Das 'Cosmopolitan Modell of Democracy' von Held und deutsche Ansätze zu 'Global Governance' von Dirk Messner und Franz Nuscheler

Eine vergleichende Analyse zum Demokratiepotential internationaler Organisationen


Essay, 2004
10 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Die Globalisierung stellt heutzutage neue Herausforderungen an die Struktur des klassischen Nationalstaats und die demokratische Herrschaftsform. Staatliche Handlungsspielräume werden durch eine Vielzahl von sozialen Kreisen, Kommunikationsnetzwerken, Marktbeziehungen und Lebensweisen, die sich im Zuge der Globalisierung immer weiter miteinander verflechten und vertiefen, verändert.

„The argument put forward is, that the impersonal forces of the world markets, integrated over the postwar period more by private enterprise in finance, industry and trade than by the cooperative decisions of governments, are now more powerful, than the states, to whom ultimate political authority over society and economy is supposed to belong.“[1]

Um einen Legitimitätsverlust demokratischer Nationalstaaten zu verhindern, der sich zwangsläufig aus einer unkontrollierten Dynamik nicht transparenter weltwirtschaftlicher Prozesse ergibt, gilt es neue Formen der Machtausübung und Regulierung, d.h. neue Formen des Regierens zu finden, die demokratisch verfassten Herrschaftssystemen wieder Handlungs- und Steuerungskompetenzen in einer globalen Welt einräumen. Dieses Ziel verfolgte die von 1991 bis 1995 von den Vereinten Nationen eingesetzte Commission on Global Governance in einem Bericht, in dem sie Überlegungen zur Regierbarkeit der Welt im Hinblick auf globale Probleme (Umweltzerstörung, Armut, Migration, Ausbreitung des internationalen Terrorismus) anstellte und schließlich ein gleichnamiges Konzept entwarf.[2]

Im Rahmen dieses Essays werden die wechselseitigen Verbindungen zwischen wissenschaftlichen Ansätzen von Global Governance der jüngeren deutschen Forschung, wie sie von den Politikwissenschaftlern Dirk Messner[3] und Franz Nuscheler[4] vertreten werden und David Helds Cosmopolitan Model of Democracy[5] aufgezeigt, das hier exemplarisch für die amerikanische Forschung steht. In diesem Kontext stellt sich die zentrale Frage, ob die bestehenden Strukturen des internationalen Systems zur nachhaltigen Implementierung von Demokratie geeignet sind bzw. inwiefern neue Ansätze der Durchsetzung demokratischer Strukturen auf globaler Ebene gefunden werden müssen. Vor diesem Hintergrund wird nachfolgend am Beispiel der Vereinten Nationen (UN) exemplarisch die Fähigkeit internationaler Organisationen zur wirksamen Verrechtlichung analysiert. Denn die Umsetzung rechtsstaatlicher Normen ist eng an die demokratische Regierungsform gekoppelt. In diesem Zusammenhang muss auch die Rolle der Nationalstaaten erläutert werden.

Die zentrale These, die Held in seinem Werk aufstellt, und die ich an dieser Stelle als leitendes Prinzip meiner Überlegungen aufgreifen möchte, lautet, dass Form und Struktur der internationalen Politik, Recht und Gesellschaft (re)demokratisiert werden müssen: „democracy has to become a transnational affair“[6]. Damit Demokratie ihrem Anspruch gesellschaftlicher Partizipation auch auf internationaler Ebene gerecht werden kann, gilt es „to show that democracy within a nation-state or region requires democracy within a network of interwoven international forces and relations“.[7] Helds Konzept der kosmopolitischen Demokratie, fordert grenzüberschreitende Entscheidungsprozesse innerhalb einer Mehrebenenstruktur hierarchisch voneinander abzugrenzen.

„But there is clearly a danger (...) that political authority and decision-making capacity will be ‘sucked’ upwards in any new cross-border democratic settlement (...). To avoid this, the principles governing appropriate levels of decision-making need to be clarified and kept firmly in view.“[8]

Durch die klare Trennung der Zuständigkeiten auf verschiedene Entscheidungsinstitutionen von der lokalen bis zur internationalen bzw. globalen Ebene (siehe S. 4), vor allem aber durch den Fokus auf Durchsetzung der Demokratie im internationalen System unterscheidet sich Held von Messner und Nuscheler. Deren Ansatz zu Global Governance konzentriert sich vor dem Hintergrund politikwissenschaftlicher Interdependenz-, Regime- und Netzwerktheorien in erster Linie auf die Rückgewinnung nationalstaatlicher Steuerung.[9] Angesichts globaler Probleme, die über den einzelnen Nationalstaat hinausreichen, entwickelt Global Governance ein Handlungsmodell, das auf dem Prinzip geteilter Souveränitäten zwischen Staaten und nicht-staatlichen[10] Akteuren beruht. Durch die Abgabe souveräner Entscheidungskompetenz an übergeordnete Institutionen (wie z.B. im Rahmen der EG), wo staatliche Handlungsräume zusammenfließen, sollen nationale Regierungen durchsetzungsfähiger werden. Dadurch grenzt sich Global Governance von der (Falsch)Interpretation eines Global Government ab. Die Politikwissenschaftler Messner und Nuscheler sprechen in diesem Zusammenhang von einer Global Governance, die „weder die hierarchische Steuerung der Weltgesellschaft (...), noch einfach die Summe der Aktivitäten von Nationalstaaten“[11] zum Ziel hat.

[...]


[1] Strange, Susan: The Retreat of the State. The Diffusion of Power in the World Economy. Cambridge UP, 1996. S. 4

[2] Vgl. www.souvereignity.net/p/gov/gganalysis.htm abgerufen am 20.09.04 Uhrzeit: 14.35

[3] Vgl. Messner, Dirk: Die Zukunft des Staates und der Politik. Möglichkeiten und Grenzen politischer Steuerung in der Weltgesellschaft. Bonn 1998

[4] Vgl. Nuscheler Franz (Hrsg.): Entwicklung und Frieden im 21. Jahrhundert. Zur Wirkungsgeschichte des Brand-Berichts. Bonn 2000

[5] Vgl. Held, David: Democracy. From City-states to a cosmopolitan order?. In: ders.: (Hrsg.): Prospects for Democracy. Polity Press, Cambridge 1993. S. 13-52.

[6] Ebd. S. 40

[7] Ebd. S. 27

[8] Held, David: Democracy and the Global Order. From the Modern State to Cosmopolitan Governance. Stanford UP, California, 1995. S. 235

[9] Vgl. Messner, Dirk/ Nuscheler, Franz: Global Governance. Herausforderungen an die deutsche Politik an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. In: Policy Paper der Stiftung Entwicklung und Frieden (SEF) (Hrsg.). Bonn 1996

[10] Unter diesen Begriff fallen Nichtregierungsorganisationen, Transnationale Unternehmen u.a. zivilgesellschaftliche Akteure.

[11] Messner, Dirk/ Nuscheler, Franz: a.a.O. S. 4

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Das 'Cosmopolitan Modell of Democracy' von Held und deutsche Ansätze zu 'Global Governance' von Dirk Messner und Franz Nuscheler
Untertitel
Eine vergleichende Analyse zum Demokratiepotential internationaler Organisationen
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: The Global Governance Structures and the Role of Democracy
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
10
Katalognummer
V58873
ISBN (eBook)
9783638529532
ISBN (Buch)
9783638806725
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vollständige Zitierung über Fußnoten, daher kein Literaturverzeichnis
Schlagworte
Cosmopolitan, Modell, Democracy, Held, Ansätze, Global, Governance, Dirk, Messner, Franz, Nuscheler, Hauptseminar, Structures, Role
Arbeit zitieren
Lucinde Boennecke (Autor), 2004, Das 'Cosmopolitan Modell of Democracy' von Held und deutsche Ansätze zu 'Global Governance' von Dirk Messner und Franz Nuscheler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58873

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