Das politische Ereignis als historische Geschichte: Aktuelle Auslandskorrespondentenberichte des Fernsehens in historiographischer Perspektive


Hausarbeit, 2003
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Politisches Ereignis und historische Geschichte
1.1 Der Begriff der Zeitgeschichte
1.2 Die Interpretation von Ereignissen nach dem Diktum der Kontinuität

2. Die Aufgabe der Auslandsberichterstattung
2.1 Die Rolle des Auslandskorrespondenten
2.2 Der Korrespondentenbericht als Präsentationsform

3. Das Zusammenspiel von Bild und Sprache in der Fernsehberichterstattung

4. Geschichtsschreibung am Beispiel Tschernobyl
4.1 Der Unfall
4.2 Schwerpunktvarianz der Berichterstattung im Zeitablauf
4.2.1 Die Berichte der Auslandskorrespondenten
4.3 Die Bedeutungszuweisung innerhalb der Berichte
4.3.1 Akteurs-Abschnitte
4.3.2 Deskriptionen
4.3.3 Historische Geschichten

5. Schlussbetrachtung

6. Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Politisches Ereignis und historische Geschichte

In ihrer Dissertationsschrift “Das politische Ereignis als historische Geschichte“[1] untersucht die studierte Germanistin und Historikerin Annette Verhein den Bezug aktueller Nachrichtensendungen zur Geschichte. Sie geht davon aus, dass innerhalb aktueller Tagesberichterstattung des Fernsehens ein Übergang von Politik in Geschichte stattfindet und stellt die These auf, dass „in der Verarbeitung tagespolitischen Geschehens... bereits eine erste Schicht von Geschichtsschreibung [entsteht]“.[2] Grundlage ihrer These bildet eine eigene Analyse der täglichen Nachrichtensendungen Tagesschau und Tagesthemen sowie des wöchentlichen Magazins Weltspiegel, der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt ARD. In einem Untersuchungszeitraum von 5 Wochen, vom 13.04.1986 bis 17.05.1986, wohnte Verhein den wöchentlichen Planungskonferenzen der Tagesthemen bei und analysierte jeweils die Hauptausgabe der Tagesschau mit 35 Sendungen, der Tagesthemen mit 18 Sendungen und des Weltspiegel mit 5 Sendungen. Innerhalb ihrer Untersuchung konzentriert sie sich konkret auf die Auslandsberichterstattung. Darunter fasst sie begrifflich alle Meldungen und Berichte, die „...aus dem Ausland [kommen], oder sich mit Ereignissen [befassen], die im Ausland [stattfinden]...“.[3] Um die Historizität von Nachrichten zu belegen wählt Verhein den Korrespondentenbericht aus, da dieser, als in sich geschlossener Beitrag des Auslandskorrespondenten, genügend Raum für die Interpretation von Ereignissen, unter Einbezug ihrer Entwicklung, bietet und damit die nötigen Voraussetzungen mitbringt Zeitgeschichte zu schreiben.

1.1. Der Begriff der Zeitgeschichte

In ihrem Buch definiert Verhein Zeitgeschichte mit den Worten des Historikers Eberhard Jäckel als „die Geschichte der Zeit dessen, der den Ausdruck benutzt.“[4] Indem sie unmittelbar an die Gegenwart heranreicht, wird Zeitgeschichte gleichermaßen durch die Gegenwart bestimmt. Dies wird deutlich durch den engen Bezug zwischen Zeitgeschichte und Aktualität als zentralem Nachrichtenfaktor. Beide zeichnen sich durch eine zeitlich große Nähe zum Geschehen aus, haben einen engen Bezug zu den beteiligten Akteuren sind prozessorientiert und ereignisgebunden und ihr Übergang zur Gegenwart ist fließend. Die Gegenwart unterscheidet sich von der Geschichte lediglich dadurch, dass ihr Geschehen noch nicht verarbeitet ist. Diese Aufgabe übernimmt unmittelbar die Zeitgeschichte.

1.2 Die Interpretation von Ereignissen nach dem Diktum der Kontinuität

Es ist nicht allein die bloße Vermittlung von Information, die das Zeitgeschehen bestimmt – der Beitrag zur Historiographie liegt vielmehr in der Deutungsleistung der Geschehnisse durch den Medienakteur. Durch die Verarbeitung von Geschehnissen zu Nachrichten, macht er das Geschehen zum Ereignis und damit rezipierbar für ein breites Publikum. Mit der Einbettung des Geschehens in seinen historischen Kontext wird dem Rezipient die Bedeutung eines Ereignisses für Gegenwart und Zukunft sowie die persönliche Betroffenheit klar und ein politischer Zusammenhang hergestellt. Die mangelnde zeitliche Distanz zum Ereignis, welche sich zwangsläufig aus den Bedingungen tagesaktueller Berichterstattung ergibt, erschwert indes häufig dessen Interpretation. Die Folgen des Geschehens sind noch offen, der Medienakteur kann die weitere Entwicklung nur vermuten und Annahmen abgeben. Dabei orientiert er sich an Deutungsmustern, denen der Gedanke der Kontinuität zugrunde liegt. Gemeint ist eine sinnstiftende Vernetzung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als konstituierendes Element des Interpretationsprozesses. Unter Einbezug des historischen Kontext werden Anfang und Ende einer Begebenheit bestimmt und das Ereignis wird aus dem Fluss der Geschehnisse abgegrenzt. Dieses Verfahren lässt schließlich eine folgerichtige, gegenwärtig geltende und für den zukünftigen Verlauf wahrscheinliche Interpretation des Ereignisses zu. Geschichte und Gegenwart werden miteinander verbunden durch einen Reflexionsprozess, der zwischen beiden Dimensionen einen (Interpretations-)Zusammenhang herstellt. Geschichte konstituiert sich folglich aus jenen Elementen aus Vergangenheit und Gegenwart, die als relevant angesehen, also als Ereignis begriffen werden. „Ein Geschehen ist nie von sich aus schon ein Ereignis.“[5] - Das Ereignis oder die Information bilden lediglich eine Teileinheit, „Scheibchen eines Ganzen, Schritte einer Entwicklung“[6], die durch den Medienakteur in einen Funktionszusammenhang gebracht werden. Diese Formulierung schließt eine Gleichzeitigkeit von Geschehen und Geschichte, bzw. von Ereignis und Bericht eindeutig aus.

2. Die Aufgabe der Auslandsberichterstattung

In der Auslandsberichterstattung spielt zusätzlich zum Aspekt der Kontinuität und der Orientierung an generellen Nachrichtenfaktoren bei der Interpretation von Geschehnissen die Person des Medienakteurs sowie die Gesellschaftskultur des jeweiligen Berichtslandes eine wichtige Rolle. So deutet der Medienakteur ein Ereignis zunächst auf der Basis seines persönlichen Vorwissens und bildet sich ein erstes Urteil, ehe er sich weitere Informationen durch Dritte verschafft. Schließlich orientiert sich die Deutung eines Ereignisses am gesellschaftlichen Konsens bzw. erfolgt gemäß dem allgemeinen, zugleich gesellschaftlich-spezifischen Geschichtsverständnis. Durch die Vermittlung von Informationen über weltweite Geschehnisse und deren Sinnzusammenhänge nimmt die Auslandsberichterstattung eine Orientierungsfunktion für den Rezipienten wahr. Anhand der Berichte konstruiert sich der heimische Zuschauer seine Vorstellung von der Realität im Ausland.

2.1 Die Rolle des Auslandskorrespondenten

In der Auslandsberichterstattung spielen Persönlichkeitsaspekte eine gesonderte Rolle. Der Berufszugang ist nicht formalisiert, sondern erfordert die unterschiedlichsten Kenntnisse und Fähigkeiten. Der Auslandskorrespondent muss sich in ein fremdes Land integrieren, zum Mitlebenden werden, die sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse verstehen lernen, um ein Gespür für das Land zu entwickeln: „Der Journalist ist in der Position eines ‘Sinn-Übersetzers’ zwischen den Kulturen.“[7] Schließlich gilt es dem heimischen Publikum eventuelle Unterschiede aufzuzeigen und Zusammenhänge zu erläutern und auf diese Weise zwischen Gast- und Heimatland zu vermitteln. Dafür ist es wichtig die nötige sachliche Distanz und Objektivität zum Berichtsland zu wahren. In der Theorie konstituiert sich Letztere durch eine ausgewogene Auswahl der Themen, ihrer wertungs- und emotionsneutralen sprachlichen Darstellung und einer inhaltlich generellen Orientierung an Fakten.[8] In der Praxis der Auslandsberichterstattung erweisen sich diese Regeln in ihrer Radikalität als nicht durchführbar. Das liegt zum einen in der Struktur des Korrespondentenberichts begründet, die darauf ausgelegt ist, Zusammenhänge herzustellen und den Verlauf von Ereignissen zu begründen. Zum anderen handelt es sich um eine personale Vermittlungsform, d.h. die Verständlichkeit des Korrespondentenberichts ist unmittelbar mit der Deutungsleistung des Korrespondenten selbst verbunden. Nach diesem Verständnis beschreibt Verhein Objektivität als eine aktive Handlung, „...etwas nicht an sich Vorhandenes, sondern etwas, das hergestellt werden muss.“[9] Der Korrespondentenbericht sei „geradezu prädestiniert“[10] dem Anspruch der Objektivität zu genügen, da er die bloße Faktizität einer Nachricht auflöst, indem er ihre Entstehung aufzeigt und sie in einen Sinnzusammenhang stellt. Dabei liegt die wohl größte Herausforderung für den Korrespondenten in der sinnvollen Verbindung der unterschiedlichen Perspektiven, die sich aus seiner geistigen und sozialen Verbundenheit mit dem Heimatland einerseits und der persönlichen Anwesenheit und Integration im Gastland andererseits ergeben. So kommt es bei der Interpretation von Ereignissen mitunter vor, dass der Korrespondent in Konflikt mit der Heimatredaktion gerät: „Manches was aus der Perspektive des Korrespondenten im Gastland nur von untergeordneter Bedeutung ist, hat aus der Perspektive der Heimatredaktion großes Gewicht (und führt deshalb zu zusätzlichen Aufträgen). Umgekehrt hat manches, was dem Korrespondenten im Gastland als wichtig erscheint in den Prioritäten der Heimatredaktion nur eine untergeordnete Bedeutung (und kann deshalb zur Ablehnung von Vorschlägen führen).“[11]

[...]


[1] Verhein, Annette: Das politische Ereignis als historische Geschichte. Aktuelle Auslandskorrespondentenberichte des Fernsehens in historiographischer Perspektive. Hamburg. Sprache in der Gesellschaft, Band 15. Frankfurt am Main 1990

[2] Ebd. S.8

[3] Ebd. S.93

[4] Jäckel, Eberhard: Begriff und Funktion der Zeitgeschichte. In: Jäckel, Eberhard/ Weymar, Ernst (Hrsg.): Die Funktion der Zeitgeschichte in unserer Zeit. Stuttgart, 1975. S. 162

[5] Verhein, Annette: a.a. O. S. 17

[6] Abend, Michael: Die Tagesschau. Zielvorstellungen und Produktionsbedingungen. In: Rundfunk und Fernsehen. Heft 2. O.O. , 1974. S. 169

[7] Hafez, Kai: Die politische Dimension der Auslandsberichterstattung. Band I. Hamburg, 2001. I. Auflage. S.167

[8] Vgl.: Heun, Manfred: die Subjektivität der öffentlich-rechtlichen Nachrichten. In: Strassner, Erich (Hrsg.): Nachrichten. Entwicklungen – Analysen – Erfahrungen. Sammelband Nachrichten. S. 66-82.

[9] Verhein, Annette: a.a.O. S. 44

[10] Ebd.

[11] Ebd. S. 53

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das politische Ereignis als historische Geschichte: Aktuelle Auslandskorrespondentenberichte des Fernsehens in historiographischer Perspektive
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Auslandsberichterstattung
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V58874
ISBN (eBook)
9783638529549
ISBN (Buch)
9783638806756
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ereignis, Geschichte, Aktuelle, Auslandskorrespondentenberichte, Fernsehens, Perspektive, Auslandsberichterstattung
Arbeit zitieren
Lucinde Boennecke (Autor), 2003, Das politische Ereignis als historische Geschichte: Aktuelle Auslandskorrespondentenberichte des Fernsehens in historiographischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58874

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