Staat und Krieg - Interne Organisation von Staaten bestimmt über Krieg und Frieden


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Krieg als Fortsetzung der Politik

3. Internationaler Konflikt und die innere Struktur von Staaten
3.1. Der Liberalismus
3.2. Der Marxismus

4. Die Bedeutung von Staatlichkeit
4.1. Die Entstehung des modernen Staates
4.2. Provoziert Staatlichkeit Krieg?
4.3. Kritische Auseinandersetzung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. EINLEITUNG

Es gibt viele Möglichkeiten, nach Antworten auf die Frage nach den Hauptursachen von Kriegen zu suchen. Kenneth N. Waltz unterscheidet drei Analyseebenen: 1. die Ebene des Individuums, 2. die Akteursebene und 3. die Ebene des internationalen Systems. Vertreter der Ebene des Individuums sehen Kriege als Resultat von Egoismus, fehlgesteuerten aggressiven Impulsen und Dummheit an. Die Akteursebene sieht in der internen Organisation von Staaten den Schlüssel zur Erklärung von Krieg und Frieden. Der Abhängigkeit der Politikführung aller Staaten untereinander wird von den Vertretern der Ebene des internationalen Systems besondere Beachtung geschenkt. Sie sehen die unmittelbare Kriegsursache in der anarchischen Struktur des internationalen Systems begründet. Gemeinsam mit den Vertretern der Akteursebene ist ihnen dabei, die Staaten als aktive Einheiten zu sehen.

Eine Betrachtung der einzelnen Ebenen erleichtert die Antwortfindung, allerdings muss ihre Wechselbeziehung zu den anderen Ebenen stets berücksichtigt werden. Wenn auch alle Geschehnisse in der Welt im Zusammenhang mit der menschlichen Natur zu sehen sind, muss man zu ihrer Erklärung andere Faktoren mit einbeziehen, da die Variationsbreite so enorm ist, dass die menschliche Natur unmöglich die einzige Determinante darstellen kann.

In dieser Arbeit lege ich meinen Schwerpunkt auf die Akteursebene, da mich interessiert, inwiefern der Staat als solcher auf die Frage nach Krieg oder Frieden wirkt. Jedoch muss auch hier das Umfeld der Staaten in die Überlegungen mit einbezogen werden, da es nicht nur von außen auf die einzelnen Staaten wirkt, sondern ihre Handlungen unmittelbar beeinflusst. Auf der Akteursebene wird in einer Reform der Staaten die Lösung gesehen, die Kriegswahrscheinlichkeit eindämmen oder gar völlig ausschließen zu können. Andere Gründe gelten als sekundär und müssen unter Berücksichtigung dieser primären Gründe interpretiert werden. Anhand des Liberalismus und des Marxismus möchte ich aufzeigen, welche Lösungsvorschläge Vertreter ganz unterschiedlicher Ansätze diesbezüglich anzubieten haben und inwieweit sich diese unterscheiden. Insgesamt gesehen ist die Kriegsursachenforschung auf der nationalstaatlichen Ebene bisher jedoch stark unterrepräsentiert. Untersuchungen von Ekkehart Krippendorff und Klaus Jürgen Gantzel bilden hierbei eine Ausnahme. Ihnen gemeinsam ist die Auffassung, eine staatliche Organisation von Gesellschaft eher als kriegstreibend denn als friedensstiftend anzusehen. Krippendorff sieht die Staatlichkeit an sich sogar als allgemeinste Quelle für Krieg. Ebenso wie der Liberalismus und der Marxismus begreifen auch sie den Krieg als einen politischen Akt und ein Instrument der Politik und lehnen sich somit an Carl Philipp Gottfried von Clausewitz` Definition vom Krieg an, weshalb ich im Folgenden darauf eingehen werde.

2. KRIEG ALS FORTSETZUNG DER POLITIK

Clausewitz` Werk „Vom Kriege“ ist, obwohl unvollendet, eine bisher unübertroffene philosophische Abhandlung über das Wesen des Krieges, die auf seinen intensiven Kriegserfahrungen im preußischen Heer sowie im russischen Dienst gegen Napoleon beruht.

Während bei Aristoteles die Finalrelation zwischen Krieg und Frieden noch den Kriterien von Recht und Gerechtigkeit unterlag, bestimmte Kriege somit philosophisch und / oder theologisch gerechtfertigt werden konnten, ist in den Konfessionskriegen der Frühen Neuzeit dieses theologisch-philosophische Denkmonopol gescheitert. Von nun an hatte jeder souveräne Staat, d. h. der Souverän jeden Staates, das moralisch wie rechtlich nicht diskriminierte ius ad bellum. Der Krieg galt als ultimo ratio, wenn sich die Konflikte nicht anders beilegen ließen. Nicht ein dem Staat übergeordnetes Recht, sondern die kalkulierte und kontrollierte Verfolgung staatlicher Interessen war nunmehr ausschlaggebend bei der Entscheidung über Krieg und Frieden.[1] Ganz in dieser Tradition stand Clausewitz, der im Krieg „ein[en] Akt der Gewalt [sah], um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“.[2]

Clausewitz und seine Anhänger setzten jene alte Tradition der Kriegsursachenanalyse fort, bei der es darum ging, herauszufinden, welches die wirksamste Methode sei, einen Sieg zu erreichen. Sein Ausgangspunkt war eindeutig militärisch geprägt. Sein Interesse an Politik entsprang der Überzeugung, dass nach Napoleon politische Ziele die Militärstrategie stärker beeinflussen würden als jemals zuvor. Wer also etwas von Politik verstand, hatte größere Chancen, einen Krieg zu gewinnen - die Überlegungen von Clausewitz führten deshalb vom Krieg zur Politik. Für ihn waren das Staatensystem und die Tatsache, dass Kriege zwischen Staaten auftreten, eine Gegebenheit. Ihn interessierte, in welcher Weise Staaten in ihrer Außenpolitik vom Krieg Gebrauch machten.[3]

Zwei Aspekte sind bei Clausewitz` Überlegungen zum Krieg bestimmend: die Theorie der doppelten Art des Krieges, sowie dessen instrumentelle Subsumtion unter die Politik. Eine Unterordnung des politischen Gesichtspunktes unter den militärischen sieht er als widersinnig an, da es die Politik sei, die den Krieg erzeuge. Clausewitz unterscheidet zwischen existentieller und instrumenteller Kriegsauffassung. Bei der existentiellen Kriegsdefinition wird der Krieg als Medium der Konstitution oder Transformation einer politischen Größe begriffen. Herfried Münkler zufolge beruhen diese beiden Kriegsauffassungen auf einem traditionellen und einem revolutionären Prinzip, wobei sich das traditionelle Prinzip auf die Legitimität der bestehenden Ordnung berufen kann, während das revolutionäre Prinzip durch seine Artikulation erst eine neue Legitimität begründen muss.

Da Legitimitäten - dynastische, nationale, sozialrevolutionäre - nichts der Geschichte Übergeordnetes darstellen, sondern sich dadurch formen, dass sie durch Personen artikuliert werden, sieht Münkler auch im Verhalten Clausewitz` den Versuch, eine solche Legitimität zu konstituieren. Der Kernpunkt der Unterscheidung zwischen instrumenteller und existentieller Kriegsauffassung liegt eben darin, dass erstere die legitime politische Ordnung nicht infrage stellt, wohingegen bei letzterer der Krieg erst die politische Größe konstituiert, durch deren antizipierende Existenz er sich legitimiert. Am sinnfälligsten ist dies der Fall in den nationalrevolutionären Befreiungsbewegungen, deren Strategie darin besteht, im Kampf erst die Nation zu konstituieren, für die der Krieg geführt wird. Die Tatsache, dass Krieg und Gewalt zeitweise selbst die Subjektrollen übernehmen, wird hierbei bewusst in Kauf genommen. Historisch betrachtet gibt es Übergangs- und Mischformen, doch deren idealtypische Extreme sind die instrumentelle und die existentielle Kriegsauffassung.[4]

So sieht denn auch Julian Lider in den beiden Formeln nicht zwei verschiedene Konzeptionen oder zwei verschiedene Generalisierungsebenen, sondern hält es durchaus für plausibel, sie als zwei komplementäre Formen des gleichen Gedankens zu interpretieren. Die Formel vom Krieg als einem politischen Phänomen kann ihm zufolge kaum als strenge Tatsachenbeschreibung gewertet werden, da keine der beiden für eine eindeutige Kategorisierung wirklicher Kriege unter dem Rubrum Politik geltenden Bedingungen – dass erstens der Kriegsausbruch das Resultat einer rationalen Entscheidung sein müsse, dieselben politischen Ziele zu verfolgen, die im Frieden mit gewaltlosen Mitteln verfolgt würden, und dass zweitens der gesamte Kriegsverlauf an politischen Zielen orientiert sein müsse - in der Praxis jemals umfassend erfüllt worden ist. Hinzu kommt, dass in dieser Formel nichts steht, was die Möglichkeit des unbegrenzten Krieges ausschließt, da die politischen Ziele, von denen der Krieg geleitet wird, selbst unbegrenzt sein könnten oder es im Verlauf des Krieges werden. Die existentielle Kriegsauffassung stellt demnach nicht bloß ein idealtypisches Extrem dar, sondern eine durchaus realistische Form des Krieges als Akt der Gewalt, in deren Anwendung es keine Grenzen gibt, und der somit über den Krieg als bloße Fortsetzung der Politik hinausgeht. So gesehen lassen sich die Formeln über den Krieg auf jede konkrete Kriegssituation anwenden. Das soziale Phänomen, das wir Krieg nennen, bleibt dabei in all seinen Ausprägungen eine Verbindung von bewaffneter Gewalt und politischer Aktivität und kann als Mittel zum Zweck betrachtet werden – auch wenn er sich in seinem Verlauf zu verselbständigen scheint.

Allerdings müssen die Clausewitzschen Ideen im Zusammenhang seiner Zeit gesehen werden und können deshalb nicht bedingungslos auf unsere heutige Situation übertragen werden. Die enorme Leistung von Clausewitz jedoch besteht in der Entwicklung eines theoretischen Rahmens zur Analyse des Krieges, dessen Formeln die Idee des Krieges auf einer so hohen Verallgemeinerungsebene reflektieren, dass sie auch heute noch nützlich und sinnvoll erscheinen. Da verschiedenste Theorien des Krieges - wie liberale und der marxistische – den von Clausewitz konzipierten analytischen Rahmen verwenden, kann man seine Formeln als analytische Instrumente benutzen, um mit ihrer Hilfe eben diese Theorien miteinander zu vergleichen und dabei wesentliche Gemeinsamkeiten und Differenzen der mit ihnen

verknüpften Interpretationen der soziopolitischen Realitäten aufzudecken.[5]

[...]


[1] Vgl. Münkler, Herfried, Gewalt und Ordnung. Das Bild des Krieges im politischen Denken,

Frankfurt 1992, S. 24 f.

[2] Clausewitz, Carl von, zit. in: ebd., S. 25

[3] Vgl. Lider, Julian, Der Krieg, Deutungen und Doktrinen in Ost und West, Frankfurt a. M. /

New York 1983, S. 268 f.

[4] Vgl. Münkler, Herfried, Gewalt und Ordnung. Das Bild des Krieges im politischen Denken,

Frankfurt 1992, S. 108 ff.

[5] Vgl. Lider, Julian, Der Krieg, Deutungen und Doktrinen in Ost und West, Frankfurt a. M. /

New York 1983, S. 323 ff.

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Details

Titel
Staat und Krieg - Interne Organisation von Staaten bestimmt über Krieg und Frieden
Hochschule
Universität zu Köln  (Seminar für politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Kriegsursachenforschung
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V54331
ISBN (eBook)
9783638495653
ISBN (Buch)
9783638676113
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Staat, Krieg, Interne, Organisation, Staaten, Frieden, Kriegsursachenforschung
Arbeit zitieren
Diplom-Regionalwissenschaftlerin Male Thienken (Autor), 2003, Staat und Krieg - Interne Organisation von Staaten bestimmt über Krieg und Frieden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54331

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