Schreibend mit dem Kopf durch die Wand - Die Publizisten Margret Boveri und Niklaus Meienberg


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung – Zwei Publizisten, zwei Generationen, zwei Welten

II. Schreiben als „Lebenselixier“
III. Eine Frage des Stils – von politisch-historisch bis persönlich-subjektiv
1. Niklaus Meienberg – der Sprachgewaltige
2. Margret Boveri – die Nüchtern-Lakonische

IV. „Patrioten“

V. Immer präsent: die Mutter

VI. „Freie“ aus Überzeugung

VII. Intellektuelles Selbstbewusstsein zwischen Mut und Selbstüberschätzung

VIII. Gedanken an den Tod

IX. Publizistik als Ausdrucksmittel eines unabhängigen Geistes – Fazit

X. Literatur

XI. Anhang

I. Einleitung – Zwei Publizisten, zwei Generationen, zwei Welten

Die „vielschreibende Grande Dame“[1] des deutschen Journalismus und das Schweizer „enfant terrible der Anklage“[2]. Eine leidenschaftliche Patriotin und ein linker Unruhestifter. Eine Publizistin, die im Dritten Reich der Karriere zuliebe Kompromisse einging, und ein zorniger Aufdecker schamhaft verschwiegener Verstrickungen der Eidgenossen in NS-Machenschaften. Margret Boveri, geboren 1900 in Würzburg, und Niklaus Meienberg, geboren 1940 in Sankt Gallen, repräsentieren zwei Generationen, zwei Weltsichten, zwei journalistische Stile, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten.

Und doch weisen ihre Biografien und Werke einige Parallelen auf, die es wert sind, näher betrachtet zu werden. Obwohl ihre Lebensläufe kaum vergleichbar sind, ist dies durchaus legitim – so lange sich die Betrachtungen nicht auf Banalitäten beschränken wie auf die Tatsachen, dass beide ein Geschichtsstudium absolvierten oder als Auslandskorrespondenten tätig waren. Die vorliegende Arbeit ist ein Versuch, anhand von ausgewählten Aspekten den Leben und Werken von Margret Boveri und Niklaus Meienberg näher zu kommen – und so aufzuzeigen, dass diese beiden Freigeister den Journalismus ihrer jeweiligen Zeit auf unnachahmliche Art und Weise geprägt haben.

Zu Wort kommen sollen die beiden Publizisten selbst, durch Extrakte ihrer journalistischen Werke sowie Zitate aus Interviews und Memoiren, sowie einige Wegbegleiter und Zeitzeugen. Einen Rahmen sollen Auszüge aus Biographien bieten. Die Vielgestaltigkeit des verwendeten Materials bringt mit sich, dass bei der vorliegenden Arbeit historisch-kritische, literaturkritische und andere Herangehensweisen miteinander verbunden werden.

II. Schreiben als „Lebenselixier“

Es lässt sich wohl bedenkenlos sagen, dass sowohl Margret Boveri als auch Niklaus Meienberg das waren, was man für gewöhnlich als „Journalisten aus Leidenschaft“ bezeichnet. Das Schreiben gehörte für sie zum Leben dazu; sie fühlten sich nur lebendig, wenn sie ihre Gedanken und Beobachtungen zu Papier bringen konnten. Das vielleicht aussagekräftigste Indiz hierfür ist Margret Boveris Chronik der letzten Kriegswochen im umkämpften Berlin Anfang 1945. Die Medienlandschaft der Nationalsozialisten, in der Boveri zuletzt als freie Autorin für Goebbels’ Renommier-Wochenblatt Das Reich geschrieben hatte, lag längst darnieder. An die Beschaffung zuverlässiger Informationen war nicht mehr zu denken. Trotzdem schien es Boveri ein Anliegen gewesen zu sein, journalistisch tätig zu bleiben („Ich möchte schreiben u. schreiben. Bin eben eine unverbesserliche Journalistin…“[3] ), indem sie ihren harten Kriegsalltag wie auch die Informationen, die sie durch Gespräche noch sammeln konnte, in Briefen festhielt – in erster Linie für ihre alte Freundin Gert Reiss in Zürich, aber auch in Gedanken an die Nachwelt. Liest man Boveris Schilderungen, so wird schnell deutlich, dass sie über eine ungewöhnliche Auffassungsgabe verfügte, die wohl der Tatsache zu verdanken ist, dass sie mit neugierig offenen Augen durchs Leben zu gehen pflegte. Dies tat sie auch auf ihren zahlreichen Reisen, die sie in Reiseberichten und -reportagen dokumentierte. Von ihrem Malta-Aufenthalt 1936 im Rahmen einer Mittelmeerfahrt im Auftrag des Berliner Tageblatts und des Atlantis -Verlags stammt folgende Beobachtung:

Unvergesslich ein Abend in La Valetta. Gegen 7 Uhr strömen die vielen Menschen von den Cafés und von den umliegenden Straßen auf den Platz vor dem Gouverneurspalast. […] Die Männer sind in südlich-weißen Anzügen, schwarz oder dunkel die meisten Frauen, bunt die Mädchen. Khaki-Polizisten stehen diskret verteilt im Schatten der parkenden Autos. Punkt 7 tönen vibrierende nordische Glockentöne: ,Big Ben’ schlägt in London 6 Uhr westeuropäischer Zeit. Es folgen ,Empire-News’ auf englisch: […] Die blonden Haare und blauen Augen des prinzlichen Babys begegnen Lächeln und Freude – das sind die wahren, überall wirkenden Empire-Bande. Bei den letzten Nachrichten entleert sich der Platz, höchstens die Hälfte der Menschen ist noch da, als die Nationalhymne anhebt.[4]

Auch bei Meienberg war stets „sehr viel Neugierde dabei, sehr viel Lust am Aufspüren von Widersprüchen“[5], wenn er auf Themensuche ging. Dabei stieß ihn diese natürliche Neugierde ganz von allein auf Geschichten, so dass er „keinen Anlass brauch[t]e, um über etwas zu schreiben“.[6] Er beobachtete und schrieb, ob es ein Arbeiterstreik in der Bretagne war oder das bunte Treiben in seinem Pariser Wohnviertel. Widmete er sich jedoch umfassenderen Themen, so recherchierte Meinberg mit allseits beachteter Akribie, wie für seine kritisch-halbfiktionale Abrechnung mit der deutschfreundlichen Schweizer Adelsfamilie Wille, „Die Welt als Wille und Wahn“. Diese Genauigkeit war wohl auch seiner wissenschaftlichen Ausbildung als Historiker zu verdanken.

Wie anscheinend in allem, was er tat, war Meienberg auch in seiner Beziehung zum Schreiben extrem. Als er wegen der Vorbereitungen auf die Abschlussprüfung keine Zeit dafür hat, lässt ihn dies fast zerbrechen. Nach einem Selbstmordversuch schreibt er seinen Eltern als Grund für den vermeintlichen Schwächeanfall: „Dieser Zwischenfall […] ist wahrscheinlich meiner Isolation und einer gewissen Überarbeitung zuzuschreiben – ich war ganz aus meiner gewohnten Aktivität herausgerissen und konnte vor allem nicht mehr schreiben, was ich als Lebenselement brauche.“[7] Auf der anderen Seite hat er selbst einmal betont, „wie hart die schriftstellerische Arbeit sei[…]. Bei den Recherchen sei er sich zeitweise wie in einer Isolationshaft vorgekommen.“[8] Wie bei so vielen Schriftstellerkollegen bereitete ihm der Schreibprozess keine Freude; ganz im Gegenteil: Stets quälte er sich beim Verfassen neuer Artikel und erlaubte sich keinerlei anderweitige Beschäftigung, ehe nicht der Text vollendet war.

III. Eine Frage des Stils – von politisch-historisch bis persönlich-subjektiv

Beide haben sie, wie schon erwähnt, ein Geschichtsstudium abgeschlossen, beide mit besonderem Fokus auf Zeitgeschichte und Außenpolitik, was sich auch immer wieder in ihren Artikeln niederschlug. Oft nahmen sie den Blickwinkel eines Historikers ein, betteten Tagespolitisches ein in einen geschichtlichen Kontext, ohne dabei den eigenen Standpunkt außen vor zu lassen. So schrieb der „konservative Junghistoriker“ Meienberg, der sich zum „engagierten Linken“[9] gemausert hatte, der „Journalist, der sich dem Proletariat nahe fühlt[e]“[10], über die französischen Linken nach den Mai-Unruhen: „Wäre das Volk 1789 so hasenherzig gewesen wie 1970, hätte es heute nicht einmal die Möglichkeit, einen unpolitischen 14 juillet zu feiern.“[11]

Die Stärken einer solchen Herangehensweise entdeckte schon in den Dreißigerjahren Boveris Chefredakteur beim Berliner Tageblatt, Paul Scheffer: [L]auter Boveris“, schwärmte er nach der Veröffentlichung ihres Malta-Artikels im BT, „und wir könnten eine unwiderstehliche Zeitung machen“[12]. Von ihrer angeborenen Neugierde in die Welt hinaus gedrängt, auf Reisen geschickt, spickte Boveri nicht nur ihre Reisereportagen, sondern auch ihre sonstigen Texte mit klugen Hintergrundbeobachtungen.

Verständnis zwischen den Völkern entsteht nicht dadurch, dass der eine die Sprache des anderen lernt, seine Bücher liest[…]. Verständnis kann erst dann entstehen, wenn das von Grund auf Andersartige am Gegenüber erkannt und in seinen Wurzeln begriffen wird; und wenn auf dieses Erkennen der Entschluss folgt, den anderen nicht nach unserem Maßstab zu messen, sondern nach seinem eigenen.[13]

Möglich wurde ihr dies durch ein schier unerschöpfliches persönliches Archiv aus Zeitungsartikeln und sonstigen Dokumenten, die sie bereits als Studentin begonnen hatte zu sammeln. Diese Arbeitsgrundlage erlaubte es ihr, „in kürzester Zeit Hintergrundberichte anzufertigen oder hieb- und stichfeste Auskünfte zu erteilen“[14].

1. Niklaus Meienberg – der Sprachgewaltige

Berühmt (und berüchtigt) wurde Niklaus Meienberg für seine kraftvolle Sprache. Diese changierte oft zwischen feiner Ironie und derber Polemik. Sarkasmus spricht beispielsweise aus jeder Zeile, wenn er 1970 im Angesicht des harten Durchgreifens des französischen Staates gegen die linke Résistance schreibt:

Für Georges Pompidou gibt es keine Probleme[…]. Seine Pressekonferenzen sind angeblich demokratisch, jeder kommt zu Wort, und der Herr Präsident antwortet sozusagen spontan. Nur gibt er leider überhaupt keine Antwort, wenn ihm die Frage nicht passt, und demoliert überdies den Fragesteller. […] Rührend: er kümmert sich um jedes Detail persönlich, zum Beispiel um Presse- und Fernsehfreiheit. ,Die Fernseh-Journalisten sind Journalisten ganz besonderer Art. Sie müssen immer dran denken, dass sie mit jeder Sendung die Nation repräsentieren, und nicht nur sich selbst.’ LIBERTÉ. Liberté de la Télévision.[15]

Ebenso sträubte er sich gegen den seiner Meinung nach heuchlerischen, allgegenwärtigen Konsens in seinem Heimatland. Dementsprechend nahm er sich zwar „die Mühe, jedes neue Objekt seiner Neugier aufzusuchen, anzusehen, anzuhören. Allerdings verzichtete er darauf, Objektivität zu heucheln, wo es Objektivität nicht gibt. […] Er schrieb für den Tag, und es gelang ihm trotzdem, die Aktualität dessen, worüber er berichtete, über den Anlass hinaus zu bewahren.“[16] Ein Beispiel hierfür ist die Reportage „Aufenthalt in St. Gallen (670 m ü. M.). Eine Reportage aus der Kindheit“; seinerzeit von der Weltwoche verschmäht[17] – sei es wegen Banalität oder ob der eingeflochtenen „Obszönitäten“ – und heute ein Klassiker der Schweizer Prosaliteratur. „Für mich ist Meienberg vor allem ein großer Prosaautor. Wo diese Prosa schließlich erschienen ist, das ist gleichgültig. Das ist ähnlich wie bei Heine. Heinrich Heine hat einen großen Teil seines Werks für Zeitungen geschrieben. Das gehört heute zur verbindlichen deutschen Prosa“,[18] schrieb der Germanist Peter von Matt anlässlich von Meienbergs letztem Buch, der Textesammlung „Zunder“.

[...]


[1] Lange, Ansgar: Journalistische Irrungen und Wirrungen. Margret Boveri war zwar rasend gescheit, doch es mangelte ihr an Weisheit, in: www.ne-na.de/A556D3/NENA/NENA_NEU.nsf/0/F8A97D867C23A940C1256FEE005FA990?OpenDocument, Zugriff am 27.01.2006.

[2] Camartin, Iso: „Tugend des Rebellierens. Zum Tod von Niklaus Meienberg“, in: www.meienberg.ch/file-admin/Meienberg/ _dokumente/_texte_zu_nm/Die_Tugend_des_Rebellierens__Neue_Z_rcher_Zeitung__27.09.1993.pdf,_Zugriff_am_30.12.05

[3] Boveri, Margret: Tage des Überlebens. Berlin 1945. Mit einem Vorwort von Egon Bahr, Berlin 2004, S. 51.

[4] Boveri, Margret: Vom Minarett zum Bohrturm. Eine politische Biographie Vorderasiens, Zürich 1938, S. 138f.

[5] Renoldner, Klemens: Hagenwil-les-deux-Eglises. Ein Gespräch mit Niklaus Meienberg, Zürich 2003, S. 8.

[6] Graf, Aline: Der andere Niklaus Meienberg, Zürich 1998, S. 121.

[7] Zit. bei Fehr, Marianne: Meienberg. Lebensgeschichte eines Schweizer Journalisten und Schriftstellers, Zürich 1999, S. 153.

[8] Graf 1998, a. a. O., S. 64.

[9] _Gull,_Thomas:_Der_Polemiker,_in:_www.meienberg.ch/fileadmin/Meienberg/_dokumente/_texte_zu_nm/Meienberg_Coopzeitung.pdf,_Zugriff am 30.12.2005.

[10] Hacker, Doja: Die Affäre der Einsamen, in: www.spiegel.de/spiegel/0,1518,druck-64100,00.html, Zugriff am 27.01.2006.

[11] Meienberg, Niklaus: Notizen zur Agitation von oben, in: Ders.: Das Schmettern des gallischen Hahns. Reportagen aus Frankreich, Darmstadt 1976, S. 81.

[12] Zit. bei Boveri, Margret: Wir lügen alle. Eine Hauptstadtzeitung unter Hitler, Olten 1965, S. 254.

[13] Boveri, Margret: Amerika-Fibel für erwachsene Deutsche. Ein Versuch Unverstandenes zu erklären, Freiburg 1948, S. 10.

[14] Dettelbacher, Werner: Frau Margret A. Boveri zum 100. Geburtstag am 14. August 2000. Eine Handreichung zur Ausstellung „Frau Boveri wusste zu viel“ in der Universitätsbibliothek Würzburg vom 5. bis 31. August 2000, Würzburg 2000, S. 7. Das Archiv half ihr auch bei der Nachbereitung ihrer Reiseaufzeichnungen, beispielsweise beim Verfassen ihres Buches „Vom Minarett zum Bohrturm“ über ihre zweite Orientreise 1937, das international bei Historikern auf positive Resonanz stieß und gar Vergleiche mit Fernand Braudel hervorrief, vgl. Breslau, Ralf: „Ich möchte schreiben und schreiben“. Margret Boveri – Eine deutsche Journalistin. Eine Ausstellung der Staatsbibliothek zu Berlin, Berlin 2002, S. 14f..

[15] Meienberg 1976, a. a. O., S. 78f..

[16] Hackl, Erich: Von der Angst, dass einem einer abhanden kommt, in: Renoldner 2003, a. a. O., S. 104f.

[17] Vgl. Fehr, a. a. O., S. 193.

[18] Zit. bei Meienberg, Niklaus: Zunder. Überfälle, Übergriffe, Überbleibsel, Zürich 1993, hintere Umschlagseite.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Schreibend mit dem Kopf durch die Wand - Die Publizisten Margret Boveri und Niklaus Meienberg
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V55627
ISBN (eBook)
9783638505253
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schreibend, Kopf, Wand, Publizisten, Margret, Boveri, Niklaus, Meienberg
Arbeit zitieren
Juliane Matthey (Autor), 2006, Schreibend mit dem Kopf durch die Wand - Die Publizisten Margret Boveri und Niklaus Meienberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55627

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