei­ner Arbeitnehmerinnen eingreifen darf (u.a. Martinelli 2015: 388; McGinley 2016) und ob die Methode den Arbeitnehmerinnen wirklich mehr Kontrolle bietet. Die Argumente für und gegen Social Freezing in Unternehmen sollen an dieser Stelle jedoch nicht weiter diskutiert werden.

Im Alter von 91 Jahren prognostizierte Carl Djerassi, der Leiter des wissenschaftlichen Teams, welches im Jahr 1951 die orale Kontrazeption (Pille) entwickelt hat, kurz vor seinem Tod im Jahr 2015, dass Social Freezing 2050 weltweit zur Routine werden würde (Browne 2018: 1). Inzwischen ist Egg Freezing aus sozialen Gründen als eigener Sektor in der Unfruchtbarkeits­medizin (Browne 2014: 1) bzw. in der assistierten Reproduktionsmedizin (ART) anzusehen, der stetig weiterwächst. Sowohl die Anzahl der Kliniken, welche Social Freezing anbieten, als auch die der Frauen, die sich für Social Freezing entscheiden, steigen kontinuierlich an. Heute ist der Markt der ART eine kommerzielle Unternehmensbranche, die zu einem globalen Ferti­litätsmarkt gewachsen ist und deren Wert auf 30 Milliarden US-Dollar geschätzt wird (Browne 2018: 1; Global Market Insights 2016).

4.2 Gesetzliche Lage Deutschlands im internationalen Vergleich

Robertson bietet in seinem Beitrag „Egg freezing and egg banking: empowerment and aliena­tion in assisted reproduction“ (2014) einen Überblick über mögliche juristische Grenzen von (Social) Egg Freezing und analysiert, was in der Gesetzgebung zu beachten ist. Der Autor weist darauf hin: „A full regulatory regime is lacking for many aspects of ART and egg freezing is no exception“ (Robertson 2014: 135). Problematisch ist, dass NRTs bereits genutzt werden, bevor adäquate Untersuchungsergebnisse über Chancen und Risiken vorliegen (ebd.: 131).26 Es liegt derzeit in keinem Land eine spezifische Gesetzgebung zu Social Freezing vor (Wennberg et al. 2014: 2). Zudem mangelt es an Regelungen dazu, was bspw. mit verloren gegangenen und nicht verwendeten (un)befruchteten Eizellen passiert (ebd.: 126).27

[...]


1 Hervorhebung durch die Verfasserin.

2 Die Sicherheit von Verhütungsmitteln wird anhand des sogenannten Pearl-Indexes gemessen. Je niedriger dieser ist, desto sicherer ist die Methode. Wenden 1000 Frauen ein Jahr lang ein bestimmtes Verhütungsmittel an, würden bei einem Pearl-Index von 0,1 eine Frau schwanger werden. Die Mikropille ist mit einem Pearl-Index von 0,1 bis 0,9 bei korrekter Anwendung sehr sicher (Seifert 2018: 293). Bei unzuverlässiger Anwendung beträgt der Pearl­Index zwischen eins bis 12.

3 Eine Unterscheidung zwischen sozialen- und Karrieregründen wie bei Mohapatra wäre für diese Arbeit nicht zielführend, da die berufliche Situation samt der Aufstiegschancen in der ökonomischen Dimension eingebettet ist.

4 Meyes et al. (2017) analysieren anhand Foucaults Theorie zum Dispositiv die Verstrickung der kommerziellen Fertilitätszentren, die diskursive Nutzung der Hoffnung zur unternehmerischen Förderung der Methode sowie de­ren Effekte auf die gesundheitliche Versorgung. Besonders fokussiert werden Interessenskonflikte der behandeln­den Ärzte. Diese Untersuchung ist aufgrund der geringen Anzahl soziologischer Publikationen hier nennenswert, steht jedoch nicht in Bezug zur Forschungsfrage.

5 Siehe das Dokument „Literaturübersicht“ auf der CD.

6 Die demographischen Daten der Frauen wurden über eine medizinische Datenbank New Yorks erhoben. Zusätz­liche Informationen über die Motivationen konnten in Sitzungen der Patientinnen mit einem Psychologen abgeru­fen werden.

7 Das Alter stellt einen medizinischen und keinen sozialen Faktor dar (von Wolff, Germeyer & Nawroth 2015: 31).

8 Zusätzlich wurden Interviews mit Mitarbeiterinnen der Fertilitätskliniken geführt (Waldby 2014: 4), was jedoch nicht im Fokus dieser Arbeit liegt.

9 Teilweise hatten die Frauen zwischen 20 bis 30 Jahren einen Partner, der sich allerdings nicht mit dem Kinder­wunsch identifizieren konnte (Waldby 2014: 7).

10 Es müsste die gleiche Stichprobe sein, wobei dies von Baldwin selbst nicht geäußert wird.

11 Lediglich 3,1 Prozent antworteten „Ja“, 28,4 Prozent „Vielleicht“, 16,7 Prozent wussten es nicht und 51,8 Pro­zent antworteten mit „Nein“ (Stoop et al. 2011: 666). Die ersten beiden Gruppen wurden für die weitere Untersu­chung zusammengefasst.

12 Die Fragen stammen vom DELTA Institut für Sozial- und Ökologieforschung zur „Eruierung spezifischer Mi­lieus“ (Schick et al. 2017: 747).

13 Beinahe 70 Prozent der Studienteilnehmer*innen hatten einen Hochschulabschluss.

14 Laut Mohapatra übernehmen wenige Krankenkassen in den USA Fertilitätsmaßnahmen, die sich meistens je­doch nur wohlhabenden Frauen mit gutem Einkommen leisten können (2014: 400). Diese Fertilitätsmaßnahmen beinhalten bisher weder Medical Freezing noch Social Freezing. Schwierig ist hierbei die Unterscheidung zwi­schen Frauen, bei denen die Lebenssituation eine Schwangerschaft nicht erlaubt und denen, die sich erst ab einem Alter von 40 Jahren mit ihrem Kinderwunsch auseinandersetzen. Interessanterweise erhalten laut Mohapatra far­bige Frauen im Gegensatz zu weißen weniger ARTs, obwohl ähnliche bzw. bei farbigen Frauen sogar höhere Unfruchtbarkeitsraten vorliegen (ebd.: 401).

15 In bisherigen Publikationen wird wenig Bezug auf homosexuelle Personen oder Paare genommen. Harwood stellt die Schwierigkeit heraus, den Zugang zu ARTs auf Grundlage der sexuellen Orientierung oder dem materi­ellen Status zu rechtfertigen. Auch homosexuelle Paare können laut Harwood von der Methode profitieren: „For example, a gay male couple could procure a frozen donor egg and the service of a surrogate mother in order to complete IVF. A lesbian couple might freeze their eggs while searching for donor sperm” (2015: 62). Eine der Kliniken, die von Waldby interviewt wurde, bietet homosexuellen Frauen Social Freezing an. Es ist nur Frauen und nicht homosexuellen Männern möglich, eine genetische Beziehung miteinander einzugehen (2014: 10).

16 Familie wird hauptsächlich als heterosexuelle Paarbeziehung mit mindestens einem gemeinsamen Kind verstan­den (Thiessen 2013: 177).

17 Zu diesen Gesetzesaufhebungen- und Änderungen zählen im Zuge des Gleichberechtigungsgesetzes (1958) (GleichberG) und des ersten Gesetzes zur Reform des Ehe- und Familienrechts (1976; 1. EheRG) laut Krüger (2013: 76, 85) u.a. der sogenannte Gehorsamsparagraph (§1354 BGB a. F.), der bis zum 1958 aussagte, dass der Ehemann das Recht zur Wohnsitzbestimmung seiner Ehefrau hatte. Laut dem §1356 BGB a. F. zur Haushaltsfüh­rung und Erwerbstätigkeit, hatten Frauen von 1958 bis 1977 nur das Recht erwerbstätig zu sein, solange keine ehelichen Pflichten eingeschränkt wurden. Die alten Fassungen der Gesetze im BGB von 1896 sahen eine Vor­machtstellung des Mannes in der Familie vor.

18 Die Anerkennung der Reproduktion als gleichberechtigter Generator zur Erwerbstätigkeit wurde erstmals im ersten Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts (1. EheRG) im Jahr 1976 genannt.

19 Zu den Gesetzesänderungen bzw. neuen Gesetzen zählen in Anlehnung an Krüger (2013:95) im BGB, des Bun­deselterngeld- und Elternzeitgesetz (2007, BEEG), sowie das Gesetz von 2008 zur Änderung des Unterhaltsrechts (UÄndG, §1570).

20 Inzwischen findet eine Professionalisierung der Mutterschaft statt. Die Förderung des Kindes durch Baby­schwimmen, Musikunterricht usw. rückt in den Vordergrund, wodurch Mütter zunehmend unter Druck geraten, Beruf und Familie zu kombinieren (Krüger 2013: 91).

21 Das Durchschnittsalter der Frau bei der Kindesgeburt ist seit dem Jahr 2007 von 29,9 Jahre auf 30,9 Jahre angestiegen. Interessanterweise stieg die TFR für Deutschland seit 2010 bis 2016 um 2,02 Prozentpunkte an (EU­ROSTAT, Total Fertility Rate, 1960-2016).

22 McGinley zufolge basiert die Vitrifikation auf anderen Entwicklungshintergründen. Die italienische Regierung hat im Jahr 2004 aufgrund von religiösen Gründen sowie zu geringen Erfolgsraten der Kryokonservierung das Einfrieren menschlicher Embryonen verboten. Daraufhin experimentierten italienische Wissenschaftler als erste mit unbefruchteten Eizellen (2016: 339).

23 Siehe Practice Committee of ASRM & Practice Committee SART (2006).

24 Chromosomale Aberrationen sind zahlenmäßige oder strukturelle Veränderungen, die bspw. bei Eizellen auf­treten können.

25 Die von Genea Biomedx weiterentwickelte Methode des ultraschnellen Einfrierens dient der Optimierung re- produktiosmedizinischer Einfriertechnologien (UKSH Kiel, URL: https://www.uksh.de/Kinderwunsch_Kiel/Ak- tuelles/2018/Studie_+Neue+Methode+zur+Kryokonservierung+von+Eizellen-p-390.html, 24.06.2016).

26 Bspw. wurde die Methode des ICSI ohne Kontrollstudien eingeführt und auch IVF war anfangs innovativ und risikoreich (Robertson 2014: 131).

27 Vor allem die Frage, was mit befruchteten, nicht verwendeten Eizellen passiert, ist zu klären. Wird die Eizelle gegebenenfalls nicht gespendet, falls es nicht gesetzlich erlaubt ist oder es nicht im Willen der Kundin ist, würde sie wohl zerstört werden.

Ende der Leseprobe aus 121 Seiten

Details

Titel
Die Beeinflussung der Entscheidung für (Social) Egg Freezing durch die Lebenssituation
Untertitel
Eine explorative Untersuchung anhand qualitativer und quantitativer Daten von Akademikerinnen
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
121
Katalognummer
V540190
ISBN (eBook)
9783346156006
ISBN (Buch)
9783346156013
Sprache
Deutsch
Schlagworte
akademikerinnen, beeinflussung, daten, eine, entscheidung, freezing, lebenssituation, social, untersuchung
Arbeit zitieren
Maren Sievering (Autor), 2018, Die Beeinflussung der Entscheidung für (Social) Egg Freezing durch die Lebenssituation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540190

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